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Full text of "Geschichte der deutschen Rechtswissenschaft"

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HARVARD LAW LIBRARY 



FROM THE LIBRARY 



ALEXANDER LOEFFLER 



Rcceiveil Aptit ll, 1933 



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(Se^dfidfk 



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i)i||en|(l)aflett in Dttttfdjlanb. 

Jleucrc Seit. 

?lci^tjel)nter93Qnb. 

<ßefd?id?te 6er öeutfd^cn Ked^tsiDiffenfdiaft* 

3. ÜSflcirnttg, 1. Aaf66a«^ Sc^. 



AUF VERANLASSUNG 

UND MIT 

UNTERSTÜTZUNG 

SEINER MAJESTÄT 

DES KÖNIGS VON BAYERN 

MAXIMILIAN II 




IIERAUSGEGEREN 

DURCH DIE 

HISTORISCHE COMMTSSION 

BEI DER 

KÖNICL. AKADEMIE DER 

WISSENSCHAFTEN. 



Ütiind^eit mi etxpjx^ 1898. 

^ruc( unb SSerlac^ Don SR. Olbenbourg 



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peutf($cii '3lc(^f5tpifrcn|(:^aft. 



dritte 2(bt^eilung 



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Srflet ^albtanb, Xnt- 






grortfe^ung ju bct ©cfc^i^tc bcr S)eutfd§en SRcc^tSroiffciift^aft, erftc nnh jtocite 
S(b%ilung, Don m. ©tinfing. 



AUF VERANLASSUNG 

UND MIT 

UNTERSTÜTZUNG 

SEINER MAJESTÄT 

DES KÖNIGS TON BATERN 

MAXIMILIAN II. 




HERAUSGEGEBEN 

DURCH DIE 

HISTORISCHE COMMISSION 

BEI DER 

KÖNIG L. AKADEMIE DER 

WISSENSCHAFTEN. 



Ütiiitd^ett nn) feip^tg 1898. 

%x\\d unb Söcrtafl Don SR. Olbcnbourg. 



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Portoort. 

*3)ie @efcf)ic^tc ber S)eutfci^cn Äc^tStüiffenfc^aft t)on SRoberic^ 
\)on ©tin^ing, in jwei Säitben (Slbtl^cilungen), reid^t big jjum 3al^re 
1700. Unb auä) bieg nur untcf jmei beträd^tlid^en (Sinfd^ränfungcn. 
©inntat nämlid^ befolgt if)x SSerfaffer baö ^^Srinci^), bie ?lbfci^nttte 
nad^ ben ©tcrbeja^rcn ber Suriften ju bilben: er beiprid^t alfo nur 
bie Strbeiten folc^er SRed^tggeletirten, bie big 1700 geftorben finb; 
no^ fo ttjid^tige ©d^riftcn, roetd^e öor 1700 erfc^ienen finb, bereu 
>Berfaffer aber big in bag 18. Sal^r^unbert hinein gelebt ^aben, 
bleiben unerörtert. Unb fobann bleibt, plangemäJB, üottftänbig bon 
ber SarfteUung ouggefd^loffen bie gefammte naturred^tlid^e ^U 
lüidCelung; biefelbe follte fpäter nachgetragen werben *). 

3nbem bag Dorliegenbe Sßerf, alg britte Slbtl)eilung ber 
<Sefd^i^te ber 3)eutfd^en SRed^tgnjtffenfd^aft, ©tin^ing'g ©efc^idite 
fortfe^en foU, ^at eg ba^er onju^eben bei bem 9?aturrec^te unb bei 
benjenigen pofitiurec^tlid^en ©rfd^einungen beg 17. 3at)r^unbertg, 
bereu S^erfaffer erft nad^ 1700 geftorben finb. ©obann ^at eg bie 
folgenben Sa^r^unberte ju burc^meffen. — Der pnädjft Dorliegeube 



*) 55gl. mein 5Bot»ort ju bem üon mir, nac^ ©tinSing'd jä^em %obt, 
<iu8 bcffcn 9Jac6(afe ^eraudgegcbcnen jmcitert ©anbc biefcr ©efd^ic^tc. — 3rgenb 
iDelcfte weitere 8tü(fc ober aiid§ nur 9lot^cn au§ \>tvci ©tin^ing'fc^en 9?ac^Iaffe, 
bctrcffenb bcn $lan ober auc^ nur irgcnb »clc^c ©in^cl^eiten für bie f5ort= 
fcftung tiefer ®cfc^i(fttc, finb mir Iciber nicftt be!annt geioorben. Soweit folt^c 
beftanben §abcn moti^ten, toarcn fic, nac^ tcftamentarifcfter Seftimmunö, unbeuujt 
jju t)CTni(^tcn. 



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VI «Ottoort. 

i;>al66anb fü^rt bicfc Slufgobe biö ju Slnfang be^ 19. Solir^unbertiS^ 
burcf), boö Reifet: für bie cbilrec^ttic^en 2)in9e bi^ an bie ©eJ^ttjelle 
ber l)iftorifd^cn ©d|ule; für bie ftrafreel^tliel^en S^tnge big s^i Seginit 
ber fvefulatiö^pljilofop^ifd^en SRic^tuug; unb für bie ftaQtöred)tIi(^eii 
S)in9e b\& an ba^ (Snbc be^ alten ©eutfc^en 9ieiel^§. ®n »eiterer 
unb fester §alb6anb foD b\^ ju bem neuen SReid^e unb big s^^ ber 
burc^ beffen öJefe^gebung bebingten (Seftalt ber heutigen SReel^t*^^ 
njtffenfdjaft obfc^Iiefeenb vorbringen. 

©ie (^efrf|i(^te beö naturrei^tliel^en (Sinftuffeö tritt, ou^ ben oben 
angegebenen örünben, ftarf in ben SJorbergrunb biefeö erften öalb^^ 
banbeö. 5)erfelbe beginnt bei §ugo (Srotiu^, unb bricht in bem 
Slugenbticfe ab, wo jeuer (Sinflufe auf bie ^öc^fte ©tufe gelangt ift^ 
auf biejenige Stufe, jenfeitg bereu ber jäl)e Umfd^tüung unb 9(bfaU 
ßtüorfte^t. So fc^Iiefet fid^ gang Don felbft biefer ^albbanb ju^ 
fammen ju einer ®ef^id|te ber 2)eutjd|en SftecbtöwiffeU' 
fd^aft im ^^italter beö JKaturrei^t^. 



9lurf) bie 3lrt unb 9Beife ber 5)arftcttung anfangenb ^at biefe^ 
SScr! aU }^oxt]t^\mQ ju Stin^ing'^ „öef^id^te" ju erfc^einen,. 
luenigftensJ in ben ®runbjiügen. 3(l0 folc^e finb bcö^alb fjier^er 
übernommen äuftertic^ bie (Sint^eilung burc^ ^Beifügung üon 9?ummenv 
int)alt(ic^ ber 9Iufbau nac^ ber biograp^ifc^en SJ^etl^obe. 

5)ie biograp^ii'c^e 3Rett|obe ftellt bie &c\ä)iö)tt ber SBiffenfc^aft 
.^ufammen uic^t ou^ ber ®efd)ic^te ber einjefnen geteerten SBerfe in 
il)rer ftoff(id)en SSermanbtfdjaft, jonbern auj^ ber ©efd^ic^te ber eiu=^ 
jetuen (yelel)rten. @ic bietet ben 9Sort^eil (ebenbiger 3^ifd)e unb 
§Cn)d^aulid^feit. 2)ori) ^abe ic^ mir geftattet, babei bie äufeere öio= 
grapt)ie ftarf äurüdtreteu ju (äffen. 9Son bem ©djriftfteDer unb öou 
feinen )ämmttid)en SBerfen l^anbele ic^ ba, mo ftofflid^, in ber 
@efd|id)te ber SRec^t^miffenfc^aft, feine ^auptfä(^Ii(^ften 3Berfe mir 
binjugeljören fc^einen. 3u äufeerften gäUen, tt)o mehrere folc^er 
SBerfc au^ gauj uerfi^iebenen ©tofftreifen ober aug üerfd^iebenen 
(Spoc^en S3erüdfid)tigung oerlangen, bin ic^ fogar baju übergegangen, 
an oerfdjiebenen ©teilen nur je baö bort^in gehörige ©tüd aug ber 
2!^ätigfeit be§ 3Serfaffer^ ju befpred^eu. 3iamentlid^ aber ift jeber 
Surift in biejenige IJpod^c eingeftellt, in toeId)e feine miffenfc^aftlidien 
^^^auptleiftungen faUeu, aud) meuu er biefef ben lange überlebt t)abeu 



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»omort. VII 

ioUtc, unter ^rci^flabc bc^ entgegengefefttett, oben erumf)nten ^rincipi^ 
Dott ©ttn^ing. 

3n 3^fQ"^^^"^öttg mit ber f^tüäc^eren ©etonung besJ äußeren 
Sebendlaufe^ ber ©d^riftfteUer Würbe e^ möglii^, eine »efentlic^e 
Äü^^jung ju erjieten. 9?ur bie ^erDorragenbften Suriften erhalten 
eine eigentliche öiograp^ie; fonft tritt öiograp^ifc^e^ bloß auf, fo- 
weit ©efanntfcfiaft bamit ji^wi SSerftänbniffe ber tt)iffenfc^flftfi(f)en 
6nttt)icfetung ober be« wiffenfd^afttic^en ©influffesi einer 5ßerj&nlid|feit 
tüefentüd) gel^ört. 2tUe übrigen 35aten jur ScbeniBgefc^ic^te ber 9ierf)tj^ 
gclel)rten, ebenfo ba« gefammte bibtiograpfjifc^e ü)iaterial unb aUe 
(Sitate finb in einen ©onberbanb t)ertDiefen. X>iefer Seilogebanb, 
ber gleid^jeitig hiermit erf^eint, bringt aufeerbem fad^Uc^e Srgänjungeu 
i^um leytbanbe: fei eö genauere Slngaben über S)inge, bic ^ier nur 
geftreift werben burften; fei eö auel^ Äufjä^Iung fotc^er Suriften 
ober Schriften t)on geringerer ©ebeutung, bie ^ier gar nicftt genannt 
werben fonnten, immerhin aber wenigften^g bort eine Srwä^nung 
beanfpruc^n. 

SBer fic^ für berartige ©injel^eiten*) unb für bie Selege iuter* 
«ffirt, wirb fte in ben „Sioten unb Sjlurfen" ju biefer 2lb^ 
t^eilung ber ©efc^ic^te ber S)eutfc^en Sieci^tdWiffenfd^aft finben, 
ttSt^igenfaUö unter SSenu^ung be^ biefem ^^ejtbanbe beigegebenen 
Stegifterg, welc^ed jene mit umfaßt. Slnbere Sefer mögen jenen 3^1* 
fa|banb einfadi unbeachtet laffen. ©ie werben bann oieHeidjt biefer 
©d^eibung 35anf wiffen bafür, baß fie ungeftört bleiben oom 85aUaft 
ber ?[nmerfungett unb Don ben Untiefen einer bloßen (Selef)rten^ 
ober Sü^r*®efd^ic^te. 

S*onn, ^ittc Ottobcr 1897. 

6mfif ^anbeBerj. 



*) 3Ranc^e biefer (Sinjei^eiten üerbanfe ic^ t>t>n ben üerfcfite beulten ©eiten 
fteunbüAft mir gewährten ?(u«fünftcn. 3)cnienigen ^Jcrfoncn unb ©e^örben, 
welche mit folc^en mid^ p unterftü^en bie d^üte gehabt ^aben, ft^re^c i4 Mer 
mieber^olt meinen beften unb ercjebenften 5)Qnf au«. 



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Seite 
I. ^ugo @rotiud. 

1) $aS jus belli ac pacLs 1 

2) «lufnal^mc in S)eutfc^Ianb 6 

n. ^obbeS. Sumbctianb. @<)ino|tt 9 

m. Samuel $ufenbotf. 

1) ficbcn 11 

2) 9?aturtc(^t 12 

3) Äitt^cnrcc^t 17 

4) S)cntfc^cö ®taat8tc(^t 19 

IV. Sctbnif. 

1) 9?QtuTrc4t 23 

2) ¥ofttit)*3urifHf(^e» 24 

8) «ffgcmcinct (ginjTuft 28 

^meUes ^ayüeC. ^tetargaitgs-^ettaCfer von 1680 015 1710. 

I. gm allgemeinen. diüdbM. aRännet bet olten ©c^ule 32 

n. gjatutred^t 35 

m. ®taat«ret^t . ^ 39 

IV. Äircfienrec^t. 

1) ^toteftantiWc« 48 

2) ÄQt^oUfc^eS 53 

V. a^eutfd^c« Siecht. 3o^ann ©(giftet 54 

VI. (Samuel Strt)! 64 

Griffes ^apittt. ^(Itifliiiii ^l^omafins. 

L 2:§omariuÄ in Ztip^xQ 71 

IL ^^omapu» in ^aUe 78 

in. »eutt^dlung 107 



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I. ^cinri(6 Gocccji 112 

II. ${e ^aHifcfie ftaatdrec^tlic^'^iftorii^e @4u(e. 

1) öon ßubeiuifl 117 

2) m. .&. ®unbang 122 

3) 3. 3. ©c^mouB 125 

4) ^luÄgang. 3. 3. aRaÄcoö 12S 

III. ^ie 3enenfet ftaotörec^tUd^'IiteTöTQefd^i^tli^e Bemegung 130 

IV. 35te ^aflifc^c ni(6Htaat«rc(^tIi(^c ®*ulc 135 

1) ßuboöiri 135 

2) ®corg »ci)cr 137, 

3) ^itiu8 138 

4) dJct^arb, &IeiMcr, 3- ®. ©tt^l, Äejtncr 141 

5) Ärc6 142 

6) 3. 6. ©ö^mer 14*-) 

^Attftes itayUer« pie ^ralUiler unk hU ttt%anU ^tttisytitbeti}. 

1. 3)ic ^raftifev. 

1) «Qnfcr 150 

2) Äurfftc^fifd^e 3ur!ften 153 

3) (B. m. «ubolf 158 

4) 5)tc ^at^tcc^t 160 

5) ftat^oUfd^e Uniöcrfitäten : Ciüilrccftt 162 

6) ftatt|oIif(^c Unbcrptäten: Jhtc^cnrec^t 162 

n. 3)tc elegante 3utt8<)rubenä 163 

1) 3)ie ^oHünber iinb i^re beutft^en Spätreiferer 164 

2) (ginjelne elegante 2)eutf(ftc 166 

3) ^er beginn einet beutfd^en eleganten ©t^ule 171 

I. .'peinccciu*. 

1) ßeben 171> 

2) ©(^riftcn 182 

3) SKürbigung 192 

IL «Bolf. 

1) ^ofitiöcÄ SJec^t 19« 

2) «Raturrcc^t 201 

III. fiei)fer. 

1) «eben 206 

2) ©(^riften 208 

IV. ®cfc|gebung 214 

1) ©omuel Don CSocceji 215 

2) arriebric^ II 221 

8) ffreittmaijr 222 



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I. 3)ie romontftifcftselcgontc. 

1) 3n rein ^oUänMMcr SBcifc 22« 

2) 3n «crbinbung mit 5)eutf(^cin «Rcc^t 233 

U. 3)ic QcrmaniftiWc 24a 

1) ©njclnc . 240 

2) gran!futt am ma\n 245 

3) ©onnotjcr 250 

4) 3n weiteren Greifen, namcnHd^ an ber Oftjec 264 

I. ^ie ^olfifc^e Schule. 

1) erftc «n^änget 272^ 

2) OJegner 283 

3) Daniel 9?ettelblabt 28H 

n. »ctcinielte 290 

1) eanieraliften 299 

2) jhiminaliftcn 301 

3) Äanonift 307 

4) eiDiliften 308 

"fßitMäts gUtpHit. 9tofet ttttb Tfitttt. 

I. 3- 3. ^o]tx, 

1) fieben 315 

2) ^Sürbiflung 320 

3) ©in^elne Schriften 329 

n. Mütter. 

1) fieben 331 

2) ©(Triften 33a 

3) 2Bürbigung 346- 

III. grgänjung ju ^:pütter 354 

1) «t^enwaü 354 

2) t)on (Seld^ote 354 

3) öofader 358 

Sorbemcrfung 363 

I. Äat^olifd^e» Äirc^entec^t 364 

1) JJcbronianiSmua 365 

2) Sofert^nlömu^ 379 

n. ©traftcc^t. 

1) f>ominel 386 

2) ©onnenfefö. ßau^fer. SWit^aeli» 400 



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XII anmalt. 

Seite 

3) eia<)rot^ unb Quiftotp 407 

4) 3)tc öod^flut^ 411 

5) 3RaIbIanc unb ®. ®. öö^mcr 417 

III. ©taatdred^t. 

1) 5. a. öon aWofcr 423 

2) ^äbcrlin unb ©onftige 428 

Elftes S^apHtt. pie ^ntf^0ft bts ^tointte^fs. 

^orbcmcrtung 435 

I. gcbcr unb ba8 gjaturredftt fehter (g|)0(^e 435 

n. 3)a« etöilrcc^t ' 437 

1) ©*ulc gjcttclblabt'8 438 

2) «nberc ©iötliftcn 442 

m. «nbcrc gädftcr. 

1) 5)cutf(^c« ^rioatrcc^t 451 

2) eiöilprojcfe 453 

3) @taat8=, Se^n= unb mrd^cntedftt 454 

4) ©ttafrcc^t 461 

IV. 3)tc prcuftifc^c ©efc^gcbung 465 

V. gf^cbcnftrömungcn 476 

1) ditin elegante Suriften 476 

2) $rattij(^-elegantc 3uriftcn 477 

3) fiitcrärgefc^ic^tlic^e» 481 

SSorbemerfung 486 

L ®. gf. HÄartcn« 487 

II. S3orläufcr bcr ^iftorifc^cn ©c^ulc. 

1) 3uftuS aWöfer 496 

2) «Reitemeier 498 

3) e^r. ®. »iener 501 

in. I^ant unb bie Kantianer. 

1) ffant felbft 503 

2) 3)ic crftcn Äantiancr 511 

IV. 3)fe öfterreic^ifd^e öefc^gebung 519 

"^amente^ifiet 529 

^eriei^ttiH ber ^tttl^imtt 552 



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(ßrunölegung bes Hatur^ un6 Pölferred?ts. 

I. ^ugo ^rotiud. 1) $ad jus belli ac pacis. 2) ^ufna^me in ^eutf^Ianb. — 

II. ^obbeÄ. dutnbcrlanb. @|)tnofa. — m. (Samuel $ufcnbotf. 1) fiebcn, 
2) iRaturrcd^t. 3) IHrc^cnrcc^t. 4) 3)eutf(^e« @taat«rcc^t. — IV. Scibnffe. 

1) ^atvintd^t 2) ^oRtiö-Sutiftifc^c«. 3) ^IflgcTneincr dinflufe. 

I. 1) Sm 3a^te 1625 erfc^ien bad 3BerI beö JpoüänbcrS |)U90 
(^rottusf: De jure belli ac pacis libri tres. SSon biefem ©ud^e 
ge^t Qud eine neue SRic^tmtg ber SRec^tötoiffenfci^aft: ba^ SWaturred^t 
Derläfet bie obftrQften SRegtonen ; e^ mirb juriftifc^, erjeugt ein 9Sötfer* 
rec^t, burcf|bringt ba^ po)'ittt)e SRed^t unb erobert bie §err)d|aft über 
bie ganje Sted^t^auffaffung. 

9?ur in biefem ©inne, nid^t fc^Ieditoeg ift ®rotiuö „ber Später 
be« üWaturrec^tö". ©pefutatiüe Se^anbtung ber 9ted^t^ibee rourbe 
Don ber ^^ilofop^ie ftetö ju ifiren §lufgaben gerecfinet; unb bamit 
t)attc bie Sc^olaftif ben t^eologifd^en ©tanbpunft in folc^er SBeife 
\)erbunben, bafe fie ju umfoffenben ©tjftemen gelangt mar; bie ®r= 
gebniffe berjelben tourben oon Stoiliften unb (Sanoniften fortlaufenb 
ate gegebene Eingenommen, afö felbftoerftänblidi üerbinblic^e betrad^tet 
unb benugt. ©runblage ift baö ber göttlichen ,^ei(igteit entfpringenbe, 
t)or unb unabhängig oon bem gottlid^en SBitlen befte^enbe, unmanbel* 
bare 9iaturge]'e^, baö jus naturae primarium; auf bie ftaatlidjen 
Äu{turt)ert)ältniffe unb auf bie Sebens^formen einer jeben 3^^* ^^^' 
getoenbet, ujirb e^ jum jus naturae secundarium ; ate ©rgänjung 
tritt l^inju bad üon ®ott ben 9Kenfcf(en au^brüdtid^ gefegte jus 
divinum, beffen mir bebürfen megen ber burc^ ben ©ünbenfall 

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2 @rftc8 Stapittl 

Derbunfelten ^äl)tgfeit, baö SRaturrcd^t immittefbar ju erfennen; aU 
|)auptleuc^te in biefem Sunfel bienen bie jet|n ®ebote. 3)iefc 
ßel)ren ^otte üon ber fpäteren ©c^olaftif 3KeIan(f)t]^on überfommeu ; 
fie njaren t)on biefem fortgebilbet morben; an if|n fdiliefeen fid), tu 
auffteigenber 2inie, Dfbenborp, ^emnüng, 9llt^au^, aSincfer;. be^ 
Sefeteren Principia juris üon 1615 rcid)en jcitlid^ faft unmittelbar 
an ©rotiu^ t)eron. 

SJajiüifc^en aber liegt 3)aco üon SSeruIam. SBienjeit ©rotiu^^ 
il^n unmittelbar benu^t Ijat, mufe baf|ingefte[tt bleiben ; fic^erlic^ ftel)t 
er in luefentlic^en SBejiefiungen auf feinem Stanbpunfte. 

SJaco üerlangt üon ber SurfcSprubenj alö einjigeö 3)efiberatum 
ein Sßerf : Idea justitiae universalis sive de fontibus juris. 3)ie 
Quellen ber ®erecl)tigfeit unb beö ßffentlid^en 9?ut5en^ feien auf= 
5ufud|en, unb aue; if)nen für aüe Sied^töttjeile ibeale ®runbbilber ju 
geftalten; nod) biefeu tuerbe bann Seber bie ®efege ber einzelnen 
Staaten nachprüfen unb üerbeffem tonnen. Sene grunbtegenbe 
'Jlrbeit fei aber j» leiften roeber uon ben ^t)ilofopt)en, welche üief 
®d)öne^ boc^ llnpraftifd}e^^ uorbröd}ten; noc^ üon ben Suriften, 
metd(e über iljr ticimifd^esi Siedet nid|t I|inaii^fäf|en ; fonbem burd) 
einen Staatsmann, ber ©taatönjo^I unb öilligfeit gleic^mäftig berüct 
fid^tige. J)enn ba& ^^i^iüatrec^t grünbet ftd| auf baS SBebürfnife ber 
3)ic^rja^I, fic^ gegen jebe 3JerIe|jung abfeiten eineS ©injelnen ju 
fc^ü^en ; um baS ^riliatred)t ju fc^üfeen, ift ber ®iaat ia, mit biefem 
ba« Staatsrecht; S^vcd allen 5Red|teS ift baS möglid)ft ^of|e ®lüd 
aller Staatsbürger. 

^erföntid^feit unb ?luffaffung beS ®rotiuS treffen t)iermit über= 
ein. (Sr fjattc in feiner öeimat^ lebhaften 9lntl)eil an ben Staats^ 
t)änbeln genommen unb fcfirieb in ber SOJufee ber SJerbannung, im 
begriffe, in frembe StaotSbienfte ^u treten. äJietir ^olititer unb 
l^eolog als Surift oou gad), liefert er felbft in ber ciüiüftifd^ften 
feiner Schriften nur ?tuSsüge auS ^ebräifc^en unb f(affifcf)cn Slutoren, 
aus Äird^enüätern unb Sc^oltaften als 9?oten ju bem Suftinianifc^en 
9?ec^tSbuc^. Unb in^alttid^ fällt eS gong mit jenen Sä^en ©aco'-> 
Sufammen, menn er als auSfc^liefelic^eS 5ßrincip unb als ^öd)fte 
üuelle beS 9ied|tS auffteUt bie Socialität, baS menfc^Iic^e ©efellig* 
fcitsbebürfnife, unter 91bn)cifung aüer ^Berufung auf göttlicf(en Ur= 
fprung, fei cS nun auS ber ©erec^tigfeit, fei eS aus bem aBillen 
©otteS. SWur eine @efbfttäufd)ung ift eS, in ^olgc bereu er trol^= 



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I. ^ugo Q^TOtiud. 1) 2)aS jus belli ac pacis. 3 

bcm meint, leugnen ju bürfen, bafe ba^ SRed^t ein Stjeugnife bes; 
Sihi^en^ fei; feine ©ocialitöt ift nicf|tö afe ein utnfd)reibenber ?[u^ 
brnrf für ben ©clbfter^altunggtrieb. @in ganj anbere^ 3)ing ift e^, 
rocnn ©abrief Siel, afe inenn §ugo ®totiui^ ben ®a^ audfprid^t, 
e« würbe ein Siaturrec^t and) geben, fate eiS feinen ®ott gäbe: 
jener fd)iebt bann, im J^üelmutl^e fic^ felbft überftürjenber ©pät= 
Scftolaftif, eine anbere tran^fcenbente ®erec^tigfeitöqueüe ein; biefem 
ift e« ®mft um bie 95efcf|ranfung auf SÄenfd^Iid^esJ. @o tritt mit 
©rotiuß ba^ 9laturred^t, inie mit SBaco bie ^f)i(ofo^t)ie, au^ ber 
bebuctioen ?lb^ängigfeit öon ber SE^eoIogie; bai^ ?(nfergtieb ber 
ft^ofaftifc^en Äette ift gefprengt, obfd^on nid^t nur in ber ^orm, 
fonbem auc^ in ber fadificfien 35urci^füf)rung ©rotiuö an biefe Äette 
noc^ öielfad^ gebunben bleibt, f)ierin I)inter ©aco äurücfftel)enb. 

Sßomentfic^ f)at ®rotiud ba^ Snbuction^^incip be^ ©nglönberi^ 
md|t angenommen; bem l^oHänbifc^n 3)enfer f)aben ®efd)id)te unb 
ISrfa^rung blofe bie Sebeutung, Seifpiele unb Selöge an §anb ju 
geben; bie mit biefem ß^^i^ot^ auöjuftattenben ©ö^e felbft foUen 
rein bebuctio, mittete beö gefunben äRenf d^enüerftanbeö , aug bem 
©runbfafee ber ©ocialität erfd^Ioffen toerben. Un6) in biefer 5Be= 
äiet)ung ift ®rotiud mofegebenb für bai^ ganje fpätere 9?aturrerf)t 
geroorben; äf)ntic{| tt)ie bie ft>ötere continentafe 5ß^iIofopI)ie, l^at e§ 
Don ber englifc^n fritifc^en 5ß^iIofop]^ie nur ben SRationafi^mu^, 
nic^t ben @mpiri^mui8 fid^ angeeignet. 9?un laffen ftd^ aber un* 
moglie^ au^ bem SEBol^lfa^rti^ ober an^ einem fi^nlic^en ?ßrincip fefte 
3ie(^tgfä^e erfc^Uefeen, fo menig ftcf| fonft au^ bem 3*^^*^ togifcfi bie 
SWittel 5U feiner SSertoirMic^ung ergeben, ba fte eben nirf)t in i^m 
Hegen; man tt^irb fie boc^ immer ber ©rfalirung inbuctiD entnet)men 
muffen, unb babei ber Oefat)r unöoüftänbiger Snbuction umfome^r 
au^efe^t fein, je unbettjufeter man inbucirt, loo man ju bebuciren 
glaubt. @o erget)t e^ ®rotiu§; afö einjige^ 3nbuction^9Wateria( 
fc^toeben feinem ®eifte bie ©eftimmungen beö SRömifd^en 9led)t^ t)or; 
ein anbereg fennt er faum; fo entnimmt er it)m, unter einigen 
wenigen äbweit^ungen fc^ablonifirenber unb entnationafiftrenber 3trt, 
bie SRegcIn ber JWot^we^r, be^ @igentf)um^, be^ ©igentfium^rwerbe^ 
unb =^erluftc^, ber SSerpffic^tungen, ber ßontracte, ber ©ibe, ber 
3ntert>retation, ber ©ocietät, be« ©c^abengerfa^eö nic^t nur, fonbem 
aud^ fo pofitilwrec^tHrf)er 3nftitute toie ber ©Haoerei, ber Slnfprud^^ 
58eriäl)ning, ber Xcftamentgsgormalitätcn, inbem er fie au^ feinem 

1* 

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4 ^M ftüpittl 

^incip ju folgern meint. 3)q6 ba^ fo Gefolgerte mit bem Siömifc^n 
9ie(i|t übereinftimmt, mochte ®rotiu^ nur afö gegenfeitige ©eftätigung 
ber 9ii(^tig!eit erfd^einen; nel^riten bort) ani) bie Späteren an biefer 
Sl^atfac^e, fo oft fie anä) bemerlt toirb, ebenfo tüenig änftofe. 95i^ 
JU ®nbe biefer naturred^ttidien ©diule bel^arrt man bei biefem SSer* 
fahren , nur ettpa unter ^ingutritt . be^ ®ermantfc^n SRed^tdftoffe« 
jum 3nbuctton^*3RateriaI. 

©elbftüerftönblid^ t>otIjie^t fic^ bie Sfnlel^nung an ba^ 3iömifci^e 
9ted^t am bequemften auf bem ©ebiete beö ^ßriöatrediteö. @ben 
barum ift ©rotiu^ l^ier im ©tanbe, alle SSorgänger weit l)inter firfi 
äu taffen; fonunen biefe über allgemeine ®äge nic^t l)inau^, fo bietet 
er un^ ein natfirlid|e8 5ßrit)atred^t, tt)el(^d in bie feinften Sinjel^eiten 
burc^gefü^rt, toennfc^on nod^ nid^t f^ftematifd^ georbnet ift. SBä^renb 
e^ ftebenjel^n Äapitel jälilt, ift ba^ ©trafred^t in ein einjigeö Äapitel 
jufammengebrSngt. 8lber auf biefem, ber ^^ilofop^te äugänglic^eren 
^elbe erreicht fofort, tro| be^ engeren Slaume^, ba^ 9iaturre(^t eine 
ganj anbere Shaft ber felbftänbigen @nttt)idlung unb Söefruc^tung 
für bie Sied^töbetradjtung; namentlid) tritt fofort bad ftrafreditlid^e 
©runbproblem l)ert)or unb finbet in ber gormel üon bem malum 
passionis propter malum actionis eine bebeutfame Söfung, an 
toeld^e feitl^er fo öielfad^ angefnüpft toorben ift. — 2)a^ ®taatöred)t 
ttjirb nur nebenbei bel)anbelt; fon^eit e§ reidit, fielet gerabe e^ bei 
©rotiu« burdittjeg im SBanne ber ©djolaftit, mit ben l^ergebrad^ten 
©intl^eilungen unb Setraditungen. S)aö ©taatöKrd^enred^t ift in bem 
jus belli ac pacis nic^t erörtert, fonbern oerujiefen in eine befonberc 
@(^rift, de imperio summarum potestatum circa sacra oon 
1647, »eldie au^ territorialiftifd^en 5ßrincipien ^ollfinbifd^ tolerante 
5olge.rungen jiel^t. 

(Sine befto größere SRoHe fpielt in bem .^auptmerf bac^ 9SölIer== 
rec^t. ©efanntlid^ ftellt ja ©rotiug alle übrigen @ä^e biefe« feine« 
aSerfe« nur auf, um fie auf ba« 9ied|t«t)er^ättniJ5 ber untereinanber 
im 5Raturjuftanbe lebenben SSölfer anjutt^enben unb um fo für biefe 
im 9iatur* ein 88ölferred|t ju gettjinnen, ba« üor allem bie ^agen 
entfd^eiben fott, wann Äriege geredet feien, loa« im Stiege geftattet 
fei, tök man jum ^rieben jurüdEfel^re. S)aB biefe« 9Sölferred^t fein 
^auptjmed n^ar, ergeben untoiberleglid^ 9?ame uitb Slnorbnuhg be« 
©ud^e«; unb fo ift e« i^m benn aud^ gelungen, l^ier ein ©pftem 
tt)o^labgett)ogener Siegeln ju liefern, ba« fid) unbebingte 3lnerfennung 



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L ^ugo ®rotiu8. 1) ^ad jus belli ac pads. 5 

crttjorben t)at bei ©ele^rten unb bei ©taatömännem, fo bofe man 
]vi) barauf beruft toie auf ein ©efeftbud). Sefonberö bejeid^nenb für 
biefe^ ©Aftern ift, bafe ®rotiu^ regelmäßig ben Äriegöfüf)renben 
aufeerorbentUd) ttjeite ©efugniffe t)ertei^t, alfo ju fe^r f)arten ©rgeb^ 
niffen fommt, fo lange er blofe öon feinem SReditöftanbpunfte 
folgert; feine milberen, ber ®raufam!eit unb SBertüüftung engere 
©renjen fe^enben 9lnfd^auungen roeife er bancben nur in ber gorm 
wn „temperamenta** ju t)ertreten, ba^ i)ti^t fie au^ SBiUigfeit^* 
rücffic^ten ju em))fe^(en. 

§ugo ©rotiuö üerbient bie ©eseid^nung afe ,,9Sater be^ SSöIfer- 
red|t^" genau in bemfelben 3Raa^t, tt)ie bie afe SSater beö 9?atur* 
rec^tig. Siic^t ettua fuc^t er ein inbuctiö^^mpirifd^ au^ ber ©eobad^tung 
ber intemationafen ®ebräud^e unb ©ejie^ungen iu getoinnenbe^ 
®öUerrec^t, tt)ie e^ Dorfc^tuebt bem 3taliener ?Hbericud ©entili^, 
ber feit 1537 in Cjforb afe professor regius juris civilis ttjirfte. 
2)iefer ^atte, in feinem mufter^aften 3Berfe de jure belli öon 1598, 
baju einen tjortrefflic^en erften Schritt getrau burd^ eifrige ©amm^ 
lung unb taftöoUe SSerinert^ung neuefter SJorgänge, n)ä^renb ®rotiu^ 
nur jierenbe ©etf^jiete au^ flaffifcfielt ?lutoren giebt unb üon bem 
consensus gentium bIoJ3 aKgemein^in rebet. 3)eö ®entiliö 3lnfa§ 
p einem pofitit)en Sßölferrec^te blieb jebod) unbeachtet, gerabe in 
Jolge bei^ übermiegenben ©nfluffes^, ben ©rotiu^ unb feine ©ebuc- 
tionen getuannen. ?(ber aud^ ein p^ilofop^ifd^ bebuctiöe^ 58ölferredf)t 
gab eö fd^on öor ®rotiuö, aufgebaut auf benfelben ®runbtogen tuie 
baig fc^otaftifc^e SRaturrec^t, gepflegt ^auptfäc^Iid^ öon ben fpanifc^en 
aWorafiften, namentlidf} t)on einem Jranci^cu«^ be SJitoria unb uon 
beffen Stad^folgern. S)iefe n^aren babei fogar ju weit tjumaneren 
Sä^en gelangt, afe (Srotiu^, felbft mittefe feiner „temperamenta"; 
nur bafe biefe ©öße, me fie bfof^ auf religiöfe Duellen fic^ ftü^en, 
aud) bloß ©eltung beanfprucf)en unter Staaten, bie fic^ gegenfeitig 
afe rechtgläubig anerfennen. 3)ie fcfjöpferifc^e S^at beig ©rotiuig ift 
alfo für baö SBölferrec^t mieberum barin ju finben, bafe er baö 
Siecht öon ben t^eologifcf) moralifircnben ©etracf|tungen lostrennt 
unb auf rein meltlicfie Utilität^^^rincipien ftellt; biefe 2!^at toar aber 
^ier fo ganj befonber^ bebeutfam unb frudE)tbar bes^^alb, meit bei 
ben bet)orftet)enbcn milben SReligiongfriegen bie ©ä|e beö fcf)olaftifd)en 
Sotferrec^t« öerfagt ^aben mürben mangefe ä^^^ff^^^^ }^^^^ i^^^^ 
58orau^fe^ung. ©o gemannen bie einanber befämpfenben SReligiongi* 

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6 (Sxfted Kapitel 

Parteien eben re(f|tjeitig in bcS ©rotiuö Jus belli ac pacie eine 
gcmeiniame 9fiecf)tögrunblage, auf loetc^e man fid^ toon beiben Seiten 
berufen fonnte, ol)ne ben confeffioneUen ^inetpien ^twa^ ju Dev= 
geben. 3n legtet Sinie ift e^ bie groftc 3bee einer alte äßenfcften 
unb SSöIter ate fold^e umfci^Iiefecnben natürüdjen SJedjt^gemeinfc^aft, 
meldie il^ren Sinjug l^ält in bemfelben ätugenblicfe, in itjcld^m bie 
auf Sieligion^gleic^^eit gegrünbete 35ölfergemeinfc^oft be«^ 3J?ittelatterö 
jufammenbrid)t. S)a^ gortbefte^cn unb 5*^rtn)ad))en jener Sbee 
rperben mir über SBoIf ^inttjeg bi^ auf Äant ju üerfolgen ^aben. 

2. Sie 3tufnal)me in 3)eutid^lanb uoUjog fid) fpät unb bann 
nic^t o^ne SBiberftanb. Sin Sanbe l^errfdjte ber mifbe Strieg unb 
bie Debe ber SJermüftung; in ber ^^ilofoptjie unb 5;^eoIogie ber 
fc^olaftifc^e 2lriftoteIi^mu^ ; in ber Suri^prubenj an Sarpjjom : ebenfo^ 
Diele bem Slaturredit, afe einem §ebel ber Humanität unb ber 3(uf= 
flärung, feinblic^e W&6)tt, lueldjen fc^on bie (5JrunbIet)re Dom natfir^^ 
Iicf)en Stecht eine „^eillofe" mar. ^4Jor ber äJiitte be^ 3af)rl)unbert5i 
fc^eint man fic^ überhaupt nic^t mit ©rotiu«^ befaßt ju f)aben. Sie 
beutfdie 2iteratur über i^n beginnt 1652 mit einer ^ämifc^polemifd^en 
©c^rift be^ 9lriftoteIi!erj^ 3ol). be 7^di>c, ^rofefforß ber ^^iIofop()ic 
jiu ^ctmftäbt; unb fefbft beffen bortiger grofeer JloHege ßonring, 
fonft fo reformfreuublic^ gefinnt, Dert)iett fid^ gegen ©rotiu^ ab^ 
Iel)nenb, fo menig er aud) bcn Don bem „SDiomuö" gelbe angefd)lagenen 
Jon billigte. 9luerfennung fanb bie neue Soctrin crft bei ber ©traft- 
burger ^fiiloIogemSc^uIe, beren gefd^idjtlic^^politifc^e 9iic^tung fid) 
gleic^jeitig Don 3nt)alt, tiaffifdien Söeifpielen unb Maffifc^er gorm bet^ 
Söud)eö de jure belli ac pacis angezogen füt)lte. Slufeerbem mag 
3o^. ®d)effer ju feinem 1657 erfc^ieneneu Snbej ^Inftofe burd) 
gemeinfame fd|mebifd)e öejie^ungen erhalten ^aben. 2)en erften 
auöfül)r[ic^en Kommentar ju @rotiu^ aber lieferte, im Slnfc^luffe 
an barüber gcl)aftene SSorlefuugen, ©dieffer'fiJ 2el)rer SSoecler im 
3at)re 1663. 

Sobann.'peinrid^SoecIer (1610 ober 1611—1672), befannt 
al^ fein- unb fd)arffinniger i^ertreter ber Jdtert^umci:^ unb ®cfd)ic^te= 
miffenfc^aften ju ©traf^burg, fd^Iofe auc^ bie @taat<?funbe in ben 
Ärei^ feiner ©ele^rfamteit ein, fomol^t mit il^rcn politifc^en mie mit 
i[)ren }uriftifd)en SJcäie^ungen. S)aä bejeugen u. a. bie uad) feinem 
Jübe burd^ Dbred)t t)erauögegebenen öemcrfungen ju Ctto'e jus 
publicum unb ju ber berühmten ©djrift beß ^ippolitui^ a üapibe, 



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I. ^ugo ©rotiuÄ. 2) Äufnal^mc itt 2)eiitfc^lanb. 7 

58emcrfimgen, roelcf)e sttJifrfien biefen bciben entjiegcnfteticnben ^$o(eit 
einen roo^fertoogenen äRittehueg fofgericfitig feftf)alten, tnbem fie föt 
2)eutfd)lanb einen au^ monard^ifc^en unb Qriftofratifcf)en (Sfementen 
fleinif(f)tcu ^^if^^^i^ annef)men. ®o flammen ferner au§ ®oecter*fi} 
geber einige ©taatöfc^riften in ber it)rer Qdt fo eifrig betriebenen 
SBilbfangiat§*©treitigfeit, bei n)eld)er er für Änr=3Wainj t^fitig mar, 
mäbrenb 3o^. griebr. Sööcfefmann unb ^ufenborf bie fiur=^fälätfd)e 
3acf)e ffil^rten. ^errfc^enb aber blieb if)m bod^ ba^ pf)iIo(ogifc^e 
Sntereffe unb bie Pflege be^ lateinifc^cn ©tilö, in meld^em feine 
@efd)ic^te beö '®rf|mebifc^=5)änifc^en Äriegeö liüianifcfi bafiinffießt. 
^atjer erflärt e§ fie^ (eidjt, baß er ftd) mit SSorliebe bei ben Haffifc^en 
Öiftorien be§ ®rotiu!^ auffielt, bie ftaat^reci^tlidien ©inge nid)t ot)ne 
"i^erftänbnife unb SZufeen befprac^, bie rein juriftifd^n 3)ebuctionen 
iTjeniger betonte, mit ben ciüiliftifc^en Äapitcin aber gar nidjt ju 
©nbe fam; außerbem machen it)m bie Späteren ben Sormurf, bie 
Sunfett)eiten feineö 'Jlutor^ el)er üermebrt alö üerminbert ju f)aben. 

9(l0 bie Soeeler'fc^en SJorlefungen über Örotinö aud) juriftifc^e 
4^orer ansujie^en begannen, geriet^ bie ©trafeburger 3uriften=(5ofu(tat 
in i£ntfe(jen, mie if|r gül)rer Otto 2abor fic^ ja fc^on im Streite 
mit ©onring ah öerbiffener ®egner aUen tt)iffenfd)aftlic^en 5^1^*' 
fc^rittes; bargetban l^aitt. ©o tritt uns afe erfte junftmäf^ige 
?(euBerung jur öirotinö-grage ein Programm entgegen, in melc^em 
bie Sugenb üor biefen Steuerungen aufss einbringtidifte geruarnt unb 
fiir alles ^ei( einzig auf bie 9tBmifd}en SRec^t^principien oermicfen 
wirb. ®icsJ fac^lid^ ebenfo mertt)fofe, mic in ber ^orm' bo^f)afte 
©diriftftüd ift officicti im 5Ramen ber J^acultät erlaffen; öerfafet ift 
es oon SReb^an, einem ÖJc^ilfen labor'ö. ©oecter antwortete mittels 
einer Censura programmatis ; er f)at jum ©tubium beö ©rotius 
noc^ fernerhin 9(nregung gegeben, melc^er mir mo^I feineö ©d)mieger= 
fot)ne^ Ulric^ Dbred)t Annotationes in Hugonem (Trotium de jure 
belli ac pacis {Strafeburg 1684) üerbanfen. 

Sugmifd^en aber f)atten bod^ auc^ 9iec^tg;gelc()rte anberen ©djlagegi 
anber^ Stellung ju ©rotiuii genommen, ö. 91. Struüe liefe 1660 
einen Grotius enucleatus erfc^einen; 1666 folgten bie Notae et 
Animadversioues t»on (Sa^par 3i^9l^^ i^^ SBittenberg, um bereut- 
n?illen fi^ freilid^ bie 333ittenberger Suriften oon ben 9?ad)barn afe 
„SJioroliften" oer^of)nen laffen mufeten; SKeoiuö' poft^um erfc^ienener 
Prodromus ift nur ein 93rud|ftüd einee^ grofeen naturredjtlid^en 



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8 d^tfteS Stapxttl 

SBerfcö, baö er afe ®rgänjung ju (Srottug lange plante; unb tüeiteft:^ 
reid^enbcr Slnerfennung \)at fid) be^ Äulpte CoUegium Grotianum 
ju erfreuen gel^obt S)aneben tüiffen bte ©efc^i^ten nnb SiOlio^ 
grapsten beö 9?aturred)t!g feit ben ftebjiger Satiren jal^Ireid^e jurifttfc^e 
©iffertationen über ©rotiu^ aufäujäl^ten : überfdjmänglidje Sob^ 
preifungen üerbinben fid| felbftüerftänblidi mit feinem 9lamen; felbft 
t^eotogifc^e 2lngriffe fd^aben i^m ni^tö me^r; eineö S. ©. @c^urs= 
fleifc^ fpöttifdie ©o^l^eit öerftnmmt öor if|m: feine Jlufna^me aU 
©röfee erften SRangeig in bie @taat^=^ unb 9ied|tgtt)iffenfc^aft ift üolt 
sogen. 

aSenn too\)l bemerft njorben ift, bie beutfc^c 9{ec^tign)iffenfd)aft 
f^abt um bie äRitte be^ 17. Sal^r^unbertig einen pofitiuen Sfjaratter 
angenommen, fo tt)trb man biefe ©egleiterfdieinung barüber nid)t 
überfeinen bürfen; t^ l^anbelt fic^ genauer barum, bafe bie früljer 
ungetrennten SIemente je^t in ^toei ©tröme fic^ gefonbert f|aben: 
ftel)t auf ber einen ©eite eine pofitiöe SRec^tön^iffenfc^aft, toelc^e auf 
aüe über baö geltenbe, gegebene SRec^t fiinauöfül^renben Betrachtungen 
üeräidjtet, fo ftef)t auf ber anberen ©eite baneben, atö minbeftenj^ 
ebenfo bebeutfam unb atö für jeben Suriften uncrläfeUd^ anerfaunt, 
baö t)on allem ^ofitiöen abfef)enbe, ben pt)i(ofop^if^en Sl'rang 
befriebigenbe SRaturrec^t im ©inne beö Orotiu^. Unb atöbalb läftt 
fic^ bod^ biefe t^coretifc^ geforbertc ©onberung praftifc^ nic^t fdjarf 
burd^fü^ren ; mie ba^ 9?aturrcd)t aug bem Siömifc^cn Stecht unter 
entnationaüfirenben aSereinfad)ungen ^erübergenommen ift, fo tuirft 
e^ mit liefen auf ba^ pofitiüe Stecht jurüd. Smmer unleiblid}er 
erfc^eint ber l)ier gegebenen greiljeit gegenüber bie i^^ffelung an bie 
uielfad) veralteten 9?ec^ti5quellen , tt^elc^e bort t)errfd)en foßten; 
SReuerungj^bebürfniffe aller Slrt, nationalen ober öfonomifct)eu 
aieibungen entfprungen, madjen fid^ juerft auf bem offenen ©ebiet 
be^- SRaturrcd^t^ geltenb, um über bie fc^lec^t gehütete ©renjc in 
^rajifii unb 5:ijeorie be^ gemeinen JRec^t^ einjubringen ; eben biefem 
Umftanbe, feiner oermittcluben SBraud^barfeit, üerbanft ba§ 92atur^ 
rec^t feine ftet«; madjfenbe ©eliebtl^eit. ©ntftammen bod| fc^on alle 
biejenigen neuen ©ä^e, meldte ber ©mpiri^muö ber jiueiten ^älfte 
be^ 17. Sa^rl^unbertö auf bem ©ebiete beö ßioilrcc^t^ sur ©eltung 
brad^te, bem ©ebanfeufreife beß SRaturrec^tsl ; unb im Saufe be^ 
18. SaJ^rljunbertö getuinnt eö ein foldEieig Uebergett)id)t, bafe baburc^ 
jene anbere, empirifdj^pofitioe Strömung üollftänbig aufgefogen ober 



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U. ^obbc8. (Juntbcrlanb. ©pinofa. 9 

unterbrürft wirb, noc^bcm fic faum in glufe flcrat^en toax. S)cr 
immer fjeüere ®Ianj, ber bcn 9?amen bc^ ©rotiuö umftraf)(t, ift 
nur bie fad)cntfprcc^nbc fiufterlid^e SBeurfunbung bicfer (SntttJtcHung. 

II. 3m tpeitcren 3SerlQufe be«J 17. 3a^r^unbcrtö fanb bafii 

Siaturrec^t förbembe 5ßflegc junäcl^ft ttjefentlidö in ©nglanb. 3Sie 

aber bort bie Jlnregung bajn Dou ben potitiid^en Sntereffen ber 

3eitläiifte ^erfam, fo begnügte man fic^ burd)rt)eg aud) mit ber poIi== 

tifd^en unb ftaatemiffenfd[|aftlid)en ©eite be^ Siaturrec^td. 9Jamentlid) 

bei ^obbeö, biefem gewaltigften Äön^ien ber äRonarc^ie unb furc^t= 

barften ®egner ber Äirc^e, biefem folgerid^tigften unb parabojefteu 

aller 35enfer, biefem wißfürüc^en SWat^ematifer unb retjolutionären 

'Jlbfolutiften, üerft^Iingt ber fieöiat^an ©taot ba« Stttereffc felbft an 

feinen eigenen Functionen, fottjeit fie nid^t öffentlic^ec^tlicfi finb. 

3)ie Äapitel ,de legibus civilibns* (im „fieoiotban'') unb ,de legibus 

et peccatis* (in ber Jlb^anblung de cive) geben nur einige oberfte 

3Rapmen. &xoa^ grünblic^er toirb (in ben folgenben Äapiteln beö 

„fieoiat^an") bae ©trafrec^t be^anbelt, inbem baö 3Befen aller 3Jer= 

brechen auf SJerle|ung be^ Staate^ jurücfgefü^rt tt)irb, ii)re rec^tltc^e 

(Sjtftenj au^fc^liefelic^ auf bie ftaatlicfie ®efe|gebung, bie 3^cchnäJ5ig= 

feit ber ©träfe auf bie fcf(rofffte ?(bf c^rerfung : te^tere ift gelegentlich 

bereite üoUftänbig ate pf^d^ologifc^e 3^öng«t^eorie aug^gebilbet. 3)ie 

ßeugnung eine^ jeben, üon ®rotiuö boc^ noc^ fubfibiär üermerttjeten 

jus gentium voluntarium ju ®unften be« abftract bebucirten all= 

gemeinen Sölferrec^ti^ entfpricfjt bei ^obbeg ber englifc^^infularen 

3lbgcfd)loffen^eit; biefe ßeugnung fomot)! mie jene 9luffaffung ber 

©träfe finb öon ipobbe^ auf ^^Jufenborf übergegangen, tüäfirenb bec> 

jRic^arb 3ouc^ (Zouchaeus) 9Berf über jus feciale sive inter 

gentes (Cjforb 1650) mit feiner pofitiüeren 9iicl)tung ^unäd^ft o^ne 

33irffamfeit ouf 2)eutfcl^lanb blieb. 

§obbeö' allgemeine 9lu^fü^rungen jogen fofort bie ?{ufmerffam= 
feit auf fic^ unb erjmangen eine SBenjunberung , ber ed feinen 
abbrud) t^ut, bafe fie allgemein mit Jlbfdjeu gemifd^t ift. 9llö etnjige 
3uflud)t biente bie Berufung auf feinet bebeutenbften ©egnerö 
Sumberlanb ©d^rift de legibus naturae. SBenn biefe im erften 
^ragrapf)en i^re^ legten Äapitel«; t)erfprid)t, außer öon bem S)efalog 
nod) uon ben leges civiles ^anbeln ju wollen, bann aber aufeer 
einer ©efprec^ung ber jc^n ©ebote nur 5ßolemif gegen beö ^obbee 



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10 ©rftcö Äapitel. 

ftaatöred^tlid^e ©runbfä^c liefert; fo \)at it)x offenbar fogar boe 
SBort „lex civilis" bic priöatred)tüc^e Sebeutung öerlorcn. ?lii 
einem onberen Crte (e^nt Siimberlanb auöbriidlidi ab, anf bie 
fragen über ha^ incnfdjUc^e ©icjent^nm^rec^t nnb lüaö bomit ju- 
jammenliänge einjuge^cn: immer toeiter entfernt fic^ bo^ 9?atnrrec^t 
mit bicfen cnglif(^en Sßac^folgem be^ ©rotin^ njteber öon ben ftreng 
juriftifdien S)ingen. 

@ar nic^t metjr i^t bie SRcbe öon fold^en bei Spin ofa, ber ijkv 
lüie fonft njeit über fein ä^^^ölter J^inausi fü^rt. ©ein ,,9ie(f)t" ber 
großen %i]ä)e, bie Keinen jn öerje^ren, ift fein SJec^t im ©inne beö 
"Sflatwctei^t^ , überhaupt fein Siecht im gemöljnlirfien ©inne bee 
SBorte^; unb nid^t anberö fte^t eö um ba^ ©i'iftenjrec^t be^ ©tiiotei?, 
Xük ber tractatus theologico-politicus e^ auf bie tüjatföc^üc^e Wüc^t 
beffelben grünbet, of)ne SRücffic^t auf ben ganjj in ben ^intergrunb 
tretenbcn ^obbeg*fcf|en ©emaltübertragung^S^^ertrag. äJttt 5^efeitigung 
bicfeg aJertrage^ aber brid^t ©ptnofa bie Srüde ab, tt)elc{|e bei .^^obbce 
unb bei ber ganjen naturredjttidjen ©d^ulc bie fdjroffen ©egenfäfec 
beiJ naturrec^tIic^'t)orftaat(ic^en unb be« ftaatlic^cn ^i^fto^i^^'SJ ^^^^"^ 
binbet. ^äx ©pinofa bleibt nur übrig bie '^Dladji jebc^ ©inj^elnen 
aU 9ted)töqueUc im norftaatlidien, unb bas 9J?ad)tgebot be^ ©taate 
atö ated^t^quelle im ftaatlic^en 3iiftonbe, beibe äJiäc^te fouüerän, bon 
cinanbcr ttjeber abljängig nod) üorbilblic^ beeinflußt; üon ber ISnt:: 
lüidlung eine^ ftaattidien JRed^t^f^ftem« auö bem 9?aturrec^t fann 
babei feine SRebe fein. äöo^I ift e^ einer ber tiefften unb groß- 
artigften ©ebanfen ©pinofa'ö, burc^ (yieic^ftellung uon virtus unb 
potentia e^ au!^gefprod)en ju ^aben, ba§ eö jeben SBefen^ t|bd)fter 
äeruf ift, bie in i^m fd)[ummernben Gräfte ^u bet^ätigen unb ba= 
burc^ feine 3nbit)ibualität ausjjubilbcn ; tt)o^I ift auc^ bie ?lnmenbung 
biefe^ ©ebanfenö auf 9ied|t unb ^taat, ber Stufbau beiber auf i^ren 
felbft^errlic^en iöeruf ju machtvoller ©elbftentfaltung eine öJrofittjat, 
toeld)e ttjir fjeute ate fold)e mürbigcn; geopfert aber ift bamit bic 
ibeale Xenbenj be^ Staturrec^tsJ, ein l^öljereö ungefc^riebenc« öefet? 
jenfeitcJ ber ftaatUci^ erlaffenen 9iorm ju finben, ein l)ö^erc55 Wefefe, 
meld^em fid) biefc 9?orm anpaffcn muß, fofeme fic nic^t bfofe Wemalt^ 
befef)!; fonbern Sted^tg^fa^ung fein luill. J^ür berlci fe^öne 2!räumc 
ift bei Spinofa fein Siaum; öilligfeit bei ber (Scfe^gebung ju beob- 
ad)ten, ift feinem ©taate nid|t @ebot einer übergeorbneten Suftanj, 
fonbern lebiglid^ 9tcge( ber politifc^en Älugl)eit. 



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in. eamuel ^ufcnborf. 1) ßcbcn. 11 

SBurbc §obbeö üerabfd^eut, betüunbert unb benugt, fo blieb 
©pmofa boppüt uerobfc^ut, uitöcrftanbcn unb unbenu^t, mit feinen 
gmnblegcnbcn 3:^eortcn fowo^I tt)ie mit ber ^^oleranjle^re feinet 
Tractatue theoretico-politipus. dlod) ber große äufflärer 2!t|oma= 
fiuö tueife feine S\xf)bxex t)or jeber 8erüt)rung mit ©pinofiömud unb 
St^ei^muß nic^t genug ju dornen. S)ie ©ntnjidEIung ber beutfc^en 
91ec^tött)tffenfd)aft befonber^ f)ält ftd^ ben öon ©Jjinofa geroiefenen 
Salinen ganj fem, »ä^renb fie bie Sbeen beö OrotiujJ unb ^obbee 
^ufammenäufaffen unb bamit aud^ le^tere für bie Suri^prubenj ju 
uerroert^en bemüfit ift. 2)er älZonn, weldiem eö gelang, für bie 
glut^en ber naturrecf)tlicf)en ^^S^ilofop^ie ben Äanal abjubämmen, 
^urürf ju unferem feit ®rotiu^ t)on i^nen Derlaffenen gelbe, ift 
Samuel ^ufenborf. 

III. 1) ©amuet 5ßufenborf ift geboren am 8./18. Sanuor 
1632 5u ^Dorf^^e^emnig in ber ©roffdiaft SKeifeen, al« ^^Jfarrer!^fol)n. 
Seine geteerte SSorbilbung erhielt er auf ber gürftenfc^ule p örimma, 
feine junäc^ft tt)eologif(^en, bann aud) juriftifd)en, p^ilologifc^en, 
p^ilofop^ifrfien unb ^iftorifd^en ©tubien betrieb er ju Seip^ig unb 
3ena, an lefctcr Uniöerfität namentlich unter bem pt)ilofop^irenben 
3Jiatl)ematifer 6rt)arb SBeigel, beffen geiftreic^e ©onberart i^n ftart 
beeinflußte. 3m 3af|re 1658 n)urbe ^^ufenborf ^au^le^rer bei bem 
fdiroebifc^cn iMitter ^eter Suliu^ Eot)et, bamati? ©efanbtcn in Äopcn= 
t)agen, bem er fpiitcr nad^ ^ollanb folgte. ®n Stuf an bie 
Unioerfität ipeibelberg, too ber fie^rftu^l besJ SRatur^^ unb ^Jölferred^t^ 
für if|n gefd)affen würbe, führte i^n 1661 nac^ 2)eutfcf)lanb jurüd; 
1668 begab er fic^ in gleicher Stellung an bie fc^mebifdje Uniüerfität 
Smib; ate biefer Ort wn ben 3)änen befe|jt würbe, erhielt er 1677 
JU Stocf^olm bai2J 9tmt beö föniglic^en ^iftoriograpl^en mit ber (Sr^ 
nennung jum ©taatöfecretär unb @el)eimen SJatl); au^ fc^roebifc^en 
3)ienften 1687 entlaffen, um eine äljulic^e Stellung in Berlin, ^ur 
Sd^ilberung ber %f)attn be^ ©rofeen fturfürften, anjuneljmen, trat 
er biefen ^^Soften gebruar 1688 an unb befleibete il)n bx& 5U feinem 
(Snbe, ttjeldie^ am 16. Dctober 1694 erfolgte. 

So äerfällt ^^Sufenborf'j^ Seben in brei Jlbfd^nitte: bie Set)rjat)re 
bi^ 1660; bie ^rofeffuren be^s 9?aturredjt^ ju ^eibelberg unb ju 
Sunb; unb bie i|iftoriograp^ifd)en Stellungen ju Storfl)olm unb ju 
Berlin feit 1677. 5)er legten biefer Ißerioben get)ören an bie fo 



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12 @rfte« Äopttcl. 

^eröorragcnben gefc^icfitlic^cn SBerfc, bie ^ier nidit ju 6e^anbeln 
ftnb; ber mittleren bie noturrec^tlidien ©d^riften; beiben gemcinfam 
finb ftaatd^ unb firc^enred^tücfic 3ntereffen unb Sciftungen. 

2) S)er natutreditlicl^en 3Berfe finb eö brei: „Elemenloruni 
Jurisprudentiae universalis libri duo", juerft im ipaag 1660; 
„Libri octo de jure naturae et gentium", juerft Sunb 1672, fpötcr 
fe^r oft, üerbunben mit einer 9teil)e pofemifc^er 9?Q(i|träge („Eris Scan- 
dica"), abgenötljigt l^au^tfäc^ttd^ burd| t^otogifirenbe angriffe ; „De 
officiis hominis et civis juxta legem naturalem libri duo'*, juerft 
ßunb 1673. S3on biefen Werfen ift ba« erfte eine $rogramm*©tubic, 
ttjeld^e bereite besJ Äutorö gonge fiel^re entf)ält, aber noc^ unaudgereift 
unb unentiüidelt, aufeerbem fünftlid^ eingefdinürt in eine pfcubo* 
matl^ematifc^e ^orm, aüerbingö bem QtitQt)(i)mad entfpredienb, aber 
jum 5Rac^tf)eiI ber ÄIarI)eit. SJaö britte, ein fie^r* unb ©c^ulbud}, 
gibt außer einigen, ber ^t)eoIogie ju ifiebe öorangeje^ten öemerfungen 
über bie officia erga Deum unb erga se ipsum, nur einen bürftigen 
Slu^jug auö bem jroeiten. 3)iefeig jmette SBerf ift, njic baö bei 
weitem ftärffte, fo aud^ baö felbftänbigfte, f^ftematifd^ beftgeorbnete, 
ini)oIt^= unb einffufereidifte ; an baffelbe l^aben tutr unö l^auptfäc^lic^ 
ju l^alten, um bie für bie (Sntwicflung ber SRed^t^miffenfc^aft bebeut- 
famften fünfte ^erau^jugreifen. 

SSor aDem ha^ Softem, welche!?, tuenn ^^ufenborf fid| babei auc^ 
an §obbeö' Sractat de cive anlefint, eine feiner bebeutenbften 
Seiftungen bilbet. @ö beginnt mit ben für alle^ SRed^t notf|n)enbigen 
SSorau^je^ungen in 3Befen unb J^ö^jigfeiten beö 9Kenfc^en, um f)ierauf 
bie oberften 9tec^tdprinjipien ju begrünben, aue tuetd^en alleß SBcitere 
abgeleitet ttjirb. 3)aran fc^tiefeen fid^ junäc^ft bie Siechte begJ (£injel= 
menjc^en, abgefef)en Don $5^"^^^^^ "^^ Staat; biefe 9ied|tc berut)en 
auf ben SRegetn ber @elbftcrt)altung, be« entgcgenfommenben S.^er= 
^a(ten^ gegen Slnberc, unb ber SSertrag^treue, barauf ttjieber ©ac^en^^ 
unb Dbligationeu^^SRec^t ; in erftere^ jc^Iiefet ^^ufenborf ba^ (Srbrerfjt 
ein ; unb aud) fc^on eine 3lrt be^ ^roceffeö fudE)t er ab)dE)lie6enb für 
biefen Urjuftanb ber SSereinjelung ju conftruiren. 3ion ber Betrachtung 
be^ (Sinjetmenfd^en aber ergebt fid) ba^ ©i)ftem in immer ttjeiteren 
ftYeifen ju berjenigen ber pue^lic^en ®emeinfc^aft, be^ ^itaat^- unb 
beö 3?ölferre(^t^, fotüeit ^ufenborf lefctere^ anerfannte. SWamentlid) 
grflnbüc^ ift bae @taatöred)t bct)anbelt, etnget^eilt in ©taatisüerfaffung^^ 
redE|t unb öo^eit^rec^te bcs^ ©toate^ gegen feine ©ürger, abfd)liefeenb 



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m. Samuel ^ufenborf. 2) ^atwntd^t. 13 

mit bcn Seigren üom SScrluftc ber Sürgereigcnfc^aft unb öon 3Jep 
önberung ober Untergang be^ Staaten fetbft. 

3)iefed für bte ganje golgejeit tQpifd^ getüorbene ©Aftern fenn* 
jcic^tiet fic^ ate ein ©Aftern nid^t bcr ?ßfficf|ten, fonbem ber Siedete. 
3nbem bie SJaturrec^töfc^uIe in bem erften it)rer umfaffenben Setjr- 
gebäube öon biefer ©eite audge^t, ift i^re Sntttjirflung für ein 
Sötjr^unbert feftgetegt. 3)ad ungeftüme Sctoncn beö Stec^t^ge* 
banfend, bo« 3"i^ü*f^i^^^^ ^ entfpredienben ?ßfU(f|ten jief)t ftd) 
burc^ bie ganje p^iIofop^ifc^*^oIitifcf)'fd|öngeiftige Siteratur be« 
18. 3a^r^unbertg unb finbet in bem beutfc^en ©türm unb S)rang, 
in ber franjöfifdien SrfWrung ber SJienfc^enrec^te nur feine J&ö^e. 
3ugleic^ ift ober auc^ bamit bie SSoraudfe^ung erfüllt für f)inüber= 
greifenbe SBirfung auf bie Oebiete be^ pofitiüen SRec^ti^ unb ber 
©efefegebung ; beibe braud^ten bie einfeitig juriftifrf) geprägten SRormen 
beg 3iaturrec^t^ fid^ nur anjueignen, unb fie fonnten f^Uefeüc^ gar 
nic^t uml^in, fo ju t)erfal^ren, feitbem fie ben ?Infprud^ befif Siatur^^ 
rec^td auf ^errfd^aft über ba^ pofttiüe Siecht anerfannten. So ift 
^^Jufenborf^ ©tjftem, nad) ©rlebiguitg ber p^itofopl^ifd^en ®runb= 
legung, eigentlich ein ©^ftem ber pofitiDen Suri^prubenj, in »elc^ej? 
er fetbft bie jura imperfecta bed ©rotiuö, bie blofe moralifdien 9Ser== 
binblic^feiten, afe nid^t jum 9terf|t gel^örig aufzunehmen ablel)nt. 
©eine f^ftematifd^n ©emü^ungen bejeic^nen bafjer bie 3Steberaufna^me 
ä^nlic^r ©trebungen, tt)ie fie für bad enbigenbe 16. unb für bai? 
beginnenbe 17. Sö^t^unbert früher gefc^ilbert morben finb; ujaren 
biefelben injttjifc^en, über bie praftifc^mpirifdie Siid^tung ber 9led)td= 
roiffenfc^aft, liegen geblieben, fo get)en fie nun öon einem ^ö^eren 
©tanbpunfte toieber auö unb fd^Iiefeen in fid^ einen njeiteren SRed^t^^ 
trcid. 3)cr ©tanbpunft ift ein ^ötjerer, benn eö ^anbelt fic^ nidit 
mct)r bloß um eine möglicfift bequem-überfic^ttid^e STnorbnung, tok 
bei ben erften anfangen, audEi nic^t me^r blofe um S)urc^fü^rung 
öereinjelter, einanber burdf^lreujenber f^ftematifdEier ®efid^tdpunfte, 
loie j. 93. bei SSigeliu^, aSuItejuö, 2llt^au^, fonbem um bie ^er^ 
leitung bed ©onjen aud einigen wenigen oberften ©ä^en in gefd^loffencr, 
ftreng logifc^er, auö ber Siatur ber ©ad^e fic^ ergebenber ©nttoirflung. 
5)er Sled^tSfreiS ift ein n?eiterer geworben; benn in golge ber 
publiciftifc^en Sntereffen unb Seiftungen ber ^tt^ifdöenjeit erfd^eint bae 
offentüd^e 9iec^t nic^t mef)r afe blofee ©eigabe, afe ttjetc^e eö ftd) 
gefallen (äffen mufete, unorganifd^ ju @nbe angeflebt unb nad^ ber 

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14 ^t\U^ Stapittl 

clöitifttfd^en ©nt^eitung^-Sdiablome t)ergetüQ(tigt ju werben, fonbern 
eö gemimit ben ^tag aU gleid^tüert^iger sttJeitcr 2;i)ctl, ja afe fitönung 
unb Slöfc^Iufe beö ganjen ®aue^, mit forgfölttger ©ntfottung atter 
Slnäell^eiten aug eigenen 5ßrinci|)ien, unter ^injutritt be^ SSiUfcr- 
rec^tö. §anbelte eö fic^ früf)er t)öc^ftenö um ben SRcd^tdftoff, fotüeit 
er im 3uftintanifd)cn SRec^t^buc^ entt)atten ift, fo ^anbelt e^ ficf| nun 
um allen SRe(f)t^ftoff, beffen man überl)au^t ^ab^aft tperben fann; 
ftatt erne^ ©^ftem^ für ben 3nf(alt beö Corpus juris civilis öer= 
langt man ein Softem ber UniDerfatSuri^prubcnj. 

S)emgemäB ermatten tobe bei ^ufenborf eine ©egrünbung 
ber UniüerfatSuri^prubenj, tt)e(c^e baö für biefe gibt, toa^ ipir 
äWobemeren bei jebcm einjelnen B^^^^Ö^ ^^^ Steditötoiffenfd^aft ben 
,, allgemeinen 5;^eit" nennen; man wirb befennen muffen, bafe bie 
9(uöbilbung foldE)er allgemeinen %f)^\k im meiteften ©inne auf 5ßufen^ 
borf jurücfge^t, baJ3 c§ fid^ l)ier um einen ©ettjinn Iianbelt, meieren 
baö pofitiöe 3?ed^t bem 9taturred)t in golge pf)ilofop^if(f|er ©e^anblung 
if)reg ©renjgebietei^ öerbanft. S)ie ?lnregung ba^u überfam ^ufen- 
borf ja njol^l t)on feinem Se^r^r (£rf|arb SEßeigel, nebft einer Steige 
terminologifc^er Slbfonberlid^feiten, t)on roeldien ber Sluigbrurf „entia 
moralia" in unferer „moralifd^en ^erfon'' fortlebenb fein ®tärf ju 
mad^en berufen mar. S)er innerliche ed^t juriftifdfie §lu^bau inbeffen 
rüt)rt t)on ^ufenborf l^er. ©inerfeitö t)anbelt e^ fid^ um baö @ub* 
ject aller Siechte, ben äRenfd^en. S)a& er SSerftanb tjat unb bat)er bie 
J^olgen feiner ^anblungen bered)nen fann ; bafe er freien SBiUen ^at 
unb ba^cr fidE| Deranttportlid^ jum ^anbeln entfcfieibcn fann; baß 
f)ierau§ erft bie SWöglid^feit ber 9iec^töfa^ung folgt, njetc^e )xtt) an 
ben freien SBiUen be^ SKenfdien mit il^rem Sm^jeratiö toenbet unb 
i^n tt^egen Ungetjorfam^ mit ©träfe bcbrot|t: ba^ mxb auf^ fc^ärffte 
bebucirt, unb bie tt)eiteren pfragen nac^ ben ©renjen ber menfc^lirffen 
ISinfid^t unb 3wi^^c^"w^9'^fö^i9f^it fc^liefeen fi^ baran bereit« mit 
allen (Siujeltieiten. 9lnbererfeitö ba« Objectiöe, bie Sftec^tSnorm felbft. 
|)ier vermag ftc^ ^ufenborf« juriftif^e« Smpfinben nic^t tt)ie baö^ 
jenige eine« ®rotiuä ju beruhigen bei bem 9iad^tDeife, bafe eima^ nad) 
ben ©eboten ber gefunben SScrnunft SRec^t fein foUte; bamit e« 
ttiatfäc^lid) SRed^t fei, nid^t bloß SWorat (be« ®rotiug jus imperfectum), 
ift ein 93cfef|l not^ujenbig. Unb für biefen ©efe^l ttjieberum genügt 
e« nic^t, bafe er auöge^e öon jebmebem SRä^tigeren; Ü»acf|tgebot ift 
nic^t 9Jecf)t; e« mufe l^injufommen, ba§ bie aKarf)t be« ©cfe^lenben 

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III. (Somuel ^ttftnborf. 2) "^atnxvtd^t 15 

auf einem gerechten ©runbe 6eru()e, fobafe lüir un^ ju bcm aufeer- 
üd) erjroinflbarcn öe^orfam aiic^ innerüdfi üer))f[ic^tet füllen. 2luf 
bicfen beibeu ©rimbtogen, nad) ber fubjectiüen unb nacf| ber objectiöen 
Seite t|in, i)at hod) tüot)I bie SRec^tsauffaffung btö ^eutc im SSefent- 
lic&en berut)t; fo empfimben unb p^tlofopf|irt ^aben mag man fc^on 
Dor ^ufenborf; bietet unb baö Siaturrec^t nac^ i^m ^aben biefe 
2et)ren juerft f(ar ald ©runbpf eiler beö Siec^tö innerl^atb ber Siec^tö^^ 
roiffenfc^aft ^ingeftellt. 

3m ßiüilrecftt ertt)ei)t fic^ ^ufenborf alö ein grünbüdier unb 
feiner itenner bei^ Siömifc^en Slec^tß, bem er ficfi faft überall on- 
fc^miegt, obfc^on er gelegentlich auc^ 2)eutfc^e SRed^ti^quellen anfü^rtt 
23o fic^ 3)eutfc^e^ 9?ec^tögefuf)l in feinem natürtidien Stecht gegen 
bie atömifc^en Sö^e bet^ätigt, üofläie^t fic^ bieö meift unter Berufung 
auf größere ©infoc^^eit, ftlarf)eit, Statürlic^feit : ®efid^tdpunfte, toelc^ 
fortmätirenb jur ßorrectur betg Sißmifc^n SRec^ti^ ^erangejogen unb 
cntfc^iebener aU bei ®rotiu^ gel^anb^abt tpcrben. 6rft red)t toerben 
üom Slömifc^n Sfied^t bef)utfam, mit fc^arfen ©efc^ränfungen ;ju* 
gelaffene ©illigfeitö^SRegeln nac^ ber aequitas juris naturalis ini^ 
Ungemeffene erweitert, ©in unb toieber treten auc^ fc^on potitifc^e 
unb öfonomifd)e S8etracf)tungen ote mafegebenb für bie ^ßrögung ber 
^Jiaturrec^fc^Sä^e auf. ®o entftef)t bann freilid^ ein buntei^ ®anjee, 
mit nirfjt feiten für unfcr ®efüt)l einanber n)iberfprcd)enben @inäel* 
Öeiten, n)ie toeun j. 95. baö gamilienrec^t noc^ gan^ ftreng romaniftifrf) 
auefäüt, tt)ät)renb für @igentt)umdübergang of)ne 3;rabition ober für 
(^fal)rtragung be^ SBerfäufer^ mit ben Siomifc^en ©ä^en gebrochen 
ipirb : ober biefe^ ©anje ift boc^, aud| rein ciöiliftifd) betroc^tet, eine 
^c^tung einflöBenbe Seiftung, n)elcf|c fid) namentlich burc^ bie Äunft, 
.^a^lreicfie feinfte einjel^eiten aui^ ben Cberfäjjen abjuleiten, oor ben 
meiften glcic^jeitigen SBerfen ber pofitiöen Suriöprubeng au^jeic^net. 
^ ift ein freierer, großartigerer 3ug, ber f)inburcljge^t, unb ber 
nomentlid^ bie jtoifc^en ben äufeerften pl)ilofopf|ifd)en ©runblageu 
unb ben legten Sinjelfragen mitten inne liegenben principiellen 
"Probleme ju Sage förbert: 3Woterien, mie bie beö 9Sertrag^fct|luffe^, 
bed förfa^esl für ibeale ®cl)äben, ber Srrtl^umigfolgen treten auf; 
ba« Siingen um einen principiellen ©efic^ti^punft für bie Steckte auf 
®at)rt)cit, auf (£^re, auf 9?äc^ften^filfe beginnt; im $ßroceffe treffen 
bie t)ergebrac^ten Siegeln fc^arf ^ufammen mit ben Slußfprüc^en ber 
'Silligfeit gegen G^ifane unb J^ormalität; baneben freilief) ftößt man auf 

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16 <Stfte9 J^Q^itel. 

jo^lrcic^e bebenHt^e SSerallgemcinerungen, im (Sefolgc bercn feft= 
gefügte Unter|(f|iebe öertüifcbt werben, tuie wenu j. 8. bte Sieget 
potior tempore potior jure au(t\ auf obligatürifd)e i^er^ältniffe 
ou0gebef)nt tpirb. 3n beiberlei ©ejic^ungen finb öon biefem ^ufeitborf* 
fdien natürltd^en 6it)tlred)t jatjtreic^e, noc^ weit bis in unfer 3a^r= 
^unbert wirffame Anregungen ausgegangen, ipennfc^on burd)n)eg erft 
burcf} weitere SSermittlungen , beren SSerfnüpfung unö noc^ üielfad^ 
befd|äftigen wirb. 

^ufenborf'ö ftaatöred^tUc^e ftapitcl berul)en wefenttic^ auf 
^obbe^, mit bem fie fic^ aber jugleid} fc^arf au«feinanberfe$en. 3)er 
^ortfdiritt über bie ©c^olaftif, bie bei örotiu» noc^ oor^errfc^t, ift 
unDerfennbar ; ebenfo aber, bafe, wennfc^on ^ufenborf gonj auf bem 
abfolutiftifdien Soben feiner 3^'* f^^^*/ ^^^ bamit felbft bei i^m 
fcl^on ber Übergang vorbereitet ift ju ben bemofratifc^en 3bcen, welche 
hai^ 9?aturrec^t ein Saf^r^unbert fpäter ^um Siege bringen foUte. 
2Saö fo oft oon ber politifc^en ?ßraji^ be« 18. 3a^r^unberte gefagt 
worben ift, gilt öon 2lnfang an aucf) für bie naturrec^tlicf)e J^eorie: 
inbem fie alle Gewalten jwifc^en ^errfc^er unb SJotf, alle Korporationen 
jwifc^en Staat unb ©njelnen befeitigte, fc^uf fie ben baaren ^e^^ 
poti^muö juerft eine^ (Sinjelnen, bann ber SlÄaffen. 5Wamentlid) bie 
äufterft fräftige ^Betonung bed 9led)t^ aller SDJenfrfien auf ®lcic^ 
l)eit weift bei ^ufenborf nad} bie^r Seite i)xn, 3lbcr auc^ bereite^ 
bie ftaat^auflofenbe, bie ganje SKenfc^^eit umfaffenbe 9iic^tung ber 
testen 9?aturre(f|tgp^afe finbet fid^ bei biefem furc^tlofen St)ftcmatifer 
vorweggenommen, wenn er ben 5ßfli(f|ten gegen bae SSaterlanb gleic^- 
ftellt biejenigen gegen jeben Staat, in bem man fein ®lücf gemacht 
unb fic^ niebergelaffen l^abe. — Öei ber ©efprecftung ber Staat^^^ 
uerfaffungdformen ^ält übrigen^ ^ufenborf ftreng au ben feit 
?triftotelei5 überlieferten l^pen feft; eine befonbere Slufmerffamfeit 
wibmet er ben öerfd^iebenen äKöglic^feiten , fold)e ISiu^elftaaten ju 
Staatenft)ftemen öon größerer ober geringerer (£onfiftenj ju oer- 
binben. S)ie einjelnen Seiten ber Staat«;t^ätigfeit werben eingelienb, 
mit ftaat^männifc^er J^adjfenntuife erörtert unb eben ^ier für boß 
pofitiüe Staatsrecht ja^lreic^e Probleme angeregt. 

ättö ein 3:i|eil ber ftaatlic^en SBefugniffc erfd)eint t>a^ JRec^t, ju 
ftrafen, basi Strafred)t batjer alö ein Äapitel bco Staatsrecht!^. 
SBieberum ftoften wir, wie bei ®rotiuS, auf bie förberube Seite ber 
naturrecl|tlid)en löeleuc^tungeweife. ©n eintjeitlicfter Gebaute ift ju 



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ni. Samuel ^ttfcnborf. 3) Äir(^enTe(ftt. 17 

^runbe gelegt, befanntlic^ ein ber fpäter fogenannten pf^c^otogifc^en 
^roangöt^eorie fc^Iagenb äf|nHrf)er. Itnb wenn biefe allgemeine 
SJegrünbung ber ©träfe andfi uollftänbig ^obbe^ entnommen ift: bie 
juriftifc^e ©urd^fü^rung ift abermals ^ufenborf'^ ficiftnng. 3)ie ?lm 
tüenbung ber ^w ©eginn bc^ @t)ftemsi entroicfelten fubjeftiöen öeöre 
auf ba^ @trafred)t geftaltet ficf) ^ier ju einer oufeerorbenttid^ fru(f|t^ 
baren ©c^ulblet)re, beren 5tufna^me in ha^ pofitiüe Sfiecftt nur nod} 
eine ^rage ber ^ext fein fonnte. 

ein pofttiDeif *ölferrecf|t irgenb tt)eld)er ?lrt, fei e^ Dertrag^ 
möBig begrünbct, fei e^ ftillfd^meigenb burc^ Uebung ätt)if(f|en ben 
ciüififtrtcn 9S6(Iern ju @tanbe gefommen, leugnet ?ßufenborf nocf) 
lueit cntfd^iebener ote ©rotiuS. 9lße fold^e Seftimmungen ermangeln 
if)m be^ rec^tlid}*binbenben ßtjarafterg, finb nid)t 9ted)t^fä^e, fonbern 
bloß SBertrog^in^alt, mie bei au^^brücftic^ ober ftiUf^n)eigenb jnjifct)cn 
.^mei ober met)r ^ßrioatperfonen gefd^Ioffenen ^riöatüerträgen. S)a^ 
für, bafe bie ©eltnng foIrf)eat SSertraggJin^atte^ ben Parteien auc^ 
o^ne 9Sertragi8fc^Iuß fetbftöerftänbücf) loerben, baö l)eifet eben au^ 
^i^ertrag^inl)alt objeftioe^ 9ierf)t ^eroorget)en fönne, fe^lt bem 
bcbuftiuen ©t)ftematifer ^^ufenborf jebe^ SSerftänbnife. Uebrig bleibt 
it}m als Stecht ^mifd^en ben SSöIfeni au^^fdiliefelirf) ba^ im Statur^ 
Suftanbe jttjifc^n ben einjelnen äKenfdjen gültige, triät)reub ber ®r= 
finber biefer anaIogifd)en SRec^t^quelle, Orotiin^, boc^ baneben öon einer 
,^roeitcn Quetle, bem conaensiis gentium, menigften^ noc^ gefpro^en 
I)atte. 35er SSiffenfdjaft öom pofitiüen SSöIferrec^t , ujelc^e burd| 
<^rotiu^ nur in ben 3d(atten jurüdgebrängt mar, ift burd| ^ufenborf 
gerabeju alle ßjiftenäberedjtigung abgefprod)en. 

3. ^ufenborf'^ naturred)tli(^e SBerfe befc^äftigen fic^ menig mit 
Äirc^enred^t. dagegen befi^en mir öon it)m einen eigenen Liber 
singularis de habitu Religionis Christianae ad vitam civilem 
Don 1687, metdjer bem gro&en Äurfürften gemibmet ift. 'ißufenborf 
gef)t ba, genau mie ©rotius^ unb §obbe^, üon ber 3bee aii^, baft 
bie ftirc^e nic^t aufeerl)alb beö Staaten fte^t, fonbern eine ^riüat^ 
(^cieUfd)aft im Staate ift, ot)ne 3^ang!^gemalt, mit Seitern, bie 
bloft 2et)rer, nid^t §errfd)er finb. S)emgemöfe ^at ber 3nl)aber ber 
Staat^gemalt aU folc^er bas 9ied)t, bie Äirc^e bal)iu ju beauffidjtigen, 
bafi fie bem ©taat^jtDede fid) unterorbne, in äußerlich guter Drbnung 
fei, meber öergemaltige noc^ üergemaltigt merbe; er t)ai alle äufeere 
öcmatt unb 3)igctplin, fetbft in (£^e^ unb öann^Sadjen, aU 

Sanbddrrfl, 9rf(fiid)re ber SBiffenf^aft. 2 

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18 <£tfte« Rapittl 

SScrtreter ber ©taote^, nic^t afe SJütglicb bcr Äitdie; ift er jugleid^ 
le^terei^, fo faim bie^ bie otjite^m gegebene Stellung nur in einjetnen 
fünften [teigern. SBünfc^cm^roert^ für ben ©tdat ift e^, bafe in it|m 
eine einfieitfirf^e religiöfe Ueberjeugung ^errfcfje, ipünfc^en^njert^ 
ba^er aud^, bafe ber ^errfc^er f)ierauf l^intpirle; jebod) ge^t biefer 
9fläcffi(f|t bie unbcbingte SRot^njenbigfeit ber (Semiffenöfrei^eit ent^ 
fdjieben öor. — ftlingen bie SSenbungcn, mit ipelctien biefer lejjte 
®a^ vorgetragen mirb, juuäcf)ft aufeerorbentlid) tt)eitt)erjig, fo bemerft 
niQn bocfi balb, bafi 5ßufenborf babei: blofe benft an ®en?iffenöfrei^eit 
für bie üerjd|iebenen Sc^njanfungen auf bem ©oben be^ gemeinfamen 
d)riftUc^et)angeIifc^en ®ef enntniff eig , ni^t etlüa in ber großartigen 
SBeife eineö Spinofa barüber l^inaui^; feine ^^oleranj entfprid)t 
genau bem bamal^, bei ber Stufna^me ber SReformirten auö J^ranf^ 
rei^ in fiur=S3ranbenburg , oon ©eiten b^ großen $)errfc^erö, bem 
baö S3u(f| geiüibmet ift, empfunbenen politifc^en Seburfniffe. 3m 
©runbe ift et^ met)r ber ^roteftant, ber gegen baö bie Äirdje einem 
njcltlicfien ^Regiment gleictife^enbe ^apfttl^um f einreibt, al« bcr 
moberne SKcnfc^, ber fitfi gegen firc^lic^en toie ftaatlictien ®ett?iffeni^ 
jttjang empört, heftige 5ßoIemif gegen bie lat^olifdie ftirc^e brid^t 
überall burc^; fdjeut fid) bod) ber SBerfaffer nid|t, biefer gegenüber 
ben ^^roteftanti^muö ben gürften beßljalb ju empfet)ten, meil fie bei 
biefem eine ftärlere, aujjfc^Iiefelidiere 9)?ac^t über if)re Untert^anen 
auöjuüben im ©tanbe feien. 

Smmcr^in tommt itjm ^ier »ie fonft baö SScrbienft ju, bie 
f)oUänbifc^en unb engtifd)en 3been Iter beutfd^en 9ieci^t^n)iffenfd)aft 
übermittelt ju t)abcn, fowof)! ben naturred|tlid| (ftatt tt)ie bieder 
gefc^id)tlic^) begrünbeten JerritorialüsJmu^ , mie bie Steigung jur 
Xolcranj, (entere ipot)! etnja^ eng^erjig aufgefaßt, bagegen erfteren 
unter SJermeibung bcr äußerften §obbeö'fd|en ^^arabofc. ©o tjatte 
.f)obbeö bcr Äird)e bie TOac^t ju ©etniffenö-aSergemaltigung nur 
genommen, um fie noc^ unbebingter, unb burd) alle meltlid)en 
3tüanggmittel oerftärft, feinem fieüiat^an Staat ju übergeben; I)ier 
nienigften^ ift biefer bei ?ßufenborf in feine ©c^ranfen jurüdgenjicfen. 
©0 t)atte überf)aupt ^obbee' Jerritorialigmuö im Jriump^e ein* 
feitiger J5olgerid)tigfeit bie .ftirdie gefnebelt unb bebingungöloö bem 
©taatc ausgeliefert; ^ufenborf finbet bagegen ttjcnigftcuö ein le^tcS 
^ülfSmittel, inbem er feiner ftird)c äKangefe publiciftifdjer , bie er 
it)r nid)t geben fann, minbefteni^ priüatrec^tlidie ©elbftänbigfeit als 



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m. ©antuel $ufenboTf. 4) 9)eutfdfte8 Staatsrecht. 19 

eiitem unabhängigen ?ßrtt)at^SoUegium öerfc^afft. Snfoferne, aber auc^ 
nur in btefem engften ©inne, ift eö ja jutreffenb, tt^a^ tt^o^I öon 
ifya gefagt worben tft, bafe er näntlic^ neben feinen territortaltftifd^en 
©runbfä^cn fdfion einen Slnfaß ju bem in feiner Slu^bilbung erft 
einer weit fpäteren 3^^* jugeprigen Sottegialf^ftem aufloeife. 

4. ^ufenborf'g^ weitaus origineUfte Seiftung liegt auf bem ®e*= 
biete be^ ^jofitiöen beutfc^en ©taatigrec^ti^. — 3n ber Äette üon 3lb- 
t)anbtungen über ^i^f^önb unb Sierfaffung beg Deutfcfien SRcid^^, 
welche fic^ an be^ ^ippolitl^ug a Sapibe berü^mteö ^antp^ret an^ 
fc^liefeen, marf)te für 2Rit* unb 3laä)tvdt ®pod^e ein 3Berf, ba^ jenem 
an ®Ianj unb Äül^n^eit ber 5)arfteIIung gteic^Iommt, eg an ©rünb:' 
lic^feit unb Sefonnenl^eit be^ Sn^alt^ übertrifft. ©3 erfc^ien juerft 
unter ber 95eseid|nung : Severini de Monzambano Veronensis de 
statu imperii Germauici ad Laeliuin fratrem dominum Trezolani 
über unus, ®enf (t^atfäc^Iid} 5Imfterbam) 1667, unb erregte fofort 
bo^ gröfete 8tuffel|en. 3lte SJerfaffer n)urbe balb unfer ^ufeuborf 
erfannt, ber bei ber Slbreffirung offenbar an feinen ©ruber Seremiad 
gcbac^t unb ftc^ namentlidi burd) perfbntic^e unb potitifc^e Partei* 
na^me für ben Äurfürften Äarl ßubnjig wn ber ^falj in ber gegen 
alle Uebrigen erbarmungölofen ©attjre öerrat^en ^atte. @r felbft 
nennt fid^ ate SSerfaffer erft in ber SSorrebe ju ber jtoeiten 2Iu^ 
gäbe, »elc^ jtoar noc^ öon ü^m gearbeitet, aber erft nac§ feinem 
3;obe im auftrage ber Serliner Stfabemie burrf} 3. ^. ©unbling 1706 
beforgt inorben ift. @o i)Qt er ju Sebjeiten feine Slutorfd^aft birect 
nie jugegeben ; bie t)on bem Sttonjambano vertretenen Sbeen ^atte er 
jeboc^ f^on üor 1667 in jmei §eibelberger S)iffertationen öorbereitet, 
nac^l^cr ^at er fie gegen üerfd^iebene Singriffe in einer ßunber 
2)iffertation öert^eibigt; unb öollftänbige Uebereinftimmung ^errfd^t 
jinifd^en ben allgemctn-ftaatörec^tlirfien @runbfä|en, auf weldien fic^ 
ber SRonjambano aufbaut, einerfeit^ unb ben entfprect)enben Se^ren 
in 5ßufenborf g SRaturred^t anbererf eitö : jene finb lebiglic^ bie correcte 
äntoenbung biefer. 

9?ici^t ate ob 5ßufenborf in biefem 3ugenbtt)erfe mit berfelbcn 
bcbuctiücn SRet^obe vorginge, mie in ben Elementa Jurispruden- 
tiae universalis von 1660; uielmel^r bringt ^ier be^ SSerfaffer^ 
praftifd)*einfic^tige unb ftaatömännifd) gerid^tete Seben^auffaffung 
burd^, in frifd)er Urfprünglid^feit reagirenb gegen bie 333eigerf(f|e 
gormel unb Sbftraction, tt^ie benn auö ber glüdfßc^en SWifd^ung biefer 

2* 

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20 ^t\M ttapittl 

beiben 9ii(f|tungen jpater wtebcr bad noturrcd^ttid^c ^aupttücrf l^erüor^^ 
gegangen ift. §ter totrb audbrüdüc^ in ber Sorrebe (in gorm eineö 
©egleitbriefed an bcn Sruber) ate einzig richtige äRet^obe jum ©tubium 
beö beutfd^en ©taatöred)tc« empfohlen bie Betrachtung ber SBtrHid^ 
feit, an beutfd)en §öfen unb in beutfdien Äanjieien; tooUe man ^id) 
baju frember §ülfe bebienen, Jo toenbe man fic^ nic^t ju ben cnblofen 
SBäljem, tt?elrf)e jeber beutfrfie ^ßublijift immer toieber auö ben üor- 
^ergetienben äufammengcfdirieben I)abe, ol^ne poUtifdicig SScrftanbnife 
noc^ fefbft&nbige äuffoffung; man rebe öielme^r mit ben im praf- 
tifd^en Seben fte^enben äWSnnern, einem einjelnen ^eröorragenben 
©etel^rten ober ©taatömanne — beutlid^ erfennbor finb bamit Sonring 
unb Soineburg bejeic^net — : fo werbe man fc^on jur ©infic^t gelangen. 
aRan bemerfe mo^I: öon gefc^i^tlic^en ober gar t)on urhinb^ 
lid^en 33orftubien ift mit feinem 3Borte bie SRebe. Unb fo ift benn 
auc^ bie ®efc^ic^töfunbe, mittete toeld^er ^ufenborf bie ©ntfte^ung ber 
augenblicflidien beutfc^en SSer^ättniffe begreiflich machen will, bebenf- 
lic^ oberfläd^Iic^, be^ fpäteren pragmatifc^en ^iftoriferd 5ßufenborf 
wenig würbig. ©inige geniale ©liefe, wie bie richtige äuffaffung 
üon ber Söebeutung ber erften römifc^en Sfaiferfrönung ober bed 
SBormfer ©oncorbatei^, finb ja f|ierburc^ nic^t auögefc^loffen ; aber 
fonft ^anbelt e^ ficf) entweber blofe um bie allgemeinften, lanbläufigen 
©runbjüge ober um fü^n*p^antaftifc^e Kombinationen ju beftimmten 
3wecfen. 3n biefem Sinne fpielt bie §auptroQe bie Unterfc^eibuug 
jtüifrf)en feuda oblata unb coUata. Sefctere finb folc^e fielen, . 
welcfie ber SJajalt öom iJe^en^^errn auö beffen ©igent^um ermatten 
^at; erftere finb fielen, wefcCje baburci) entftanben finb, bafe ber biö^ 
^erige ©gent^ümer 2anb einem SRäcfjtigeren ju Gigentl^um übergeben 
unb bann ate Sef)en öon biefem jurücfempfangen \)at 3nbem nun 
5ßufcnborf bie juriftifcf)en folgen biefeö Unterfc^iebei^, ber bod) blofe 
ein folc^er ber (Sntfte^ung ift, für bad 3Sefen ber entftanbenen 2e^en^= 
öerf)ältniffe in'ö Uebertriebene fteigert; unb inbem er ate ^iftorifc^e 
3!^atfad)e fingirt, alle Se^endbe?iiel)ungen jwifc^en bem Sfaifer unb 
ben beutfc^n dürften feien burc^ Dbtation entftanben: fo folgert er 
{)ierauö bie gefcf|ic^tlicf|e ^Berechtigung für bad geringe SKafe ber ©ot- 
mäfeigfeit, in welctjem tt)atfäcf)licf) bie ölieber beö SReic^d ju feinem 
Raupte fte^en; nicf)t um eigentliche Untert^änigfeit fönne eö fid^ 
befe^alb jwifc^en i^nen ^anbeln, fonbern blojj um eine societas 
inaequalis. 

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m. Samuel $ufenboTf. 4) 3)eutf(teft ©taatSrec^t. 21 

©0 f^icf bie« ate gcfc^ic^tlic^c Änfc^auung ober gar aö 
juriftifc^er ©c^Iu|, ]o treffcnb tpar e^ ate ©djirbcrung ber (Segem 
wart, hierin liegt bie ©tärfc be§ SRonjambano. 3Bie bai^ SReic^ 
QU^ bcn gugen gegangen ift, »ie 9ieIigiondf)a| unb SBürgerfriegc 
0)m ben legten ©tofe gegeben fjoben, njie bie äWac^t beö Äaiferö fic^ 
au^fc^üefelid) onf feine territoriale ©tellnng ftü^t, meiere Sntereffen 
unb 9Waci^tt>erf)ältniffe bie 5ßolitif ber ©tänbe beftimmen, baö erfennt 
^ufenborf auf ö ftarfte unb fpric^t ed in Verebten 3Borten auö. 5)em 
Saifer ttjerben nic^t blofe biefe unangenet)mett SBa^r^eiten gejagt, 
fonbern aud^ bie l)erbften 3?ortt>ürfe anberer Art gemad)t, nantent* 
lieft wegen financieüer ?Iuöbeutung ber 3^ürfennot^; ben dürften 
»irb i^re oerfe^rte ^errfc^ unb ©onberungefuc^t üorgcftalten; auf 
bie gciftlit^n f)erren regnet e^ ©pott unb 4>o]^n; too ?ßufenborf e^ 
bciammert, bafe baö an Sfuöbe^nung, SKenfc^enmaterial unb natür* 
lid^em 9ieic^tf)um jebem feiner SWac^barn überlegene 3)eutfd^(anb in 
golge feiner mange[t)aften 9Serfaffung jur SRad^tlofigfeit öerbammt 
fei, ba brtd)t bie ingrimmig patriotifcfte aSerjmeiftung be^ S)eutfc^en 
hinter ber 3Ra^U beö StalieneriS ebenfo burd^, tt)ie bei ben 2tnflagen 
gegen bie geiftlid)en gürftentl^ümer ber ^afe bt^ ßut^eraner^ hinter 
ber äWa^fe beö ?ßapiften. 

äug biefer feiner potitifcf) Maren Äuffaffung ber oorüegenben 
^Serftättniffe jie^t ^ufenborf ben beftimmten ftaatdrec^ttirfien ©d)lu§ 
auf bie ©ouüeränität ber beutfdien ^Territorien. 3Kel|rere fouöeräne 
©tauten fonnen nun aber nac^ feiner Segriff^beftimmung nid^t ju* 
fammen ®nen ©taut bilbcn, fie fönnen fid) blofe sufammenfc^tiefeen 
5U bem, UjaS er ein ©taatenftiftem nennt, b. l). ^n einem ©taatenbunb, 
loie mir un^ au^brücfen. Unb ba er nun bod) toieber oicl ju tiar 
fie^t, um jugcben ju fönnen, bafe bie bcutfc^en 9Ser^ä(tniffe unter 
bicfen legteren ^Begriff paffen, ba er bie 5ßrärogattt)en bei8 Staifer^, 
bie Sefugniffe ber Sieic^geric^te, furj bie 9iefte ber alten monar^ifdien 
^Berfaffung hierfür afe ju ftarf erfennt, fo bleibt i^m nur übrig, bie 
gegenttjörtige Sieic^döerfaffung al§ eine begriff^ujibrige, unter feinen 
©egriff paffenbe, fur^ ate eine „monftröfe" ju beseid^nen. ,,5ßo(itifd|e^ 
STOonftrum" — biefe SBenbung fd)afft er fid) ate ted)nifc^en Stu^brud 
für eine ©taatdorbnung, bie fid| feinem ftaatörcd^tlid^en ©d^ema nic^t 
fügt; in biefer 9Ketl|obe, an bie 3Birftic^feit ben aprioriftifc^ gebilbeten 
3Jiafeftab anjulegen, erfennen mir ben naturrec^tlid^en ©^ftematifer 
mieber; in ber SSe^auptung, S)eutfd|lanb fei ein füld)eö politifdieö 

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22 ®^cftf« Stapittl 

$D?onftruni, treffen tüie in einem SBrennpunfte beS SSerfafferd politifc^e 
unb naturrec^tlic^e Sluffaffungen jufommen. Stuf fie legt er bed^atb 
baö $aupt9ett)irf)t, fie bitbct ben Äern feiner Stu^fü^rungen, n?irffam 
wie ein ed)te^ ©d^Iagnjort, bag fie ift, ober boppelt mifeöerftönbüc^ 
unb gefal^rlid} afe folcfieö, toeil ber ^ier ju (Srunbe getegte miffen== 
fd^aftlidje Sinn ber SRonftrofität ni(f|t unerJ^eblid} abtt^eic^t öon bem 
poputären. 

gaft ift'^, ate geriet^e $ßufenborf }elbft fd^Iiefelid^ in ben öann 
biefe« feinet Slu^brucfeö bei feinen 85efferung^t)orf(f|Iägen. ©tott fid) 
babei, tt)ie biö^er, on bie praftifd^e SrtDögung ber üorl^anbenen ©e= 
bürfniffe unb SRittel jju {galten, jeigt er fic^ jefet ganj bel)errici^t öon 
bem SBunfcfte nod) ©efeitignng ber SKonftrofität. Um fic^ j" netten, 
foll 5)eutfc^Ianb fid} ber 3)octrin fügen, oon einem irregulären ju 
einem regulären ©taat^toefen inerben ; unb ba man nid^t baran benfen 
fanri, bafe e^ ttjieber ©nl^eltöftaat merbe, fo bleibt nic^ti^ übrig, afö 
bie ©elbftaufföfung ju einem ©taatenbunbe. greilid^ uic^t, tvk 
^ippolitl^ug a Sapibe „nad) Slrt me^r bc^ ^enferö ate bei^ ?Ir^teö" 
gerat^en l^t, unter 9tu^fto6ung Defterretd)!^, aber bod) unter S8e= 
f c^ränfung be^Sfelben auf bie Sunbei^präfibentfc^aft : in bem S)cutfd)en 
Sunbc unfere!^ Sa^r^unbert^ würbe 5ßufenborf fein Sbeal erblidt 
I)aben. SWäl^ert er fid^ ber SSerfaffung beffelben in feiner smeiten 
3luflage, in toelc^er er formal mit ber S?orfid)t unb SKilbe beö 2llter^ 
bie Spieen gegen Cefterreid) unb gegen bie SÜird)e f orgfättig abgebrodien 
f)atte, büd^ nod^ met)r ate in ber erften! 3n biefer l^atte er bod) 
für feinen ©unbe^ftaat nod^ bie 3Köglid)teit binbenber 9Kajürltötc>- 
befd^lüffe unb einer ßeutralgenjalt mit Werii^tö^o^eit unb ©i'ecutio* 
üollmac^t gegenüber ben Sunbe^gliebern offengelaffen ; feine natur- 
red^tlic^e Se^re aber, mie fie fic^ injmifc^en noc^ fefter audgebilbet 
f)at, fie^t jebe folc^e ftraffere 3wf^wi^^^JUoffung alö unvereinbar an 
mit bem öölterrec^tlid^en @t)ftem, ju »eldjem ba^ 9ieid^ nun einmal 
merben foll; unb fo bleibt in ber jttjeiten Jluflage bem ilaifer einjig 
bie Slufgabe, ben 5Jerfud) gütlid^er ©nigung fämmtlidjer unter it)m 
öerbünbeten gürften unb Stäbte anjuftellen. SBie ein foldier SJerfuc^ 
jemals gelingen foUte, baö öergiftt ^ufenborf unö ju erflörcn; ben 
politifc^en (Sreigniffen njar bamit fein 2)octrinartömu^ immerhin um 
ein 3a^r^unbert üorangeeilt. 

®^ märe irrig, ju fagen, baft bie beutfc^e SRec^töiuiffenfd^aft 
biefejg Saf)r^unbert^ unter ber §errfd)aft üon ^^Jufenborf'^ naturrec^t* 

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IV. üctBnit. 1) "Slatuxxtdit 23 

Heiden 3becn geftanben ^at ; baju fiub btcfelben ntc^t urfprünglirf) genug, 
roefcntlic^ ben ^oHcinbcrn imb (Snglänbern entnommen mte fie fiub. 
3Bo^t aber wirb man fagen muffen, bafe ?ßufenborf bie üon i^m 
€ntlet)nten naturretf|tlicf|en 3been in felbftänbiger, befonnener unb nac^ 
beiben ©eiten l^tn fad^öerftänbiger 3Bctfe ju einem juriftifd^en ©ijftem 
^uf ammengearbeitet ^at, unb bafe allerbingg biefcö fein Softem mafi= 
gebenb für bie SJerbinbung unb baburcö für bie (Snttüidtlung üon 
9?ec^t^p^iIoio})^ie unb Suri^pruben^ im ac^tje^nten 3a^r]^unbert 
fleroorben ift. 

IV. 1) Slbfeitg biefer Seroegung, auf btefelbe uberrogenber unb 
be^errfc^enber ^ö^e fteljt Seibnig. (£r ift nidE|t nur öon ber 9lecfttg== 
lüiffenff^aft ausgegangen, fonbern er i)at if)x auä) einen Xfieil feiner 
fc^affenben I^atigfeit jugetoenbet unb ftetg fic^ feiner ©ejie^ungen 
,^u i^r gern erinnert, ©pielt fie boc^ eine mef entließe SRoQe in ber 
^lueprSgung feiner Se^ren unb feiner ^erfönlic^teit, inbem baö für 
beibe begeid^nenbe öebürfnife nac^ aUfeitig ]^armonifct)er 3?erbinbung 
unb ?(uggleid)ung in ber §anbf|abung reinfter ©erec^tigfeit feine 
^efriebigung finbet. ©emgemäfe bürften menige ^^ilofopl)en ben 
begriff ber ©erec^tigfeit fo \)o^ unb ineit gefaxt ^aben, ttjie iJeibni^, 
bem fie gerabeju bie burc^ SBeiS^eit beftimmte ®üte beS l|5tf|ften 
Scfenö ift. Unb ba nun Seibni^ ficf| entfdjieben njeigert, auS biefcm 
itjeiteren gelbe einen engeren Sejirf für bie 9Jccl^ts^miffenfd)Qft ab- 
^uftccfen, ba er fo ®ere(f|tigfeitöiriiffenfcl)aft unb 9tecl)tsmiffenf^aft 
DoUftänbig ibentificirt, fo mirb if)m le^tere wirttic^ Ujieber ju einer 
rerum divinarum et humanarum scientia, fie umfafet i^m nic^t 
nur pofitioeö unb natürlichem Stecht, iSilligfeit unb ^olitif, fonbern 
fetbft SÄoral unb 3;f)eologie. 

5)ie geringfc^äfeige öeurt^eilung, rvd6)e fieibnift fonjo^l bem 
3uriften mie bem ^f|ilo)op^en ^ufenborf su $:^eil ttjerben liefe, 
rtd)tet ftd) namentlid) gegen beffen Steigung, bie tlieologifc^en unb 
momöglid) felbft bie et^ifc^en (Elemente auS bem ?iatürred)t ab= 
äuftoßen; er tabelt biefe faubere ©onberung ai^ S?ernac^täffigung 
flcrabe beS aBejenttid)en, baS ber äufeeren (Srfd^einung beö SRedjtß 
erft ^alt unb 3n^alt giebt; er fe^t bem feine eigene Slbteitung beö 
Siaturred^tS au« ®otteS 2SeiS^eit auf'^S )d)rofffte entgegen. Srfdjeint 
fo 2eibni§ baS ^ufeitborf'fdie ^rincip ber ©ociolität ganj ungenügenb, 
mie mürbe er oottenbö über bie jpäteren SSertrag^öprincipien ben Stab 

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24 <^ted Stapittl 

gebro(f|cn \)abm, er, her binbenbc ÜKac^t bem SBertrage nur lücgcu 
etncig billigen unb geredeten Sn^ottö, feinei^tDeg^ fc^Icc^t^in einräumt^ 
inbem er ein S)ü^pofitiondrec^t bed ©ujelnen über ficf) unb feine 
JRec^te nur innerfiatb ber Sc^ranfen ber objeftiöcn ©erec^tigfeit 
onerlennt! (Sbenfo f)ätt er im ©trofre^te feft an bem abfotuten 
SSergeltung^princip, tt)ennfd)on baöjelbe in golge ber ^armonifc^en 
SBelteinric^tung jugleic^ jum praftifd^en Sfu^en bed ©taate!^ unb be^^ 
SBerbred^er«^ fetbft füljrt. ®erabe ben fortgcfdirittenerett unter ben 
3ettgenoffen mußten joldje ®ä|e, bie un^ aU Sßortoegnatjme 
üertiefenber ©ntmicftung fic^ Ieid)t erfd^liefeen, aU Slücffall in bie 
fdiolaftifc^e 5)enfart erfc^einen. 

2. Um fo unöerfennborer mar ber gortfc^ritt auf bem ©ebiete 
ber Suri^prubenj im engeren Sinne, burc^ bie „Nova methodus 
discendae docendaeque jurisprudentiae'*. ©ie ift gefc^rieben 
1667, mit bem burrf) ©oineburg angeregten unb oermitteltcn Qmtd^ 
fid) bem ©rjbifc^ofe Sodann ^$f)iUpp öon SöJainj ju empfef)Ien, o^ne 
literarifc^c ^ülfömittel, auf ber Steife, im ©aft^of. 3)cn tS^arafter 
biefer eilfertigen ©ntftel^ung trägt fie beutlic^ jur ©c^au; aud) bie 
grofee 3ugenblid|teit be^ Serfaffer^ ift öielfac^ erfid)t(ic^, in ber 
rurffid^tiJtofen Äedljeit ber SSorfc^Iäge, in manchem SEBiberfpruc^e 
gegen fpätere, abgetlärtere ?lnfd)auungen, in ber ?lbt)ängigfeit üon 
Sacü'ö Novum Organum. 9lber fie enttüirfelt eine güQe origineller 
unb reformatorifd)er Sbeen. 

S)abei get)t fie m^ uon bem 9teci^t!^unterrid)te ; mit tä)t fieibni^'- 
fdjer ©rünbli^teit üerlongt fie für benfelben bie Vorbereitung einer 
mögtic^ft unioerfellen a^orbilbung, toeldie bid jum ad)tje^nten Sebenci= 
jat)re reidien foll; ben fo S^orgebilbeten madjt fic^ bagegen baii^ 
Seibnijj'fdje Verfal)ren an^eifd)ig, in jmei Sauren (ftatt ber bamal^ 
üblichen fünf) jum 3uriften I)eransusie^en , inbem biefe fo ftarfe 
3lbfürjung ermöglirfit loerben foK burc^ ftrenge SKetljobifirung ber 
SSiffenfdiaft felbft. 3)iefelbe ift j^u bem Se^ufe, nac^ ?Inalogie ber 
Ujefem^äftnHdien 3:i)eo(ogie, ^u jerlegen in oier 3:i)eile, ben bibaftifd)cn, 
f)iftorifd^en, ejegetifc^en unb polemifc^en. — Um baö Mömifc^e 9{ed)t, 
melc^eö fid^ bei feiner inf)alttid)en 9?ortrefflid)feit für ben bibafti]d)en 
Slnfangi^unterridit cmpfiel)lt, tlier^ju gans geeignet ju machen, märe 
eö einer formalen Umarbeitung ju unterjie^en, ba c^ in ber ©eftalt, 
mie eci und in ber Suftinianifc^en Äompilation vorliegt, burd^ 
orbnungdlofefte Söeitläufigfeit obfc^redft. ©tatt biefen 3Sufte« mären^ 



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IV. fieibnif. 2) «ßorittö=3ttt!fHf«c«. 25 

unter ^Scrjid^t auf alle Segalorbnung — benn and) baö 3nftitutionen* 
Softem ift mct^obifrfi abfolut unbrouc^bar — I)auptfäc^Iic^ jlüet 
f^ftematifc^e fiet)rbüc^er au^juarbeitcn : ein elementare^, in tapibarer 
Äfir^e an bie jtüölf ^^afefn crinnernb, blofe definitiones et prae- 
cepta bietenb, ftreng öom 9lUgemeinen jum Sefonberen in Sitein unb 
Unterabt^eilungen öorgefjenb ; unb ein novum corpus juris, tuelc^e^ 
bie lejte be^ Snftinianifd^en , aber fljftematifc^ neu georbnet, auf^ 
nd^me. — gür ben f)iftorifc^en 2:t)ei( finb befonbere fie^rbüd^er ju 
öerfoffen, eine Historia mutationum juris unb eine Historia 
irenica ; aufeerbem ift tieranjuäie^en bie ®efd|id^te ber f laffifc^en unb 
mobemen Staaten, foroie bie Äirc^engefd|ic^te. — S)ie ©jegefe 
beanfprud)t eine befonbere ^Vorbereitung : baju benöt^igt eö einer 
Philologia juris, einer Grammatica legalis seu Lexicon juri- 
dicum, einer Ethica et Politica legalis, einer Logica et Meta- 
physica juris; b. f). a(fo fd)Iiefelid) einer auf ben juriftifc^en 3^^^^ 
jugearbeiteten ®nc^fIo})äbie, toobei Seibni^ ja^treid^e 3BiIHurIid)feiten 
im (Sinjelnen unterlaufen, tt^ie tt^enn j. 93. jur „Logica'* axii) bie 
26fung ber eigene be^^alb äufammenjuftellenben Stntinomien im 
Corpus jur. civ. gehören foß. S)ie ©jegefe felbft foK bonn nac^ 
bem mos Italicus ftattfinben. — Äennt man fo bie SEorte ber 
(Sefeße unb iljrcn 3nt)att, fo gelangt man enblid^ j"^ Dcean ber 
^olemif. ^ier toürbe eö jur Setoöltigung ber 9Kaffe eine^ großen 
Sammelttjerfö, jur Gewinnung fieserer fac^lid)er (Sntfctieibung ber 
anle^nung an ben feften Sau be^ 9?aturrec^tö bebürfen ; ben Slbfc^lufe 
mürbe, ate neueiS 5ßanbeftenloerf, ein Syntagma juris universi 
bilben. — 5)ie^ bürfte im njefentlidjen ber ®ang ber jufammen- 
t)angenben ©ntttjicflung fein; ein S)efiberaten5Äatalog am @nbe, 
analog bemjenigen am ©diluffe uon 95üco'^ Novum Organum, 
ftellt bie bemgemäfe nac^ neuen ®efic^t«Jpunften l)eräufteüenben SBöc^er 
unter 31 Stummem jufammen. 

3m ?(uftragc besj äRainjer 5turfürften trat Seibni^ an bie ?lud= 
fu^rung tuenigften^ @iner Stummer biefed 5ßrogrammö, burcf) eine 
«Sieconcinnation'' be^ Suftinianifd^en SRed^tebud^eö, al^balb f)eran, 
Sufammen mit bem i^m t|ierju beigegebenen äWainjer ^ofratl) ^ermann 
?lnbreaö Saffer. lieber nicf|t p lange 3^it fonnte er berid)ten, bie 
einleitenbc 3;obelle, nucleus legum gefieifeen, fei bereite ganj fertig ; 
bie fqftematifdie ßufommenftellung beg 3^ejte^ bi^ jur ^älfte fort= 
gefc^ritten; be^uf« ber beijugebenben Erläuterung fc^ttjieriger ©teilen 

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26 €rfted Stapittl 

cnbltd^ feien i^rer ungefähr l^unbert burdigegangcu unb florgeftellt. 
S)ann aber fc^eint bie %xbtit geftorf t ju ^aben ; bie ^rincipten tvurben 
noc^ einmal bar gelegt in einem ©c^riftd^en unter bem Xitel: „Ratio 
corporis juris reconcinnandi" ; öon ber ?ludfü^ruug ift, abgefe^en 
Don einigen ganj geringen, biefer ©cfirift an^angcmeife beigegebenen 
''^Jrobeftücfen, nichtig unter bie treffe gefommen, bi^ auf jerfprengte, 
tt)af)rfd^etnlt(f| batier ftammenbe Fragmente, bie im 3at|re 1886 
tüiebergefunben unb veröffentlicht njurben. — ®efd)eitert ift biefer 
^^ran offenbar nidE|t bloft äRangefe Sluöbauer, fonbern toefentlid) 
9Äangete Sluöfü^rbarfeit bei bem bamaligen ©tanbe ber 3Biffenfci^aft. 
Unb wenn Seibni^ anbere feiner ^rogrammnummern ju erfüllen nic^t 
einmal öerfucfit ^at, fo mag ja fein, bafe für einen großen 2f)eil 
berfelben beim 3?erfudE|e berfetbe SRifeftanb l)eröorgetreten wäre. 

Slber fte^t e« nid^t um Öaco'ö pt)iIofopt)ifcl^e 5)efiberata ebenfo? 
Unb ift nid)t SBaco'jj^ SBerf barum bod) oon ber größten SSirffamfett 
gemefen? ©old)e @d)riften tt^irfen eben weniger burd^ it)ren pofttiöen 
3nl|att, aU burd) ben ®eift ber Äritit, mit meldiem fie ben Sann 
ber Xrabition brechen, unb burdj bie ?lnregung, n)eld)e fie ju neuer 
J5orfc^ung geben. 3Benn fpäter Xl^omafiue^ t^atfädjüc^ eine neue, 
cnct)flopäbifd) begrünbete, auf bie SDauer öon jtuei 3a^ren berechnete 
juriftifd^e Se^rmettjobe eingefül)rt t)at; menn immer mel)r bie ÖegaU 
9)?et^obe üerlaffcn tüorbcn ift, unb furje f^ftematifdje fieljrbüdjer, bie 
fogenanntcn C£ompenbieu, ben SBorlcfungen ju ©runbe gelegt toorben 
finb; wenn bie Suriften immer me^r gelernt l)aben, ben 9ia^meu 
ber engften (liöiliftif ju fprengen unb il)r gad) burcf) SSerbinbung 
niit ^t)ilofopljie, (Sefc^ic^te, *jßotitit ju befruchten: fo ^at für alle 
biefe SSorgänge bie Nova Methodus ben 3öeg gezeigt. 

Seibniß' ciöiliftifc^e Sugenbarbeiten finb im örof^en unb ©anjeu 
me^r für bie (Sntwidtung feiner ^^erf önlid)?eit , al^ für biejenige 
ber 5Red^tsiroiffenf(f|aft öon Öebeutung : mögen fie nun ber 2iebt)aberei 
ber S^it JU matl)ematifc^en .Slettenfd^lüffen in ftrengerer 2)urc^füt)rung, 
ale ein ä^nlid^e^ Sugenbwert ^^Jufenborf'e, fröl)nen; ober frü^jeitig 
für bie Sfeigung be«; ^^erfaffer^, ^^Jl)ilofop^ie unb Stecht ju üerbinben, 
äeugnife ablegen; ober fc^licfelic^ aud|, wie bie bebeutenbfte unter 
if)nen (Diss. de casibus perplexis, 1666) mit ec^t juriftifd)em 
Sinne bie „Äreujung^^punftc jmeier Ked^t^ibeen" bei ben J^ällen 
fcfieinbaren SBiberfprud)^;^ t>t^ Stecht« mit fid^ felbft auffuc^en, um 



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IV. ßcibni^. 2) ^ofitiö-afurifHfc^eS. 27 

baburc^ jebe einjelne jener SRed^töibeen geller ^n beleuchten. Später 
t)at er prit)atred^tlid)e 9D?aterien nur nodj ^lüeimal berührt, öinmal 
in einer e^ere(i^tlirf)en 5Differtation au^ ber 3ctt feineö ^ßarifer ?luf= 
ent^attg, n?elc^e njentgen befannt gettjorben ift. ^a^ anbere Wlal 
in ber berüf)mt unb mafegebenb getuorbenen Slb^anblung (Meditatio 
juridico-mathematica de interusurio simplice, in ben Acta 
eruditorum öon 1683, ®. 425 — 599), njeld^e, im ®egenfa^e ju ben 
mat^ematifrf) unhaltbaren Stufftetlungen eine^ ©arpjot) unb ju ber 
ungenügenben formet ^offmann'^, un^ juerft bie richtige öerecfinung 
be« 3nterufurium^ mit äi^fc^äi^fc" gelehrt l^at. 

SBebeutfam für baö 5ffentlid)e 9te(f|t ift ^eibni^' grofeeö Urfunben^ 
ujerf, ber „Codex juris gentium" t)on 1693, mit feinem Slad^trag 
(Mantissa) üon 1700. 3ft bie juriftifcfie SJertocrt^barfeit biefer, 
üUerbingö äunärf)ft im ^iftorifrf)en Sntereffe gefammelten ©tüdfe fc^on 
burdj ben 2;itel ^erüorgel)oben, fo ttjetfen bie SSorreben mel)rere äWafe 
au^obrürflirf) barauf ^in. Unb ätüar fotuo^l mit ^inbücf auf bac- 
beutfdie Staatsrecht, inbem fte j. 33. Urhtnben jur (.'^efc^icfite be^ 
üuöfc^IieBlic^en Äurfärften=SSal)frecf)t!^ juf ammenftellen ; alö mit ^^in- 
blicf auf pofitiueö <Btaat^- unb SSöIferrec^t im ^IHgemeinen. Snbem 
^ier Seibni^ ben pofitiöen ©a^ungen im S^ölferred^t juerft mieber 
9tauni fc^afft gegenüber ben auS oberften ^ßrincipien erfd^toffenen 
naturrecf)tlirf)cn fiet)ren, fte^t er für feine Qext gegen ®rotiuö unb 
me^r nocf) gegen ^ufenborf gauj Derein^eft ba; in biefer SSerein- 
,^eliing ift er bis auf ben älteren äRofer geblieben, dagegen fielen 
biefelben urfunblicl)en 93emut)ungeu, fomeit fie ha^ beutfd)e ©taatig- 
recf)t betreffen, mit ben ©trebungen ber 3^^^ i" fruchtbarer SBeife 
jufammen, namentticf) mit ber realifttfc^en Seujegung, tt)ie fie öon 
Otto, 95rautlacf|t, Sieinfingf, fiimnaeuö au^ge^t. §ier tüar bie 
Sieigung, baö 9iecf)t auö ben 2;^atfacl)en ju getüinnen, ftatt eS au^s^ 
Siegeln ju conftruiren, fd)on t)or Seibni^ üortjanben, nur baf? man 
bei ben 3^^atfac^en met)r an bie S3eobacf)tung ber ®egentt)art backte, 
in unmet^obifc{)==bilettantifcf)cr SSeije, tt)ie Ji. ^S. ein ©eöeriuuS be 
3Ronjambano uerfät)rt. 3)em ^at benn nun allerbingö aucf) üetbnifc 
nic^t efma buxä) 9Iugbilbung einer 9Kett)übe ber Urfunbenfritif unb 
bes llrfunbenbeujeifeö abgeholfen; aber er l|at boc^ bem gegenüber 
ein trefflic{)e^ ©eifpiel foldjer ftreng miffenfc£)afttic^en Öet)aublung 
gegeben, n^elc^e«^ benn aucf) nid^t gans o()ne unmittelbare glflcflid)e 
SBirfung geblieben ift. 

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28 ®rfte« ira»)itel. 

©tnjelne Sciträge, tpeldje Seibni^ jum S)eutf(f|en ©taatörecfit 
geliefert i)at, finb geringeren SOSerttieö. 2)aö gilt felbft öon bem 
unter bem ^feubon^m Caesarius Furstenerius herausgegebenen 
Tractatus de jure suprematus ac legationis principum Germaniae 
öon 1678, mit feiner Dermitteinben Stellung gnjifd^en ben Slnl^ängern 
ber faiferlicften ßentralgen)alt unb ben SSerfed)tern ber lanbeö^errficfien 
©out)eränität. ®rft recfit gilt eS Don einer ?lbt|aublung, toeldje im 
3ntereffe ber ^annoöer'fcfien fiurtoürbe \>a^ fflr biefe ju frf)affeube 
©rsamt einei^ SReid|!Sbannerträgerö bem SBürttembergifc^en Sefi(je ber 
JReidjSfturmfa^ne gegenüber rechtfertigen füll. SBefentlid} tiefer greift 
eine S3etrQd)tung gefegentlid) ber Slnna^me ber Äönigönjürbe Seitens^ 
5riebrid|S I. öon ^reufeen. 2Rag bie auS gleichem ?Inlaffe gefdiriebene 
ßubett)ig'fc^e 3)ebuction bei §ofe ben größeren Srfotg get)abt, öielleid)t 
and) bie umfaffenbere ©ele^rfomfeit aufgeboten t)aben, — Seibni^ ift 
t^ bod|, ber baS flaffifd) abfdiliefeenbe S®ort jur 9ied)tfertigung bei' 
preufeifc^en 9Sorgef)enö gefunben \)at: „5)er Xitel", fo fagt er, „ift 
roefentlic^e ©rgänjung ber ®ad)^ ; bat)er ift Sliemanb Äönig, ber nic^t 
Äönig genannt ttjirb, mag man auc^ ^infic^tlid^ feiner 3Wad)t unb 
anberer Umftänbe t)on it)m fagen fönnen, ttjie man eS tt)atfäc^tid) 
bereits t)orf)er öon bem heutigen Jlönige ^reufeenS fagen f onnte : „er 
t)at 3lHeS mie ein Äönig" — ,, habet omnia regis**. 

3) Sei ber SBürbigung t)on Seibni^' Ginflufe auf bie SuriS^ 
prubenj tt>irb man fic^ nidjt auf feine naturrec^tlidien Slnfd)auungen 
unb juriftifdien SBerfe befc^ränfen bürfen; man mirb feine @efammt:= 
tt)ätigfeit, in Schriften, ©riefen unb perfi)nlic^eu öejiel^ungen, in'S 
5luge ju faffen ^aben. 

©in burd|get)enber 3wg berfelben ift bie ©emü^ung um Sobi* 
fication unb Suftiäreform. ?ln ©teile beS einfeitig SRomaniftifdjen 
unb unburc^fü^rbaren ^rojecteö ber Nova methodus unb ber mit 
Saffer gemeinfamen SSorarbeiten waren ba mit ber 3^it ganj anbere 
^Infc^auungen getreten; tüeitl^erjiger in Öejug auf SRed)tSftoff n)ie in 
33eäug auf J^orm, unter preisgäbe ber tabellarifc^en ^luSjüge unb ber 
unmittelbaren 9lntet)nung an baS 3uftinianifd)e SRec^tSbud). 3!)iefc 
mit bem ?llter gereiften 3been bringt jum flarften unb fnappften 
9luSbrud ein Srief an Äeftner auS beS 58erfafferS le^tem ßebenSjat)rc, 
inbem er ba rätt), eS folle ein neuer Eobej, „furj, flar, auSreidjenb, 
unter offen tlid)er 9lutorität . .", „auS ben römifd)eu ®efe^en unb 
anbercn S)enfmätern beS öaterlänbifd^en 9ied)tS unb auS bem gegen= 



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IV. £etbnit. 3} m%tmtintx (Stnflug. 29 

TDÖrtigcn 9fiecf|t<^c6rauc^, ober öotjüglic^ qu^ einleucfitenber S3iUtc(feit" 
tjerfafet roerben. Unb ba eö 511 Seibnifeeu^ Qtxt o^ne jebc Slui^fid^t 
tvf^cn, auf bcn ©riafe cineö folc^cn @cjejjbu(f|eö öon 9teic^ mcgen 
^u lüQrten, fo f)at er cö auc^ nic^t öcrfc^mä^t, bic lerritorial-öefe^ 
gebung ju bemfclben QieU in Slnjpruc^ ju neunten. So öor allem 
in ^reuften, too baö erfte SBIatt ber Acten, iüelrf)e bte Äammergeriditi^^ 
orbnung öom 1. äWärj 1709 öorbereiten, einen Äuffa^ üou £eibni^end 
^anb trägt, in roelc^em biefer ebenfo turj mie nadibrüdflic^ auf um- 
faffenbe Suftijreform bringt. 3)en emft^aften 93eginn einer jolc^n 
bilbet aber toirfli^ jene Äammergeridit^orbnung, )o ba§ baburc^ 
£eibni| in unmittelbare Sejie^ung tritt ju ber ganzen legii^Iatii^ 
cobificirenben ©etoegung, tt)eid|e ba^ ^ßreufeen beö ac^tje^nten Sa^r- 
tjunbertö immer roieber erfaßt, um erft mit bem ^reufeifd|en Sanbreci^t 
^ur Stu^e JU fommen. @enau fo fte^t Seibnift ju ber Cefterreic^ifc^en 
©efefegebung; ift er e^ boc^, tt^etd^er an ben i^m burd| ßQnfer'55 S?er= 
mitttung geneigten ^ofrat^ ^oc^er ben SSorfd^Iag jur ^erftetfung 
eine^ Codex Leopoldinus ^at gelangen laffen, einen SSorfd^lag, ber 
im Codex Theresianus oern)irfti(f|t toerben foUte. ©elbft bi^ ^^?etcrd^ 
bürg reicht biefe 3^^ätigfeit be^ raftloö unb intemationat tt|ätigen 
"Senfer^, ber im ?(uftrage 5ßeter'^ be^ ©rofeen feine ©enffc^rift über 
(finri^tung unb 33erbefferung ber SRuffifrf)en ©erid^ts^orbnung aui^- 
gearbeitet t)at 

?[uf bie grofeartigfte SBeife l^at Seibni^ ferner burcf) feine ganje 
^^ötigfeit bie t)iftorifc^e 9iec^töauffaffung vertreten, tüeit über bie 
(rinjelanregungen be^ Codex juris gentium tjinauß, ber (Sntiüidflung 
unferer SBiffenfc^aft wenigfteni^ um ein Sa^r^unbert juöoreitenb. 
^ie Tragweite einjelner midjtiger rec^t^geftf|ici^tli(!^er 3;^atfac^en fonntc 
man feit Sonring ni(f|t me^r uerfennen ; ber @rfte unb auf lange 3<^it 
(Siujige, ber in ©eutfd^Ianb ben ®eift ber ®cfdE|ici^te tief erfaßt unb, 
menigfteuig nebenbei aud|, für bie Kec^tötuiffenfc^aft uertuertl)et f)at, 
ift fieibniß. 3)aß ©efe^ ber Sontinuität, tpie eö fein ganjeö p^t(o= 
fop^ifc^^ @t>ftem begrünbet unb burdibringt, e^ ift eö auc^, üon 
welchem aud fid| biefer ®cift ber ®efd)ic^te erfctjüefet. SBie eine jebe 
SRonabe fic^ felbft auiS ifirer Einlage ju tljrem gegentt^ärtigen 3Befen 
entroidelt \)at unb mit le^terem nun baö @efe^ i^rer B^ifii^f^ i^ \^^ 
trägt; tt)ie alle SRonaben fid^ in ber SRei^c ber unenbltd^ Keinen 
Differenjirung jum I)armonifc^en SBeltganjen jufammenfd)Iiefeen : fo 
crfc^etnt Sües^ unb Sebe^ ate geworben in ber ®efc^ic^te, ald beftimmt 



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30 <^fted J^Q^itel. 

ju gejd^ic^ttic^er SBetterentmidlung. Unb baö gilt benn aud^ üon ber 
iJlcc^t^geftaltung bei ben oerfd^iebenen Stationen, oon bcn oberftcn 
5Recf)t^anfd)auungen 6tö auf bie ®nttt)idHung ber cfaiäelncit Siec^töfa^e 
unb ber einjelnen 3uriften. 2)em entfprtc^t berettö btc ftarte ©e« 
tonung be^ gefc^ic^tlicf|en Unterrtd)t§ in ber Nova methodus, toenn* 
fcf)on noc^ ol^ne bie t)oQe Xtefe ber JBegrünbung, tote fie erft üom 
SBoben beö ou^geftalteten Seibnt^'fd^en ©l|[temö au^ ju gewinnen 
mar. Ate er biejen ©oben unter fic^ ^atte, ^^at tl)n freiließ Setbni^ 
für bie 3urigJprubenj nur ju gelegentlid^en 93emerfungen bcnu^t; aber 
man mufe eben ju biefen S3emerhmgen ben ganjen ®eift feiner 5ß^iIo* 
fop£)ie unb bie ganje 2)enfric^tung, ju h)el^er fte fü^rt, ^injune^men. 
aWod^ten fold^e ©lemente junäd^ft nid^t in juriftifc^e Äreife bringen, 
auf bie Stauer fonnte eine SRac^toirfung oud^ ^ier nic^t ausbleiben, 
roennfd^on toeber bie ^alle^fd^e, nod^ felbft bie ^annoüer'fd^e ©(^ule 
bie §ö^e Seibni^'fd^er Stuffaffung erreid^t ^aben. 3ft ju biefer erft 
®at)ignt) getaugt, fo öerbinbet i^n boc^ über jene beiben Schulen 
unb über bereu le^te ?luSläufer, 5ßütter unb ^ugo, ^inmeg eine 
ununterbro^ene Äette ber Ueberlieferung mit fieibni|. 

@o ift ber Surift fieibni^ im 95unbe mit bem äRat^ematüer, 
^iftorifer unb ?ß^i(ofop^en nac^ allen ©eiten ber 3uriSprubenj l^in 
t^ätig unb förberfam gewefen. ©ei eS, bafe eö fid^ ^anbelt um 
S5inge, welche bem Sßerftänbniffe unb Sntereffe feiner 3cit na^e liegen, 
toie bie naturrecf|tlicf|en Setrac^tungen, bie matl^ematif^e ©e^anbtung 
f^ftematifd^er unb einjelner cibiliftifdjer S^agen, bie urfunblid^e Se^ 
grünbung beö ©taatSrec^tS. ©ei eS aud^, bafe eS fic^ ^anbelt um 
S)inge, h)etc^e bie gaffungSgabe ber ßeitgenoffen nod^ überragen, 
ben Slufrife einer umfaffenben ®erec^tigfeitSle^re, bie Verleitung eines 
pofitiben SSötferrec^tS auS ben internationalen Urfunben, bie §cr* 
fteltung neuer ®efe^bücf|er na^ neuen ®efic^tSpunften, bie ®r* 
fc^liefeung eineS gefcf|id^tlid^en 9SerftänbniffeS. ©ine reid^e ?luSfaat, 
wenn au^ mandjeS ©amenfom gar nic^t, mandieS erft fo fpät auf- 
gegangen ift, bafe jwifc^en i^m unb ber üottreifen 2le^re ber Q\i^ 
fammen^ang faum me^r nachweisbar bleibt. Slber loaS oerfd^lägt biefer 
Stac^weiS? 3)enn toaS bebeuten fc^liefelid^ aQe bisher ^ufammen* 
getragenen Elemente gegenüber bem gefammten Sultureinflufe , ben 
ein fold^er SDknn auf gan?( 3)eutfd^lanb unb bamit auc^ auf bie 
beutfc^e Stec^tSwiffenfc^aft ausgeübt ^at? Seibni^ f)at unS nac^ 
langer Qdt materieller SWot^ unb geiftiger S)ürftigfeit jum erften 



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IV. Äcibnif. 3) «flgcmeinct einpufe. 31 

3JlaU meber reid^c, toctte ^ortjonte erfd^Ioffen; f)0(i) ^tnauiS über 
baö Memittf) tanauftfd^pfal^lbürgerltdie %xtibtn einer jum jlüetten 
9KaIe fe^olafttfd^ oerrotteten ®elel)rfamfeit l)at er ung geführt ju 
geiftigcr greilieit unb Slufflärung, ju toürbtgem SBetteifer mit ben 
öorftrebenben tüeftttd^en SWationen, ju großer SCuffaffung, ju oollent 
atfjmen in ber ©p^äre bei8 Sid^teö unb ber grei^eit. ®aö ift ent== 
fc^eibenb jfür bte ©eftattung aud^ ber SRec^tglüiffenfc^oft. Sßorfiber 
finb bie QtxUn eineig ©arpjot) unb eine^ SS. S. oon SedEenborff, bte 
3eiten t^eofratif tf(=^eIotifd^er ©trafred^töpflege , autoritätögläubtger 
Sioiliftif, fteinli^ pritjatre^tüc^er ©toatöauffaffung ; bie Qtii etne^ 
X^omafiuö, eine^ griebrid^ be^ ©rofeen ift Vorbereitet. 

@^c toix un^ jebod^ S^rtftian 2^I)omafiu^ jutoenben, tüeld^er in 
fic^ alle 309^ ^^^ juriftifd^en SlufHärung vereint, toerben mx uM 
mit einer Siei^e t)on JKännem jtoeiten SRangeö bef^äftigen muffen, 
welche neben ben bi^t)er be^anbelten ^ßrotagoniften, in fttHerer SBeife, 
fein Sfuftrcten vermittelt ^oben. 



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^weites ^apHet. 

Uebergangss^eitalter pon (680 bis (7(0. 

I. 3m Mgcmcincn. dtüdblid. SW&nnct ber alten SAuIe. — TL SJaturrccftt. — 

III. ©toatSrcdjt. — IV. ßirc^cnrct^t. 1) ^rotcftantifc^cÄ. 2) Äat^olifc^e«. — 

V. 5)cutf(^e8 mtdit So^onn @(^iltcr. — VI. ©omucr ©tri)!. 

I. 2)ie Sa^re ettüa üon 1680 biö 1710 bilben eine Uebergangd^ 
^ertobe. 9Kan n^enbet ftdö öon ber fci^oIa)tijcft:^romani[tif(^cn ^ox^ 
6ilbung, bon ber praftifdjen SRoutine ju einer S8et)anblnng ber 
SSiffenfd^Qft, in mefd^er naturrec^tUcfte, gcrmaniftifc^e, aufffärerifc^e 
iSIemente f)eruortreten, unter bem Sinfluffe eine§ ©rotiuö, 5ßufen= 
borf, Sonring, Seibni^; freiere ^orm, ft)ftemati)c^e öeiitüf)ungen, 
reid^erer 9iecf|t^ftoff fennjeic^nen ben gortfcfiritt. 

S5iefe Säenbung jeigt fic^ fiberall, unter ben üerfc^iebenften 
©efic^t^punften. Sn^alttid) im Eimlred^t burd) 9?erfucf|e gcift= 
reirfjerer Duellenbel)aubtung unb freierer SiKigfeitöberücffid^tigung; 
im Staatsrechte burc^ Slufi^bilbung ber XerritoriaI^o£)eit ju fc^ranfen^^ 
lofer, fpöter in ben S)ienft ber SSolfiSfüuöeränität ju ftellenber ^HU^ 
inacf|t; im ©trafredjt burcfi f)umane ®trebungen, befonberö 3;ortur 
unb ^ejenmeien betreffenb; im Äirc^enrecf|te burcf) 9tufna^me bec- 
3^erritoriütprincipeS unb burc^ ISrKärung beö fanonifd)en 9{ed)tö aus 
päpfttic^er §errfd)fuci^t, analog ber ©rflärung aller Gonfefftonalitdt 
aus ^^Jriefterbetrug burd^ bie fpätere 9Iuft(ärung; im ^rocefe burd) 
Verlangen nad) rafc^er unb einfad)er Suftij. ©tofflid) burd) 
^eranjie^ung ftärferen QuellenmaterialS, üor allem ber üaterlänbifd)eu 
öefelje unb @ebräud)e im Staats^, iie^en^^ unb ^^riuatredjt, unb burd) 
ted)tfid)e Seleud^tung bist)er unbead)tet gebliebener 8ebenSuerl)äItniffe, 

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3»eitc8 Stapiitl I. 3m «ffgemcincn. dtüdblid. 33 

inbcm alle 9SoIföKaffcn, t)om gürftcn i\^ jum ^anbtücrfcr, auf il^r 
Sonbcrrc^t ^in burd^gearbeitet »erben. aKctl^obifd^ burd^ Se^» 
nu^ung beg 9?aturred|tö ju SSergleid^en mit bem pofitiöen Siedet, 
aber and) burc^ ©enu^ung ber ©efc^tc^te unb ber 5ß^tIoIogte, erfterer 
namcntU^ be^ufö Äufflärung unb Uebertüinbung alter 3rrt]^ünier, 
festerer be^ufg antiquorijd^er ©rforfc^ung germantftifcfier unb roma= 
ntfttfd^er Xejte unb ©tnrtc^tungen. ®nbttc^ formal burd^ bad 
Sfuffommen furjer f^ftematifd^er Settfäben unb Se^rbüd^er, toelc^e 
auf bem 95üd)ermarfte unb auf Untüerfitäten, afö SJorlefungö^^ 
grunblagen, bte olten goüanten tjerbrängen. — (gntfd^teben ernft- 
^after, ate auf fonftigen ©ebieten ber beginnenben Äufftarung, tritt 
hierbei für bie SRed^tgtotffenfd^aft l^iftorifd^e^ ©tubium l^erbor, 
wcnigften^ ju biefer 3^^*/ tl^eitoeifc auf fieibntg'fd^er (Srunblagc. 
iBaneben bel^arren noc^ eine Sieil^e me^r ober minber tü^tiger 
SKSnner me^r ober minber au^fd^Itej^Iic^ bei ber alten ©d^ule, in 
ben alten ©eleifen. 

@ine getoiffe Slnja^I berjenigen ?ßerf önlid^f eiten , beren gleid^ 
jeitige^ SSirfen biefe^ S3ilb be3 UebergangeS ^eröorruft, finb bereite 
in anberem ^^f^mmenl^ange , in bem üorange^enben ^^l^eile biefer 
©efc^id^te ber Sie^t^toiffenfd^aft in ©eutfd^Ianb bel^anbelt. STUen 
ooran ©onring/ beffen [l^iftorifc^e ©ntbedCung t)on ber Uo% geh)o^n* 
^ett^red)tttc^en SReception be^ Siomifc^en SRed^t^ in 2)eutfd^Ianb ba^n* 
bre^enb toirfte. S^m äunä(^ft bie bebeutenbften Sitjiliften, ©trut), 
fiautcrbad^, SRebiuö, beren ©mpirie, mennfc^on nod^ faft unbeioufet, 
germantftiftfien unb naturrec^tüd&en Slnfprüc^en bo^ bereite entgegen* 
fommt. ©obann öon 5ßubliciften Äulpiö, beffen ttjeitge^enbe W)' 
letinung be« Siömifc^en SRed^tg unmittelbar ju ©dritter unb 2;i)omafiuö 
überleitet; 3o^. Subto. ?ßrafd^ (f 1690), ber neben ber Suri^prubenj 
bie ^^ofop^ie, bie beutfd^e ©prad^e unb ?ßoefie pflegte; 2)edE^err 
(t 1694) mit feinem tajiteifc^en ©t^I; ei|ben (t 1699) mit feinen 
le^nrec^tlic^en ©tubien. Äufeerbem, aug ber großen änja^I tüd^tiger 
^raftifer, bie Senenfer ©ruppe 3o^. SBoßmar öec^mann (f 1689), 
^eter aÄüOer (t 1696) unb Slbrian S3eier (f 1698), beren S)iffer= 
tationen ftofflid^ ^ierl^ergepren, inbem fie ein ooUftänbige^ ^anb* 
loerferred^t enttoidEeln. ©aneben rodre ettoa nod^ ju nennen ber um 
3Weoiuö öerbiente SKarburger Otto ^ßl^ilipp ßaunfd^Iiffer loegen ber 
öeai^tung, bie er bem l^eimifc^en Siebte toibmet. S)iefer Slufjä^Iung 
ber in unfere ©pod^e ^ineinragenben Suriften mufe aber fc^Iiefelid^ 

Sanbd^eTfl. Qk^dfidfit ber «Siffenft^aft. ^ 

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34 Stt'^iteg Äapttel. 

angefügt toerben ein SBort ber (Srinnerung an bie bcr unmittelbar 
borange^enben Spod^e, bei tueldjen bie SReuerer antnüpfen: an 
SBrunnemann, beffen SRid^tung gegen Sarpjot)- im ©trafredjt jur 
aWilbe, im ßit)i(red^t jur SSerbrängung fäcfififc^er ©igent^ftmüd^feitcn 
fü^rt; an Söcfelmann, beffen Snftitntionen'Gompenbium ate STOufter 
gebient ^^at; unb an ©traud^, beffen gefd^ic^tUc^*p]^iloIogifd^e SBilbung 
®^ule machen foHte. 

3n Seipjig, tt)o eine borne^m^fonferüatitje Haltung ate erfte? 
©rforbemife ber gelehrten Saufba^n galt, bie ftd^ mit Vorliebe ben 
©pröfelingen ber großen ?ßrofefforenfamiIien eröffnete, ^emmte befon^ 
berö in ber juriftifd^en gafultöt bie gettjattige ©pru^tptigfeit freiere 
tpiffenfd^aftUcfie (Sntfaltung, obfd^on fie ju praftifd^er 2^ü^tigfeit unb 
©infic^t erjog. ©ol^e ^wftänbe erjeugen leidet ©elbftgenügfamfeit : 
man ^atte ba^ ®effi^I, mit bem grofeen Sarpäoo bie fü^renbe ©teHc 
in ber beutfd^en Sted^t^gelel^rfamfeit erreid^t ju ^aben; unb glaubte 
nun, blofe beffen ße^ren toie eine Slrt üon Ort^obo^ie toa^ren ju 
muffen, um jene ©teile ju bel)aupten. ©afe man toä^renb beffen 
t)on allen ©eiten, tjon §elmftäbt, bon ©trafeburg, Don granffurt, 
ja felbft t)on bem benad^barten , bocf) aud^ genügenb üerjopften 
SBittenberg fic^ überflügeln liefe, na^m man erft tüai)x, ate ber 
©lang t)on ^alle bie Singen öffnete unb bie Dberbe^örben ju ^Reformen 
beranlafete. — Seipjiger ®eftalten auS biefer 3^'* fii^^^ Sart^oto* 
mäug Seonfiarb ©c^toenbenbörffer, befannt burc^ feine 
Dbfertoationen unb gormein im Slnfd^luffe an gibig'ö 5ßroiefett)erf; 
3acob Söorn, SWad^f olger be^ SSaterö beg 93orgenannten im Drbi= 
nariate, mit 9lemtern aEer ?(rt fo überlaflet, bafe eö nic^t SBunber 
nimmt, h)enn feine f^riftfteHerif^e Stiätigfeit fic^ auf bie unerlfife^ 
liefen S)iffertationen befcfjränft; Duintu^ ©eptimiu^ glorens 
SRiüinu^, ate Surift nod^ ganfj jur alten ©cf|ule gehörig, baneben 
aber mit ß^r. 3;]^omafiu§ einer ber ©egrünber ber Seipjiger „Seutf^en 
Siebegefeaf^aft". 

griebrid^©c^rag, in berfelben SÖSeife in ©trafeburg tptig, 
mürbe nicf|t ^erborgeljoben ju toerben oerbienen, l)ätte er nid^t, afö 
©trafeburg franjöfifcfi ujarb, feinen fie^rftul^t bem ?ßatrioti^mu^ 
geopfert unb barauf, aUerbingg anonym, eine Slb^anbtung gegen bie 
9ieunionen fiubttjig'ö XIV. im ©Ifafe erfd^einen laffen, toeld^e mit 
StctenftüdEen reid^ au^geftattet unb in ernftem jurifttfc^en 2;one ge^ 
fc^rieben ift, nid^t ol^ne bafe bie innere ©ntrüftung bal^inter burd^flänge. 

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IL 9?aturre4t. 35 

e^riftop]^ ©d^ambogen ju ?ßrag unb ©eorg SBibmont ju 
Sitgolftobt mögen bie fat^olifc^en Uniüerfitäten Vertreten. S)e§ Srfteren 
Praelectiones publicae in Justiniani Institutiones, jucrft 1676, 
t)ieUcn fid^ m ^rag ote Sorlefcbuc^, b\^ fie 1774 ben Elementen 
be^ ^cinecciii^ ?ßla^ machten. 3)e^ Se^teren ßommentar ju ben 
3)tgeften unb ju bem fanontfcfien 9ie(^t bilbet ein umfaffenbe^ 
<5icfammtnjerf t)on fieben Cuartbönben. 

3Beit bcbeutenber ate oUe bi^^er (Senonnten enbtid^ ift Äaigpor 
^retf)err t)on ©d^mib, ber langjährige Seiter ber batjerif^en 5ßoIitif, 
beffen breibfinbiger Commentarius in jus provinciale bavaricum, 
^JRünc^en 1695, eine l^erüorragenb tfid^tige, für if)re 3^^^ otö äiel- 
betoufete ^Bearbeitung eine^ S^erritorialfonberred^t^ wo^l einjig ba= 
fte^enbe Seiftung ift. Sa^ ba^erifc^e Siedet, mie eg ftc^ auf ®runb* 
läge be§ SRömijd^en SRec^tö burd^ territoriole ^raji^ unb ®efe^gebung 
geftaltet l^atte, njirb l^ier bargefteUt auf ®runb Iangjäl;riger ®rfal)rung, 
bie an oberfter ©teile mit praftif^er ©infi^t gemonnen ift. ©o 
vermochte baö SBerf fpäter ber Äheittma^ffd^en ©obification afö 
loejentlic^e ©runbtage gu bienen, toenufd^on eö nac^ J?^^"^ ^^^^ 
3iec^tgauffaffung iu)rf) ganj bem 17. Sa^rt)unbert angehört. 

II. ^at ben fräftigften Jlnftofe ju allen Steuerungen ba§ 9?atur== 
Tec^t gegeben, fo ift bie 3(ugbreitung beiS naturrec^ttic^en ©tubium^ 
über bie bcutfc^en SRe^tgfc^ufen t)or allem ju verfolgen. 

3Bie ?ßufenborf @nbe 1660 in $)eibelberg immatrihiUrt n^orben 
ipar ate „philosophiae et juris naturae ac gentium in Facultate 
Philosophica Professor", fo ift bort freilid^ ber Se^rftu^l beö 
ißaturred&t^ biö 1786 in ber pl)ilofo))^ifd^en gacultät geblieben, aber 
er ift bereit!^ bei 5ßufenborf'ö 2lbgang mit einem 3uriften t)on gad^, 
.^einrtd^ ßocceii, befefet Sorben. — Jlnberö t)erfuf)r man fofort in 
Atel, ber erften beutfc^en Uniberfität, tt)elcf|e nad^ ^eibelberg ba^ 
tJtaturred^t aufnahm: ^ier würbe 1665 ©amuel 9tacf)el aU prof. 
jur. nat. et gentium in bie juriftifdlje gacultät eingetragen, in 
n>etc^er 1680 ©imon ^einrid^ SWufaeu^ auf il)n in gleid^er ©igen- 
fc^aft folgt. — 3n ©reiföwalb la^ feit 1674 ^llejanber 6arof aufeer 
über 5R6mifd|e^ über „göttlid^eö unb menfc^lid^e^" 9fied^t, feit 1705 
fein ©oI)n ®eorg 9lbolf an feiner ©teile. — 3n §etmftäbt Iel)rte 
feit 1675 3o:^. Sifenl^art, ber bie ^rofeffur ber 5ßoefte, ®efd)id)te 
unb SD?orat mit einer juriftifdien ^rofeffur üerbanb, ein tüd^tiger 

3* 



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36 8»citc« Stapittl 

noturred^tttd^cr "äntox, bcm fid^ 1686 ber ©rotiancr unb ?ßublijift 
Sol^ann SBerl^of gefeilte, äunäd^ft ate Sn^ober beö biiS ba^in teer 
gebliebenen Sonring'fd^en fie^rftu^Ied, fpäter ate 5ßrofeffor ber 3led)te. 
— 3n ©rfurt, tt)o ber Surift Sodann ©d^miebel fc^on früher öer= 
einjelt über 9?atiirred^t gelefen ju l^aben fd^eint, ^telt iebenfaÜ^ 
regelmäßig SoUegien über ^ugo ©rotiuö ber Surift ®. ^. SBrfidfner 
feit 1676. — 3o^. Ste^mar tüurbe 1674 nac^ längerer biplomotifc^er unb 
aSertoaItung^'S:^ätigfeit nod^ 9Rarburg afe orbentlid^er 5ßrofeffor ber 
Siedete berufen, aug ber (Sinfic^t l^eröor, baß ber S^arafter ber 3^'^ 
ein folc^er fei, iueld^er fid^ in bie engen ©^ranfen be^ pofttiüen 
SRec^tS ntc^t einstoingen laffe, fonbern eine^ fräftigeren ^ülfömittefe 
bebürfe, afö ttjeld^e^ er \)a§> Sßaturred^t onfüf). — 3n bem benad^- 
borten ©iefeen warb 3o^. 9iic. §ertiu§ jnjar erft 1683 ?ßrofeffor 
ber SRed^te, lag aber bereite feit 1676 über juriftif^c, poütifd^e unb 
naturred^tlidje ©toffe, n^ie benn bort aud^ Äulpig le^tere pflegte. 

SBeniger eine einjelne ?ßerfönUd^feit, afö bie Aufnahme bei^ 
Sßaturred^tg in ben SJorlefung^pIan ©eiten« öerfc^iebener ^rofefforen 
ber Suri^prubeuj ift cntfd^eibenb für 3ena unb Äönig^berg. S)ort 
ttjurben fold^e SoHegien gefjalten t)on ?lt)ianug, 3. 95. 83ec^mann, 
5«. e^r. Spnfer, 3. W ©letJogt, tttoa feit 1665; ^ier bon 3o^. 
gi^Iau, 5:^eob. $auli, 3o^. ©tein, ettoa feit 1673. — 2)ann folgen 
toieber bur^ bofür eigeng beftimmte SJel^rfräfte SRtnteln, too feit 1682 
ber in allen 3^eigen ber 3Jcd^tött)iffenfd^aft rüftig tl^ätige S)iffertationen> 
©d^reiber $einric§ SBobinu^, ber Slutor eineg neuen naturrec^tlic^en 
?ßrincipg, tüirfte unb 1697 in Seibnife' greunb Äeftner einen be« 
fannteren SRad^f olger fanb; unb granffurt a. b. Dber, rt)o bag 
juriftifd^e SRaturre^t ttjo^t erft 1690 mit §einr. ©occeji einjog. — 
?li! le^ter ©teile in SWorbbeutf erlaub öffneten enblid^ bie furfä^fif^en 
Uniüerfitäten biefer SWeuerung il)re 5ßf orten: fieipjig 1711, inbem bei 
©elegenl^eit ber Sieubegrünbung einer ?lnja^I t)on aufeerorbentlid^en 
^rofeffuren bie ^Regierung, t)on bem SRufeen beg SRaturred^tg über* 
jeugt, JRed^enberg jum 5(Jrofeffor be^felben in ber juriftifcfien J^acultät 
ernannte; SDSittenberg 1719, inbem e§ biefem SSorgange burc^ bie 
(Ernennung üon 3). §. Äemmeric^ jum professor juris naturae et 
gentium folgte. 

©omit bleibt üon bcm (£nbe be^ än)eiten 3af)rje^nteg beö 18. 3a^r= 
^unbertg ab unter ben proteftantifcfien norbbeutfc^en Unitjerfitäten 
feine einjige übrig, in ber bai^ SRaturrec^t nid^t 5ßftege oon juriftifd^er 



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n. S»oturrc(^t. 37 

©eitc gefuitben ^ättc. aKcrfrourbiger SBeife ftc^t eg onbcrg um bie 
fübbeutfc^n proteftantifc^cn Uniuerfitdten, Ältorf unb jEübingen: an 
bcibcn fd^eint bie Se^anbliing bc^ Siaturre^teö ©ad^e bc^ gac^ 
pl^ilofopl^en geblieben ju fein, l^elfte er nun 5ßrofeffor ber St^if 
ober ber praftifd^en 5ß^tIofop^te. SJogegen treten t)on jenem Sal^r« 
je^nt ab einige fatfioUfd^e Uniüerfitäten in bie öettjegung ein, natura 
li^ junScfift unter SSerfud^cn einer SSermittlung /jujifd^en ber neuen, 
üuö ben ©ebieten beg ^roteftanti^mu§ l^erübergenommenen unb ber 
otten^ l^auptfäd^Iic^ in Spanien blül)enben, t^eoIogifd^=fd^oIoftifd^ 
moralifirenben SBiffenfd^aft. S)er bebeutenbfte SRepräfentant biefer 
Seftrebungen ift ber fleifeige, auc^ aU ßanonift rütimüd^ ju nennenbe 
JBenebictiner granj ©dimier in ©aljburg, beffen Jurispnidentia 
publica universalis, ex jure tum naturali tum divino positivo 
necnon jure gentium nova et scientifica methodo derivata bort 
1722 erfd^ien, ein eigent^ümtid&eö Songtomerat au^ ®rotiug unb 
©uarej, tt)ie man treffenb t)on i^x gefagt ^at. ©^mier fefete aud^ 
für feine UnitJerfitfit, bie unter feinem Siectorate i£)re ^öc^fte jjrequenj 
erreichte, bei bem gürfterjbif(i)of iJeopoIb Slnton nac^ 1717 bie @r^ 
ri^tung eineö Äat^eber^ für ba§ allgemeine ©taat^ unb SSötferred^t 
burc^. — 2Rit einem fotd^en ©c^ritt ujar J^reiburg fd^on 1716 
t)orangegangen, too bie neufreirte 5ßrofeffur be^ ©taat^^ unb SSötfer* 
rec^tg mit bem bi^^erigen ©iöiliften 3o^. ©igm. ©tapf befefet 
würbe. — 3)ie ?lufna^me einjelner naturrecf|tlid^er 95orIefungen 
battrt in aBfirjburg ettoa feit 1720; bort ift bann baö SRaturre^t 
ein 3a^rje]^nt fpäter juerft in feiner Steinzeit unb im ©inne ber 
?tufHärung bon 3o^. STbam 3dEftabt öorgetragen toorben. — 3n 
biefem ©inne eroberte e^ jute^t aud^ biejenigen fat^olif^en Uni^ 
t)erfitaten, ttjet^e fid^ i^m t)orI)er ganj entjogen Ratten: Snn^brudE 
mit ^aul Sofepl) SRiegger 1733, 3ngotftabt abermafö mit SdEftabt 
1746, 5ßrag mit t$ranj Sourguignon 1748 unb SBien mit TOartini 
1754. 5Da^ 9?äl)ere über biefe SSorgänge toirb an anberer ©teBe, 
in anberem S^^föinmen^ange ju berichten fein. 

?[ug ben ja^Ireid^en SRamen biefer Umfd^au fei ju naiverer 
Sefpredfung herausgegriffen eine ^ßerfönlid^feit, bereu ©c^riften, unter 
ben erften i^reggtei^en, fo rec^t baö §ineintoa^fen ber naturred^t^ 
li^en ^l^ilofop^ie in baö pofititje Siedet fenuäeid^nen. S)er Äieler 
Samuel Siad^el ift pt)iIofopI)if(^ ftet§ ein 9lriftoteIifer ftrengerer 
Obferoanj geblieben; mit ben ?ßrincipien beS SlriftoteleS befc^äftigte 

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38 äweitcö ^apxttl 

er fid^ in feinen rein pf)iIofop^ifd^en, mit ben Sejten be^felben in 
feinen p^ilologifd^en Schriften, toie elh)a annä^ernb in berfelben 
3Beife nnr nod^ mit ©icero ; baneben ift er pofttitjer Surift, tfldjtig 
fon)ol^I Qfö Äenncr be^ SRömifdien SRec^ti^, tüie in ber SBe^anblung 
einjelner ftaat^rec^ttidjer ^^agen; unb enblic^ jeigte er fid^ auf ber 
öilbunflö^ö^e feiner ^eit, inbem er 1664 bie 9?icoIe'fc^e loteinif^e 
Ueberfefeung t)on ^afcaf^ Lettres h un provincial neu l^erauögab. 
?llle biefe ©lemente üerbinben fid^ in feinen naturred^tlic^en Seiftungen. 
3unäc^ft l^anbelt eö fi^ um Siriftotelifdje J^unbamentirung be^ 
Sßaturrec^tg, n)ie in ben ©d^riften de principio actionum moralium, 
^elmftäbt 1664; de jurisprudentia, Äiel 1675; de jure iiaturae 
et gentium, Äiel 1676. 2)ann fommt eine tlieologifirenbe Se^ 
grünbung Ijinäu, namentlid^ in ber legten ber brei Vorgenannten 
©Triften. Siarauf ftügt nun bei SRac^el ba^ SRaturrcd^t ben An- 
fpruc^, nid^t bloß lex interna, fonbern für 5ßrit)ate, Sfiic^ter unb 
®efefege6er unbebingt mafegebenbe, uerbinbtic^e Storm ju fein, eine 
Sßorm, tuet^er man fetbft ba ju folgen Ijat, ioo ba^ bürgerlid^e SRedjt 
baö ©egent^eit oorfdjreibt. Safe eö einen folc^en (Segenfa^ regele 
mäfeig ju t)ermeiben ipeiß, toie 9tad|et in einem eigenen SSerfe ®d)ritt 
für ®d)ritt nac^n^eift, ift ba« l^öd^fte Sob, ba« er bem SRömifd^eu 
Siedet ,^u joHen Vermag. 9Bo er aber einen fold^en ©egcnfag finbet, 
ba mad^t 9tad|el ©ruft mit feinem ^incip. @o mißbilligt er ein 
Urt^eil, toetdjeio auf Wntoenbung eine« ftäbtifc^en Statute beruht, 
ba« i^m naturred)t«toibrig erfi^eint. ©r UJenbet feine allgemeine 
2ef)re Don ber ©ebeutung be« 3^öngeg unb Söetruge« für bie 
SBillenöfrei^eit im SRedjte ol^nc loeitereig an, unbefümmert um gefeg- 
lid^e SSorfc^riften; ebenfo Verfährt er bei ber Serfidfid^tigung bei% 
Srrt^umö; unb fo fommt er fc^tiefelid^ ju bem ganj aUgemeinen 
©rgebniffe, baß in allen aBilten«- unb Sßorf abfragen bie (gntfd^eibung 
unmittelbar bem 9faturrec^t ju eutnel)men ift. SWamentlid) für ba<^ 
©trafrec^t fü^rt Stad^el bieö au«, fd)on in bem SEractate de poenis, 
§e(mftäbt 1661. föirb ^ier bod^ bereit« ba« S)elict at« morbus 
moralis bejeic^net, bemgemäfe bie oerbred^erifc^e a33inen«rid)tung 
moratifd^=pftjc^ologifd| jergliebert, bie ©träfe at« Heilmittel befinirt 
unb be^anbelt: fo bafe e« fdjtiefelid^ auf nid^t« toeniger af« auf einen 
h)eitgreifenben SSerfud^ ber aprioriftifdjen ßonftruction eine« allgemeinen 
3;fjeile« be« ©trafrec^t« f)inau«tommt, tüie fid| ber erfte ?lnlauf baju 
bereit« bei ©rotiu« finbet. 9JZan fie^t, toie Derfc^tebenartige grüd)tc 



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III. ©taatdrec^t. 39 

eö finb, tpeld^e t)kv bog SWaturred^t trägt: neben ber Srjd^ütterung 
beö pofittücn JRed^t^ ju ®imften njiUfürüc^ obftrafter SRormen bie 
erfreuUdifte görberung tpic^tiger ®runble^ren be^ 6it)it unb Straf- 
rcc^tö. 9?ad) beiben ©eiten t)m wirb man 9lad)ct ate bebeutfamen 
Sorboten ber fpätcren naturrcd^tlic^en ^od^flut^ jii bctrarfjten §aben. 
dagegen ftefjt er auf ganj anbercm ©oben in feinen bötfer* 
rec^tlid^en 2lnfcf|auungeu. §ier legt er, alg erfaf)rener Diplomat, 
im ©egenfa^e ju 5ßufenborf, ben Siod^brud auf ba^ pofitiüe SSötter^ 
rcc^t, tt)ie eö auf Verträgen ober auc^ blofe auf ftinfcf|h)eigenbem 
Uebereinfommen jioifc^en jttiei ober jtoifc^en mefireren ober ätoiid^en 
ben meiften ciüilifirten SSotfern beruht. @r fd^itbert namentlich gerne, 
»ie bie Ser^ältniffe beö S^iegeö, ber ®efanbtjd^aften, be^ inter- 
nationalen ^anbete in golge ber großen griebenö^ Songreffe unb 
i^rer 3tbmacf)ungen fid^ geftaltet £|aben. ©elbft bie ^flic^ten ber 
internationalen |)5flic^feit berül)rt er ate l^ierl)er get)örig. S)er 9taci)^ 
loeiö, bafe man burrf) alt' bie^ weit über bie naturrec^tfic^ gegebenen 
3?ormen f)inauögefommen fei, bitbet ben ©dilufe einer ?lbl)anb(ung 
üon 1676, in mefc^er fic^ tüchtige pfjitofop^ifdie unb juriftifc^e ©c^ulung 
mit ftaatömännifd^er ©nfid^t unb menfc^Iicfier 3WiIbe üerbinben. 

III. aSenben mir unö nunmehr ju ben ftreng juriftifd^en 2)i^= 
ciplinen, fo begegnet unö juerft, an ber ©pige ber S3etoegung, basg 
@taat^recf)t. — 2)ie fragen nad^ ber SReic^Süerfaffung, nac^ bem SJer= 
^filtniffe öon Äaifer unb J^ürften ju einanber unb nac^ bem 3nf)afte 
ber neuen großen SReic^iggefefee ober griebenöfc^Iüffe befd^äftigen bie 
®emüt^er Iebl)aft, weit über juriftifcfie Greife ^inauö. 3n ßufönimen^ 
^ang bamit ftel)en ni(f)t nur bie mäd[)tigen ?(rbeiten t)on fiimnaeuig 
unb 9ieinfing, bie pamp^Ietartigen glugfc^riften t)on S()emni§ unb 
^ufenborf, fonbern eine ganje fernere Siteratur uon SBerfen äf)nlid^er 
SJer}d|ieben^eit. §ier^er gehören 5at)lrcid^e ®c()riften ©onring'ö, n)eld^e 
fein §aupttoerf nad^ biefer ©eite ergänjen, namentlid) bie ©üc^er 
de finibus Germaniae, mit i^ren feinen ftaat^red^tlicl)en ©reuä- 
forfd)ungen; ^ierfjer Soecler'ö Notitia Sacri Romani Imperii, feine 
Institutiones politicae, feine Sioten jur ©olbenen SuUe; tjier^er 
aber auc^ bie berüchtigte fatl)rifc^=potemi)d^e @d[)rift, toelclie ber 
^^ilolog S. ©. ©d^uräfteifd) unter bem ^ßfeubon^m Eubulus 
Theodatus Sarcmasius ate „ludicia de novissimis prudentiae 
civilis scriptoribus" 1669 erfc^cinen liefe. 2)aneben tritt bie ganje 



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40 3tt>eiteS Stüpiitl 

^robuction bciS ^^iltpp Änbrca-g DIbenbutgcr, beffcn crftc«, 
bolb naö) 1667 crfi^icnene^ SBerf, in bcr J^otm cmc^ ©riefet über bie 
richtige Slrt ju reifen, burd^ rudffic^tölofe unb pifante ©d^ilberung 
beutfd^er ^ürftenl^öfe einen für jene 3^'* unerhörten politifd^en 
©fanbal erregte, toie fein Thesaurus rerum publicarum, ®enf 
1675, burc^ pünberung ßonring'fd^er ©ollegien^efte einen, leibcr 
weniger unert)örten, literartfd^en. 

SDSeit emfter ju nel^men ift ein anberer ©d^üler Sonring'g, Subotpl^ 
§ugo, mit feiner Snaugural^^SJiffertation t)on 1661 „De statu 
regionum Germaniae et regimine principum summae Imperii 
reipublicae aemulo". 5Die ©d^rift bkttt nic^t nur eine l^iftorifd^ 
unb aftenmäj^ig tno^Ibegrünbete ©d^ilberung ber ftaatSred^tlid^en S^^ 
ftänbe in ben ^Territorien, fonbern auä) eine ^arallelifirung ber«^ 
felben mit bem Sieid^^^SRed^te unter ber leitenben Sbee, ba^ SSerl^ältnife 
beig SReid^eg j" ^^^ ^Territorien bunbeSftaatlid^ ju erflären. 2)ie 
biefer ©onftruction innetoo^nenben ©c^toierigfeiten \)at ber SSerfoffer 
fid^ freiließ faum tiax gemacf|t, gefc^ttjeige benn betoottigt, fonbern 
fid^ begnügt, bie Slnalogie jttjifd^en bem Dberftaate unb ben Untere 
ftaaten burc^äufü^ren , me^r mit praftifctj-ftaat^männifd^em, afö mit 
juriftifd^em Sntereffe. Smmcrl^in jebod^ liegt fdjon in biefer ®ruppirung, 
in ber Karen S33iebergabe ber X^atfoc^en o^ne fd^oIaftifAe nod^ 
romaniftifd^e ©c^ablone, ein unleugbare^ SSerbienft unb bie fiofung 
ber 3^fwnft. 

93on uollftänbiger STbneigung gegen bie publiciftifd^e aSertt)enb= 
barfett beö SJömifd^en SRed^tö ift übrigen^ bti ^ugo feine Siebe; fotpeit 
ift bie ©djule Sonring^ö nad^ biefer ©eite feineött)egö gegangen, wie 
nic^t minber bei einem lueiteren änl^änger berfelben l^eröortritt. 

3ot)ann griebrid^ SRl^ej (SRftetiu^) rü^mt am 9tömifd^en SRed^t 
bie tt)iffenfd^aftfic^e SSerarbeitung, bie SSoQftänbigfeit unb am lauteften 
bie Uebereinftimmung mit ben ©rforberniffen ber SSernunft unb ber 
©ittigfeit; er lobt beig^olb feine SReception al^ fubfibiärcö ®enjoI)n= 
l^eitörec^t, feine fubfibiäre SSermert^ung im ©taatö- unb ^ürftenrec^t; 
aber bie (Srunblage beö beutfc^en ftaatöred)ttic^en 3^f^önbe^ bilben 
bod^ beutf^e ®efege unb ©etool^nfieiten. Sl^ej' fogenannter ©om- 
mentar ju bem erften Söuc^ ber Songobarbifd^en libri feudorum ift 
beö^alb n)efentlid| barauf gerichtet, ben commentirten ^'ejt mit S3er^ 
ftänbnife für bie gefc^id^tlic^e ©ntttjirflung auö ben 9leid^ö=^9ieceffen, 
ben beutfc^en 2ofat'©tatuten, bem moberneu ©taati^red^t überl^aupt ^n 



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m. ®tQat»te(^t 41 

crgänjciu ®a^ 333erf foD, ttJte bte SSorrebc bemcrft, graitffurt fidlem 
tjot bcm fo tJicIe Äfabcmtcn treffenben SSortourf, bafe ber ÄQtl^cber 
nur t)on Siomtfd^cm Siedet toicbertdne, ba^ neucfte ©cutfd^e ^eä)t 
aber uncrtpä^nt (äffe. Offenbar ^anbclt e^ fid^ um eine ?lntt)enbunfl 
©onring'fd^cr ©cbanfen auf baö Se^nred^t, ba^ babei sugleic^ in 
feiner ftoatöred^tlid^en SBebeutung erfannt, öom privaten jum öffent* 
lid^en SRed^t ^inübergejogen tüirb. 3)aran rei^t fic^ ein f^ftematifc^er 
SScrfu^ auf bem ®e6iete be« ©taatöred^tö felbft. Snbem Sl^ej, genau 
nac^ ber Sitelfotge ber Suftinianifc^en 3nftitutionen, feine Institu- 
tiones juris publici, j^anffurt 1683, fd^reibt, üerbammt er fid^ 
j»ar ju mand^em 3^öng, ju mand^en ?lbfc^tt)eifungen in 5ßrit)atred^t 
unb 5ßroje6; aber er fud^t bod^ tt^enigftenö nac^ überfid^ttid^:^furäer, 
„com|)enbiöfer" ä^fömmenfteßung, moäu bie änre^nung an bie 3n^ 
ftitutionemSRet^obe bienen foH; unb ba, too er ju ben toirflic^ ftaat^ 
rechtlichen gragen gelangt, beanttt)ortet er fie t^atfäd^Iid^ nur au§ 
9iei^^®efe§en unb ^©enjol^nl^eiten, tt)ie benn bie mid^tigften jener 
anlionggnjeife beigegeben finb. 

dagegen auf ben ®ebieten beö ^riDat= unb beö Äirc^enred^t^ 
roanbelt berfelbe Autor ru^ig in ben atten Sahnen fürbafe, ol&ne 
feine au^ l^ier l^aufig ju 3;age tretenben ^iftorifd^en Äenntniffe bog== 
motifd^ JU t)ertt)ert^en; ber Uebertragung oon naturred^tti^en ?ln* 
jc^auungen auf bad pofititje Siedet ftel^t er tJoUenb^ ablel^nenb gegen- 
über; fo nimmt er an ber Seroegung feiner Qeit nur ate 5ßublicift 
«nt^eil. 

3n ©übbeutfc^Ianb ift bieje publicifüf^e ©eite ber Sctüegung 
Vertreten burd^ ©abriet ©d^n)ebcr ju Tübingen, tüo SK^Ier bon 
(S^rcnbadf) fd^on t)or 1641 ftaatöre^tlid^e SSorlefungen gelialten ^atte. 
@^tt)eber'g Introductio in jus publicum Imperii novissimum 
erf^ien juerft in 3;übingen 1681 unb Ujurbe aufeerorbentlic^ oft neu 
aufgelegt; auc^ ber |)anif^e ?ßubticift b. fiubetüig, ber fpäter fc^roff 
über fie aburtt)eilt, ^at Slnfang^ über fie gelefen. Sßor Sftl^ej' ?lrbeit 
t)at fie bie glücflid^ere, freiere Sfnorbnung öorau^, inbem fie einen 
„3lügemeinen St^eil" über bie ©runbgefe^e unb ©runbfS^e Dorauf- 
fc^itft, bann aber in befonberen Xlieilen bon ben Siechten bt^ Äatferi^, 
ber einjelnen JReid^öftönbe, ber mittelbaren Sieic^^untertl^anen ^anbelt. 
?fUe biefe SBerl^ättniffe toerben rein nad^ ein^eimifd^en JRed^töqueQen 
fo gefd^ilbert, toie fie t^atfäc^Itc^ jefet liegen; unb ber ©d^Iufe ge^t 
bo^in, ba§ au^ fold^er gemeinsamen Slu^übung ber meiften SWajeftät^^ 

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42 3»citc« Stap'Mtl 

rechte Seiten^ be^ Äaiferg unb ber ©tönbe eine 3;^cilunfl ber SKajcftät 
felbft jujifd^en i^nen gefolgert tuerben muffe. 

®anj in ben ©puren Don JR^ej unb ©d^njeber toanbeft 3o^ann 
333 olf gang Jegtor, ber Ururgrofeüater ®oetI)c'd, mit feinem Jus 
publicum Caesareum, 1697, unb mit feinem Tractatus de jure 
publice statuum Imperii, 1701; felbftänbiger ift feine Synopsis 
juris gentium, 93ofeI (?) 1680, eine ©onberbarftettung, beren SReidr- 
t^um QU Seifpieten 31, ^, ®unbting bettjunbert, fefbft loä^renb er, 
üte ftrenger -ipufenborfianer, it|r 5ßrincip öerurt^eilt. 

©eroife boten alle btefe anti=cäfariftifc^en unb proteftantifc^en 
Slutoren für bie publiciftifdjen ©tubien beö Defterreidöifc^en unb 
SBö^mifc^en 3lbelö ungeeignete Soft. SBeniger begreift man, njaruni 
biefe Greife, ftatt fid^ an ein in feiner 9lrt tiid^tigeg SBerf ju 
galten, nämlic^ an bie uftra^^cäfariftifdje Repraesentatio majestatis 
Imperatoriae per singula ejus jura t)on 3Sacob 83ern^arb 
3Ru(ä, Dettingen 1690, eö vielmehr t)oräogen, fd^aarenn^eife nad) 
Seiben ju pilgern, um bort ber beiben 9Sitriariu^, SJater unb ©ol^n, SBor- 
träge über be?^ 9?aterö, ^^J^ilipp SRein^arb SSitriariuö, Institu- 
tiones juris public! p f)ören. 3)iefe^ Sud^, übrigen^ unbebeutenb 
im 3nt)a(te unb üerfd^njommen in ber gotm, ift in ber ®efc^id^te ber 
SBSiffenfc^aft be^l)alb befannt geblieben, njeil im 3lnfc^(uffe an baöfelbe 
3oI)ann griebr. ^feffinger feinen „Vitriarius illustratus", grei* 
bürg 1691, gearbeitet I)at: eine fieiftung ftaunenölpertl^en ^f^^fe^^ ^^^^ 
umfaffenbfter ©ctefenfteit, mit SRed^t gef djä^t ate üoUftönbig unb ju* 
öerläffig. Daö a33erf bietet eine SRei^e umfangreid^er ßitate auv% 
juriftifc^cn unb ^iftorifc^en ?Uitoren, auö ©taatdfdiriften, S)ebuctioneu 
unb Urfunbenfammlungen, georbnet nad) ©tid^lporten be^ SBitriariu«, 
menn man baö bei ber SJZaffenl^aftigfeit beö überquellenben ÜÄateriak^ 
nod) Drbnuug Reißen barf. SIuö bem einen 93anbe ber erften Slus^^ 
gäbe finb in ber britten 9luögabc Dier 93änbe geworben, burdö fort- 
tt)ät)reub weiter ge^öufte 3lu£Jjüge unb SlbbriidEe; bagegen vermögen biefe 
üier Cuartanteu freilidi eine ganje ftaatgred)tlid)c ©ibliot^ef ju erfefeen. 

Ueber^aupt get)t neben ber probuftiucn eine eifrige fammeinbe 
I^ätigfeit ()er. 9l^aöt)cr gritfd) übt biefetbe öonoiegenb im 
juriftifc^eu Sntercffe, in feineu 3iM^"^"i^"[^^öi^"9^i^ öf^^^' (ofale SBaffer , 
Jorft* unb Äirc^emCrbnungen, fomie in feiner ®efammtauögabe ftaate^ 
red)ttid|er Heincrer Sdjriften Derfc^icbenfter Ü^erfaffer, in fedjö möd^tigen 
iBänbeu. St)riftian fieon{)arb Sendet bagegen üerbinbet mit bem 



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HI. @tQot«rc4t. 43 

rechtlichen baä poüttfc^e Sntereffe; er liebt e^, unter QÜer^anb ^feubo^ 
n^men feine ?lutor]c^aft ju öerfteden, 6alb afö ßaffanber 3;^uce(iui^ 
bei ben Electa juris publici curiosa, balb atö Slntoniuö ^aber bei 
ber „ßuropäifc^eii Staat^ÄonjIei)". S)ie)e (entere Sammlung öon 
«henftürfen ber SEageögefc^id^te I)atte foId)en ©rfolg, bofe fie, 1697 
begonnen, and) nad) ßeud^t*^ 2^obe fortgefegt iourbe, junöc^ft unter 
bem alten 9?amen, b\ä fie 1760 ben 115. X^eit erreicht ^atte, fobann 
unter bem 3:itel „9?eue (Suropäifdje ©ta at^ÄonjIel)" b\& jum Sa^re 
1782 in 55 Steilen, enblid) unter bem Sitel „2)eutfc^e ®taatg= 
Äanjietj", t)on % ?C. SReufe beforgt, bi^ in baö erfte Sa^r unfere^ 
3a^r^unbert^, in 56 SBänben. — JlDe biefc Sammler ber Qtit über- 
trifft trogbem an ©ebeutung 3oI)ann S^riftian Sünig, ein 
STOonn, oon bem ^iitter bemerft, ba§ er faum feinet ®teic^en finbe. 
9?id)t ate ob fid^ feine äbbrücfe burd) befonbere ®enauigfeit über 
bie bamalö in biefem 5ßunfte ^errfc^enbe ©orgtofigfeit erhöben ; toot)( 
aber be^t^aib-, meil er bie toid^tigften 2Katerien sur Bearbeitung ju 
lüä^len unb (£rfd)öpfenbeö barüber ju liefern gewußt f)at S)en 
Anfang feiner maffen^aften ©ompilationen bilbet bie Sylloge publi- 
corum negotiorum ab Augustissimo Romanorum Imperatore. 
universis Europae regibus etc. tractatomra, granffurt 1694, mit 
®up})lement oon 1702, ent^altenb aQe oon 1674 bi^ 1702 geUJed^felten, 
ber lateinifd^en @prad|e fic^ bebienenben Staat^fc^riften, beren ber 
Herausgeber alö 5ßrioatmann ]^abt)aft loerben fonnte. 3ft bieö mel^r 
oon oölferrecfittid^er Söebeutung, fo bcjie^t fic^ au^fd^tiefetici^ auf ba^ 
Deutf^e ©taatSred)t Sünig'ä berüt)mteig „2)eutfc^eS Steid^Sardjio", 
Seipjig 1710—1722 erfd^ienen. Sebigfid) bie entfdjeibeuben Urtunben,. 
nic^t auc^ bie langwierigen oorbereitenben ®taatöfd}riften, S)ebuctionen 
u. f. f., füBen biefe 24 J^olianten: allein baruad) fann man fid^ 
benfen, tt)eld)er ®d|a§ oon ®runbgefejjen, 4>erträgen, ^rioilegien, 
Seftamenten, fief)cn§briefen, 9Sersid)tleiftungen, Statuten u. f. f. l)ier 
angel)äuft ift; „unb jtoar fo," fagt 5ßütter, „bafe man oon allebem 
nic^t nur in Sachen, bie baS gange Sieicft angef)en, wenig Sr^eblid^e^ 
oermiffen wirb, fonbern baß auc^ fein SHeid)^ftanb groß ober Hein 
oor^anben ift, oon bem nid)t ungemein bcträd^tlid)e, oorljer großen^ 
t^eifjo ungebrudte Urfunben oon ber 9lrt Ijier ju finbeu wären". — 
(Snblid^ bietet ein wefentlid)ei^ Sntereffe für un^ fiünig'^ Bibliotheca 
curiosa deductionum, Seipjig 1716, luetd^e 2:itel, 3at)r unb Ort 
beS ©rf^inenö einer 9D?enge t)on 5)ebuctionen mittf)eilt, georbnet nac^ 



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44 SwtiM l^apiter. 

9iamen ber gürftcn unb ©tänbe, für toeld^e ftc gcfd^riebcn finb. S)ct 
bamaltge biptomatifd^^» internationale, me^r nod^ ber interterritoriale 
aSerfe^r innert)aI6 ©eutfd^tanbö bebiente fic^ folc^er SRec^tigau^fü^ 
mngen befanntlid^ gar gerne, fei eg oud^ nur jur äKaöfirung öon 
®eh)altmaferegetn; biötoeilen mod^te aud^ toirHid^ einmal öor ben 
Sleic^^gerid^ten ber Sied^tgftanbpunft t)on ©ebeutung fein; jebenfaß« 
legte man ber gefd^icften unb überjeugenben S)arlegung folc^er gragen 
grofeeö ©enjic^t bei. Unb fo galt benn aU baö ^aupterforbernife eined 
tüd^tigen ?ßubliciften bie Äunft, berartige ©taati^fcfiriften fo angufcrtigen, 
bafe bie jebe^maligen poUtif^en Sntereffen be8 jebedmaligen ßanbe^ 
tierrn aU t)on ber ©ered^tigfeit felbft bictirt barin erfd^ienen. ®erabe 
bie beften gebem — eine^ Seibnig, ?ßufenborf, 2^^omafiuig, Sil^ej, 
©tr^f, ßocceji, Subemig u. f. f. — n)urben gu biefem Sel^ufe in 
Bewegung gefegt, bie ©rjeugniffe berfelben aber nur afö glugfd^riften 
ober au^ gar nid)t, ba tb anonym, balb üerftedEt unter fonftigen 
„äRaterialien", ueröffenttid^t. ©o genjinnt man über btefe Siteratur, 
über i^ren Umfang unb it)re SBebeutung, einen richtigen Ueberbtid 
unb jugleic^ über bie ©teile, ujo baö ©njelne ju finbcn, bie nött)igen 
9iad^n)eifungen erft burd^ baö SBerf Sünig'ö, toeld^eö öon Senilen 
in jmeiter, biö jur 3cit i^rc^ ®rfc^einen§ fortgeführter ?[u^gabe 1745 
ebirt mürbe, n)a^renb ^riebrid^ Äarl t). 9Kofer 1751—1764 eine Art 
t)on gortfefeung baju geliefert f)at Unter bem 3;itel: „©ammtung ber 
neueften unb n)id^tigften S5ebuctionen in Xeutfd^en ©taat^ unb SRec^t^ 
fachen". 

Offenbar grenjt in bieten ber te^tgenannten 3Berfe bie 3urigprubenj 
na^e an bie ®efd^id^te. ?lber felbft ein fo au^fc^Iiefelid^er §iftorifcr 
loie Äafpar ©agittariu^ mufe t)ier aufgefül^rt toerben, n)eil er, 
ate toa^rer ©cf|üfer ßonring'ä, in feinem Nucleus historiae Germa- 
nicae (juerft Sena 1675) mit ber beutfd^en ©efd^ic^te Unterjud^ungen 
über beutfc^e aSerfaffung^juftänbe ju tjerbinben beginnt unb fo ben 
Steigen ber ©c^riftfteller eröffnet, UJeld^e bie l^eute „2)eutfc^e Sieid^ö^ 
unb 9ted^t^:'®efd^id^te" genannte 5)igciplin unferer SSiffenfd^aft uor* 
bereitet t)aben. ©benba^in get)ören feine gorfc^ungen über bie 
9iegierungöart in Xtiüringen wä^renb ber 3eiten ber gränfifcfien Ä5nige, 
im üierten 95ud^e feiuer Antiquitates ducatus Thuringici, Sena 1688. 

Sieben ber ^elmftäbter l^iftorifd^en fte^t bie ©trafeburger p^ilor 
logifd^e ©^ule, uon wetdier fd^on me^rfoc^ bie JRebe mar. 3)er 
bebeutenbfte 3urift, ber i^r entfproffen ift, ift öbcler'i^ ©(^wiegerfo^n 



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lU. (5taatöre(^t. 45 

Ulric^ Cbrcd^t: gciftrcic^, fein gebilbct, öon Soffuet mit Siecht oU 
epitome omnium scientiarum bejeic^net, in oQcn ©ättetn flcred^t, 
einer ber legten jener ^ßol^l^iftoren, mit benen er aud^ bie (S^aralter* 
jüge |)oIitifc|er toie religiöfer Snbiffercnj unb rücffid^telofer (Scn)inn* 
fuc^t gemein l^at. ©eine btü^enbe lateinifd^e Serebfamfeit bient ju 
?ßaneg^rifcn fotool^I be^ in bcn Saufgräben öor ^fjili^p^burg, bei bem 
erfolgreichen ©türme auf bie Sontrcffarpe an ber ©pifee feinet 9le» 
gimcntö „(Sraf ©parr ju gufe" 19. 3uli 1676 gefallenen jugenb^ 
lic^n ^ßrinjen ?luguft g^iebrid^ öon ©raunfd^toeigsfiüneburg, tt)ie 
ßubtoig XIV. ©eine ftaatöred^tlid^en Äenntniffe fteiien öor ber 
Ännejion ber SSaterftabt bel^ufö SBai^rung il^rer Autonomie, nad^ ber 
Ännejion ber ^one granfreid^ bel^uf^ SSertl^eibigung i^rer ^olitit, 
j. 99. in ber ©panifd^en ©rbfolge^^rage, jur aSerfügung. 3n ber 
Expositio instrumenti pacis Caesareo-Suecicae ftel^t er auf pro* 
tcftontifc^em ©tanbpunfte, 1688, nac^bem er felbft politifd^er Seförbe* 
rung l^alber contjertirt l^at, uberfefet er bie 2lbt)anblung eine^ Sefuiten, 
beg P. 35iej, über bie 9iot]^n)enbigIeit ber SRüdEfel^r ber ©tfäffer 
^oteftanten gur pSpftlid^en Dbebienj. Sa, er läfet fid^ felbft burc§ 
J)oIiti)d)e Sntereffen beftimmen, in einer entfd^eibenben Urfunbe Dtto'«JlI. 
Oon 982 eine tenbenjiöfe Äuölaffung üorjune^men ; ba^ gefd^iel^t aber 
benn bod^ im 3)ienfte feiner bamofe fd^ioer bebrängten SSaterftabt, 
toS^renb il^m fonft leine berartige ©ntftellung !^at narfigemiefen werben 
fonnen, erft red^t nid^t eine Set^eiligung bti ber Auflieferung oon 
©tra^burg an ^anfreirf), fo emfig man aud^ naä) belaftenbem 
STOatcriat gegen i^n gefuc^t l^at. S)ieg, unb ber gtül^enbe SBunfc^ be^ 
©o^ne^, ben in bürgerlirfien SBirren ent]^au|)teten aSater ju rächen, 
überl^anpt enblid^ bie lajen Stnfd^auungcn ber 3^^^ mögen unfere« 
©brecht Uebergang jur franjöfifd^en ©efinuung entfd^ulbigen ; ^at er 
boc^ au(^ in granfreid^ »iffenfd^aftlic^e Slnerfennung unb Slnregung 
rei(^fid^ gefunben. 

©0 geartet, überragt Dbrerfit nun aber in einem, unb jtoar in 
einem miffenfd(aftlid( entfd^eibenben fünfte ben 2)urc{)fd^nitt ber ^oItj*= 
^iftoren : bei 'ü)m fte^en bie öerfd^iebenartigen Äenntniffe mit einanber 
in ttJirflic^ lebenbiger SSerbinbung, ju gegenfeitiger görberung. ©o 
ift faum eineg feiner l^iftorifrfien ober pI)i(ofop^ifd^en SBerfe ganj 
ol^ne juriftifd(e^, ftaatöred^tlirfieg, oerfaffungögefd^id^tlirfieö Sntereffe; 
unb fo jei^nen fid^ feine juriftifd^en ©d^riften auö burd^ fortlaufenbe 
SBenü^ung ber ®efd^id^te unb Slltert^umgtt)iffenfd§aft. ©ein befanntefte^ 



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46 3»cite« ^a\>\Xtl 

©efc^irfitigwcrt, Alsaticaruin rerum Prodromus (ü. 1681), erörtert 
mit Vorliebe Derfaffungöred^rtici^e fragen, namenttid^ über baö SSer- 
^ättnife ber ©tabt ©traf^burg ju it)rem 93ijc{)of unb über bie ©tellung 
ber anberen et)Qffi)c{)cn ©täbte ju Defterretd^. Offenbar angeregt 
burdö bie publiciftifd^e Sontrouerfe über bie ©teQung beö Äaifer^ im 
?Reic{)e ift bie 9Seröffenttid|ung ber Elften über bie Jlbfetjung SBenjete 
nnb bie 5Weun)at)l SRupredjtö. SBid)tige ftaatg^rerfitlid^e 9ruf)d^Iüffe, 
(iitf ®runb reichen ©trafeburger Urfunben-S^Jateriali^, geben bie beiben 
©iffertationen de vexillo Imperiali unb de Imperii Germanici 
ejusque Statiium foederibus, ü. 1673 unb ö. 1676. SBöIfer^ 
rec^tlid)e 9(b^anblungen njic ber „Sponsor pacis" unb bie 95etra^tung 
„De ratione belli vulgo raison de guerre" Don 1675 j^eigen ben 
offenen SSIid beö ©taatigmanne^ für politifd^e SRad^t unb politifd^en 
©inftufe; mä^renb Unterfurfiungen über bie ©renje jtüitd^en ©taat«^ 
unb SSöIferrec^t, tpie bie Dissert. de connexione juris privati et 
publici t). 1682, ju bem aBunfd^e nad^ ber SBiffenfd^aft eineö inter= 
nationalen ©taatörerfit^ führen, gür biefetbe ioftren bie ^rincipien bem 
SJaturred^te, bie 9(ui^Iegungöhmft bem SJömijdjen 3ied)te, baö pofitioe 
SRateriat bem t^at)äd)lic^en 3wftanbe ju entnehmen ; baö oorgefc^Iagene 
SJerfarjren toirb illuftrirt burd^ 93ei|t>ielc, in loetdien Dbred)t bie 
bebeutenbften biplomatifdien unb publiciftifd^en ^or!ommniffe be^ 
^ageö ju berühren toeift. 3" allebem gefeilt ftd^ enblid) bie grünb- 
lid^e pl^ilologifd^e @d)ulung, um jolitreidie Beiträge jur Stömif^en 
9ied&t^gefc^ic^te oon feltener ®cbiegent)eit ju zeitigen ; mögen bicfelben 
fid§ nun beäiel)en auf bie 9lgrargejetjc ober auf bag ©teucrfljftem 
ober auf bie Segenbe oon ber legio fulminatrix ober auf Siömifd^e 
9Kagiftrati^*®ctoa{ten, bie aufecrorbentlic^en im allgemeinen unb bie 
tribunicifc^en ber Äaifer im befonberen, ftetö toeife ber iierfaffer bie 
red)ttid^en ®efi^t§punfte in ben ^orbergrunb ju fdjieben unb bie 
^(\6)c juriftijdien ^^Srinäipien gemäfe ^u ertlören. S)iefc juriftifd^c 
?luffaffung ift eben Dbred)t'^ (Sigentljümlid^feit, gegenüber ber rein 
antiquarifc^cu ober aUenfalli^ poütif^en 9f{id)tung, toie fie j. 9J. bei 
Sücter'^^ 5at)Ireic^en S)iffertationen über ä^nlid^e ©toffe oorf)errfd^t. 
9iidjt ä^im minbeften be^ljalb Oerbiente Dbred)t l^icr einge^enbe 
SBürbigung, toennfd)on er auf unferem ©ebiete jufammenöängenbe 
größere Söerfe nic^t ge)d)riebeu ijat. 

9(el)ntid)e üciftungcn auf bem (Gebiete be§ 9Jömiid)en ©taatörec^ti5 
finben fid^ ju (£nbe bes^ 17. 3a^rt)unbert^^ faum mel)r aufeerl&atb 

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III. ©toQt«re(f)t. 47 

^oHanbg tmebcr, tueber in ©cutf^lonb nod^ in granfreid(. Smmer* 
Ijin ift no^ ein beutfd^er SWamc t)on beftcm Älang in bicfcm Qn< 
fammcn^ang ju nennen. SSennfd^on ber grofee (Sde^rte unb ©taatg* 
mann ©jed^iel öon ©pan^eim in ®enf geboren unb au^ ber 
hoUSnbifd^en ©c{)ule ber ©atmofinö unb §einftu^ l)ert)orgegangen 
ift, fo gebort er bod^ ber ^Rationalität nad^ S)eutfc^lanb ju, njie ein 
gut Sfjeil feiner Sl^ätigfeit ber beutfd^en SRed^ti^njiffenfd^aft ju ©tatten 
getonimen ift. ®abei foll weniger ber bebeutenben ftaatörei^tlid^- 
politifc^en S)ebuftionen gebaut fein, n^ie fie feinen biptomatifd^en 
Jöcjicliungen entf^jrangen ; aud^ bie ©crücffic^tigung bei^ juriftifd^en 
Sntereffefl^ bei feinen 6erüt)mten numiömatifc^en Unterfud^ungen fei 
nur nebenbei ertnätjut, obfd^on fid^ babei manche forbertic^e ©injet 
aufflärungen ergeben l^aben; im SJorbergrunbe fte^t feine tief ein^^ 
bringenbe publiciftifd^e Unterfud^ung unter bem Ziid „Orbis Ro- 
manus", S)en aWittetpunft berfelben bitbet bie SRaferegel be^ fiaifer^ 
?(ntontnujg, bie SSerleil^ung beö 95ürgerred^t« an fämmtlirfie 'Sitiäß^ 
®nttjo^ner; aber nid^t nur biefe SRafereget felbft njirb eingel^enb 
beleurfftet, namentlid^ nid^t nur im 3Biberfpruc^ gegen bie bi^ bat)in 
^errfc^enbe SWeinung feftgef teilt, bajs SaracoÜa ber l)ier gemeinte 
Äntoninu^ ift, toie feit^er unbejtt^eifelt feftfte^t; fonbern e^ wixb anä) 
einleitcnb bie ganje ©eftaltung ber SRömifd^en, Satinifctien, Stalifd^en, 
proDiuäiellen 95ürgerfc^aftö'9Ser^8ttniffe üon Urfprung ab bet)anbelt, 
unb ebenfo abfc^Iiefeenb bie SBirlung jener (Saracalla')d^en äWaferegel 
auf afle Sßertiditniffe be§ offentlictien unb ^rioatred^tö in Stalien unb 
in ben ?ßroüinäen verfolgt, ©otoo^l 2RateriaIreid^tl)um wie geinl)eit 
be^ Urt^eite bei SSerarbeitung jene^ 9Kateriate geidinen bag SSerf 
au^; unb fo burfte üon bemfelben ber greife SBerfaffer mit SRe^t bei 
(9etegenl)eit einer neuen Sluögabe fagen, bafe e§ ha^ ganjie ®ebict ber 
3?ömifd^en SReid^^^ unb SRed^tögefi^i^te (Romani juris vel Imperii) 
neu inö 2ic{)t rüdfe. 

S)a«felbe teiftete für bie ©eutfc^e ©ef^id^te gleid^jeitig (1698) 
ein ©^üler Dbred^t'g, 3of)ann ^^ilipp S)att, mit feinem 3Berfe 
über ben (Smigen JReid^^frieben, tt)et^e§ burd^ ^üUe beö urfunblic^en 
3nf|atte^ tuie burd^ Sefonnenfieit beö Urt^eitö fid^ glei^mäfeig au^= 
^id^net; namentlid^ ba^ ftöbtifd^ Sfelingen'ft^e Slrd^iü lieferte baju eine 
5Reil)e tt?ertl)t)oIIfter Elften unb Slufäeirf)nungen. S)att get)t äuriidE big auf 
baö altgermanifrfie ^el)bett)efen unb fd)ilbert im 9lnfrf|tuffe an baöfetbe 
in feinem erften SBud^e bie SSerfud^e beö 11. unb 12. Sa^rljunbertö 

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48 gtoetted Kapitel. 

jum ®otte^, be^ 13. unb bc^ 14. Sa^rl^unbertö jum Sanbfricbcn 
ju getangen, mit bcn äCtcren Sünbcn jtoifd^n gürften, Ütittem unb 
©tobten in ©übtocftbcutfd^tanb ; baran teilten fid^ bie SBorgängc bc« 
15. Satjr^unbert^, öon ben burd^ bie ^uf fiten stiege öeranlafeten 
SRcic^fc^lüffen be8 Sa^re« 1431 big auf bie erften SfreiScint^eilungi^* 
»orfd^Wge ber aieic^ötage öon 1486, 1487, 1489. 3)a« jwette SSud^ 
ift ganj ge»ibmet ber (Sefci^i^te unb ber SSerfaffung beö legten, 
mäd^tigften unb öietfad^ für baö ganjc SReid^ öorbitbüd^ geworbenen 
griebenöbunbeg, beg ©d^njfibifc^en Sunbe«, big ju feinem burd^ bie 
neuen retigiöfen ©Gattungen unb Sntereffen l^erbeigefül^rten ©nbe. 
9Son biefem ©Efurg Uf)xt bag britte SBuc^ nad^ SBormg, jum Sa^r 
1495 jurüdE, um junäd^ft bie bem fianbfrieben femer ftel^enben bort 
üerl^anbetten SKoterien ju ertebigen, aU ft'riegg*, ginanj*, ?ßoIijei= 
Slngelegenf|citen unb SReid^gregiment. 5Dag öierte ©ud( fommt jur 
^auptftü^e beg Soubfriebeng, jum Sammergerirfit, mit einem grfinb' 
lid^en unb oftenmftfeigen Sjfurö über bie SBel^mgerid^te. ©nblic^ 
erreicht bann bag fünfte unb le^te öud^ ben fianbfrieben felbft unb 
liefert baju namentlid^ bie gefammten SReid^ötaggaften , au« htn 
öerid^ten ftäbtifd^er Beamten jum erften SKale ang Si^t gejogen 
unb aug anberen Duellen ergänjt ju erfreulid^er SBoUftänbigfeit. (£g 
bebarf faum ber öemerfung, bafe auö allen ben jal^Ireic^ abgebrudCten 
©riefen, ©erat^ungg==^rotofoQen, öeric^tcn, biplomatif^en SSerl^anb^ 
lungen, Sunbegrejeffen unb Meid^öaften ni^t nur für bie üon S)att 
mit §ütfe berfelben bel^anbctten fragen, fonbern aud^ für alle mog^ 
lid^en ge)d(ic^tlid^en unb ftaatöred^türfien 9Ser^8(tniffe, am meiften be«i 
15. So^r^unbertg, firf) bie mannigfaltigften Stuffd^Iüffe ergeben. 3n 
ber SBefd^ränfung auf baö urfunblid^ ©rnjeigbare liegt 3)atf g ©tftrfe 
unb feine Ueberlegen^eit über aföbalb auf biefem ®ebiete einfe^enbe 
©trömungen. 

IV. 1. afiationaliftifc^-aufflärerifd^e Ärttif am päpftli^en Äird^en^ 
red^t mittefe gefc{)id^tlid^er Seleud^tung ju üben, lag proteftantifd^cn 
Suriften na^e, fo einhellig fie aud^ einft fid^ gegen bie öoUftönbigc 
äufeerfraftfegung beö fanonifd}en 9ied^teg auggefproc^en l^atten. 3)er 
erftc, ber biefe meitfül^renbe fflal^n betrat, ift Safpar Sit^itx ju 
aSittenberg. ©ein ©nttoicflungggang öon ben fd^önen fünften burc^ 
Sil^eologie, Slltert^um^tüiffenfc^aft unb (Sefd^id^te l^inburd^ jur 3urig^ 
prubenj befähigte i^n befonberg ju freierem ttjiffcnfd^afttid^em unb 



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IV. Äirc^enrcd^t. 1) ^rotcftantifc^c«. 49 

njeltmännifc^cm Stuftreten gegenüber ber fanonifrfien Sc^olaftit. 5)ie 
SBüffen ju biefcm Äampfe lieferten ü)m QUBergetpö^nticf)e t)iftortfdöe 
AUnntniffe etnerfete, bie ^rincipien be^ SRaturrec^tö anbererfeit^, ttjte 
er benn fc^on an früt)erer Stelle alö einer ber erften beutfd^en 
@rotiui^3nterpreten ju nennen mar; bie Gelegenheit jum Äam))fe 
bot firf) i^m, ba er aU 3Bittenberger Drbinariuö bie ©i^^ipUn beö 
Äirrf)enre^tö ju vertreten l)atte ; ben Äampfeseifcr aber enblid) fd^öpfte 
er auö lebhafter, hiti}erifc^==ortt)oboi*er. ^römmigfeit, in golge beren 
er e« fic^ pr bejonberen Slufgabe ma^te, bie fanonijc^en @ä^e in 
SBejug auf ©ntfte^ung, ®ültigfeit, Ucbereinftimniung mit bem gütt= 
liefen 9?aturrecl)t unb auf 9(nmenbbarfeit in proteftantifc^en fianbcu 
nac^juprüfen. S)abei entfd|(üpft i^m tDo\)i eine Sleußerung beö 
SBebaucrn^ barüber, baft man jur 3^it ^^^ SJcformation nic^t rabifal 
bos ganje päpftlidje SRec^t aui^gemerjt tjQbc; im 9lUgemeinen aber 
begnügt er fid| bamit, gegen einjetne if)m anftöfeige ©ä^e Dorjuge^en, 
inbcm er fie afe ben erften 3^i^cn be^ (£t)riftent^um^ fremb, üielfac^ 
aud) alö erft fpät, aber funftreid^ erfonnene äRaferegcln jnr J^örberung 
päpftlidier §crrfci^)ud)t barftellt. 

Sie Slcigung ber 2luff(ärung, alle möglid)en Siorgänge ber 
@efd)ic^te an^ ben 9Jänfen Ijerrfdjfüc^ttger unb t)interliftiger Pfaffen 
ju erflären, ift befannt; audj bie proteftantifc^e ®eiftU(^teit foUte 
bercinft genug unter folc^en 3tnflagen leiben, fd)on üon Seiten eineö 
Et)riftian Jtiomafiue, ber baö 3^erfal)ren bei feinem Se^rer 3^^^^^^ 
gelernt l)aben mochte; bei 3^^!?^^^ f^^^f^ ^anbelt e^ fid) au^^fc^tieftlid) 
um einen juriftifdien unb proteftantifd^ antipapalen gelb^ug, ber in 
bem ort^oboyen SBittenberg nic^t nur nic^t Derle^jte, fonbern gerabeju 
gerne gefet)en würbe. S)afe biefe SSaffen fic^ gegen baö eigene Sager 
menben Ujürben, fc^eint man nic^t üorauiSgefe^en ju t)aben; unb ba 
3iegler in l)o]^em 3lnfet)en ftanb, aud) bei ber Uebertragung feiner 
5ßrincipicn in bie ^raji^ norfic^tig afö Steuerer aufsutreten Dermieb, 
fo ift eö U)m gelungen, üielfad) felbft bei ben conferüatiuen 2)ifafterien 
feiner Umgebung burc^äubringen. Seine 93et)errf(^ung ber ein- 
fd)lägigen @efd)id)töquellen mirb it)m um fo f)öl)er auäuvedjnen fein, 
tüenn man bebenft, bafe bie Sbitionen uon SJaluje erft 1671, öon 
Cue^nel erft 1675, üon 2)üujat erft 1687 erfd^ienen, wie benn aud^ 
©erljarb uon Waftric^t's^ lebiglicft at^^ fteißige Kompilation 
anjuerfennenbe, tro^bem aber berät)mt geworbene Historia juris 
ecclesiastici et pontificii erft üon 1676 batirt. 3^^^?!^^^ ^^^^ if^ 

PanbSberg, ®rfd)i(^re bet «Biffriifc^aft. ^ 



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50 3n>«itc^ §tap\Ul 

nic^t nur auf biefem @c6iete mertoürbig beujonbert, fonbern toti^ 
biefc Stenntuiffe and) fc^on jur Befruchtung ber bogmatifc^cn ©rfennt^ 
nife ju Derrocrt^en. 

?ltö fein bebeutenbfte^ S33erf erfd^etnt in biefem ©inne fein Jus 
canonicum notis et animadversionibus academicis ad Jo. 
Pauli Lancelotti, ICti Perusini, institutiones enucleatum, 
SSitten6erg 1669, tt?eld^em eine Diss. de juris canonici origine et 
incremento öorangefc^ieft ift. 3^^^^^^ f^^ letztere burd^ l^iftorifc^e 
Äritif unb burd^ DucIIenmäfeigfeit auö, fo ift für be^ Sud^eö §aupt= 
t^eil bejeic^nenb, n)ie er ber 2)arfteIIung Sance(otti'g Schritt für 
©c^ritt folgt, balb blofe mit furjen 9?oten, ba(b mit öemerfungen 
über bie SSerfc^ieben^eit be^ proteftantifc^en ©tanbpunfteg, bolb aber 
anä) mit fc^arfem Xahd unb grünblic^er SSiberlegung Don bd^ 
?{nnotirten eigenem ®tanbt>unfte auö. 2)ie 3bee, ein öon )>ä)>ftticf)er 
Seite ate muftergültig anerfannte^ 3nftitutionentt?erf ju ®runbe ju 
legen, ertoeift firf) afe überauö glüdUd), auc^ um ber SJoQftänbigteit 
falber, toelc^e baburc^ für alle ÜJiaterien erjielt mirb, unb jttjar für 
bie rein juriftifc^en fottjo^l wie namentlich für bie ttjeologifc^ 
gemif^ten; fd^on hierin liegt ber S)ürftigfeit älterer proteftantifc^er 
Äird^enrec^tölel)rer gegenüber ein gortfd^ritt. So ift benn nid^t nur 
eine jtoeite 9Iuögabe üon QkqUx'^ SRoten 1696 erfd^ienen, fonbern 
baö SBerf Ijat auc^ S^omafiu^ ju einer ganj ä^nlid^en SSeorbeitung 
be^ Sancelotti (üon 1717) angeregt, mit eigenen unb fremben 9?oten, 
unter ttjefd^en bie Qieo^ltt'^ ben ^auptpla^ einnet)men. 

©ine anbere intereffante Sd^rift 3i^9lc^'^ if^ ^i^ ^(b^anblung 
De dote ecclesiae ejusque juribus et privilegiis diatribe cano- 
nica, aSittenberg 1676. Sie ift fpeciell gefc^riebcn im Sntereffe ber 
fog. dotales, b. f). foIcf)er ber fiird^e al^ 3lu^ftattung ju eigen 
gegebener ©auem, meldte baburc^ au^fd)fie6lic^ ben Hird^ensin^ ju 
jagten oerpffic^tet, aller ^errenteiftungcn aber lebig toaren. S5iefe 
mürben, nac^ Untergong ber Sc^enfung^aften unb Urfunben im 
großen Sriege, öielfad) üon ben ©belleuten aU if)x ©gen in ?tnfpruc^ 
genommen, muftten bann mof)l gar nod) baneben bie t)erfömmlicf|en 
äeiftimgen an bie ftird^ weiter entricf)ten, unb waren bemnai^ 
nun boppctt belaftet. greilic^ öermag auc^ 3icgler ba, wo alte 
Seweife für bie Uebereignung Seiten^ ber örunb{)erren an bie 
Siird)c fehlen, ,^u öunftcn biefer armen Seute weiter nic^ti^, afö 
ben 4^erren in'd ©ewiffen su reben, unb fie namentlich oor bem 



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IV. Äirc6cnre(]61. 1) ^rotcftontifctjc^. 51 

Jvlucf)c ju ttjarnen, ber 3ebem bro^t, ber ^anb an Äirc^engut ju 
legen roagt. 

De diaconis et diaconissis veteris ecclesiae liber commen- 
tarius, aStttenbcrg 1678, tt)irb ^odigef^o^t aU eine tüchtige ©tubic 
jur cilteften fiirc^enüerfaffung. „ßu ^i^I^i^'^ 3^^^^" ci"^" fold^en 
Jractat fctircibcn'', meint 9?ettet6Iabt, „tt?üUte mel)r fagen, aU fieutigen 
Jageg, ba fo Diefe ^ülfömittel tiort)anben finb, ein guteö Sönc^ ber 
2)ea:etQlen ebcnjo gelef)rt nnb nod^ geleierter erflären." 5Daö SBer! 
fanb namentlirf) onc^ bte öoße Einigung Sonring'^, auf beffen 9(n' 
i^^^pwg S^^Q^^^ 1685 eine analoge 3lr6eit erfc^einen IieJ3, ,De epis- 
copis eonimque juribus, privilegiis et vivendi ratione*. 9(el)nlic^ 
in ^iftorifc^er SRet^obe unb grnnblegenber Sebeutung ift bie fleine 
Scfirift: De visitationis ecclesiastieae et procurationis jure, 
Wittenberg 1679; nnb felbft bie SKäje De tousura clericorum 
t»on 1685 öerbtent ^ier @rn)äl)nung. — S)er 2lractat de juribus 
majestaticis, SBittenberg 1681, fann bagegen nur fomeit auf 83e= 
ac^tung Slnfprudj ert)eben, tok er bie firc^Iid^en Dber^ol^eit^redite 
erörtert, für melcf)e ä^cgler auf bcm abfoluten Serritoriat^jrincip 
ftc^t; fonft, fonjeit e§ fid^ um reinem Staatsrecht t)anbelt, leiftet 
3iegler ntd)t^ ^eröorragenbeö, ebenforoenig inie in anberen Keinen 
2d)riften auf ben ©ebieten bcS Giüit ober @trafrecf|tS. 

Siäc^ft .S^egter ftet|t ^einrid^ Sincf, menn]d|on njeniger pcip^U 
imUid) unb njeniger fc^ulbilbcnb , aber mit gleicf)em ^iftorifd^en 
Sntereffe unb quellenmäßigem gleifee. ©eine S)iffertationen be^anbeln 
in einbringlic^er SBeife bie (Sntfte^ung beS Äird|enre(^tö , bie 
biic^ofti^en SRec^te, bie Sntmicftung firc^Iid|er 3)inge in 35eutfd|Ianb, 
bie 3fnmenb6arfeit in proteftantifd^en Sanben, bie firrf)enrec^tli(^c 
Stellung ber Sanbe!§t)erren. 2tucf) bie bciben 2)iffertationen über 
bie SReception unb ®ü(tigfeit beö Suftinianifc^en SRec^tS in S)eutfd)s= 
lanb ä^'igen tüchtiges SSiffen unb gefunbeS Urt^eil, inbem fie fid) 
entfc^ieben auf ßonring'fc^en öoben f teilen, bennod^ aber bie Slbro= 
gQtion einjelner JRomifc^er SRed^töfä^e nur burdj entgegengefegteS 
@etpoI)n^eitöred)t , nidjt fd^on bur^ blofeen Stic^tgebrauc^ zugeben, 
äße 9Jorfc^täge auf Umarbeitung beö Corpus juris civilis werben 
öermorfen, ba fie boc^ bloß Unorbnung unb Unfic^er^eit fc^affen 
njürbcn ; als ber eiujig empfet)IenStt)ertt)e 3Beg ju ^Reformen tuirb ber 
burd| bie hir)äd|fifd|en Sonftitutionen unb Secifionen betretene bar- 
(ietf)an. ^Intiquarjfc^, im Slnfd^Iuffe an 9ioü. 47 gearbeitet ift eine 



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52 3weiteS ^apiUl 

Unterfiic^uug über bie Stömifc^e 3nbiction. 2mcf'^5 umfaffenbftc^ 
aSerf aber ift hjicbcr firc^enredjtlid) , fein erft nacf) bcm Siobe er= 
fd^tenener Secretalen-Somnientar nämlicl), eine folibe Jlrbeit, bereite 
unter Scnut^ung öon 3i^9^^^ ^ergeftellt. SbeufaUö erft nac^ feinem 
3;obe erfd)ienen feine gefammelten Sonfitien unb Stefponfen, bei beren 
praftifd^cr SRatur e^ boppelt l^crüor^ebenöttjertl) fein bürfte, ba§ bereite 
einjelne ©ntfdjeibungen unmittelbar auf ba^ 9?aturred)t gegrünbet finb. 

Sof)ann 5)5^ilipp ©Icüogt ju Sena, tjeröorgegangen au^ 
Sonring'ö unb ©trauc^'si <Sd)\ik, gehört nodj I)iert)er, obfdjon fein ficben 
bi^ 1727 gett)ä()rt \)at; benn n?enufd)on feine fc^riftftellerifd)e X^ätigteit 
tbcn fo lange fortläuft, fo trägt fie boc^ ganj ben miffenfd^aftlic^en 
Sf)araftcr unferer S^^^r ^^^^ njeld^er feine ^auptwerfe ftammen. 911^ 
foldje erfc^eincn nämlid), unter einer ü)?enge üon Siffcrtationen aw^ 
allen Gebieten bcr Suri^prubenj, ber ^^ilologie unb ber ^^ilofop^ie, 
feine lanoniftifc^en Unterfuc^ungen über 2;rennung unb ^Bereinigung 
t)on Sirenen unb öeneficien, Sena 1678 nnb 1681 ; fie seidenen fic^ 
an^ burd) Sichtung be^ ©toffeö unb burd) Sttar^eit ber 2)arfteIIung, 
fo bafe fie mit tl^eoretifdjer g-örberung praftifd)c Sraud^barfeit öer- 
binben. — ©ein 5Weffe ©Ott Heb @Iet)ogt ift ber (Srbe feinet 
SRut)meö aU fird|enred)tlid)er 9lutor getoorben burc^ bie beutfd) 
gefd^riebenc Stbl^anblung „Don benen Steckten ber Slltäre", Sena 1716. 

S)urdj ©cljanblung eineö fird)enred)tlid)en ®pecial=2^^ema^ enblid) 
gefeilt fi(^ biefen geletjrten ßanohiften ein 3Kann ber 5ßraji^, nämlid) 
§ieronl)mu^ 9irüdner, mit feinen Decisiones juris matrimonialis 
controversi, öotija 1692. 3n biefem SBcrfe finb auö ben 6on^ 
fiftorial^Slrdjioen öon äKeiningen unb (>3ott)a 2lcten, toetc^e fid^ feit 
ben Qtitcn bcr 9ieformation bort gehäuft f)atten, über el)ere(^tlid^e 
Jyragen fljftematifd) mit ©efc^id unb SSerftänbniß verarbeitet , um ju 
fcften ©ä^en für biefe 9}?ange(!§ gefe|Iid)er ©runbtage fo fc^ujantenbc 
Sßateric ju gelangen. S)abei ftel)t 33rüdner auf einem fd^on red^t 
t)orgefd)rittenen naturred)tlid|en Stanbpunfte, inbem er j. ö. bie 
^o(l)gamie nac^ natürUd)em unb göttli^em Siedete aU erlaubt anfielt, 
lDennfd)on gen?ife it)r ftaatüdjce i^erbot feine üßeredjtigung £)abe ; aber 
immerhin bleibt e^ rein pofitio-rec^ttic^, ei^ fann Don il)m bispenfirt 
merbcn, njie im ^aüe be^3 Sanbgrafen 5ßt)ilipp öon Reffen burc^ baö 
berüf)mte 2ut^er'fc^c Gonfitium. Ueberl)aupt leugnet ©rüdner fc^on, 
i)ierin gerabeju ein SSorläufer bcsi (£t)r. 3!t)omafiu^, jebe^ jus divinum 
positivum universale unb getuäl^rt bemgcmäß bcm ßanbcßficrrn ba!? 



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IV. fiirc^cnrcc^t. 2) fatl^olifc^eS. 53 

i^m üon ort^obojcu Sljeologen unb Suriften fo ftarr abciei|)ro(^eue 
Stecht, SRorber ju begnobigen. Jro^bem erregte fein SSud) nid|t nur 
feinen 9ln)to6, fonbern njurbe in ^raji^ mie in Sf)eorie ein allgemein 
beliebtet ^ülf^mittel. ®erfelbe §. 95rücfner ift e^ tooffl aud), . tüeld^er 
unter bem ^feubon^m eineö ^et)bernig Öorrontaeuö Siiccruntuö baö 
berurfitigtc ©c^fiö'fdie Manuale pacificum, eine jefuitijd)*unbulbfamc 
Auflegung be^ SSeftp^älifc^cn griebenö, etnja im Sinne ber nod) 
berürfitigteren S)iUingen'fdjen Compositio pacis, mit grünblic^ tpiber= 
fegenbcn 9ioten üerfetjen, 1689 t)erauögab. 

2. ®egen bie bebeutenben Seiftungen ber ^roteftanten ftid^t baö 
fat^olrfc^e ft'irc^enred|t jur 3^'* i^ Seutfc^Ianb traurig ai. S)ie 
miffenfc^oftlidie 93ef)anblung beffelben, n^ie fie meift öon'Drben^gcift^ 
liefen beforgt n?irb, folgt in allen fünften bem alten fc^otaftifc^en 
betriebe, o^ne Cuellenfritif , o^ne 9tüdfid|t auf bie t)iftorifd)e @nt= 
mirftung. S)emgemä§ fann auc^ bie große bamate ber fatfjolifc^en 
ßanoniftif geftettte 3lufgabe, ben ^ribentinifd)en SRe^tc^ftoff in baö 
alte 2et)rgebäube einjufügen, nur eine äufterlic^e Söfung finben, ba 
mon bie t|iftorifd)C ?ieu6ilbung be^ ifiedjtö in ber (£pod)c ber ©egen^ 
^Reformation afö folc^e enttoeber nidjt erlennt, ober nic^t erfenncn 
barf. aSa^ übrig bleibt, ift lebiglid} ber öeruf, ben öebürfniffen ber 
^raji^ burd) moglidift umfangreid}e @toff*@ammIungen unb Siteratur- 
eingaben abäu^elfen. S^er 9{uf)m berartiger SJollftänbigfeit ift e^ einzig, 
um meldien fid) ein (£f)renreid) ?ßirt)tng, ein Sacob SSieftner, 
ein Stnactetuö 9ieiffenftuel bemühen in if)ren umfangreidien, Diel 
benu^ten SSerfen nad) ber hergebrachten 3)Zetf)obe unb Segalorbnung. 
SiamentUd) 3leiffenftuel^ Jus canonicum Universum t)at, mie bie 
bi^ jur SKitte bc^ 18. 3n£|tt)unbert!L^ überaus äaljlrcic^en, üereiujelt 
aber felbft biö jur äWitte unfereö 3at)rf)unbert!S reid)enben ?luflagen 
berocifen, biefe Slufgabe ju üoUer ©efriebigung aller Siatfi^beburftigcn 
feit feinem erften ©rfc^einen, im Sa^re 1700, gelöft. Seine Stärfe, 
roie fo oft bei ben befferen fatt)oüfd)en Stutoren, meldje üon ber 
SKorafcSi^eologie unb Don ber i8cid)t='ißrajiö auis^ge^en, liegt in ber 
reiben, bem täglid^en Seben angepaßten Safuiftit ; ferner aber fi^tießt 
ee nid)t ab mit bem Siribentinum, fonbern fdjenft aud^ bem, xva'o 
feit^er bie 9i6mifd)e ©efefegebnng unb ^raji^ geleiftet ^aben, fleißige 
Sead^tung; fo fann e§ in feiner 9lrt aU äJhiftcrleiftiing gelten. 
^cter Seuren'ö Forum ecclesiasticum unb beffen Safuiftit bilbet, 
nac^ 0. ©d|ulte'^ maßgebenbem tlrtf)eil, einen J^ortjd)ritt über 9ieiffen= 



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54 3wcitc§ Stapxttl 

ftuel tjinaug nicf|t einmal in bem ©inne, in tpelc^em ^ier überl)aupt 
nur öon ^ortfc^rttt bie Siebe fein fann. 

V. 2)ie burdj Sonring getüonnene rid)tige Sluffaffung öon bcr 
Sieceptton beö 9tBnti)(^en SRec{)t^ njor junö^ft bem S)eutfd^en Stedite 
nur fo iueit ju ®ute gefommen, roie in ber ^raji* beutfd^redf|tlid)e 
©itten unb Slnfdjauungen fic^ nod) Dorfanben. Snbem biefe 5111- 
tueid^ungen ber ^roEtö öom Siömijcften 9ted)te feit Sonring öon ber 
3Biffenfdjaft nic^t me^r alö gefe^toibrig öern^orfen ju ttjerben brauchten, 
fonbeni nunmel^r afe gen)of)nt)eit^recl^tIid^e Umbilbungen bc!^ traft 
®en?ot|nI}eit^rec^tö geltenben fremben 9?edjt^ Slnerfennung unb 
©ammtung 'erfuhren, tüaren jene SBerfe entftanben, toeldie bie praxis 
juris Romani in foro Germanico, ben usus hodiemus juris 
Romani borf teilen. 3n benfelben finb bie ntc^t römifd^en ©eftanb= 
tl)eile mit ben römifd^cn üoUftänbig t)ermifd|t, ol)ne 3lad)tüex^ einc^g 
einljeimifc^en gunbamente^, etn)a alö ob fie auö bem (Seifte bc^3 
9?ömifd)en SRed^t^ felbft erwac^fene gortbilbungen beffelbcn tt?ären. 
Slllegirt toerben jum SRac^tueife ber behaupteten ^rajiö gerid^tlid)e 
Urtl)eite unb J^^f idtät^fprüdje , an^ ben 9lcten ober au^ Sammele 
toerfen; öon bcutfc^en Sted^ts^queüen fennt unb benufet jeber ?tutor 
nur bie gerabe in feinem Territorium gültigen, Sarpäot) bie Ätir- 
fädjfifc^en, 9Ke\)iu§ bie ßübif(^cn, Sautcrbad^ bie 3Bürttembergifc^en, 
®truü übcrljaupt faum irgenbtoelc^e. Stuf folc^e SBeife mod^tc man 
allenfatli^ ^ie unb ba ju einer gemiffen öead^tung eineö ober be^ 
anberen territorialen SRed^t^ä gelangen, etnja in ber Wct, ia^ man bie 
9lbn)eid)ungen t)om 9tömifd|en Siecht in furzen, überfid)tlic^en ©ä^en 
äufammcnt)anglo» fammelte, in ber fog. „DifCerentiae-ßitcratur*'; 
etlpaö eingeljenbere Pflege mochte Dereinjelt baiS Sa^erifdje, in ftärferem 
SDJafee ein gemeinred)tlid) fo bebeutfameS 2;erritorialred^t tt)ie baö 
Äurfädjfifdie finben; Hon einer umfaffenben Äunbe ber bcutfd)en 
SRed^töqueUen, öon einer tniffenfd)aftlid^en öe^anblung beö ©eutfd^en 
ated^tö, al^ eineö nationateigent^ümlid)en, au^ fid) felbft ju erftären- 
ben öanjen toar nid^t bie 9?ebe. 

Offenbar SRangel^o einejo pofitiDen gemeinen Seutfi^en ^riüat^ 
red^tö. 35om ©oben ber Serritorialrec^te aix^ liefe fid) eine ^ö^ere 
Stufe nid)i erflimmen, ttieilig toegen ber 2)ürftigfeit ber meiften biefer 
'äitd)tc, tfieilö megen ber allgemeinen Slbneigung, fic^ mit particulären 
SJedjtjgquellen grflnblic^er abzugeben, einer Slbneigung ber beutfc^en 



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V. S)eutf(^cö aiecftt. Sodann Sc^ilter. 55 

atcc^tögele^rten , toclrfie ju allen ^d\en unferer Siteraturgcfd^tdltc 
njtebcrfc^rt unb entflcgen bcm particulariftifc^cn ^angc bt^ beutfd)en 
3?oIfe^ ftetö centri^etal gettitrft ^at. Unb anbcrerfcitjg ioicbcr bafür, 
bafe man au^ Icbiglic^ gefc^id^ttic^cm Sntercffe, Icbiglid^ um ba^ geltenbe 
9ied|t tiefer erfaffen unb rid^tiger fortbtiben ju fönnen, ben ®cfammt= 
c^craftcr etned nirgenbwo gettenben S)eutfc{)»nationaIcn 9lec{)tö ftubhrt 
f)attt, mangelten ber 3^'^ ©nfic^t unb SJhifee. @o fteHt fid^ üom 
erften 31nfange an ben ®crmanifti)ci^en ©trebungen ba^ a(ö ^emmnife 
entgegen, toa^ b\^ jur Sinfü^rung eineö gemeinfamen S)eutfc^en 
bürgerlichen ©cfeftbud^eö bad unlö^^bare ©runbprobtem ber SBiffem 
fc^aft öom S)eutfcf|en ^riDatred^t geblieben i)t: baö ©ebürfnijg, fic^ 
al^ nic^t bloB gefd^ic^tUd^c ober blofe red^t^öergleid^cnbe, fonbern ate 
Ijofitio^rec^ttid^e SBiffenjdjaft ju legitimiren nnb fid^ ju biefem 95e^ufe 
ein gemeine^, Vofitiöe^ ©eutfc^eig ^riüatred^t mit feinen Cuellen 
fünftürfi JU conftruiren, ba eö t^atfäc^ürf) bi^ t)eute fein fold^e^ ge^ 
geben ^at. Sann eö fic^ babei aud^ nur um eine ©elbfttäufc^ung 
Öanbcin : f o ift fie boc^ eine ber frud)tbarften, eine gefd^idjtlid) gerabeju 
not^menbige ©elbfttäufcftung ; bie ©efc^id^te biefer ©elbfttäufdjung mit 
immer feineren 3?erfud^en unb SJSiberIcgungen ift bie öefdjid^te ber 
SBiffenfc^aft Dom S)eutfc^en ^rioatrec^t ; biefeö beginnt mit bem erften 
bcrartigen 3?erfu(^e, tuic er l)errül)rt öon 3ot)ann Sd^ilter. SlKag 
biefer 3?erfud^ aud) noc^ rec^t ungefd^idt, auf t)erfel)rte rcd^t^gefd^ic^t* 
lic^e 93ef)au)>tungen f)in öorge^en : tro^bem bejeid)net er einen njefent^ 
lid^cn gortfc^ritt, ben Söeginn einer ber 3lomaniftifc^en glcid^n)ertf)igen 
öermaniftifc^en SReditjSnjiff cnf djaff ; unb ber SRann, ber i^n nid)t 
o^ne nationale^ ©elbftbewußtfein unternommen fjat, ift be^t)alb 
fjauptföc^Ud^ öon biefem ®efi(^ti2;punfte auö ju tuürbigen, fo 
bebeutenbe Seiftungen er auc^ auf fonftigen (Gebieten bes^ SRed^tö 
aufmeift. 

3oi)ann ©djilter ift geboren ju ^egau bei SKeifeen am 
29. auguft (alten ©tite) 1632; er ftubirte jtt^ei 3a^re in Sena unb 
abermate jwei 3af)re in Sei^jjig ^^iIofopl)ie unb ^f)iIotogie, um bann 
erft fic^ ber 9ied^tön)iffenfc^aft äujunjenben, metc^er er fünf 3at)rc ^in^ 
burc^ oblag, loefentfid) in 3ena unter Slnleitung feineö müttertid^en 
E^eimg 3ol^ann ©traud). ^^on 1662—1678 finben mir if)n im 2)ienfte 
Derfc^iebener fäc^fifc^er gürften, ju Qeii^, @u^Ia unb SSeimar, 1671 
tpurbe er jum SJoctor ber Sterte freirt in Sena, mo er nod^ 1678 
eine acabcmifc^e 2;f|ätigfeit eröffnete, aber balb n^ieber aufgab, um 



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56 3»»eiteS Kapitel. 

ficf) ote ^rtDatinann nati^ ^^anffurt a^ STO. fi\mid^u^iti)en. Statt 
perfönlidjer ^Inregung biente i(}m bort bie eifrig gcpffegte Gorrefpoiibenj 
mit äa^(reicf|en ®ctet)rten, bem SSiener ©ibfiot^efar Sambeciuö ttJtc 
ben f|oUänbifd)en ^{)itotogen ©ronouiu^, (Sraeöiuö, 5ßerijoniuö. 
"^od) (ieß er ficf) 1686 beilegen, feiner SÄufee ju entfagen, um einem 
Stufe nüc^ Strasburg al;.^ ftäbtif^er Sonftliariu^J unb S^ren^jrofeffor 
an ber Uniüerfität ju folgen. 2)ort fanb er fid) balb aufeerorbentlic^ 
tt)of)I, nid^t nur in golge erfreulidjer 9Inerfennung ©eitenö ber 
ftäbtifdien 3Kagiftrate, fonbern auc^ burc^ perfönlid)e 5iejie^ungen ju 
Ulrid^ D6red)t, meld)er einen tueiteren Sßcrfe^r mit ben groften 
fran^öfifd^en ®elet)rten, einem Söaluje, bu Sauge, äRabillon vermittelte, 
tüätjrenb fic^ ein na^c^g SJer^öItnife ju ben fübtocftbeutfc^en Suriften, 
einem Siutpiö unb ®i)ben, au^bilbete. 3luc^ ©djitter'ö beibe Siebling^ 
fd^üler, 3o^. ^einric^ gel^ unb 3o^. (äeorg ©d^erj, fonben in 
©trafeburg Slnftellung, fo bafe er fic^ if)rer gelehrten Unterftü^ung 
bebienen fonnte. Si^ ä^tc^t titerarifd) unb acabemifd) tl^ätig, inbem 
er nod) unter ben fc^toerften fieiben fein Slubitorium in fein ÄTanfen= 
^immer verlegte, l^at fo ©d)ilter unter franjöfifdier ^errfc^aft, 
nid)t of)ne Unterftügung auö franjöfifd)cn ärc^iDen, feiner national- 
beutfd)en 3Iufgabe fic^ gemibmet, 6i^ i^n ber 3;ob am SWac^mittage 
be^ 14. mai 1705 abberief. 

©djilter'ö früt)ere Slrbeiten finb pfjilofopl^ifc^er unb antiquarifc^er 
9lrt, in 2ln(et)nung an ©leüogt unb an 3of). @trauc^. Unmittelbar 
an biefe Schriften reif|t fid) fein juriftifd}eö ^auptwcrf, in ber erften 
3Iu^gabe (3ena 1675 — 1683) bejei^nct alö Exercitationes ad 50 
libros Pandectarum, in ben folgenben al^ Praxis juris Romani 
in foro Germanico, unter tuetdjem Sitel ejg befannter gctoorben ift. 
— Stuf ben erften Ölid unterfd)eibet fidj bicfe Seiftung @d)ilter'ö 
nidjt öon benjenigen Üauterbad^'^ unb StruD'^, tt)ctd)e ä^nlid)e öe^ 
äeid&nungen tragen. SSie biefe ift jene auc> einer 9teif)e in planmäßiger 
Drbnung oorgenommeucr acabemif^er iDi^putir-Uebungen entftanben, 
\va^ and) iljr aUmät)lic^eö, jerfplittertes^ (£rf (feinen crffärt. 3Bie bei 
biefen ift im allgemeinen bie ^anbetten-Orbnung cingelialten, loenm 
fc^on feljr frei, mit ber Steigung, einzelne S^itet ft)ftematifc]^ ju üer- 
fc^meljen, anbere ju überget)en. 3Kie in biefen ift ein ftartes^ 9)taterial 
an praftifc^en C^3utad)ten unb Urtt)cilen auö allen bem 3Jerfaffer gu^ 
gängtidjen OucUeu gur äkftimmung ber l)eutigen ^^raj:iiJ üertocrt^ct. 
iföie in biefen enblid) beginnt regelmäßig bie S)arftcllung beim reinen 



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V. 3)eutfd&c8 9lc(öt. Qo^ann 8d)i(tcr. 57 

9iömifd)eu Steigt, um mit ber tieutigcn ^rajtö ju fd)lte§eu. S)en 
tocfcntltdien Unterfc^ieb aber bilbet ein jtüifc^en biefcn Seginn iinb 
btefen ®d)Iufe bei ®d)ilter regelmäßig eingefd^obeneö Stücf, tpeldieö 
^äufig bie gröfete Sluöbe^nung annimmt, ja bie beiben anberen ©tüdEe 
gelegentüd) faft abforbirt. (So ijt eine rec{)t55t)iftorifc^e (Snttüicflung, 
beginnenb bamit, n?ie bie betreffenbe SRaterie jur ^cxt ber leges 
barbarorum georbnet geXücjen fei; fobann möglid^ft bie 3)?arfu(f fdjen 
unb ^tnbegaüenfifci^en gormein, ba^ etQmologifd)e 3)iaterial au^ 
bn ©ange, bie (Kapitularien öerhjertl^enb; hierauf eine breite Sied^t^ 
barfteHung aue> bem ©djnjaben- unb jur (Srgänjung aug bem @a(^fen= 
fpiegel bietenb; enblid^ partifuläre bcutfc^e 9lec^t^queUen in nidjt 
unbeträd|tUd^er Sq\)1 auö ben öerjc^iebenften ©egenben 3)eutfc^Ianb^ 
^eranjietienb. 6rft im ?lnf^Iuffe an bie je Steige, mögtic^ft afe Sfb- 
jc^UiB berfelben, erfc^einen bann bie Dom SKömifc^en Siedet abttjeic^nben 
©cftaltungen bee gegenwärtigen SMed^t^suftanbeö. 9(ud| finb bie er* 
ortcrten SKaterien unb ©njelfragen beö ^anbeftenred^t^, unter SSer* 
äidjt auf SSoKftänbigfeit, l}auptfäd)lic^ auiggenjätitt, je nadjbem fie 
@elegent)eit ju fold^en germaniftifc^en SuttoidElungen bieten; bo^ gef)t 
namentlich in ben legten 2tbtt)citungen fo toeit, baß baö 3wfontmen= 
fallen ber ?Injat)l ber Exercitationes, meldje bag ©efammtujerf 
bilben, mit ben fünfzig 9)üd)ern ber ^ßanbeften nur nod| aU fünftlid^ 
berbeigefütirte Spielerei erfdjeint. (£ine ÜRenge rein germaniftifd)er 
Sonbcr==9tu§fä^rungen, mit toelc^en bie fpäteren ?fuflagen, U^ jur 
Unüberfid^tlic^feit, oft aufeerljalb beg ^^^f ö"^^^^t)angeö , überlaben 
finb, treten ^inju , um fc^liefelic^ gan^ ttar ju ftellcn, ' bafe biefe 
beutfd)rec^tlid|en S)inge eö finb, auf welche e^ bem 3?erfaffer an* 
tommt, tüä^renb it)m romaniftifd)e Gröffnung unb gorm nur alö 
SRittel äum Qtütd^ bienen. 

3roei fdjujere gefd^id)tlid)e 3rrtpmer finb c^, Don ioelc^en bei 
allen biefen 2)arftellungen Sdjilter au^gel)t. ©inmal folgt er bem 
aSiener ^ibliotl)ef^6ommentar feineö (Sorrefponbenten Sambcciusf in 
ber ?tnnat)me, ber ©c^ujabenfpiegel fei alter unb urfprünglic^er aU 
ber ©ac^fenfpiegel, ba jener uraltes;, Dielfad^ nod^ au^ ber itarolingifd)en 
®efe§gebung ftammenbe^ SKatcrial cntt)alte, n)ät)renb biefer nur 
eine norbbeutfd^e ?lbaptation fei; unb fobann behauptet er gerabeju, 
ber Sc^mabenfpiegcl fei oon Äaifer unb 9?eid) auf bem 5Reid}etage 
ju 9?ürnberg 1208 alö gemeinfamesJ beutfd)cö Wefe^buc^ anerfannt 
lüorben, meldie^ ber ©adjfenfpiegel ai^ norbbeutfd|ej^ Jerritoriat 



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58 3»eitc« Äapitcl. 

rec^t crgänje. @o beftel^e in S)€utfc^tQnb ein formal gültige^ gcmcincö 
9ted^t einl^eimifci^en Urfprung^, tpelcfieö biird) bic jpäteren ^ierritorial- 
gcfefee nur ergänjt unb fortgeführt morben fei. S)iefc8 cin^eimifdic 
gemeine Sted^t ift bii^^er öoUftänbtg öcrnad^läfftgt toorben, eö ^anbelt 
fid) bamm, ba^felbe in baö 9iec{)tgleben fo einjnfü^ren, ba§ iljm bie 
gebüfirenbe ©tcllung erobert toerbe, o^ne bafe bod^ glcid^jeitig eine 
allju fd|tt)ere ©rfc^ütterung aller 3iec^töfid|er^eit einträte, nnb ol^ne 
ben tebiglid^ romaniftifd^ gefc^ulten Suriften ju fef|r üor ben ftopf 
ju ftofeen. SBer fo baö ©ö bred&e, meint ©c^iltcr toei^üc^, ber muffe 
jufricben fein, nur ©nige^ ju erreid^en, unb suaviter in modo »er* 
fat)ren. S)e§f)afb erlennt er j. 95., anbcr^ atö Äulpi^ unb beffen 
3(nf|änger, ben @a^ öon ber ®efammt::9iecet>tion beö romifdEjen Mec^ts 
in 2)eutfc^Ianb an, gibt ju, bafe, mer fid) in ©eutfc^Ianb auf einen 
SRömifd^en 9led)tgfa6 beruft, nic^t beffen ©pecialreception ju be- 
ttjeif en brauche ; aber er toeife aug bief en, bem Stomifd^en SRedjte nic^t 
ungünftigen ^rämiffen in jcbem ©injelfalle mit fold^er öeroanbt^eit 
unb ©ntfd^iebenl^eit bem S)eutfd|en Siedet günftige 3^19^1^ S^ gewinnen, 
bafe man beutlid^ fielet, toie er jene nur jugegeben, meil er biefer 
fidier ift. 2:^atfäd^lid^ fommt er auf biefem S3eg ju bem Srgebniffe, 
ujetd^eö er feineön^eg^ t)erf)et)It, bafe e^ in 2)eutfd)Ianb jtoei gemeine 
SJec^te nebeneinanber gebe, ba^ einl)eimijc^e unb baö frembe, bcibe 
ooüftänbig gültig, beibe einanber ooKftänbig fremb — ein 3i*f^^"ö 
be^ jus vagiim, n)ie nic^t ju leugnen fei. Xie einjige ?(b^ilfe 
jei barin ju finben, bafe beibe SRed^te üon ®runb auö, jebeö felb* 
ftänbig auö feinen eigenen ^rincipien, ftubirt merben, bamit fo erfannt 
werbe, roaö im geltenben Siedete ^ier- ober bort^er ftomme, fonjie 
namentlid^ rva^ beutfd^er Sitte, beutfc^en SSerpItniffen gemäß fei, 
wag nic^t. S)abei fommt ©djilter namentlich tjäufig barauf jurürf, 
bafe nidjtö bem S)eut)d)en 9ied^te meljr 9lbbrud^ t^ue, aU ba« ganj 
Derfefirte, öon ber itaüenifd^en SuriSpruben^ ^erübergenommene 
Softem, bie Statutarrec^te au^ bem JRömifd^en SRedite tjeröor ju 
interpretiren unb ju ergänjen. 5ßielmet)r tragen bic beutfc^en Statutar- 
rechte i^re eigenen ©runbfä^e, gemäfe ber it)nen gemeinfamen ®runb= 
läge beg 3)eutfd)en SRedjtd, in fid|, biefei^ ©eutfd^e Stecht ift aud i^nen 
JU entwidEetn, um t^ aU ein t^oUftänbigeö, in ft(^ gefd^Ioffeneö tiin- 
jufteüen. ÜKit biefer ©rfenntnifi 3d)ilterg wirb eine ber «öaupt- 
quellen bes^ Uebermafeeö ber Steception oerftopft unb jum erften 
aWale eine wa^rf)aft wiffenfd}aftlid|e S8et)anb(ung beö 2:*eutfd)en 



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V. S)eutf4c« Dterf)!. Sodann ©c^ilter. 59 

^riöatret^tö ermöglicht, tt?ie e^ bcnn ttjatfäc^Uc^ eine folc^e in ben 
gef^ilberten Slbfc^nitten ber ©d)ilter']cf|en 5ßrajiö gefiinbcn §at. 

3Ba^ bem Saitbred^t xe6)t, baö ift bem Sc^nrec^t billig. ®o 
führte ©d^ilter'^ ©tanbpunft il^n unmittelbar tpeiter baju, im ®egen* 
jage ju ben Songobarbifcfien libri feudorum baö fiel^nrec^t au^ ein* 
tieimifd^en ClueUen, namentlich au^ bem Se^nred^te beö ©c^waben* 
[piegefe, ju reconftruiren. Qu biefem Se^ufe l)ier tt?eiter au^^olenb, 
bereitete er äunäcf)[t eine 3ludgabe biefe^ SRed^töbuc^ei^ Dor; nac{)bem 
biefelbc fon^eit geförbert rvai, bafe er ficf| auf fie ate auf eine fertige 
Strbeit berufen fonnte, aber nod^ öor i^rer 3)rucHegung, erfc^ien bann 
feine ad jus feudale utrumque, Germanicum et Longobardicum, 
Introductio, Strasburg 1695, bIo§ 108 Seiten in Äleinoctaö ftarf, 
aber in ben fpringenben fünften eine ftare unb beftimmte @nttt)icflung 
beö cml^eimifc^en 9tec{)t^. 55arauf, bafe e^ auc^ biefe^ barfteüe, 
»ä^renb fonft blofe baö Songobarbifc^e geteert merbe, fäl)rt ba^ 
Sel^rbuc^ felbft feine ©Eiftengbered^tigung äurüi; toenn e^ ftc^ befcfieibet, 
biefer Steuerung nur für einige äWaterien (^eerfc^ilb, Simultan* 
bele^nung, Sefigübergang, Sib) ju ^ulbigen, fo ^anbelt eö fic^ babei 
offenbor um biefelbe SBorfid^t, mit ttjcld^er t)oriuget)en @cf)ilter im 
^riüatrcc^t ate rid^tig erfannt ^atte. S)er gortf(^ritt ift bennoct) ein 
ftorfer unb bie SSirlung ift nid^t ausgeblieben, mie fd^on bie ja^t 
reichen 3Iuflagen beujeifen. 3^^^ 3al)re barauf ift ©c^ilter'ö Codex 
juris feudalis Alemannici Deröffentlid^t toorben; er bietet eine 
neue Siecenfion bej§ SejteS unter ftarfer Senu^ung ber SSiener (fog. 
3lmbrafer) ßobiceS, nebft Ueberfe^ung unb aujSfüI)rlidt|em Kommentar, 
ferner ja^lreic^e ^Beigaben anberer 2trt, unter melcfien ber le^t beS 
Ce^nrec^t^ ©ad^fenfpiegete, nac^ einer Seipjiger |)anbfc^rift, aber 
ol)ne Ueberfe^ung no(^ 9?oten, bie Ijauptfäcfilidjfte ift. 

Surd) fold)e Söemüljungen um ben germaniftifdjen Dueltenfreiig 
fc^eint in ®ct)ilter ein immer lebhafterem Sntereffe an ben älteren 
beutfc^en ©prac^benfmälern überl)aupt gett?edt ttjorben äu fein, fcfion 
burc^ baö Sebürfni^ beS SBortöerftänbniffejg. ©r tuurbe burd) bicfe 
Semü^ungen gerabeju jum germaniftifc{)en ^Iiilologen, unb fo ift 
au^ biefer 3Biffenfc^aft fein ©ifer ju Statten gefommen. 35on it)m 
batirt jene, beiben 3;^eilen fo förberlidj gettjorbene Sßerbinbung beS 
fprac^lic^en unb juriftifd^en @tubium§ ber beutfc^en SRedjtö^^ unb 
Siteraturaltert^ümer, eine S?erbinbung, beren 9iot^tt)enbigteit er gerne 
l)ert)or^ebt, ttjenn il)n bie seitgenöffif^en Suriften afö „SBortfönig'' 



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60 3»«tcS Kapitel. 

ironifd) bejeidjnen. S)age9en tabetn moberue ^fjilologcn feine lln- 
fenntntfe be§ grammatifaltfd)en SBaueö be!^ ?ntf)od}beutfd)en ; a6er tüo 
^ätte er bamat^ Steuntnt^ biefei^ Saue^ f)crnc^nien foüeu? ©cnug, 
bafe felbft t)ou fold^er ©ette anerfannt tuerben muß, \vk ©djtiter 
mit feinem Schüler ©d^etj auf ben ©ebieten ber Sejifograpljtc unb 
ber Stoff fammlung .^erüorragenbe^ geiciftet l)at, — mögen oud) 
ja^Ireic^e nnb ftarfe 3rrtl)flmer mit unterlaufen, iüie bei füllten 
9(nftingen unüermeibltc^. 

3)a^ (Srgebnife üon ©c^itter'^ raftlofen, nad) allen Seiten burc^ 
ja^treic^e SJiittetöperfonen betriebenen S8emflf)ungen l)at er freiließ 
felbft nic^t me^r veröffentlichen fönnen, abgefe^en üon einem fleinen, 
wennfc^on lt)id)tigen Stücf, bem un^ burc^ il^n jugefommenen i?ubtt?ig^ 
liebe; aber er I)at ba^ &iüd gel^abt, bafe fein SRad)(aft in pietätnoüe 
^tinbe fam, unb enblid) nic^t nur eine Sleifje tüchtiger Searbeiter 
— unter iljnen in erfter 5Reit)e njieber @c^er§ — , fonbern aud| einen 
Iciftung^fäl^igen Herausgeber fanb. @o erfc^ien ju Ulm 1728 in brei 
mädjtigcn gofianten ber Thesaurus Antiquitatum Teutonicarurn, 
beffen Sebeutfamfeit 9iaumer ba^in iDürbigt, „bafe bie in bemfelben 
abgebrudten @|)rad)benfmäler ein 3at)rf)unbert fang bie t)auptfä(^Iid)fte 
©runblage für unfere Äenntnif] beö 9nt^od)beutfdjen gebilbet i)aben". 
Suriftifd) bietet am menigften ber erfte ©anb mit feinem Monumenta 
ecclesiastica Christiana. I^agegen entt)ält ber giüeite Söanb nid)t 
nur, lüie bei @d)i{ter fo na()eliegenb, i>a^ Sanbred^t @d^tt)abenfpiegel», 
fonbern aud) bie lex Salica, unb jjtuar mit ber 3ßafbergifd)en ®Ioffe, 
bereu befonbere 83ebeutung öon ®d)itter Mar erfannt ift. S)en brittcn 
öanb aber gar bilbet ganj ba^ ijon Sdjilter angelegte, öon Sdierj 
unb anberen 3Tätarbeitern nadjgctragene Glossarium ad scriptores 
linguae francicae et alemanicae veteris: bie le^te unb reid)fte 
^rudjt bicfer lebengliinglid) auf ben altt)od)beutfd^cn Sprac^fcftap uer- 
n^anbteu 83emül)ungcn , baö SBerf, in baö bie SSerfaffer alle§ baS 
äufammengetrageu l)aben, tva^ fid) bei ber forttoä^renben Sefc^äftigung 
mit alten Xegten, unter .9(ufgebot Dorjügfid) unb ftetig auf bie 5Börter 
geri^teter 9(ufmerffamfeit an Slenntniffen unb 9?otiäen angefammelt 
t)atte. @i3 ift ba^er auf ein 3af)rt)unbert ^inauS mafegebenb geblieben 
für baö 9?erftänbnif5 ber a(tf)od)beutfd}cn Spradie, namentlid) ber in 
@efet3eu unb 9ied)tc>urtunben gebräud)Iid)en , unb nod) (jeute rühmen 
einjetne gorfd^er eö als baS jn berartigen ®pecial5tt)eden, tro^^ 
aller jüngeren 3Berfe, nü^Ud)fte. Wit il)m ^at ®d)i(ter baS 



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V. S)€utfc^ci§ DJcc^t. Soöann ©c^iltcr. 61 

®egenftücf ju bem Glossarium mediae et infimae latinitatis 
feinet greunbeö imb Gorrefponbenten bu Gange für ba^^ ^Ut\)ody^ 
beutfcfie gegeben. 

2)em ©ermaniften Sc^ilter fommt an SSebeutung njo^I am 
nac^ften ber Sanonift, namentüd^ baburc^, bafe er bte ftaatöfird^en* 
rec^tltc^e ^Betrachtung in einer für ba^ 18. Sa^r^unbert öorbilblic^ 
gemorbenen 3Betfe in ben SBorbergrunb rürfte, njennfc^on in ftarfer 
?(nlet|nung an be^ (Sräbifc^of^ 5ßetru0 be ÜKarca ©pod^e inac^enbe 
Dissertationes de Concordia Sacerdotii et Imperii, sive de 
libertatibus Ecclesiae Gallicanae, 5ßart^ 1641. Sin btefe^ SBerl 
erinnert fd^on im 3;itel ©c^ilter'^ ©c^rift De libertate Ecclesia- 
rum, 3ena 1683; fie fdiliefet fid) benn auc^ in^altli^ be 3Karca 
fonjeit an, tok e^ ftd) blofe barum l^anbelt, bie ©elbftänbigfcit 
aller ?(Jrot)inäial'Äirc^en im Stltgemeinen gegen SRom au§ ber älteren 
St)nobal * ©efc^ic^te unb ^©efe^gebung ^erjuletten. S)ann aber, 
inbem er fic^ ben grofeen Goncilien, ber Steformation unb ber 
grei^eit ber beutjc^en Hird)e im SBefonberen juiüenbet, ergebt fic^ 
Sd)itter ju t)olIer Unabljängigfcit uon beSJiarca; auf ©runb eigener 
gelel)rter Stubien gibt er gerabeju eine umfaffenbe äußere ©efc^ic^te 
ber Dcutfc^en Äirdje in i^ren Segietjungen ju ^äpften unb ju gürftcn, 
nebft einer SRei^e ftaatörec^tlic^er ?tu^fül)rungen unb Urtunben. Sie 
ÄcnntniB biefer Singe )ott)ol)l njie ber SKarca'fe^n ®rünbe unb 
Grgebniffe t)at mand^er jpätere beutfd)e Sc^riftfteüer lebiglic^ auö 
©c^ilter entnommen. 

3Ü0 afabemifc^er Sel)rer \)at Sc^ilter auf allen Gebieten ber 
Suri^prnbenj gcmirtt, auc^ bur^ bie Slbfaffung furjer 2^ijv- unb 
.panbbüc^er. Sa foll juerft ein grünblic^er p^itofop^ifc^er Unterrid)t 
5ßla6 greifen, iDefentlid^ im 9triftotelifd|en Sinne, nad) Einleitung üon 
Sc^ilter'^ Praxis artis analyticae in Jurisprudentia, 3ena 1678, 
ber eine Manuductio philosophiae moralis ad veram non simu- 
latam Jurispnidentiam, Sena 1676, njieber jur SSorbereitung gebient 
Iiatte. — Saran foH fid^ ber SSetrieb be^ ^riüatrec^tö fdiliefeen, am 
beften in ber Slrt, bafe jeber ^unft eine^ ben Snftitutionen Suftinian'j^ 
folgenben ©^ftem§ unmittelbar Ijintereinanber nad^ natürlid)em, 9tömi= 
fc^m unb Seutfdfiem SRec^te bet)anbelt, biefe SRec^te babei untereinanber 
üerglii^en unb fo au^ ifjnen bie für ben mobernen ®ebrauc^ nöt^igen 
®ä|e gejogen merben. ©n berartig geftaltete^ Sel)rbuc^ liefert 
©c^ilter in feinen Institutiones juris ex principiis juris naturae, 



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62 3R)eited §tap\ttl 

gentium et civilis, tum Romani, tum Gennanici, ad usum fori 
hodiemi accomodatae, Seipjig 1685; baffelbe ift gelDiffermafeen eine 
elementare 3öff"^9 Neffen, tüaö berfetbe SSerfaffer in feiner Praxis 
juris Romani in foro Germanico für SRömifc^e^, S)eutfc^ei8 imb 
mobern=praftiid)ev^ 5Rec^t feftgeftetit t)at, aber unter 3ieigabe aufeerbem 
nod) beö Sßaturrec^t^, tt)elc^eö regetmäfeig ate ®nfüf)rung in bie fpätcr 
nac^ ben pofitiüen Siechten ju enttt)idelnbe SKaterie mitget^eilt mirb. 
— 3luf ba^ ^rit)atred)t foUte, nac^ ©i^iUer'^ ©tubienptan, folgen 
baö geubalrec^t, für metc^eö baö bereiti^ oben befproc^ene furje Scl)r= 
buc^ bem ©d^üfer jur SSerfügung fte^t. — S)en Slbfc^fuB bitben bann 
©taatö* unb Äirc^enrec^t ; erftere^ fet)ren ©d^ilter'ö Institutionum 
juris publici Germanici libri duo, Strasburg 1696, te^tereg feine 
Institutiones juris canonici ad ecelesiae veteris et hodiernae 
statum accomodatae, Sena 1681. SSon biefen beiben Sel^rbüc^em 
jeic^net fic^ erfterej^ an^ hnxä) SSenu^ung reic^örec^tfic^er CiieHen, 
nebft ftarfen ^^ejtau^äöfl^^ ^^^^ benfetben, ^at aber boc^ weitere 
Sierbreitung nic^t gefunben, mo^I njegen be^ it)m nid^t mit Unrecht 
gemachten 5Sortt)urfeö ju prit)atrec^tUcf)er ?luffaffung. Um fo ja^fr 
reicher, bi^ 9D?itte bes; 18. ^a^r^unbert^^ reic^eub, finb bie Sluflagen 
be!^ anberen, firc^cnred^tlidben Sfementar^SBerfj^, n^elc^e^ mannigfacf) 
unb lange al«< afabemifc^e^ ^ßortefungöbud^ gebraucht njurbc: cö 
empfahl fid) baju baburd), bafe ec bie erfte ©c^rift ift, welche ben 
burd) ßi^^fll^i^ errei^ten 3^ft^^^ ^^^ fird)enred)t{ic^en SSiffenfd^aft, 
oon canoniftifc^er ©runblage außgebenb, für protcftantifc^e Söebürf* 
niffe in biefer ftürge, ftfar^eit unb Cuellenmäßigfeit jufammenfaBt. 

9J?it ben biöf)er befprod)enen finb Sdjilter'ö Sd)riften bei weitem 
noc^ nic^t erfc^i)pft; inbeffen finb Don ben juriftifrfien bie njiffenfd^aft* 
lid) bebeutenbften genannt unb bamit jugleid) wot)! be^ 5Berfafferö 
Gigcnart wie feine SBerbienfte, namentlid) um bie öermaniftif, genügenb 
gewürbigt. 

3ltbc\\ ®d)i(ter fann afö germaniftifc^er Sammler an^ biefer ^^criobe 
etwa nod) genannt Werben 3ol^ann SJiicofau^ ^ertiuö (^ert), 
wegen feiner Paroemiae juris Germanici libri III, juerft 1701 
erfc^ienen, mit einer Srgtinjung, Paroemiarum juris Germanici 
Epidipnis (9?ad}tifdj, 3>effert), öon 1710. (Sr felbft Ijebt in ben 
Prolegomena (§ 6, ju erfterer ®d)rift) fieroor, baß bi^^cr nod) 
9?iemanb ben Sprüd)Wörtern ju juriftifd^en ß^ücden Stufmertfamfeit ju* 
gewenbet ^abc, aufeer etwa §[ntoniu^ SRatttjaeue;, ber 1667 eine 



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V. 3?cutft^eö 9le(^t. Sodann ©(^iltcr. 63 

2d)rift unter bem %itd Paroemiae Belgarum ICtis usitatissimae 
^raii^gcgeben ^obc. Unb boc^ wo^ne folc^en ©prüc^en eine ^ol^e 
juriftifc^ 93ebeutung bei, namentlich nad) beutfd^em ^erfommen, fo 
baB fie, wenn fd^on nic^t t)oII gefe^eSfröftifl, fo boc^ mit gug felbft 
be^uf^ SBegrünbung eineö Urt^cite aüegirt merben bürften. Snbem 
nun ipertiuö eine ftattlid^e S(njQf)f fold^er Äernworter gefammelt unb 
ein jebe^ berfetben mit grünblic^er 9lugtegung üerfe^en i)at, wä^renb 
fic^ bei STOattliaeuig nur ein ganj geringe^ SWaterial auöfd^lieBlic^ 
nieberlänbifc^er ^erfunft finbet, fommt i§m baö SSerbienft ju, biefe 
Cueüe bem gemeinen beutfc^en ^riöatrec^t erfdjO^f^^/ fi^ ricf)tig 
geiuürbigt unb aCgemein jugänglic^ gemad^t ju f|aben. 9Iuc^ nongelt 
i^m fcine^ttjeg^ ein gewiffe^ SSerftänbnife für bie (Sigenart biefer 
Quelle mit il|rer bilblic^ jugefpi^ten, ^öufig ^umoriftifdjen SRebemeife, 
toennfc^on er eine ettoa^ eng^erjig^pebontifc^e äuffaff ung nid^t überall 
JU öermeiben tneife. 

(Sine anbere gcrmaniftifc^e Schrift t)on ^ertiuö ^anbelt de 
hominibus propriis, t)on 1682. gerner befi^en mir t)on i^m eine 
9teif|e feiner uub gelehrter Slb^anblungen aug bem ®taatöred)t, mie 
bie Dissertatio de fide diplomatum Germaniae Imperatorum et 
Regmn, oon 1699; unb bie 9lbl)anblung de superioritate territoriali, 
uon 1682, meldte mef entließ auf ^Billigung öon §ugoö %i)coxk tjinaujg^ 
läuft, jeboc^ ber ©etbftftänbigfeit baneben feinedmegö ermongelt. — 
Staatöfirdienrec^tlic^ üon Sntereffe ift ber Tractatus juris publici 
de Statuum Imperii R. G. jure reformandi juxta temporum 
seriem, compositionis sc. Passavianae et pacis Westphalicae, 
meiere al^ ©treitfdfirift 1710 anont)m in beutfd^er Sprache erfdjieu, 
t^atfad)lic^ aber eine überaus geletirte Unterfud^ung über biefcn üiel 
umftrittenen ^unft bringt, natürlid) im energifc^ft |)roteftantifd)en 
Sinne. S)ie gegnerifd^t Serufung auf eine 9ieic^^*2)eputation, meldje 
fic^ unmittelbar nad§ bem SBeftfälifc^cn grieben in ber fog. §ÖEter'fd)en 
ßommiffion^fac^e für ba^ fog. ©imultaneum füllte auögefproc^en 
^aben, ift ^ier ^nm erften 3)?ale miberlegt, mft^renb i\)x noc^ ^ennigeg 
nic^t^ entgegeujul^alten gemußt fjatte. — Ueber^aupt finb biefe pofitiü* 
rechtlichen Strbeiten uon ^ertiui^ meitau^ bie tüd|tigeren, mennfc^on 
in jugenblic^er öegeifterung für Gonring gefc^riebcne politifcf)e Stb* 
tianblungen auf bie ^citgenoffen me^r ©inbrucf gemacht ju t)aben 
fc^einen: feine Sßoten ju ^ufenborf'^ 9?aturrecf)t, juerft ©ießen 1706, 
^aben gleichfalls meite SBerbreitung gefunben 

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64 3»^^teS Kapitel. 

VI. Unüerlennbar nimmt am tuenigften Xf)etl an ber bi^ljer 
gefc^ilberten öenjegung bie SBtffenfc^aft be^ 9iömifcf)cn Giüitrec^t^. 
Stetjer nic^t nur leitenb, fonbern faft allein gepflegt, erbulbct fie 
burc^ natürfic^c«, beutfc^e^ unb öffentticfieö JRec^t jetU eine lebhafte 
(£oncurrenj, tt)eld)er fie ntd)t cttua biircf) S^erjüngung ifjrcr 5Diet^obe 
ju begegnen meife. ®o ergebt fc^on 1703 ber §oüänber Gorneliud 
t)on öcf Älage barüber, baft üiele S)eutfd)e nad) Utrecht fämen, toetc^e 
baei jus Saxonicum Ijinfänglid) unb getetjrt inne Ratten, ex jure 
civili aber faft nid)t^ antiDorten fönnten. 

Smmer^in wirb man biefe Älage tt)ef entlid) auf bie l)oUänbijc^==gele|jrte, 
antiquarifd^e ftcnntnife bcö Siömifc^en 9?ec^td einfc^ränfen muffen. 
3n feiner gunftion unb ®efta(t ali^ gemeine^> 9ied)t bel)au})tet c^ 
benn boä) ben älteren Öefil^ftanb ; nad| lüie t)or ift ba& 9tömifd)e 
^rit)atred)t in biefem Sinne felbftüerftänblic^ ba^ §auptfac^ eineö 
jeben ^rahiter^ unb be^ö (eitenben Uniucrfitätj^profefforö, bie 0runb= 
läge ber afabemifd)en lüie ber rid)ter(id)en unb bef)örblid)en 3!^ätigfeit. 
Äommt boc^ gerabe erft in biejer ^eit bie Siejeption für bie unteren 
@erid)te ^um le^Uen '?Ibfd)(uffe, inbem nun auc^ für biefe 33e)e$ung 
au^fdjlie^Uc^ mit geleljrten Stic^tern jur Siegel unb bamit ber 9teft 
bc^ ®(^öffentl)um2^ öerbrängt loirb. So mag bie ftrone einee^ Öaumeig 
nocl^ tt)eiter fidj auöbeljnen, n?äljrenb an ber SSurjel fc^on bie itranf- 
I)cit äu nagen beginnt; ber ftreiö be^ 2d|attenig, ben er toirft, uer^ 
gröftert fid), aber ber Stamm ift gefät)rbet unb über turj ober lang 
ipirb er ganj äufammenbred)en. 

1)er ßiüilift biejer 3^it ift Samuel Str^t. 2)em 5ortid)ritte 
feinefi^ttjeg^ Derfdjloffen, aber bie Sieredjtigung jeber Steuerung peinlich 
abn)ägenb; lieber bem Staat)?-, nod) bcm Äirc^em, nod) bem Straf- 
red)te fremb, aber im Äerne beö J^enleng; priiiatred)ttic^ gerichtet; 
bem Xeutjdjen 9ted)t unb ber ^^Jf)iloiopl)ie gerne ®et)5r gebenb, aber 
geleitet üon ber überlieferten Xogmatif beö Stömifc^en 9icd)ti^: jo 
vermittelt er jn)ifd)en ber Öemcgung um i^n Ijcx unb ber alten 
Suriöprubenä mit 9?ac^brud unb (Srfolg, eine njeitl)in mirfenbe unb 
maftgebeube ^^crf önlic^teit. ^ie n)iffenfd)aftlid)e Stellung ber juriftifc^en 
gafultät an ber neuen ©ranbenburgifdjcn Uniuerfität .'palle ift auf 
3al)r5et)ntc l)inau^ cnti'djeibcnb gemorbeu für bie (Snttridlung ber 
X^eutfd)cn 9ied)ts^iuiffenf(^aft : bie ^|^^t)fionomie biefer Jatultüt aber 
für bio 3al}re 1693 — 1710 prägt fidj am fd)ärfften auö in ber 
S)oppeU)crme 2trt)t unb Jbomafiuji^. "Ser ^ölid be^ erfteren ift 



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VI. Samuel @tTi)f. 65 

nad) ber 9?er9angenf)eit, ber ©tief beö anbeten nac^ ber 3^f^"ft 
Drientirt ; aber beibe finb fie unteretnanber feft tierbunben buxd) gegen* 
fettige "ätnerfennung unb 3Inregung, roa^ ja Heinere, au^ bem öegen^ 
)a§e ber Temperamente unüermeibüc^ entfpringenbe ^Reibungen ntd^t 
auöfc^IieBt. 

Samuel ®trt)f ift geboren ben 22. SRoDember 1640 ju ©djiofe 
Senden in ber ^riegni^. Gr befuc^te bte ©d^ule ju ©ecf)an)en, ba^ 
Örjmnafium ju SöUn an ber Spree unb bejog 1655 bie Uniüerfität 
SSittenberg, wo er übm Stubium ber ^^ilojop^ie unb ber X^eologte 
JU bem ber Surieprubens überging. SBeit größeren Ginflufe aU 
feine bortigen 2ti)xcx, SSiftjelm Sedier unb Saöpar Bi^fl^^; übte 
jeboc^ auf tf)n au^ fein fpäterer ©c^miegerüater örunnemann, bei 
bem er feit 1661 ju granffurt an ber Dber t)örte. 35ort njurbe er 
Denn auc^, nac^ längeren au^^tänbif^en Steifen l^eimgefe^rt, 1665 
Sijenttat unb S)oftor ber 9ted)te, noc^ in bemfetben 3al)re aufeer^ 
orbenttic^er, 1668 orbentlid^cr 5ßrofeffor unb ^atte in aQmä()Iic^em 
regelmäßigem Sluffteigen 1682 bie erfte ^rofeffur fomie bai^ Drbinariat 
ber gafultät erlangt, aU er 1690 einem Siufe nac^ SStttenberg folgte, 
too er in bie Stellung Bifgter'iS eintrat. 3nbeffen ließ er fid^ bereits^ 
1692 nac^ öranbenburg-^reufeen surücfgeminnen, inbem er nun an 
bie Spi|e ber juriftifc^en ^afultät ^u .^aße trat unb bort, gleic^^ 
jeitig mit ben 2)ireftoriaIgefcf)äften ber Uuioerfität betraut, eine um= 
faffenbe Stjätigteit entfaltete. Sein ?(nfel)en, beru^enb auf bem 9tufe 
großer ©rfatirung, weiter Umfid^t unb U)ot)ln)oUenber Sffilbe, mie auf 
perfönlic^ mürbeDoüem 9(uftreten, toar ein ]old)t^, bafe e^ gerabe,^u 
trabitioneß tourbe, it)n afe SÄufter eineö Seljrerö aufjufüljren, ber 
mit (Sinem SSort bei feinen Scf)ütern meljr außriditet, aU alle 
Sisjiplinargefe^e. ßr tvat an ber 9(bfaffung ber §aüifrf)en Statuten 
njefentlirf) bet^eiligt, protlamirte am britten Xage bc^^ iSiniueibungö» 
fefte^ (1694) bie erften ^aUifdjen 2)oftoren ber 9ied)te, unter if)nen 
feinen mit einem ßjtraorbinariate bcbad)ten So^n 3of)ann Samuel, 
unb übemal^m 1695 bas ^roreftorat au^ ben §änben be^ erften 
§aUif(^en ^oreftorö, beö S^^eologen Sof)ann SBiff)eIm Sat)er. Seine 
»eiteren SWaßnafimen, üor aUem bie üon i^m eingefütjrte unb gepflegte 
Sitte ber Stubenten-Sifc^e bei ben ^rofefforen, fotlen mäcf|tig 5um 
glore öalle'j^ beigetragen l^aben. 2)ort ift er am 23. 3uli 1710 
geftorben, bis juleßt um SSorIcfungen unb Sprudf)facf|en gleic^ eifrig 
bemüht, ttjie um bereu ttjiffenfc^aftücbe SJorbereitung nnb 3?eru)ertf)ung. 

Sanb«bex0, ®t\A\efte brr SBtflrnfc^aft. 5 

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66 3»«itc8 ^apiUl 

Stfe ^aupt^3Iufga6e i^at ©tr^f ftet« ben acabcmifc^en Unterricht 
betrachtet. 9KeI)rfacl^ bemerft er, ©ac^e bt^ ^rofeffor^ fei e^ nid)t, 
eine ®ct|tt)terigfeit an bie anbere ju fnüpfen, fonbem ben Schülern 
bie ©runbjüge ber SBiffenfc^aft unb baö jiir praftifcfien ?lntüenbung 
SRot^tüenbige flar ju machen; nic^t @el)eimlef)ren ju pflegen nnb 
auf baö eigene überlegene SBiffen ftolj ju fein, fonbem ben Qn^ 
I)örern fertige Grgebniffe mitjutl^eiten ; nii^t einjig ben eigenen 9hi^m 
ju fuc^en unb bem (Senium ju inbulgiren, fonbern bem 95ebürfniffe 
ju genügen. 5)em entfpred^en bie unerfc^öpfficf) ja^Ireic^en 35iffer^ 
tationen unb ©i^Sputationen, n)clcl)e unter feinem SSorfige ftüttfanben ; 
bem entfpredjen ober aucfj feine fiel^rerf olge : eine ganje ®cl}üür 
t)on §5rern jog mit il)m öon SBittenberg nac^ ^alle, ollfeitig prie^ 
man bie Älar^eit feinet 5Bortrage§, njetd^er nic^t ein braufenbee 
2Keer, fonbern ein fanftffiefeenbe^ SBaffer fei; unb aufecr ber großen 
9D?affe üon ^aftifern ^at er auc^ eine Steige t)on tüchtigen ®elel)rten 
^erangebilbet. 3ft, toaö un^ berichtet wirb, jutreffenb, bafe er oon 
biefen feinen Sc^üleni Subouici befonberö auf bie praftifc^en gfic^r, 
2ubett)ig auf ba^ bem ©taatörec^t fo naf)e oertt)anbte Se^nrec^t, 3. 
Ö. 93ö^mer auf baö ftirc^enred^t ^ingefü^rt i)abt, fo mu§ i^m auc^ 
ber biagnoftifd^e ©d^arfblid be^ SRenfc^enbilbnerö in ^o^em SDiafee 
bcigetuo^nt t)a6en. 

2Sa^ feine eigenen njiffenfc^aftlic^en ©rjeugniffe anbetrifft, fo 
befianbelt bie 2Wef)rjaf|t feiner cit)iliftifc^en, umfangreichen Schriften, 
luie fie fic^ regelmäßig auö einer S)iffertationenreif|e jufammenfe^en, 
fragen ber unmittelbaren 9iec^töantt)enbung, namentlich bie fogenannten 
ßautefen bei Sontracten, bei ^^eftamenten, bie richtige 3lugtt)at)I ber 
Älagen, bie aHtäglid^ auftretenben Gontrouerfen be^ Srbrec^tö u. bgl. 
m.; bi^tt^eilen finb feine SBücf)er aud^ nur burc^ einen fofen gaben 
leicht aneinanbcr gercif)te ©ii^putationen über t)erfc^iebene praftifd^e 
SJiaterien, iuie ber Tractatus de jure sensuum. (£^ ift teic^t, 
biefen aSerfen SKangel an 3^iefe tjoräuiuerfen, aber fic leiften genau 
baö, iuaö fie foUen, inbem fie ben Schritt beö ^raftiferö burc^ ba^ 
2)unfel be^ gemeinen SRecf|tö mit ©ic^er^eit Ijinburc^geleiten, if)n üor 
ben oerfcf)iebenften gallftriden ttiarnen, it)m jugleic^ mannigfache^ 
3)?aterial unb 93e(e^rung über beffen tactootte 9?ern)ertt)ung bieten, 
babei auc^ ftetö beig Seferö Sntereffe reg unb frifc^ ju f)a{tcn wiffen. 
2)enn fie finb nic^t bloß a\i^ fidlerer aUfeitiger Äenntnife be^ SRed^tö 
felbft, nidf|t bio^ au^ ®erid)t^ unb 5acuttäti^*?(cten , fonbern ftet^ 



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VI. ©üinucl Strijf. 67 

Sugleirf) aii^ be^ SSerfafferö frtfc^ regfamem ©eifte, ,,aui^ feinem Äopfe" 
f)ert)or gefc^rteben, mie ®ronot)uii^ treffenb im ©efpräc^e über i^n 
einmal bemerft £)Qt. 

?lUt§, lüQ^ er Quf biefem ©ebiete ju fagen ^atte, ^at bann 
fc^Itefettc^ ©tr^f SufammengefaBt ju feiner großartig angelegten, bei 
Sebjeiten nic^t me^r Don it)m t)olIenbeten, ober nad^ feinen 9lut= 
Zeichnungen fpäter burd) feine Schüler ju Snbe geführten §au^3tleiftung, 
bem Usus modernus Pandectarum , begonnen 1690, ba^ te^te 
Stücf be^ öierten SSanbe^ crfd)ienen 1712. SJiit biefem SBerfe reif)t 
fic^ ©trt)cf unmittelbar an bie SReifje ber großen 3:f)eoretico=^raftifer, 
an einen Sauterbac^ unb ©truü, afe baö te^te unb abfdjiießenbc 
@ttcb biefer Äette — forensis jurisprudentiae coryphaeus, tt)ie 
i^n fein ©c^üler 2ubett)ig beäeirf)net. SBie Sauterbad) babei bie 
roürttembergifc^en, njte ©trut) bie fäc^fifc^en, fo öertritt ®trt)f bie 
märfifd)en @tgentf)ümfid)feiten, in SJeaftion namentlich gegen bie burd^ 
Garpäot) oorübergef)enb jum Siege geführte ^^enbenj, bie furfäcf)fifc^e 
?ßraji^ jur gemeinrechtlichen ju ergeben, in erfolgreid^er 3Bieber^ 
aufnaffme beö biefer Senbenj bereite burc^ Srunnemann bereiteten 
©iberftanbe^. S)üburd) erhält ©tr^f'jS SBerf inbeffen nur eine 
anbere regionale garben-Slbtönung, oi)ne bafe barin ot)nc meitereiS 
ein SSoräug öor feinen SSorgängern erblicft tt)erben tonnte. S)er 
i^ortfc^ritt liegt in ber ftärferen S3eeinfluffung burd) baö SRaturred^t, 
melc^e§ gelegentlich felbft bi^ jjur 3^^'^feung romaniftifc^er 5ßrincipien 
üorbringt; unb in ber 93erücffid)tigung be;^ germaniftifc^en ©ementö, 
melcf)e auf ®d|ifter jurüdgef)t. 3n ber SSorrebe jum erfteu Sanbe 
Öanbelt ®tr^f de usu et auctoritate juris Romani in foris 
Germaniae. §ier Ijält er itoax feft an bem öon if)m fetbft for* 
mutirten ©ag, baß, Ujcr fic^ auf SRömifc^eö SRec^t beruft, fundatam 
intentionem i)abe. 3(uc^ läßt er SRömifdje 9tecf)t^fä|e in S)eutfc^= 
lanb nic^t burct) bloßen non-usus, fonbern erft burc^ usus contrarius 
untergeben. Slber bie ©ubfibiarität beö Slömifc^en SRec^tö tritt bod^ 
ganj anberi^ t)eröor, mirb mit ganj anberem Stac^bruct ge^anbt)abt, 
ate bei feinen 3?orgängern; unb üor altem: er Iet)rt, baß t^ nic^t 
auf ben SBortfaut, fonbern auf ben ®inn ber beutfd)en (Sefe^e an- 
fommt, baß fomeit wie biefer i^r ®inn aucf) if|re ©eftung reicht, 
fomit auc^, baß fie au^ ficf) felbft ju interpretiren finb, im ®egen= 
fa^c ju ber fc^ofoftifcfi^nromaniftifc^en ©infc^nürung. Unb biefen 
?ßrincipien ber (Einleitung entfpric^t bie Stuöfii^rung : unter ja t)treic^en 

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68 3»<^ilcd Hapitel. 

Gitaten au^ beutfd^en 9led)t^queIIen unb mit Berufung auf Schiller 
tüirb Iläufig baö em^eimifc^e Stecht ate geltenbe« tiorgetragcn. 2)ac- 
ift um jo bebeutfamcr, a(ö feine^meg^S ®trt)f SioUftänbigfett erftrebt, 
fonbern mit 3Iuött)a^I nur bie fünfte 6efprid)t, über todäjt er be^ 
fonber^ ju ^anbeln ipünfc^t; fo fie^t man, mie er baö 2)eutfd)e 
Siedet nid^t ettt)a nur mibertuillig anerfennt, )ott)eit er ntc^t iim^in 
fann, fonbern if)m ®^mpatf)ie entgegenbringt. So wirb unö aud) 
beri(f)tet, bafe er jebeö SÄat mit S^ergnügen maf|rnat)m, wenn Semanb 
in ber ^acuftät au§ ber alten unb mittleren 3^^^ ^^^ ©eutfc^en 
9teci^t^ etwas^ öorjubringen tüußte, unb bann nur ,^u bebauern pflegte, 
bafe bie 3af)re feinet Stubiumg nocf} ni(f|t in bie ^cit gefallen feien, 
wo man fic^ um bie 2)eutfcf)en ©efe^e foDiel 9Jfö^e gegeben ^abe. 
Offenbar gemährt biefe Sleußerung jugleid) einen treffenben Ueberblid 
über biefen öang ber Sntwidlung, bem e^ entfpric^t, wenn uon ben 
beiben anti=^römifd)en Strömungen bie naturrec^tUc^e bei Str^f fc^on 
tiefer gcbrungen ift. SBegen ber naturred)tlid)en (£infacl^I)eit erflärt 
©trt)f fic^ gegen bie SRömifd)en &t)ren t)on ben Gontracten, Dom 
Grbred^t, üon benftlagen; aber eö gibt i^m baß 9iaturred)t aud^ ein 
5DätteI an |)anb gegen bie fürftlid^e 5(IImac^t, wie wenn er fic^ mit 
©ntfc^ieben^eit auöfjjric^t gegen bie üon bem rabicalen 9tbfoIutiftcn 
3oI)ann gricbrid^ $>orn bem §crrfc^er S"9^l^^itti9te 9Kad)t*SJoüfommen= 
fieit, bie unehelichen Siinber ben e^elid)en üöltig gleic^sufteUen : ba<i> 
Würbe gegen bie natürlichen ©efejje üerftofeen, an welche aud| ber 
.^errfd^er gebunben ift. 

Str^f 'ö ^^riüatred^tlic^er Stanbpunft bürfte t)iermit im 9(Ugemeinen 
gefenngeictinet fein. 3m v2taat!$red)t finb feine 9(nfc^auungen bebeut^ 
fam geworben nur für bie grage nac^ ber Stellung ber öemeinben 
in ben Territorien. 3nbem er nämlid) t)ier rein atomiftifc^ oerfä^rt, 
bie 3iürgerfd^aft mit ber v2umme ber einjelnen Üöürger gleic^feßt, 
ben ©emeinben al;^ fold)cn bloß priüate, gar feine öffentliche ^ißerfön^ 
lidjteit beilegt, erfi^eint er ale §aupt ber ©c^ule, welche alle 3^üifcl)en* 
bilbungen .^wifd^en Staat unb Sinäelnen su Wunften ber Staate^ 
aUmacf)t jerftört. — 9Son bem reinen fanonifcf)en 9ied)t unb feiner 
?tnwenbbarteit in 3)eutfd)lanb benft Stri)f gering, wennfd)on er 
ßorüin'^^^ apl)oriftifd)eö i!cl)rbucf) feiner Se^^barfeit falber t)erauv^= 
gegeben l)at, aber mit 3Ser,vd)t auf alle ^l^olemit gegen beö ?[utor^ 
papiftifd)en Stanbpunft, wie 5. Ö. ^i^fl'^r eine fold^e ju Sancelotti 
zugefügt Ijatte. — Stärfercn 'Jiadjbrud legt unfer "Jlutor natürlicf) 



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VI. Samuel ©tttjf. 6^ 

auf ba^ protcftantifc^e Stirdienred^t. S)ie ianbe^f)cxvM)t Sirenen* 
geipalt beffelben \ni)xt er jurüd nic^t auf bic Jerritorial^oljeit, benn 
fouft glitten bie gurften fte tu it)ren ^Territorien nur fott)eit, tt)ie ber 
Äatfer fie im Sieid^e t^at; ebenfotoenig auf StürffaU („SReUoIution"), 
benn fie t)abe ju fat^oüft^en 3^it^^ ^^^^ gfirften nie jugeftanben; 
fonbern auf Srwerb burd^ ©taatßiüerträge unb SReidjögefe^f, nament^ 
Itc^ burrf) ben Sleligion^frieben. S)ie ben Canbeö^erren l^ierburrff 
erujorbene ®ett?alt aber ift fo umfaffenb, bofe fie if)nen gen)öl)rt nidjt 
nur, tvxe meifl gelefjrt mirb, bie JRedjte; bie in IatI)oIifc^en Sanben 
bem S3if(f|ofe jufte^en, fonbern fefbft bie bort bem ^apfte jufte^enben 
©efugniffe. S^amit finb bie protcftantifc^en Sirenen ber ®taat^^ 
gctoalt ebenfo öoUftänbig preisgegeben, tt?ie bie ©tabt* unb Sanb== 
gemeinben, beibeö rec^t im ©eifte beö 18. 3af|r^unbertö, loennfc^on 
Str^f bie folgen nur mit S^orfic^t jietit. 2)ie Sirc^en^of)eit be^ 
Jürften bient i^m befonber^ jur Srmoglicfiung confeffioneller ^^oleranj, 
etwa in ber §(rt Srunnemann^ö unb ^ufenborf'i^, n?te bei le^terem 
im Sinne ber branbenburgifcljen Sanbe^Derwattung, im ©inflang mit 
ber freieren SRid^tung ber ?(nfänge be^ ^ieti^mui^, toit ^aüa al§ 
^Vertreterin bcöfelben gegen bie turfäcf)fifcf)e Crt^obojie gegrünbet 
mar unb mie felbft ©tr^f fic^ bafür gelegentlich auf ©pener beruft. 
"Sc^f^alb t)at Strl)f benn aud^ feine ?lu^ga6e oon 95runnemann'^ 
Jus ecclesiasticum, in bereu 3i^1ä8^i er t)ietfac^ folc^e Sbeen auS^ 
fü^rt, bem ©roßen Äurfürften gemibmet ; in SSibmung unb 3iortt)ort 
nimmt er beffen ©c^ug in 9(nfpruc^ gegen ^Infeinbungen ©eiten^ 
folrfjer S^eologen, melcfie fic^ fortmä^renb blofe mit Sontroöerfen 
unb etenc^ug befc^äftigen, unbefümmert um ba^ ©eefenbeif unb um 
fcf)lirf)te grommigfeit, unbotmäftig gegen bie Cbrigfcit felbft in (ebiglic^ 
äußerlichen Gerimonialangelegenlieiten. 

Rumäne ©efinnung unb ftüf)n^eit im Kampfe gegen ortf|oboje 
©c^olaftif bemät)rt ©tr^t auc^ fonft, am meiften in feinem SJorge^en 
gegen ba^ Unmefen ber ^exenproceffe. 9iicf)t fottJO^t bie äKöglic^feit 
biefeig 35elicte^ felbft ift e^, bie er leugnet, fonbern t)ielmef)r bie 
Settjeiöbarfeit. Unb aucf) biefe fieugnung formulirt er nic^t au^ 
brücflict), fonbern nur fo, baß er bei jebem einjelnen Senjeiömittel 
beffen Unjuuerlüffigfeit bartfjut. 3?or allem gilt bie^ für ba^ lüefent* 
tic^fte berfelben, ba^ 3^"9^^ife anberer .Öejen, meld^e^ funbamental 
ift auc^ infofern, al^ ol^ne burcf) foldjei? fc^ujer Oelaftet ju fein, 
eigentlich 9iiemanb gefoltert ttjerben foll; mie aber folt ein folcfje^ 



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70 3n>cite« ^a^itcl. VI. Samuel etrt)!. 

äeugntfe jemals glaubhaft fein? 3ft boc^ fein ^^ugniß gtaufi^aft, 
afö bac^jenige, njelc^eö auf juüerläffiger finnlid}er 3Saf)mef|mung 
beg 3^119^^ berul^t; bamit feine finnlid^e aBaf|rneI)mung guuerläffig 
fei, muß ba^ Sinnesorgan gefunb unb burd) bie umgebenben Um- 
ftänbe jebe ©innestäufdiung ouSgefd)(offen fein; nun kf)xt aber 
Sarpjoü felbft, bafe ber S^eufel bie ©inne ber 9J?enfd)en, öor allem 
ber ^ejen, täufc^e, i^nen SSor^anbeneS entrüde, nic^t 93or^anbenes^ 
öorfpiegele; njetc^e GJeroä^r f)aben njir alfo für bie 3iid)tigfeit ber 
^eEenauSfagen? SSenn fie beJunben, ein 3Beib fei auf bem ^cjen- 
tanspta^ gefe^en ttJorben, baS ber 9Kann über ?Jad)t bei fid) geljabt 
gu ^aben bejeugt — mo^er foüen tpir njiffen, ob ba^ SBeib auf 
bem ©roden mar unb an feiner Statt ein Äafobämon beim (£t)e^ 
mann ; ober ob nic^t t)iefme£)r ber Salobämon bei feinem §erm unb 
äWeifter toax, ba§ SBeib bei feinem ©^emann? Stimmt man ^inju, 
bafe ©tr^! met)rfa(^ baoor Ujarnt, ben einer ttja^nfinnigen ^^antafie 
unb ben Dualen ber Tortur entfprungenen ©etbftgeftänbniffen 
GJlauben ju fdjenfen; baft er auf bie abfolute Unjulänglic^feit anberer 
Snbicien l)iniüeift; unb bafe er enblic^ jebe Gelegenheit Uja^rnimmt, 
um bem Stidjter bie fd)mere SSeranttoortlic^feit oor Singen ju rüden, 
bie er burd) 3Jerurtl)eilung o^ne jiningenb fd)lüffigen Söeujeiö auf fic^ 
neljmen toürbe: fo ift ber Äreis gefc^loffen, eS bleibt faum nod^ ein 
gall übrig, in ujelc^em auf ^ejerei erfannt toerben fönnte. — 
Unnöt^ig ju bemerfen, bafe ©tr^f burc^ biefen Sett)ciSumn)eg nic^t 
nur für feine perfönlidje ®id)er^eit forgte, fonbem auc^ ber ^ad)^ 
biente: biefen proceffuatjuriftifd^en 3luSfül}rungen fonnte fein 3urift 
fic^ tJoßfttinbig uerfc^liefeen. 9lnbere mögen auf biefem Gebiete mel)r 
SRutt), mieber anbere ftörfere Unbefangcnf)eit bes^ ber ^dt oorouf- 
eilenben Urtt)eilS bettjätigt ^aben, ©trt)f ift cei boc^ ämeifelloS, beffen 
gewaltige Slutoritöt jum erften 9Kale in juriftifd)en Äreifen mit burc^^ 
fc^lagenbem Srfolg gegen bie ^ejenoerfolgungen getoirft \)at Sbenfo 
iDie ©tr^f eS ift, aue beffen münblic^er 3lnregung, gelegentlid) eines; 
jum ©pruc^e nac^ §alle gefanbten galtet, ß^riftian S^^omafiuö ben 
9lnlafe entnahm, biefen Äampf in bie lüeitercn Slreife ber Oeffentlic^* 
feit ju tragen. 



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I. 3:i^0Tnartu8 in 2t\p^x^, — ü. 5r:]§oinafiuiJ in ©alle. — III. Scurtl^eilung. 

I. S^rifttan 3;t)omafiu§ ift geboren ju fieipjig am 1. Januar 
1655. ^od^bcanlogt burd^ilte ber Süngüng raf(^ bie SSorftufen, 
unb fanb fo SKufee, fid^ auf ber Uniüerfität junäc^ft in ben üer== 
fc^iebenften ^&d)tTn, ber $^^fif, 9Kat^ematif, @efd)t(^te umsufel^cn; 
roä^renb er fid^ einbringenber mit ?ßt)iIofopI)ie Befaßte. Slufeer 
3Retap^9fif bei Sttberti unb ^olitif bei Otto SKenfe f)örte er 
feineö SSatcr^ Safob SSorlefungen über ^ugo ©rotiuö unb jog ju 
bc^ lefeteren tieferem SBerftänbnife Dfianber'ö t^eoIogifd)en, SBoecler'^ 
1)^iIotogifc^*^iftorif(^en, QitQln'^ juriftifc^en Sommentar ju. Sben 
bamafe erfc^ien ^ufenborf^i^ Jus naturae et gentium; nid^t nur 
bie aSoüftänbigfeit beffelben feffelte ben jungen SKagifter ber ^ß^ilo- 
iop\)k, fonbem namentlich bie principielle ®runblegung. SBufete er 
boc^ ber Sogif berfetben nid^t^ entgegenjufe^en, tt)äf)renb if)m it)re 
SBerle^rt^eit feftftanb in golge ber 3?erurtf|eilung, tuelc^e bie fieipjiger 
CrtI)obope barüber auöfprad^. Qu ftarf lag er bamafö nod^ im 
Sänne ber Srabition unb ber ©rjie^ung, um mit i^ren Se^ren bei 
bicfem Sonflict ju brcd^en; cinftujeilen jttjeifelte er lieber an feiner 
3Serftanbeöfraft, ate an ber Ueberlieferung; aber bereite mit ber an^ 
gefproc^enen 9lbfic^t, biefe naturrec^ttic^e ©(^tüierigfeit ju benjältigen, 
roanbte er fic§ nunmel^r ju bem gai^ftubium ber Suri^prubens. 
5>ie ©runblage beffelben legte er noc^ in fieipjig, bann bejog er 
1675 granffurt a. b. Ober, mo jtuei SJiänner öon bem JRufe eineö 
Sft^etiuä unb ©tr^f tt)irften. ©elbft öon bereu Unteaid^t nic^t t)oIl 



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72 S)rittc8 tapitcl. 

befricbtgt, ging er aföbalb baju über, Ief)renb ju knien, inbem er 
juriftifc^e 5ßrtt)ati3orIefungen f)ielt, bei tuelc^en er fic^ bereite bemüht 
^aben njiQ, pofittt)e^ unb natürlicf)e§ Stecht jn üerbinben, erftere^ 
burc^ (e^tereö ju Derbeffern. 9?ac^bem er am 18. Cctober 1678 pro 
licentia bi^putirt §atte, tt)urbe er 1679 jum S)octor ber Siechte 
promoüirt. 

3n biefe ^ranffurter 3a^re fällt bie große Ärtfiö t)on 3:^omafiu^' 
innerem fieben. ©c^rtften ber ®egner ^ßnfenborf'iS Ijatten il|n ju^ 
nSdjft befriebigt iinb ju rul)igem 3?ert)arrcn in ben alten @eleifen 
belogen ; fie fdjienen if)m baö ju leiften, lüaj;^ er fclbft nic^t tymnodjt 
t)atte, bie SBibertegnng ber ^ufenborf'fc^en Äe^ereien. S)a fd|(ug in 
biefe Stnjc^aunng mit ber ©ettjalt freier @prad)e, entrüfteter ©at^re, 
fittlic^en ©rnfte^ unb logifdjer Älar^eit hinein ^ufenborf'ö Apologia. 
3^r miberftanb ^^l^omafiu^ nic^t; unb ba mürbe it)m mit einem 
3)?ale Kar, auf mie ungenügenber ©runbtage er fic^ bicJfier bemegt 
f^attt: fein SSerftanb, an bem er bii^ljer gezweifelt I)atte, meil er ifjn 
ju ben öon feiner Umgebung uermorfenen Slnfic^ten füfirtc, ^atte 
9ied)t bet)alten; alleö, maö man il)m bagegen gefagt, geprebigt, aU 
^eifemat)r^eit gepriefen i)aiie, jeigte fic^ al^^ eitel 3rrt{)um; alleö, 
toa^ man i^n gelehrt ^atte, tag müft um i^n ^er, ein mirreö Sl)aoö 
pofitiüer Äenntnifebroden ; au^ biefem elementaren ©rlebnife entfprang 
ber fefte ®ntfd^lu§, fortab fic^ nur noc^ auf ben eignen SBerftanb ju 
oerlaffen, biefen aU SKafeftab an alle S)inge ju legen, fid) burc^ 
feine noc^ fo gefeftigte @d)utmeinung, burc^ feine noc§ fo alte llcber^^ 
lieferung, bur^ fein noc^ fo tief geiourjelte^ 3?orurtl)eil beftimnten 
SU laffen. — 2)ag SSorurt^eil, baö ^ßräjubij ift feitbem ber böfe 
2;raum, ben öon fic^ abäutuätjen, ber ^einb, ben ju fuc^en unb ju 
befämpfeu er fortmä^renb bcmü\)t ift. 2)amit f)at fein fieben feinen 
3toecf, fein ©eift fefte SRic^tung befommen; üon allen Seiten ftrömen 
i^m nun ?Inregungen, ©ebanfen, ?lu^fiit)rungen ju, baö 9?orurt^eil 
auf allen Gebieten ju oerfolgen, in alle Sc^lupfminfel hinein, münb= 
lic^ unb fd^riftlic^, lateinifc^ unb beutfd), in fprubelnber g^^uc^tbarfeit. 
9llö ber loo^lbeanlagte unb motilerjogene Öeipjiger ^rofeffoTenfof)n 
unb 5ßrofeffurantt)ärter toar er in J^^anffurt eingebogen; aU ber 
(S^riftian S^omafiu^ unferer Äulturgefdjtd)tc , aU Siationalift unb 
?lufflärer oerliefe er e§, fampfbercit unb fiegnertrauenb. 

iiein 3Bunber, baft X{)omafiu^ in einer feiner erften S^orlefungeu 
^u fieipjig ben anfangö entfetten, bann aber mitgeriffenen 3wl)örern 



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I. ^^otnaftud in Sei))jig. 73 

'^fenborf öorfu^rtc. 6r t)at fpäter bteje Sßorlefungen in Sud)form 
tieraui^gegeben ; baö 3Berf l)at jur SSerbreitung ber ^ufenborffc^en 
anflehten in 3)cutfc^lQnb ntc^t mentg beigetragen, befi^t jebocfi eine 
felbftänbtge SBebeutung nidit. 

^erfönlic^ SSegeic^nenbere^ finbet fid^ an anbeten ©teCen öon 
S^omafiuö* erften (Schiften. S)a tüirb f^on in einer SSorrebe t)oni 
September 1682 ber angriff auf ben fd^olaftifc^en ?lriftoteli^muö 
eröffnet, unb ein ?lutor beö^alb gelobt, meil er bie ©puren be^ 
fäc^fifc^n unb mobernen SRed^td mit n)illigem ©ntgegenfommen öer* 
folgt ^abc. (Sin anbcre^ SSorloort üom äuguft 1684 jeigt bie erften 
aeußerungen felbftänbigen 9?ad)benfenig über äWet^obif be^ juriftifdien 
©tubium^; ber 3urift I)abe ^eutjutage, ^dl^t eö ba, aufeer bem 
frul^er allein ftubirten Siöilred^t nod) 9iatur* unb pofitiöe^ gotttic^ej^ 
Set^t, femer Se^n^, Äirc^en^^ unb ©taatörec^t ju erlernen; aC bie^ 
bei nicf|t met)r fünfjähriger, fonbern ju brei 3a^ren UerJürjter 
©tubienbauer ; ba bleibe nic^tö übrig, aU Qtit beim ciöHred^tlic^en 
ßurö JU gewinnen, ^ier lebigtid^ bie tt^efentlic^en gunbamente auf 
Untüerfitäten gu legen, einbringenbere Äenntnifenaf|me ber 5ßrap^ ju 
übcriaffen; fc^on wirb ju biefem ©e^ufe bie ßel^rart nad) ^ofitionen 
empfohlen. 

Smmer^in, bei aller refomtatorifd^en 9ticf|tiing, befleifeigen fic^ 
biefe Slu^fü^rungen noc^ gro^^er SSorfic^t. 3lfö aber 3^I)omafiu0' 
"iPater, beffen jügelnber ©inftufe bii^ bal^in unüerfennbar, im Sa^re 
1684 geftorben loar, änberten fic^ bie 5)inge. 

3m Sa^re 1685 erfc^ien bie 5)iffertation de crimine bigamiae; 
fie giebt ju, bafe nad) ber ju fotc^er SBertuenbung bequemen „lex 
divina positiva" bie Sigamie unterfagt unb ein SSerbred^en ift; 
aber für baö reine SRaturrec^t fdltiefet fie fic^, über 5ßufenborf ^inauio- 
ge^enb, ber ejtremen Slnfic^t an, nac^ mefdier au^ ber natürtid^en 
Betrachtung ein SBerbot ber Sigamie nic^t ju getoinnen ift. @rft 
nacf)bem fie bieg augfüf)rlic^ unb fdjroff begrünbet tjat, ge^t fie jur 
Se^anbtung ber pofitioen ©trafred^te über. 3SomögIid^ noc^ me^r 
3(nftoB erregte eö, a(ö 3;t)omafiuö im Saläre 1687 baju t)orging, 
jum 95efu(^e feiner SBorIcfungen burdt) 3lnfd)Iag eine^ beutfd^en 
^rogramme^ an ba^ fc^toarje Srett ber Uniüerfität auf juf orbern. 
„Discurs, toelc^ergeftalt man benen ^ran^ofen im gemeinen Seben 
unb aSanbel nac^at)men foQ", fo nennt fic^ bie Schrift. 3t)re 
boppelte Jenben j ift bemerteniottiert^. ©inerfeitö 9tad)al)mung ber 



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74 3)rtttcä Äa^)itc(. 

granjofen, anbererfeto büö Stnfc^tagen ber patriottfdien Seite: jum 
erften SRalc rebet ein ]oid)tx Jlnfc^lag beutfc^ )iatt (ateinifdi, auc^ 
inl)altli(^ giebt er fräfttg bie filagen berjenigen ttjtcber, iüelc^e ©in= 
fül^rung fremben 3Bcfen§ in 2)entf(f|Ianb öerurt^eilen; tüie üerljölt 
fic^ bieg ju einanber? S5er aSiberfprud) löft fic^, tpenn man bebentt, 
bofe eö iljomafiuß t)or StIIem barauf anlömmt, gegen ba^ fteife, 
lüeltfrembe, fc^olaftifc^üeräopfte Söefe^i bamaligen beutfd^en öele^rten^ 
tt)umö JU tt)irteii. 9hir unter bem geiftigen Srud, in ber bumpfen 
©c^müte ber 3t6gefcfttoffenI)eit gebiet) biefer ^ebonti^mug; ben ^orijont 
JU erweitern, an ©teile ber üer jagten Äopf Gängerei felbftbettjufete 
greubigfeit ju fe^en, Sebenöfenntnift, Sebenegenufe, Sebenöüertrauen, 
£c6enöiDeii^t)eit ju prebigen, ha^ ift ber SSorfatj; practifd)e 9lnfcf)au^ 
ung unb 3Siffenfc^aft, offener ®inn für alleö Bdjbne unb eifriger 
^leife für alleö SSiffenöroertlie, 3Bertf)ung beö eignen unb beö fremben 
Söefeu!^ foKen üerbunben werben. SSirb'ei^ fo Sic^t, fo werben bie 
im ©unfein t)aufenben SBörwöIfc ber SBorurt^eile alsfbalb Der- 
fd^wunben fein. 2)es^{)alb bri(J)t 3;^omafiu0 mit ber Iateinifd)en 
©ele^rtenfpradje, in we(d)er man nur burc^ i)o\)k unb überlieferte 
gormein unnatürlid) unb fc^ief benfen unb fid) auebrüden fann; 
an i^re ©teile fefet er ein noc^ ungefüges^, aber fräftigeö Seutfd), 
welc^efiJ er in fpäteren Schriften immer beffer ju meiftern lernt. 
25eg]^alb aber aud^ weift er cmpfe^Ieub nad^ granfreidj l^in. Ser 
granjofe jeigt i^m nid}t nur, wie man fid) frifiren unb Meiben, 
nähren unb bewegen foU, S^ingc übrigeujS, wetd)e er im frifc^en 
Söotilgefü^I jugenblic^er SinnUdjfeit teine^weg« oerad^tet; fonbern 
oor allem, wie man 3lnftanb unb greimut^, SSelt unb Söiffenfc^aft 
öerbinbet. 9iid)t an bie oerwö^nten unb eitlen ^offc^ranjen unferer 
SJorftellung benft er, wenn er öom „parfait galant'homme" 
rebet; fonbern an bag franjöfifc^e 3beal eine«^ feingebilbeten, überall 
jum ilern hc^ SSiffenö oorgebrungenen, gefc^madDoQen, t)orurtI)eil6= 
freien, ftetc; t)eiter=^öfli(^en 3BeItmanne§ uon uorne^mer ©rjie&ung. 
9luf ein fo gebilbete^S publicum wirften ^aöcal, 8at)Ie, gontenellc 
in granfreic^, Sode unb 2^oIanb in Snglanb. @in folc^eö 5ßublicum 
fic^ JU erjiefjen, unter SBenuftung ber öom 9lu$Ianbe gebotenen 
©ilbung^mittcl, erftrebte 3;{)omafiu0. Sebod) uic^t um blinbe ^iad^^ 
a^mung fianbelt ed ficfi it)m, fonbern um 9?ac^eiferung ; ber 2^on im 
3:itel bcß Xi^curfeö liegt auf ber 9Irt ber SWad)at)mung, auf bem 
SSorte: „9Beld)ergeftaIt'' ; fonft ginge ja ba^ wiebcrum üerloren, toai^ 



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I. ^f)omafiu8 in Sei|)jig. 75 

afe ba^ §ö(^)te geic^ä^t mirb, bie 9?atur(ic^fett. — 3wöci^firf)t in 
ben natürlichen SSerftanb, SSorrang beg natürlichen SJedjti^, Öeac^tung 
aller natürlicfien S^rtebe, ba^ ift t)ier fcf|on, luie jum (2ct)luffe beö 
18. 3a^rl)nnbert^, bai^ @ticf|tt)ort ber 9lufflärung: fo ']ct)x liegt bie 
letjte ©ntttjicftung bereite in ben erften Jlnfä^en üorgebilbet. 2)0^ 
gegen tragen be« 'J^omafiuj^ ftaat^rec^tlic^e UeOcräengungen, mie er 
fie bamatö im Snfc^luffe an ^ßufenborf'^ Se^re t)on ben feudis 
oblatis entroirfette, beutlic^ bie Prägung ber erften ?lnfflärung!3' 
^eriobe an ber ©tirne, inbent fie ben 2;erritorialt)erren möglicl)ft 
weitgeljenbe ©ouueränität beilegen. 

SDKt jenem „S)i^curj^" lub 2^t)omafiud ein ju SSorlefungen über 
beö ©paniert ©rajian „©runbregeln, vernünftig, fing nnb artig ju 
leben". Qu einer neuen beutfcfien Schrift gab bann Sieranlaffung 
bie ?(nfünbigung ber (Kollegien für ba^ SBinterfemefter 1688; bie 
fc^arfe Äritif biefeö ^ßrogramm^ trifft, aufeer öielen anberen ®e6ieten, 
auc^ bie 9ted§t^toiffenfd§aft, bereu SKöngel nac^ gädjern befprod^en 
werben. S)a^ Süaturrec^t unb metir noc^ bat? jus divinum com- 
mune positivum liegen im Slrgen, ba fie meift gering gefcftäljt 
©erben, ja öielfad^ eigner ^ßrofeffuren ermangeln, fo bafe fie in ber 
^anb Don ^^ilofop^eu ober anberen Seuten finb, „bie oon ber 3uri5= 
prubenj fo mi toiffen, ate bie 3uriften uom ©olbmac^en oerfte^en". 
2^efto emfiger wirb ba^ ^led^t ber bürgerlid^en Streitigkeiten betrieben, 
^ro^bem leibet biefe^ an nid^t weniger fc^weren äWängeln, nid)t nur 
in ber ^rajid, wo bie fc^lec^te Suftijpflege alter Heilmittel fpottct, 
fonbern auc^ in ber I^eorie. 3ft boc^ bas^ ganje SRömifc^e SRedjt 
wä^renb feiner ganjen ®ef.c^id|te reid) an Uni)ollfommenl)eiten, bereu 
Jt)omafiuö fofort 30 probeweife aufjä^lt; follte er alle anführen, 
fo würbe auö biefer fleinen ©elegen^eitigfdjrift ein bide^^ 95ucf|. 
Smmer^in wolle er üerfud^en, beujenigen, welcfie ein ßolleg über 
!3nftitutionen bei i^m t)ören, etwas^ flarere ©egriffe beijubringeu. 
©r wolle in biefem ßolleg 1. bie Sefecte ber ^riDatrecf)t^gete^r== 
famfeit einige 3Socf|en t)inburd^ Ilarftellen; 2. bie 3nftitutionen t)on 
Xitel ju Xitel burc{|gel)en unb bei jebem Xitel bie „oielfättigen 
Sct)ni|er unb Xtjorljeiten" ber 2lutoren anmcrfen; 3. bie Söiängel 
burc^ tlare S)efinitioncn unb S)ioifionen ju ^eben öerfudien; 4. bei 
jebem Xitel üon beffen usu practico reben unb bie babei ^er^ 
gebrachten quaestiones inutiles rügen; 5. bisweilen aud^ Srgän= 
jungen auö ^anbeften ober SWoöellen beibringen; 6. bie buntlen 



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76 ^xiftti Äa^3itcl. 

©teilen nai) beftent 3Stffen an^ ber ©efc^ic^te ber römifd}en ?nter= 
t^ümer erläutern; 7. biefe feine 9)ietf)obe mit ber fonft üblichen öer- 
gleichen unb fcf)Iieftficf) 8. einigeiS über neuere S8orfd)läge jur "Sitdjt^ 
üerbefferung bemerfen. SSorweggenommene SBemerlungen über biefen 
legten $unft jiefen offenbar auf Seibniß* Nova methodus, bereu 
praftifdje Unburd^füf)rbarfeit Stjomafiui^ richtig tennseidinet. Statt 
il)rer öermeift Ifjomafiuö auf bie 9iott)tDenbigfeit praftifi^er Uebung, 
t)ier tpie auf ben Gebieten ber @tl)if unb ber Sogif: au«; ber ttjeo^ 
retifc^en 95etrad)tung lerne ein junger äJtotn eben fo wenig 3^ugenb, 
5ßerftanb unb 9ied)t ju üben, tüie ettpa ju tanjen au^ einem be= 
fdjreibenben Vortrage über bie üerfdjiebenen 3:änäe; bie für bie 6r^ 
lernung folc^er Äörperfertigfeiten t)on jet)er üblid)e prattifc^e SRet^obe 
auf bie Unteriueifung ju geiftigen gertigfeiten analog ju übertragen, 
fei biö^er aufö ^raurigfte öerfäumt tuorben. 

35iefelben ©ebanfenföben fpinnt ttjeiter ein ^ogramm oom 
10. Suni 1689 unter bem %M: ,,(S^riftian Jtjoma^ eröffnet ber 
ftubirenben Sugenb einen SJorfc^lag, n^ie er einen jungen ÜKenfc^n, 
ber fic^ ernftlic^ fürgefe^t, &ott unb ber SBelt bermalein^ in vita 
civili redjtfdiaffen ju bienen, unb al^ ein honnet unb galant'homine 
SU leben, binnen bret)er Satire ^vi^i in ber ^^^ilofopf)ie unb singulis 
jurisprudentiae partibus jU informiren gefonnen fei." ®r ttjill 
baju tt)ät)renb biefer 3 Sa^rc töglid} 2 Stunben lierwenben; al^ 
©d^üler benft er ftd), auc^ bei bem pl)ilofopt)ifc^en 3;^eile beö ßurfu^si, 
blofe 3uriften; bie^^ uorau«gc)e^t, entwirft er fotgenbeö ^Programm: 
$5eginnen werbe er mit einigen ©runbregeln jum 9tai)onniren, nad) 
Einleitung ber Einleitung in feine Philosophia Aulica, wobei jugleid) 
ber 3?erftanb üon ben "öorurttieilen geföubert werbe. Sobann will 
er fid) „ju bem red)ten 9tuge ber 28iffenfd)aften, ber .5>iftoric", wenbcn 
unb weltliche, firc^ltc^e, fowie ©efd^ic^te ber ^f)ilofopt)ie trattiren. 
2)ann gelangt bie praftifdje ^f)ilofop^ie an bie 9teif)e, Stf|if mit 
@infd|lufe be^ 9?aturred)ti^ unb mit befonberer ^Betonung ber ße^re üon 
ben 3lffecten unb öon ben §ülf^mitteln guter ®räiet)ung ; ^olitif mit 
?tu0füftrungen über Sinken, ?lufgabe, i^erwaltung \>c^ Staate^, wobei 
ba« i^erfprec^en nid|t feljlt, fpeciell 5u ^anbeln „oon bem 9tu^en unb 
unfäglid)en Sdjaben, ber bem Staat üon gotte^fflrc^tigcr unb gott* 
lofer (ilerifet) juwadife" ; t)ieran fc^Iiefet fic^ ein ?lnt)ang über bie 
^^olitif ber ^riuaten im täglid)cn Seben, wie man ber ?tnbern §tffeften 
auiSforfdje, wie mau fid) flug ^n benehmen, ju conüerftren, auö allem 



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I. X^omafiiiÄ in Ccipjig. 77 

feinen SRu^en ju sieben Ijabe; enbüc^ Ceconomtc, mit Öemerfungen 
barüber, tüie man fic^ cf)xlxdi) ein 3?ermögen ju oerbienen unb 511 
ermatten, and) tole man e^ o^ne ©eij nocfi Sierfc^tüenbunfl s" nu^en 
tjabc. 3)ie fiet)ren öom „decorum** unb tjon ber „ars oratoria" 
ictjliefeen biefe ^^ropäbeutif bee Suriftcn, ber nun erft ju feiner ^ad)- 
toiffenfc^aft gefülirt tpirb. 3^«^ U"^ ^ic Suftinianifc^en 3!nftitutionen 
ein abgefc^madtte^ unb einfältige^ Suc^; aber eö foU bie einleitenbe 
juriftifdE)e 33orIefung auc^ nur biefen 9iamen beibet)alten, tf|atfäd)Iici^ 
frei i>on jenen ba^ ^riöatrec^t ganj in Definitionen unb 3[jiomen 
proponieren, bie tjeut^utage unpraftifc^en 2)iaterien nur gleic^fam 
per indicem anjeigen, bie feiten Dorfommenben ganj furj, bie täg»^ 
Uc^ gebrouc^ten au^füf)rlicf|er bet)anbe(n, an Stelle bc^ Sractatö de 
aetionibus aber einen ©runbrife be!§ bermaligeu Siüi(= unb Straf* 
proccffcö geben. 60 folgt baö geubalrec^t, baö öffentliche Stecht, für 
Xüddft^ auf t)iftorifc^e örunblage ju bauen ift, unb, ate ßnbc beö 
gan^jen Gurfuö, baö äufeerft tt)icf|tige, öon ben proteftantiftf^en 3uriften 
nur ?i\i fe^r öernac^Iäffigte Äird^enrec^t ; bei biefem wirb örunnemann 
bem (£arpäot), beiben aber ^^^9^^^ öorgejogen. 3SJic ernft 2^t)omafiuö 
ee nimmt mit ber bamit überall ju üerbinbenben 9tec^t5^= unb Siteratur* 
gefc^icf)te jeigt fein offener Srief Dom 7. Cctober 1689, ad fautores 
Jurisprudentiae atque Historiae de nova editione operum Fran- 
cisci Balduini. Qu biefem Sc^riftfteUer jief)t bcn 5t)omafiufii eben 
bie tiefe ©efc^ic^t^auffaffung unb fortn^ä^ren'be öefc^id)t0berüdfic^ 
tigung ^in. 3)a§ finb bie $Iäne, burc^ beren 9(u^füt)rung J^omafiu^ 
geigen miU, baß er nicf|t nur, mie er bi^i)n getl)an, einjurciftcn (au^= 
jumiften, fo f)eifet er felbft e^ berbe genug), jonbcrn auc^ aufzubauen . 
oerfte^e, unb jjmar nid^t mittelft meit au^fe^enber unb toftfpieliger 
5?orfc^läge an t|ot)e ^erm, fonbern au^ eigener .ttraft, im 9J?afte feinet 
prioaten Äönnen«. S)afe er bamit feine Slraft nid)t über)d)ä^tc, foUte 
er balb, in $)ane, ju benjeijen in bie Sage tommen. 

S^omafiu« ^atte bi^I)er aüeg getrau, um fic^ in Seip^ig ocr^aftt 
ju machen. 93on ber "Srad^t unb Sprad^e ab, beren er fid) bebientc, 
biö ju feinen §lngriffen gegen Unterri(^t$mett)obe, 9(riftoteliömu£^, 
Goncorbienformel unb felbft gegen eiujclne ^rofefforen perföulid) 
tpar fein €^an^c^ Sföcfcn unb treiben ein 2cf)lag in'j? ©efic^t ber 
befte^enben Uniuerfität^^-Crbuung. 9(m fdiärfftcn unb lauteften Ratten 
biefe feine ^olemif oertreten feine beutfct)en 3DJonat<jfd)riftcn, ttjie fie 
in biefen beiben 3at)ren unter oielfac^ tuedjfclnbcm Xitel, aber mit 

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78 $)rittcS Stapittl 

ftetg gleid)em Sniialt imb (Srfolg erf(f)ienen tuaren. Sie bilben tüot)I 
ba^jentge feiner SBerfe, ipelc^eio in tüeiteften Greifen befannt getüorben 
ift, berühren aber menig Surtftifcfteg. 3)ie oielen ©treittgleiten, todd)e 
\id) an aQe biefe 3^^omafifd)en ©cöriften unb 9?orträge fnüpfteU; mußten 
fc^Itefeürf) feine Stellung in ßeipjtg unl|alt6ar madjen. 3)ort toar, 
nad)beni er fic^ mit aller SBelt überttjorfen ^atte, nac^bem auf üict 
feitige unb fortgefetjte klagen aud| fdiarfe obrigfeitIid)e SKa^regeln 
gegen fein SSirfen in SBort unb ©c^rift ergriffen morben ttjarcn, 
nid)t me^r feincö Söleibenj^; fo üerließ er (bie burd^ i^n felbft auf^ 
gebrad^ten, üielfac^ nod) ^errfd)enben 9Infd)auungen öon einer eigent- 
liefen „SSertreibung" unb „gluckt" finb übertrieben) am 18. SDMrj 
1690 bie Sßaterftabt, n)urbe in Söerlin, ttjo er fid| gute Sesie^ungen 
uorjubereiten gettjufet ^atte, ttJot)I aufgenommen, mit 9latl)gtitel unb 
©e^alt au^gerüftet unb mit ber ©riaubniö, 3?orIefungen ju Iialten, 
nac^ ^aUe entlaffen. Öefanntlic^ ift bort auö biefen feinen S8or== 
lefungen bie juriftifc^e gacultät ber neuen Uniüerfität §alle ^erüor^ 
gegangen. 

II. @d)on im ?(pril 1690 erging baö Primum programma 
Halense de instituendis lectionibus publicis et privatis, philo- 
sophicis et juridicis. §atte S^^omafiuö ju Seipjig ben $lan eined 
Surfuö oorgetegt, ber p^i(ofop(jifd)e ^ropäbeutif unb juriftifdie^ 
©tubium ganj umfaßte, fo mar er nun ju §alle, tt»o er allein bie 
p^ilofop^ifc^e unb juriftifd^e gacuItSt uertrat, auf bie 9lu^füf)rung 
biefe^ ^laneö gerabeju angetuiefen. 

?lber er ttjar auc^ äWann^ baju. 9lug biefer ^^öerfic^t t)erüor 
ift ba^ Programm gefdjrieben, metc^eö er in alle 3Be(t entfanbte mit 
ber 9(ufforberung an bie lernbegierige 3ugenb, fic^ um ^ßfingften in 
§alle einäuftellen. Snbem er uerfprid)t, ben früher fd)on befc^riebenen 
©urfug burd)jufüf)ren, fügt er nod) Ijinju bie ^Injcige jftjeier ioeiterer 
SoUegien, eineö über Siteratur-Oefc^idite unb S8üd)erfenntnig, eine§ 
anberen jur Interpretation uon $ßanbeftenftellen. SWatürlic^ üerfe^lt 
er nic^t, auc^ fonft für .^alle Siortljeil^afte^ f)ertiorsu^eben, n)oju er 
ba^ bort ^errfc^enbe branbenburgifc^e S)uellüerbot rechnet. S)e^]^alb 
fei ber Crt namentlid) für n)al)rf)aft c^rifttid) fromme junge Seute 
geeignet, bie ben ©ünbenpful)! ber SSelt nertaffen, mit anberen ®leic^ 
gefinnten ein tugenb^afte^ Seben ot)ne »^eud)elei fül)ren unb bie 
Äünfte beö griebenö geniefeen tt»ollten. 



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II. J^omafiuÄ in ^aUt. 79 

2)iefe legten Sä^e Hingen entfd^ieben pietiftifc^. 3?aö barf mi^ 
nic^t ju fe^r überrajc^en, benn t^atfäc^Uc^ ^atte 3;^omafiug gleid)* 
.^eitig mit ber Strifiö feiner Seipjiger ?lngelegent)eiten einen inneren 
Umfc^njung burc^gemoc^t , ber i^n jum ^ietiömni^ l)inüberfüf)rte. 
2)iefe feine 9iid)tung befeftigte fic^ noc^ n)ä()renb ber erften So^re ju 
^alte unb geigte fic^ bamafe in einer Steige öon Schriften religiöö? 
pÖilofopf|ifd)en, religi5ö:^gefc^ic{)tlid)en ober aucf| gerabeju pobagogifc^^ 
prebigenben Snljaltö. 

^Daneben aber gef)t ber grofee Surfuö genan, ttjie öerfprod^en, 
uon ftatten. 3m Saufe be^ ^af)xe^ 1691 finb 'i|Jropäbeutif unb 3n= 
ftitutionen crlebigt; §uber'ö ^anbeften merben mit furjen Definitionen 
unb 3ljiomen be{)anbclt; aufeerbem finben ftatt eine 35orIefung über 
«Vlenntnife guter ?Iutoren, ein collegium disputatorium unb ein 
coUegium styli ; lefttereö bient baju, ber bei ben meiften ©tubenten 
roaörgenommenen Unfä^igfeit, 2)eutf(f) ju fc^reiben, bo fie eben lebig^^ 
lic^ ben lateinifc^en Sluöbrucf gepflegt f)aben, burtf) Sfuffa^übungen 
abjufielfen. Dftern 1692 gebiet) ber große ßurfud biö jum Staate 
unb Äirc^nred^t, wobei eine furge beutfc^e ®efd)ic^te t)orangefcf)idtt, 
begünfttgten Quf)öxevn aber fc^on bamai^ im @e()eimcn eine erfte 
9(nlcitung über bte fpäter uon Jt)omafiud fo gern entujidtelten 
„arcana papatus" gegeben tourbe. Stußerbem tjatte 3;^omaftuö 
oerfprorf)en, biefe beiben ßoüegien ju oerooUftänbigen burc^ Snter- 
pretatton ber toefentlid^en einfc^lägigen ®efe$e fetbft, im Staatsrechte 
nam(id) ber golbenen 35uUe unb anberer SReicfjSgrunbgefe^e , im 
Äirc^enrec^te ber St)urfürftlic^ ©ranbenburgifd)en ftircfjenorbnung beö 
Öerjogtt|umS 3Bagbeburg. ?(fe er jeboc^ im 5rüf)ja^re 1693 fo ttjeit 
gefommen tvax, baB eS an bem gemefen n^äre, biefen 9iacf)trag ju 
liefern, t)atten ficfi bie Umftänbe in ^aüe njefentlict) geiinbert. Sm 
2)eccmber 1692 tüar ©amuel ©trtjf eingetroffen unb teilte fic^ nun 
in bie 3Crbeit$laft mit 3!f|omafiuö, ber i^m ben erften ^la^, baö 
Crbinariat unb mit bemfelben ftircfien- unb Staatj^rec^t überlaffen 
mufete. 3)aö Programm t)om grü^ja^re 1694 jeigt 3;i)omafiui^ 
.^urücfgefefirt ju ben regulären 3?or(efungen über Snftitutionen, Sobej 
unb 9iooelIen, nur noc^ in origineller ©ruppirung unb 9Sermertt)ung 
biefer SJerfttSbüc^er unb unter 95eigabe praftifc^er Hebungen. 

Son äal)(rei(^en @cf)riften, Programmen unb 2)iffertationen biefer 
3at)re intereffiren und namentlich biejcnigen, melcf)e bie i^ornjürfe 
gegen baS römifc^e Stecht tiarer t)eraui^arbeiten, in boppelter üiicf)tung: 

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80 3)rittcä Äapitcl. 

esi fianbelt fid) um bte innere 9)?angelt)aftigfeit biefeö Sierfitö unb um 
feine geringe 9(ntt)enbbarfeit in S)eutfd)Ianb, im ©egenfafee ju ber 
tjerrfc^enben Sc^re öon feiner S^refflic^feit unb örauc^barfeit. (h-fteren 
^unft onlangenb, werben bie friil)er fummarifcfi angegebenen Unuoü= 
fommenljeiten je^t njeiter entnjidtelt, j. ö. in ber 2)iöputation t»om 
?tpril 1691 de naevis jurisprudentiae Romanae ex historia 
juris ab ejeetis regibus ad publicatas leges XII tabularum 
deduetis, ober aucf| in filagen über bie ©ubtilitäten , SSiber- 
fprüc^e unb 5)unfel^eiten ber ^anbeften bei Änfünbigung t)on 8ior= 
(efungen über biefe. SBoju, fo fragt baö ^rogromm de lectionibus 
publicis ad Pandectas üom §erbft 1691, befaftt man fic^ nod) 
t)eut ju Xage mit biefen unlösbaren ®d^tt»ierig!eiten, j. 3J. ber SJiaterien 
üon ber 3urii§biftion unb üon flaglofen SSerträgen, ba bodi ^eute 
in S)eutfc^lanb bie 3Ragiftrati§orbnung eine ganj anbere unb jebeS SJer- 
fprec^en flagbar ift? So vorbereitet ergebt ficfi 3:t)omafiuS ju ber 
S8et)au|)tung, bafe faum ber jrtjanjigfte — an anberer Stelle l^eifet 
eS ber je^nte — 2^t|eil ber ^^anbeften üon ber ^rajiö ber bcutfd^en 
öeric^te ge^anbtjabt tuerbe. 9lUein aber auf bie t^atfäc^Iic^e 3ln^ 
njeubung beS SRömtfcfien SRed^teS fommt eS bei unö für feine ©ültig- 
feit an, ba eö biefe nur jener, nic^t einem Stet ber ©efe^gebung 
üerbanft. 2)ie Sonftatirung beS btofeen non usus genügt beft^alb, 
um einem ®a|e beö 9iömifrf|en 'iRcdjt^ für 2)eutfd^Ianb feine @efeg^^= 
traft ju net)men; unb bemnad) bleibt ein gar geringer Umfang ber 
©ültigteit übrig. SBenn man biStjer burc^njeg anberer Slnfidjt ift, 
fo ertfärt fic^ bieö I|au)}tfäd)Uc^ burc^ fofgenbe Umftänbe: 1. bie 
?Diaffe ber aüe^ in Siebet ^üüenben Kommentare ; 2. bie romaniftifc^e 
SWettjobe ; 3. bie täbiöfe SSieber^oIung aller 3(llgemein^eiten in jebem 
Stitet; 4. bie unge£)euerlicf|e Unfenntnife beö 3)eutfd)en 9?ed)tS unb 
5. ber 5ßrajiö ; 6. bie übertriebene S?eref)rung ber ©toffatoren unter 
l^ernad|läffigung ber 5Römifcf|en SRec^tSgef d)id)te ; 7. bie vielen 3Btber^ 
f prüfte ber 2)eutf(^en JRec^tfprec^ung in fic^, n?oburtf| bie Silbung 
einer fieberen ^ajiö ge^inbert tuirb; enblic^ 8. ber SKipraucft be?^ 
©runbfa^eö, bafe Siömifcfteig 9fled)t in ©eutfd^lanb gelte, fon?eit e« 
nic^t auöbrücflidj abgefd^afft fei. 

9Zatürlid) fann aüeö bieS nur ertltiren, roiefo man bieljcr eine 
fo auffällige Xl)atfad)e, mie bie oon Xljomafiuö bel)auptete, überfeinen 
founte; für feine Se^auptung ben ^ienjeiis^ erbringen tann er nur, 
inbem er bie ^anbeften Sitel für leitet burd)get)t unb auf il)re 



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IL $:^omafhi8 in ^öUc. 81 

prQCttfcf)e ©eltunfl prüft. 9[I^ if)m baf)er t)on SBittenberg ^er fd^arfer 
3Bib€rfprucf| in gorm eine« acabemifd)en ^rogrammeö entgegengefe^t 
rourbe, griff er ^u jenem a)?ittel: an ber §anb t)on ©trqfö Usus 
modernus Pandectarum erörtern be^ 2;^omaftuö Vindiciae 
solidae üom 27. Cctober 1692 bie ^anbectentitel t)on ©iic^ 1, 
Jitel 1 bie äu Sud^ 5 litel 6. 9Rit ftaat^* unb ftatu^rec^tli(^en 
4^ert)ältniffen, mit 5(boptton, Surisbiftion unb Älaglofigfeit ber nuda 
pacta f)aben fie ja frei(icf) feid^tejo ©piel; mie fte^t eg aber um bie 
oft benufcten S^itel, Grbfc^aft^Hagc, @dE|iebgrid^ter, Haftung ber 3Birt^e? 
2)tefe Site! jUjingen X^omafiuö ju einer ganj neuen SIrgumentation. 
3äa^, tt)ie in biefen 3;iteln faft SlUeö, im 9?ömifcf|en JRec^t mit bem 
9taturred^t übereinftimmt, baö gilt in S)eutfd)Ianb unabhängig t)on 
unb t)or allem SRömifc^en 9iecf|t, eben ofe JRaturrec^t. ®o erljält 
bie 58et)auptung , baft fefir njenigc 2:^eUe beö SRömifc^en 9?ed^tö in 
"Jeutfc^Ianb ^Inmenbimg finben, nunmeljr bie Sinfdiränfung auf 
fold^e Seile beö SRömifc^en 9ted)t^, ujelc^e üom natürtid)cn 9?ed)te ab^ 
njeic^en. SBo 5Red|tenorfd)riften, ttjetc^e ba^ 9i5mifd|e 9fted)t mit bem 
9Jaturrec^t (ober mit bem alten 5)eutfc^en Siecht) gemeinfam ^at, in 
Seutfc^Ionb gelten, ba ift für fie nid)t bai^ SRömifc^e, fonbern baö 
DJütur- (ober 35eutfc^e) Stecht 9{ed)t^queUe. ©tinfd)tx)cigenb tiorauö* 
gefegt ift babei offenbar, aU ob bag 9?aturred^t o^ne SSermittelung burdi 
0efe^ ober ®ett»ot)n^eit a\i^ eigener 3)?ac^tooUfomment)eit Cuelle beö 
pofittöen iWec^tes wäre. 9?on biefem fd^ujinbeütb naturrec^tüdien 
Stanbpunfte aui^ liejs fid) bann freilid) alle« nad^ fubjectiüer 3BiII? 
für .geftattcn. 3ebod^ mufe I)ier fofort ergän,^enb feftgeftellt njerben, 
baft 3^^omofiu€^ üon biefer feiner S^enoedifelung ätoifd)en Statur- unb 
pofitioem 9ied)t immer nur im ttjeoretifd^en Ä'ampfe gegen ba^ 
atomifc^e 9{ed)t, nie bel)uf^ 9(uffteUung afc^ felbftänbige Stl)cfc ober 
gar bei einjelnen practifc^en fragen (Sebrauc^ gcmad)t l)at. gür 
bie ^rajrfe t)ielt er fic^ an ik I)errfd^enbe 9(nfd)auung, aud§ bejüg^ 
lic^ ber ©ültigleit be^ 9tömifc^cn 9ied)t§, fo lange, biö feine S^eorie 
aUgemetne 9[nnof)me gefunben ^aben toürbe. Um fo me^r SBertl) 
legte er barauf, für biefe literarifd^ einjutreten, fie namentüd) gegen 
bie einjelnen %t}tik unb @ä^e be» Siömifc^en JReditc^ burd)äufü^ren, 
unter gefc^idter ?hiön)at)( ber Slngriff-^^objecte. S)ie^ gilt fd)on oon 
ben fid) unmittelbar anfd^Iiefeenben 2)ij2^putationen de usu actionuni 
poenalium juris Romani in foris Germanicis 9lpril 1693; an 
doctrina juris Romani de servis magnum habeat usum in servis 

Sanb«berg, aiff(^i(^te ber SStffenftfiaft. 6 

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82 3)rttte8 Äa^itel. 

nostris a Turcis captis? September 1693; uitb de usu juris 
patemi Romanorum secimdum mores Germaniae, 3uni 1694. 
Slel^nlid^eu Stoffen tüerben mt aber and) ferner nocf) Dielfoc^ be= 
gegnen. S)iefe bauernb genäf)rte 3l6neigung gegen baö SRömifdie 
3fled§t entfprtngt nid^t etwa blo^ allgememf)in bem ^affe gegen ble 
Ueberltefernng unb gegen ben flajfifcf|en SRegelsroang, fonbcrn tt)etU 
ttjetfe auc^ I)tftorifd^er unb patriotifd)er Smpfinbung. Sf)omafinc> 
weife, bafe bie ®eje^gebung eineö SSoIteö ni(f)t für ba§ anbere pafet, 
fo wenig wie bie einem Patienten üorgefc^riebene ÜKebicin für einen 
anberen. (Sin Sßolf, We(cf|eö feine Steckte üon auswärtig ^olt, befennt 
feine eigene ©c^anbe unb gibt freiwillig feine grei^eit auf. 35iefe, 
felbft einem Sonring norf) gan^ frembe S8etrad)tungöweif e , we(d}e 
jum erften äWale nic^t bloö gefci^id^tlicf)e Si^atfai^en unb augenblid^ 
tic^e 93ebürfniffe , fonbcrn baö SRationat93ewufetfein gegen ba^ 
SRßmifc^e Siecht in'ö gelb fü^rt, mufe mit mand)er Uebertreibung 
unb ?ßlumpl)eit üerföl^nen. 

SnjWifdjen l^atte fid§ bie iuriftifd)e gacuttät ber Uniüerfität 
ipaöe fo öerftärft, bafe am 1. Januar 1693 ber furfürftlidie S8efel)I 
ergeben fonnte, weld^er biefer gacultftt baj^ Stecht beilegte, ®utad)ten 
ju geben unb Urtfieile abjufaffen. 3m fiaufe fo(d)er Jvacultätöarbeiten 
gelangte eine §ej:enfad&e jum erften 9Ka(e in bie §anb be^ Xftomafiusf ; 
mit bem {Referat barüber September 1694 betraut, fam er trog 
äufeerft fdiwac^er Snbicien, nad) ber Sfnieitung üon ©arpjoü'si 
Praxis criminalis, unbebenfüd) ju bem SJorfd){ag eineiS goIterurtt)eife 
gegen bie be^arrlic^ leugnenbe Snquifttin. Samuel Str^f erft mufete 
biefem SSotum in ber gacultätöfigung entgegentreten unb bie bebtngung!^ 
lofe greifpred^ung burd)fefeen — ba fielen auc^ 3;f)omafiuö bie 
Schuppen t)on ben klugen, wie er felbft un^ mit aufrid)tiger S3e= 
fcpmung berichtet; unb wieberum erfannte er, wie tief er trog alter 
bi^^erigen Söemü^ungen noc^ im Sann ber 3?orurtf|eile oerftridt 
gewefen war. 3nbem er fo ben SSorfall ate "Jlnlafe auffaßte 5U 
einge^enber ^ßrüfung eineö oon i^m biötjer üernad^täffigten (Sebiete^g, 
warb er i^m ju einem fruchtbaren Samenforn, wcld^e^ in bem wo^l 
oorbereiteten 3)oben üppigen Srtrag bringen mufete. X^omafiui^ 
nimmt ben Äampf gegen bie ^ejenoerfolgung in fein Programm 
auf; er be^nt i^n gleic^jeitig au^ auf bie gan^e ©inric^tung, ot)ne 
weld)e bie ^ejenüerfolgung unmöglich gewefen wäre, ben Snquifition^ 
proceß unb feinen SKifebraud) ber golter; unb er üerbinbet i^n mit 



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IL 2:i6oinaftu8 in ©aüc. 83 

bem t)on jet)er mit 5?orlic()e gefüfirten Äampf gegen ein allgemeinere^ 
Hebel, ol^ beffen einj^elne ^olge if)m nur bie §ejeubränbe erfc^einen, 
mit bem Kampfe gegen bie mettlidie §errfd)fu(f|t ber ftirtfje nnb il)rer 
5Jiener. 3)ie ^errfd)* unb ®ett)innfnc^t, njeld^e er bem ^fapfte unb 
bent Sleni^ aller ßonfeffionen t)orn)irft, werben it)m immer me^r 
i^um Sd)Iüffel bejg i^erftänbniffesg für bie ganje politifi^e, Sitten* 
unb 9ted)t^ge)d)ic^te feit bem a)?ittelalter, analog feiner ©rflärung 
9tömifd)er 3Sorgänge an^ ben ßiften unb SRänten ber ^atricier. 
Ueberall finbet er, wie )cf)on fein 2et)rer Scf)ilter baju geneigt ge* 
mefen mar, nic^t cfma blo^ Slußbcutung ber üorljanbenen ©ns* 
ric^tungen feiten^ ber ©eiftlic^feit ju ifjren 3^^^^^/ fonbern felbft 
liftige Schaffung berartig nufebarer Ginricf)tungcn burc^ bie ©eiftli^ 
fett. 3n golge biefer für bie ganje ©efd&ic^t^auffaffung besJ acfjt* 
,^ef)nten Sa^r^unbert« fo fennseidjnenben 5?orftellungen fuc^t er 
ftetö nac^ 'ißfaffenlift unb ^^faffentrug, arcana dominationis be^ 
^^Japfte^ unb ber ©einen, mie er eö Reifet; unb ebenfo unermüblic^ 
ift er, ber Sut^erijd)en ©eiftlic^feit äf)nlic^e ^^enbenjen afe jurüct 
gebliebene „95^'orfen tc^ ^apfttl)um^" uorjut)alten. 

3Sie rafc^ fic^ i^m bicfe 3been fo äufammenfc^loffen, ergibt 
fd^on eine Söemerfung in feiner SJorrebe ju ber Slu^gabe be^ 9)?^ftiferö 
^oiret oon 1694. 3^aB ^^omafiuö, fobalb er einmal jum ^ieti^mug 
gelangt mar, üon biefem auö biö jum SK^fticijSmuiS fortjc^ritt, mar 
bei ber fanguinifc^ energifd^en Statur be^ SKanneö unoermeiblid^. 
Sene S>orrebe foll ^oiret empfef)len; nun behauptet ^oiret aber 
u. a., ber größte $:f)eil ber SWenfc^en feien mirflic^ äKagier unb mit 
bem Seufel üerbunben; baö ging benn bod^ 3ll)omafiug etmai^ meit. 
l£r l)at, fo fagt er, bie Ueberjeugung, bafe burd) ben Snquifttion^ 
proceft gegen ^ejen me^r Unfd^ulbige in'^ 9?erberben geftürgt, aU 
Sc^ulbige geftraft morben finb. öloö 3^^* "^^ (Gelegenheit mangelt 
i^m ^ier, um ju seigen, bafe bie SKagie al^ fold)e überhaupt fein 
in biefer 3Selt ftrafbareiS SJerbrec^en ift, fonbern oielme^r bem gött= 
lic^n Urtt)eil überlaffen bleiben muft ; fomie, baj^ ber Urfprung jener 
^roceffe auf ben papiftifd)en ßleruö jurüdge^t, melc^er babei SSer^^ 
mögen^Sonfiöcationen anftrebte. 

(£tn fc^arfer Eingriff gegen „ba^ Sutl)erifc^e ^apfttt)um" f^tofe 
fid) atebalb an, bie 2)iffertation de jure principis circa adiaphora. 
Sie ftüßt fic^ im SSefentlid^en auf be^ ®rotiug, Sonring, ^ßufenborf 
unb ©runnemann fir(^enftaat§red^tlid)e Schriften, öert^eibigt ba^ 

6* 

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84 3^ntte3 Äapitcl. 

SRec^t beö Surtfteu, über ©eiüiffen^frogen mit ju entfc^eiben, unb ge^t 
au^ t)on bem @a^e, baß fehierlei äufecre @otte^==3Sere^run9 nad} 
9?aturrec^t geboten fet, baft aber aud^ nad) cfiriftlic^er 3(n)c^auung 
ben gotteöbienftlirfien Zeremonien, fomeit fie nic^t auf au^brürf(id)e 
©injefeung burd^ bie ®d)rift berut)en, eine ttjejentlic^e Sebeutung 
nic^t jufomme, mögen fie nod) fo alt unb noc^ fo e^rroürbig, felbft 
burc^ bie 85efc^tüffe öfumenijdjer Soncilien eingefüf)rt fein. Soweit 
fte^t Xf)omafiu^ gonj auf pietiftifd) mtiftifc^em Stanbpuntt, ber bie 
äußere Stird^enbi^cipün unb ^öemeinfamteit gering fc^ä^t, jum 
Separatiiomuö hinneigt. 9Benn bann aber J^omafiuö auf bem fo 
frei geworbenen breiten ^elbe ber §Ibiap^ora nirf)t bem @ewiffene= 
bebürfniffe beö Sinjelnen, in ber 3trt etma eine?^ Socfe, öolle öewatt 
einräumt, fonbern bem Sanbes^^ernt al^^ fotd)em, fo füf)rt er unc^ 
bamit auf ba^i (Sebiet bes^ abfofutiftifc^en 3;erritoriaIft)ftemö über, 
eine^ Sljftemö, weldjem er gauj unbebingt t)ulbigt. 3^iefe öetoalt 
circa adiaphora ^aben bie proteftantifd)en gö^f*^^^ ^'^t etwa erft 
burc^ bie ^Reformation, fonbern jeber gürft Iiat fie oon jet)er, bie 
gürften ^aben nur, fo lange fie firf) freiwillig bem 5ßapfte unter- 
orbneten, oon biefem bet^ört, fie nid)t ausgeübt. Qu ben SOüttcl^ 
bingen in biefem Sinne gehören jum ©eifpiet ber fiatenber, bie 
Äirdjenmufit, bie fiteibung ber Äirc^enbiener, bie Äirdjenbilber, ber 
©jorci^muö, bie Ct)renbeic^te. ©rgänjenb mad)en bie ©c^olien ju 
Severinus de Monzambano, \üd(i)c 1695 erfd)ienen, e^ fid^ jur 
fortlaufenben 3lufgabc, „unter ben in jure publico eingeriffenen 
irrigen 3Weinungen bie papenjenben Setjrfä^e anäumerten" unb ju 
wiberlegen. Jtufeerbem erfd)ienen nod) in bemfelben Sa^re 1695 
beö S^omafiu^ gefammelte Seipjigcr 2^i^putationen unb bie 9lu^- 
arbeitung feiner Sbeen über bie Naevi jurisprudentiae Romanae 
Antejustiiiiaiieae in Suc^form, mit einer (Einleitung über bie 
naevi jurisprudentiae hodiernae Romano-Germanicae. Gv 
I)anbelt fid) um fc^on me^rfad) ern)ät)nte S)inge; s^^ifc^en mandjen 
Plattheiten ober SKifeoerftänbuiffen ftöftt man auf ®eifte«bUue oou 
intuitiver 9tid)tigfeit, wie bas^ Siebauern, bafe wir bie ßt)ronologie 
ber praetorifdjen Jtctionen^^Srfinbungcn nic^t tennen, ober ber *^inweie 
barauf, bafe um bie SJömifdie Suriiäpruben,^ fo buntel ici l)aupt= 
fäd|Iid^ mangele Äcnutnift bc^^ alten 9Jömifd)en Gioifproceffe«^. 

?(uf Eingriffe gegen feine tird)cuftaate;red)t{ic^en ?(u5ifül)rungen 
rcpdcirte Iljomafiuv 1696 burd) ein äl^erf: „l^ais 5Red|t eoangelifd)er 



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n. J^omoftu« in ^aOc. 85 



•^ji 



,yürften in t^eologifrfien ©treitigfelten." Q\i ©runbe gelegt finb 
98 Säfte, n)e(d)e er frf)on früt)er feinen 3iff)ötem bictirt t)attc; üon 
Stecht unb ^flic^t be^ 5ö^f^<^^/ h^^ ©r^altiing beö gemeinen 38oI)Ieg 
511 mirfen, gelangen fte ju Sc^hilsfo (gerungen, beren Zokxciwi nod§ 
njefentlic^ über bie ^ufenborf'fc^e t)inauöget)t, inbem fie (ügl. bagegen 
06. S. 18) einem roa{)ren 5^ei{)eit^6ebürfnife entspringt unb inbem fie 
fic^ üielfac^ an Sode'^ S^oleransbriefe an(et)nt, »ennfc^on of|ne bie 
Doüe SSeite öon beffen ©cfic^töpunft 5U gett)inncn. 6i§ fommt 
tüefentlic^ barauf t)inau^, bafe foldje anber^gläubige S^riften ju 
butben finb, ttjelc^e ben allgemeinen grieben nid)t ftören; fofern ba- 
gegen eine ^Religion i^ren Slnpngern gebietet, 31nber^glöubigen S^reu 
unb ©louben nic^t ju galten; ober onberen ÜKenfc^en mel^r ju ge=^ 
^ord;en a(ö bem 2anbeß{)errn ; ober fofern fie nur üerfjuUter ?It^et^' 
mu^ ift: fo barf ein Sanbe!^l)err bie öefenner berfelben anhalten, 
unter 3Ritnaf)me i^re^^ 5Bermögen§ baö Sanb ju Derlaffen. ©elbft 
biefe SWa^regel aber ift fd)arf öon ber ©träfe ber Sanbeööermeifung 
,^u fonbcrn; Strafe ift auc^ l)ier nic^t öerbient; e^ ^anbelt fid^ lebig- 
lic^ um eine Sc^uftmaferegel. Ueber^aupt ift in Sad^en be§ ©tauben^ 
jeber S^^^ng unb Slüe^, xva^ nur entfernt an folc^cn erinnert, 
auöjuf c^Iiefeen ; DoÜe &malt \)at bagegen ber Sanbe^^err über bie 
»anblungen ber 85ürger, foipeit nii^t aud^ foId)e i^nen birect burd^ 
i^ren ©lauben oorgefc^rieben ober unterlagt, b. f). alfo, fotueit fie 
adiaphora finb. 2)amit fe^rt bie Sd)rift ju bem 9togang^punfte 
be^ Streitet 5urüd unb ujenbet fic^ nun im ©njetnen miber be^ 
2^omofiu^ tf)eo(ogifc^e ®egner mit bem 33ortt)urf, fie beraubten ben 
dürften feineö oornet)mften SRegafe, um ein ftjal)reö ?(fterpapfttt)um 
einäufül)ren ; bem SSoIfe gar laffe biefe SRidjtung nur bie ß^re, ba§ 
anjunefimen, mag bie X^eologen oorfdjrieben. S)abei fe^It cg nid)t 
an ?(ufforberungen, gerid)tet an bie gürften, gegen fofd)e ©eiftlic^e 
auf ©runb eben jenen 9?ega(f§ jur Sicherung beC^felben fomo^I mie 
be^ öffentlichen griebens^ einjufdjreiten. 

?lm 14. 3uli 1697 mürbe bie fd)on me^rfac^ berü{)rte SKaterie 
üon ber Äe^erei grünblid) aufgenommen burd) bie S)i«gputation an 
haeresis sit crimen? Sie fd)afft fict) felbft freiefte öa^n ; Berufung 
auf faifertic^eö ober fanonifdje^ JRed^t, auf Äirc^enoäter ober Suriften 
mirb üon Dorn^erein auögefd)(offen ; a(g einjig entfc^eibenbe 3nftanscn 
erfcfteinen ^eilige Sdirift unb 5?ernunft. 2)ie^^ feftgefteltt, folgt eine 
Unterfuc^ung ber gemöt)u(ic§en 2)efinition oon iteljerei, um jebem 



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86 XritteS Äapltel. 

SBorte biejcr 3)efuütion !I)unfeIt)eit unb 2c^ief()eit nacfijunjeifen : 
SSenn aB Äetjerei gilt, namentlicf) im öegenja^e jum ©externa, her 
j^atg^ftorrige 3rrtt)um im Önuibe be^ ®(aubene, fo ftef)t roeber feft, 
toas^ jiim örunbe be§ ölaubcnö getiört, nod) meiere ^tusifegung ber 
©d)rift xidjÜQ ift, nod) ttJO bte Orense liegt 5n)ifd)en ^aleftarrigfeit 
unb Ueberseugungs^treue ; nur ein SKicffott in ben ^api^muß ift es, 
tüenn man alle biefe 5'^'agen cinfad) mit ber l}errfd)enben fird^Iict)cn 
9tid)tnng ent]d)eibet. SSäre e^? fo )d)on t)öc^ft bebenffid), ein 1)elict 
anjune^men of)ne fefte ©ren.^en nod) feften Stl)atbeltanb, jo ift nun 
ober ber entfc^eibenbe örunb, luarum bie §ärcfie ein ftraf bares 
Selict übert)aupt nic^t fein fann, einfach ber: 2)ie Äefeerei ift fein 
35etict, meil fie ein 3rrt^um ift, b. 1^. ein '^ci)kx bes Sntellecti^, nidjt 
be^g 3SiIIenö. 9(ud) barf man nidjt etma, jebem feine innere fetjerifdje 
Ueberjeugung oergönnenb, bie ^(euf^erung berfc(ben als ha^ eigentUrf)e 
S)elict betrad)ten; wa^ glauben, ba^ barf man aud) äußern, in 
geeigneter gotm, am paffenben Orte. 3ft bemgemäfe bie fie^erei gar 
fein 3)etict, fo barf fie aud) feine Strafe finben; ba^ einzige, rnas 
jebem 9)fenfd)en geftattet bleiben muß, ift, fic^ perfönlic^ oon jebem 
anberen, ben er für einen Äefeer ^ält, jurüdäusictien. 

Unbeirrt burc^ ba^ öefd)rei ber Crtl)oboi'en unb „Äe|jermac^er", 
tnie fie oon je^t ab mit 3.^orIiebe genannt merben, ge^t beffelben 
SSege^ njeiter eine Disputation oom 11. 9fiooember 1697 de jure 
principis circa haereticos, nebft einleitenber Ginlabungsfc^rift. 
Se^tere ge^t au^ t)on bem oft aufgeftettten ©egenfa^e ber Si'treme, 
ber ßtifaropapie unb ber ^apocäfarie. 2^af^ beibe^ ju meiben fei, 
giebt jeber ju; meber fott fid) ber ^^ürft in rein fird)lic^e, nod] bie 
öeiftlic^teit fic^ in äufeerlidie Singe mifd)en, barflber ift alle 3öelt 
einig; aber ttja^e; ift innere 5(ngelegent)cit ber Äird)e, mas 3teuBcrlic^= 
feit? Snbem bie @eiftlid)en alle möglid)en adiaphora ju bem 
innerlichen rechnen, füf)ren fie unbemertt bie ^apocäfarie ein. 
Reifen hiergegen fann nur ein anberes, fcfteres Gint^eilung^princip : 
@ac^e beö gürften ift ber 3^i^ö"9/ '3ad)e ber Sirene bie Seftre. £o 
oft ein öeiftlic^er ben tueltlic^cn 9lrm anruft, S^^o^Ö ^ünfd)t, 
t)crfäUt er ber ^apocäfarie. Sie 3lnnjenbung, baft gegen bie Äet;erci 
nur bog 9Kittel ber öelel)rung, nid)t bas ber öeftrafung geftattet 
fei, liegt naf)e. 9iät)er l)ierübcr ^anbeln follte bie Si^putation in 
Drei Äapiteln; ein erftes foll bas 3{ed)t bcs J^ö^f^cn jur 33cftrofung 
ber Sieger, fo tuie bie C»3ciftlid)feit es nninfd)t, — ex hypothesi 



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II. S^omaftud in ^aüt. 87 

juris clericalis — aiwcinanberf efeen ; ba^ jtüeite foUte unterfud^en, 
roie tüeit ein foldjeö 9Jcd)t au« öottei^ SBort folgt; baö britte enbüd^ 
t>k proteftanttfc^e ^raji^ aufroeifen. Seboc^ mod^te Xf)omafiuö, )o 
fogt er, feinen Siefponbenten ben ©c^mä^ungen nic^t auöfe^en, 
roelc^e it)n treffen njürben, faltif er biefe brei Äapitel uoU au^fd^riebe; 
beef)alb liefere man t)ier nur baö erfte berfelben, bie betben anberen 
behalte man für fpäter jurürf. 3Senn bie^ SBcrfpred^cn nic^t erfüllt 
roorben tft, fo liegt bie (Jrflörung barin, bafe e^ jener beiben Äapitel 
nic^t me^r beburfte. %t)at]&dß(i) ift bad erfte unb einjige Äapitet 
biefer St^putation gar nic^t met)r ju überbieten in ber 3Buc^t ber 
entfe^lic^en ©atpre, wie fie allein bur(^ bie trocfene Sarftellung be^ 
Äefterftrafrec^ti^ ex hypothesi juris clericalis geübt tt)irb. S)iefe 
(rnt^üUung, nac^ allem Sßorljergegangcnen, ift eine 8Jernicf|tung. 

Um biefe Qät beginnen bie 9leibungen stt)ifc{)en 3^^omafiu^ unb 
ben öatlif^en ^ietiften. Sediere I)atten i^m ttjo^l nie üoll getraut, 
i^n nie ganj ju ben 3t)rigen gerecf)nct ; nun füllte ?:^omafiu^ feiner= 
feite fic^ öon ifjnen abgeftofeen burcf) bie ©ntlüidtlung, meiere ber 
^iettömu^ burc^gemarfit ^atte, feitbem er öon einer öerfotgten ju 
einer l)errfc^enben SJic^tung geworben toar. SSoI|l ate ©egengemid^t 
gegen bie fopft)ängerifc^e, engtjerjige ©rjiel^ung im neu gegrünbeten 
33aifent)aufe fanb be^^alb 5^^omaftu^ e^ angejeigt, ttjieber einmal 
auf feinen enct)c(opäbifcf)en 6urfu§ äurficfjufommen. 2)a^ Programm 
ju bemfclben, öon 1699, tt)eift nadEi üerfcf|iebenen Seiten bebeutenbe 
gortfc^ritte auf unb ift für bie ftenntnife ber Stufe, auf ttjelc^er um 
1700 bie Suriöprubenj mit St)omafiui8 ftel)t, üon einfc^neibenber 
S'ebeutung. (£ö jerlegt baö Stubium unb jerfällt bemgemäfe in t)ier 
^auptt^eile: enct)clopäbifc^eö SBorftubium, $rit)atrecf|t, Staatöred^t 
unb Äirc^enrecfit. ^er 3nt)alt be§ Sorftubiumi^ wirb befonberö ein* 
ge^enb ftijjirt. 2)a foll ge^anbelt n^erben öon ber öelatjrttieit unb 
SSeie^eit überj^upt; oon ben SKitteln, fie ju erlangen; in^befonbere 
uon ber JRed)tögela^rt^eit ; ferner üon ber ^^ilofopl^ie unb §iftorif; 
üon ber ^iftorie ber pl)ilofopf)ifc^en ©ecten; öon ber örammatif, 
^oeterel), 9it)etorif unb Dratorie; oon ber Sogif, 9D?etapl)t)fif unb 
?ßneumattf; oon ben mat^ematifcf)en SBiffenfcfiaften unb ber 5ßf)^fif; 
fobann öon ber Sittenleljre ; oom SRec^te ber Statur; üon ber 3Biffen= 
fc^aft, ttjo^lanftänbig ^^u leben; uon ber Äunft, flüglic^ ,^u leben; 
unb enblic^ booon, n^ie alle biefe S)inge öom ©cfic^tigpunfte be^ 
G^riftenftanbe^ auö erjd^einen. @ämmtlid[)e 3lbfc^nitte, n)clrf)e biö ju 



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88 S)riUe« Kapitel. 

bcn fleinften ©injcl^eiten ^inabge^en, burd)äiet)t ein (Seift practifd)er 
SSerftänbigfeit; alle SBiffeitfcfiaften werben juni ®cbraud) bcö Stec^t^ 
beftiffenen jugef c^nttten , bamit aber aud) bem juriftifd)cn llrtl)eil 
unterftellt. Safe in ber ©itten- unb Slnftanbefeljre mand)e tfieologifc^e 
grage berüljrt, in bem legten 3lbfc^nttt gcrabeju Jljeologie betrieben 
ttjirb, ift nic^t ju leugnen. So f(acf| bie pt)ilofopt)t)(^en ®runbfä$e, 
fo tüchtig ift bie gange Seiftung alö eräie!)erifc^e. 3Ber t)on X^oma= 
fiuö bieje SJorträgc ^örte, ber erhielt fii^erlid) eine geleierte 35or= 
bilbung jugleid^ mit einer äöelt* unb ÜKenfc^enfenntniß, namentlid) 
aber mit einer 3lnregung ju felbftänbigem 2)enfen unb ^anbeln, wie 
fie für ben beutfd^en SBürgerftanb jener Seit noc^ eine unfc^ä^bare 
©r^ö^ung beö ©tanbpunfteö barfteHten; er mußte erfüllt tuerben 
öon bem Seifte be^ SWanne^, welcher ibn leljrte, ia^ S^^^Q "^ 
allen geiftigen Singen ju öerttjerfen, baß jeber für firf) felbft feinen 
3Beg ju fud)en berechtigt, aber auc^ unter eigener ^Verantwortung 
verpflichtet fei, baß SSorredjte ber 3Iutorität mit feinem ©tanbe 
öerbunben feien, baß nid|t ber Staub ben SKenfc^en e^rt, fonbern 
ber tüchtige SKenfc^ feinen ©tanb. — 2)er J'^^^^'c^^i^^ i" ^^^^ ^^"^ 
folgenben brei juriftifcfien Ilieilen (iegt ^auptfäc^lic^ nad) jmci 
9licf)tungen: ber gefc^ic^tlidjen unb ber f^ftematifcf)en. Seben biefer 
Steile eröffnet eine grünbüd)e unb forgfäftige ^iftorifc^e S)arftcIIung. 
3m priüatred^tlic^en Steile ift fie eine 9tccf)t^ge|c^ic^te, welche fpätcr 
(1704) afe jDelineatio historiae juris civilis* nad) bem I^omafi* 
fdjen ©ictat öon ©eorg 93et)er veröffentlicht worben ift. Sie beginnt 
mit ber ®efc^id|te be^ romifc^en SRec^tö unb feiner „naevi"; fie 
wenbet fi(^ bann jum alten beutfc^en Stecht in jwei ^erioben, bi^ 
auf Äarl ben ®rofecn unb öon biefem bi^ in's 13. 5at)r^unbert ; 
hierauf wirb bie (9efdjicf|te bej^ tanonifcf)en 9tccf|t)8 bi^ ^u ben 
Slementinen bargeftellt; unb bann Ijanbelt 3^t)omafiu5^ „oon ber ©n- 
fü^rung be^ JRömifc^en Stec^tö in Seutfcftlanb unb wa^ barauf 
erfolget", b. f), von ®loffatoren unb ^oftgloffatoren, öon Gntfte^ung 
ber erften ^o^en Sdjuten in 2)eutfc^lanb , Don ber Sot^ar^^^abel, 
tjom Scf|Waben* unb Sacf|fen=Spiegel, Don ber Stcception unter ben 
Äaiiem J^riebric^ III., 9)?ajtmilian unb Äarl V., oon ben älteren 
beutjc^en SRomaniften, öon ber Stellung Suttjcr'?^ ä^^^ SRömifd^en 
SReclit, oon ben franjöfifc^en Stomaniften, oon ber Uebcrfe(5ung 
römifc^er 9?ed)tigquellcn in'ö 2)eutfd^e, Don bem i^erfdjwinben ber 
^^lutorität be« Sc{|Wabenfpiege^5 in Sübbeutfc^tanb, wä^renb man 



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II. X^omarm« in ^aOe. 89 

im Slorben jä^er am ©acfifenfptegel fcftju^alten meife, t)om Subifd^en 
imb ^ambiirgifc^cn Ste^t, öon ben beutfdjeit romanifirenben Statutar* 
rcd)tcn, enbHcf} t)on ßonrtng'ö Historia juris Germanici, tjom 
3Sicberauffommcn ber beutfd^en SRectite burtf) SKcic^ner, ©olbaft, 
3c^ilter, ftutpte imb üon neueren Sieformöorfc^lägen. S8o ^atte 
ein beutfdier ©tubent bamatö nod^ ®elegenl)eit, einen fold^en SSor* 
trag ju ^ören? SBo mar noc^mafe folrfie Ueberjeugung t)om SBertl^e 
ber ©efc^ic^te ju finben, folt^er Ueberblirf über ifycen großen ß^^fl/ 
folc^e 3i^fö^^^^if^^Q^tt9 QÜ^i^ (Sinjel^eiten, foI(^e SJerbinbung ber 
Gultur^ unb Siec^tögefc^id^te? ©benfo fielet eS um ben Söeginn beö 
britten 3^^eite; ^ier ift e^ eine ©taatögefc^ic^te, üon ber 6)rünbung 
"Siorn^ bx^ jur ©egenttjart, njelc^e in großen SH^^ ^^^ 9^"ä^ römifdje 
unb beutf^e Staat^enttpicflung öorfü^rt. 2)em entfpric^t im üierten 
I^eile bie Sirc^engejc^icfite, toobei ju bebenfen ift, büfe in ben tf)eo' 
logifd^en gacuitäten man bamot^ noc^ weit entfernt ttjar, eö ju einer 
iolc^en SSorlefung gebracht p I)aben. — S^ftematiftf) mirb im $ßriuat= 
rec^t eine ganj neue SD?ett)obe angeregt, nämlic^ bie beutfcften alt 
gemeinen ®enjoI|n^eiten ju ©runbe ju legen unb bie römifc^en 
Siechte bamit ju dergleichen, ©o gewinnt mon öor allem bie Cber= 
eint^eilung in Sanb* unb Se^nrei^t, al)o für Ic^tere^ einen feften 
^la^ ; bie ^auptregetn be^ beutfcfjen 2anbrect)ti^ aber wären in furje 
definitioues unb axioinata ju bringen; fie liefen fic^ aföbann in 
Pier Ätaffen fonbern: binglic^e 9ted]te, Srbfälle, Sontractc, ^rocefe. 
I^ie Se^re öom ©tanbe ber ^erfon ließe fid^ fügli^ natfjtragen, in- 
bem man bie ScfonberI)eiten eine^g jeben ©tanbeö für jebe biefer 
öier klaffen t)inter^er angäbe. SBenn freiließ in biefem Softem ba^ 
Strafrec^t nur ate I^eil be^ Strafproceffeö, etwa nad) Sßorbilb ber 
Carolina, untergebrad)t ift, unb ber ©trafproceft felbft wieber nur 
al^ @tüd be^ 5ßrit)atred)tö neben bem Giüilprocefe im üierten Unter- 
abfc^nitt (?ßrocefe), fo ift bieö gewiß ebenfo fdjief wie unbef|ülflid^; 
für bie rein prioatrec^tlid^en SKaterien aber erweift fic^ bie patrioti]d|e 
5bee offenbar jugleic^ afe eine fad^lic^ rec^t glüdlic^e. 3Sie ber 
Jyortfc^ritt t)ier in ber (Smancipation öon ben römifd^en, fo liegt er 
' beim Äirc^nrec^t in ber ^Befreiung üon ben canonifc^en 9ied)tö= 
büc^em; wie bort ju (fünften beö beutfc^en Stcdjtö, fo Ijier be^uf^ 
Unter* unb ©inorbnung ber Äirc^e unter ben Staat unb in fein 
3let^t. So liefert 'Jtjomafiuö jum erften 9iKale nic^t canonifd^eö, 
fonbern Äirc^enrec^t in unferem Sinne. Siefer bogmatifdie Slbfc^nitt 

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90 3)ritte3 ÄQpitcI. 

beginnt mit ber 2el)re öon bem SJert)äItnife 3roifd)en ^Religion unb 
©taat. 2)ie hjeitere 3Rett)obe lüirb bat)!n feftgeftettt, bafe man fid) 
tüeber f)atten tonne an baö jus canonicum, ba^ I)ier (im ©cgen^ 
fage ju feinen nod^ burc^toeg gültigen priüatre(^tlid)en nnb proceffualcn 
2^^ei(en) nid)t me^r 9luöfcf)Iag gebe; nod) an bie proteftantifd)cn 
ftird)enorbnungen, mc(d}e ^\i mannigfaltig feien; ine(mcf)r fei für 
jebe^ einzelne StüdE ber tl)atfäd)Iic^e gemeine öcbraud) ju prüfen, 
ber 3Rt6brau(^ ju tabetn unb fc^IiefeUd) üon bem Steckte beö gürftcn 
über biefen 5ßunft ju banbeüi. 35emgemäB ift bie Siebe uon ber 
Äird)e, uon geiftlid^en ^erfonen, itjrem 9(mt unb Untertjaft, Don 
fird^tidien ®erid)ten unb oon S^efad)en, tüeil biefe gefc^idjtUc^ unter 
bie geiftüdjen @erid}te gefommen finb, obfd^on fie eigentlid^ eine 
toettüd)e ?(ngelegenf)eit betreffen. — aj^it biefer Sef)re fdjliefjt ba^ 5|Sro^ 
gramm beö Surfe«, melc^er fo 1699 biö 1701 t^atfädjlid) gehalten 
Ujurbe. S8ei einer 3Bieber Rötung beffetben, bie mit bem .öerbfte 1701 
begann, fd^eint fic^ bie Sadie etmaes üerfdjoben unb verlängert ^n 
t)aben. 85or 9lUem in bem Sinne, bafe ba^^ beutfd)e ^riüatrec^t 
immer fräftiger I)ert)ortritt unb nunmehr feinen befonberen 'i|?lai^ 
alö in fid) abgefc^Ioffene 3.?orIefung innertjalb beö ßurfuö beanfprucftt, 
unter ber SJejeic^nung Institutiones juris Germanici. 2)ic Zi^aU 
fac^e, bafe Jfjomafiu^ eine folc^e in met)rere Söüd)er unb "Jitel jcr-- 
fattenbe, alfo n)of)t augigearbeitetc ^iJorlefung fd^on vor 1705 gcf)a(ten 
unb babei bie wefenttidjen Sage ben 3ul)örern in bie ^-eber bictirt 
I)at, ift burd) einen berfefben un^? au^^brüdlid^ bejeugt. ®o finb aue 
bem grofscn ßurfu^ bie Spccialhjiffenfcftaften beß Äird^enred)t^ unb 
be^ beutfd]en ^^^rioatrec^tei fteroorgegangen. ©eringer ift bie ?ludbeute 
für baö Staat^i^rec^t, bei bem bie 3lbfonberung eine*5 5|?rit)atfürften= 
redjteö teidjter in'« öettjicftt fäüt, ale; fc^on fettend anbercr ?{utoren 
oorbereitet. 

2)ie {iterarifd)e 9(rbeit läuft inbeffen toeiter in einer 9teif)e uon 
Disputationen, ©ine foldje de jure consuetudinis et observantiae 
üon 1699 üermirft auöbrüdlidi unb mit Sifer bie ^errfc^enbe ?ln= 
fdjauung, a(j3 berut)e ba« 0ett)of)ni)cit!$rccftt auf ftittfd^toeigcnber ^u^ 
laffung burc^ ben SanbeSfterrn ; ftatt bcffen fül)rt fie eS üielmel)r auf 
bie natürlid)e 5reil)eit ber 9)ienfd)en surürf, meiere biefen, fo n^eit 
^ierju nötftig, aud| im ftaatlic^en ^^uftanbc geblieben fei ; njoran nid)td 
änbert, baß bie Srften, n?elc^e ein sufünftiged Okujo^nfieitSrec^t ju 
begrünben anfangen, noc^ ftraffättig fein mögen. SSäbrenb 3;t)omafiuö 



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IL X^omafiu« in ^aUc. 91 

fo ber Uebung bcö SSoIfö aufeerorbentlid) ftarfe SBirffamteit 6ei(eflt, 

)pricf)t er eine jebe )oId)e ab bem ©eri^tögebraiidi : beibeö erflärt fic^ 

aiw ber SBebürfnifefroge, im ftampfe gegen ha^ Mömifc^e Stecht. — 

6ine anberc, tief einbringenbe, an feinen Söemerfungen reiche ?lbt)anb= 

lung ift bie de fide juridica, t)on bemfetben Sa^re; fie crfennt bie 

juriftifc^e ©laubroürbigfeit rid^tig afö eine Unterart ber ge|c^ic^tlid)en, 

jo bafe ber 9?id)ter eigcntlicf} in ber ©ewcfc^iDÜrbigung ebenfo öoll- 

fommen frei fein müfete ttjie ber ©iftorifer; bem war aud| fo jur 

3eit ber römifd^en 3tepubUf; formale ©enjei^regeln finb erft Der* 

cinjelt burrf) bie römifrfien ilaifer, bann maffentjaft biirc^ baes cano* 

nifc^e Siecht, namentüd^ gelegentlich be^ Snquifitionöproceffe^ eingeführt 

roorben; welchen ®d}aben fie bei un^ angerichtet ^aben unb fort= 

roä^renb anrichten, proceffuat unb materiellrec^tlic^, ift unabfe^bar. 

— äte ^tftorifdfie Unterfucf|ung fommt in Setracf)t bie diss. de ho- 

minibus propiis et liberis Germanorum tjon 1701, njelc^e fid^ 

tDcnbet gegen bie ©e^auptung, baß man in 5)eutfc^tanb ©clatoerei 

nie gefannt ^abe; S^omafiiig meint im ®egentt)eil, bie beutfc^e §örig* 

feit fei je^t oielfacf) noc^ eine 9(rt ber Sctatocrei, toofern man nur 

ote Sclaoen nic^t au^fcf|liefelicl) benjenigen anfef)e, gegen toelc^en alte 

einjelnen Säge be^ römifc^en ©claüenrec^tö gelten, fonbern fc{)lecf)t]^in 

ben im ©gentium eine^ ^errn fte^enbcn Unfreien; bie S?ert)ältniffe 

folc^er Unfreien lüerben burc^ bie öerfd^iebenen ^erioben ber beutfc^en 

@e)(f)ic!^te öerfotgt. — SDie eigentlicf)e 5;i|at biefes^ Sa^reö aber ift 

bie 3lb^anbluug de crimine magiae. 

Siac^bem biölier bie SSerbienfte ©tr^f'ö im itampfe gegen bie 
4^ejent)erfolgungen me^rfac^ gewürbigt loorben finb, ift nunmehr 
onbererfeitö ber gortfc^ritt beö 2:^omafiuö barüber f)inauö anjib 
ertennen. dl\tS)t bloö infofcme, aU feine Stimme lauter unb in 
weitere Äreife erflang, fonbern au^ fac^lid^. Strt)f leugnet blo^^ bie 
öetüeiöbarfeit, S:f)omafiuö bie äRöglicfifeit eineö SJerbred^ensS ber ^ejerei. 
greilic^ erfennt aud^ S^omafiud bie perfönlic^e (Sjtftens beö Jeufcl«^ 
unb anberer böfer ®eifter an; baö ift fo toenig etn?a blo^ öorficfjtige 
iVrftelluug, bafe öielme^r feine ganje aÄetaptj^fif unb ^neumatif 
borauf beruht ; felbft fiuft unb Sicf|t finb i^m ©eifter, gefrf|tt)eige benn 
ber leufel unb feine ©efellen. Sben biefer feiner 3}?etap^9fif 
entnimmt er aber aucf) ba^ für i^n entfd^eibenbe 9lrgument gegen bie 
^ejenöerfolgungen: bie ©eifter, ju tt)eld)en ber Teufel geljört, fonncn, 
noc^ biefer metapt)l)fifc{)en Se^re, feinen feften Äörper annefimen, 



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92 S)rittc« ^apittl 

Drbnung itnb Wadjt ber 9iatur nic^t aufgeben, fibcrt)aiipt nic^t förper^ 
M) tütrfen. 2)eöf)a(b finb förpertidie Söünbniffe beö Xeiifel^ mit 
^ejen ober Saxibcx^m, ga^rten auf ben 93Iorföberg burc^ bic Saft, 
S8uf)(fc^aften mit bcm 3:cufel ober feinen 5)ämonen abfolut unmög= 
lic^e SJinge, an bie fein vernünftiger SWenfc^ glauben fann, aucf) 
njenn taufenb §ejen unter goUerqualen baoon gteid^mäfetg au^fagen. 
S8ielmel)r ttjirft ber 3:eufel blo^ gciftig auf ben SKenfd^en, inbem er 
i^n ju fd)leci^tem Sebenetoanbet oerfü^rt; in biefem Sinne finb Stnedftc 
befii Sieufefe alle fd|Ied)ten 2Wenfd)en, erft recfit aüc ^ßerbred^er, tt>ie 
fie bie^ eben burrf) i^r SSerbredien befunben; njo^u foU ber 5;eufet, 
falliS baö fclbft anginge, mit folc^en äRenfc^en, bie i^m burcft i^rc 
©d)Ied|tigfeit fd^on gehören, noc^ SBünbniffe fdilieften? 9In Stelle 
ber Dielen §üIfjomitteI unb ßautelen, twld^e Slnbere uorfc^Iagen, tritt 
ba^er bem 3:t)omafiuö bie einzige gorberung, ba§ ade ^ejenproceffe 
einjuftellen feien, fei e^ nun burc^ fürftlid^e^ SÄac^ttoort, fei e^ burd> 
(Sinfic^t ber 9iici)ter, meldie unmögtid), aud^ nad) befte^enben ©efe^en, 
ein ni(f|t befte^enbeö S)elict ju ftrafen geäUjungen fein fönnen. 

3)ie ©iffertation Larva legis Aquiliae detracta actioni de 
damno dato receptae in foris Germanorum, t)on 1703, tenn- 
fteid^net ficf) genügenb burd^ il)ren 5!itel. 2)ie in 3!)eutfc^Ianb geltenbe 
S^abenöerfa^flage ift eine reine 9tntoenbung naturred^tlic^er ©afee; 
fottjeit bie römifc^e 9(quilia Don biefen ®ä^en abmö), fotoeit ift fie 
in 5)eutfd)(anb nid)t recipirt ; eö ift atf o falfd^, jene beutfd}e Sd^abene^ 
erfatjttage aquilifd^ ju ^ei^en, toöt)renb fie mit ber aquilifc^en Stage 
nur bie ©ä^e gemein f)at, bie in SRom njie in S)eutfc^lanb traft 9?atur^ 
red)t^ gelten; bie falfd^e Sartre biefeö SJiamen^ reifet if)r Sftomafiiie 
ab unb geigt ii)x ttja^re^, naturre^tlicfieö @efid)t. ^lidji^ fann für 
feine Stec^töauffaffung bejeidjnenber fein: foujeit i>a<i 9tömifd)e SRec^t 
bem 9flec^tiggefftl)Ie feiner Qcxt entfpric^t, nennt er c^ 9taturrec^t unb 
läfet eö nur nodf) aU fo(c^ei§ gelten ; in ben übrigen fünften leugnet er 
feine Slnmenbbarfeit ; fo tann er if)m faft jebe (Leitung abfprec^en. 9tuf 
äl)nlid)e Srgebniffe taufen I)inauJo bie 5)i<oputationeu de quasi eman- 
cipatione Germaiiorum unb de jurisdictionis et magistratuum 
difterentia secundum mores Germanorum; beutüd) aber bemertt 
man bei biefen beiben, lüie ber Äampf gegen bie 9(ntüenbbarfeit be^ 
9tömifcf|en 9led|t3e\ mennfdjon junäd)ft im 2)ienfte be^ Sßaturrecftti^ 
unternommen, bod) oielfad) bem 2)eutfc^en ''M^dji äufü^rt. ©rfic^tfid) 
bröngen folc^e Stoffe jur (Srforfdjung ber beutfdjen 9tec^töa(tert^ümer, 



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U. X^omaftuS in ^attc. 93 

ioanb in ^anb mit ber [tetö ftärferen öetonung beö öermaniftifd^eii 
Glementeö in bcn aSortefungen. 

3)cr üollftänbtflc 93ruci^ beö 2!f)omafiui^ mit ^ieti^miiö unb 
3)/^ftit uoQäog fic^ unter maunigfadöen äußeren unb inneren Stampfen. 
2oü an äußere Stnregung ju bem geiftigen SJorgang gebac^t werben, 
fo fäme n)oI)I in erfter Sinie ba^ ©tubium SodEe'ö in Söetradit; 
bauptfäc^Iid) aber f)aube(t e^ ficfi um roeitere ©nttoidElung beö ß^a- 
rafterö auö fic^ felbft t)erauö. ^ür einen TOann lüie S^omafiuö 
fonnten bie nod^ fo aufrirf|ttge pietiftifc^e ^erfnirfc^t^eit unb m^ftifc^e 
Sd)n?ärmerei nur ^^afen be^ 9flüdEf(i)Iagö gegen jugenbfic^en Ueber- 
mutJ) bilben, nid^t bauenibe öJciftedüerfaffung. Snbem er fid| nun 
äurüdarbeitet ju einer gefunb männtid^en Seben^luft, meldte jtüifdien 
beiben bisher burc^Iaufenen Sjtremen liegt unb eine abgeftärte gorm 
bee früher überfd^äumenben Steformbrange^ unb Äraftgefül)lö barfteQt, 
erreicht er bie §öf|e feiner ©ntroirflung. SDiefelbe mirb (iterarifd) 
bejeic^net burdi ein SSert, ttjetd^e^ bie le^te biöt)erige 3lbt)ängigfeit, 
bie Don ^ufenborf, befeitigt, um nunmehr auc^ auf naturrec^tlid^em 
öebiete einen fetbftänbigen ©tanbpunit einsunef)men. ®ie Funda- 
menta juris naturae et gentium öon 1705 bilben einen mäd^tigen 
gortfdjrttt, Don unmittelbarer Sebeutuug fefbft für bie pofitiöe 9te(f|t^= 
iinffenfrf)aft. ®d)on feit einiger Qdt t)atte X^omafiusi fd)arf gef(f|ieben 
^lüifc^en bem 9tec^t, justum, einerfeit^, 2RoraI unb SInftanb, honestum 
et decorum, anbererfeitö ; afe Uuterfd)eibungömerhnal ftanb ii)xn feft 
bie äuftere ©rsrnngbarfeit ; er toax bamit, gegen ^ufenborf, ju bem 
fdjon Don ©rotiu«^ gemadjten Unterfc^ieb gtuifc^en öoUfommencn unb 
unooUfommenen Siedeten jurüdgefe^rt , bie ^ormulirung aber t)atte 
er 5%ett^u^fen entnommen. S)iefe ©d^eibung ^atte i^m namentlich 
in feinen ftaatö= unb fird)enred^ttid)en Slu^eiuanberfe^ungen jur 9tb= 
le^nung allen meltlid^en 3^<^^9C^ i^ 9^ifti9^" S)ingen gebient; e^ 
öerftanb fic^ ganj uon felbft, ba§ fie ate ^rincip einer 9ieubearbeitung 
feinem naturred^tüc^en ©^ftem ju örunbe gelegt tüerben mußte. 
5^icö ift in ben ,,gunbamenten" benn gefc^efjen; tüeldjen ®etüinn 
barau^ bie 9ied^tep^i(ofopf)ie gejogen i)at, mie barin gerabeju bie 
i^orbereitung für bie $tantifd}e Se^re oom SRec^t (iegt, ift allfeitig 
anerfannt. 3n biefen „gunbamenten" ift aber aud^ ein tüeitercjg 
Grgebniß berfelben GntU)id(ung niebergelcgt, weldjCi^ tücniger befaunt, 
minbeften^ jebod) gleid) wichtig unb biefesi SRül ie^ 3;t)omafiu^'^ aue;* 
fd)iieBlid)es^ fl^M'tige^ Gigentl)um ift. Gr nat)m bi^ bat)in, im ©rofeen 



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94 3)rtttc8 Kapitel. 

unb ©ansen mit ber Ijcrrfd^enben SReinung, brei 5Recf|t^queÜ€n on: 
ba^ pofitioe ®efeg ober ®en)ol)nt)etore(f)t be^ Staate^ ; bic natürtirfje, 
t)on ©Ott ben 3Renfc^en jur ©rfenntnife be^ natürlichen 9ied)fcS öer^ 
Uef)ene SSernunft; unb bic SBibel, fottjeit i^re SSorfd^riften an bie 
ganje 9Renfcf)^eit ergeben; barauö entfpringcn bie lex humana 
positiva, bie lex divina naturalis unb bie lex divina positiva 
generalis; ber SRang biefer 9ied)te untereinanber fteigt nac^ biefer 
9ieif)enfo(ge. 9iun aber t)atte S^omafiuig gleichseitig, ioäfirenb er 
biefe £el)re öortrug, fortttjö^renb mit bem @a^e operirt, ba% ber 
ölaube unb bie ©atmngen ber ßird)e uncrjloingbar finb ; mit immer 
fteigenbem Siac^brudEe, in immer ftrengerer gotgeric^tigfeit ^atte 
er il)n ber $err)d)fuc^t ber Crtt)obojen juerft, bann ber ^ietij'ten 
entgegengefefet ; fo fam i{)m ber Qxvei^d, ob benn bie Sibel, ba^ 
SBort ®otteig, überhaupt burcf) menfc^lid^e Sfiittet erjhjingbare ©ebote 
enthalten fönne. ©oUte ®ott, fall^ er 3^^öng§fa|ungen getoollt 
f)ätte, fid^ bamit begnügt I)aben, biefen QtDanQ bem toelttic^eu ?lrm 
ju überlaffen, ftott birect ju jttjingen? SBoUte er aber nic^t jwingen, 
fonbern b(oö mit feiner SJorfd^rift fidf) an baö ©emiffen beö einjefnen 
SJienfc^en rid^ten, mag gab bann ben SUienjc^en bie Sefitgnife, einanber 
jur ^Befolgung biefer S^orfc^riften ju gtuingen ober loegen il^rer lieber^ 
tretung ju beftrafen? @inb aber biefe SJorfi^riften nicf|t erjmingbar, 
meber birect nod| inbirect burc^ ©trafbrof)ungen , fo finb fie über* 
^aupt feine 9ledf)tgDorfci^riften, fonbern lebiglic^ ©ebote ber JReligion. 
3)amit fdieibet bie lex positiva divina aug bem 9ted^te aug unb mit 
i^r bie gange Saft tl^eologifd^^bibtifc^er Erörterungen, unter melc^er 
big ba^in bie 9Jec^tgtt)iffenfd)aft feufjte. 3m ^rioatredjt bei ber mit- 
teibtofen Eintreibung oon ©djulben unb bei ben 3njurien=fifagen, im 
©trafred^t bei ber ^ot\)Xoc\)x unb bei ber S^aliom^-rage, im Staatö^^ 
redjt bei ber Se^re oon ber Sinfegung ber Dbrigfeit, im SSblferrecftte 
bei ber grage, ob je ein Ärieg gered)t fein fönne — unb bei rnie* 
Dielen (Sinjel^eiten fonft t)attc man fic^ big bal^in mit biblifdien 
®d)mierigfeiten uml)ergefc^Iagen ; in anberen jaf)Irei(^en gällen l^attc 
man foldEjc ßonflicte nur beö^alb üermieben, Ujeil man tt)atfäd)(id) 
bie ^eilige ©djrift alg 3ied|tgqueIIe ^anbfjabtc, im @l)e* unb gamiliem 
recftt, in ber ^^nfenfrage, beim Sibe. 9Wit alle bem räumt biefe neue 
3;^omafifd)e 2ef)re auf. 2)er teßte unb entfd)eibenbe ©c^ritt ift bamit 
geid)ct|en auf bem Söege ber Trennung oon ^^fjcotogie unb 3urig* 
prubeuj, toeId)cn ©rotiug eingefd|Iagen ^atte. 35urc^gebrungen ift 



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II. 2:^Dmafiuö in ^aUc. 95 

freiltcf} btefc ?{nfc^auung fetneeiDcgc;, nidjt einmal überall im engeren 
Greife ber Sd)üter; erft tüett fpöter foUte, auf örunb ät)nlic^er 8ie= 
tracf)timgen, Don tf)eo(ogtfci^er Seite ^er (üg(. unten Aap. 10 über 
'JOiirfiaelid) ben Suriften bie g^^ei^eit gefdjenft »erben, njefdje fie mit 
Xf)omafiuö ficf) felbft ju erobern nict)t hjagten. 

3m Slnfc^Iuffe an bie Fundamenta juris naturae et gentium 
id)ricb J^omafiuö eine 5lrt üou Uebungi^buc^ mit practifd)en 2Jhifter* 
fallen, namentlid^ t)ö(ferred^tlid)cr ?Irt, beftimmt für täglid)en 
Okbraud). ©tcid^seitig üeröffentlidjte er feine SBorlefungen über 
flugei^ S?er^alteu in allen, namentlich red)tlid) bebeutfamen Seben«J= 
laflen mit mannigfad)en SSamungen gegen bie ©ubtilitäten beö 
'){ömifc^en 9led)tö unb mit entfpred)enbem 8obe für baj^ natürlid^ 
icf)lic^te germanifc^e Stecht. — l£ine anbere ®ebantenreif)e , bie ber 
.Oqenproceffe, ujurbe fortgeführt burd) bie 2)iffertation de tortura 
ex foris Christianorum proscribenda oom 22. 3uni 1705; bod^ 
ift eö auffaßenb, Ujie öorfidjtig Xf)omafiui^ t)ier Oürgct)t. S)en 3te* 
iponbenten freiließ läfet er bel^aupten, bie golter fei unbillig, trügerifd), 
©runbrnurjcl allen Uebete unb be^^alb möglidift rafdj au$ allen 
©eric^ten abjufc^affen ; er felbft in einem ?iad)U)orte aber fdjräntt 
bie^ bat)in ein, baß er jmar in ber 3ieurtl)eitung beö Unloert^eö ber 
Wolter berfetben 3(nfici^t fei; um it)re Slbfc^affung aber ftet)e e^ 
aiiber^, t)ier fämen eine 9teil)c practifdjer Öebenfen in S3etrad)t, über 
welche mon nid)t fo leidjt fic^ Ijinnjegfeljen fönne; man bürfe ju* 
näc^ft nur fagen: non liquet. lieber biefen Stanbpunft ift Si^omafiuö 
l)icr nic^t hinaufgegangen. 

3ion ben bemerfenön)ertf)eren S)i!8putationen ber nä^ften Sa^re 
W\)t bie de jure aggratiandi principis evangelici in causis et 
homicidii, oon 1707, eine wichtige Folgerung auj3 ber neuen Sel)re 
uom unjuriftifd)en 3Befen ber biblifd)en ©ebote. SisJ^er l)atte man 
mit feltener ©nmütl)igfeit in proteftantifdien Sanben ben graufamen 
Öet)rfal5 tuenigftenö tfjeoretifc^ — practifdje S)urc^brec^ungen mögen 
ja üorgefommen fein — burc^gefüt)rt, bafe bem Sanbeöt)errn in 
JobtungöföUen fein ©egnabigungöredit gegen bie 2^obeöftrafe äuftet)e, 
t)Q „Slut um 93Iut" ftiefeen muffe. 3nbem für 3^t)omafiu^ mit ber 
lex positiva divina biefer 3^^ö^9 meggef allen ift, geioinnt er bem 
8onbc«t)errn ein SBorrec^t jurüd, boppett tt)ertt)t)oll in einer Qcit, 
roelrfie für Iobtfd)lag unter allen Umftänbcn nur bie Jobe^ftrafe 
fonnte; freilid) t)at er auc^ Ijier nur njcnig 2ln^änger gefunben. — 



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96 3)rittcS Äapitcl. 

äRel^rere anbete btejer "Diffettationen festen jii ber ^^age be^ non 
usus jurüdE. Sine berfelben rerfitfertigt bie ®äcu(ari)attonen an^^ 
ber 9lnfd)auung, ba§ bte SRömifc^e Sefire üon ber Unüerautjerlic^feit 
ber fiircfiengüter in S)eutfd|Ianb längft „obfolet" fei; onbere fommcii 
auf ba!§ canonif(f)e 3i^^K^ö^^^ot, rocld)e^ aU blofee Stcliquie bee 
^apfttf)umö gefd)ilbert tuirb. Snbem S^fjomafiuiä beötjafb bie 9tntic^efc 
gcftattet, gelangt er ju einer Steige öon gragcn, ttjie bie üon ber 
©efaljrtragung für jufiilligen Untergang ber 5ßfanbfad)e, t)on ber lex 
commissoria, üon ber @cf)nlbäaf)lung unb ä^nlic^e; auö beutfc^cn 
SRec^töquellen tneift er bann regelmäßig nac^, \ok natürüd^e^ unb 
beutfd^eö SRed^t l^ier gegen ba^ 9J6mifd|e "iSiedjt übereinftimmen. 

9Son fotd)en gemianiftifd)en Sntereffen au^ ging 2t)omofiue 
benfelben 3Beg jum 2el)nrec^t (jinflbcr, ben ®d|ittcr gegangen xoax; 
bei beiben f)anbelt eö fic^ um ftärfere ^Betonung ber beutfc^en 3Uta*= 
tl)ümer unb um 3ii^ö^^ängung beö Songobarbifd^en Se^nred^tö, fo 
üerfid^ert 2f)omafiusJ felbft, in ber t)on 1708 batirten SBorrebe ju 
ben Selecta feudalia Thomasiana. 35iefe^ SSud^ jerfällt in Dier 
Steile öerfd^iebenen Sn^alt^. S)er erfte rii^rt noc^ auö bem 3at|re 
1701 l)er; er üerfud)t 2Uter unb ®ntftef)ung beö Seljnöujefenö ju 
beftimmen, unb ert)ebt fid) ju ber S5el)auptung , t>a\i in 25eutfd)= 
lanb in erfter Sinie bie örttid)en Se^nred^töfä^e gelten, bann bie au!^ 
ben Spiegeln fic^ ergebenben, erft sulefjt unb fubfibiär bie Songo^ 
barbifd)en. (Sin ®rurf beö fog. Vetus auctor de beneficiis bilbct 
ben smeiten %f)c\l beö8ud}e^; ber britte Sfieil ift bemüht, ba^ älter 
biefeö SSerfeö ju erforfd^en; im üiertcn gibt Sl^omafiuö einige Sin- 
iDenbungen auf practifd}e ^äUe unb fdjUefet fic^ in ber Sef)re tjon 
ben aufgetragenen Selben nunmeljr feinem ®d|üler ®unbling gegen 
feine eigene 5)iffertation üon 1687 an. 2)a^ bebeutet l^icr, xok im 
ÜKaturrec^te, bie Söefrciung öon ber 3tutorität beö !ißufenborf, tt»eld)cr 
er bamalj^ gefolgt mar. — @ine ganje Slnja^f le^nred^tlid^er ^\s^ 
putationcn oerbanfen it)xtn Urfprung nod| berfelbcn 3^^^ i"^^ 
Öebantenrid)tung. 

3m 3a^re 1707 ^atte S^omafiui^ ®ä^e über bie SRaterieu, 
ttjcldje nad) bem Programm üon 1699 ben erften 1I)ciI bcv^ grof^cn 
ßurfue bitben, in ber Crbnung biefe« Gurfuö, aber in etmoöi 
mefir au^sgearbeiteter gorm feinen ®d)ü(ern bictirt. Sie erfc^ienen 
1710 im l^rudc unter bem 2^itel Cautelae circa praecognita juris- 
prudentiae ; bie ^tbmeic^ung üon ben frül)cr gebrudten fummarifc^en 



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II. X^omofiu« in ^aUc. 97 

SÄitt^cilungen befte^t lebiglic^ bartn, bafe bte (oteinifc^c ©prad^e an- 
genommen unb jeber ©oft in got^nt einer Stufforberung ober @r= 
matjnung gef leibet ift; barau«;, bofe biefe ©nfleibung ftet§ biirt^ ein 
cave Dcmiittctt iuirb, erfWrt fic^ ber %M. 3)ie tapitel über Sflatux^ 
rec^t unb über ben 6t|riftenftanb finb au^^gefaDen, festere« afe ju 
bebenfltc^, erftere^ afe an onberer ©teile befonberö betjanbett. 3n 
biefer J^orm ^aben biefe X^omofifc^en (Siebonfen tüo^l bie n>eitefte 
^.Verbreitung gefunben. 

«te ©amuel ©trt)f im 3al)re 1710 ftarb, trat S:t)omaftU!8 in 

beffen Stemter unb SBürben ein, mie i^m bieg bereite 170i> jugefagt 

lüorbcn toar, um it|n an JpaUe ju feffeln, n^ä^renb man fid^ bon 

^redbcn auö bcmül^te, il^n für fieipäig jurücfjugenjtnnen. S)amit 

fielen i^m namentlich ttjieber bie SSorlefungen über ©taat^ unb 

Äirc^enre^t ju, njötirenb er bem ©trafrec^t auö JInfofe eineg <>rac=^ 

tijdjen galle^ notier trat; mel^rere ©c^riften bejiel^en fid^ auf biefe 

SJaterien. 3wnäcf|ft baö Gebiet be^ ©trafrec^t^ betreten mir im 

3o^rc 1709 mit ber S)iffertation de judice sententiam in causis 

criminalibus latam ab actis removeute; fie gab Gelegenheit, aud^ 

für ba^ ©trafred)t auöjufprec^en, bafe bie 9iömif(i)en SBorfd^riften 

ouf beutfc^e SSerpttniffe burdjau^ nic^t paffen. S)e6^alb finb bie 

einjigen feftfte^enben ©trafbro^ungen biejenigen, ttjetc^e bie ßarolina 

ober, innerl^alb eineg jeben Territorium^, ein 3:erritoriaI=©trafgefefe 

anorbnet; im Uebrigen ift ber SRi^ter rein auf arbiträre ©träfe an= 

geroiefen. 3a, ba ber 9iic^ter audEi bie ©trafen ber (Sarolina nad^ 

freiem Srmeffen umtüanbeln barf, fo gibt egf in 3)eutf erlaub nur 

arbiträre ©trafen. SSon biefer bem SRid^ter gegebenen ?.VoIImadE)t 

madit berfetbe am paffenbften ©ebraucf), um bie übermäßig f)arten 

©trafen ju mUbern, todä}e früt)er unter bem ©influffe ber papiftifctjen 

Xqrannei in Hebung getüefen finb. — ^ifturifcf) tiefer get)en bie 

l5i^putationen de occasione conceptione ac intentione Con- 

stitutionis criminalis Carolinae unb de vera origine natura pro- 

gressu et interitu judiciornm Westphalicorum, beibe üon 1711; jum 

Äerupunfte aber be^ Xf)omafif(f)en Sntcreffe^ bringen t)on ba auio U)ieber 

Dor bie Disputationen de origine processus inquisitorii t)on 1711 

unb de origine ac progressu processus inquisitorii contra sagas oon 

1712. 3)ie Srias; §ejent)erfoIgung, Jlortur, SnquifitionSproceß n?irb 

burcfi biefe Unterfuc^ungen für aüe J^olgejeit feft aneinanbergefd()miebet. 

^^omafiue^ legt namentlich SBertt) auf ben Jlad^meiS, wie ber 

Hanhibetq. ^ef^ic^te bei «Biffenfd^aft. 7 

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98 ^ritted Stapxitl 

3inquifttton^proce§ erft ju ber 3eit 3nnocenä III. au^geftoltct ttjorbcn 
imb anä) bann in S5eutfcl|tanb nur aUmäftlid^ aufgenommen morbcn 
fei ; nur burd^ biefen 5ßrocefe, in SSerbinbung mit ber ßefjrc üon bcn 
crimina excepta unb mit ber golter, Ujurben ober uber{)aupt ^cjen- 
überfüfirungen möglich ; t)ort)er ift bad 5)elict ber ^ejerei ate f otc^e^ 
unbefannt unb mit 2lbfrf)offung jener ®reuel tüirb e^ fofort öer* 
fc^ttjinben. S)er allgemeine Olaube an ben 2!cufel, ber mit ^ejcn 
Verträge fd^fiefet unb bul)lt, ift in 3)eutfcftlanb faum 150 3a^re alt, 
fo liebt 3;t)omafiug triump^irenb ^eröor, t)ier ujic pufiger bebacf^t, 
gefc^id|tli(i)e Unter|ucf)ungen über ben jungen ober beben!Ii(^en Ur^ 
fprung eineö Snftitutö ju öernjert^en gegen bie äuffaffung, aB 
6eru{)ten alle Sinri^tungen ber ©egennjart auf uralt ^eiliger lieber^ 
lieferung. 58on bem Snquifition^procefe wirb ^ier juerft baö feitbem 
feftftet)enbe 93ilb entujorfen beg graufigen mittelatterlicfien aSerfa^reni^ 
mit bem squalor carceris, ber Häufung ber S^orturen, ber gef)eimen 
Untersuchung auf'gel^eime S)enunciation l^tn, ber SBillfur beig Kid^ter^ 
in S^erfa^ren unb ©trafmafe ; gegen biefeö ted)nifc^ Snquifition^proccf; 
genannte SSerfal^ren empört fid^ 2,]^omafiuö, feine^ttjegö gegen jebe 
richterliche 3nquifition. 3encs^ SSerfal^ren aber ift meber Siömifd^en nocfi 
Deut|d)en Urfprung^, e§ entftammt ber ^olitif ber 5ßäpfte; ja be^ Sttio^ 
mafius;? gefcl)icf|tlid^er ©c^arfblict meife fofort bie beiben Stngelpunfte für 
feine Sntftet)ung ju bejeic^nen: ben ?luögang üou ber fog. denun- 
ciatio evangelica unb bie gefefelic^e geftftellung burd) Sunoceuj III. 
3)aö ®ebiet beö ftirc^enrec^t^ bel)anbeln nad^ ben feit 1710 ge- 
fialtenen ^JJorlefungen bieCautelae circa praecognita jurisprudentiae 
ecclesiasticae, in 3)rud erfdjienen 1712; fie bilben ba§ ©egenftücf 
ju ben früher ernjti^nten Sautelen öon 1707, inbem fie ben oierten 
Xt)eil beö grofeen ßurfu^ (nac^ bem Programme öon 1699) bar:= 
ftellen, wie jene ben erften. Sntereffanter finb eine 5Rei{)e e^erec^t* 
licfier 2lbt)anblungen, beginnenb mit ber dies, de pactis futuroruni 
sponsalium üon 1712, toddjt fid) auf ®runb beutfcfjrec^tlic^er ^tn^: 
fdiauung gegen bie übertriebene SBerttjung ber SSerlöbnifeöerbinblic^feit 
erflärt; unb abfc^liefeenb mit ber diss. de concubinatu, uon ber 
ftcb^e^e, gefialten im ?lpril 1713. S)ie allgemeine SReigung, Spuren 
ber canoniftifc^ facramentellen Sluffaffung ber (S^e in ber ^aji^ be«^ 
proteftantijd)en Sfirc^enredjtö auf^ufuc^en unb -ate papiftif^e Ucber-- 
bteibfel ^u branbmarfen, fü^rt ^ier b\^ ju ber S3ef)auptung, ber 
gemaltige Unterfc^ieb, ben 5Recf)t unb Sitte jmijct)en Soncubinat unb 

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U. 3:^oinaftud in ^aUt. 99 

St>c machen, fei übertrieben, eine Se^auptung, ttjeld^e auf jutreffenbe 
9efc^i(^ttic^e eingaben über ba^ SRömifc^e ©oncubinat geftü^t. wirb. 
3lanientli^ wegen bicfer ?Cngoben, Welche bie SRomifc^en 9?e(l^töfä^e 
in'd re^te Sic^t fegen, ift bie Stb^anblung juriftifc^ n)ert{)t)oU; bafe 
fic in allen übrigen fünften lebhaften Slnftofe erregte, nimmt nic^t 
aSunber; e« ift bieö wo^I ba^ legte ÜWal, bafe l^omafin« fic^ fo 
roeit I)at fortreiten laffen. 

SBäljrenb ber ©treit barüber tobte, trat er ^ert)or mit ber umfang- 
rctd)ften unb gefd^Ioffenften feiner ciüiliftifc^en ©c^riften; baö aSerf 
erfc^icn ipalle 1713 unter bem litel Notae ad singulos Institutionum 
et Pandectarum titulos, varias Juris Romani antiquitates, in- 
primis usum eorum hodiemum in foris Germaniae ostendentes. 
S§ jie^t bie ©umme aller Semü^ungen, welche Sliomafiu^ auf biefe 
bcibcn SRec^töbüdöer öerwenbet f)otte, in ber Abfielt, ben geringen @rab 
i^rer Stnmenbbarfeit in 5)eutf(^lanb barjutl^un. S)iefei^ SRat foU 
nun ber Subuctiobewciö t^ollftänbig geführt Werben. J)ie Snftitutioncn 
unb ^anbcftcn werben 2;itet für 3;itel burd^gegangcn : 3^^^* ^^^ 
für jeben Xitd ber 3n§alt furj angegeben; bisweilen mit SRotijen 
über ®cf^irf)te, Gontroöcrfen unb bergl,; bann folgt bie grage, wie 
ftc^t c^ benn nun ^eute um bie änwcnbbarfeit? S)abei wirb biefe 
tegtcre nic^t ftet^ geleugnet ; für einjclne fünfte, j. ©. für bie fie^re 
oon Scftamenten, wirb fie f ogar umfaffcnb anerfannt ; in ben meiftcn 
^Qen aber, bei ben ®runblinien wie bei ben ©injel^eiten, wirb ftatt 
i^rer (Siltigfeit beutfc^er Siec^tögewol^utieiten behauptet. J)aburc^ 
untcrfc{)cibet fic^ biefe 3lrbeit beö 3;t)omafiu^ wefentlid) ju i^rcm 
3?ort^eit oon ben erften ^Programmen unb S)iffertationen gleid^en 
®orwurfi8; an bie ©tette, weld)e bort baS Sßaturrec^t einnimmt, ift 
l)ter ate ©rgebnife einer (SntWicHung, beren ©tufen wir öerfolgt l^abcn, 
ba^ beutf(^e JRecfit getreten, gaft jeber 3;itel erörtert bie ©pieget, 
bcutfc^e ©tatutarred^te unb bie beutfd^e ^ßraji^; bad ®rgebni§ wirb 
mit einbringenbem Serftäubniffe unb in burci)fic^tiger Älarl^eit ben 
römifc^en ?tnf(^auungen gegenübergeftellt. 3)aburd) wirb biefeö SBerf 
f\u einem Sc^rbuc^e be^ beutfc^en ^riöatred^t«^ in ber Slitelfolge 
ber Snftitutioncn unb ?ßanbeften. 3Q3erben bie ©rörterungcn gegen 
©c^lufe biefeS Icgteren Slec^töbuc^^ au(^ wefentlic^ bürftiger, fo ift 
bod^ eine für 2;^omafiuiS feltene SSoUftänbigfeit erreicht, inbem 
wenigftend bie Aufgabe ju @nbe geführt ift. Unb ba nun aufeerbem 
^icr alle ©rgebniffc aller früf)eren ©injelunterfuc^ungen jufammen== 

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100 3)ritte« St€LpiHl 

flcjogcrt unb öertücrt^et finb, fo l^at man mit SRed^t fagcn f onitcn, bafe 
bicfe ,Notae\ jufommen cttoa mit bcn beiben Äautelen^^^c^riftcn, 
biejeiüg^n SBcrfe be« 3;^omafiud finb, auö toclc^cn man i^n ate 
3uriften fennen p lernen öermöc^te; o^ne in bic 3»affe ber fleincrcn 
©dirtftcn ^inabjufteigen — unter 8Scräicf)t bann freiließ auf manc^, 
aud^ ujert^boüere ©njel^cit. 

3nbem fo bie ,Notae' bie Sergangcnl^eit genjtffermafeen abfc^liefeen, 
leiten fie jur 3^^^^^?* I)inäber burc^ i^r SSonoort, toelc^ed ^anbelt 
de cautelis circa emendationem administrationis justitiae ad- 
hibendis et de officiis professorum academicorum ad eum fiiiem 
obtinendum. @3 fnfipft unmittelbar an bei bem großen (egi^tatiücn 
JReformtoerf, ju todi^m griebric^ SBil^elm I. in ber ,/2HIgemeinen 
Drbre bie SBerbefferung be« Sufti^mef enö betreffenb", Dom 21.3uni 1713, 
ftt^ entfd^Ioffen gejeigt ^attt. 2:t)omafiuö f^attt fid^ bi^l^er über bie 
9RögIic^feit fold^er 3ieformen me^rfodi äufeerft ffeptif^ au^efprod^n: 
biefe^ 3RaI Ififet er feine Sebcnfen faQen, bem emften Sftac^brurfe jener 
„SlHgemeinen Drbre" gegenüber. Sft biefe ber Söeginn ber SSer- 
tt)irflid^ung alter fü^nften Hoffnungen unb unau^gefe^ten ^lane einee 
iJeibnig (öergl. oben Äap.I. @. 29), fo ift biefe« SBorttJort beö I^omafin« 
feine (ärflärung ber öeiftimmung unb ber ®ereittt)iüigfeit, an bem 
großen SBerfe mitjuarbeiten ; unmittelbar baran reil^t ftd) bie Äonig^ 
lic^ Drbre an bie Suriften =* gafultät ju §alle tpegen Äbfaffimg 
einiger Sonftitutionen jum Sanbredit Dorn 18. Suni 1714. Snbem 
bicfe Drbre au^Bfc^tiefelic^ §atte mit biefen 9Irbeiten betraut, erfennt 
fie bie teitenbe ©teile an, meldte biefe gafultät fic^ in bcn 20 3a§rcn 
i^rcig Seftc^cn« ju erobern gemußt ^atte; unb inbem in i^r ben 
einzelnen gafultöt^mitgliebcrn bic ?lu«arbeitung einzelner SKatcrien, 
bem X^omafiuö aber bie ©efammtleitiing, ©ntfd)eibung in StvdkU 
fällen, Sorge für ©in^eitlic^fcit unb für 9Scrftänbtid)feit bei^ beutfc^en 
©t^fe aufgetragen loirb, gelangt feine leitenbe ©tettung innerhalb 
ber teitenben J^atultät jur gerechten 3Bürbigung. ^anbclt ei^ fid) 
boc^ aud^ um einen Il^omafifd^en (Sebanfen, wenn bie ber Drbre 
beigegebene Snftruftion aufforbert, bem römifc^en 9iecf)t nic^t unbebingt 
ju folgen, fonbent allenthalben bie naturred^tlii^en ®runbfä^e Dorauö^ 
äufefeen, an fd^idlicf)cr ©teile aber auc^ bie einl^eimifd^en SRec^t^ 
gebrauche einfließen ju laffen. 3n ber oorfid^tigen 3i^^ä(fi^altung 
jebod^, toeld^e biefe 3Scnbungen bemerfen laffen, unb in ber allgemein^in 
gegebenen (Sm|)fe^lung, fic^ an bai^ römifc^e SRcc^t anjule^nen, tritt 



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II. 2:^omortttd in ^aCte. 101 

ber ®cgcTiemfIufe ©omuel Socceji'g beutlic^ ^cröor; e^ fc^cmt fid^ 
um eine Art öon S'ompromife jiDifc^cn betben Strömungen ju ^anbdn. 

3)ie erftc f$rurf)t jener SSorgänge mar bie SBefd^Icunigung einer 
Dorbereitenben ^ublifation, toetd^e ber bomate ju ^atte lebenbe 
6l)rtftian Otto 3K^Iiu« übernommen l)Otte; fein Corpus consti- 
tutionum Magdeburgicarum novissimum erfd^ien äJiogbeburg unb 
«paDe @nbc 1714. S)ag SBerf ift namcntüd^ bebeutfam gen^orbcn 
befeljalb, meil ber SBerfaffer fid^ biirc^ ben SBeifall, meldten ed fanb, 
,^u ber ^eroui^gabe be$ Corpus constitutionum Marchicariuu be« 
ftimmen liefe; biefe Sammlung ober ift grunblegenb für bie ©efc^tc^te 
beö 95ranbenburgifdf)en ^oüinsialrec^t^ unb mufe norf) I)eute aU 
mafegebenb gelten. 

Senc erfte gruc^t ift bie einjige geblieben. S)ie Rätter J^ahtltöt 
^ot ha^ in fie gefegte SJertrauen fo menig gerechtfertigt, bafe fii^ nici)t 
einmal ein erfter Snfag ju trgenb meld^er ber gemünf^tcn ©onftitutionen 
feiten^ ber einjelnen SRitgtieber finbet; unb ebenfo menig eine ®<}ur 
baöon, bafe ber afe Drbinariu^ ber gofuttät, 3)ireftor ber Uniöerfität 
unb burd^ bie Drbre felbft ba^u berufene X^omafiu^ ben gleife feiner 
Kollegen anjuregen üerfudf|t l^ätte. J)ie Urfac^e liegt junäd^ft in ber 
?trt unb aSeife, mie man t)on ©erlin auö bie ©ricbigung binnen 
ffirjcfter 3rit, innerhalb be^ öorgefi^riebenen Sermin^ Don brei SRonaten 
oertangtc; jebem Sinfid^tigen mufetc barauö flar merben, mie menig 
man an leitenber ©teße fic^ über bie unenbticf)e ©c^n^terigfeit ber 
Arbeit ftar tpar, mie ttjenig Wu^fic^t bemgemäfe auc^ ber überfüt)ne 
Anlauf für gebeit)Ucf|en ©rfolg eröffnete. 5E)ie ©fepfi^, in melcf)e 
^ierburd^ S^omafiu^ jurüdEfiel, ^at aber tt^eit tiefere ®rünbe, ©rünbe, 
bereu ®ert)ic^t abjufciiüttefn er fic^ nur t)orüberge()enb fiatte ^inreifeen 
(äffen unb bie tl^m jefet tuieber in DoUer Sebeutung üor bie Seele 
traten. 3)iefe feine öersmeifeite Stimmung prägt fid) tief au^ iu jwei 
35i0putationen tion 1717, meiere fic^ aus^brüdElic^ nur auf einen ät)n= 
litten Sleformöerfud^ in einer beutfd^en ®raffd)aft, im Stnfdjluffe an 
ein barüber geforbertcfii ©utadjten be^ie^en, ttjatfäd^Iic^ aber bie 9te(f|t* 
ferttgung bafür geben, bafe bie §aUer ^afuität auf bie Äöniglic^e 
Orbre oon 1714 ^tn untfiätig geblieben ift. „S)afe bem toerberbten 
^uftijientocrfe aud^ burc^ bie fd^önfte uub befte ^rojeftorbnung nocft 
Sur Qtit nirf|t ju Reifen fei," — ba§ ift bie einhellige Slnfid^t ber 
•Öallifdien Suriften^gafultöt. Um biefelbe afe treffenb nac^jumeifen, 
get|t i^omafiu^ in einge^enber 3)arftellung bie äa()I(ofen SReform^ 

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102 dritte« Stapxttl 

l)orfcf|Iage burd^, tote fie in ber Stteratur öorliegen, unb seißt bie 
Unburd^fül^rbarfeit eineiS jebcn berfelben. Slm @nbe biefer Slufjätilunflen 
bebarf e^ faum mc^r einer ßi^f ontmenfaffung : biefe l?ieten Älagen, 
allgemeinen 9iebeni^arten, nngenügcnben SBerfuc^e bnrd^freuäen einanbet, 
um immer njieber nur baö alte @fenb feftjuftellen, o^ne aber ?lb^ilfe 
jcfiaffen ju fönnen. S)erjenige, ber ju einer neuen ©efe^gebung 
berufen fein foßte, müfete ein SKeifter unb Äenner fein in ber Älug- 
Iiett^funft, in ber äßoral, im SWaturrec^t, im Siöit- unb SJöIferred^t, 
in ber ©efc^id^te ber ^ßolitif, ber Sirc^, ber ^^ilofop^ie, ber Uni^^ 
üerfitäten, im fanonifd^en unb Suftinianifd^en Siedete, in ben 3(nti^ 
quitäten berOried^en, 9iömer unb S)eutfd)en; er müßte aber äße biefe 
Äenntniffe )o in ficfi bereinigen, bafe er t)orurtt)eite(od über jebe 3?or' 
liebe ober Abneigung nac^ ber einen ober anberen, römifd)en ober 
beutfc^en, fird^Iid^en ober toeltlidien ©eite erl^aben märe; unb mit 
allebem müßte fi^ eine gtü^enbe Siebe für ba^ Siecht bei i^m t)er= 
binben. Stber — foHte fic^ fetbft ein fotd^er ^l)ßnis finben — xücls^ 
fann er frommen ? 9?id^t an guten ©efe^en mangelt c^ um, f onbem 
am SSerftänbniß für foltfie; unb nic^t ben ©iujelnen trifft bie ©d^ulb 
biefeö traurigen 3iiftcinbes^; fd^merei^ Unred^t tl^ut man ben fo oiel 
gefcf)mät)ten 9iid)tern unb ?lntoaIten, alö ob fie ei5 änbern fönnten; 
au^ an ben gormalien ber ^ojeßorbnungen tiegt'ö nic^t, folc^er 
toirb eö ftetö bebürfen jum ©dju^e gegen Unbittigfeit unb Untere 
brüdEung ; bie Urfaci)e liegt oietme^r an bem 9D?angeI tüd)tiger juriftifc^er 
Schulung unb praftifc^er juriftifdier S'enntniffe im ©elc^rtenftanbc 
fomo^t loie in ben loeiteften Streifen be^ SBoIte^. ©tatt bie unmittelbar 
brauchbaren 9iec^t^fä^e, ftatt bie ©efc^id^te unb ba^ Siedet ber ,t>eimat^, 
ftatt bie natürlid^en ©runbregetn ber SiiÜigfeit unb ©ered^tigfeit oor 
9Iugen ju l^aben, belegt man fi(^ in unenbli(f|en ©ubtilitäten unb 
Gontrooerfen, t)at barüber ben SBIirf für praftifc^e^ Scben^bebürfnife 
unb für alle S3olfetf|ümlic^feit eingebüßt. S)ie crfte ©d^ulb barau 
tragen alte papiftifc^e Xücfeu unb SMnfe unb, burcf) biefe beftimmt, 
bie Unioerfitäten. §ier finb SKenfc^enaltcr für 3Jienf^ena(ter bie 
9ted^te nidjt anberö gelet)rt morben, mie foUte man auf einmal fie 
anberö aufjufaffen unb ju t)anbt)aben oermögen? S?on biefer SJÖurjet 
be^ liebele ift augjuge^en ; ^ier muß mit ber alten Sioutine gebrochen 
werben; tjier l)at man fic^ ju bemül^en, 'miffenfc^aftlic^ um bas^ 
9iaturred^t unb um ba^ oaterlänbifc^e Siedet, um bie ®ef(f)ic^te biefec^ 
le^teren unb um faubere ©onberung ber mit einanbcr oermifdjteu 



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II X^omarm« in Stoffe. lOS 

Tomifc^en unb beutf (f|en ©äfee ; tuett bringlit^er aber noc^ päbacjogifd) 
um errocrfung l)eUen ®eifteö unb frtjd^er Seben^auffaffung, um Gin* 
ftößung be^ ©inneö für ba§, mnö 9iot^ tf)ut, furj um tüaf)re jurifttfdjc 
unb mcnf(j^U(^e ©tlbung ber ftnbirenben 3ugenb. Söcnn fid) bann 
binnen einiger Generationen bie Sßirfungen biefe« guten Unterrichte 
auf bem 9Bege über ^ßrofefforen juStubenten, ©taats^männern, 9iidf)tem, 
i^olf fo überall jeigen derben, »ie jegt bie be^ fd^Ierfiten, bann hjirb 
C6 3^^^ i^^^/ öu bie-9teform ber ®efe^e ^eranjutreten — menn ee 
bann einer fold^en nodf) bebarf. ©infttoeilen aber muß ber 3^'* ^^^ 
3)eruf jur ©efe^gebung abgefproc^en n?erben; felbft einzelne an fit^ 
nüßlic^e SBaferegeln fönnen unter ben gegebenen Umftänften auf bae 
Wanjc nur frf)äbigenb tüirfen, inbem fie bie SSeripirrung er^ö^en. 

5)ie legten 3af)re DoDer 9Kanne!3h:aft n^ufete 3;^omafiu^ beffer 
5u nügen, alö ju üon t)ornf)erein aueficf)ti?tofer ©efegmad^erei. Sior 
allem vereinigte er feine Söemül^ungen auf stoei auö feinen fird^enrec^t* 
lic^n SSorlefungen unb ©tubien l^eröortoad^fenbe SBerfe, ein t)ifto= 
Tifd)eö unb ein bogmatifd)ei^ ; erftereö ift bie Bistoria contentionis 
inter Imperium et sacerdotium, §aflel716; leg tere^ eine ^lu^gabe 
Don be§ Sanjelotti Institutiones juris canonici in üier Sönben, 
mit einer %i^tDaf)i öon Sioten früt)erer Sommentatoren, namentlid) 
3iefller'g, unb mit eigenen ©emerfungen, eine umfangreid^e Slrbeit, 
beren 2)rud fdjon 1713 begann, aber erft 1717 jju @nbe fam. 

3)ie Xenben^, meiere beibe S^riften üerfolgen, brauet nad) allem, 
mae über be« 3:;i)omafiue Stellung jum ftird)enred)t bereite bemerft 
würbe, nid)t mef)r au^einanbergefegt ju merben ; um fo not^mcnbiger 
ift ee, ^eröorju^eben, bafe, wo er nid^t im Saune biefcr ^^enbenj 
fte^t, feine 3^)0^^ i^ Sanjelotti oon tüd)tigem ©tubium unb 
35erftänbniB jeugen. ©er fdjlagenbfte Söetoei« bafür ift mol)l, bafe 
lion i^m, bem Sut^eraner unb ^faffcnbefämpfer, im Äuguft 1719 
fettend einee ^oc^geftellten fatl)olifd|en 2)om^errn ein ©utad^ten über 
feine SBät|lbarfeit jum Söifc^of geforbert tourbe. — ÖJanj aue jener 
^enbenj l^ertiorgegangen ift freiließ bie Historia contentionis. .t>ier 
werben nic^t nur bie Sonflictöfälle jWifdien n)eltlid)er unb geiftlic^er 
Gewalt burd)gegangen, fonbern aud^ bie barüber gewed^fetten Streit- 
fdjriften, t)on ben Sleufeerungen ber ftirc^enoäter an über SÄarfiliue 
ijon^^Jabua ^in bie auf ^etrue be SKarca unb ©djilter: unb jwar in 
bem Sinne, bafe t)on allen §errfd)ern unb oon allen ju i^ren ®unften 
fc^reibenben ©d^riftfteQern, Äat^olifen unb 5ßroteftanten, Stfiomaftue 



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104 dritte» Äa^itel. 

behauptet, fic feien ben äRac^tgelüftert ber ®etftlici^feit bnmer noc^ 
md ju hjeit entgeöengefommen. ©ie öerfuc^ten nur, bem tDcttIicf|cn 
Slrni tt)enigfteni8 ettüelc^e ©elbftänbigfeit ju retten, ftatt ber fttrt^e 
alle ©clüalt Qbjufpredien ; auf biefe riditige ?Iuffaffung fei man 
erft feit Äurjem gelangt, namentlid^ feit ben ©c^riften öon ?ßufen* 
borf unb ^obbeö. ©emerfen^njertl^ ift eö intmerl|in, bafe biefe cnblofe 
9lufjä]^lung aller möglid^en Schriften aller cfirtftlic^en Sa^r^unbertc 
im ©tanbe ift, ©pinofa'^ Tractatus theologico-politicus üollftänbig 
JU überfpringen ; berfelbe tuirb in bem ganjen SBud^e nur jtoeimal, 
bei ©scerpten auö anberen Autoren, bie i^n nennen, ermö^nt. 

S)ie 9totte, toelc^e 2!^omafiug ben Uniöerfttäten für bai? ©in- 
reiben ber SKifewirtl^fdiaft in ber Suftij beilegt, lenfte feine Äufmerf-- 
famfeit auf bie Uniöerfitätdgefc^ic^te. liefern Umftanbe öerbanfen 
tt)ir feine ?lu^gabe beö fog. 2;eftamenteS be^ SRetc^ior Don Cffa au^ 
bem Saläre 1556, ba^ er 1717, mit jaf)lreic^en unb am^fü^rlic^en 
Sioten t3crfef)en, jum erften 3Kale in 2)rucf gab. SBeld^e^B SBerbienft 
er fid^ baburd^ um 9iec^t^, fiiteratur- unb ©itten^^öefc^ic^te erworben 
^at, baö braucf)t tjier nid)t erft ttjeiter auögefül^rt ju Uierben, ba 
allein fc^on bie fortlaufenbe Söenu^ung im erften öanbe biefer @e* 
frf)ic^te ber beutfd^en 9iec^tömiffenfc^aft bafür jcugt. 

©nblic^ ging auö ben SSortefungen über ©efd^id^te bed Statur- 
rect)t^ afe Srn)eiterung einer früheren ©fiäje bamate ^eroor bie 
Paulo plenior historia juris naturalis, §alle 1719, toel^e oon 
ben griec^ifc^en ^ß^tlofopl^en anf)ebt, um bi^ gur ®egenmart fic^ ju 
erftreden. SJon befonberem Sntereffe ift ba^ le^te Äapitel, ttjelc^i^ 
Don ber ^ext be^ ©rotiu^ b\i$ ju (Snbe reicht; eö liefert eingelienben 
95eri(i)t über bie 9lufnat)me, tt)eld|e ^ugo ©rotiuö in !E)eutfcl)lanb 
gefunben t^at, über bie Dielen literarifc^en Set)ben, ju meldten ba<^ 
Sßaturrec^t gefü{)rt ^at, unb eine 99ibliograp^ie berfelben. 2)a alt 
bieg bem 2!^omafiufii tt)eife burc^ unmittelbare Ueberlieferung, t^cils^ 
au$^ eigener (£rfal)rung befannt ift, fo giebt er ein lebt)aftci^ unb Dolt^ 
ftänbigeg $5ilb ber 3?orgänge. 

5n ben ^al^ren 1720 unb 1721 erfc^ienen bie Dier ©linbe 
„Suriftifc^e Raubet". 9Kan entnimmt itjnen auf ben erften Ölid, 
baft i^r 2lutor in ba^jenige 9Ilter DorgerüdEt ift, niclc^eö Don früher 
gefammelten ^dj&^en ju je^ren liebt. 3n be^aglicfier Sreite werben 
ha eine SRei^e prahifd^er J^älle auö beö 3^^omafiuö 3l!tenmappe mit= 
getl^eilt; weitere Slugfüt)rungen unb fritif^e ©emcrfungen werben 



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n. 2:^o!naftu» in ^aüe. 105 

rcicfjHc^ eingcftreut, in befonbercn Sluffa^en ober in 9ioten. ©injetne 
Stfirfe btcfer ©amntlung finb ^ier bereite für bie Qeit, aixi^ mclc^er 
fie ftammcn, t)ertpert^ct iuorbcn; öon ben übrigen feien biejenigen 
bert)orge^oben, njetc^c ba^ Unmefen ber ^ejenproceffe bem 5ßubticum 
roieber einmal fo rec^t beutlic^ öor Jhigen rüden: 5ln SBeifpiefen 
ieic^tfinniger S)enunrianten unb Unter geridite, balb löc^erticj^er, balb 
enn)5renber ^oceffe, aber awi) burd) SDJittl^eilung ber §oUifd|en 
Sprüche, toelc^c in ben bortfiin gelangten ©acj^en ben gefunben 
3Kenfd)cnöerftonb ju (äl^ren bringen, ©d^obe nur, ba§ bie ©c^tag^ 
troft unter ber 2tudfü^rü(j^feit be^ Slctenmateriatö unb unter ber 
uerfcfjttjommenen ^Breite ber DarfteUung leibet. ®ne anbere ®ruppe 
Don ^änbeln bringt äntoenbungöfäüe beö SSorgel^enö gegen bie ^errfc^- 
iuc^t ber ©eifttic^feit ; toieber ein anbereö 2Kal toirb eö fdjarf getabelt 
unb ote pofitiD red|t^lüibrig barget^an, ba% bie 9iegen8burger äRebi- 
jincr einen ju Strasburg nac^ beftem ©tubium unb (£jamen promo- 
üirten SDoctor bes^tiolb nic^t aU i^ren SoUegen anerfennen tüoUten, 
meil er ©c^arfric^ter^fo^n ift. 

8n biefen legten §anbel rei^t fid^ eine 2)i^putation auö bem 
Slpril 1723; im Slnfd|Iuffe an mehrere Sleufeerungen feinet öerftorbenen 
Sc^ülerg Xitiu^, für tpeldien bamit 3^t|omafiud eintritt, be^anbelt fie 
bie grage: An poenae viventium eos iufamantes eint absurdae 
et abrogandae? 3ln be^ SUtmeifterö befte 3^tten, an feine fat^rifc^e 
3BiberIcgung beö Äe^erei'9?e(j^teö ex hypothesi juris clericalis burd^ 
einfache 3)arfteBung beffelben, erinnert biefe S)iffertation bo, wo 
fie bie 2(rgumente ber ®egner, auö bereu ©eifte gleid;fam rebenb, 
mit graufamer Sronie Dorfü^rt. S)ie Satire ge^t fo tt)eit, baf] fie 
fd)IieBlic^ bie anbere ©eite bel^aupten läfet, bie Slnfic^t be^ Xitiui^ fü^re 
.^u ben fd)n)erften ^ärefien, ja birect jjum Sltl^eiömu^s : benn, menn 
Xitiusi bie ©träfe be^ fö^renöerlufteö be^^alb abfurb l^eif^e, tt)eil fie 
bie SBeflagten nid)t beffern fönne, ja ju weiterem ©elinquiren bef)ufe 
iSrmerbe^ be^ Seben^unterf)alte§ JtiJtnge, fo folge barauö unmittelbar, 
bafe er auc^ bie ^oÜenftrafe ate ungered^t unb abfurb anfe^en muffe, 
bo ja aud^ biefe ben Delinquenten in jener SBelt nid)t beffere unb 
in biefer SSelt, fobalb er fid) i^r einmal üerfallen njiffe, ber 5?er* 
^weiflung unb bem fd)Ied|ten Seben in bie Slrme jage. 2)iefer STon 
eineg concentrirt Oerbiffcnen 3>ngrimmeö burd}jie^t bie ganje 9lbl)anb^ 
lung, toä^renb eine merfloürbig milbe ©timmung l^errfd^t in bem 
„@efpräc^ oom simultaneo*', ia^ S^omafiuö anont)m 1723 erfc^einen 



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106 2)ntte« StapMtl 

liefe. @ö uertritt bte Söe^aii^tung, bafe fclbft ein Dernünftiger Äattjolif 
ludjt^ met)r ju ©uitften beö ©imuttaneum^ uorbringen fönne, imb 
,^ipar in gorm behaglicher Unterrebungen jiDifc^eti jtüci Sugenbfrcunben, 
beibe Sfat^olifen, tüelc^e cinanber tuieberfinben, nac^bem ber eine unter 
bem ©nfluffe ber SR^ftif 3e)uit getoorben ift, ber anbere am ^ofc 
eine^ liberalen Äirdienfürften ÄnfteQung gefunben l^at. ©elbft bic 
^igur be^ 3ejuiten ift burd^auig f^mpat^ifc^ gel^alten, unter ber ü)?a^fe 
bed liberofen fatf)oIifc^en ®e)c^öftömanne8 aber blicfen beutlid^ bie 
3üge beö ^^omafiud tjerüor. 35er ©egenfa^ ber ©timmung in biefen 
beiben ©diriften beffetben Sal^re^ ift bejei(^nenb, einer jeitö für bie 
inbifferente 3;oIeranj, mit n^elc^er 5;^omafiu!8 alte d^riftlic^en Son= 
feffionen unb e^rlic^en lieber jeugungen anjufe^en gelernt tjatte, für 
bie inbifferente Sntoleranj gegenüber aüem ©emiffenöjtoang unb gegem 
über allen 9Sorurtl)eilen anbererfeit^. / 

§Ife gortfe^ung ber juriftifcfien ^änbcl finb anjufe^en brei 
Öönbe ,,®emifc^te ,t)änbel", ^aüe 1723—1725. ©ie unterfc^eiben 
fid) öon jenen formal burd| tpomöglid^ nocf) fcf)limmere 2Beitfd)tDeififl= 
feit, fac^lic^, ber 9lbtüeicf)ung bt^ ixteU gcmäft, baburc^, bafe ueben 
juriftifc^en auc^ Ts&Uc au^ anberen SBiffeuögebieten bezaubert tt)erben. 
'iÖiit Vorliebe mirb 9Iutobiogra<)^ifc^eö geboten ; mit befonberem ^ai)^ 
brude fe^ren mieber bie 9lnflagen gegen Sel^örben unb (Seric^tc 
wegen leic^tftnniger ipeEcnöerfoIgungen unb megen in bie Sänge 
gejogener Snquifitionen. (5in „9ln^ang ju beö il)omafiu!«J gemifc^ten 
,^änbeln" öon 1726 öert^eibigt einjelne ?leu6erungen in biefen 
^önbcln gegen Eingriffe ber ^cinbe; t)atten biefe gemeint, einen altcr^:^ 
irf)tt)ac^ @ett)orbenen ungeftraft anfallen ju fönneu, )o toirb i^nen 
bittere Snttäufc^ung unb grünblic^e Slicberlage bereitet. fc^ 

©^ mar aber bie lefete. dla6) biefem Slu^ang ^at i^omafiu^ 
uidjt^ me^r oeröffentlic^t ; bie le^te 5)iöj)Utation unter feinem SSorfi^c 
t)atte am 3. 9?ot)ember 1725 ftattgefunben ; feine ^-üorlejungen l^attc 
er fd)on feit einigen 3al)ren auf l)öc^ftenj5 jJuei big brei ©tunben 
möd^entlid) l)erab}eben muffen; am 23. ©eptember 1728 ift er 
geftorben. 3t)n überlebten feine öattin, bie feit 48 3a^ren treue 
©eföljrtin feiner Sc^idfale; ein ®ol)n Sljriftian ^^ol^farp; jmei 
löc^ter, fünf (Sntel unb 5mei (Snfelinnen ; ein Sol)n unb jmei iod^ter 
maren il)m im Xobe ooraufgegangen. 



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lU. öeurt^cilung. 107 

III. I^omafiuö läfet fid^ feinc^tocgö erfdi&pfenb mit bem ©inen 

Sc^Iagioort at^ Slufttärcr fennjetc^nen. StufHärer: gctpift tft er es^ 

gerocfen in feinem unbebingten SRationali^mue, ber in üeben unb 

SBiffcnfc^aft bie ^eifelften J^agen berb anfafet ; in feinem §affe gegen 

alle Autorität mit einjiger ?luSna^me ber fürftticj^en, meiere um fo 

abfoluter burc^gefü^rt njirb; in feiner populär^journaliftifc^n ?lrt, 

in feinen erjie^erifd)en ©emüliungen, in feiner 3Sielgefd)Qftigfeit unb 

JRüctfic^t^lofigfeit, in feiner SRic^tung au^ict|lieftlicf| auf ba^ practifd) 

(Erreichbare, fetbft in bem trabitionöfeinbtid^en (Seifte feiner ®efd|ic^td= 

forfdtjung. 2)abei prägen fic^ fogar fctjon mertoürbig fc^arf bei i^m 

einzelne Qü%t au^, bie fonft erft einer fpäteren epocf)e ber ?luf= 

flörung eignen: SRücffe^r jur 9?atur in ber OJegenüberftellung öon 

Sanb unb ©tabt, üon Seutfdier @d)Iic^tl^eit unb SRömifc^er ®ub:= 

tifität ; fortmal)renbe fc^riftfteUcrifc^e ©c^aufteUung ber eigenen 

•ißerf önlid^feit ; ®efd|ic^tfi^erflärung augi üiften unb 3ntriguen ber 

Öerren unb Pfaffen. SRic^t^ mcf|r mit ber ?lufMärung ju t^un f)at 

aber feine tiefe, ftet^ treu gemol^rte Sieligiofität ; fein mennfc^on 

abirrenbee, boc^ eifrige^ Siingen um metap^^fifd} geiftige 3BcIterfaffung ; 

fein SJerftänbnift öon ber Sigenart eineig jeben SSolfesJ unb bemgemäfe 

üon bem 85ebürfni§ nationaler ®efe^e; ferner feine (Sinfid^t in bie 

2cf)n)ierigfcrt unb SSebenflic^feit plö^Iictjer ^Reformen, in bie SWotl^^ 

menbigfeit ber |)ebung ber gefommten 83ilbung^f|öt)e, um einjelne 

J^ortf^ritte ju fid|em, oon ber SWac^tlofigfeit be« öefetjeö unb ®c= 

t)eiBe0 bed abfoluteftcn ^errfc^erjj^ gegenüber ber bumpfen, unmiber^ 

fte^tic^cn @en)ol^nf|eit ; fein tiefere» Ginbringen in JRec^tfi^ unb Gultur- 

gefc^ic^te; unb enblic^ feine 3BeIt* unb Seben^flug^eit, basJ fdjarfe 

5lmt« unb 5ßftic^tbemu§tfein, bie ausgeprägt bürgerlidie fieben^n^eifc 

unb ^auötiattung. fiefetere @igenfd|aften geljören e^er bem oerfcf)n)in:: 

benben ®eifte bed 17., al^ bem fid) bilbenbeu ®eifte besJ 18. 3at)rl)unberts{ 

an. — Qu ben ©inflüffen ber 3<^it treten bei Itjomafiug; foId)e be» 

SJoIföftammefii : er ift eine jener fernigen, bem berben |)umor unb 

bem gefunben Sinnengenufe geneigten, frö^lic^ felbftbenjufeten , in 

üeben unb Spradje bis^ jur gelegentlichen Sto^^eit fräftigen, tampf= 

liebenben nieberfädjfifc^en SWaturen, in meieren einjelne ©runb^üge 

be« beutfc^n SRationalc^aracter« gewiffermafeen potenjirt erfd)einen, 

unb meiere be«Jt)aIb ju practifc^er ©irfung auf lueiteftc Äreife unfere^ 

^-Bolfe« befonber^ geeignet finb. 9D?an oerbinbe alle biefe @igenfd)aften ; 

man ne^me bie inbioibueUen 3ügc ^inju, toie namentli^ 9tnregbarteit 

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108 3)ritte8 Äapitel. 

burc^ jebe neu ^crantretenbe bcbeutenbere ©trömung ober ?ßcrf5n* 
ncl)fett ; gä^igfeit, bie f o getponnene Jlnregung feiner ©genort einjU' 
arbeiten; fobann ungebulbige ©Ifertigf eit , SWifc^ung uon fü^ner 
Offenheit unb berechtigter ®cf)Iau^eit; man bebenfe enblic^ feine 
©rjiefiung in SRitten ber Seij)jiger SSer^ättniffe jum berufömäfeigen 
3uriften unb ©efc^öft^monn : unb man tpirb wo^l bie (Elemente 
überfel)en, au« n?eIdE|en ftc^ biefe aufecrorbentlic^e ^erfönlic^fcit 511* 
fammenfe^t. 

9)Zan tiat njo^t beö XI)omaftu« Originalität beiiüeifelt, meil faft alle 
feine ©ebanfen firf) auf SSormänner jurücffü^ren laffen. Aber fc^on bie 
grofee 9(njaf|I folc^er SSormänner, meiere man ju biefem ©e^uf ju- 
fammenfteUen mufe — allein öon Suriften finb etttja ju nennen: ^otmanit, 
Sonring, ^ubcr, ©c^ilter, S^^^^^ ^^^ ©tr^f — tpeift auf ein onberc^ 
SSer^ältniß l)in. §at *It)omafiufi; alle SBilbungdelemente feiner 3^it in fid^ 
aufgenommen, fo I)at er fie bod| ju feinen g^ecfen oermert^ct. dlid^t^, 
maß nic^t unter feiner §anb fein befonbereö ®ej)rdge annfitjme, fomo^I 
ftljliftifcft mie in^alttid^. ®r ift fein unmittelbarer Quellenforfc^er, bie 
2Ird|ioaIien für feine ge)cf)ic^tlic^en ©tubien, bie äRatertalien für feine 
beutfc^red|tlic^en ©äfte entnimmt er gerne unb o^ne oiel fttitif ben 
3Sorarbeitern ; aud^ in ber S)urc^fül)rung fäfet er e« mol^I an SBoU- 
ftönbigfeit, an uon 9lnfang bi« ju @nbe gleichmäßiger SBe^arrlicf)feit 
fehlen; baö gelehrte Detait ift il)m gleicf)äeitig antipat^ifc^ unb um 
bequem, ebenfo etma wie bie e!?orm ber forgfältigen lateinifc^en SRebe. 
SIber bie Energie, toelc^e alle ©toffe ben fcitenben Sbeen untenoirft; 
ber ®eift, loeirfier überaQ ben fpringenben ^unft finbet unb alle«, 
mas5 er berütirt, befrucf)tet; bie Sprache, toelcfie flar, berebt, über= 
,^eugenb in'« 3Beite bringt; bie 5ßielgetpanbtt)eit ber ?ßropaganba^ 
toelc^e überall Gelegenheit ju finben ober ju fc^affen meife: fie finb 
fein perfönlid)e« ©igcnt^um. 9Jiag er fein ^abfinber getoefen fein, 
jebcnfall« l)at er feiner S^xi bie ?|?fabe getoiefen. Sn bem äWittelpunfte 
biefer feiner S^xi fte^t er, \m feiten einer, fo bafe in i^m fic^ i^re 
gefammte SBetoegung oereinigt. 

©einen Sinflufe l^at er me^r noc^ al« burd^ ©ctiriften burd) 
münblic^e Seigre geübt, namentlid^ burc^ bie fortmä^renbe aUfeitige 
Semü^ung um feine Qnljbxex; lag bod^ auc^ nacf) biefer ©eite 
feine oielleic^t entfc^iebenfte S)egabung. $?on Anfang an plant er 
feine großen enct)clopäbifd}en ßoUcgien unb, ma« metir ift, er füt)rt 
fie burrf); er fcf)afft für fie bie Wett)obe be« S)ictate« furjcr ©c^lag* 



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m. SÖeurt^eilung. 109 

ffi^c (definitiones, positionea, axiomata), an nietete )i(f| fobann bcr 
freie münblid^ SBortrag anfd|ltcfet; er forcjt in jeber SBeifc für bie 
aUgemetne Silbung feiner §orer, tnbem er e^ felbft nid|t üerfd|mät)t, 
bei il^nen nad^ju^olen, toad ©c^ute, (jefcHfci^aftlic^e unb ^äu^licj^e 
©rjie^unfl tjfitten leiften foüen. S^ biefem S^^^^ öffnet er il^nen 
bo« eigene ^au^, fein ^^itouftoanb ift i^m ju grofe, fein ©egenftanb 
^u gering. (Sr fc^t fic^ mit feinen ^örern ou^einanber, flagt ficf) 
t)or i^nen an, gibt feinen ©efü^teipaUungen uor il)nen freieften 3Iud^ 
brurf, ejtemporiftrt, nimmt too^I tpieber ettüoig äurücf, bel^nt aud, 
furj er lebt orbentlid^ mit i^nen. Sabei aber gönnt er i^nen bod) 
freie Snttüicflung ber ^ßerfbnüc^feit, er fielet ed gerne, wenn fie aud) 
t^m tt)iberfprec||en, er le^rt fie bad „Sßornrt^eil ber ?lutorität" auc^ 
i^m felbft gegenüber ablegen, er „üerlange feine — aner" pflegte er 
be^^alb JU fagen. Unb all' bieö nid)t ettoa fo, afe ^abe er fic^ ju 
ben jungen Seutcn ^erabgetaffen, im ©egent^eil: „ed tüar bamaU'', 
fo berici^tet man uni^, „in §alle ein lüa^rer ©ammelpta^ lernbegieriger 
3ugenb unb bie ?lrt ju leben war weniger bie einer UnitJcrfität afö 
bie eine^ ^ofe^ . . . man machte ben ^rofefforen feine Slufwartung 
tme dürften . . . SBefonberö $:t)omafiuö gewöl)nte bie Sugenb an 
eine tie6en«^ioürbige greimüttiigfeit unb ^^^nglofigfeit o^ne SBerluft 
bc^ n6tt|igen SRefpcct^"; unb fein geringer ate 3)iunc^t|aufen , ber 
fpaterc ©öttinger Kurator, erinnert fid|, wie t)ocf) er bie 6^re einer 
(Sinlabung ju X^omafiu^ f^äfete, unb rüfjmt babei „be^ SJianne? 
befonbere dona, bü feinem jiemlic^ ernften 3Befen ber Seute ©emütt) 
ju gewinnen". 

9tad| allcbem wirb e^ nic^t mef)r auffalten, wenn il)n, ber eine 
juriftifc^e gacultät orbentlic^ au^ ber (Srbe ftampfte, ber u. a. Sietjer, 
ZiÜM^, ©tolle, ®er^arb, 3o^. ®. ©trt)t, 3acob (Sabriel 3Bolf, öon 
SKe^ern, ©unbling, ©c^maufe, fietjfer, |)einecciufij , 3. Sq, 99öl)mer 
auj^bilbete, au§ beffen weiterem ©djüterfreisJ baä attpreufeifc^e SSeam- 
t^um mit feiner üerftönbigen 2eben«^flug^eit , feinem Dorne^men 
liberalen @runbjug, feinem ^fliditbewu^tfein unb 5ßatrioti^mue 
lieroorging, wenn il^n bie 3^itflc^offen gerabeju neben ©rai^mu^ afe 
praeceptor Germaniae festen, i^n mit Sraömuö unb »^utten ju 
ben fulcra politica rechneten, ju ben SJJönnem, bie mit i^rem plö^^ 
liefen, fieg^aften 9Iuftreten bie 3Selt erl^ellen. 

9Bäf)renb beS X^omafiu^ 53erbienfte um bie beutfctjc Abitur unb 
Äufflarung ftet^ genügenbe öeac^tung gefunben ^aben, finb feine 

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110 2)titte8 Kapitel. 

juriftifd^en fieiftungen tueuiger gejpürbtgt iporben. 2)ag liegt üor 
allem an bcr gorm feiner S)ruclfd|riften, an ber 3^Wlit*^i*"9 wnb 
ungenügenben formalen 3)urcf|arbeitung berfelben. ®r tritt in i^nen 
bem 5ßu6Iifum im n?efentlicf|en fo entgegen, n)ic er fid^ feinem Subi^^ 
torium jeigte — ftnb it)m beibc boc^ Dielfad^ ibentifc^, inbem fic^ 
bie meiften feiner SEBerfe afö »in usum auditorii Thomasiaui« 
gebrudft begeicfinen, n)ie fie it^rerfeitö aui^ SSorlefungen l^erüorgegangen 
maren. 9tid|t barauf, fic^ mit feinen 3Ser!en ein bauernbeö 5)enfmat 
jn fe|en, fam eö i^m an, fonbem bie SKittoelt anjuregen, il^rer 
ätrbeit äßetl^obe, 9tid|tnng unb ®eban!en äujufül^ren. aSos^ er 
6efa§, t^eilte er feinen ^i^^örern fo tJoUftönbig unb fo neiblo^ in 
ben aSorlefungen mit, überliefe e^ i^nen aud| fpäter fo unbebingt 
jur SSeröffentlid^ung, bafe in ben geioölinlid^en Sitteraturberid^tcn ber 
SRul^m, eine jufammenl)ängenbe SBiffenfi^aft beö beutfc^en 5ßrit)atred^t^ 
gefd^affen ju l^abcn, \tatt feiner feinem ©c^üIer Se^er jugcfd^rieben 
wirb; ebenfo ber SRu^m, eine felbftänbige SBiffenfc^aft be« proteftan^ 
tifrf)en $tirdE|enrec^tö gefd^affen ju I)aben, ftatt feiner feinem ©c^uIer 
©ö^mer; ebenfo enblidi oerbinbet man gemö^nlid^. baS ?luffommen 
ber fog. ajiomatifdEien SWetl^obei für Scl)rbüd|er mit bem.9?amen feinc^^ 
@rf)ülerg ^einecciu«, ftatt mit bem feinen. Unb boc^ ^aben toit 
gefefien, tt)ie jene 3BiffenfdE|aften au^ feinen Kollegien fic^ entwidelt 
^aben, xok jene SKetl^obe oon il)m empfohlen unb geübt tourbe. 
©njig in S5ejug auf feine gteic^ epod|emac^enbe rec^tögefd^ic^tlic^ 
fieiftung I)at man biefe^ fein SBerbienft nie öerfennen fönnen, ba i§n 
^ier, in ber Delineatio historiae juris civilis, SBe^er afö ben SSer- 
faffer, fid| felbft nur al^ ben Herausgeber bejeic^net. Äuc^ ift er 
ftctS als baS ^aupt ber ^alle'fc^en l)iftorif(^pnbIiciftifrf)en ©d^ule 
anerfannt tporben, moju bann freilidEi mieberum bie toeniger beachteten 
SSerbienfte um ©efc^ic^te beS 9iatur= unb ©trafrec^tS, fomie um bie 
juriftifrf)e Siterär = ©efc^ic^te ^injuäune^men ftnb. SBennfc^on bie 
^iftorif^e ©rfenntnife i^m tt)eit me^r ©ad^e ber genialen Sntuition 
als eines mett)obifc^en OueHenftubiumS ift, fo ^at er boc^ merftoürbig 
uiel SRidEitigeS getroffen unb jebenfaQS aHfeitig anregenb genjirft. 5)afe 
feine fpätere naturred^tlidie 2:f)eorie aud| für bie 3Biffenfc&aft öom 
pofititJen JRedjt einen bebeutfamen gortfc^ritt barfteüt, rtjurbe bereits 
oben I)ert)orge^oben. 

9lm tüenigften unmittelbaren ©rfolg ^atte teo^l beS 3;i;omoftuS 
unauSgefe^ter, öon feinen erften ^Programmen bis ju feiner legten 

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m. »curtl^eilung. 111 

l^teputation reic^enber Äampf gegen ba« römifc^e 9ficc^t, gegen beffen 
©ittigfeit unb J)raftifd^e ?tnn)enb6arfeit. ^ai er hoä) in feiner eigenen 
^ahittät nicf|t burc^fe|en fönnen, bafe nad) biefer feiner ?lnfc^auung 
^tdjt gcfproc^en toorben njöre; unb fo wirb jdo^I jutreffen, ma^ 
mir gelcgcnttid) bel^au^tet fefen, ba§ feine ctöilred^tlic^en @d|riften 
oor @niä)i faum Slntoenbung fonben. 3^ro^bem ttjäre e^ t)erfef|rt, 
SBirfungöIofigfeit biefer feiner ©d^riften onjunel^nien ; fanten fie and) 
nid)t fofort ju praftifd^er S8ertoertl)ung, fo ttjurbe bod^ burc^ fie 
ba^ ?Infe^cn be^ römifdien JRec^t^ ganj tpefenttid^ erfdjüttert. SBenn 
mir im Saufe be^ 18. Sal^rl^unbertö eine immer größere grci^eit unb 
äelbft^errlic^feit ber 9ied|tögele^rten unb ber ©efe^gebung, allmä^Iid) 
bann afeer audf) ber ^raji^ gegenüber bem römifdien Stecht unb feinen 
Cuellen loal^rne^men njerben; wenn tuir feigen toerbcn, n?ic man firf> 
in bi^^er unerhörter 3Beife über ben SBortlout ber 3uftinianifc^en 
©efege l^inwegsufe^en ttjeife; tt>enn toir ©inblidC erhalten merben in 
bie immer gröfeere SBerwirrung, bie fo einreifet, unb auö ber bann 
erft ttjieber bie Störung in unferem Sa^r^unbert ^ertJorgel^en f onnte : 
\d mcrben njir bei aHebem bie SKitloirfung ber gen^attigen ©töfee 
nicf)t unterfe^a|en bürfen, ttjetd^e ^^omaftu^ gegen bie (Srunblage 
be5 ®cbäube^ gerichtet \)atte, mögen fie gteic^ auf bie fid^tbar ^ert)or= 
ragenben 3;^eile beffelben fic^ nur langfam übertragen ^aben. 



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Viertes ^apiUt. 

Die publiciften unb bie f)aüifdjc Sdjulc. 



I. i&ctitricft ©occeji. — IL 3)ic $)antfcöc ftaatSrecfttHt^ * ^iftotifcöc @djule. 
1) l). ßubcttig. 2) Si. $. ®unbling. 3) 3. 3. ©(fimauS. 4) «uSgaitg, 
3. 3. 3Ra8coi). — III. 3)te Sencnfcr ftaatdrec^tUcö^Uterfirgcfd^tc^tlicftc »e 
locgung. — IV. 3)ie ^alltfc^c nic^t^ftaatSrcc^tlic^c ©tftulc. 1) fiuboöici. 2) ®corg 
tBci}cr. 3) 2:iHug. 4) ©crftarb, gleifc^cr, 3. ®. 6tn)f, Ifeftncr. 5) Ihcfe 

6) 3- ©• S39§mcr. 

I. ^cinrid) ©occeji tft geboren ju SBremen am 25. aWfirj 1644, 
mad^te 1670 eine 6ebeutfame ®itbungi^rei)e nod^ (Snglanb, too fein 
SKutterbruber .^einrtc^ öon DIbenburg in f)erDorragenbcr Stellung 
lebte, würbe 1671 ^ofeffor be^ SRatur^ unb SSölferred)t^ ju .Reibet 
berg, 1690 ^rofeffor ^ßrimariuö ber juriftifd^en J^acultät ju granf= 
fürt a. Ober, unb ift bort am 18. 9luguft 1719 geftorben. 3?on 
feinen brei ®öt)nen ift eö ber jüngfte, ©amuel, ber afö ©rofefansler 
55riebrtcf|'§ be«^ ©roßen gemirft I)at unb öon tDeId}em fpäter grünb= 
lief) ju reben fein njirb. So reichen bie Ueben beiber Socceji uon 
bem ©rofeen Äurfürften bi^ jum ®rofeen Siönig; unb e^ perbinbet 
fie ein enge^ Sanb auc^ iüiffenfc^aftlicf)er 9lrt, inbem ber ©of)n bie 
Orunbfä^e beö SSater^ ooKftänbig angenommen, au^einanbergefefet 
nnb öertreten l^at, in fo ausgiebiger SBeife, bafe namentlid; auf bem 
öebiete bes? SRaturred^tö , auf melc^em .^einridj faft nur burcft 
Samuerö geber ju uns fpric^t, beibe taum üoneinanber ju fonbern 
finb. ?ruf anberem ©ebiete tritt ein f^arfer Unterfc^ieb fieroor: 
toennfd}on ber Später einige Staatsangelegenheiten gelegentlid) für 
feine g-ürften beforgt l)at, fo ging er bod) toefentlidj auf in wiffcn^ 
fc^aftlid)er unb afabemifdjer S^^ätigfeit; mäbrenb SBiffenfc^aft unb 



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SBicrtcS Äapitcl. I. ^cinric^ ©occeji. 113 

titerarifc^e ^robuction für ben ©ol^it nur SSorbereitung tüaren ju 
grofeartigftcr practifc^er %l)aÜQUit 

^eiitric^ ßocceji ge^t auö öon ber ftrengen ^errfc^aft beö 9?atur= 
rec^tö über bte pofitioen Siechte; einjig abäquate^ ^rincip beö SWatur- 
rccfit^ ift i^m aber ber göttliche SBille, ofe unmittetbar öerbinblic^eö 
©ebot. ©0 erhält feine Suri^prubenj eine fc^orf t^eofratifc^c 
'ilJrägitng, burd) njeld^e fie ate reiner ©egenfa^ ber 2;^omaftfc^en 
erfcf)eittt. yix6)t auf SSertrag berul^en it|m ^riDateigent^um, Dbrig^^ 
feit, @efe| unb (Sftaat, fonbem alle biefe Stnric^tungen, einfd^Iiefetid) 
bcö SSertrage^, auf götttidier ©eftattung ober SSerorbnung; namentlich 
t)at biefe bie ©rbe nac^ ^Territorien eingetl^eilt , innerf)alb jeben 
2errttorium^ ber Cbrigfeit ^errfdiergeroalt über jeben barin Sefinb= 
lid)en gegeben. Sluf biefe SBeife treten für ha^ allgemeine Staats- 
recht bie SSoIfer in ben §intcrgrunb. S)aö §auptgett)irf)t faßt auf 
ba^ Staatsgebiet, auf toeIrfieS bie ^errfd^aftSgewalt rabicirt ift. 
3roiic^n ben einjelnen Staaten aber befte^t fein jus gentium 
voluntarium, ujeldEieS Socceji birect afe ^5^bet beäeicf)net, fonbem 
roiebcr nur baS SRec^t göttticfier @ebote. Sine SBiffenfd^aft beS alt 
gemeinen SSoIferrec^tS bleibt bamit gar nid^t me^r übrig, unb öon 
pofitiuem SSöIferrec^t ift noc^ rtjeniger afe bei ^ufenborf bie 9?ebe. 
2^efto metjr ^ören wir üon natürlidjem Äird^en« unb Strafred^t. 
Snnerl^alb eines jeben Staatsgebietes unterftef)en, ^infolge ber gött= 
li^cn ^errfc^aftSöertei^ung an bie Staatsgewalten, biefen auct) bie 
@etftlic^en unb bie geiftlic^en Slngelegen^eiten. @eftraft wirb um 
ber tjergeltenben ®erec^tigfeit ©otteS SBillen, bem göttfid^en Oebote 
beS 5;alion gemö^, tnä^renb bie uon ®rotiuS ^ertJorgc^obenen 
dufeeren 3^^cfrücffic^ten ju verwerfen ftnb. 2)ie geftigfeit bcS 9luf' 
baueS, JU welchem fo Eocceji gelangt, ift unüerfennbar; bie Sd)H)üd)c 
feiner S^eorie geigt fid§ bei ber Unmöglic^feit, SRedjt unb üJforal ju 
unterfc^eiben, wie fie burd) bie auf ben (gewinn einer fold^en Unter- 
fc^ibung gerid^teten ©emü^ungen beS SSaterS unb beS Sol^neS immer 
nur flarer hervortritt. 

35ie Geltung beS 9iömifd)en SRec^tS in S)eutfc^Ianb, o^ne bafe 
eS jebcS SJJal beS befonberen öeweifeS gewot)nl)eitSred|tIid}er Hebung 
für ben einjelnen Sied^tSfa^ bebürfte, behauptet Socceji auf baS Sc= 
ftimmtefte, inbem er fie weniger beweift, als im Sntereffe ber 9ied)tS:^ 
fic^f)eit poftulirt. 9Son bem ein^eimifdjen $rioat= unb Se^nred)t 
ift bei i^m fo gut wie nidjt bie 9lebe. 3?ielme^r betradfjtet er 

2ant9hexQ, ®ef(4t^te ber beutf(^ Str^ttoiflenlt^aft. Xe^. 8 

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114 SBicrte« Äopitcl. 

3tömtfrf)eö SRec^t unb SRömtfd^e SRec^töwiffcnfd^aft afö bie öorjügtid^ften, 
ja eigentlict) afe bie einsigeit tnnerfialb ber euro^jätfc^ ctoitifirten 
aSelt, fobafe er eine SRedEitöcuttur in ber @efcf|ic^te erft öom Sluftreteu 
ber SRömer ab batirt. 316er ein t)oUfttinbigeö ober aud^ nur reget- 
mäfeigeö 3wföntmenfatten ber ®ebote be^ 9iatiirrerf)tö mit ben ©ä^en 
beö Siömifc^en SJed^tö behauptet er barum benn boc^ nid|t, biefe 
5:t)efiö rü^rt ötelmel^r erft öon ©amuet l^er, weld^er ^ier, üieüeic^t 
burc^ ben ®egenfa^ ju 3;f)omaftuö mitbeftimmt , über ben 5Boter 
hinaufgegangen ift. Uebrigenö f|at fic^ §einricf) Socceji auc^ um 
bie ©injet^eiten be§ römif^en ^ßriöatrec^t^ SBerbienfte erworben, 
namentlid^ l^aben feine Stuöeinanberfe^ungen mit ®. 9(. ©truu über 
^räftation ber Sulpa il)rer Qdt lebl^afteö 9luffef|en erregt. — Seine 
@Iemcntar*fie^r6üc^er be^ Siöit unb Öef|nrecf)t^ l^aben faum 
SBebeutung, e§ fei benn etn^a burc^ bie Semüfiung, an ber §anb 
naturrerf)tlic^er ®runbfäfee ben inneren ©ebanfenjufammen^ang nac^ 
juttjeifen, bie „ratio" afe ba^ ^errfd^enbe ^ßrincip burc^jufül)ren. 

©anj anberö im beutfe^en ®taat^red)t. 3)a tjeiftt e«: „Quod 
in ceteria juris disciplinis ratio praestat, id in jure publice 
Germaniae historia". 5)a^ teilt fagen, eö f)anbett fic^ um ganj 
öerfd^iebene SRerfit^quelten, l^ier ber ®ernunftfrf)tu6, bort bie Oefd^ic^te. 
3^^atfäd|tidj l^atten fo bereite manche Suriften gefd|ieben, jum Sei^ 
fpiet beö Socceji unmittelbarer granffurter Vorgänger 9i^etiuj^, öon 
bcm ttjir fa^en, wie er ba^ Sioitred^t ganj ungef c^id)tlic^ , ba^ 
©taat^red^t rein gefc^id^tlid) bet)anbelt. S^iefe ttiatfodjfid) früher 
jd)on geübte Unterfc^eibung nunmet)r f^ftematifc^ formulirt ju traben, 
teä^renb ©c^itter unb X^omafiuö jur SJeraltgemeinerung ber ^iftori^ 
fd)en Setrad)tung üorrüdten, ba^ fann benn boc^ ma^rlic^ Gocceji 
nid|t al^ J^ortfdjritt angerechnet werben; gerabeju falfc^ aber ift eö, 
wenn man bie gefc^idjtlic^e S8ef)anblung be^ 3)eutfc^en Staatsrechte 
aU feine Srfinbung anfcl)en will, i^n beöl)atb Spod^e mad^en läfet. 
2;ro^bem bleibt bie X^atfadje befielen, bafe er in ber SnünidEIung 
ber beutfc^en Staatörec^tSgele^rfamleit einen 3lbfd)nitt bilbet — aber 
burd) einen ftörenben Gingriff, welcher eine gefunb unb ru^ig fort= 
fc^reitenbe ^Bewegung burd) Ueberftürjung fd^äbigt unb ucrwirrt. 
3)enn wä^renb man bis^^er 2f)atfac^en beobachtet unb gefamraelt, 
Urfunben unb 5Reid^ötagSfcf)Iüffe ftubirt ^atte, um mü^jam für ben 
gefc^id)tlic^en 9tufbau fefteS Ü)?ateria( ju gewinnen, wirft ficf) ©occeji 
mit fü^ncm Sprunge auf bie germanifdje unb fränfifc^e Urgefct)td)te, 

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I. feeiitri* (Jocceji. * 115 

um öon l^ter au^, an ber ^onb einiger äufäUig autgegriffener, ttitiU 
io^ ongcnommener unb p^antofttfc^ öemobener 9iottäcn ein ßuft= 
ge6äube QUfäufüf)ren, bcffen bequem erretrf)te fd^einbare @t)mmetrie 
unb ©c^on^ett nur gu jatilreic^e S5ett)unberer gefunben, nur ju öiete 
9iac^a^mer ju äl)nlic^en ©auten öerfü^rt fiaben. 2)er gtucf) ber 
3eit, ber SKangel an jeber ^iftorif^en 3KetI|obe, geigt fid| ^ier in 
jeiner ganjen Sc^ttjere, ba er nic^t tt»ie bei S^omofiuö burc^ genialen 
Sc^arfblirf gemilbert n?irb, unb ba eine fd|oIa[tifc^e ßonfequenj in ber 
i^^antaftif J^injutritt. 

©ne äufäüige tJ^^age be^ ^aljgrafen Äorl fiubtt)ig ju Reibet 
berg, too^er eö ttjo^l rü^re, ba^ urfprünglic^ unter 9Kayimilian ba§ 
Seiet) in fec^^ Steife eingetl|eitt tüorben fei; eine ©teile bei ^tiniuö, 
lüctrfie fünf beutfd^e UrDoIfer aufjö^lt, ju njeld^en bann afe fec^fte^ 
bie ÜRarfomannen genommen merben, ba ^ßliniuö biefe afe ju 
jeiner ßeit ben SRömem unterworfen auögelaffen l^abe; eine ganj 
roilltürlidEie @inquartirung biefer fec^ö ©tömme in fed^ö ^rotjinjen 
5)eutfc^{anbi8 ; unb enblicf) bie ungtaubtirf) n)ittfürüd|e SBenu^ung 
bicjer Sedi^ja^t jur ^Beantwortung jener 3^age: — baS ftnb bie 
Örunbmauern, auf welchen Socceji fein ßef)rbuc^ „Juris publici 
prudentia" (^ranffurt 1695) auffül)rt. 3uriftifrf)e§ 3)?atertal gewinnt 
er QUO folci^en 5ßrämiffen, inbem er fic^ für feine ^ßroüinjen unb 
Stämme je eine „formula subjectionis", b. i). eine ftaat8red|tfid^ 
präcife 3ufammenfaffung ber ©ebingungen, unter welchen fie in ba^ 
^rantenreic^ eingetreten feien, ebenfo furjer wie freier §anb erbirf)tet. 
Sieje gormein rid|tet er ficf) fo ein, bafe ben SSa^ern, ben ©acfifen 
unb ben flat)ifcf|en 5ßrot)injen eigene gürften bleiben, wdl)renb ber 
9l{)ein, Schwaben unb SSeftfalen unmittelbar unter bie föniglic^e 
Sommer fallen, worauf er bann bie Unterfc^eibung jwifcfien eine 
pars Gennaniae mediata unb immediata grünbet, — all bie^ 
lüieber nur, um ju erflören, We^I)aIb im SReirf)ötage bIo§ rfjeinifd^e, 
tc^ujäbifd^e, weftfälifc^e 9iitter= unb ^rälatenbänfe öorfommen. Unb 
in biejem Xone gef)t e^ weiter, fo lange eö fict) um bie gefc^id)tlid^e 
Öegrünbung t)anbelt, Wöl)renb bann bie ©rf)ilberung beö beftel^enben 
9{ecf)tg regelmäßig jiemlic^ bürftig in lanblftufiger SBeife abgetfjan 
roirb. 5)ie üon anberen 9lutoren fo fd)arf unb treffenb in ben 
i^orbergrunb geftellten J^ragen nac^ bem ßt)araftcr ber 9Jeicf)i^= 
öcrfaffung unb nad^ ber SBebeutung ber grofeen 5vtiebcn^^fcf)(üffe 
öerfc^winbet oollftänbig f)inter ben 9lebeln beö fräntifdjen SJcidjio^ 

8* 

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116 » «icrtc« ÄQ^itcl. 

baixc^ mit feinen alsJ noct) rechtsgültig fingirten ©ubjectioneformeln. 
^öd^ftenö fönnte man Don einer richtigen Gmpfinbung bafür, ban 
baö fränfifc^e SReic^örec^t bie SBiege beö beutfcf)en geworben ift, an^ 
erfennenb reben. ftleine Srrt^ümer ober i^orjüge in ®injetl)eiten 
fallen nid^t in'S ©en^ic^t. S^S ift traurig, baft ein folc^eS SBcrf norf) 
ber ber SBSirflid^feit abgclaufc^ten S)arfteHung eineS ^ufenborf, nad) 
ben grünblid^en Erörterungen eines §ugo, JRfjetiuS, ©c^meber, nad) 
ber 2;f)ätigfeit eineS Obrec^t unb ®panf)eim, furj oor bem ©rfd)einen 
ber S)att'fcl^en Urfunbenforfc^ungen, gleid^jeitig mit beS Seibni^ 
Codex juris gentium unb mit bem ©eginne t)on ßiinig'S 9Jei(§S= 
ard^iü nld)t nur gefdjrieben werben, fonbern oud^ nad) 3nf)a{t mic 
9D?et^obe weitge^enben ©eifall finben tonnte. 

gür biefen ©eifall mag eS nidjt bebeutungStoS geioefen fein, 
ba§ Eocceji fc^on lange, e^e fein ße^rbuc^ beS ©taatSred^tS erfd^ien, 
als überaus gefc^idter unb erfolgreicher praftifc^er 5ßublicift in l)ol)em 
SInfef)en ftanb. ^atte er boc^ bie fc^wierigften SRec^tSl^änbet feiner 
2anbeSl)erren ju beren Sefriebigung abgewicfelt; erft red|t üon je^jt 
ab würbe er öietfadEi um ftaatSrec^tlicf)e Giutac^ten angegangen, ^iefe 
feine S)ebuftionen finb, wie feine praftifc^en Slrbeiten auf bem Gebiet 
beS Eioil' unb beS ©trafrec^teS, nac^ feinem Zohc gcfammelt erfci^ienen ; 
fte faffen überall ben pf|antaftifdE|=fü^nen 3:i)eoretifer atS einen tüchtigen, 
befonnenen, fd^arffinnigen ^raftifer erfennen. 

^wifc^en (Socceji unb 2:t|omaftuS göf)nt eine unüberfd)reitbare 
itluft. SBill man wal^rnetimen, wie ein allen (Sjtremen abgeneigter 
©taatSrec^tSle^rer i^rer 3^it fic^ mit bciben abjufinben weife, fo wäre 
etwa SaSpar ^einricf) §orn in'S 9luge ju faffen. ©eine beiben 
§auptwerfe , Jurisprudentia f eudalis Longobardo - Teutonica, 
3Bittenberg 1705, unb Juris publici Romano-Germanici ejusque 
prudentiae über unus, ©erlin 1707, finb auf Slnregung feines 
Sel)rerS ©trt)t gefc^rieben; fie atl)men in 'ber Einlage wie in ben 
Stnäelt)citen ben befonncnen 3trl)fifd^en ©eift, bem gortfd^ritte nic^t 
abI)olb, aber öor allem auf fefle Wrunblagen bebad)t. Songobarbifc^e 
unb römifd)e 9Jed)tquellen werben neben cinl)eimifd^cn gebraucht. 2^aS 
JReic^ ift ein (£int)eitS:^, fein ©unbeSftaat. 2)er Äaifer allein ^at bie 
SRajeftät, bie DtegierungSgewalt jebod) nur mit ben ©täuben ^xu 
fammen ; bie ©orrec^te ber Äurfürften werben bef onbcrS betont. Äurje, 
praftifclie 9tuSwaf)l unb forgfame J^urd^arbeitung beS S)argebotenen 
f)aben beiben SSerfen itire ©eliebtf)eit oerfdjafft, o^ne bafe ^orn an 

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II. 5)ic ^aflifd^c ftaatgret^tac^^iftorifd^e Schule. 1) ü. fiubcttjig. 117 

3:iefe bcr SBegabung mit feinen bebeutenberen 3ci*8C^öff^^ tüetteifcm 
fönnte. 

II. 1) ©in gonj anberer SWann ift ^eter öon Subetpig, in 
ber @cfd)ic^te bcr ^iftorifc^en, Staate unb 9iedE|t^n)iffenfrf)Qften meift 
bctannt ate ber „fianjler Subetoig.'' Slucf) er i|t ein ©d|äler ©tr^f'^, 
mit iDelc^em er 1692 nac^ ^ade fam; feine toiffenfctjaftlic^e SRic^tung 
aber öerbanft er Socceji, feine proftifd^e ©rfa^rung im Staatsrechte 
2^i)jIomaten, welche er 1697 jn 9iQStoif fennen lernte, feine Saufba^n 
bem Sicnfte beö neuen preufeifctjen Äönigtf)umö. 58on ben jal^t 
reichen ©d^riften, ju melrfien bie ?(nna^me biefeS 5^itefe SSeranlaffung 
gab, besagte bei weitem am Seften, beffer felbft atö ber ©eitrag 
eine^ fieibni^, bem preufeifd^en §ofe unb namentlich bem 9D?inifter 
Don 31gen fiubemig'ö 2)iSputation de auspicio regio, njeld^er fid^ 
aldbalb bie ©c^rift de jure reges appellandi gefeilte. 

3ion biefem 3lugenblicfe ab tüax Subetnig'ö (Slücf gemacf)t. (£r 
wirb jum föniglic^ preufeifc^en ©taatSfc^riftfteller, beffen geber jebeSmal, 
fo oft eö eine preufeifc^e ©taatöaftion ju öert^eibigen gilt, in SBe- 
roeflung gefegt tuirb, bis an bie ©c^toelle beS fc^lefifc^en ©roberungS* 
.^iigeS, beffen Berechtigung eine "iiDebuftion üon 1740 nac^ttjeifen njill. 
23te natürlid) eS Subeujig erfd^eint, bafe ein 5ßublicift alle Slnfprüd)e 
feines Jürften gerecf)t finbet, baS fprid)t er gelegentlid} felbft in aller 
Statoität aus, inbem er meint, er öerarge ß^nfer beffen übertrieben 
faifertic^e I^eorie nic^t, ba S^nfer ja in ÄaiferS 2)ienften fte^e, nur 
möge biefer i^m feine 3Sertretung branbenburgifd^er Sntereffen ebenfo 
.^u ©Ute f)alten. demgemäß fc^afft fiel) finbewig feine befonbere 
ftaatSrec^tlid^e 2)oftrin. 3^^fi^^^^ ^i^ ba^in bie ^ubliciften in jtt)ei 
©nippen, SSegünftiger beS ÄaiferS ober bcr J^ürften, fo fcf)afft fiubeujig 
eine neue Unterart jener jweiten ©ruppe, inbem er ben ffaifer lebig^ 
lic^ 5U ©unften bcr Äurfürften befc^räntt, bie Heineren dürften unb 
Stabtc aber l^erabsufeßen fic^ bemüht. S)aS entfprac^ ebenfo bem 
SJunfc^e, bie furffirftlic^e ©tellung öergleicfiSmcife ju lieben, ttjie ber 
in ©erlin tjerrfd^enben faiferli^ lotjaten ©efinnung. 

©elbft eine fo rücffid^tslofe unb unoerljüllte ^arteinal)me ^at 
bie »iffenfc^aftlic^e SSirfung SubettjigS auf feine ß^it nid^t gefctjäbigt, 
unb jmar beßtialb, toeil er für feine ®ad)c einsufefeen t)atte nidE|t 
nur ein gewaltiges gelehrtes SSiffen, fonbern aud^ eine gan,^e, mäd^tigc 
$erfonlic^feit oon einer getoiffen ©c^wungtraft ber ©ebanfen unb 



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118 S8icrtc§ ^apittl 

t)on einer gettjtffen patriotifctjen Ueberäeugung, bic fid^ mit fcfnüäbifc^cr 
3äf)i9fett unb rul|mrebneri]c^er ©elbftfuc^t eigeut^iimlic^ uerbinben. 
®eit 1704 SSorftanb be^ seitiüeife nac^ ^alle überfütirten SOiagbe^ 
burgtfc^en 3lrd^it)g, ^atte et aufeerbem auf Steifen mit feltenem 8ammel= 
fleife t)iel mert^öoUe ?lrcf|iDalien eingel}eimft ; feine 93i6Iiot^ef war 
xtid) an feltenen S&riefen unb e^anbfd^riften ; er !annte Cueüen iinb 
Siteratur beö englifd^en, fc^n)eiäerifcf)en, fc^tüebifdjen, bänifc^en, fran= 
jöfifd^en 9iec^t§; unb er n^ußte biefe reidjen Hilfsmittel gefcfiicft s« 
feinen 3^^^^^^^^ i^ üerttjenben. ©eine 3Ret^obe, für 9HIe$ urfunbticl)e 
SBelege ju geben, fcfieint babci auf ben erften ölicf eine öorjüglid^e ; 
biefer äWet^obe öerbanfen t^rc @ntftel|ung bie großen Urtunbenwerfe, 
tneld^e er ^eraui^gab; biefe 9Ketf)obe franft aber, fobalb man nä^cr 
jufte^t, an einem gel)Ier, njelcfier it)r allen SBert^ nimmt, fo baß fie 
bei fcfieinbarer ©iffenfcfiaftlic^teit erft rec^t un^eiluoH n^irtt : nämtid) 
an ber abfoluten 3BiHfür bei ber öenü^ung bcr 2)otumentc, lüclc^c 
auö irgenb einem urfunblid^ belegten ©tnjetfaüe fofort bie aßgemeinften 
©djlüffe jief)t ober umgefet)rt urtunblid^e äJorfommniffe, bte in ba^^ 
®t)ftem ntd|t ^ineinpaffen, alö mtfebräuc^Iic^e, gelualtfame, öeretnäcite 
ebenfo njiHfürlic^ auSfdjeibet. ©o ift Suben^ig fdjliellic^ eigentlich 
alles, toaS er braudjt, aus feinen Urfunben ju betDeifen im Staube. 
SBenn i^m bei aUebem ein grofeeS SSerbienft jugleic^ um @efc^id)te 
unb 9tec^tsn?iffenfd^aft bleibt, fo ift eS baS, einen beiben 3Biffenfd^aftcu 
gemeinfamen StociQ ber gorfdjung ju einem befonberen STrbeitSgebiet 
auSgebifbet ^u ^aben, n?ennfd|on int)altlid| baS, n^aS er auf biefem 
©ebiet geleiftet ^^at, üon tuilber Senbeuäp^antaftif bis jur Unbrau(fy 
barfeit burd^äogen ift. 

SS fjanbelt fid) um bie öon i^m fogenannte ,,S)eutfd^e SRcid^^-^ 
^iftorie", b. f). um bie ®efd|id)te ber ftaatHd)en unb ftaatSrec^tlic^cn 
(Snttüidlung. 9Äan l^atte biefelbe biSfjer allerbingS fd^on bem S)eutfd)cn 
®taatSred)t ju örunbe gelegt, aber nod^ in öern^irrenber SSerbinbung 
mit ber bogmatifd^en S)arftellung. S)ie Sinfid)t, bafe ber beftel)enbc 
^uftanb aus ber gefc^ic^tlid)en (Sntiüidlung ertannt toerben fönne, 
entnahm ßuben^ig bem ßocccji; fortmä^renb fpric^t er eS auS, baft 
il|m bie beutfc^e 9teid|Sl)iftorie nid^t bloS als 3i^^ft"* intereffant, 
fonbern als ©runbftüd not^ioenbig ift; gleid)jeitig aber fonbert er 
fie Don ber ©arftellung beS geltenben ®taatSred}tS, I)cbt bie 9tott)^ 
toenbigfeit biefer ©onberung t)ert)or unb fe^t fo an bie ©teile ber 
einen bi^tjtx üblidjen publiciftiid)eu 3)octrin unb i^orlefung bereu jroei. 



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n. ^ie ^aüifc^e ftaatdre(^tac^^^ifton[c^e @d^ule. 1) D. fiubetoig. 119 

Sßortefungen ^at fiubetüig 3at|r für 3al^r über beibe 3^^i8^ 

gehalten; Itterarifc^ toibmete er ficf) natürUdi mel|r feiner ©rfinbung, 

ber SleicfKf^iftorie. 2)a^m gehört öor allem fein erfteö gröfeere^, 

rocfcntKc^ gefcf)ic^tlic^eö SBerf, bie „Germania Princeps**; fobann 

folgte ber ^©ntourf ber SReic^^tiiftorie", ^alle 1707, aU erfteig fie^r* 

bud) ber neuen SBiffenfc^aft. Sine SRei^e öon 3)tffertattonen fc^tiefet 

fic^ an unb ge^t in bie @injelt)eiten; unter il)nen finb bie ttjic^tigften bie 

Don 1710, de Germania Principe postcarolingica sub Conrado I 

unb üon Henricus auceps, historia anceps. ©nblid^ entwidette 

Subeioig feine gefdjic^tlic^en Slnf^auungen in bem Sommentar jur 

golbenen SuUe, einem jujei mächtige S5änbe umfaffenben SBerfe, in 

beutfc^er Sprache gefc^rieben, nielc^eö ben Strom feiner Slnmerfungen 

loeitl^in ergießt, gelegentlich ttJof|I befruc^tenb, burc^fc^nittlic^ ober 

bio^ jcugenb Don ber 5ß^antaftif unb felbft^errlic^ fü^nen ©efd^ic^t^ 

fd^opfung feiten^ be^ Don feiner Unfe^Ibarfeit unleiblic^ burc^brungenen 

i^erfafferö. — ®a« Silb beutfd^er @efrf)ic^te, wie er e^ firf) jurec^t- 

gelegt \)at, ge^t im SBefentüc^en baDon au^, bafe bie nad^ bem 3erfciU. 

ber itarolingifd^n feerrfc^oft fouDerän genjorbenen fieben ©tammei^ 

fürften ein S)eutfc^eö SReic^ unb einen 2)entfc^en Äaifer in bem 

3a^re 911 ober 912 burc^ oertragömäfeige Uebereinfunft freiwillig 

über fic^ gefcf)affen ^aben. S)iefe SSerfaffung oon 912 befielt im 

18. 3a^r^unbert noc^ ju "SRcd^t; an bie ©teile ber fieben Stammet 

fürften finb jebenfalle bie Dier toeltlid^en, Dietleic^t aud) bie brei geift= 

Iid)en Äurfürften getreten; biefe Äurfürften finb ba^er in t)o^em 

©rabe felbftänbig gegenüber bem fiaifer unb überragen weit alle 

anbercn 9ieic^^fürften, gefcf)tt)eige benn bie SReic^öftäbte. ®er Wefent^ 

lic^e Sw^^ ^^^ golbenen 93ulle ift eö, bie Dier weltlichen Äurfürften 

gegen ben JInbrang ber ,, neuen dürften" in allen i^ren ^raerogatiüen 

ju fiesem; fowie i^nen in biefer i^rer Stellung bie geiftlid^en Äur= 

fürften aU 5WeifellosJ ®leic^berecl)tigte an bie Seite ju fc^en. ^öc^ftenö 

Don le^teren fönnte man annet>men, bafe fte burct) bie golbene ©uHc 

bie SRe^te erft erwerben, Don beren 33erleit)ung biefe 3iulle fprid^t; 

ben weltlichen Äurfürften werben biefe SRec^te burc^ bie SSuHe tro^ 

jene« imperialiftifc^en Slu^brucfi? nur ate it)nen Don je^er gel^orige 

neu gefid^ert. ?luß biefem ©efid^töwinfel ift bie (Srläuterung ber 

golbenen ^uüt burc^gefül)rt ; baö l)inbert natürlid^ nic^t, ba^ man 

^in unb wieber auf erfreulichere l£inäelf)eiten ftöf^t: mit SRed^t ift 

oon jc^er bemerft worben, bafe man unter fiubewig'ö parabojeften 



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120 53tcttc» Stapittl 

©äfeeti bod) immer tüieber etoa^ ©rünbUcfieö unb 9Sa^reö antrifft, 
ba^o man fonft „in gemeinen ©üd^ern öergebtid^ fud^cn wirb". S^ie« 
mag analog auc^ für be^fetben Stutor^ ftaateredjttic^ - bogmatifc^e 
@cf)riften gelten, melci^e weit geringer an Umfang unb ©ebeutung finb. 

35ie Stntpenbung ber pnbliciftifd^-l^iftorifci^en 3)octrin auf bae 
£e^nred)t gab SSeranlaffung ju einem großen 3SerI: Jura feudorum 
R. J. atque Gennaniae principis et provinciarum nobilium 
landsassiorum ex medii aevi antiquitatibus et diplomatibus 
eruta et illustrata, ^aHe 1740. Qtoed biefe^^ SBerfe^ ift bie äufeerfte 
3)urc]^fä^rung ber ^ßufenborffd^en Seigre öon ben feudis oblatis, 
inbem biefe ber Ie!)n^recf|tlid)e Sluöbrud für bie oben angebeutete 
ftaat^reci^tlicfie Stellung ber Äurfürftent^mer mirb. S)aiS fiongo^^ 
barbifd^e Se^nred^t, toeldie^ ja fubftbiär in ©eutfd^lanb recipirt fein 
mag, fennt folc^e SBerl^ättniffe gar nid^t unb ift beö^atb auf fie ntc^t 
antüenbbar; ift bod^ f(^on feine Segeid^nung be^ Se^en^g afe feitenci 
beö Sel^enö^errn bem SBafaöen ertl)eilter 3Bo^lt^at (beneficium) l)ier 
■ unmöglirf}, mo im ®egent^eil bie Sel^enöl^errltd^feit auf bem 3Biüen 
ber 9?afallen beruht. 9ln ©teile be^ Songobarbifd^en fiel^nrec^tö foU 
nid)t etwa baö ber Spiegel treten, bereu ©taat^redjt Subetnig öolI= 
ftänbig üertoerfen muß; üielmet)r legt er baö ^auptgeloid^t auf bie 
Urfunben unb auf gefc^icf)tlic^e Hebung, tt^elc^e i^m gerabeju ale 
9ted)t^quelle gelten. 

SRid^t fo einfach oertuerfenb tüie ju bem auölänbifd)en 2e^nred)t 
ftellt fid^ Subettjig ju bem au^länbifd^en, namentlid^ bem SRomifc^en 
5ßril)atre(^t. 5)aran t)inbert il)n fd^on feine auöbünbige SScrac^tung 
ber Sßed^töfpiegel unb ber altbeutfd^en ©d^öppengerid)töbarfeit, tocr=^ 
bunben mit ber flaffifc^==p]^ilologifd^en unb antiquarifc^en ©c^ule, 
meldte er in feinen erften ©tubienja^ren unter ©(^urjfteifc^ burd)^^ 
gemad^t ^atte. 9?immt man Socceji^ig SRomaniftifd^e 9tid|tung unb" 
bie 5Reigung ju einer gewiffen Cppofition gegen ll^omafiu^ ^inju, 
fo h)irb bie apologetifd^e ^^enbenj üerftänblid^, tüelc^e in SubeU)ig\^ 
Sebenöfd^ilbcrung öon Suftinian, 2^^eobora unb 3;ribonian öorl)crrfd)t. 
ÜDiefer ebenfo gelet)rte unb eifrige, wie t)ergeblid)e SJerfuc^ einer ^ifto= 
rifd)en SReinigung foU äugleid^ bem ©efe^gebungömerfe Suftinian'ö ju 
ftatten fommen; bie ®efd)id^te bcffelben bilbet ben beften %i)dl beö 
93ud^eö burd^ ^Bereinigung pf|ilologifc^er, ^iftorifd^er unb juriftifdjer 
Äcnntniffe. — 9Kit fold^em Sobe war aber ßubewig aud) bi^ ^\ix 
äufterften ©renje ber für i^n üorl)anbenen S)?öglid)feit bem SRömifc^en 



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II. 3)ic ^aüifd^c ftaot«rec^tUd|4)iftonfc^c Schule. 1) t). ßubcwig. 121 

SRc^tc entgegcngefommen. 3)enn anbererfeitö mü er femeöweg^ mit 

ben bcibcn ©occcjt baffelbe ate bog abfolut bcfte bürgerliche Siecht 

in fc^roffem ©egetifa^ älüifc^en öffentlichem unb ?ßril)atred)t !)innef)men : 

baju tft er wieberum ju fe^r SKann quo einem ©uffe, ©d^üler ©tr^f'ö, 

Jreunb ber beutfc^en SSergongenl^eit unb ©eobac^ter beö nationalen 

Öcbürfniffe^ feiner 3cit, tüie er benn aud^ richtig empfinbet, bafe ber 

JRu^m ber ^aDifd^n gacultöt gerabe auf i^rem Sßorfampf für bai^ 

35eutfc^e SRec^t berul)t. 5)ie fiöfung biefeö Sonflictö finbet er barin, 

ba% er e« fidb jur Slufgabe mad^t, bie Unterfd^iebe jtoifi^en 9tömifd)em 

unb 2)cutftf|em JRe(^t ftarjufteDen unb bamit einer richtigen ©rfennt* 

niB beiber S3a^n ju bred^en; bie ©riebigung biefer 9Iufgabe fiel)t 

er äuglei(^ aU notl|tt)enbige 9Sorau^fe|ung jeber gefe^geberifc^en 

9?eform an. Seiber ift er jebod^ bei ber §lui8fül|rung nur ju einer 

SRci^e einjelner 3)iffertationen gefommen. 5)iefelben seidEinen fic^ 

aüerbing^ baburd^ auS, bafe fie fid^ bemülien, ba^ 35eutf(^e 9lec^t au^ 

fid^ felbft unb im 3ufammenl)ang mit ftammeöDernjanbten Sfted^ten ju 

ertlären ; ber ©röfee ber gefteHten ?lufgabe entfprec^en fie jeboc^ ni(^t 

einmal fo toeit, wie fie in^altlic^ reicfien, ba fie immer tt^ieber bei 

©injeliiciten ftel^en bleiben, ftatt ju einer c^arafteriftifd)en ßwfommen* 

foffung öorjubringen. ©o bilben fie fd^liefeüc^ nur einen Qwtoaä)^ 

Sa ber alten, med^anifd^ nebeneinanber fteüenben Differentiae-£ite= 

ratur. ißur einmal ift Subewig ju t)ß]^erer 9luffaffiing burd^gebrungen, 

in einer Steige üon ?luffä^en, toelc^e ba^ ©ermanifd^e alö ganj 

Suropa gemeinfameö 9lecf)t an einzelnen 9lecf)tggebtlben aller euro- 

paifc^n SJöffer nai^iüctfen, um bann biefe 3;^atfad^e, aU eine gotge 

ber germanifc^en S8ölfertt)anberung, innerlich auf S3lut^üerwanbtfd)aft 

JU begrünben unb mit bem SSorfommen üon germanifd^en SSortbit 

bungen in allen europäifc^en ©prad^en gleid^jufe^en. 

3)er Sblauf beö vierten ÜDecenniumö einer glorreid^en ©pruc^ 
tl)atigfeit üeranlafete Subetoig, ber an ber ©pi^e ber gacultät unb 
ber Uniüerfität ftanb, in jtoei mächtigen golianten, §aUe 1733 unb 
1734, bie Consilia ICtorum Halensium an'ö ßid)t ju fteHen. "äl^ 
Anleitung bient bem erften Söanbe ein geiftreic^er Slbrife ber ©efd^ic^te 
öon bem jus respondendi ber 9lec^t^gelel)rten, bem jtt)eitcn SBanbe 
eine auöfü^rfic^e ®efcf|ic^te ber ©rünbung ber Uniüerfitftt §aUe. 
Öei ben einjelnen ©utac^ten ift ftetö angegeben, üon loem fie auö= 
georbeitet finb ; wennfc^ou babei bie üon Subetoig fetbft l^errü^renben 
Stücfe fibenoiegen, fo finben fid^ boc^ auc^ f ofd^e üon allen feinen SoIIegen. 

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122 Vierte« Stapitti.- 

©c^on bcr Umftanb, ba§ in bie consilia Halensia äal)lrcirf)c 
Slrbciten be^ Sliomaftu^ aufgenommen ftnb, tt)eiter^tn bie ?lrt, 
wie Subetoig feiner regelmäßig ertoäl^nt, enblic^ ber burcfiau^ öcr- 
ftänbnifeöoUe SRad^ruf, toelc^en er iljm getoibmet i)at: all baö läßt 
erfennen, ttjie fel)r benn bod^ Subetotg jenen ju fd^ä^en ttjufete. 6r 
ttieilt mit it)m eine SRei^e einjelner 309^- fo ben ^aß gegen bie 
©eiftücfifeit unb il)re §errf c^f ud^t ; bie ?tuffaffung ber @t)efac^en al^ 
rein toeltüc^er 9lngelegenl)eiten ; bie Sefämpfung be^ Slbcrglaubenö 
an ©eifter, ©efpenfter, ^ejereien ; ben @inn für gefd|ic^tlid^e SBe^anb^ 
lung unb bie Steigung, bie ©efd^ic^te auö ber ^olitif ber ^errfc^en^ 
ben ^eröorgefjen ju laffen; bie jögernbe ©ebentlic^feit bei gefe^Uc^en 
Steformen unb baß Iebt)afte 3ntereffe an öfonomifd^en ^Ingelegen^ 
l^eiten; bem entfprid^t bie ?lbneigung, metd^e beibe äKänner jeber 
f(^oIaftifd^ formeIt)aften SKetl^obe, namentlich aber ben f^üogifttfc^ 
mattiematifd^en 5)emonftrationen SBotff'^ entgegen6ra(^ten. — 9Kan 
fann mit @id^ert)eit annel^men, bafe einem ^ufammentreffen fo Bieter 
(Sinjel^eiten eine ®emeinfc^aft ber ©runbanfd^auungen entfpred^en 
muß: unb man wirb nid^t fe]^Iget)en, wenn man biefe ®emeinfc^aft 
fud^t in ber SBielfeitigleit ber 3ntereffen, in bem juglei(^ tDeItmänni)d>en 
unb patriotifd^en SBefen, in ber Sluöbilbung unb (Sinfeßung einer 
Doüen 3nbit}ibualität, furj in bem großen freien 3^9/ tuefc^en man 
afö ba^ äWorgeuttje^en ber Stufflärung bejeic^nen mö^te. Unb babei 
ift ber Süngere bem Slelteren i)erpflic^tet nicf|t nur für ben Sinfluß, 
tt?eld)en er Don i^m fi(^erlid^, tro^ aller ©egnerfc^aft, fc^on burd^ 
baö 5Rebeneinanberleben unb burd^ bie (Segenroirfung fetbft erfahren 
i)at, fonbern fdjfießlicfi faft für feine ganje ©jiftensfä^igleit. 9Wan 
fann ficf) gar nic^t üorftetten, mie Subewig feine (eb^aft geiftreic^e 
?(rt, jeneö fein allfeitig anregenbeiS SBefen, toeld^e^ un^ an i^n troß 
aller $f|antaftif, Senbenj unb 9iul)mrebigfeit immer wieber feffett, 
Ijätte gewinnen ober gar an einer beutfc^en ^od^fd^ute ausüben fönnen, 
wenn if|m nid^t baö Dorl^ergelienbe auftreten beö 3;^omafiu«J baju 
fiuft unb Pafe üerfc^afft ^ätte. 

2) 9luöfd^Iieß(id^ ©djüler beö ^^^omafiuö ift ber anbere ^au^jt- 
Vertreter ber |)alle'fd^en ftaatöred)tIid^:=^iftori|d^en ©c^ule, 9iicotau£i 
§ieron^muig ®unbling. 3^0^^^" Subewig unb ®unbling bracö 
bie ftillc ©egnerfc^aft ilirer öet)rer in offene geinbfc^aft unb fdjonunge- 
lofen Äampf au^, ber .öalle unb bie gelel)rte 3Se(t erfüllte, unb fie 
in ben Singen ber üJJitwelt ate Sßertreter einanber wiberftrebenber 



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IL 3)ic f>antf(^c ftaat8rc(^tIt(^^^iftorifd^c @d^ulc. 2) ©unbling. 123 

"ilkmcipien erfdieincn liefe; ber gefd^id^tüd^e ©tonbpunft erfcnnt fic 
alö ©cgcnfpteter bei ber ctnl)eitlid|en ©nttoidlung i^rer SBiffenfc^aft, 
ber ©efc^td^te üom 35eutf^cn ©taatörec^t. 

3n ber Jlu^bilbimg biefe« 3^^ ^9^^ ^^^ @efef)rfamleit fc^fiefet fid^ 
{^unbling'ig Slrbeitöteiftung unmittelbar an bie Subetoig'fd^e an, tt)ie 
fein „Äbrife einer redeten SReid^^l^iftoric" 1708 an ben Subetoig'fd^en 
(rntiDurf ber SReid^i^ljiftorie öon 1707. ©ans im Sinne beffelben 
befinirt ©unbfing: „S)ie 9leid)öt)iftorie ift eine pragmatifd^e ©rjäl^tung 
beffen, nja^ fic^ in 3;eutfd)Ianb bigl)er jugetragen: 1. quoad jura 
Caesaris, 2. quoad jura statuum." S)ie ©egnerfd^aft jttjifc^en beiben 
SRSnnem aber entftanb ^aiiptfäcfiltd^ baburd), bafe öunbting ba^ 
Üubcttjig'fcfie 5ßl|antafie=®ebäube afe fold^eö auf'd ftlarfte erfannte 
unb aufö @d)onungigIo)efte enthüllte. ®unbling'ö Äritif Subetüig'^ 
fommt lurj barauf I|inau^, bafe jener jugiebt, e^ ^ätte ja tüot)( aQe^ 
10 fein fonnen, tt)ie biefer annimmt; bafe er bann aber bart^ut, tuie 
feine ©pur üon ©eweig beigebrad^t ift bafür, bafe e^ toirflic^ fo ge- 
mefen fei. 9Sor ber hiermit erhobenen, fo berechtigten 9lnforberung 
brec^n bie ftartenl)äufer bei ^ufenborf'Socceji*2ubett)ig Ijalttoö ^u^ 
fammen: 35ie feuda oblata, bie fieben ©tammei^fürften , bie ©n= 
tfieilung in terra mediata unb immediata, bie 9tüdEfüf|rung beig 
geltenben 9iec^tig auf bie QdUn Äonrab'ö unb ^einrid) bt^ SSoglerö 
— all' bie^ \)ai ®unbling mit fo fieserer §anb unb fo überjeugenb 
befeitigt, bafe aHe ®egcnfc^riften unb aUe^ ^^Joltern Subetoig'ö bagegen 
nic^t me^r auf jufommen Dermod^ten, felbft afe le^terer burc^ ben Stob 
feines ©egnerö allein baö SBort bet^iett unb non biefem 9Sort^eil 
eifrigen ©ebrauc^ machte. — SSieUeic^t nod^ pf)er ift e^ öunbling 
oniuf (plagen, bafe er fic^ beffen entfiielt, nun feinerfeit^ ein fertiget 
Wcbäube ju errid^ten, inbem er einfat), bafe ein folc^eö beginnen bei 
ber Änapp^eit beö bamalö nod^ jur Verfügung fte^enben fieberen 
SKateriafe boä) wieber nur ju einem Suftfdjlofe geführt fiaben toürbe. 
^i^ielmetjr begnügt er fid^ bamit, über einzelne ^^Junfte gefc^i(J)tfict)e 
Jorfc^ungen anjufteUen unb bie Xerritoria(t)o^eit feiner 3^^^ ^fe 
gegeben t)injunef|men ; mit 9ied^t bemerft er, toie man biefe üollftänbig 
anerfennen fönne, aucf) ofine mit Subewig it|re (£ntftel|ung bi^ in bie 
falifc^n 3^it^Ji jurürfjubatiren. 

®inb biefe gefcf)id^ttic^en unb ftaat^red^tlic^en öeiftungen @unb^ 
linge auc^ bie befanntcren, fo finb fie boc^ weit entfernt baöon, feine 
cinjigen ju fein. SBie 3^t)omafiuö, fo ift aud) biefer fein oielleic^t 



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124 Vierte« Äapttel. 

n)efenöät)nlic]^fter @d)üler uuglaitblid^ öietfeitig im SBtffen unb Äönncn. 
3?on feinen pt)Uofopt)ifcf|en SBerfen fei genannt bie Jurisprudentia 
naturalis, §alle 1715, tt)eil fte ba^ SSerbienft ijat, bie "J^omafifc^en 
Sbeen über 9ted)t, ÜKoral unb Sibelgebote fd^arf burcfigefü^rt unb 
verbreitet ju fjaben. ©ifrige 99entül|ungen um bie Siterärgefc^ic^te 
famen jum 3;t)eile anä) berjenigen beö 9tec^tö unb einjelnen Suriften 
ju ftatten. 9?amentli(l^ aber geigt fic^ ©unbling'^ tjollftänbige Stn== 
(el)nung an 2:i)omafiui8 in feinen jatitreic^en Beiträgen gemifcl)ter 9trt, 
tt)elc^e fid^, in allen Siebtem bt^ SBi^eö fd)illernb, ba(b in feid^tefter 
?lrt über aüerfianb SHItäglic^e^, balb tJoH tieffter ®efe^rfamleit über 
bie fubtilften genealogif c^en , arcfjäologifd^en, met^oboIogifcf)en unb 
juriftijd^en fragen ergef)en. fie^tere betreffen 5. 99. SRaturrec^tUc^eß 
ober äRißbräucfie be^ Snquifitiongproceffeö ober aud^ einzelne 2ube= 
ttjig'fc^e 95el)auptungen be^ufö SBiberlegung. 

®unbting'g rein priuatred^tlid^e ®d)riften bef)anbeln gleic^möfeig 
fowot)! 9Jömifd)eö tt)ie 35eutfd^eö Stecht, außer burcf) eine 9ieif)e üon 
S)iffertationen namentfid^ burd^ feine fogenannten Digesta, ^oUc 
1723. 3)iefei§ 3Berf follte in ber ^anbeften-Crbnung unter jebem 
2!itel natürtid^eö, Sftömifcfieö unb S)eutfd^e^ Siecht jufammenfteüen, 
ift jcbodi nid^t über ben Xitet de rei vindicatione ^inau^^gelangt. 
S)aö ift um fo bebauerüc^er, afe e^ für feine 3^'^ eine ma^re 3)?ufter^ 
leiftung ift an CueQenmäfeigfeit , Ueberfid^tlid^feit, @inbringfirf)feit 
unb ®efd^(offen^eit bei ber SJarftellung ber beiben pofitiüen Siechte, 
JU bereu fünften ba^^ SKaturrec^t n)of)Itt)uenb jurüdEtritt. SBeiben ift 
toürbige SJertretung gefiebert baburc^, bafe ©unbling bem S)eutfc^en 
Stecht bie ganje ß^i^^ifli^^fl ^^^ 3^f|omafifc^en Schule entgegenbringt, 
ol^ne gegen ba^ SRömifc^e 9tecl)t bie S^omafifdie Stbneigung ju ^egen. 
3n biefem fünfte tt)eic^t er entfc^ieben üon 3;t)omafiuö ab ; im ©cgen- 
fa^ JU bcffen ®eringfc^äljung ber Slntife befd)äftigt ficf) ©unbling 
liebeüoK mit ttaffifdiem SRec^t unb mit flaffifcf)er Siteratur. Sc^on 
fein forgfältiger, bisweilen faft jiertic^er Iateinifd)er ®ti)l legt ^ieroon 
ßeugnife ab; ferner in feinen gemifrf)ten Scfiriften eine SRei^c 
p^ifülogifd^er 5luffä|3e; befonberi? aber met)rere SJiffertationen über 
©egenftänbe ber SRömifd^en 9ted^t!2^gefc^icf|te, üoll antiquarifc^er ®ele^r^ 
famfeit. 3n golge biefer feiner SRid)tung t)at man ©unbling öer^ 
einjelt felbft unter bie eleganten Suriften gerechnet; mag biei§ aud) 
cttüa^ mit gegangen fein, fo bifbet er bocf) jebenfaBö baö oerbienft^ 
öoüe SKittelgfieb jiDifd^en ber ^ani|d)=^f)omafijd^en Sd^ule unb ber 



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II. 3)ic ^aHifc^e ftaat^rec^tUc^s^iftodfc^c Sd^ule. 3) ©c^maufe. 125 

eleganten Surisprubenj, unb infofern bie SBorbereitung ju ber 
SJerehtigung beiber ©trbmungen, tt)ie mx it)r bei ^einecciuig be- 
gegnen »erben. 

3Äac^t t)on ben beiben SKe6enbiit)Iern Subewig, begünftigt 
burc^ längere» Seben, mittelft jQf)Irei(J)er grofeer SSerfe ben ge^ 
fcöloffeneren, mäd^tigeren Sinbrucf, fo t)at ber geiftreici^ jerfplitterte 
©unbling für ficft öorouö größere Sorgfalt, fd^ärfere Äritif unb 
Dor Slüem bte 3ii^örff|oItung t)on gefcl^id)tUd^en Sonjecturen wie üon 
polttif(^er Siebebienerei. 3Senn er tro^bem in ben SRuf ber Ober- 
fläc^üd)feit unb 93ielreberei gerat^en ift, fo Derbanft er bieö feinem 
au^erorbentlic^en Grfotge afö acabemifc^er Se^rer. 3n ^olge biefer 
Seliebtlieit feiner S^orlefungen tparb bie ^erauögabe berfefben 
unmittelbar nae^ feinem %o\>c ©egenftanb njüfter ©udjljtinbler- 
Specutationen, toelc^e ben 9Karft mit mächtigen Quartanten über:^ 
fd)mcmmten, auf fiöfcfipapier gebrucft, mit unenblid^en 9?oten s« 
einem ^alb beutfd^en, ^atb lateinifd^en S^ejt, nac^ unöoüftänbigen unb 
unöerftänbigen Qvi})bxcxf)t^ten, bnxd) minbertoert^ige Herausgeber be^ 
forgt, ooU aü ber Sängen, 9lbfd^tt)eifungen unb SBifeeteien, njeld^e 
gebrucft fo anberS tpirfen aU im münblic^en SSortrag, unb tJoH aü 
ber SSerfe^rt^eiten, welcfie fic^ in folrfjen gällen einfd^Ieidjen. SRur 
gelegentlid^ an einer fd^arfen 3)efinition, an einer füt)nen Ueberfid^t 
ober on einer lid^töoHen Sluöeinanberfe^ung erfennt man bie ^anb 
bee SReifterö; unter bem traurigen SinbrudC aber, ttJefd^en alle biefe 
Sü^r I)erl)orrufen, ©unbling leiben ju laffen, ift eine Ungereditig^ 
feit, bereu man fic^ nid)t met)r fd^ulbig machen foUte. 9lnberS fte^t 
eö nur um eine tt)eit fpäter beforgte JluSgabe feiner practifrf)en 
?lrbeiten, n)o einer forgfältigen öeljanblung tt)ert^t)oUer 3nt)att 
entfpric^t. 

3) ?lte ed^ter ©exilier tjon 3;^omafiuS unb ©unbling erfd^eint 
3o^ann Sacob ©d^maufe, ein SJiann Don tierüorragenber SBe- 
gabung, freiem Sölidt unb reid^er ©rfa^rung, aber babei leicht t)on etnjaö 
niilbem SBefen, baS unter feinen geleierten ^^i^flC'^offen öiel 9lnftof5 
erregte. Ginem fräftigen SebenSgenuffe geneigt, fonnte er tt^ol^t red^t 
faumfelig fein in ber ©rfüQung feiner acabemifd^en ^flid^ten ; an um= 
faffenber literartfdEfer ^robuction t)at er eS bagegen nid)t fehlen laffen. 

S)aÄ SSerf, burc^ UJclcficS er unmittelbar t)ier]eergeeört, ift fein 
„Äurjer Segriff ber 9ieicf)^l)iftorie", Seipjig 1720. ©aSfelbe entfpric^t 
im Sn^olte ben öfinlid^ beseirfineten 3iVrfcn biefer Sd^ule, in ber 

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126 Vierte« l^a^itel. 

S)arftcUung0iüci)e jcigt e^ biefelben SBorjüge ftofffic^en Dtcic^ 
t^umö, lebenbtger Jluffaffung unb tua^r^aft potitifci^cr (Smfic^t, »clc^e 
öon ^iftortfc^er Seite ben gc)d^i(f)tü(f)en unb polttifc^en 3Berfen be«:^ 
felben SSerfoffer^ nad^gerü^mt tüerben. SRatürlic^ tonnen biefe 
(etjtercn SBerfe ^ter nid^t befproci^en werben, obfc^on [ic in ber 38eifc 
ber ^alle'fc^en ©d^ule immer tt^ieber aud^ einjdne^ Suriftifc^ee ent^ 
Ratten. 9?ur ba^ fei t)on benfelben noc^ bemertt, bafe über i^re 
unabljängtge unb freimütl|ige ©efinnung berichtet »irb, bie überall 
unöerfjüQt l^erDortrete : infofern ift ©c^maufe a(ö ber SBorläufer ber 
fpätercn großen @5ttingcr ^iftorifcr unb ^olitifer — eine^ 2lcf|em 
XüaU, ©(j^töjer unb ©pittler — ju betrad^ten. 

S3alb narf) bem furjen ©egriff ber 9ieic^öt)iftoric veröffentlichte 
©c^maufe fein Corpus juris public! Germanici academicum, 
Seipjig 1722, entt)altenb bie §auptgrunbgefe^e beö 2)eutfd^en 9leic^ö^ 
in einem mäßigen Cctaobanb. 3)iefe Äürje ift erreicht, inbem nur 
baö proctifc^ ©ebeutfame aufgenommen ift; Qnyed berfelben ift, im 
©inne echter DueHenmäfeigfeit, bereite ben ©tubirenben biefe "Jejrte 
al^ unentbe^rlid^e ®runbtage in bie §Qnb ju geben. SBie bie jo^l- 
reichen 9(u^gaben bett)eifen, ift biefcr Stotd erreicht njorben, ja ba^ 
Sud) tt)irb ^eut ju S^age noc^ aU bequeme ©ammlung ber DueDen 
für baö ©taati^rec^t beö aften 9ieic^eö empfot)Ien unb gebraurf|t. — 
©in anbereig ät)nlid^eö ©ammelwerl öon ©c^maufe ift baö Corpus 
juris gentium academicum, Seipjig 1730, ent^altenb bie Dor- 
ne^mften ©ünbniffe, ^riebenjS^, ^anbefe unb anbere 58erträge 
äWifc^en europäifcf)en ©taaten auö ben le^jten jtoei Sa^r^unberten. 
SBerfotgt biefeö 93uc^ aud^ ]^auptfäd)tic^ ben 2^ed, poütifd^e Stubien 
5U erleid^tem, fo ift eö bod| nic^t minber üö(ferredjtlid) bebeutfom 
unb boppett öerbienftfid^ in einer 3^^*/ welche bog pofitiue S?öKer= 
rec^t fonft ganj nernadjtäffigt. 

9((ö Seitfaben für feine bogmatifdjen S?orIefungen fc^rieb ©d)mau§ 
fein Compendium juris publici S. R. J., Seipjig 1746. 5)acJfeIbe 
Seic^net fid) üor 3lUem an^ bmd) einen Gifer in ber Guettenmöfeig- 
feit, ber fo tueit ge^t, bafe, ttjo irgenb möglid^, in ben 2ejt bie 
eigenen SBorte ber ©efe^e unb SBa^Icapitulationen öertt)ebt finb; 
fobann burd) eine mol)I überlegte Jfnapp^eit, in 3^'9^ ^^'^^^ ^^^ 
befouber^ glüdlid^er Sint^cilung äufjerftc Ueberfic^tlic^feit erreidjt ift. 
3nf|altlic^ fei bemerft, bafj ©d)maufe ^n fünften ber taiferlidjeu 
©etimlt etnja!^ oon ber It|omafifd)en 2lnfc^auung abmcid)t, inbem 



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IL 3)ie ^aflifcfie ftaatSrcd^tlic^^iftorifc^c ©c^ule. 3) ©c^ntauft. 127 

er baö Untert^anen^SSer^ältnife ber Sanbec^tierm ftärfer betont unb 
i^ncn [roa^ in ber erften ?luflage bie öeipäiger Senfur md)t burd^ 
flefjen liefe) bie ©teDung afe coimperantes abfpric^t. 

SUö bag eigenartigste imb füt)nfte SBerf üon ©d^maufe mufe be^* 

,=^ic&net tt)crben fein „9?cue§ Softem be^ SRed^tö ber SRatnr", ®öttingen 

1754; t^atföd^Iic^ finb ^ier jum erften 9KaIe bie Sbeen eine^ ©pinofa, 

rocnnfc^on berfelbe nur einmal inbirect citirt toirb, bem Siaturrec^t ju 

(Srunbe gelegt, ©d^maufe leitet nämlid) einfach ba^ 9?aturred)t ^er au§ 

ber Statur be« 9Kenfd)en, bie fic^ ju entfalten, n^ie alle SRaturfräfte, 

ihre Berechtigung in fic^ felbft trage. Sui^ biefer SRatur, ben in- 

ftinctiöen trieben be^ ÜKenfc^en, folgt einerfeitö fein 9?ed^t, nid^t nur 

^u leben unb fein Seben ju erhalten, fonbem auc^ frei nac^ eigenem 

ISrmeffen unb ©enie ,,fü bequem, fr5t)Iid^ unb öergnügt, alö er e^ 

nur f)abcn fann", ju leben. S)a aber ber äKenfd^ ebenfo inftinctit) 

in fic^ ben Irieb naci^ SSiHigfeit unb ©ered^tigfeit empfinbet, fo folgt 

Qusi biefem anbererfeit^ ber ©a^: ,,3Ba^ bu nid^t willft, baö bir 

ftefcf)e^e, baö foüft bu aud^ einem Slnberen nicf|t tf)un." Sn biefem 

3a§e finb aU^ natürlid^en 9Serbinbti(f)Ieiten beö üJienfd^en gegeben; 

ma^ nic^t gegen biefen ©a§ tjerftößt, mag unmoralifd^ ober abfd^eulicf) 

fein, toic SJöÜerei ober ©elbftmorb, ift aber nic^t ungeredjt, nicf)t 

lüiber baö ißaturred^t. SBaö gegen biefen ©a§ i)erftö§t, fann Seber 

gegebenen gall^ fict) flar ma^en, tt^enn er firf) nur im ©eifte an 

ben ?ßla$ be^ änberen öerfeftt, ni^t aber läfet fid) t^eoretifd^ aus^ 

biefem ©a| ein ganjeö ©^ftem ber naturrec^tlid^en ^flic^ten unb 

Mec^te enttoicfetn. S)er gef|Ier eine^ ^ufenborf unb feiner 9?ad^foIger, 

ba% fie in il^ren au^fül)rti^en S)arfteUungen tl^atfäd^Iic^ nic^t me^r 

SJaturrec^t, fonbern üerblafeteö pofitiüe^ 9ie(^t geben, toxxi babei 

beutlidj ^ert>orge{)oben ; unb im ®egenfa| baju ujerben Äürje unb 

2elbftbefd|ränfung al^ SBorjüge beig eigenen ©^ftemö gerülimt. Cffen- 

bar ^at baöfelbe aber gerabe njegen biefer feiner SSorjüge bamafö 

teinerfei Slnerfennung, ja, außer einigen oberf(äd)tid|en Söemerfungen 

tüiber bie Slnftöfeigteit feineö 5|Jrinci^)ö, faum 95ead)tung gefunben; 

ucrfct)ma^te eö bod^ jene SKaffe ber ßafuiftif, weld^e eben ba^ ift, 

was bie 3^it im 3taturred^t fud^t. SSielme^r ift ba§ 33ud^ ganj t)er= 

fc^olten, faft eine bibliograpliifd^e ©ettcnl^eit geworben, unb über baö 

333e)en be^ ©d^maufe'fd^en S^ftemö finbet man nirgenbwo jutreffenbe 

angaben. 9?ur ber erfte, aÜerbingS räumlid) toeitau^ ftärtfte St^eil 

bcö 3Berfe^, wefd^er burd) (Sjcerpte au^ ben bebeutenberen Slutoren 



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128 »tcttc« Kapitel. 

eine bogmengej^ic^tlid^e Ueberfici^t gibt, wirb gelegentfic^ angeführt. 
?Iber and) fd^on quo biefer Ucbcrfic^t t)ätte man bei nät)erem 3^= 
feilen be^ SSerfafferiS originelle S)enlart erfennen fönnen: fteUt er 
boc^ ©rotiug nod^ unter bie ©d^olaftifer, batirt bie Söegrünbung 
eineö üon ben geffeln ber 3Korat=3;^eoIogie befreiten SWaturred^t^ 
erft üon ^obbe^ unb nimmt einen ganj befonbcrö au^fül^rlicfien Slue- 
jug auö ©pinofa auf, o^ne jebeiS SBort beö Sobe^ jnjar, aber auc^ 
o^ne jebe^ SBort be^ 2;abefö. SRit ber l^erbften Sronie gegen bie 
unenbüd^e Seere, ^ebanterie unb ©etbftgefältigfeit „unfere^ neuen 
^ermetiö 2!riömegifti unb Se^rmeifterj^ be^ menfc^Iic^en ÖJefi^Ied^te, 
^erm ©aroniS üon SSoIff" fd^Iiefet biefer ^iftorifc^e Slbfc^nitt bc^ 
aSerfe^. 

aSon ben ä^^^^eid^en fteineren Schriften fei noci^ genannt ein 
„Sntujurf" Don 1737, nämlirf) ju einem propäbeutifd^enctjclopäbifc^en 
Surfe in ber Slrt be^ 5;^omafiu^, lDeI(^en ©c^maufe auf SMünc^^aufen'e 
ißeranlaffung in ©öttingen §ielt. 3)aö ift bemerfen^toert^ , weil 
bamit auc^ für bie enc^dop&bifc^e Sled^t^be^anblung ber 3wfünimen* 
I)ang jtüifc^en §aHe unb ©öttingen, ^toifd^en 3^^omaftug unb ^ütter 
fid^ aU burd^ ©dimauft ^ergefteÜt befunbet. 

4) ©d^mau^ nimmt offenbar eine ganj eigenartige Stellung ein, 
im SWaturre^te bie eineö Dorgeftfiobenen verlorenen ^ofteni^, in ber 
9ieid^^t)iftorie bagegen bie eines; ber legten ®etreuen, mld^e ©taate^ 
redi)t unb ©efc^i^te nod^ gang im ©inne öon Subett)ig unb OJunb^ 
ling miteinanber üerbinben. (£ine Sßeil)e öon anberen SRad^folgent 
biefer ^allifd^en Se^rer ge^en ju rein gefd^i^tlic^er Setrac^tunfl 
über, unter ^reiögabe beö ftaat^re^tlic^en 3ntereffe^. SSielleii^t am 
meiften unter i^nen ttjafirt legtereig nod^ Sacob Äarl ©pener in 
feiner Historia Germaniae universalis et pragmatica; biefelbc 
berücffid^tigt fortwätirenb bie ©efe^idjte ber ftaat^red^tlic^en SSerljält^^ 
niffe, öon ben erften Stnfängen be^ beutfd)en 9Solfeg biö ju ben 
Reiten Äarl VI.; fie fte^t in ben beftrittenen fünften e^er auf 
GJunbling'j^ aU auf Subemig*^ ©eite. 

3m Uebrigen üolläieI)t ftd^, n)äl)renb beö äweiten 5)rittefe beö 
3at)rt)unbertö etwa, berjenige Uebergang ju ber reinen ®cfcf|i(^te, in 
golge beffen biefe jum ©elbftjtüedE ttjirb unb bem ©taatsired)te nur 
bie 3?ern)ert^ung i^rer ßrgebntffe überlast. S)iefer Uebergang lommt 
jum flarften Slui^brudfc in ber ^erfon beö großen ^iftoriter^ 
3. 3. SKaöcot), beffen ®runbauffaffung überall fd^on rein gefc^id^tlic^ 



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tft, bcr aber nic^töbeftohjenigcr jugteid^ nod^ afö ©taatörec^tS-Sel^rer, 
ja fclbft in ber ^ßraji^ alö Obcrt)ofgertcl^t^eifi|er unb Seipjiger 
Stabtrid^tcr tütrfte. SMo^cot) ragt bebeutfam in unfere ©p^äre t)in= 
über, ntc^t blo^ bcg^alb, ttieil bie Suriöprubcnj fid^ beffen rühmen 
barf, bafe er unb mit it|m bie beutfd^e GJefd^id^tigfd^reibung au^ juri^ 
ftifi^er ©c^ule hervorgegangen finb, au^ welcher fie, tt)ie tjon I)ifto^ 
rtfc^cr ©eite bemerft ttjorben ift, bie ©orge um geftftellung ber 
politifc^en ©runbbegriffe unb um forgfältige ^ßeriobifirung hinüber* 
genommen ^at; — fonbem auc^ be^^alb, n)eit feine gefc^ici^tlic^en 
^^^orjüge ber befonnenen ^til, ber ^^potl^efentofen ©olibität unb 
ber Äunft be^ Sgnoriren^ xüdtü&xt^ n)ieberum bnxd) i\)n bem ©taat^ 
red|te ju ®ute gefommen finb. öefi^en n)ir boci^, aufeer jal^treid^en 
^iffcrtationen ftaatörec^tlicf| = antiquarifd^en Snl^altö, üon i^m eine 
unmittelbare ?lnttjenbung feiner l^iftorifd^en gorfd^ung^ergebniffe auf 
bog bogmatifc^e ©taatöred^t in feinen „Principia juris publici", 
beren ©inffufe fc^on au^ i^ren 6 Sluflagen ^eröorget)t. 3n ©ejug 
auf alle bi^l^er mel)rfatf> ern)ät)nten Probleme ber SJeid^iggefd^i^te 
^errfc^en l)ier bie gefunbeften ?lnfd|auungen, eö ift aQeö quellenmäßig 
gcfidEiert, tjon ^Qpot^efen ober tenbenjiöfer 3i^i^cdjtlegung nid^t met)r 
bie Siebe. 9?e(^te unb SMac^tüoIIfommenlieiten be^ Äaifer^ unb ber 
Jfirften ttjerben trodten aufgejö^It. Slber afebalb bemerft man, tüie 
ba^ juriftifi^e Sntereffe felbft in biefem juriftifc^en SBerf für 9)ia^coö 
tfinter bem ®efd)id)tlic^en jurürftritt: jur SSerfö^nung eine«; aBiber=' 
fpruc^, ber alle S^^eoretifer be^ ©taatöred^tö befd^äftigt, genügt i^m 
bie ^Betrachtung ber t)iftorifd^en ©nttoidtlung. 9lm tüenigften berüdf^ 
fic^tigt ift bie ftaatöred^tlic^e ©eite in SÄaöcotj'ö literar^iftorifd^ be^ 
beutenbftem, beutfd) gefc^riebenem SBerf e, ber „®efd^ic^te ber 2)eut) d^en 
bi^ jum Stbgang ber ÜÄeroDingifd^en Äönige*'. ©tariere 9ieftc ber 
überfommenen @eh)o!^nf(eit, bie ©efd^ic^te ftaat^rec^ttic^ anjufefien, 
finben fi(^ in ben Commentarii de rebus J. R. G. Don Äonrab I. 
biö ftonrab IIL, geroiffermafeen afe hafteten fte an ber lateinifc^en 
©prac^e, aber aud^ an ben üon Subemig unb ©unbting mit SSorliebc 
bearbeiteten ©toffen. 

Sei bem ©taatömanne ©rafen bon SBünau enblic^ ift faum mel^r 
irgenb njelc^er ?tnHang an bie §aKifd^e ©d^ule ert)alten, t^ fei benn 
in bem JRamen feine« berühmten SSerfeö, ber ,,3;eutfc^en Äaifer= unb 
Meidi^^iftorie". Qxoax fpridjt er gelegentlich t)on bem SRu^en ber 
5)eutfc^en @ef^icf)te für bie Srfenntnife be^ SReidi^l^erfommen^ unb 

San^ftberg, Qk\diiäfte bec beutf^en 9if(^tSiDiffenf(^aft. Ze^i 9 

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130 »icrtc« StapiUl 

bamit beö ®taQtöred)tö; felbft aber biefen 9?u^cn ju getoinnen, (tccjt 
aufeerl^alb fetncig SBege^. 

III. ©ine getüiffe Sßemanbtfc^aft mit bcr ^allif^en ^iftortf^en 
SRicfitung tuetft eine Seitenfcr ^oraücIbetDegung auf, tt)elcf|e fcf|IieBücf) 
einen i^rer bebeutenbften SSertreter ber S:i)oniafifci^en ©c^ufe ent^ 
nommen ^at. 3n Sena treten babei ©ibliograpl^ie unb fiiterär* 
gefd^ic^te met|r in ben SSorbergrunb, womit fic^ eine ftärfere SBe= 
tonung pt)itofop^ifd^ntiquarif^er Jenben^en ücrbinbet. 

5Biefe Senenfer Settiegung get)t jurüd, außer auf ben fd^ou oben 
(Aap. 2 ©.44) befproc^enen ©efc^ic^t^forfci^er ©agittariuö, auf ®corg 
©(l^ubart, einen ©d^üler beö ^iftoriferö §Inbrea^ ©ofe unb unfereö 
Sol^. ©cf|ilter, ben Siad^folger So^. 5ßl^il. ©leöogf ^ in ber ?ßrofeffion 
ber SBerebfamfeit unb S)icl^tfunft, afe le^terer 1681 in bie iurtftifc^ 
gacultät überging, ©djubart'ö fämmtKc^e ©c^riften geid^nen fid) 
aui^ burci^ forrecten, merfwürbig tnapp gebrängten tateinifd^en ©ttjt 
tjon <)erföntic^er Prägung, äuö ber S?erbinbung tion 5ß^ifoIogie unb 
©efd^ic^te mit ber Sted^t^tt^iffenfd^aft ging ^eröor feine ©octor^^SJiffer^ 
tation öon 1685, de falls jurispnidentiae Romanae, toelc^e er 
fpäter ftar! umarbeitete unb ttjefentlid^ üerme^rte. Xrogbem ift biefe 
feine SebeniSarbeit Ieine^n?egö big ju gleid^mäfeiger SSoIlftänbigfcit 
gebief)en, bietet t)ielmet)r eigentlich nur eine 9teil)e geleierter ©rörte^ 
rungen über ©injeltieiten. S)iefe Srorterungen aber jeic^nen ftc^ au0 
bur^ ftritifc^e Sefonnen^eit unb DueHenmcifeigfeit, in folc^em 2Ka§e, 
baß fie red^t l^äufig alleg feiften, roa^ üor ber 8luffinbung be^ ed^ten 
®aiug erreidtjbar tüar, abgefe^en eitoa tjon einem <3^antaftifd|en @jcur^ 
über bie griec^ifd^^g^ptifc^en Duellen ber jttjölf 2;afeln. ©ie ^aben 
über ein Sat)rt)unbert in toiffenfd^aftlic^ f|of)em Slnfe^en geftanben. 

3ln ©c^ubart rei^t fic^ öurf^arb ©ott^etf ©truö, ber 
©o^n beö großen 3enenfer ßiüitiften ®. ?l. ©trut). 2)er jüngere 
©truü ift eg, ber burd) emfigen ©ammelfleiß unb burc^ SSenoenbung 
allfeitigen reid^en SBiffenö auf bie 2iterär=®efc^id|te baö Siorbilb einer 
9teit)e üon ®elef)rten (5)uber, Senidjen, Sugler u. a. m.) geioorbeu 
ift. 3ln ©teile ber peinlich forgfältigen Aufarbeitung fürserer 
©Triften, toie bei ©d)ubart, tritt bei il^m Ieid)te ^nu^tbarleit unb 
©reite, tt)ie bei ben ^aUenfern, bereu (jiftorifc^^tQötöred^tlic^e Snter- 
effen er t^citt. 3ö^ftcid)e feiner ©d^riften bef)anbetn bie 8iibUotI)ef^ 
unb ^anbfdjriftenfunbe im Slllgemeinen ober in Söejug auf öefc§id)te 



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ni. mt 3cn<nfrr ftoatStcilötHd^sfitcrärgefc^id^tlicfic öcroegung. 131 

ober ^tjilofogtc, 3iirtftifrf| bebcutfom finb unter feinen SBerfen \)a\xpU 
fädjlic^ folgenbe: 

Bibliotheca juris selecta, Seno 1703. — S)ie Äunbe \)on 

öüi^crn unb ^eiei^xten ^attc, fcitbem S^tiomafiuö in feinen erftcn 

Schriften über i^rc SBernac^Iäffigunfl tlagte, einen Ie6t)aften Sluffdiwung 

genommen, ^lidfi am toentgften trugen baju bei bie in aQen 3^^ig^tt 

ber aSiffenfc^ft fiblid^ gcttjorbenen ^eitfc^riften, beren Sefer ftc^ gerne 

burc^ 9Kttt^eiIungcn au^ ben SBibliot^eten unb ^öufern il)rer ©oHegen 

über gelehrte ©ontrotjerfen unb über geleierten Ätatfd^ untert)Qlten 

liefen. Sei bcm burc^ biefe 3oumate vermittelten regeren SBerfel^r 

Don Crt ju Crt unb bei bem öieffad^ aufEommenben liiftorifd^en 

Sntereffe bilbcte fic^ bamalö ber gute, bi^ l^eute gettiatirte Sraud) 

beutfc^er SSiffenfc^aft, bogmatifc^en Slb^anblungen einen furjen fri^ 

tifd^en Ueberblicf über früf)ere ßeiftungen auf bemfetben ©ebiete 

»oranjufc^idten. 35arau« mufete bann toieber baö öebürfnife nad^ 

äufammenfaffenben SWad^fd^Iagewerfen entf teilen. 9ln ber ®pi^e ber= 

jenigen, vodcS)^ biefem SBebürfniffe entgegen! amen , ftanben SWorl^of 

mit feinem berül^mten Polyhistor (juerft 1695) unb Sipeniuö, ber 

öüberfer ©tjmnafial-Sonrector, mit feinen öier gettjaltigen 5Reat 

Sibliotl^efen ber öier gacultäten, tjon roelctien juerft 1679 bie 

Bibliotheca realis juridica an'ö Sic^t trat. 9?immt man l^inju, 

ba| Sßc^er'^ aögemeineig ®e(e^rten=2ejifon (4 ©änbe, 1750—1751) 

in berfelben 3^^* W^]U toennfd^on vorläufig nur im @runbri§ 

(„compenbiöfeö ®eIe^rten:=Sexifon", 1715) erfrf)ienen ift, fo ftef)t man, 

baß mir biefer (Speere ba^jenige gelet)rte Stüft^eug tt^efentHc^ üer^ 

banfcn, melc^eig noc^ l)eute ben ®runbftocf jeber §(uörüftung ju 

literärgefcf)ic^tlicf)en ©tubien bilbet. 2)aäu gel)ört benn nun auc^ 

für ben Suriften ©truü'!^ Bibliotheca selecta. S^r großer Sßorjug 

befte^t in ber 9lrt unb SBeife, wie bie Slufgabe gefaßt ift, 9?icf)t 

abfotutc Sottftänbigfeit, wie bei ßipeniui^, ift erftrebt, fonbern eine 

^uöma^I ber brau^bareren Schriften, bie ^u empfefjten finb, fowie 

ber ganj unbraud)baren , öor benen ju toarnen ift, — ujobei fic^ 

immertjin noci^ eine fe^r große Stnja^I auöcrtoä^tter f)erau^ftellt. 

9?ic^t bürftige Slufjä^lung ber ^itet unb I)aten, ti^ie bei Stpeniu^, 

iienügt Struo, fonbern er fügt regelmäßig 3nt)ateangabe, biemcilen 

aud) fritifc^e SBemerfungen bei. Unb enbficf) orbnet er bie Öüd)er 

tüc^t mie Sipeniuö alptiabetifd) , fonbern ft)ftcmatifd) nad) bem on- 

hatte in beftimmte 91bti)eilungen , unb innert)alb biefer 5(btt)eilungen 

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132 «icrte« ^apxitl 

d^ronologifc^. ©o fommt er leidet boju, tnbem er in fortlaufenbcr 
JRebe öon bem einen SBerf ju bem anberen übergebt, ein Urt^eil 
abzugeben barüber, wie toeit ein fpätere^ einem früheren über ben= 
felben ©egenftanb gegenüber einen gortfcf)ritt bebeutet; unb fo ge= 
ftalten fid^ fd^üefeK^ manche Paragraphen jum ©erippe einer ®efc^id^te 
ber ttjiffenfdiaftUd^en ober praftifc^en Seiftungen felbft. 5Dät üoHem 
Setoufetfein erf)eben fid^ namentlid) über ben bibIiott)efarifd^en ®tanb= 
punft bie §(b|d^nitte über 9{erf)tögefdt)id^te, über SJiaturrec^t unb über 
©eutfc^eö 9ted)t. Slu^erbem be)tet)t bie ©törfe beö ©uc^eö in feiner 
^uüertäffigfeit, wie fie gteidt)fate baburd^ erreicht würbe, bafe ©trutj 
fid^ auf eine Slu^watit befc^ränlte. 

Syntagma juris publici J. R. G., 3ena 1711, fpäter betanntcr 
unter bem ^itel Corpus juris publici Imperii nostri R. G. — 
35a^ SBerf tjerbinbet in f^ftematifc^er Slnorbnung bie S)arftenung be« 
geltenben ©taatsJrec^tö mit beffen gefd^id^tlid^er SntwidEtung. ^abei 
fällt ber 9?adt|bruc! entfd^ieben auf le^tere, fo bafe man i^m wo^l 
l^at oorwerfen fönnen, eö fomme mef)r t)om mittelalterlid^en , afe 
i)om neuen ©taats^rec^t barin öor. QQ\)ixei6)t ©injetunterfuc^ungen, 
@efd^id)t^:= unb ©eifpieIö==Srää^Iungen finb aufgenommen. 6ö ift boö 
erfte grofe angelegte unb burd|gefüf|rte berartige ^anbbud^ — im 
@egcnfa(j 5U bloj^en Sompenbien ober bergt. — für baig um ben 
I)iftorifd)en @toff ber .^aüer ®cf|ule bereid^erte S)eutfc^e ©taatiSreit. 
SJiit il)m ^at ©truü wenigftenö ba^ SBeftreben an ben 3;ag gelegt, 
au^ ber §allifd^en 9Serwirrung öon Staatsrecht unb politifdjer ®e^ 
fcf)id)te ha^ erftere gefonbert J^erDorjul^eben, roä^renb bann umgefe^rt 
bie SSorrebe feiner beutf^en ©efc^ic^te ben SSorfa^ erflärt, friegerifc^e 
unb politifc^e Sreigniffe ju fc^ilbern, bie ftaatörec^tlic^e (Sntwicflung 
nur nebenbei ju berücffic^tigen. 9Kag fo auä) ©truo SRec^tögefd^tc^te 
unb geltenbeS ?lieä)t üerbinben, wätirenb man fie ju ^atte trennte: 
unb umgehört rec^ttic^e unb politifc^e ®efd)id^te öoneinanber fonbem, 
wä^renb man fie ju ^aUe öerbanb; afe öorl^errfc^enbee bleibt ba^ 
mit ^alle gemeinfame äRoment, eine tuefentlid) gefd^id^tlic^e SBegrun= 
bung unb öef)anblung beS ©taati^rec^tö. 

Historia juris, Sena 1718. — 3m 3at)re 1718 erfcf)icnen brei 
Slec^tSgefdiic^ten : eine auS bem SKacf|laffe öon Samuel dtet)i)cv t)eraue= 
gegeben, nad^ orbnungSlofen SWotijen; bie beiben anberen bebeutenbe 
3Bcrfc jroeier l)erüorragenber 9Äänner, ß^riftian ©ottfrieb §offmann'5S 
unb 93. &. ©truo'ö. S)a0 ^^uc^ Struo'S ift juerft an'ö Sic^t 



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in. $)ie Senenfct ftaatSrcd^tUt^sIitctärgefc^td^tac^c SBeroegung. 133 

getreten imb ba^ üoUftänbtgere, ba eö bie ©efd^td^ten be^ Stomifc^en, 
ö^äanttnifcfien, tuiebcrtiergeftcUten SRömifc^en, S)eutfc^en, fanonifc^en, 
geubat, ©traf' unb ©taatörec^tö umfaßt, tüä^renb §offmaim ftc^ 
mit 9iom unb S{(t=@rtec^enlanb begnügt, entfpred)enb fetner ctaffifd^ 
eleganten 9ii(^tung. Sro^bem ift eine ftarfe 3lel)nlicf|!eit tjor^anben: 
ftofflic^, inbem §offmann ganj, ©truü für feine betben erften Ii)eite 
unter bem ©inftuffe ©raütna'^ ftet)en; unb me^r nocf) met^obifc^, 
inbem beibe ?lutoren ^ier t)on S^omafiug auöge^cn. §offmann gibt 
gerabeju bie ?lbfcf)nitte feinet erften Söanbeö ate lUustratio ju je 
einem öorgebrucften ^aragrapfjen ber Xt)omafifcf)en Delineatio ; unb 
Strut) jeigt in ber 9lrt unb 9ieit)enfoIge, wie er alle in S)eutfcI)Ianb 
geltenben SRei^te bef)anbelt, bafe it)m ber 3;^omafifrf)e „fummarifd^e 
entmurf" üon 1699 (ober eben bie Delineatio) Sßorbilb ift. @o 
l)aben tuir jwei öoüttjic^tige ©pröfelinge ber Jtiomafifc^en ©aat üor 
un^, benn be^ 3:f)omafiuö Sinflufe ift bo^ ber entfctieibenbe bafür, 
bafe biefe 99üc^er überf)aupt gefci^rieben finb; @rat)ina liefert nur 
ein SRufter elegant^pljilofogifci^er 93el|anblung. Dbgleid^ §offmann 
äiifeerlicf) bem ^^omafiuö enger folgt, näl)ert er fic^ bod^ innerlich 
me^r bem ®rat)ina, ba il)m bie ©efd^id^te ber ctaffifd^en SRed^t^ 
enttpidlung ©elbftjtt)erf ift. ©truü fte^t innerlid^ bem 2:^omaftug 
na^er, inbem iftm bie gefc^idjtlirfje ©rfenntniß äffittel ift für bai^ 
5?erftänbni6 be^ geltenben 9?ec^t§; beö^alb gibt er a\i^ ber alten 
9tec^tögefrf|id)te ni^t met)r, afö unbebingt nöt^ig, befi^äftigt fid) aber 
um fo eingel)enber mit ber ®eftaltung feit ben ©toffatoren, über 
tüeld)e felbft ber Italiener ©raüina nur ganj fiirj unb unbebeutenb 
ju berichten tneife. 3lm bürftigften finb bie ®efd^id)ten beö ©taati^^ 
unb ©trafrec^t^ aufgefallen, ©inen gortfc^ritt ber l^iftorifc^en ©r- 
tenntnife auf Orunb eigener DueUenftubien bebeutet ba^ SBerf 
Struü'ö njeniger. ^aä) aÖebem ttjirb man ba^ Urt^eif ber meiften jeit? 
genoffifc^en firititen billigen bürfen, weldje ba^ ®trut)'fd)e SBerf ate ba^ 
toUftänbigere unb braud^barere für afabemifdf)e 3u>ede empfel)ten, xo&f)' 
renb fie ba^ ipoffmann'fd^e afe ba^ wiffenfc^aftfic^ grünblic^ere rül)men. 
Compendium juris feudalis, Sena 1727: ein furje^ Se^rbudf), 
roeti^e^ nic^t nur bie ©piegel, fonbern mel)r nod| Se^nred^te unb 
2ef)nßgebräud|e eiujetner beutfc^er Territorien berüdfid)tigt. ^a§ 
Seftreben ift barauf gerid^tet, Songobarbifc^e, altere S)eutfd^e unb 
je^t in S)eutfd)(anb in ?lntpenbung befinbtii^e JRec^t^fä^e mbglic^ft 
t)on einanber ju fonbern. 

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134 »imt« ^Qpxtei. 

Jurisprudentia heroica seu jus quo Illustretj utuntur pri- 
vatum, fteben %\)dk, Sena 1743—1753, tit trier Scmbcn. 2)rei6ifl 
Sa^re fammeltc Struü ®toff för ein SSJerf,. m !DeIc^cm er pxi\)aU 
unb ftaatörec^tltc^e SJerftältniffe ber gürften burc^ eine mogüd^ft ftarfe 
Siei^e urfunbüd^ gefiederter ©etfptete unb ^racrf)ctiifal(e jiir S)ar= 
fteüung bringen njoUte. SJiöc^ feinem Zobe ga& fein ©c^toiegerfoftn 
^cßfelb bie brucffertige |>rir>otrecl^tfic^e ^ätfte mit ftarfen eigenen 
eingriffen unb 3^tt|aten ^erauö, bie ftaat^red^tKö^c ift unüeröffent^ 
üd)t geblieben. SD?an wirb bteö nac^ ber tjodiegenbcn ^älfte nirf)t 
aüjufelir ju bebauern ^aben; benn ti>of)I nod) njeit ftfirter ate bei 
ien gragen bes; ^erfonenftanbe^, ber (£t)efc^Ite§uitg, ber @roBiät)rig=« 
feit u. bgl. m. mären bei benjenigen nad) ber ftoatörec^tüd^en ©tetlung 
ier Illustres bie 3KängeI be«^ 5?erfal^renö tjerüorgetreten, tüelcf)e^ fk^ 
cn ber 3tnl)äufung ja^llofer Sinjclfäüe genügen läfet, o^ne ätegel unb 
^tuönaljme, Qät unb Crt, Sinftufe ber Jpolitifd^en unb perjönliclcn 
(Slemente ju trennen, ©o ift ba§ öud^ met)r eine ©ammlung gc* 
fd^ic^tlic^er Sßorfommniffe gehjorben, afe eine juriftifcfie 2)arftelltnig, 
tro^ ber lurjen Seitfä^e, nielc^e in jebem Slbfc^nitte ber ftettt ber 
S5eijpiele borangel^en. 

?(ufeer §eDfeIb ^ot um bie ©truu'fd^en 9lrbeiten mand^rlet 
^erbienfte fid^ erworben fein nädjfter ®c^ü (er Sf)riftian (äottlieb 
Söuber. SRamenttic^ übernahm berfelbe bie Fortführung ber Biblio- 
theca juris selecta, Don toefdier er eine SRei^e neuer Sluflagen 
üeranftaltete; unb bie SSerbefferungen unb 93erme^rungen berfelben 
finb fo bebeutenb, bafe man mit gug unb Siecht, feitbem, ftatt üon 
einer ©truö'fd^en nur nod) üon einer ®truö=93uber'fd^en S8ibIiotf)et 
rebet. ©über, fonft Ijauptfädjüc^ §iftorifer, \)at übrigene aud) 
met)rere eigene 3lbt)anb(ungcn jum 8ct)n= unb ©taatöre^t üerfafit, 
tt)eld)e unter elegantem 2!itet regelmäßig gebiegenen unb gelegentlid) 
im 2^^omafifdjen Sinne aufflärerifc^en 3nf)alt bergen. 

SSei allen 5ßerbienften ®truü'^ unb öuber'ö bleibt i^ren literör^ 
gefc^id)tlidjen Seiftungen immerhin eine te^te leichte Spur geleierten 
^anblanger'tf)um^ aufleben. S)er bcfreienbe Schritt, an Stelle einc>5 
Äatalogä ober felbft einer GJefdjidjte ber Sucher eine öefd^ic^te ber 
2öiffenfd)aft p feigen, get)t auö oon öottlieb StotLe, ber in fc^on 
gereifterem 3llter tjon 2t)omafiui§ nod) auf'ö Xieffte beeinflußt n^orben 
ift. StoUc gel)ört ju ben literarifc^en ^ollj^iftoren jener Stxt; au<^^ 
gerüftet mit folc^cm SäJiffcn, faßte er ben großen ^lan, eine @efd)id|tc 



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IV. a)ic öaUifc^e ni(^t«ftaotÄrc4tIi^c ©c^ule. 1) fiuboöici. 135 

ber gefammten 0eIct)rfam!cit ju fd^reibcn; aU er 1744 ftarb, toax 
bicfer ?ßlan für bie brei anberen gacultäten burd^gef üt)rt ; bie brutt 
fertige „^iftorie ber jurtftifc^en ®etal^rtt)c{t" aber fanb fic^ in feinem 
Scac^laffc öor, unb toieber ift e^ Sl^rift. (Sottt. ©über, ttjetd^em tt)ir 
bie 1745 erfolgte 5)ru(ffegnng biefeö bebeutenben SSerfe^ öerbanfen. 
Saöfelbe ^anbett in fieben Äa^iteln t)on ben üerfdjiebenen 3^^i9^n 
ber Sec^tönjiffenfd^aft ; anä) beutfd^e^ 5ßarticularrec^t, ja fetbft außer* 
beutfc^^ SRed^t erhalten babei il^re Äbfc^nitte. S)er Anfang jeben 
ftapttete bemfi]^t fid), über ben ©toff eine gemiffe red^tö* unb literär* 
gefc^ic^ttic^e Ueberfidjt ju geben, an ber §anb einer ^ufammenfteHung 
unb Sd^itberung ber ©po^e madienben SBerfe ber ®efe^gebung ober 
Siteratur. Siamenttid) biefe %f)txU finb eigenartig öerbienftlic^, 
roa^renb bie fpäteren 3;t|eile jeben Sapitete öielfac^ in btofee 
©ibIiograpl|ie jurüdffaUen. ?[fö befonberö gelungen in red^ti3gefd|id|t* 
lieber Sejiet)ung ift ber abfdinitt über ©trafred^t, afö befonberS 
ftoffretcf) ber über practifd^eö SRec^t (b. f), ^ßrocefe) ju nennen. Qu 
bem breiten, 5ufammenf)ängenben 3;ejte geben jat|IreidE|e 9?oten njefent» 
lic^ 3w*^ö*cn, toeld^e biömeilen ben ^oupttoert^ Ilaben, fei eö nun, 
bafe fie ben 3nt)att eine« ©ud^e« ober feine ©teUung in ber ©ettjegung 
ber 3^^^ nö^er fennjeid^nen, fei eö, baß fie biograpl^ifc^e ©Käjen 
ober anecbotifd^e SRotijen bringen. UeberaH tjat man ben (SinbrudE, 
einen »o^Iorientirten, in alle ^erfonaüen unb 3ntriguen, aber aud^ 
in bie 3^iefen ber ttjiffenf(J(afttidE|en Sntereffen feiner 3^1* eingettjei^ten 
SKann öor ftd^ ju l^aben, ber mit glücflid^er SBortiebe t)on feinen 
3eitgenoffen berid^tet. 9Benn gegen biefe bie älteren 3uriften etuja^^ 
ju furj fommen, fo gettjinnt babei baö ©ud) ate Slu^funftigqueUe, 
roa^ c^ ate gefd)id^tlid^e fieiftung üerliert. ®ö liefert baö getreue 
Spiegclbilb ber in 3;^omafifc^en Greifen ]^errfd)enben §Iuffaffung Don 
Sage unb fieiftung ber beutfc^en 9ie(J(tönjiffenf^aft. 

IV. S)urc^freujen fidt} bei ben ^ubliciften eigentljümlid^ bie 
Ginffüffe ber 3;f)omafifc^en unb ber ©occejifd^en Sbeen, fo liegen bie 
Scr^ättniffe einfad^er für anbere 9fied)töjtüeige. §ier treffen mir eine 
rein öallifd^e ©d^ule, mitbebingt burd^ ©tr^f'3 Sef)rtl|ätigfeit, reget 
mäßig aber unter bem entfd^eibenben ©influffe SIjomafifdEier ©ebanfen. 

1) ©0 ift Safob griebridt} 2ubot)ici, ber ju feinen fieb- 
Seiten fo unenblid^ überfc^ä^t, bann aber aud^ mof)l, fofort nad) bem 
lobe, 5u ^art beurt^eilt mürbe, junäd^ft öon ©tr^f ^erangebilbet 



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136 ^ierted j^apitel 

unb f)at au§ beffen ©d^ule bic gunbamcnte foliben SBiffcn^ mit- \ 
flebrad^l, ju ttjcld^cn bann I^omafifd^cr ©döliff l^injutrat. ©tarf 
aufflärcrifc^e Sbecn üertritt bie crftc feiner ©d^rtftcn, bic anongm, 
toof)I 1700, erfc^iencne „Unterfuc^ung bcg 3nbifferentii^mi Äeligto^ 
num". S)arauf folgt bie, ganj an^ SJorlefungen bc^ Ji^omafiu^ bcr- 
vorgegangene, Delineatio historiae juris divini, naturalis et posi- 
tiv! universalis, ^aUe 1701. S)aran rei^t fi(^ bic glutl^ Snb0t)ici= 
fc^er fiel^rbüdjer über Sc^nrcdjt, SRe^t ber 9?oöeIIen, 6iüiI<)Toce6, 
peinlichen ^rocefe, Soncur^, SBed^fet, Eonfiftorial*, Äriegö^^ unb 
Set|ni^proce§, über SRed^t ber ?ßanbeften unb über SRatnrrcd^t. SBon 
biefen l^aben ben nteiftcn ©rfolg gel^abt bic gern jufammengefteUten 
^ßroccfecinleitungen unb ba^ ^anbeftentoer!. ©rftere l^aben baö 
ajerbienft, juerft für biefen ©egenftanb bie beutfd^e ©prad^e an* 
getoenbct, bie fonft feiten bel^anbeltcn befonberen ^ßrocefearten nad) 
practifd^en, meift preufeifd^en Duellen bearbeitet, überaß aber jum 
erften SKolc ben gemeinen beutfc^en öon bem ©äe^fifd^en ^rocefe 
uiöglid^ft gefonbert gu l^aben. Sefttere^ ift auf ©tr^Fi8 ^Inrcgung 
gefdjrieben unb ftef)t benn auc^, unter Slblel^nung ber antiromanifti^ 
fd^cn Sbeen bei8 3;i)omofiug, unmittelbar auf ©tr^Fö ©tanbpunft; 
ate ein Äuöjug auö beffen großem 5ßanbeftentoerf mit cinjelnen 
2;^omafifd)en 3^*^^*^^ ^f* ^^ ä" betrad^ten. ÄUe bicfe fieljrbud^cr 
fiuboüici'g finb, fei e^g nun S)eutfd^ ober fiateinifd^, glatt, überfic^tlic^, 
furj unb tei^t üerftfinblic^ gefc^rieben. 3nbem fie -beöl^atb toeite 
Sßerbreitung fanben, l^aben fie im Kampfe ber 5ßreufeifc^en ©c^ute 
(örunnemann, ©tr^f, I^omafiuö) gegen bie ©öd^fifd^SarpjoD'fc^n 
Ueberlieferungcn bebeutfam mitgetoirft. Sbcnfo finb feine Aufgaben 
beig ©ad^fenfpiegefe unb bei^ ©öd^fifdEjcn 9BeidE|biIbö, öon 1720 unb 
1721, lüennfd^on nur Slbbrücfe öfterer ©bitionen, ber 2;enbenj unb 
3Birfung nad^ öerbienftlid^e Unternehmungen. Unb feiner ?Iuögabe 
ber Carolina mit practifi^cn SRoten mufe nachgerühmt ttjcrben, baft 
fie bie Bambergensis baneben brucft, SBertoeifungen auf bie Branden- 
burgensis regelmäßig beifügt unb beibe Slerritorialgefege jur Äui^ 
legung be^ 9leic^i8gefefee^ tieranjie^t, inbem fie jene aU äKutter unb 
©djnjcfter bicfe^ tefeteren bcäcid^nct. ÜKan ttjirb bemnac^ Suboüici 
aU einen nic^t nur ungemein fleißigen, fonbern auc^ tücl)tigen, 
gelet)rten, 5U felbftänbiger gorberung ber Giebanfen unb 9Iufgaben 
feiner ©dE|u(e befähigten 3uriften getroft bejeic^nen bürfen. 



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IV. 3)ie ^üHifc^e nit^HtaatSre^tlic^c @^ule. 2) ®. ©cl)er. 137 

2) ^u bcn näd^ften ©d^ülern beig S^l^omafiuö fleprt ® eorg ©e^er. 
©ein SRame ift btö l^eute l^aiiptfäd^lic^ befannt toegen bcr befonbercn 
i^ortcfungen über S)eutfd|ei8 5ßriöatrec^t, bte er in SStttenberg feit 
1707 get)alten f)at Sft e^ nun auc^ irrtt)ümti(J(, biefe al^ bie er[ten 
i^rer Art ansufefien, tt)äl)renb öielme^r 3;t)omafiu^ eben folc^e 
minbefteng fc^on feit 1705 ^ielt (ögt. oben StapM 3 ®. 90), 
fo jcirfjnet fid| bod^ S5et)er auö burc^ forgföftige öeftimmung ber 
Aufgabe unb burc§ forgfälttge 2luöarbeitung. ©tu gefc^toffeneö fiel^r^ 
gebäube be^ S)eutf(J(en 9led^t^ oufjufüliren, ift er freiltd^ fo ttjeit 
entfernt, bafe er öon öoml^erein nur SBorträge über einjelne Slbfc^nitte 
bej^ 3)cutfd^en JRed^t^ anfünbigte. (£g I)anbelt fid^ bei i^m um bie* 
jenigen X\)dle be^ geltenben SRed^tö, bei ttjelc^en biefe^ auöfd^liefelic^ 
auf 3)eutfc^em SRed^t beruht, unb welche eben beö^alb in ben Sßor* 
lefungen über ^anbeften feine rid^tige ©teile finben, tüäl^renb fie boc^ 
unbebingt bem SRerfitöfc^üIer öorgefü^rt »erben muffen, ©o greift 
er fie ^erau^, orbnet baö jiemlid^ bunte Gongtomerat nacf) bem 3n* 
ftitutionenf^ftem unb fud^t bie beutfd^red^tUdtien duellen bafür nad)* 
Sumeifen. Qu biefem öel^ufe nimmt er, mie bei fotd^ erftem Sßerfud^ 
rDof)l begreiflid^, feine ®ermaniftifc^en ©ä^e überall l^er, njo er SSei^^ 
trage ju i^nen finbet, auö älteren unb neueren Duellen, auö ©piegeln 
unb ^orticularrei^ten , am meiften auö Siotijen ber oerfd^iebenften 
©c^ftfteller über ha^ bei itjnen ®ebräud^Iicf)e, ober aud) auö ^ertiuö' 
Siec^t^fprid^Xüörtern ; jebenfalld üermeibet er eben ^ierburcf) ben ^rr- 
t^um ©c^itter'g, ol^ne SBeitereö bie ©pieget ote geltenbe (Sefefebüd^er 
jfi be^anbeln. 2)ie Slußfü^rung bleibt regetmäfeig bei ben elementaren, 
bem ©c^üler not^tüenbigften (Srunbfä^en fteijen, fud^t biefe aber 
juriftift^ fd^arf l^iuäuftellen. ©n billiget ©efainmturt^eit über ein 
foldje^, unö überbieä bloö burt^ SoIIegien=^efte überliefertet ^Beginnen 
ift fc^toierig ju fallen; felbftt)erftänblicf) ift öon öoUer S3ef)errfct)ung 
bc^ ©toffe^ noc^ nid^t bie SRebe, bie gefc^icfitlid^e 3(uffaffung oft nocf) 
pt)antafttf(J( fül^n ober gar abttjegig; aber ein braucf)barer ?Infang 
ift boc^ gemad^t, bie %x^toai)l ber ä)Zaterien ift burd^ujeg richtig unb 
nic^t ju unüoQftänbig , bei mancher Sinjet^eit ift mit erfreulid^em 
S{^arfblicf ba^ SRid^tige getroffen. 

2)a^ SoUegiens^eft ju biefen SSorfefungen t)at auö Se^er'^ 
9la(^la6 9». f). (Sribner, ^aUe 1718, unb barnad^ (£. ®. ^offmann, 
fieipjig 1723, l^erau^gegeben, unter bem für feine anberen 8e^rbüct)er 
üon 93et|er felbft regelmäßig benu^ten 3;itel einer Delineatio. 95et)er 



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138 SBtcrtcS ftapttcl. 

pflegte nämlic^, toie Jf)omafiuö, feinen Sßorträgen furje, feft aue 
gearbeitete ©djiagfäge, fogenanntc Positiones, ju ®runbe ju legen, 
in natürlicf) facf)gema§er, nid^t fünfttid(er — ttjeber fc^otaftifd^er, nod) 
ramiftifd^er — SReit)enfoIge; au^ bem 3Bunfc^, baö S)ictat berfelben 
JU erfparen, finb bie öerfdiiebenen ©e^er^fc^en Delineationes \)tx\)ox- 
gegangen. Unter itjnen öerbient biejenige über baö ©trafredit bc= 
fonbere ©rnjätinung beö^alb, lüeil fie fid^ öon ber ©runbloge ber 
ftrafre(^tIi(J(en ^anbcften^Xitel ganj befreit unb bagegen öoQftänbig 
auf bie Carolina aufbaut ; öe^er toeife über le^tere f oöiel S^üc^tigee, 
namentlich aug ben beutfcf)en 9iedE|t^aItertf)ümern, in bünbiger Äürje 
ju fagen, bafe biefe feine Positiones felbft nac^ ben fie balb über= 
t)otenben Seiftungen eineö ftrefe unb eine^ 3. ®. 3- Sommer noc^ 
einen gemiffen praftifd^en SBertf) bel^alten f)aben foHen. 3n ben 
ciöitiftifd^en 2)eIineationen näl^ert fid) ©e^er fo fet)r, wie mit ber 
5ßrajiig irgenbmie vereinbar, ber S^^omafifc^en Slnfd^auung tjon ber 
geringen Oettung be^ SRomifdEjen 9tedE|tö in S)eutfd^Ianb. 

SJerbienftlid^ ift nod) ©e^er'ö ©ammtung ber ©d)riften be^ 
überaus gelehrten unb feinfinnigen, ganj jung öerftorbenen griebrid) 
örummer, mit einer SSorrebe be^ Herausgebers De jurisprudentia 
formulari rituali et symbolica, meiere üon erfreulichem S^erftänbniti 
für ben guten Sinn fefter gormcin unb formen im SRec^tSleben 
jeugt. — Öiterörgefc^ic^ttic^ ift ©et)er afS ber bebeutenbfte Sßorgänger 
ö. ®. ©truü'S äu begeic^nen. 3ft auc^ bie 3iM"önimenftelIung ber 
tjunbert SBerfe, tt)etcf)e er in feinem ©c^ebiaSma befprid^t, eine jiemlidj 
bunte, fo ift bod^ Dkl SöebeutfameS auSgemä^ft, bie ©efprec^ung felbft 
ftetS grünblid) unb an »eiteren 3luSbliden fein SKanget: fo bafe bae 
Sücfilein mit SRedjt öon einem grünbtid^en Äenner ber folgenbeu 
Generation afö 9lnfang einer toiffenfc^aftlid^en ©el^anblung ber juri^ 
ftifd^cn ©ibtiograpt|ie I|at bejeidEjuet ttjerben fönnen. 

3) ®ottlieb ©erwarb S^itiuö ift ein anberer fiieblingSfc^ülcr 
bcS 3;t)omafiuS, gleicfifallS nocf) auS beffen fieipjiger Sauren. SSie mit 
SBe^er 3Bittenberg, fo t)at X^omafiuS mit ^itiuS fieipjig erobert, 
allerbingS erft, nac^bem berfelbe 21 3al)re auf bie 5ßrofeffur bortfelbft 
gettjartct f)atte. Ginmal aufgenommen, fanb JitiuS jebod^ lebhafte 9tn= 
erfennung; aU if)n am 10. Stpril 1714 ber %oh ^inttjegraffte, befteibete 
er bie SHectoratSujürbe. ^on feinen SBerfen feien fotgenbe genannt: 

Diss. de fictionum Romanarum natura et inconcinnitate, 
1694. Sn biefcr "Jlbtianblung richtet fid) bie 3:l)omafifd^ ?tbneigung 



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IV. 2)ic ©aUijc^c mrf|t=ftaat«rcc^tUd^c @(^ulc. 3) Sitiu«. 139 

gegen ba^ Kömtfc^e 9ie(J(t auf Derftänbnt^DoUe unb felOftänbige Söeife 
gegen ben ÜRiBbraud) ber ^ictionen, ttjelc^er unpaffenb unb trrefüf)renb 
fei; eine merfnjürbtg tief einbringenbe , mit treffenben ©eifpieten be- 
legte Unterfudiung. 

Specimen juris publici Romano -Germanici, Seipjig 1698. 
Sin 95uc§, njeld^e^ in ber ftaatiSred^tlidien Siteratur ber Seit aöein 
fte^t, ba c^ bie (Sefc^id^te nur einleitungöttjeife betjanbelt, atten fftaä)- 
brucf aber auf met^obologifc^e unb f^ftematifd^e S^agcn legt. 3n 
biefcr ©ejiel^ung bcfan^jft c^ fd^arf bie Snftituttoncnfd^ablone, in^alt« 
ßc§, bejüglic^ ber Äuffaffung ber SReici^^uerfaffung, fc^Iiefet eg fic^ 
na^c an ^ufenborf an. S)a§ eigenartig georbnete unb gebac^te 
SBerf f)at bei ben 3citgenoffen mand^c^ SBort ber Slnerfennung, aber 
toenig practifc^c Seac^tung gefunben. 

STOc^r ©rfotg ^attc be« Stitiuö ©eutfc^c^ Se^nrec^t, Seipjig 1699, 
bie crftc bcrartige S)arftellung in beutfc^er Sprad^e. ©ie befolgt bie 
SRet^obc ber positiones, fielet in ber Seigre öx)n ben SRed^töqueUen 
auf 3:i^oniafifc^m ©oben unb faßt abcrmate auf burdt} üerl^Sltnife* 
mäfeig langttjierige Sluiocinanbcrfefeungen über rid^tigc Drbnung unb 
©int^eilung. 

Observationes in Pufendorfii libros II de officio hominis 
et civis, eine ber fleifeigften unb forgfättigften Strbeiten unfered 
3(utor^. 9D?it großer SSerel^rung für ^ufenborf öerbinbct fic^ bod) 
manche feine Äriti!; an ben 5ßufenborf'f(f|en 5ßrincipien l^at %ith\^ 
übrigem^ feftge^alten, felbft gegen bie fpätere abtoeidEjenbe Seigre be^ 
2:^omafiud. 

Site befto öerbiffencren X^omafianer geigt er fid) auf einem 
onberen ©ebiete, in ber ©d^rift: ,,@ine ^robe be^ beutfc^en geiftlidtjcn 
äiec^tö, toie felbigei^ ol^ne papenjenbe aSerfätfd^ung, aud^ anbere un= 
förmliche ©ermirrung aug ben (Srunbfä^en göttlid^er Steinte jum 
©ebrauc^ proteftirenber ©taaten in rid^tiger Drbnung etttja fönnte 
fürgefteüet ttjerben", Seipjig 1701. 2Kit bem Slufffärungöeifer unb 
mit bem ^afe gegen l^errfd^füd^tige ©eiftlid^feit öerbinben ficfi auf'^ 
engfte n)iffenfd(afttid^e ©infic^ten. 3nbem Stitiuö biefen ©toff juerft 
in beutfc^er ©prad^ bel^anbelt, fprid^t er baö principieQ au^, xoa^ 
S^omafiu^ übte, bafe fat^olifc^e^ unb proteftantifd^eiS ftirdtjenred^t ju 
trennen, fowie bafe fanonifd^e^ unb Äirc^enrec^t ganj öerfd^iebene 
S)ingc feien. 9Kit met^obologifc^er ^larljeit wirb t)erfud)t, ein nb=^ 
gefc^Ioffeneig ©^ftem be^ proteftantifd^en Äirc^enrec^t!^ aufjubauen. 

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140 SBicrtc« Stapittl 

Ate Duellen beffelben finb ein;(ig SRaturred^t unb bte Äirt^en^ 
orbnungen ber proteftantifd^en ©taatett anerfannt; ate ©egenftaiib 
beffelben, ba mnerlid} firc^fid^e Dinge leinen 3^^^9 ^^'^ ^^^ ffledft 
fennen, blofe bie religifiö^inbiffercnte äußere Äird^enorbnung. 3)ie 
SBa^rung biefer Äirdienorbnung ift Baä)t be^ Sanbe^l^erm, toel^er 
befonberiB aufjumerfen f)ai, ia% il)m biefe feine ^o^eit^rcc^te nid^t 
burd) flerifale Uebergriffe gefc^mälert tt)erben. S)a 2^itiiiö in ber 
?(ugfül^rung biefer testeten ©äfee 6i^ ju lebhafter ^olemif unb 
©at^re t)orget)t, fo ift eö gleic^ natürlid^, ba§ 2^t)oniafiu^ fid^ mit 
SSorliebe rüdwartö auf i^n beruft, toie ba§ in fiei^jjig bie %f)eoioQen )\d) 
beöl^alb feiner öeförberung lange mit (Srfolg ju tt^iberfe^en öermod^ten. 
Juris privati Romano-Germanici ex omnibus suis partibus, 
puta jure civili ecclesiatico et feudali, hactenus separari solitis, 
secundum genuina jurisprudentiae naturalis fundamenta . . . 
ordine naturali . . . compositi . . . statui rei publieae Germani- 
cae adtemperati libri XII, Setpäig 1709. ©4on au« bem langen 
2^itel ert)ellt, bafe c^ ficf) l^auptfäc^ücfi ttjieber um metl^obologifc^c 
Steuerungen l^anbelt. 3n SRüdffc^Iag gegen bie Steigung ber 3^it, 
»eld^e bie B^^^fl^ ^^ Suriöprubcnj ju befonberen gac^wiffenfc^aftcn 
au^jubilben beginnt, bet^ätigt litiuö bai^ ©treben be§ ©^ftematifcr^ 
nad) plangemäßer Sel^errfc^ung be« ®an5en, ttjoju benn aber bocft 
feine ©eftaltungöfraft nid)t öoH auöreid^t. S)ie oberfte ©ntl^eilmig 
jttjar ift nic^t unglücflicf) fo getroffen, ba§ ein ^räliminartt)eit bie 
gemeinfamen 9Sorfragen unb ©runbfö^e umfaßt, ttjöl^renb einem 
§aupttf)eile bie einjelnen 9iec^t«üert)ältniffe jufaHen. 3Iuc^ innerhalb 
biefe« ^auptt^eite ift bie ©^ftematif für bie Sucher, loeldEie ba^ 
eigentlicf)e ?ßriöatred^t bef)anbeln , mertoürbig tt)ot)(gelungen ; ber 
fd)lüierigfte Sl^eil ber felbftgeftellten ?lufgabe aber, mit biefem ^riöat^^ 
rec^t aÜe ftaatli^en, firdEjlid^en unb feubalen 3lec^t«bejiet)ungen ber 
einjelnen ^riöatperfon ju Sinem Oanjen ju öerfcfimeljen, ift nur 
fd^einbar gelfift, inbem fid^ biefe S)inge in bunter SKifd^ung ober 
unöerbunbener SSereinjetung anfc^liefeen. S)ie 5ßrincipien be« 9tatur= 
rec^t« finb überall ate bie Ijerrfd^enben ^ingefteUt, öom allgemeinen 
2:^eile ab bi« ju ben unmittelbar praltifdEjen SRed^töfä^en be« befonberen 
Itieite. Sil« erfreulid^e ©insell^eit fei etttia herausgegriffen, bafe a\& 
einjige« (£ntftet)ung«mittel ber 95ertrage ber Sonfen« auftritt — 
"Jitiu« enblid) t)at ben ÜJiutt) gefunben, bie öeraltete römifd^e JBicr^ 
t^eilung über 95orb ju ttjerfen. 2)a« fnapp unb fc^wer gefd^riebenc 



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IV. 3)ie ©aflifc^c ni(^Htaat8rc(]^tlid|C ©c^ufe. 4) ®cr§arb k. 141 

SBcrf tütrb öon ben ©pöteren ate cineö ber erftcn unb bcften 3Rufter 
für „Stppüfation" bcö Siaturred^tö auf bai8 ßtoilred^t gcrül^mt, tt)enn= 
fc^on t^ bcm ^ractifer ttjcnig biete, äud^ öon ben Sßortefungen be^ 
^itiuö ^oren tpir, bafe er gewohnt gettjefen fei, „ben ®runb öon 
feinen Sef)ren unb \va^ bei ben rBmifd)en unb päpftlid^en Oefegcn 
tjemünfttg ober unöernünftig fei, oUentdalben anjujeigen". 

4) Snbem ttjir in Sitiuö bie naturrec^tüd) aufflärerifc^e Seite 
be^ S^Dmafifd^en ®eifte^ im ©cgenfafee ju bem bei ©eljer ob* 
njaltcnben gcrmaniftifx^s^iftorifd^en Sntereffe befonberö aui^geprägt 
finben, fü^rt er unö l^inüber ju einigen anberen 3uriften, ttjeld^e 
ä^nli^e Anregungen en^jfangen t)a6en. 

ßunöc^ft fei ^ier genannt ©p^raim Oer^arb, ^rofeffor in 
?lItborf unb Se^rer ©runquell'ä, beffen audgebel)nte afabemifd^e unb 
literarifcfie I^ätigfeit tjielfad^ ber SScrbreitung Ji^omafifd^er Sbeen 
gewibmet toor. ©r fc^rieb bie SSorrebe ju ber beutfdien Sln^gabc 
t)on „Sl^omafü göttlid^er 8ie(j^tögelef)rfamfeit'', §alle 1709; t)crf aftte 
genau uaä) 2it)omafiu^ eine Delineatio juris naturalis, 3ena 1712; 
beffimpfte baö Snftitut ber golter unb bie SSerfagung et)rlid|en 
SBegröbniffeg beim ©elbftmorbe; unb befd^äftigte fid^ eingel^enb mit 
beutfd^em SRec^t. ©aneben get)t bei it)m eine ^umaniftifd)*elegante 
Siic^tung; feine Commentatio ad legem Fufiam Caniniam, Sena 
1707, iüirb öon ipeinecciui^ Hu ben beften Seiftungen auf biefem 
©ebicte geredtjnet. 

3n unbebingter äb^ängigfeit öon ben 2;^omafifdE|en S^aturree^tö* 
principien ftel^en 3ot)ann Saurenj gleifd^er*^ Institutiones 
juris naturae et gentium, jeboc^ mit felbftänbigen (Sinsellieiten. 
Umgefel^rt njenbet beö alten Samuel ©tr^f ©o^n Sol^ann Samuel 
Str^f bie 3;^omafifc^en Slnfc^auungen auf 'ig Gnergifc^fte an für 
firc^enrec^tlicfie unb el^eredE|ttid)e gragen, tt)ät)renb er in allen fünften 
fonft feinen eigent^ümlid^en ©tanbpunft, in ber 9iaf)e feinet 9Saterg, 
einnimmt. ©oUte er ttjirilid), tüie mit grofecr 3Ba^rfc^einlicf)feit an:^ 
june^men ift, mit einem S{)eo logen jufammen ber Slutor eine^ merf- 
njürbigen öudEjei^ fein, toeld^e^ unter bem 3;ttel „fiid^t unb SRec^t" 
1705 anonym erfd^ieu, fo tofire er ate einer ber erften, menn nicfit 
gar aU ber erfte Seugner bcö SWaturred^t^ anjufel)en. 

SBieHeic^t bie merfmürbigfte SJerbinbung öerfc^iebenartigfter ©in* 
ftüffe finbet fid^ enblicfi bei §einric^ ©ruft Äeftner, bem in 
n^eiteren ftreifen nur alö ßorrefponbenten be^ Seibni^ befannten 

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142 SBiertcg StapMtl 

^ßrofeffor ju Sftintelii. Wt bem großen ^^tlofo^l^en faßt Äeftncr 
bie Surt^prubenj auf afe Öe^re t)on ber attgemeinen ®ercc^tigfcit ; 
für ba^ SRaturred^t ntmmt er ben ©tanbpunft ßocceji'^ fo öoQftänbtg 
an, ba§ er meint, ttjenn nur biefer feine Sbeen in einem ©Aftern 
jur SDarfteHung gebrad^t tjätte, njürbe toeiter lein SBuc^ barüber me^r 
gefcf)rieben ju toerben brauchen; unbebingter X^omafianer aber ift 
er in ben ^agen be^ Äirt^en*, be^ S)eutfc^en unb be^ 9iömif(^en 
JRed^tö, befonberä SBert^ unb ©ültigfeit biefeö festeren anlangcnb. 
Unermüblid^ tt)ie Xtiomafiu^ üerfolgt er bie naevi ber römifc^en 
SRed^t^Iel^rer unb bie gäfle ber Ungüttigfeit il^rer fie^re in Seutfc^- 
(anb; jufammengefafet Ijat er 30 2)iffertationen über biefen ©cgen* 
ftanb unter bem Xitel: Tractatus de valore Digestorum, SRinteln 
1717. 3nbem er l^ier an ber §anb t)on ©tr^f, Suboöici unb Scljer 
bie ^anbeftentitef burd^ge^t, überbietet Äeftner toomögtic^ nod^ ben 
S^omafiuö, ba er ate abftracter ©^ftematiler nid^t baöor jurüct^ 
fcfteut, felbft ben in üoüer Slnttjenbung befinbIidE)en ©ä|en be^ 
Stömifd^en SRed^tg aEe 9SerbinbUcf)fcit abjufpred^en, fofem fie gegen 
SSernunftre(J(t unb SöiHigleit üerftofeen. Unb foli^e^ trägt berfelbe 
9tedjtglel)rer öor, toetd^cr bei anberer (Selegenl^eit bem Siömifc^en 
SRedEit bie ©c^ulb an ber allgemeinen 5Red)töunfid^er]^eit be^l^alb ju^ 
fcf)iebt, ttjeil e^ in öiel ju ttjeitem 9Ka§e bem Siid^ter arbiträr freie 
©ntfd^eibung übertaffe! Srft burd^ ben ®egenfa^ ju btefem big^er 
feiten bcad^teten §affe Äeftner'ö gegen ba^ 9Jömifd)e Siedet erhalten 
il^re jutreffenbe Söeteui^tung bie befannten Sobeöerl^ebungen, meiere 
fietbnig in SSriefen an Jieftner bemfelben SRecfit fpenbet. 

5) (Sine felbftänbigere öebeutung aU bie meiften biä^er (benannten 
ftd^erte fid^ Sol^ann ^aul Ärefe, inbem er ficf) bem ©trafrec^te 
befonberi^ julüenbete, b. ^. einem ^elbe, toddjt^ Stljomafiuö jur Se* 
bauung genügenb vorbereitet, nid^t aber bereits^ abgebaut ^atte. 
3!)enn bafe e^ fid^ nid^t um eigene Sbeen ^anbelt, menn bei StteB 
baö SRömifdje ©trafred^t öcrfc^njinbet, bie Carolina afe Orunblage 
erfd^eint unb ju bereu Sluölegung auf beutfd^e ®efcf)id^te unb Sttter^ 
tpmer äurüdEgegriffen toirb, baö erließt fd^on barauö, bafe Öeijer 
unb Suboüici ebenfo öerfal^ren. S)ie ^ßrincipien waren eben ©c^ut 
gut; aber firefe f)at fie am ficf)erften erfaßt, mit befonberer ©elefir^ 
famfeit bur(f)gefül)rt unb baburd) mit 9ied)t ben 9iut)m erlangt, ben 
erften njirflic^ guten Gommcntar jur Carolina geliefert ju I)aben, 
in feiner Commentatio succincta in constitutionem criminalem 



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IV. $)ic ©aHifdic nic^HtaatÖrcdStlic^c ©d^ulc. 5) JTrcß. 143 

Caroli V. Imperatoris, ^annoöer 1721. 3(fe gefd^ic^t(id) toert^= 
üoU ift bei bicfer Slrbeit namentlich bie SSerglcic^nng ber erften 6nt^ 
rourfc öon 1521 unb 1529 ju rühmen. S)a eg aber Ärefe nic^t bloß 
auf folc^ gefc^id^ttidie (Srfäuterung anfommt, fonbeni auc^ barauf, 
an ber ^anb beö ©efe^e^ ben geltenben SRec^t^äuftanb ju fd^ilbern, 
}o beachtet er nid^t minber forgfältig reic^ägefeftüc^e, genjo^n^eitöred^t* 
Itdje unb territoriale gortbilbungen. 3)urc^ bad SBerf gel^t, tro^ 
üorfic^tiger S^^^ö^^ö^^^^ß ^^i einjelnen bcbcnftii^en ?ßunften, im 
i]ani\en eine tief innerliche 9tuffaffung Don ber Strafgered^tigfeit unb 
eine Rumäne Slbneigung gegen ®raufamfeit, bie um fo tiefer roirfen, 
je entfernter ttrefe fic^ l|ält öon S)efIamationen unb öon Über^^ 
treibungen, inie fie ju biefer 3^^* f^^^ Dereinjeft auftreten. ÜKan 
roirb e^ banad^ gerne glauben, toenn nn^ wn it)m berid^tet toirb, 
er ^abe fid^ aud^ in ber ftrafred^ttid^en ©prud^praji^ großer ÜKilbe 
befliffen. @ine intereffante Stnttjenbung biefer feiner Ueberjeugungen 
tritt ^eruor in ber gelegentlicfi eineö practifc^en galld gefd^riebenen 
„^Betrachtung uon bem SRec^t ber toub unb ftumm ©eborenen", 
i^elmftäbt 1730. (Jr öerficf|t ba bie 9lnfid^t, bafe gegen fold^e Un^ 
glficHicfte peinliche Strafe in it)rer DoUen ipärte nid^t ftattl^aben 
burfe; nicf|t beöl^alb, tt^eil fie gar nic^t benfen tonnten, uielmef)r 
feien fie ©egenftänbe ber täglichen ftnnlic^en Grfa^rung ju erfaffen 
root)l befähigt ; auc^ nic^t, toie man in §atte argumentirt ^atte, tt?eil 
it)r @eftänbni§ nie beutlii^ genug fein tonne, oielme^r üermöc^ten 
i^re Qeid^tn. gerabe fo beutüdi ju reben tt)ie unfere SBörter; felbft 
nic^t, n?eil bie ©träfe bei i^nen nid)t ttjirfe, uiefmelir toirfe fie bei 
i^nen ficf|erlid^ minbeften^ fo wie bei 3;^ieren unb Stinbern, gurd^t 
cinflöBenb unb abfd^redenb; fonbern be^^alb, ttjeil bie überfinnlid^en 
begriffe beiS @uten unb ööfen, ja ber Segriff eineö gefe^Iicf)en, 
moralifc^en ober religiöfen ®eboteö für fie unfaßbar feien, ©cftraft 
ober »erbe ber SWenfd^ nid^t wie ein 3;^ier, blofe ju 3^eden ber 
aujjeren 3^d|t; fonbern in SRücffid^t „auf bad äJerbienft ober meri- 
tum beö i8erbred)erö" unb in ©rwägung „ber Intention, be^ greöel^^ 
ober 2)?utt)n)illenö". Snbem Ärefe biefe Säße gegen 2(uguft Se^fer 
in ge^attooUer, aucf| fpracfjlid) nortrefffid^er 2)arftellung oerfic^t, ift 
er ber erfte mittelbare Urheber ber milben 93ef)anb(ung ber ^anb^ 
ftummen im heutigen ®trafred)t geworben; bie oicl weiter reid^enben 
3been aber, welche er bei biefer @e(egenf)eit anwenbet, finb offenbar 
bie Jrucfit ber naturrec^tlicfien 3cf)ule. 



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144 «tcrte« Äapitcl. 

Äre§ f)at nad) ben t)on biefer ©eite empfangenen Slnregungen 
auä) auf anberem ®ebtete gearbeitet, .^ertjorgel^obcn fei bai^ Speci- 
men jurispnidentiae privatae, §alle 1709. 2öie bei bem bem^ 
fetben Satire angct)örigen ?ßriöatred^t be§ 2;itiuö, ^anbett e^ fic^ 
um einen SSerfu^, ben gefammten nidit - publiciftif^en JRec^t^ftoff 
ft)ftematifcf| ju umfpannen, 3n einem einleitenben 3lbfd)nitt gibt 
Ärefe felbft an, fein ©Aftern uerbanfe er l^auptfäd^Iid^ 3;t)omaftU!g ; 
unb tliatfäc^Iid^ ftimmt eö mit bem ber 3;^omafifc^n @runblel|ren öon 
1699 in ben meiften fünften überein; jebod) erl^ebt eö fid^ jur 
©etbftänbigfeit in bem SlugenbtidEe, in weld^em Äre§ fein eigenftes 
öiebiet toiebertrifft. Dfjne öiel 3Borte ju mad)en, ^anbelt baö öicrte 
58u(J( t)on ben S)elicten nur „quatenus privatum Interesse ex- 
inde persequimur", toälirenb erft baö fed^fte öud^ bai8 öffent* 
lic^e ©trafred^t bringt. 35ie ©onberung ber bei 3;f)omafiug noc^ 
mit bem @trafred|t uermobenen S)eIict^=Dbtigationen öon bicfem ift 
au^gefü^rt. — Söenn ba§ ©ud} tro^ feiner SSorjüge einen nocf) 
geringeren (Srfolg tiatte, afö baöjenige beö 3;itiuö, fo !ann baö nid)t 
etnja an bem f^ftematifd^en SSerfa^ren liegen, foüte bod) afebalb 
S3erger'ö Oeconomia juris grofee ©eüebtl^eit gett)innen. SBielmc^r 
ift bie Urfac^e barin ju fucf)en, bafe für bie große ?Injal^t ber 
^ractifer unb für beren cafuiftifc^eö 95ebürfni§ bie SBerfe be^ 2;itiiid 
fottjol^l tpie beö ftrefe ju furj bogmatifc^ gel^atten finb, ttjöl^renb fie 
boc^ ttjieber ju au^gebetjut unb fd^njierig finb, um ate afabemifc^e 
Setirbüc^er ju bienen. Xitiuö fanb »enigftenö eine fleinere ®emeinbc, 
in i^oIqc feiner SSorliebe für \>a^ 9iaturre(J(t, an ben befonbercn 
greunben beffelben. 5h:e§, bem aud) bie^ öerfagt blieb, ift ber SRad^ 
tüelt faft auöfc^Iiefetid) ate Sriminalift erinnerlidt}. 

S)ie ftrafred)tlic^en (SrrungenfdEiaften in furge ftjftematifd^c &^r^ 
büd^er ju bringen, unter öerürffic^tigung ber fäd(fifc^en ^ßraji^, 
l^aben bann öerfud)t Äarl SBill^elm ®ärtner unb 3)ietric^ 
4^ ermann Äemmeric^. S)e§ ©rfteren Institutiones juris crimi- 
nalis, fieipjig 1729, finb nodf) l^öi^ft unüottftftnbig, Äemmerid^ 
bietet in feiner Synopsis juris criminalis, Sena unb Seipjig 1731, 
trol} ber großen Äfirje fd^on mc^r (Sinjelfieiten ; unb jnjar im (Seifte 
ber St)omafif(^en ©d^ule, öon ujelc^er er ausigel)t unb beren (Sinfluß 
er u. a. auf bie Stitterafabemien (Jrlangen unb SBranbenburg über* 
tragen t)at. S)ie ßeitgenoffen rühmen aufeerbem fein ftaat^rei^tlic^ 
^anbbud) ujegen be^ üermitteinben @tanbpunltei8 unb luegen grofeer 



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IV. 3)ic ^anifc^e nirf|Htaot8rcc^tlt*e ©cf)u(e. 6) 3. §. ©ö^mcr. 145 

3?oIIftänbtg!ett ; irgcnb ttjelc^e tüiffenfc^aftUd^e öebeutung !ann jebod} 
bcmfclben nid^t beigemeffcn tüerben. 

6) SBir gefangen ju ber umfaffenben unb bebcutfamen 3;i^ätigfett 
t)on Suftug Henning Söl^mer. Dbfc^on biefetbc fic^ auf aUc 
(Gebiete be^ 9iecf)tö erftrecft, fo laffcn fid^ bte loid^tigften feiner 
Schriften boä) in brei Slaffen fonbern: bie f ird^enred^ttid^cn , bie 
panbcftenrec^tlicfien unb bie practifc^en. 

3m 3a^re 1701 erfdtjien: Jus parochiale . . . ita adornatum 
ut jus ecclesiasticum Protestantium illustrare queat, eingefül^rt 
burc^ eine 9Sorrebe beö alten ®trt)i öom 27. September 1701. (£^ 
ift eine grünblirfie unb fleißige bogmatifd^e ?lrbeit, tüeld^e fic^ bereite 
au^jeic^net burd) SRüdEfü^rung jal^Ireicf)er, ber Siteratur unb ©prucf)*^ 
praji« entnommener, ©injelfäüe auf ^öl^ere 9tec^töfä|e, in il)rer ftreng 
juriftifc^en ©olibität unb practifc^n Sraud^barfeit fo red^t ein 3S3crf 
nad^ bem ©eifte ®trt)f'^, ber t)ier nod^ ganj öortoaltet unb S^lioma- 
fifc^e Unterftrbmungen jurüdEbrängt. S)agegen bringt baö Sal^r 1708 
eine ?lu^gabe oon Petrus de Marca, de concordia sacerdotii et 
imperii mit 9?oten, ate erfte gru(f)t Iebt)after angeregten ©inneö für 
^iftorifc^e gorfctjung unb für poIitif(f)e Setrad^tung im fiirc^nrcd^t. 
Solche Sntereffen leiteten Sommer bi^ auf bie Urjeit ber Äird^c, ate 
ben SCu^gang^punft ber ganjen Sutmidttung; Sl^r. 3;^omafiui^ 
geroibmet, traten 1711 t)ert)or bie Dissertationes juris ecclesiastici 
antiqui ad Plinium Secundum et TertuUianum. @ie Iet)nen ficf} 
nur ganj öorüberge^enb an ätoei ©teilen jener ?lutoren, t^atfäc^tic^ 
ftellen fie, unter Aufgebot aßen geleierten SBiffen^ ber Stit, baö JHed^t 
ber erften Äircbe mögtid^ft öoüftänbig jufammen, um barin t^eitö bie 
©cgenföfee, tl^eifö aud^ fd^on bie erften Stnfä^e ju bem J^ierard^ifd^en 
'ftir(^en6au ju finben; mit biefer Schrift I|at S5f)mer fid) bauernb bie 
fefte miffenfdjaftlid^e Orunblage gewonnen. S)ann folgen in rafd^em 
3uge: Emendationes et additamenta ad Johannis Schilteri In- 
stitutiones jur. can., 1712, um bie über ©c^itter tüeit ginaui^^ 
ge^enbe Ueberjeugung öon ber SSerte^rtl^eit ber ftaatgii^ntid^en ?luö^ 
geftaltung ber Äirc^e unb il)re^ ditd)t^ auf ©c^ilter'ö beliebtet fie^r- 
bu(^ crgönjenb anjumenben; ber „Surje Sntnjurf be^ Äirc^enftaatö 
ber brei erften Safir^unberte", 1713, beutfcf) gefd^rieben, um bk)e 
&:gebniffe möglicf)ft ju Verbreiten; unb 1714 ber erfte SSanb beg 
großartig angelegten unb burrfigefü^rten ^auptnjerfeö , beö Jus 
ecclesiasticum Protestantium usum modernum jur. can. juxta 

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146 Stierte« Kapitel 

seriem decretalium ostendens et ipsis rerum argumentis 
illustrans. ©rft nacfi 23 Salären, mit bem fünften Sanbe fam bieö 
SBerf jum ?I6f(J(Iufe: in tf)m fielet öö£)mer auf ber ^'6\)t feiner 
fieiftunggfäl^iflfeit, bie ©tr^Pfd^e Ucberlicferung ausgiebig fafuiftifc^er 
©tofffammlung unb ftreng juriftifcf)er ^Bearbeitung öerbinbet fic^ mit 
ber gefd^i(J(tIic^en öetrac^tung^toeife unb mit ben ftaat^firc^enrec^t= 
lid^en Sbeen ber 3;^omafifd^en ©d^ule. 3n ber feften ©rfaffung bes^ 
^ßrincipö, in ber ftet« gleirfimäfeigen ©nergie feiner SJurdifü^rung 
auf bie gefammte Sied^tSmoffe, in ber überreidien SBoUftänbtgfeit ber 
Safuiftif unb in ber Unermüblid^feit, mit tüeld^er für jebe SKoteric 
immer toieber ber ganje ^i^f^mmenl^ang ber ®nttt)idtung üorgefü^rt 
toirb, finbet ber gewaltige ©rfolg biefer gettjaltigen fünf ©änbe feine 
jurcid^enbe ©rflärung. ®ie bifben einen noml^aften Qvixoad^^ ber 
canoniftifdien Siteratur überl^au^t, einen 3lu^gang^ unb ©ammelpunft 
befonber^ für baö proteftantifd^e Äird^enred^t, tdtldjt^ e§ noc^ ju fetner 
oud^ nur annäl^ernb )o umfaffenben ©efammtbarfteHung gebracht tjatte. 

©ofort naä) ber SSoUenbung tüar ©öl)mer barauf bthad)t, bie 
©rgebniffe ju SetjrättJecfen in fürjere g-orm ju bringen; feine lusti- 
tutiones juris canonici erfd^ienen 1738 unb brod^ten e^ big 1770 
jur fünften Sluftage. ©elbftoerftänblic^ l^anbett eS fic^ burc^toeg, 
tro^ öereinjelter 3lbn)eic^ungen , nur um einen Slu^jug au^ bem 
größeren SBerte; au^ bemfetben ift fetbft bie Jlnte^nung an ba^ 
S)ccretalen=©5ftem beibetjatten, n)eld)e fid) t)ier faum rechtfertigen 
tä^t, n)af)renb fie bort afe ©id^erungömittel für bie SSoUftdnbigfeit 
angebradEjt gett)efen fein modjte. Qn neuer 3Irbeit hingegen »anbte 
fid^ ©öl^mer, inbem er bie ^erauögabe be«i Corpus juris canonici 
in Stngriff natjm; 1747 erfd^ien eg in jttjei Duartbönben, au^geftattet 
t)or jebem 95anbe mit je einer einleitenben 3lbt)anbtung, de varia 
decreti Gratiani fortuna unb de decretalium Pontificum Roma- 
norum variis coUectionibus et fortuna, tt)elcf)e ,,äu ben beften 
ber früheren 3^it getreu " (ö. ©djulte). 3ft ber Xejt ber Äuiggabe 
auc^ nod) ujeit entfernt bauon, unferen fritifd^en SlnfprüdEjen ju 
genügen, fo bcfunbet er boä) einen ftarfen gortfdjritt gegen baö bv^ 
^crige Se^arrung^fljftem burd^ felbftiinbige Sftccenfion, ferner burc^ 
Stngabcn über Snfcriptionen, SciSarten u. bergl., unb bitbet fo innere 
i)aib ber canonifd^en Duettenauögaben einen 3(bfd^nitt. 

SBenn Sommer bem Corpus juris canonici fo einbringlic^e 
2lrbeit gen^ibmet l^at, fo fjöngt bag bamit jufammen, bafe er ntdjt 

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IV. 3)ie ©anif^c ttirf|HtQat«rcc^tIi(]^c ©t^ulc. 6) 3. ^. SSö^mcr. 147 

nur bcffen fubfibtäre ©ültigfeit anerfcnnt, fonbern anä) bie proteftan* 
tifc^cn Äirdicnorbnungen, ate gefci^id^tüd^ burc^ ba^ ältere canonifc^c 
^td)t 6ebtngt, au^ btcfem f)crt)or erflärt. SWur burd) tiefe, ein* • 
bringenbe gefc^td^tüd^e Unterfucfiung beö fatl^oüfd^en 5Hrc^enred^tg 
löfet fic^ erfennen, meldte Seftimmungen biefei^ SRec^t^ aiu^ antU 
proteftantifc^en 5ßrincipien t)crt)orge^en unb beöl^atb üernjorfen njerben 
muffen, ttjä^renb bie übrigen in ®eltung bleiben. 9Son ber 3lot\)^ 
menbigfeit einer folc^en Sßadiprüfung be^ canonifc^en Siec^tig, um 
barauä ein proteftantifd)eö Äird^enred^t ju gettjinnen, l^atte 2^t)omafiu^ 
oft genug ge^anbeft. öötimer I|at fie burc^gefül^rt, umfaffenb unb 
üertiefenb; le^tereö namentlid^ baburd^, bafe er bie ^ierarc^ifd^e 
®eftaltung ber ^ßopftfirc^e ttjeniger auiS liftigen Siänien einjelner 
^^dpfte erflärt, ate üielmc£)r au^ bem S)rang ber SSerl^tiltniffe felbft, 
ate natürtidie 6nttoicttung an^ früf) fd^on öorgebilbeten keimen. 
Ö6f)mer'^ ©tärfe fiegt gerabe in ber Ueberlegent)eit, mit toelc^er er 
frü^firc^UdEie SSerl^ältniffc, päpftlic^e SBeiterbilbung unb proteftantifc^e 
Sieaction afe fic^ gegenfeitig bebingenbe ©lieber einer äufammen*= 
tjängenben ©nttüicflung überfielt, auffaßt unb öorfül^rt. 

Um biefe 3^^^ tüurbe baö Gotlegialprincip jum erften 3RaU in 
fc^arfcr Sui^prägung aufgeftellt burd) ben Tübinger Stfjeofogen 
(£^riftop^ 9)?atl)äug 5ßfaff, in beffen Origines juris ecclesia- 
stici, Tübingen 1719, b. ^. alfo erft nad)bem ber erfte 95anb üon 
Öo^mer'^ Jus ecclesiasticum crfcftienen njar. S)urd^gefü^rt n?urbe 
bann jene^ 5ßrincip in ^foff'^ Slbl^anblung de jure sacrorum 
absolute et coUegiali, 1732; ii)m fc^Iofe fic^ u. a. an felbft ein fo 
na^er ©c^üIer SBö^mer'iS, wie Sol^ann ®eorg ^ertfcf), in feinen 
Elementa juris canonici et protestantium ecclesiastici, graut 
fürt unb fieipäig 1731. Sene^ 5ßrincip gef)t befannttid^ baöon au^, 
baß eg ber Äird^engemeinfd^aft, al^ einem ©oUegium, baö einem 
jeben SoIIegium naturrecf)tlid) juftefienbe ©elbftöermaltung^rec^t bei* 
legt: ber Sanbeöfierr f)at bat)er fein jus circa sacra nur ju einem 
X^eife fraft beö ftaatüd^en Sluffid^töred^t^, jum anberen, njeiterge^en^ 
ben Steile aber, fomeit eö bie inneren ÄHrrfienöer^äCtniffe berül)rt, 
afe 2)etegat ber Äirc^engefellfd^aft. — SD?an {)at nun mol)! bei)a\xptct, 
and) öö^mer t)abe fic^ in feinen fpäteren 3Berfen bem SoUegial* 
fijftem gendf)ert; unb aßerbingö begeid^net er bie ftirdie gern aU 
l£ottegium, afe societas aequalis; auc^ fprid^t er i^r aU fold^er 
eine genjiffe naturrec^tlid^e gät)igfeit ju, fic^ felbft Crbnungen ot)ne 

10* 

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148 ^ierted Kapitel. 

3toan9ggclDaIt ju geben, toie er fid^ fd^ttefetic^ ftetö einer öorfici^tifl 
milben 3luöbrudött)eife gegen ^faff perfßnlid^ befleißigt, ^a^ ^inbert 
it)n aber nid^t, nad^ njie uor auf'^ ©d^ärffte bie STnficfit ju Der^ 
njerfen, ate fönne irgenb njeld^er X\)dl beö fürftlid^en SRed^tei^ circa 
Sacra auf firdf)Iid)e S)elegation jurüc!gefül)rt, anberi^tüo^er begrünbet 
ttjerben, afe au^ ber Dber^errticfifett ber ©taatögettjalt. Äird^üdje 
Orbnungen fönnen ftd) lebigtid^ an ben guten SBtßen ber Äirc^n= 
mitglieber njenben, gtüingenbe Stecftt^fraft fönnen fanbeö^errtic^e 5Ber^ 
orbnungen nie au^ fird^Iidjer S)eIegation, fonbern auöfc^Iiefelic^ aue 
eigener SKadjttJoEfommenljeit gen^innen. 2)amit ift aber abgeletjnt 
ber ftern beö Sottegiatf^ftemö, ttjeldier fein Sebeni^intereffe bilbet. 
Sflidjt barauf fommt eig biefein ©^ftemc an, bie 9lnerfennung ber 
Äird^e aU eineig SoHegiumö burd^jufe^en, fonbern barauf, toenigften« 
einen %i)dl ber lanbe^^errtic^en ©ematt über bie Ä'irc^e au§ einer 
fird^Ii(J(en Quelle ^erjuleiten, um fo wenigftemg tf^eoretifi^ einen 91x1- 
fprud^ barauf ju gettjinnen, bafe biefe ®en)alt im firc^Hd)en Sntereffe 
unb ©eifte geübt luerbe. jDe^t)aIb fd^uf man jum (Srfa^e für boß 
abgen)irtt))d)aftete, »iffenfd^aftlic^ überwunbcne (Spiötopatf^ftcm, ttjelc^e^ 
bte^ für bie ©efammt^eit jener ®malt gefeiftet ^atte, unb int 
Oegenfa^e ju bcm 3;erritüriatf5ftem, ttjeld^ei^ biefe ?lb{eitung ebenfo 
tjoüftänbig uertuarf, i>a^ tl^eilenbe SoHegiatj^ftem ; beigliatb fanb 
le^tereö uielfac^ änflang, ba mirflldi jene njeitgel^enbe ®inmi)d6unfl 
be^ iJanbe^^errn in bie tird^fid^en S?ert)ältniffe, Icbigfid^ ate ©taate^^ 
l)anbtung gefaßt, unerträglid^ tüirfen mußte: beöl)alb aber auc^ erfd|icn 
öö^mer ba« ßoüegialftjftem abfolut öerttjerflid^ im tiefften (Srunbe — 
eö fei benn ettoa, wie er einmal gelegenttid) bemertt, baß man, menn 
ei8 nidjt unrit^tig tüäre, e^ mit $ßortt)eiI ju ©unften ber proteftontifc^en 
Untertl^anen nid^tproteftantifdEjer dürften Ujürbe üerttjenben fönnen. 
S3öf)mer'^ SWame afe ^anbeftift beruht ^auptföd^lic^ auf bem 
@rfotge feiner Introductio in jus digestorum, eineö juerft in §aUe 
1704 erjc^ienenen Se^rbuc^e^ üon mäßigem Umfange, baö 14 ?(uf* 
tagen bi§ 1791 erlebt Ijat. Cuel(enfel)re, praftifd)en ^ebrauc^ bee 
9iömifd|en SJed^tö in 2)eut)d)(anb unb üornjiegenbe S8erürffid)tigung 
befil unmittelbar öraud^baren anlangenb, fte^t ^ier ©öl^mer ganj auf 
bem 93oben ©trtjf'^; möglidift furje gefd^ic^tlic^ ^iumeife fommeii 
f)inju. 3n ber äußeren Slnorbnung ift bie ^rägnanj ber positiones 
öerbunben mit einer gemiffen fijftematifc^en @efc^toffenf)eit, bie über 
baö in ber Sfjomafijd^en ®d)ule ^ertömmlic^e ]^inauj^get)t, o^ne in 



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IV. 3)ic ^oaifc^c nic^Htaat8re(4tlid)e Sd^ulc. 6) 3. <q. ©ö^mer. 149 

einen pcinlid) fd^olofttfcfien QtOQriQ ^n DcrfaUen, — inbem nämttd) 
^öt)Tner „per requisita*' uerfä^rt, b. t). bei jcbem 9iec^tgöefcf)äft ober 
JRec^temftitut bie einjelnen ju i^m notl)tt)enbigen fünfte burci^gel^t. 
2o jie^t er bie Summe auö ben SBerfen eineö Sauterbad^, ©truü, 
Sc^ilter unb Str^f, tt)ä^renb er ben ?(nfprüc^en ber neueren 
9tid^tungen öorfid^ttg SRec^nung trägt; unb fo fann ba^ SBerf tüirftid^ 
ate ba^ befte Se^rbud^ beö usus modernus gelten, tüte er ba^ 
18. 3at)rf)unbert t)inburd^ t)errf(^t. — Sine größere gefd^Ioffene 
?fr6eit S85^mer'^ über biefe ©toffe beft^en n)ir nid)t, fonbent bloß 
eine 9ieit)e üon 3)iffertationen, tüeld^e gefammelt unter bem Xitel 
Exercitationes ad pandectas in fec^g SBänben 1745 — 1764 er=^ 
fc^tenen finb. — ©iner burc^ Sommer 1728 beforgten ^nftitutionen- 
?(u^gabe werben tejttritifd|e SSerbienfte nachgerühmt. 

©nbüc^ f|at S8öt)mer eine SReil^e praftifd^er @d)riften öerfaßt. 
^Jfic^t o^ne njiffenfdiafttic^cn SBertt) ift Ijter bie Succincta delineatio 
... de actionibus, gradibus matrimonialibus et successione ab 
intestato, ^QÜe 1710, unb jttjar ttjegen ber beigegebenen 5Woten, 
melc^ in baö materielle JRed^t bei einjelnen Silagen u. f. f. einbringen. 
3ntereffant wegen mand^er eingaben über ben Setrieb acabemifd^er 
Xiöputationen ift bie Succincta manuductio ad methodum 
disputandi et conscribendi disputationes juridicas, §atte 1703; 
unb in jebem SBorte ben 2J?ei[ter ber 5ßrajiö fief)t man in ber 
„.Äurjen ©nieitung jum gefd^icften ©ebrauc^ ber 3(cten", .^ade 1732. 
3öelc^e uncnbttcf)e Srfa^rung unb @ef(f)äft^funbe ©öt|mer angefammett 
Öoben mußte, fteüt man fid) übrigen^ Ieid)t t)or, Wenn man bie ]eäß 
Joliobänbe feiner gefammetten Consultationes et Decisiones auc^ 
nur in'^ §hige faßt. 

?[fe ^erfönlid^feit wie nad^ feinen ßeiftungen fommt 3. §. 95öl|mer 
entfc^reben ber ^erüorragenbfte $Ia^ ju unter ben ©d^ülern üon ©tr^t 
unb Don 3;t)omafiuö ; aber immert|in ift er bod^ noc^ ber ©d^ule ber- 
jelben sujuredinen, im Giegenfage ju mand)en weniger bebeutenben 
TOännern, bei welchen anbere üKomente überwiegen. 3)ie Sigcn^ 
fc^often, burc^ welche Söl^mer ficf) au§äeicf)net, finb feine Slrbeitfamfeit, 
Öefonnen^eit, öertiefenbe Stuffaffung; bie 9lrbeit!8mett)obe aber t)at er t)on 
Strpf, bie fird^enrec^tIi(J(en unb gefcf)ic^tUd^en ßeitgebanfen Uon St^oma^ 
fiu^ überfommen, einfd^Iiefefic^ felbft ber SRüdEfüt)rung auf früti-c^riftlic^e 
i^er^ältniffe, wofür bie Slnregung über St)rift. 2:f)omafiu^ bt§ auf beffen 
*ater, ben ^^ilofop^en 3atob J^omafiuö, jurücfgefü^rt werben tann. 

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^ünites Kapitel 

Die praftifcr un6 bie elegante 3urispru6en5- 



I. a>ie ^TQftifcr. 1) fi^nfct. 2) Ihirfäd^rif^e Sänften. 3) ®. ^. fiubolf. 
4) a>ic ^axppxtd)t 5) Äatl^. Uniöcrfttätcn : eioitrctiftt. 6) ßat^. Uniüerritätcn : 
Ältc^enrc(^t. — II. 3)ic elegante Suriöprubenj. 1) 3)ie ©oHänbet unb iftre 
beutf(^en Slad^etfctet. 2) (^in^tlnt elegante 3)cutfc^e. 3) 3^et ©egtnn einer 
beutfc^en eleganten ©c^ule. 

I. 1. 9ln bie ©pt^e ber jenigen SRed^tögete^rten, welche bcn 6ie= 
f)tx gefd^ilberten ©trömungen fremb gegenüberftet)en, ift ju fe^en 
SiicolQu^ Sliriftop]^ 3teic^öfrei{)err üonSt)nfer, ein SÄann t»on 
großem ©djarffinn, gemattigem gteifee unb umfaffenber (Srfotirung, 
auä) nid^t ot)ne tiefere Söilbung, aber burd) bie jc^arf fd^olaftifctje 
5ßrägung berfelben mißleitet, burc^ 9l6fd)(u6 gegen ben gortfc^ritt 
feiner 3^it verengt, burd^ eine fe(6ft unter ©eleiirten phänomenale 
(Sitelfeit t)erfüt)rt ju immer rürffid^tötoferer 9luö(iilbung perfönücfter 
Sieb^obereien in unerfreu(id|er SSielfc^reiberei. Seine ©teßung brüdt 
fic^ fofort auf'i^ Ä(arfte aii^ burd) feine perföntic^e ©teHungna^mc 
ju onberen 3uriften ; er öertoirft abfolut ^ufenborf, fü^rt eine fc^orf 
öeräd^ttic^e ^olemif gegen örunemann unb Strtjf unb ignorirt 
mögtid^ft S^omafiuö felbft ba, too er if)m »iberfprid^t; ©(^ilter, 
®rotiui8, ©raoino, ©dimeber, Öoec(er unb ^uber lobt er getegentlid) 
mit 3iii^ürf^attung ; ®. 91. ©trui)'^ ßefjrbüc^er benu^t er gern; feine 
Sieblingi^autoren aber finb Ctto 2abor im ^rioatrec^t, SReinfing im 
©taat^redit. ©i^olaftifc^ betont Stjnfer bie ©tubien ber Sogif unb 
SKetap^tifif alö mic^tigc SJorbereitung für bie Suri^prubens ; fdjolaftifd) 
biö jur 2)un!el^eit ift fein @ti)I, ben übrigen« ängftüc^e SJemu^ungcn 



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I. 3)ic ^taftifct. 1) St^nfct. 151 

um crträgli^e Satinitöt au^seic^ncn; fd^otoftifc^ ift öor allem feine 
?lrt ju befiniren unb etnjutl^eilen , unter fteter SBteberl^otung ber 
bcfanntcn fc^olafttfc^en SRubrifcn. Slu^ biefer ©int^eitungöfud^t finb 
benn anä) feine ja^treid^en ^^abeöen l^eröorgegangen, bolb innerhalb 
größerer 9Berfe, balb für fid^ mit wenigen erflärenben SRoten unter 
anfprud^öoßen Xitetn üeröffentü^t. 

3m 6it)ilrec^t ift S^n!er'ig ©tanbpunft ber, bafe bie 9iece<)tion 

bc« fRomifc^cn SRec^td in complexu öoUjogen unb ba^er für bie 

?tntüenb6ar!eit beutfc^er SRec^te, n^eld^e er übrigeng ni^t ungern 

berficfficf|tigt, ber ©emeiö ju erbringen ift. 3)ie entgegengefefete 

2)oftrin ttjirb nid^t nur ote faffc^, fonbem felbft afe rec^tg* unb 

ftaat^gcfä^rbenb angefe^en, ate beig Uebete SBurjel aber Sonring'ig 

JReccptionöIe^re, im Stnfc^Iufe an Xabor, befämpft. Seboc^ auc^ 

unter ben JRomaniften neigt Sanier ber älteren ©d^ule ju, fpri^t 

Txd) j. ©. gegen bie ÄIagbar!eit ber nuda pacta unb gegen bie 

successio pacticia äufeerft jurüdtiattenb au^, erKärt bie Unter* 

fcfjeibung jttjif^en pacta nuda unb vestita nod^ für praftifc^ bebeut* 

iam unb xdxü gegen erftere ben ©ettjeiS beö üWangete emftf)after 

?lbficf|t julaffen. — 3m geubatrec^t fte^t er natürlich auf bemfelben 

©oben bejüglic^ beö SSer^ältniffeö jtüifc^en ßombarbifc^en unb ein* 

§eimifd^en DueQen. — Snt ©trafred^t fennseid^net e^ i^n, bafe er 

unbcbcnöic^, mit finfterem ©ruft nac^ Sarpjoü'fd^en Snbijien auf bie 

iortur gegen eine ber ^ejerei ?lngeflagte erfennt, unb bafe er ferner 

aüt möglichen öerftümmeinben Strafen, unter SJenntnife unb ©e* 

fdmpfung ber n^iber biefelben fprec^enben ®rünbe, für geregte bem 

göttlichen, natürlid^en unb menfc^Iic^en Stecht gemäß erHärt. — 3m 

ftircf)enred^t tel^rt er, bafe bie proteftantifc^en gürften i^re SRed^te 

burc^ SSerträge unb SReic^^gefe^e befi^en; baö canonifd^e Siecht ift nad^ 

roie t)or in ganj ®eutfcl|(anb antucnbbar, jebod^ in proteftantifd^en 

2änbem mit mobificirter ^rajiö. 

3laä) aübcm ift e« faft felbfttoerftänblid^, bag im ©taatgre^t 
cnbüc^ S^nfer ber ftör!fte Sm^jerialtft ift feit SReinfing, an meieren 
er fic^ auf'^ ©ngftc anfc^üeBt. @o ge^t St)nfer fd^on in öejug auf 
bie Cuellen be^ beutfc^en ©taatigrec^t^ bi^ auf ba^ römifctje ftaifer* 
re^t jurfid, ba aud biefem jene^ ertoad^fen fei. 2)em entf<)ric^t bie 
(äcfc^ic^t^conftruftion: bie in Sc^n^ang gel^enbe Se^re öon ber urfprüng* 
Kc^n ©etbftänbigfeit ber beutfc^en dürften unb öon ben feuda oblata 
wirb Derroorfen; umgefetjrt liege ber Slnfang bei ganj abhängiger 



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152 SrünftcS Kapitel 

93eamtenftcQunfl, mit aümätilic^em ©rmerb ber J^^ei^eiten, toelc^c jegt 
bie 3;erritoriaIt|o]^ett begrünben. Unb fo gelangt benii S^nfer ju 
folgenber SInjcIiauung öon bem gegenipörtigen 3i^ftonb: baö 9ietd^ 
ift naä) toie t)or eine ein^eitlid^c äRonarc^ie unter bem Äaijcr, bent 
allein bie t)oße SRajeftät suftetjt; ift er aud) t)on ben gfirften ge^ 
tü&f)it — ttjeld^e babei übrigen^ ftetö fi^ an ben faiferlic^en ©tamm 
gel^alten Ijaben (respectus sanguinis) — , fo t|at er 3lmt unb ©etoalt 
boc^ einzig unb unmittelbar t)on ®ott, bie gürften finb i^m nic^t 
nur mit iliren 3;erritorien, fonbern aud) mit i^ren 5ßerfonen untere 
tranig, ilire Stellung fann l^öd^ftenö aU Ouaft^^äRajeftät bejcic^net 
njerben; in SReidjöangelegen^eiten ift ber ftaifer an ben ßonfen^ ber 
©tänbe gebunben, nid^t etwa fo, alö ob fie mitn^irften, fonbern btoft 
in ber Slrt einer condicio sine qua non. SKit berartigen fc^olafti:^ 
fc^en S)iftinftionen fud^te Sanier bag alte Se^rgebäube gegen ben 
realiftifc^en ®eift ber ^tit ju ftü^en. ©otdjerlei S^eorien (iefeen 
fic^ bie fäd^fifc^en Äteinfürften, in beren Sienften er aufttjuc^^, ge^ 
fallen, folc^erlei 3;]^eorien genjannen i^m bie ®unft beö faif erliefen 
^ofeö unb feine 3teid|^^ofrat^öftelle, ja in SSien ben SRamen bc^ 
größten bcutfdien ^ubliciften; in ^reufeen ober auc^ nur in Äiir- 
fac^fen n^ären fie nic^t me^r möglich geipefen. 

SBeit erfreulid^er finb Stjnfer'ö Seiftungen ba, mo eö fic^ um 
praftifd^e ^agen ober ©injelsUnterfud^ungen ^anbelt; ^ier treten 
feine ©efc^äftöerfa^rung , fein ©ammelfleife unb bie Slusbreitung 
feiner Äenntniffe geller I|ert)or. @o in einer Steige öon ftaati^rec^t^ 
liefen Slb^anblungen, j. ö. über ba^ 3(rd)it)tt)efen, mit intereffantcn 
SRotigen; über bie 9ieid)öfommiffare, mit üiel praf tif c^er ©infi^t ; über 
bie ©teueröorfc^läge, mit reicher ©efc^äftöfenntnift ; über baö SJed^t 
jum SSiberftanb gegen SWifebraud^ ber öeamtengematt, mit mönnlic^ 
füf)ner ?luffaffung; unb über baö SRed^t ber primariae preces, auf 
faiferlidieö SSerlangen gefdjrieben. 3)afiifelbe gilt aber auc^ auf anberen 
9iec^tggebieten: bie auöfütirli^e unb grünblid^e Unterfuc^ung de eo, 
quod justum est circa personas alienae religionis get)t ben (Sim 
ftu§ ber fonfeffionellen Stellung auf fämmtlic^e ^rioatred^tö-SBcr- 
l^ältniffe mit 95efonnen^eit unb gefe^lic^er ©ic^ertjeit bur^; ba^ 
umfangreiche ©uc^ de gravamine extrajudiciali et quatenus 
ab illo provocare liceat gilt mit SRedit alö einer ber folibeften 
unb nü^lic^ften Beiträge jur fammergeric^tlidjen fiiteratur über 
biefeö nid)t ju fjäufig be^anbelte 3:^ema; bie 2t)nfer'fd(en ©amm^ 



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I. 3)ic ^raftitct. 2) Äurfäcftfifc^c 3uttftcn. 153 

lungen Don ®utac^ten unb ©prüd^en Iiabcn lange Qtit ftarfe 
SBcItebt^ett gcnoffcn. 

2. Stuf fitjnfer'g empfc^tung ^in tuarb 1713 jum SReic^ö^ofrat^ 

ernannt fein ©d^ütcr 3ot)ann ^einrid^ öergcr, ttjefc^en jener 

nadf Yiä) fclbft ate bcn bebeutenbften fünften ber Qeit ancrfanntc. 

3eboc^ wirb man btc^ Urt^cit umjufctiren unb Serger entf^ieben über 

y^nfcr ju fteUcn l^aben. Serger ift gteid^jetttg auc^ ©truü'g unb 

Sc^Uter'jg ©d^üler; unb er l^at biefe Derfc^iebenen Silbungßetemente 

mit ben Überlieferungen ber furfäd^fifc^en 5ßrajig xoof)i ju üerbinben 

geiDufet. (£r jeigt unö, Ujie tt)eit ein gettjiffen^ofter, an bie ^raji^ 

{^ebunbener Surift jener 3;age Steuerungen entgegen ju fommen in 

bei 2age »ar. Offenbar am wenigften im ©trafrec^t; l^ier ^ält 

Öergcr feft an ber ganjen Seigre Dom ^ejereibelifte, an ber gerabe 

bamafe in fiurfac^fen öerjc^ärften 3;ortur, an ber Unntöglic^feit, 

SJiörbem bk Xobe^ftrafe im (Snabenttjege ju erlaffen ; t)öc^ften^ fann 

üon einer milbcren Suffaffung bei einjelnen mel^r tec^nifcf)en fragen 

bie JRcbe fein. SSiel freier bettjegt er fic^ auf anbeten (Gebieten, 

menigfteng jur 3^^^ feiner SReife, nad^bem er fic^ burd^ einiget 

fc^olaftifd^eö ®eftrü))<) balb burc^gearbeitet Iiatte. Sft anä) in ©tiftem 

unb ©inteilung eine gemiffe fc^olaftifd^e 3lu^brudEötDeife an i^m ^aften 

geblieben, fo ift er bod^ nid^t üon ben fd^olaftifc^en SRubrifen, fonbern 

biefe finb öon i^m be^errfcf(t; er l^anb^abt fie mit %ah unb fieid^tig^ 

!eit, inbem er fie alg bequem jugcarbeitete ©tic^ujorte nur ba benu^t, 

n)0 fie gerabe l^inpaffen; fo ift j. S. ber regelmäßige fc^olaftifd^e 

©c^Iufepunft be^ „contrarium" bei if|m nur ©tic^ttjort für bie Sluf= 

jS^Iung ber äuf^ebung^grünbe beö bef^)roc^enen 9ied)tö, nid^t ettpa, 

roie bei anbern Jtutoren, SSeranlaffung , gang frembe SRei^t^materien 

ju toiüfürlicften Äontraften ^eranjujie^en. 3m Slaturred^te fommt 

95erger ^ufenborf, im @taatörerf)te Simnaeuö mit entgegen; an ber 

unbebingten Äfagbarfeit formlofer SSerträge, an bem Slu^fdiluffe beö 

9leured|t§ bei Snnominat^Ä'ontraften, an ber pacticifd^en ©rbfolge 

äweifelt er nic^t mel^r; afe befonberö forreft aber bürfte feine ^t' 

antttjortung ber ^i^age nac^ bem SKafee ber ®ü(tigleit be^ 3tömifcf)en 

Se^tg in S)eutfd^Ianb l^erüorjulieben fein. 

SBä^renb ba nämlic^ öerger einerfeit^ bie 5Ricf)tigIeit ber Son= 
ring'fdjen SReceptionöIe^re jugiebt, fjält er anbererfeitg an ber 2luf= 
na^me in complexu feft. ®a§ beutfd^e, fclimäbifd^e ober fäd)fifd)e, 
gemeine ober partifuläre 9iecf|t ge^t jn^ar unbebingt bem SRömifcf)en 



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154 fünfte« Äopitcl. 

öor, fo tueit eö i^m tpiberfpric^t ; fo tpcit aber jotc^ ttjibcrfprec^cnbe? 
SJcutfd^eg SRec^t ntd^t öor^anben ift, muß ba^ SRömifc^c Kcc^t jur 
2(ntDenbung fommcn, einerlei, 06 e^ tl^atfäc^Iid^ in 2lntt)enbun9 ftef^t 
ober nid^t. 9fuf biefen le^teren ^unft faßt ber 9?ac^brucf gegen 
Xl^omafiug; nicl|t bie observantia ober gar observantia viridis, 
ttjelc^e biefer verlangt unb (eugnet, tft entf c^eibenb , fonbern bie 
observabilitas ; ein einmal gültige^ ®efe^ njirb ni^t burc^ blofecn 
non-usus aufgehoben, fo lange bie aptitudo et potestas utendi 
fortbefte^t. 9»it biefen ?lu^fü^rungen f)at Serger ber beutft^en 
SiDiliftif ben t)on 2;^omafiuö erfd^ütterten ©oben n^ieber unterm gufec 
befeftigt. 

3)ie bebeutenbften öon öerger^ umfaffenberen SSerfen finb 
folgenbe: 

Resolutiones legum obstantium, quae in Compendio juris 
Lauterbachiano allegantur. (£g ujöre irrtf)ämtic^ , aug bem 2itel 
biefeö üielbenufeten 55äd)Ieing ju folgern, bafe eö fi^ au^fd^Iiefelid) 
um Interpretation rt)iberfpred^enber ®efe^e^*2;ejte ^anbelt; öielmebr 
finb t^ bie fad^Iid^en Sontroöerfen, ttjetdje an ber ^anb öon ®efefee^ 
fteHen befproc^en ttjerben. S)ie S)arftellung ift meift tnapp, ol^ne 
SRücffid^t auf tüeiteren 3iiffl^nment|ang; fie t)alt fi^ ftetö an ben Dor^ 
liegenbcn 3uftinianifci)en SBorttaut, ttjeldien fie al^ gcfe|(ic^ binbenb 
betrad^tet. S)a^ mar bamat^, im ©egenfa^ ju ber gefc^ic^tlic^en 
äKet^obe ber granjofen, in ®eutfcl|lanb feftfte^enbe Überjeugung in 
3:t|eorie unb ^rajiö. 

Electa Processus execulivi, possessorii, provocatorii et 
matrimonialis. 2)iefe öier auBerorbentlidjen ^rojefearten njerben jo 
befprodien, bafe öerger einjelne 5ßunfte l^erauögreift unb eingef)enber 
an ber §anb praftif^er gälle bezaubert, gaft aüe^ SBid^tigere 
fömmt auf biefe SBeife t)or. ©rofee ©rfa^rung unb gefunber @inn 
für bie öebürfniffe ber ^rajiö jeigen fid^ überaß, bemgemäfe 9(b^ 
neigung gegen Häufung öon Sontroücrfen unb Sitaten, fo baß bie 
S)arftcKung glatt unb überfid^tlid^ auöfäüt. @äd)fifcf)e^ ^artilutar-- 
red|t fpielt öielfad& bie ^auptrotte. 

Electa disceptationum forensium secundum ordinationem 
Processus Saxonici examinata. 2)aö 3Bcrf foH äunäd)ft ?Ib' 
n)eicf|ungen eine^ neuen ^ßroäefeenttpurfei^ (öon 1699) öon ber be- 
ftc^enbcn fäci|fifci|en ^rojeftorbnung erflären unb rechtfertigen, ttjoburrf) 
Ujeitere ©^furfe, bi^n)eilen biö iuig materielle Sioilredit, notmenbig 



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I. 3)ie ?ßraftifct. 2) Äurfäc^pWe Suriftcn. 155 

tüerbcn. 6« beaniprud^t SBrauc^barfeit aber and) aufecrt)alb ©ac^feitg, 
t>a ber fädfififc^e ^rojefe ftd^ ja fett bem 3. SR. 91. bem gemeinen 
bcutfc^cn ^ßrojefe fo fe^r genäl^ert l^abe. S^l^atfäc^Uc^ ftnb ed eine 
fRci^c feiner Seobacfttungen unb vernünftiger öetrad^tungen , tuelcfie 
bem ©udje feinen SBert^ öerleil^en; fo bafe t^ fetbft ben ©c^tag üer^ 
niunben ^at, n^elc^en eö baburd^ erful^r, bafe jener ©ntmurf t)on 1699 
nii^t ©efe^ n^urbe. 

Electa jurisprudentiae criminalis. ?l6emtafe n^ed^felt tro^ 
ä^ntic^en Sitefö bie ©el^anbtung. 2)ie jtt)ei erften Äa))itel finb ein 
tt)eoretifcfy^f^ftematifc^er ?lbriB beig ©trafred^t^ in at)]^oriftifc^er gorm, 
TDobci eine ber SRebenjeife unferer ©trafg'efe^e ficfi merfmürbig nä^ernbe 
St^Iifierung mit „quoties (J)etift) — toties (©träfe)" üorn^iegt. 
Kapitel 1 liefert ben allgemeinen, Äapitel 2 ben befonberen %i)til, 
xoofjl eines ber erften SSorfommen biefer ftjftematifd^en 2lnorbnung, 
toelc^ SBerger ftreng unb fi^er burd^füt)rt. S)ie folgenben fta))itel 
be^anbeln eine SRei^e einzelner 5ßunfte unb ßontroöerfen, t^eiltueife 
5u legislativen Qwtdtn ; jtDei ©up))lement:'Sänbe fügen an ber §anb 
praftifc^er gfiUe öemerfungen bei. — ©elbft 3. ©. g. ©öljmer lobt 
baS SBerf fef)r unb bemerft, eS fei von ©))äteren eifrig unb erfolg* 
reic^ ausgebeutet njorben. 

Oeconomia juris ad usuin hodiemum accomodati, ©erger'ö 

^aupttoerf, eine f^ftematifc^e ©arftellung beS ganjen Suftinianifc^en 

Siicc^tS in ber bamaligen ®eltungSform, mit SluSnal^me allein beS 

©taatöred^tö. 3)aig ©tjftem f elbft, toelc^eö fic^ an bie Snftitutioncn, 

an beS Sßuttejuig Jurisprudentia Romana unb an beS ©truo 

Jurisprudentia Romano-Gennanica forensis anlehnt, ftellt feinen 

ujefentlic^en gortfdjritt bar. S)agegen ift baö SSerbienft ©erger'S 

barin ju finben, bafe er überhaupt ujieber einmal eine umfaffenbe 

XarfteUung in ftjftematifd)er Drbnung geliefert f)at; baö ift um fo 

anerf ennenSttJert^er , alö er bamit unter ben 5ßraftitern fetner Qdt 

gang allein bafte^t; bie gleic^jeitigen metfjobifd^en SßJerfe ber 3;^oma== 

fifc^en ©d^ule, von 2;itiuS unb ftrefe, fönnen baneben faum in 8e== 

tra(f)t fommen, foiDol)l ttjegen i^rer elementaren Änapp^eit, toie 

wegen ber ber ^rajiS abgemanbten naturrec^tlid^^germanifirenbcn 

Slic^tung. SBei Serger bagegen jie^t in bem f^ftematifdien 9ial)men 

bie ©c^ilberung bc^ gangen SRed^t^äuftanbeS an uni^ vorüber, ausgiebig 

na^ romifc^en CueHen unb fä^fifdier 5ßraji§ bargeftellt. 3Scit mcl^r 

ote bei ©d^ilter unb bei ©tr^f ^aubelt eS ficfi um eine eigcntlirf) 

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156 fünfte« StapxUl 

romoniftifdic Seiftung; im ©cgenfa^ ju biefcn ift SBodftänbigfeit be= 
obfic^tigt unb regetmäfeig etäiclt. ©o fann bicfer Slrbcit Sergcr v 
afe nSc^ft t)orQngcI)enbeö nur ®. 91. ©truü'ö ft)ftematifc^eig SSerf jur 
Seite geftellt tücrben; ba biefeö, afe bem ©tanbe ber SJinge um 1660 
entfprecfienb , bamate bod^ mo^I fcf|on ettoog öeroltet toax, fo ift ber 
grofee (Srfolg ber Oeconomia juris leidet erftärtic^; mau luirb ben= 
fetben aber aud^ alö einen öerbientcn bejetc^nen muffen, ^md} 
SBerger I)ot bamit bte furfäd^fijd^e 5ßraji^ unb Siöiliftif jum crften 
9RaIe toieber feit Sarpjot) gegen ben Stnfturm Don ^onffurt unb 
öon ^alle l^er eine gtanjenbe SSertretung gcfunben. 

3of)ann SSalt^afar SBern^er, in 3Sittenberg afeCrbinartue 
tt)ie in 3Sien ate Sleii^öl^ofrat^ 95erger'^ Slod^folger, mag im 9?atur^ 
unb Äir^enrec^t etipa^^ freier bafte^en aU jener, tt)ä()renb er fonft 
feinen ©tonb))unft t^eilt, o^ne i^m an ®eift unb Jiefe gIeic^ju!ommen. 
©eine öebeutung ru^t ttjeniger auf feinen bogmatifi^en SBerfcn, ab 
Dielme^r auf feiner practifc^en 3^^ätigfeit unb auf bereu SSerarbeitung : 
^ier ^at er eine fold^e 3:üc^tigfeit beriefen, bafe fefbft 2^omafiiu\ 
ber fonft »enig an i^m ju toben finbet, i^n afe ben „gefc^idteften 
Drbinariuö in gonj 3!)eutfc^Ianb" anerfennt; f)ier ift er auc^ Don 
baucrnbem ©influffe geblieben, mittele ber Selectae observationes 
forenses, beö SBerfeö, n^etc^e^ er So^r für 3a^r auö ©rfa^rungen 
ber ^raji^ jufammengetragen ^at. (£ö befolgt bie feit Sarpgoö 
übliche SSeije, unter hirjen ©djtagfä^en baö Spruc^material mit 
©rünben unb ©egengrünben mitäut^eilen. 

Ste Kollege Söerger'^ unb SBerntjer'ö in 933ittenberg, fpätcr 
ungefähr gleichseitig mit SBern^er'ö SBittenberger Crbtnariat ale 
Crbinariud ju fieipjig, toirtte 3Kic^aet $)einric^ ©ribner, ein 
aUfeitig gebilbeter 5!Kann, ber Setjer'^ SSorfefungen über beutfcfy?^ 
5ßrioatred^t ^erau^gab unb boc^ auc^ fid) baö Sob eineö ^raftifer^^ 
öon altem Sdjrot unb 5torn ju fidlem »ufete. SÖefonberg bejeidjiienb 
für feine ®efinnung ift feine (£in(abungöfd^rift ju feinen erften 3Bitteu^ 
berger SSortefungen, 1707, de incrementis quae jurisprudentia 
proximis temporibus cepit. Sie tt^enbet fid) mit etjrlic^er (£tit= 
rüftung, ol^ne JJamen ju nenneu, gegen bie, meiere im ^rioat=, Strafe 
unb Äird)enrec^t ben bi^t)erigen SRedjtöäuftanb erfd^üttern, alle @e)e6=^ 
geber nur ju tabeln njiffcn unb an ©teile be^ burc^ ba^ 9?aturrec^t 
unb bie ®en!freif)eit ber neueren 3^^*^^ ennög(id)ten befonneuen 
gortfdjreiten^^ uerberblid^e Ueberftürjung treten (offen. 211^ ein 



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I. S)ic <PtQftifcr. 2) Äurfäc^fifd^c Suriftcn. 157 

erfreuUci^er SlntDenbung^faU folc^en befonnenen gortf^reiten^ mag 
&xibnev'd SSe^anblung ber gotter»grage cr»ät)nt fein. 

greilic^ fefet @ri6ner felbft ba^ f)tcr gcforberte üWofe ber JRücf* 

ftc^t auf Ueberfommeiteö aföbalb auf ©ette, fobalb e^ fid^ im Staate 

rechte um bie ©efugniffe ber reid^^üernjcfeuben, b. \). befonber^ ber 

Äurförf^ftfc^en dürften f)anbe(t: S)a »eife er 2:f)omofiuö ju citiren, 

alle unb jebe Sertüenbung be^ 9?ömifd)en JRcdit^ aU SKifebraud^ ju 

erttären, bie otten gormalien aU gleichgültig obäumeifen; tuobei 

allerbingö baran ju erinnern ift, baß wir )d)on me^rfod^ ein fotd^eö 

>BoraufeiIen beö @taatgrecf)tö öor ben übrigen jRedjt^jroeigen feft= 

.^iiftellcii t)atten. Gine n)id[)tige 9tntüenbung biefe^ 9?erfat)renö finbet 

ftc^ in einer ?lbt)anbtung über bie privaten SRed^töoerl^ältniffe ber 

gürften; für biefe fommen, ganj n^ie im Staatsrecht, b(ofe Statur- 

unb 35cutfc^eö, {einerlei 9tßmif(f(eg 9ted^t in 93etracf)t; affii t)on bem 

^^oatrec^t ber Untert^anen t)erfcf|ieben unb unter fic^ gleicfimäfeig, 

bebürfcn fie befonberer I)arfteHung. S)ie befonberen SSorlefungen, 

roelcfie ©ribner bemgemäfe hierüber f)ielt, erfc^ienen nac^ feinem 3;obe 

als Theses Gribnerianae juris privati lUustrium, ööttingen 

1736, unb Principia jurisprudentiae privatae lUustris, ©rfurt 

unb Seipjig 1745; le^tereS 95ud| gibt beutfdje 9tuSfü^rungen ju ben 

Iateinifrf)en 2;^efcn ober 5ßofitionen beS erfteren, tüeldjeS aU ber 

Äern ber ©ribner'fc^en SSorlefungen ansufefien ift. Stuf biefe SSeife 

ift baö erfte Sefjrbud^ einer befonberen SBiffenfdjaft beS 5ßrit)atfürften^ 

rechts cntftanben: eS ift jebenfallS überfic^tüaier georbnet unb juriftifcfier 

gebadf)t afe 35. ®. ©truö'S g(eicf)jeitige Jurisprudentia heroica. 

©in anbereS (Sribner'fc^eS Sef)rbucf), oon it)m felbft veröffent- 
licht, befdf)öftigt fic^ mit bem 5ßroce§ ; eS jeiclinet fid) auS burc^ über^ 
fic^tlic^e Stnorbnung, fomie burci) eine forgfältige ?luSn)at)I beigegebener 
Slujjjüge aus ©prucfifammlungen unb @cf)riftftellern, 

9?on Sinter ju ©erger unb SSeni^er, Don biefen ju GJribner 
Doüjie^t ficf) s»eifeIIoS ein gortfd^ritt. 3ft boc^ in bem ganjen 
2on i^rer 9Ritt^eiIungen auS ber 5ßrajiS ein §tufftieg ma^rne^mbar, 
felbft no^ üon SBem^er auf ®ribner, fe(bft rt)enn man berücffic^tigt, 
baB erfterer nod^ üielfacf) 9tcten älterer Sa^rgänge aufarbeitet, 
öerger, 38ernf)er unb @ribner jufammen mag man als SBafirer beS 
Siömifc^en 9Jecf|tS unb ber $lurfäcf)fifc^en ^rajiS gegen 5!t)omafiuS 
unb bie preuBifd)=branbenburgifc^c ^rajiS auffaffen ; über ben Staub- 



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158 Srünftc« Stapittl 

punft getüöl^nlid^er ^raftifcr ragen jebo^ .^inauig ©erger burc^ 
feine f^ftematifc^en, ©ribner bur^ feine gerntaniftifd^en 3ntereffen. 

3. Unter berfelben SÄafegabe mag aU SBa^rer ber ret^^fammer* 
gert^tUdien ^ajtd gelten ein anberer ©c^üter fit)nfer'g, ®corg 
aKetdiior öon Subolf. Slfe ©ecretör unb 9Jat^ in fürftüd^ fäd^fifc^en 
S)ienften ^atte Subolf einige gefc^ä^te ftaatöred^ttid^e 3:raftate geliefert, 
namentUd^ über baö JRed^t ber ^Primogenitur. 3)ie ^Berufung an'^ SReic^e^^ 
fammergeri^t gab i^m Serantaffung, biefem feine literarifd^e 3;^atigfeit 
ju mibmen. 2)em 2)eutfc^en SRed^te unb ben S^omafifdien Sbeen in 
er »cit weniger ab^otb, afe bie Äurfadjfen. ®r t)erfd^mäf)t e^ ntc^t, 
gelegenttidi aucf) beutfd^ ju fc^reiben, njennfc^on er eö nod^ für eine 
3:^or^eit (insania) erflärt, faHö Semanb eö ficl| einfallen Ue§e, ju 
einem ^anbeften==Sommentar ber beutfdjen <Bpxad)t )\(i) ju bebienen. 
Safe er öebenfen trägt, mit feinem Sefirer unb greunbe ©djiltcr 
bem ©d^mabenfpiegel für ©übbeutf rf)Ianb , bem ©ac^fenfpiegel für 
9?orbbeutfd^(anb üoUe gefefetic^e ©ülttgfeit beijutegen, mirb i^m 
9?iemanb üerargen; ebenf otuenig , bafe er gelegenttid^ ba^ ftammer* 
gerid^t in ©c^ug ju nehmen oerfud^t gegen empfinblic^e oon 3;^omafiu« 
öorgebrad)te SSortoürfe, befonberö ungebürfid^er S^ernac^Iäffigung bce 
J)eutfd^en JRe^tö. 2)a6 übrigeng nac^ fi®D. SEI^eil 1 Sit. 13 bie 
beutfcf)en ®tatutar=3tedf|te ben gemeinen toiferlic^en Meisten üorgefjen, 
^ebt fiubolf felbft entfc^ieben ^eröor. 

®en Segtnn feiner famera(iftifc^en Schriften bilbet ein tiir^c^ 
Sel^rbuc^, Delineatio juris cameralis, granffurt 1714; e§ jerfäüt 
in jttjei Slbfd^nitte, öon meldten ber erfte bie gälle fammergeric^tlic^er 
(Sompetenj bel^anbelt, ber ätoette ben ®ang beö lammergeric^tltc^en 
9Serfat)ren§. äKan begreift Ui6)t, ba§, mer irgenb in bie Soge 
fommen lonnte, fid^ über biefe 5ßunfte orientiren ju muffen, mit 
SSorliebe unb ©rfolg f)ier 3latl| fuc^te. Unter ben mannigfod^en 
beigaben befinbet fid^ ein Slbrife ber ©efc^tc^te beö 9iÄ®.'ö big 1572 
unb ein n^cgen feiner 3^^^^täffisf^it unfdjägbareö Sßergeid^ntfe feiner 
fämmttid^en äTiitglieber, öon ber ©rünbung U^ 1730. 

ginben mir mit biefen le^terwä^nten Öeitragen Subolf fc^on 
auf gefdjid^ttid^em ©ebiete, fo ift ganj biefem getoibmet bie Historia 
austentationis judicii supremi camerae imperialis, granffurt 
1721. 35er SBürbe feine« @erid)tg nid)t menig berufet, ^atte Subolf 
eg fd)on t)erfd|iebentlid) gegen ben nur ju too^I begrünbeten i^orwiirf 
ber eujtgen ä^erfdileppung aller bei i^m anl)ängigen 5ßrojeffe ju 



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L 3)ic ^tafttfcr. 3) ®. SR. Subolf. 159 

öcrt^eibigen gefudjt. S)a er bte %f)at]ad)e mä)t leugnen fonnte, fo 
entfi^ulbigte er fie; bie ©riinbe ber S?erfcf)Ieppung fanb er nämtic^ 
emerfcitg in ber Unn^iffen^eit ober äJerfc^tagenl^eit ber betreibenben 
5tnrodlte, anbererfeitö in ber burc^au^ ungenügenben Slnjal^t öon 
3[ffefforen. 3itbem ate ber ©runb für biefe ungeniigenbe Sefe^ung 
be^ ®cric^tö »ieber bie ungenügenben ©infünfte i^m in bie 2lugen 
iprangen, faf) er fic^ ^ingenjtefen auf bie ©efdjic^te ber „©uftentation'' 
ofö auf ben Sern ber gangen @efcf)id^te beiS 9151®. 'ö. ©o jie^t benn 
in biefer ?(b^anblung unb in i^ren Seilagen (3;abeIIen, SRed^nungen 
u. ). f.) ber ganje Sammer beg alten S)eutfd^en Sleidjeg unb feineiS 
{)öd)ftcii &mdjt^\)o\^ bor unferen Sötiden borüber, ein ©ilb unfäg* 
liefen ©lenb^, tro$ tuieber^olter 3lnläufe jur Sefferung, ein Silb, in 
bem ätt)ar Subolf ben büfterften 3^9^ ^^^ i^ ^^^ testen großen 
3?ifitatton unb bem ©tiUftanbe öon 1704—1711 fül)renbe, meit öer* 
breitete ©efted^Iic^feit m5g(i^ft unterbrüclt ^at, ttjeld^eö aber, n^ie eö 
5u folc^em Steufeerften jemals fommen !onnte, nur aHju begreiflirf) 
mac^t. S)em ettüaö fräf tigeren SReform^SSerfuc^, Xücld)ex feit 1711 
einfe^t, öerbanit Subolf Slnftellung unb Slnregung, n^ie er i^m feiner^ 
feit^ bie tüiffenfcf)aftlid^e Unterftütjung juttjenbet. 

S)ie SKed^tjgqueUen feineö ^ofe^ ftellte Subolf jufammen in ber 
Suiggabe eine^ Corpus juris cameralis, granffurt 1724; baöfelbe 
enthält aufter bem njeftfälifd^en ^i^ieben^inftrument unb bem 3- SR. ?t. 
alle ftammergericf)t^orbnungen , ^ßifitationöreceffe , gemeinen 95efrf)eibe 
u. f. f., rfironologifd^ georbnet ; baö le^te ©tücf batirt öom 6. SRärj 
1724. Sinb auc^ ältere SSorarbeiten ftarf benu^t, fo ift bie 
öefammtleiftung bocfi oon grunbtegenber Sebeutfamfeit. 

2)ie ^rajiö beö 9?S®/^ ujar feit längerer S^it nic^t met)r miffen* 
ic^ftfic^ bearbeitet ujorben. S)aö ältere äWaterial, tüie e^ fid^ ^ier* 
burd^ angeftaut ^atte, erlebigte Subolf furj burd^ bie Nova collectio 
rerum in augusto camerali judicio decisarum, continens sen- 
tentias potiores ab a. 1588 usque 1688. SBon ba axi^ n^anbte 
er fic^ ju ben unmittelbar öor unb mäfirenb feiner 9lffeffur öor- 
flefommenen ©ac^en. 3Baö if)m ^ier am Sebeutfamften ober am 
Sntereffanteften erfcf)ien, berid^tete er auigfül^rtid) mit Xii^atbeftanb, 
SSoten ber 9Iffefforen unb Urtl^eit in ben Symphoremata consul- 
tationum et decisionum forensium; 9(nbere^ verarbeitete er ju 
Cbfcroationen in ber SBeife, bafe er barau^ Siegeln ober 93etrad)tungen 
jog, unter toeld^en bie prattijcfjen ^ätle unb i^r Slu^gang in 

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160 3fünfte0 Stapittl 

mögtid^fter Äürje mitgetl^eift tperben ; luiebcr in anbercn gößen begnügte 
er fid) bamii, blo^ ben Urt^eitötcnor abbrucfen ju loffcn. 3)er Siatur 
ber an bag SRÄ®. gelangenbcn ©ac^en gemäfe, t|anbe(t e^ fic^ öor= 
toiegcnb um ^ßubliciftifc^e^, afebonn l^aben bie ättitt^ettungen, nament- 
lich ber 2;{)atbeftänbe mit i^ren Urfunben u. bergt., neben bem juriftU 
fd^en ein ni^t geringe^ gefc^id^tlicf(e^ Sntereffe; iebod^ mangelt e^ 
auc^ nic^t an <)rojeffuaIen unb ciöiüftifc^en fragen. SStelfad^ finb bie 
SJorgänge fo öern^icfett, ba^ man eö entfd^ulbigen miife, njenn einjielne 
symphoremata big jum Umfange einer mittleren t)eutigen SRono- 
grap^ie anf c^n^ellen ; bebauerlic^er ift bie ^alttofigfeit in ber gönn 
ber 3)arfteIIung unb bie SBa^Uofigfeit in bem 9lbbrucf ber Urfunben^ 
maffen, fo bafe bie entfd^eibenben ©tüde jmif^en ben g^nnalien 
öerfc^minben. Stnbererfeitö gett)innt man eben t)ierbur^ ein anfd^au^ 
lic^eg öilb uon bem SBerfa^ren am SRÄ®. : e^ ift ba offenbar feit 
1711 mit großer (Semiffen^aftigfeit unb nic^t ot|ne ®elei|rfam!eit, 
aber aud) mit großer ©d^njerfäHigfeit unb ofine l^ö^eren ©c^ttjung 
gearbeitet njorben. 

4. 9ln bie fä^fifd^en 5ßraftifer fcfiliefet fid^ Don S^übingen au^ 
bie ©d^ute Sauterbac^'ö, junä^ft mit 55^^^^^"^"*^ Sl^riftop^ 
$arpprecl|t, einem ber nöd^ftftel^enben 3ögliuge berfetben. SBir 
befi^en außer ben öänben feiner für ©übbeutfcf(Ianb einflußreich 
geworbenen ßonfilien unb Siefponfen feine gefammelten 3)iffertationen, 
in ber 9teit(enfoIge ber S)igeften georbnet, in jujei gen^altigen Cuart- 
bänben, meiere ju 3;übingen 1692 unb 1737 erf^ienen finb. öe* 
jeicfinenb in benfelben für ben a(ten ©t^I finb bie brei DifEerentiae- 
@d)riften, meld)e bie Slbtoeic^ungen bei? toürttembergifc^en unb babifc^en 
oom gemeinen 9tecf)t be^anbeln, o^ne eine 9l^nung öon bem neuen 
großen 3"9 ^^^ beutfi^en ^riüatred^tg, n^ennfc^on mit tü^tiger 
Äenntniß be§ oereinjelten ©tatutarred^t^. 

SUttt SBenjußtfein vertritt bann biefen ©tanbpunft, namentlich 
gegen ©cf)itter, ein anberer ©proß ber ftet^ an bebeutenbcn Suriften 
fo reichen gamilie ^arppred^t, ©tep^anS^riftop^, ber aö furft^ 
lid) aid^tenftein'fc^er 9iat^ feit 1714 ju SBien lebte. 3n biefer 3)ienft^ 
ftcIUing, ^nx SSa^rung ber Sntereffen biefei? fürftli^en $>aufe^ in 
einer ftrittigen iJe^n^facfie entftanb bk ?(b^anblung: Non usus 
modernus speculi suevici et praesertim juris feudalis Alemaniae 
in terris vicariatus suev. — franc. — palatini, Stiel 1723. ^'^ier 
»erben nicf|t nur bie übertriebenen ^Innaljmen ©dbilter'g tion ber 



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I. 2)ie ^raftifcr. 4) 3)tc ^arpprcc^t. 161 

(^fe^e^hraft beö ©d)iüabenfpiegefö unter anberm auö berfelbcn SBicner 
«"panbfc^rtft, auf tuetc^e fie ftd^ ftiigen, tpiberlegt; fonbcrn anä) bie 
^\lt gefc^ic^tUd^ (jrünbltci^ 9et)rüft, für n?etci)e ?lntuenbung beö S[Ite= 
manifc^en fief|nrec^t§ öor ®cri^t öon beffen SSert^eibigem bti)anpttt 
iDurbe. Sa eö wirb auö ben ^iufeerungen ber ©cfiilter unb X^omafiu^ 
fclbft ein Argument gegen bie ©ebeutung ber ©piegel gewonnen, ba 
bieje 9Ränner t^ aU i^r 5Berbienft in änjpruc^ nähmen, bie 9?edE|tö* 
bücfjer erft roieber auö bem S)unfel an'^ fiic^t gejogen ju l^aben: 
iDü^ fo Sa^r^unbertc lang im ©unfein lag, ^abe fieser jtpifc^enieitig 
©efc^c^fraft üertoren, faltö eö fie jemals^ gel^abt ^atte. (S^ ^abe fie 
aber ouc^ nie gcl^abt, fonbern fei nur ^riüatorbeit jnjeifetl^aften 
Urfprung^, tuä^renb ba§ Songobarbif^e Set)nrec^t an aßen Orten unb 
©cric^tcn fc^tpäbifd^er Sanbe in unbejmeifeltem Slnfeljen atö gemefaieö 
Stecht ftef)e. S)er ^auptujert^ ber ©c^rift liegt in bem 9?acf)tpeiö, 
toeldien fie für le^tere SBetjauptung erbringt. Qwx gii^rung bee^fefben 
^atte man fiid^tenftein'fc^er ©eit^ feine Semü^ungen no(^ 5ioften ge= 
ic^eut, ©0 tpar eö gelungen, üon Äurmainj, Shirtrier, Äurfoln, 
Äurbo^em unb Äurpfalj; femer öon ben öiött(ümem Bamberg, 
3Sormö, aBürjburg u. f. f.; enblic^ öon einer ganjen 3?eif|e füb:= 
beutfd^ freier ©tftbte, öon dürften unb t)on ^errenöerbänben 
3eugniffe barüber ju erhalten, bafe Don itjren @ericf|ten in Ermange- 
lung ftatutarifc^er ober hergebrachter befonberer Se^nögebräuc^e nad^ 
longoborbifd^em fie^nred^t geurt[)eilt toerbe, tpti^renb ber ©c^tpaben= 
fpicgel biefen @ertcf)ten gonj unbefannt fei. ^t)nlici^ fpreci^en fi^ 
bie Outai^ten Don 15 3uriften*^acultüten auö, nur ein $)allt)(f|e^ 
fteüt ftt^ auf bie entgegengefegte ©eite. 2)iefe 3^wgntffe unb 6)ut= 
achten nun f|at ^arpprec^t fämmtlid) hinter feiner ©cfirift abbruden 
laffcn, toie er fie innerhalb berfelben aUfeitig üermert^et. äJian 
wirb nii^t leugnen fönnen, bafe e^ i^m bamit gelungen ift, ben 
Sieuerung^Derfud^en einen in fic^ gefc^loffenen, feft bezeugten 3:f|at^ 
beftanb ju ©unften ber libri feudorum entgegenjufteHen. 2)aft er 
fic^ babei auf bie fiänber fcf)tüäbifc^en 9iecf)t^, gu benen er auc^ 
Säeftfalen red^net, unb auf ben ©dittjabenfpiegel bcfdE)ränft, gefd^ie^t, 
njic er in ber SBorrebe ^eröorl^ebt, bto^ beö^alb, toeil fein praftifd^er 
SaU auigfc^Iiefelic^ bort^tn getjört; e§ tüürbe fic^, meint er, unter 
?lufgebot berfelben SÄittel too^l ba^felbe für bie föd^fifrf)en Sanbe 
Iciften laffen. 3Äufe biefe lefetere 93ef)auptung aixi) afe rec^t jnjeife^ 
^aft erfc^tnen, fo bleibt ber aSertf) ber ©d)rift für ba^ t)on il^r 

Sanblbrra, 0r{dli<4te ber beutf dien 9le4i9tDi{fenf «aft. !£ect 11 

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162 Sünftc« Äapitct. 

beöanbelte ©eOiet babwrc^ uncjefc^mätert ; ein unmittelbar Dörfer 
erfc^ieneneö 5ßrogramm be^ früt) öerftorbenen , ötetoerfpred^enbcn 
^elmftäbter ^rofefforö S^tift. Sot). Sonrab ©ngefbrcc^t, toetd^e^ bie 
@d^i(ter'fcl|e 3tnficf)t vertritt, ift t)on §arpprec^t tjier bereite mit= 
berüdfid^tigt unb miberlegt. 

5) 3Bic in 3;übingen bie $ar))prec^t, fo ^errfc^ten in ber juritU- 
fc^en gocwltät ju Sngolftabt bie S^Iingenöperger, SJater unb 
@o^n, bcibe äWönner öon onerfannter 2;ficf)tigfeit in ber ©rtebigun(\ 
juriftifc^er ©efdiäfte be^ 5ßriöat* lüte be^ ©taatölebenö unb aud) 
literarifct} tljätig. JJamentlic^ tjaben fie fic^ beibe um baö ba^erifdjc 
^ßroüinjiaIred)t üerbient gemad^t, fonjo^I burd^ fortwä^renbe gelegent^- 
lic^e 95erücfficl|tigung , tt?ie burc^ eigene ©d^riften. 2)eö 5Saterc- 
DifEerentiae potissimae inter jus Bavarirum et civile commune, 
1718, bilben bie erfte, beö ©ol^ne^ CoUegia juris patrii ad pro- 
cessum summarium, 1748, bie jmeite ©tufe. Übrigen^ ift ber 
9tame be^ SSaterö mel^r burc^ publiciftifc^e 2)cbuctionen unb burd) 
umfangreiche ©utad^ten befannt genjorben, tüä^renb beö So^iiee 
Störte eben in bem ©tubium beö einl^eimifc^en JRec^tö liegt; er tjüt 
beffen ©injel^eiten noc^ einige tüeitere ©d)riften gen^ibmet. 

©iefen Sngufftäbter JJamen finb fotcf)e üon auc^ nur annä^ernb 
gleich gutem ftlange auf feiner ber anberen fatt)oIifd^en Uniöerfitätcn 
für biefe erften Sal)rjef)nte be^ acf)täef)nten Sa^rl^unbert^ an bie Seite 
5u fe^en, tuennfi^on in SSürjburg einige tüd^tige öe^rer tt)ätig c\t^ 
lucfen fein mögen. 

6) S)aig)etbe !58erl)ättnife »iebertjolt fid) jtüifdien Sngolftabt unb 
ben übrigen tatf)otifdE)en Uniöerfitäten in S9ejug auf bie ^^Jflege 
besJ fanonifc^en 9ted)tfi^, mld)t^ an jener ^oä))6)\ik burc^ J^ran5 
©dimalsgrueber unb i^eit ^idjUr im ©inne ateiffenftuele 
weiter bet)anbelt tüurbe. ©djmalsgrueber'ö ßommentar gilt mit SRcdit 
al^ ber für ben praftifd)en &(ibxand) bequemfte unb ergiebigftc, er 
ftef)t bei ber curialen 9iid)tung nod| t)eute in t)o^em ?tnfel)en ; ^idjler'c- 
i?e^rbüd)er unb prattifdje gäUe f)abcn faum minber ftar!e öenu^muv 
Jücnnfd^on auf für^ere 2)auer gefunbcn. ?Infa^ ju irgcnb meld)cin 
miffenfd)aft(idjen 3tuf)d|Wung ift lueber ^ier noc^ bort ju fudjen: 
immerijiu aber t)aubeft e^ fic^ um tüd^tige Seiftungeu ber alten 
©d)ule, iuefdie mit 9fnerteunung genannt ju n^erben uerbieuen. 
©onft reid)t nid)tö über i>a^ 2)urdE))d]nittämafe ber 2)iffertatiouen 
t)iuaui§, n)ie foldje fabricirt ttjcrben unter ber 9ln(eitung t)on ^^rofefforen 



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IL 3)ic elegante 3uri§prubcnj. 163 

auä ben öerfc^iebenen SDiönd^öorben, ble auf Söefel^t ber Cberen aQe 
moglid^cn Se^rftül^te in rofi^em 2Bcd)feI öerfc^cn, üon ©tubenten, 
meiere für folc^e Uniöerfitäten in bcn Sefuiteng^mnafien t)or= 
gcbilbet ftnb. 

dagegen mangelt e^ ber Qcii freiließ ntc^t an fatl^otifc^en 
Sammlern unb 5fir^en^tftortfem , toelc^e bann ja aud^ für baö 
jtirc^enrcc^t unb l^äufig felbft für bie SRcd^tgentttJidEIung einjelner 
^Territorien öon Söelang finb, inbem fie nad^ Slrt ber §allifc^en 
Schule gerne juriftifc^ öebeutfameö berücffic^tigen. ®ie ^aben itjren 
©iß meift nid^t an ben Uniüerfitäten, fonbern in ttJO^I^abenben 
Äloftcrn ober 83i^tf)ümern , bei ber SBiffenfc^aft unb bereu Pflege 
ttjol^lgefinnten ^rälaten — fall^ fie nic^t felbft fold)e finb, tük ber 
3(bt ©ottfrieb Seffel üon ®5tttt)eig in SJiieberöfterreid^ , beffen be= 
rü^mte^ Chronicon Gottvicense ju Stegernfee 1732 erfcf)tenen ift. 
daneben ift ju nennen ber burcf) feine 3ii^^riäffi9feit wie burc^ feinen 
reic^n Sn^alt ^eröorragenbe Codex diplomaticus Mogiintinus, 
beffen Herausgeber 9S. g. ©üben auc^ jünftig ber Siec^tStuiffenf^aft 
.^uge^ort. 2lm meiften Suriftifc^eS aber liefert ber gutbifc^e ^iftorifer 
S^annat, ber urfprünglic^ öon ber SJed^tStüiffenfc^aft ausging. 
^ierlier gel^ört oor Slßem fein ,,gutbi|c^er 2et(nt)of sive de clientela 
Fuldensi beneficiaria nobili et equestri tractatus historico-juri- 
dicus", granffurt a. 3Kain 1726, beffen UrfunbemSKaterial genauen 
ßinblicf in baS SKinifterialen^SBefen biefer mäd^tigen Sieid^S^Slbtei 
eröffnet. 3Iud§ ©c^annat'S ,, Sammlung alter ^iftorifdier ©diriften 
unb 2)ofumente, baS allgemeine ßanbred)t betreffenb", erfter Seil, 
J^anffurt 1727, fei eben l)ier ertt)ä^nt. ©eine ©ammlungen jur 
beutfc^en ©^nobal^Oefd^ic^te mürben t)on Sofep^ §ar&f|eim, S. J, 
bearbeitet unb tfjeifö tjon biefem, tfjeife enblic^ auiä beffen SJiadilafe 
Don ^ermann ©djoB, S. J., l^erauSgegeben , Ujoäu bann f))äter 
onberttjeitige ^ortfe^ungen getreten finb. 

II. Unter eleganter ^uriöprubenj öerftel)en mir biejenige ftenntnife 
beö SRec^t^, meld)e ^^ilofo))^ie, namentlid) ftoifd)e, ?lntiquitätcn, 
griec^ifc^ unb lateinifc^e ©prad^e unb Äunft ber itritif, aufjerbem 
römifd^e unb fiiterör:=@efd^id)te aufö ©ngfte mit fid^ üerfnüpft — 
10 erflärt 3. g. Sugler. SBcnn bagegen baS neuuäe^nte 3a{)rt|unbert 
fic^ beß SluSbrudeS regelmäßig bloö ba bebicnt, tt)o c£^ auf eine 
SSiffenfc^aft ber römifdjen SRec^töaltertpmer anfpielen toill, meiere 

11* 



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164 fünfte« Äapitel. 

fic^ jeI6|t aU nujjloö für bic (£rfenntnife beö geftenben SRec^t^ unb 
befe^alb fdjUejiücf) nur ate elegante^ gefc^rte^ Spiel anfielt, lücil fic 
den jebe Sttinung \)on bcm engen 3^fö"^wien{|ang gwifd^cn Siechte-- 
gcfc^ic^te unb "Sitdjt t)er(oren J)at: ]o ift eö ein ©ntartung^äuftanb, 
beffen ©rhinerung auf baö SBort abgefärbt l^at, rt)ä()renb baffelbe 
urfprünglic^ bie ganje SRtc^tung, auc^ in i^rer erfreutidien , n^ificn' 
fc^aftlid) bereclitigten Entfaltung, fennjeic^net. 9nierbtng^ tag getoiB 
t)on 2lnfang an in ber 9iid^tung tuie in ber ©ejeidjnung berfelben 
ate einer eleganten ein gert)tffer ©egenfa^ gegen baö praftifc^ Shraud)^ 
bare, ein ^inn^eig auf einen ungefunben, iiornet)m über bie „^ag= 
matifer" ert)abenen SJetrieb ber SBiffen)d)aft um it)rcr felbft ttjiUcn: 
unb in ^oHanb mögen bem aud^ bie "Stiatfad^en entfproi^en ^aben. 
3n 3!)eutfcl^Ianb aber ift eö lange S^it bod^ ba^ eifrigfte öcftrebcn 
ber eleganten Suriften, biefen §ang in fic^ ju befämpfen, [id) gegen 
btefen öon praftifd^er ©eite i^nen gemacf)ten 8?orn)urf in ?Reben unb 
3SortPorten, meti|obotogtfcI| unb programmatifd^ , ju t)ertt»agren unb 
burc^ i^re 9lrbeiten unmittelbar braudjbare (Srgebniffe ju förbem. 
©0 lange fie fo gefinnt unb baju burd^ gleic^jeitige fienntnife be« 
geltenben Siec^tö im ©tanbe finb, bringt it)re elegante Suriöprubenj 
ber 9tec^tött)iffenfd^aft nur ®eminn; bie i^ertümmerung beginnt in 
bem 9lugenblid, in n^eldjem bie eleganten Suriften nad)laffen in ifirer 
©cmüt)ung, ©inffuft auf bie ^rajiö ju geminnen, unb fic^ baburcf) 
ber ^raji^ felbft entfremben; ber SSerfall ift beficgelt, fobalb fie 
biefen ©ntfrembung^juftanb ate ®eminn unb Stbel^jeugnifj für fid), 
afö ?Ja(i^tI)eit unb ^iormurf bloö für bie ^raftifer betradjten. 6bc 
tüir ju biefer abfteigenben Sntmirflung gelangen, ^aben n^ir eine 
auffteigenbe ju betradE)ten. 

1) 3n §oIIanb folgen auf bie ^ßerijoniujB unb SRoobt, neben 
toeld^en Soi). SL^oet ben ^oüänbifc^en usus modernus üertreten ^attc, 
ein Sornel. t)an Sd, 1664—1732, ein örenfmann, 1680—1736, 
namenttid^ aber ein SInt. ©d^ulting, 1659 — 1734, unb ein Sornel. 
t)an St)nfer!gt)oef, 1673—1743. Sd ift tjauptfä^Ud) befannt aU 
Interpret ber fogenannten leges damnatae in ben ^anbetten; 
Srenfmann nebft Saurenj X^eob. (Sronot), bem ©o^ne bei^ großen 
"ißtlilologen, burd) it)re SSemü^ungen um ben fIorentinifd(en ^ßan- 
beftentei't, worauf bei öebauer jurüdäu!ommen fein nurb; ©c^ulting'ö 
Jurisprudentia antejustinianea, tnennfdjon toeber üoUftänbig nod) 
fritifc^ muftergültig , mad)te bod^ für it|re Qdt — fie erfd|ien juerft 

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IL 5)!C elegante 3uTiÄt>rubenj. 1) 35ie ^oüänber 2C. 165 

1717 — (Spoc^e fc^on megen ber Söcquemlic^Ieit; Spnferß^oef enblic^, 
^rafibent be« (jroBen 9tatf|^ Don ^oUanb, Seefanb unb SBeftfrie^ 
lonb, gcnofe einen enropäijc^en SRuf mit feinen teEtfritijc^en Ob- 
servationes juris Romaui, meieren fic^ bie an^ ber Subifatur feined 
Ckric^tö^ofiS flef^öpften Quaestiones juris privati anreihten. 

Sieben biefen TOännem ift für biefe Generation nur ©in in 
i>oÜQnb t^Qtifler, ber tjoUanbifd^en ©d^ufe öoü juge^öriger Gelehrter 
beutjc^r ©eburt ju nennen, 3o^ann Drttoin SSSeftenberg ju 
Serben. 2)?it feinen afö Se^rbüd^er gebac^ten Principia juris secundum 
ordinem Institutionum unb secundum ordinem Pandectarum 
treten mx in eine gonj anbere SBelt, alö bie ber beutfc^en Sont? 
penbicn. Sie erftreben ftrenge 3)arftellung auöfc^Iiefelic^ bei^ 
3uftinianifd>en JRerfjtig, of)ne jebe SRücffic^t auf SBeiterbifbungen, toelc^e 
ben ^umaniften nic^t intereffiren. S)ie DueUenmäfeigfeit ge^t foweit. 
Daß mögli^ft ber SBortfaut in ntofaifortigen SBerHammerungen feft^^ 
gehalten ift; öetjerrfc^ung be^ geteerten |)anbn)erfeäeuge« ift bei einem 
Schüler be^ ^erijoniuö fcI6ftöerftänb(id). SBeeintröc^tigt loirb baö 
ßrgebnijj nur burc^ bie weitge^enbe Seic^tfertigfeit in Sonjecturen, 
boö leibige ©rbt^eit ber SRoobt'fc^en ®ct|u(e. S)iefe geigt fic^ befonber^ 
in einer ®gentl)ümlirf|feit beö ^anbeftenloerfeg, nämlic^ in ben fecfen 
9Serfu(^en, ju jebem Xitel ben oon ben römifc^en 3uriften befprod^enen 
Sbiftg^ ober ®efe^ei^teEt im SBortlaute mieber tierjufteUen, um bann 
alle weiteren Äuöeinanberfe^ungen afe Sommentar ju ben einjelnen 
SBörtem jeneiS 9Bortlauti^ öorjutragen, entfprec^enb bem SBerfal)ren 
ber romifd^en ©bifti^Sommentatoren. S)a^ ^ieft benn freiließ antifer 
5orm fic^ nähern unter aufgäbe aller &etoa\)x für antifen 5nt)alt. 

Sia^e oermanbt biefem S?erfat|ren ift ber ©ebanfe, einmal bie 
Gonftitutionen eine^ ÄaiferiS im 3ufamment)ang barjuftellen, tttoa fo, 
n)ie Gujü^ bie flaffifc^en Suriften bezaubert f)attt. 5)a^ naturrecl)t* 
lic^ 3ntereffe an bem faiferlic^en ^^ilofopl)en unb befonberer Meic^ 
t^um ber Ueberlieferung loiefen auf SDiarc Slurel l)in ; unb fo entftanb 
ba^ SBuc^: Divus Marcus seu dissertationes ad Constitution es 
Marci Imperatoris, Serben 1736. Aufgenommen finb blofe bie- 
jenigen Sonftitutionen, tt>eld)e SBeftenberg bem S33ortlaute nac^ ju geben 
fid^ in ber Sage füllte. 2)ie beiben erften 3)iffertationen I)anbeln 
Don bem Seben bed Sfaifer^^ unb oon feiner gefcjjgebcnben ®ett)alt. 

(Sin echter ©c^üler oon ^ßerijoniu^ unb 3?oobt ift aud^ SBern^^ 
^Qrb §einrid| Siein^olb. greilic^ l^at er juerft in .t>alle ftubirt unb 

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166 &ünftcö ^QpxUl 

feine ganje fpätere Saufbofin in S!)entfcf|Ianb burd^meffen ; entfc^ibcnb 
aber n)urben für if)n bie jwifcl^enUegenben ©tubicnjofirc in Serben. 5)em 
X^omafiusf uermog er bie @Ieicl^fteIIung uon ^omer nnb ^an^S ®adß 
ebenfowenig ju üergeil^en, n^ie bie Oeringfd^ä^ung be^ SRömif^cn 
SRed^tö ; flagenb berid^tet er, n)ä]^renb ber fed^^ 3a(}re f etned ©tubium^ 
in 5)eutfd^lQnb l^abe er nie ein SBort über bog infdjriftUd^ erl^altenc 
Senatusconsultum de impeiio Vespasiaiii getjört, toö^renb 
biefeg bod^ bie ®runbtage jnr ©rflärung beö ®efe^gebung«red^tö bcr 
römifd^en Äoifer bilit; ift e^ mm aber nid^t bod^ noc^ bebauerüi^er, 
toenn 9ieinf)oIb feinerfeitS fid^ auöjnfpred^en geftattet, alle Sefc^äfttgung 
mit beutfd^em ^eci)t an Uniöerfitäten fei überflüffig? ®r meint, 
biefe beutfd^en fiofalredjte fönne man immer nod^ fpäter fennen 
lernen, jnr juriftifc^en ?(uö6ilbung ge^rten fie nid^t, tuer boö 
SRömifc^e Sftedjt bef)errfd)e, bel)crrfd;e bie Suri^prubenj. SReben bem 
3iömifd^en SRed^t läfet Sfteinfjotb allenfalls nod^ ia^ SRatnrred^t beö 
^oHönberS |)ugo ©rotinS gelten; feine ganje 2^t|ätigfeit toibmet 
er jenem. 

®ie f)at nur tleine ®d)riften t|ert)orgebrad^t, meift forgfältig 
gefeilte Seitröge jur Jejt= ober Son]ecturat*Eritif ober jur gefc^ic^t- 
liefen Söfung öon Duellen*SBiberfprüd^en, in ber Slrt ber Observationes 
ber flaffifdt)en granjofen beö 16. Sa^rl^unbertS. iöefonberS bemüht 
9?einl|oIb fic^, bie öebeutung ber Snfcriptionen an einjelnen Söeifptelen 
barjut^un, inbem er fid^ i^rer jur ©efeitigung öon ©rf|tt)ierig!citen 
ober SRifeüerftänbniffen im geltenben 9ted^t bebient; bas foU bie 
beutfd^en $ßragmattfer auS i^rcr Unbefümmert^eit um fold^e S)ingc 
aufrütteln; barauf befc^ränft fic^ aber aud^ ha^, toa^ 9iein^oIb ber 
^ßrajiö JU bieten meife. 

2) SBefentlid^ anberS geartet finb bie Ijumaniftifd^en öeftrebungcn, 
fomeit fie beutfdt)em Soben entfprie^en, fd)on ia, too toir i^nen 
junad^ft Dereinjelt, of)ne @d)uläufammen]^ang begegnen. 

@o finben tt)ir ju Sena einen in allen pI)iloIogifd^en S)ingcn 
^oc^geletirten, bem p^ilologifd^en ©ctriebe ber SRec^tönjiffenfd^aft unb 
bem eleganten @d)mud ber 9tebe mit SSorliebe unb ®fürf jugettianen 
9Rann in Saurenj Slnbreaö |)amberger. ®r toax ©c^üIer öon 
3ot|ann ^^it. ®tet»ogt unb öon Se^er, fanb ju 3ena Slnle^nung 
an ©d^ubart unb an S3. ®. ©truo, ot)ne in beren literär^iftorifd^e 
3iic^tung einjulenfen ; feinen näd)ften (SeifteSöertoanbten aber erfannte 
er in bem frütjeren Senenfer ^rofeffor 3oI)ann Strand), um bcffen 



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IL 3)ie elegante 3"T^i*pTttbcn,v 2) ^inaclnc efegontc 5)eutfd^e. 167 

öcbäd^tniB er [\ä) ötelfoc^ uerbient gemacht f^at 3n ben fec^ö 
ücben^jal)Ten, bie tf)m nad) Slbfc^Iufe feiner ©tubien nur nod^ öer- 
flönnt waren, l^at er eine SRei^e nic^t unbebeutenber ©c^riften forg* 
fältig au^juarbetten Qeit gefunbcn. ©enannt fei eine S)iffcrtation 
Don 1714; fic ^anbelt de non usu stipulationum usuque pactorum 
ia foris Germaniae, b. \). fte ftellt bie römifc^e fie^re öon ber 
Stiputotion Hat, bamtt man bod) tt)iffe, n^ie baö Snftitut befd^affen 
fei, an beffen ©teile ba^ moberne, formlofe pactum getreten ift. 
3ntereffanter nod) finb ^ogramm unb Einleitung ju SJorlefungen 
über @rauina'^ Origines juris civilis, bie einjigcn burc^ biefe«^ 
ßolleg äur S)rutlreife gebrachten ©tüde. S)a^ 5ßrogramm tianbelt 
de utilitate ex humanioribus litteris in jurisprudentiae studio 
capienda, mit /\al)lreicl^en Seifpielen. 5!)ie Einleitung gibt f)anpt- 
fäi^Iic^ eine grünbtid^e, fc^nrf fritifc^ unb borf| iPo^tooHenb gered)tc 
Ue6erfid)t über alleö, tpaö feitl)er bi^ auf Orabino jur 3Biebcr* 
t)crfteüung unb ©rflärung ber öorjuftinionifc^en JRec^tdqueÜen geleiftet 
war; babet fe^tt e^ namentlich nid^t an fröftigcr, au^ burc^ ®egen* 
angriffe geführter SSert^eibigung ber ©eutfc^en gegen tiollänbifd^en 
Uebermutl^. SSoraufgefanbt ift eine Erörterung über bie t)erfd(iebenen 
3)fetI|obcn, fid) ber anti?en nic^tsjuriftifd)en ©c^riftftelter bei juriftifc^en 
Arbeiten ju bcbienen: bie einen fc^rieben alte möglichen ©teilen axiä 
I)id)tem unb ^^itofopt)en jufammen, of)ne etroa^ jum Stecht bei- 
zutragen; anberc bebienten fic^ it)rer bloft, luo e^ jur Grflärung 
jnriftifd)er 3)inge unerläfelid) fei; wieber anbere, welche regelmäßig 
roie bie le^terwä^nten uerfül^ren, wiberftänben aufeerbem nic^t ber 
i^erlorfung, gelegentlich jur Qictbe unb at^ Siufjepunfte für ben fiefer 
einige fonft überflüffige elegante unb fd^lagenbe Stellen einjuflec^ten, 
wie baö feine 3Beife fei. S)af3 biefer gefd^madöoUe g^^eunb bej^f 
floffifc^en 2lltertf)umö bei 93ct)er gelernt l)atte, bod) auc^ bie Ent- 
hüllung ber ©c^attenfeiten be^ Stömifd^en JRed^töf ju ertragen, gereicht 
i^m jur tjol^en Etjre; er gel)t foweit, gelcgentlid^ 5U bemerfen, wer 
be0 3;^omaftuö Strbeiten über bie J-c^ler beö 9tömifct)en 9ied)t!g grünb= 
lief) ftubire, werbe fc^licfelid^ weit me^r geförbert fein, alö wenn er 
fic^ bur^ ben SBuft ber 5ßraftifer burcfigearbeitet l)ätte, welcljc 
erflörtcn, man fönne fic^ nic^t!^ beulen, toa^ über bie 9t5mifd)e 3Beie== 
^eit irgenbwte jematö t)inauöginge. 

3n ^elmftäbt wirfte ber Dr. phil. jur. et med. ^ßoll)farp (IV) 
iJepfcr, auö beffen poh)l^iftorifci^em treiben aud) für bie gelel)rte 



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168 Sänfte« RapM. 

Surtöprubenj ©inige^ abfiel, tüie 5. SB. feine Observata diplomatico- 
historica de eis quae Justiniano Imp. in prooemio Instit. 
imperial, supposita etc., öon 1727. (Sttoaö eingel^enber bemühte 
er fid^ um bie beutfcfie Sied^töflefc^id^te, unter S8ern?ert^ung älterer 
Urfunbcn, für ttefd^e er eine befonbere SBorliebe ^egte. 3)a^in gc* 
^ören feine 2lu^füt|rungen über baö „Lanttinc", b. ^. ba^ Sanb^^S^ing, 
über mittetalterfid^e« äWinifteriolem unb Seibeigencn*3Befen, über baö 
SJhmbeburbium u. f. f. Sebod^ ^anbelt e^ fid^ ftetö nur um Der^ 
einjelte Si^Ö^'^ä^ig^ J ^^ ^^^ furjen ?luffä^en n^ed^fetn n)ot)tbcgrünbete 
3lnfid^ten unb feine öeobad^tungen mit ben fü^nften SSermut^ungen 
unb fd^rullent)aften ©nföUen; ber tt)iffenfd^aftIidE|c SReingcroinu ift 
färgfid^. 

aSon 3)reigben ^er, tno er eine B^itlang olö 9ficd)tgQntt)aIt |)rafttcirte, 
bann ganj ber geteerten äRufee tebte, uerfa^ S^riftfrteb SSäd|tIcr 
bie Seipjiger Acta Eruditorum forttaufenb mit Ujert^öoUen Sieccn* 
fionen ber tjoHänbifd^en, auc^ ber italienifd^en unb fpanifd^en eleganten 
Suri^prubenj. Seinen autobibaftifd) erlangten ©|)rac^fenntniffen, 
feiner fritifd^en geint)eit unb feiner Siebtiaberei für Meine, ttjo^lgefeilte 
äuffä^e tierbantt e^ jene tonangebenbe beutfc^e ^citfc^^ft, bafe bie 
3Berfe eineig |)uber, 9?oobt, SBit^. öeft, ö^nferä^oef, SBrenfmann, 
tian be SBater, SlDenariuö, @d)utting, örand^u unb 3acob ©löner in 
ii)x 95ef|)recf)ungen fanben, toeld^e, ber beften ber befproc^nen ?lrbeiten 
würbig, biefe nidt|t nur treffenb jn loben, fonbem auc^ öon i^rcm 
eigenen ®tanbpun!te auö ju fritifiren »iffen. SBä^ttcr jeigt fid^ 
babei nid^t feiten al^ ber beffer Unterrichtete ober geinfü^tigcrc; 
namentlich finb bie Söemerfungen ju SÜeft, ju oan be SBater unb ju 
mefireren ©djriften beö S8Qnfer^l)oe! beac^tenötoert^. 5)arin entlüidclt 
fic^ eine gen^iffe ®egnerfd^aft ju SRoobt, gegen toeld^en ffiäaitler 
folib fritifd)e ©runbfä^e üertritt, wie er benn bereite 1681 fc^rfe 
Notae gegen 9loobt veröffentlicht §atte. SRögen biefe(bcn auc^ noc^ 
nic^t bie gan^je Steife be^ tlrtl)eilö jeigen, Wie bie fpäteren 9iecen^ 
fionen, fo ent{)alten fie boc^ offenbar t)iel ©ered^tigte^, fo bafe 3Ba(^tIer 
in ber fid^ anf^tiefeenben literarifd)en ^-el^be feinen ©cgnern ©tonb 
SU f)alten wo^I vermochte. 

3luf3erbem feien t)on SBäd^tler'^ Meinen ©d^riften no(^ genannt 
5n)ei 3lbf)anbfungen über bie ®rabe ber ®^ulb unb über bie bing« 
lid^en SRec^te. 3n ber barüber entftanbenen Sontroöerfc jwifctien 
®^rift. X^omafiuö unb SBüc^tler fd^iefeen beibe fortwä^renb an 



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1 



II. ^ie elegante SuriÄprubcnj. 2. ©njelne elegante 3)eutf(^e. 169 

einaitber öotüber, ba eö Ic|tcrem (ebiglicfi auf bie forreft antik 
?(ui^brucEStoeife, erftcrem ebcnfo aitöfc^UejsItci^ auf bequeme SBejeic^nung 
für ba^ moberne Softem onfommt. 

3n 2eipjig fc(6ft bemüt)te ftd^ ber ao. ^rofeffor ber Suröprubenj 
ö Ott lieb Äortte (Sorttiuö) in feinen ©rfjriften faum um biefe<g fein 
?iattf, mbcm er feine ftafftfd^e ©ete^rfamfeit ausgaben t)on fiuciau 
unb ©aUuft juluanbte; bagegen toerben gerüt)mt feine SSorlefungen, 
roelc^e mit ©ef^id unb ©ifer in bie flaffifd^e Suriöprubeuj eingefüfirt 
Öoben foOen. 

Slu^ benfelben ging I)erüor 3o£)ann ^e in rief) SKtjliu^, bem 
von allen ^ier genannten, fo üietfac^ frü^öerftorbenen SWännern bag 
fürjeftc S)afein befc^ieben mar. Dbfd)on nur 23 Saläre alt getüorben, 
ift er boc^ mit einem größeren unb mit mel)reren fleinen 333erfen auf« 
j^ufü^ren. J)iefe feine Sd^riften bejie^en fid^ ^auptfäd)Iic^ auf bie 3n= 
ftttutionen-^arapljrafe beö 2;^eop^iIuö, bie er l)erau^jugeben unb in 
fortlaufenbem Kommentar alö ri^tig ju Dert^eibigen gebaef|te. 35e^ 
tialb Reifet auc^ ba§ bebeutenbfte ©tücf, meldieö (jicrju fertig geworben 
ift: Vindiciarum Theophili praeparatio, qua historia ipsius et 
paraphraseos exponitur; e^ ift ein formooUenbetei^ tleine^ Äunft= 
merf, welc^eö namentUd^ Ujirft burd) ben 9lad;mei^, bafe ST^eop^ilu^, 
ber SSerfaffer ber ^arap^rafe, unb %t)eop\)\hx^ , ber äKitarbeiter 
2ribonian§, ibentifd) finb. — Slußerbem l^at SRpttuö bie (£d|t^eit be^? 
3iiftitutionen=^^rooemium^ gegen ^of^farp Se^fer'«^ 3^^if^i ^^^ ^lad)' 
brud unb ©leganj üertl^eibigt. 

3o^. griebri^ §ombergf ju Sac^ üermenbete feine Sc^errfc^ung 
ber griec^ifdien @prad|e, neben tt)eoIogifd)en Stubien, ju einer neuen 
Übcrfe^ung ber Siooeüen in'^ Sateinift^e, meiere if)m einen bauernben 
91uf Dcrfc^affte. S)en SSeg bagu bahnte er fic^ burc^ eine befonbere 
'Jlbtianblung über Nov. 22, um an biefer bie 3nforrectI)eit ber versio 
vulgata unb ferne eigenen forrecten Ueberfejjungöprincipien barjuttjun. 
5>er einluanb, auf ben gried)ifc^en 9?oöeItentejt fomme t^ für bai^ in 
2eutfd|(anb geltenbe Siecht nid)t an, ba bie üulgäre Überfe^ung ein« 
mal rectpirt fei unb fraft ber SReception unabt)ängig üom Urtejt 
gelte, mtrb ec^t pt)iloIogifc^, ol^ne ©egengrüube, einfad) ate peröerS 
unb läc^erlic^ auf bie ®nU gefd^oben. 3e unerfreulid)er biefe ober« 
fläc^üd)e Se^anblung einer grunblegenben SSorauöfe^ung, befto an« 
erfcnnenön)ertt)er finb freiließ bie förgebniffe. $Wad)bem eine ^^robe« 

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170 &ünfte« Äapitel. 

überfe^ung ber crften SWonelle allgememe SBilligung geerntet ^attc, 
folgte fc^on 9Karburg 1717 baö uoHenbete SBerf: Novellae con- 
stitutiones D. Justiniani ... ex Graeco in Latinum conversae 
et notis illustratae. S)a6 baö ®xied)i](i)c bie Urfprac^e ber Sßobeüen 
fei, mußte ^ombcrgf erft nod^ in ber Sorrebe oiiöfütirlic^ beweifen, 
ja eö entfpann fid^ bei^^alb ätpifd^en bem Stansfer SubetDig unl) 
gerbinanb 3luguft §ommeI einer)eit§, bem ©oI)ne unfereiS ^ombcrgf, 
Slemiliu^ Subtoig, anbererfeit^ nod^ ein Iebf)after ©treit. S)afe aber 
iebenfaHö für bie genauere ©rfenntnife ber SZoöcHen biefer forgfaltigcii 
unb bod) lesbaren Ueberfe^ung großer SQSert^ jufommt, ^at man jofort 
allentl^alben ju luürbigen gewußt. Sßon einer SSertüenbung für bie 
5ßrajug fonnte felbftüerftänblic^ ni^t bie SRebe fein. 

Sm Siüilred^t l^at §ombergf, ttjie 3:itiu§ bie gictionen, fo feinem 
feitö bie 5ßräfumptionen juerft üon einem p^eren ©tanbpunftc ou^3 
be^anbett. 9lußerbem gebort er ju ben SBenigen, njelc^e im 9?atu^ 
rec^t eigene 3Bege toanbeln, 3ßege, n^elrfie fdjon ber S^itet feiner 
©c^rift: „Dubia juris naturae" fennjeirf)net. 9Ba^ üerftefit man 
unter SWatur? 3Ba§ unter 9led)t ber 9?atur? ©inb bie genjö^nlicfi 
formutirten 5ßrincipien nid^t l^o^fe ©d)(agmorte, n)etcl^e nur ©elbft- 
üerftänblic^eö fagen, bie ^auptfac^e im 3)unfeln laffen? aSarum 
fott ba^ SHed^t ber 9Zatur jemals abmeii^en t)on ben (Geboten @otte^^ 
unb ber SD?oraI? 35iefe unb ät)nlid)e finb bie ßttjeifel, bie ^ombergf 
t|ier me^r anregt aU entfcf|cibet, nic^t ol^ne pietiftifrfie g'^i^^^^fl' 
aber namentlid^ mit 9lbfd^eu t)or ber bloßen 5ßf)rafc, bie mit Um 
fd^reibungen baö fagt, ttja^ Seber ipeiß, ober in bie SSorauöfe^uui] 
uerlegt, tva^ man ate j^olgerung auö i^r enttnideln tt>in. ?ln 
biefer Haren Sinfic^t ^at §ombergf ftet^ feftge^alten , ju einer 
|)ofitiüen Sntfd^eibung ber übrigen t^'agen fid^ inbeffen niemale 
entfd^toffen. 

^Än ^ombergf'ö I^titigfeit fd^Ueßen fid^ unmittelbar bie öe^ 
mül^ungen um bie 5riot»cIlen beö 5iaifer^ Seo Seiten^ be« Senenjer 
^rofefforfii Äaöpar SlcfiatiusJ 93edE. ©ein SBerf trögt ben a:itel: 
De novellis Leonis, Augusti et philosophi, earumque usu et 
autoritate. SBir erhalten ba junöd^ft eine rec^t^gefc^ic^tlid^e lieber* 
fi^t, ujeldje etnja^ au^füt)rlid}er ujirb, töo fie fid^ ber bl)jantiniic^n 
©efe^gebung nad^ Suftinian ^uluenbet. S5on ba aud foU nac^getoic)eu 
tt)erben, baß bie SioöeUen fico'fiJ nirfit nur im b^jantinifc^en SReidic 
gegolten ^aben, baß fie ferner nid)t nur jur Interpretation be^ 



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11. 3)ic elegante SuriÄpnibeitj. 3) ©eginn einer betitftftcn ©^iile. 171 

Suftinianif^en 9iecf|tö gefegentüc^ mit Slu^eu ^crangejogen tperben 
fönitcn, foitbcrn bofe tt|ncn oud^ in 2)cittfcf|(anb praftifd^e ©ültigfeit 
jufoinmt, biötoeilcn felbft gegen baö Suftinianifc^e SRcd^t! 

3) ans ber Stnfftellung nnb ernft^aften SSerfcd^tung einer fo 
gänjlid^ unhaltbaren Sel^au^jtung ert)cllt, lüie »enig [icj^ biöt)er noc^ 
bie elegante Suri^prubenj in 3)eut)d^Ionb ^atte acciimatifiren fönnen. 
Gin nac^ Äönigigberg üeriprengter reiner ^oUänber ipie SRcin^oIb, 
grübeinbe ?ßolQ^iftoren ober l^eüenifirenbe ^öatgelel^rte wie fie^fer 
unb SBäc^tler; über ben Ärei^ ber gettenben Cuellen fic^ ^inweg* 
fefecnbc SWeuerer, tüie ^ombergf unb 85ed: burc^ fie fonnte bie 
elegante SRid^tung in ©eufd^Ianb ntd^t SBurjel jd^Iagen, erft red^t 
nid^t burc^ fo jung l^intüeggeraffte SRönner tuie ^amberger, 
Sorttiuö, SK^Iiug. ©oQte eine eigentlid^ beutfd^e ©d^ule I)inna' 
niftifc^ SRid^tung gebei^en, fo muJ5te man ben Sebürfniffen ber 
beutfc^en ga!uttäten mit il^rer 6igenfd)aft afe ©prui^foUegien , unb 
bamit ben öebürfniffen ber beutfi^en ^ßrajiö über^au^t entgegen 
fommen, namentlich aber neben bem Siömifd^en bem altbeutf^n 
Siecht bie SWettjobe pl^ilologijrf^antiquarifd^er ©onberftubien ämuenben. 
J^ÜT eine ©d)ulric^tung biefer Wct tvax ber Slnögangöpunft in ber 
©allifd^en gefc^id^tfic^en Steigung gegeben, ©tanb and) S^^omofiuö 
in feinem perfönlic^en ©efc^mad flaffifc^er Überlieferung unb gorm= 
fc^ön^eit allju fremb gegenüber; fo füfjrtc bo^ feine gefd^ic^tli^e 
?luffaffung fofort Ijinüber ju ber antiquarifd^en 3uri^prubenj ; if)m 
fo nafie fte^enbe ©c^üler toie ©unbling unb öe^er finb t^atfac^lidf) 
bereite ju ben „eleganten Suriften" gered^net toorben. Unb fo i^at 
fic^ bcnn eine fold^e ©nttoidlung ooUjogen in ber jmeiten ©eneration 
ber ©c^ute; t)on ^einecciuö nod^ nid^t ju reben, fo ift aiiö ©unb- 
ling'g Unterrid^t ©oer^arb Dtto, anö 3;itiu^' tlnterrid)t S£)rift. 
@ Ott fr. § off mann, au^ Sp^r. ©erl^arb'ö Unterridjt ©alom. 
Srunquell f)eroorgegangen. 

6f)riftian ®ottfrieb ^offmann fd)ä^te geujife, mie fein 
Se^rcr, ba^ Siaturred^t f)orf), fotool)! afe Sßorbereitung für ba^ 
juriftifd^e ©tubium, toie afe not^toenbige ©rgänjung be^ SRömifd^en 
unb 3)eutf(^en 3iec^t^. ?lfe Dortjerrfd^enbe ©igentpmlic^feit biefe^J 
3uriften aber mufe gelten bie entfd)iebene ft^Iar^eit pringipieüer 
©teHungna^me ätt)ifc^en bem übertrieben eleganten, auiäfd)UeJ5lid) 
flaffifc^en unb bem in S)eutfd^tanb lanbläufigen praftifd^en Setrieb 
ber ^uriöprubenj. 3Beber bürfe man betjuf^ 9(bfüräung ber ©tubien* 



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172 ȟnftc* ^apitti. 

jeit fid^ mit ben oberfläc^Iid^ften, für bie ^rajtö gerabe ^inreic^enbcn 
^enntntffen begnügen, noc^ unter 8Semad|Iäffigung beg praftifc^cn 
SRu^enö bie SRedjtön^iffenfc^aft in ber Strt einer geleierten ©piclerei 
QUO bloßer greube an ©ubtilitäten unb ituriofitäten treiben. (Sen^iß 
bürfe man t)or ber mü^famften gefc^id^tlic^en ©injelarbeit nic^t jurü* 
jd^recfen, jeboc^ nur bann, fallö biefefbe ujenigftenö mittelbar je 
befferer (Srfenntnife be^ geltenben SRec^t^ fül^re ; Slntiquitäten, SRec^t^ 
gejd^ic^te unb ^ßtjilofopl^ie um il)rer fetbft toiütn betreiben, ^eifee, 
ben praftifd^en Seruf ber SRed^töttJiffenfc^aft berfennen; fie üemac^ 
läufigen, ^eifee bagegen, bie aSiffenfd^aft felbft aufgeben unb fi^ ab= 
firfltlid^ bem SSerfall in alle SDZifeüerftänbniffe unb SCfior^citen auß* 
fegen, toegen berien man bie Otoffatoren üerlac^e. 

3Son biefen ©runbfägen ge^t ^offmann au^ in feinem fc^on 
früher erttjätjnten ^au^jtmcrf, ber ©efd^id^te beg römifd^^Sufttnianifc^n 
^riüatred^t^ ; bie wiffeufd^aftlid^en 9?erbienfte biefer Jfeiftung finb 
bereits im ©egenfage ju SB. ®. StruD gettjürbigt iporben. ©n 
jttjeiter S^eil beö SBerfeö giebt 8leconftitutionSt)erfud)e ber leges 
regiae, ber 12 Safein unb beö edictum perpetuum, ja felbft 
afe Cueüe beö SRömifc^en 3ied)tö altgriec^ifc^er, namentlich 
attifc^er (Sefeggebung. 3)arin finb jtüar burd^ttjeg nur ältere 
Slrbeiten abgebrudEt, bodt) ift bie ^wföinmenfteltung rerf|t öollftänbig 
unb braud^bar. 

SBenn fid^ ^offmann in biefer feiner ^Rec^tSgefc^id^te auf bie 
ftaffifd^e 3SeIt befdfjrönft, fo liegt bem feineStoegö eine Abneigung 
gegen S)eutfc^e!^ Sftec^t unb beutfc^c 9iedetöenttt)idElung ju ©runbe, 
fonbern bie feiner 3^^^ üoraneilenbe , Kare Srfenntntfe, bafe für 
beibe 93eftanbtl)eile unfereö bürgerlichen SRec^tS, ben romaniftifc^ 
unb ben germaniftifc^en, §eil erbläl)en fönne nur burd^ gefonbertc 
J^orfd^ung, im (Segenfage ju ber ^errfd^enben 9Ketl|obe bci^ usus 
modernus, ttjetd^e alleö üermifd^e unb t)ern)ifd)e. S)abei fei benn 
auf ben 3:ejt ber beutfdien SRed^tgqueüen , auf ba« 5ßerftanbnife ber 
beutfc^en Sied^tSttiörter unb SRed^tgfäge baffelbe pl^ilologifrfi grammati^ 
falifc^e SSerfal^ren anjun^enben, beffen man fid^ biSl^er nur ju ©unften 
beS römifdien SRec^tö bebiene. §offmann fügt foldjen ^[uigfü^rungen 
eine nid^t unbeträc^tlid^e Qa^il üon S5eif|)ielen bei; mertoürbigcr 
3Seife ift er aber aud^ bereite gelegenttid^ berartiger ©ctrac^tungen 
auf ben — fpater öon ^ütter fräftiger wieber aufgegriffenen — 
©ebanfen getommen, bafe, wenn man fo t)erfat)re, m^ beutft^n 



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II. 3)ie elegante 3uri8<)rubcnä. 3) ©eglnn einer bcutfcften 8(^ule. 173 

|)arti!uIarre(^tU(^cn ©ebräud^cn unb ©efefeen fid) (jemeiufame ^^5rm- 
jipicn ttjürbeit gcioinnen laffen, tüetrfic bann ate gemeineö S)eutfc^eg! 
Stecht (jus Germaniae commune) bejeid^net iperben bürften. SBon 
einer Äugfü^rung biefe^ ©ebanfen^ ober and) nur öon einem Söeginn 
baju ift nic^t bie Siebe, ©ö ^anbelt fic^ mel^r um einen ©eifteöblr^, 
wit fic^ beren manche bei it|m finben. Q. 93. bie ebenfo t)ingetüorfeue 
tVrage, ob e^ nid^t beffer toäre, in QÜen njic^tigen ©traffarf)en einen 
6ffentlid|en Auflager ju beftellen, bamit ber 9iid§ter ber für gettjöt|n= 
lidje mcnfd|Iid)e Gräfte überfc^toeren aufgäbe entlaftet toerbe, jugleic^ 
bie Siolten be^ ?luHäger^, SJert^eibigerö unb ©ntfd^eiber^ üerfelien 
ju muffen. — 2tnbererfeit§ \)at ^offmann ^a^Ireid^e ©rf)riften üerfaftt, 
XDÜd^e fetue befonbere SSebeutung befi^en, ja ^in unb roieber bebenfUd^ 
big an bie ©renje ber ^ielfd^reiberei t(eranreid)en. 

©ber^arb Ctto ift tieute t)auptfäc^{ici^ nod^ befannt burc^ 
bie oon i^m, auf Anregung unb unter SKitwirfung üon 39^nfergl)oef, 
beforgtc Aufgabe beg Thesaurus juris Romani. 9Bie bie SJorrebe 
^erDor^ebt unb bie SluöttJa^I ber ©tüde beftätigt, foßten l^auptfäc^lid^ 
furje, feltene unb nü^Iid^e Sluffö^e ber eleganten, p^ilologifc!^ 
otttiquarifc^en Slid^tung gegeben tt)erben, im ©egenfa^e ju beö Zilettus 
Tractatus tractatuum, ber nur barbarifdie arbeiten „au8 ber ®\pp^ 
fd^ft bcö Accursius" gefammelt ^abe. 3n golge beffen trifft man 
aui&fc^üeglic^ SEBerfe ber franjöfifd^en ®cf|ule, aud^ italienifrf)e^ unb 
fpanifc^eS, oerfc^roinbenb tocnig beutfc^eö. Otto f)at üor jeben ©anb 
eine, fpäter ftarf öerme^rte unb üerbefferte, 3Sorrebe gefdirieben, toeld^e 
fiber jebc^ ber in biefen S3anb aufgenommenen ©tücfe eine Strt Don 
Äe^enfion bietet, mit ^ftufig trefflic^n 9?ac^trägen, 3^fö<3^^ ^^^^ SSer- 
befferungen. Siamentlid^ jloei biefer Säefprec^ungen finb tierüor- 
^benätocrt^ ttjegen i^re^ größeren Umfanget unb i^reö befonberen 
inneren 3Bert^ei8, nämlid^ bie ju Antonius Augustinus, de nomini- 
bus propriis unb bie ju Jacobus Gothofredus, fontes juris civilis. 
Sefonberö fo toeit e^ ftc^ gelegentlich Ie|;terer ®d)rift um bie äioölf 
Safefn ^anbe(t, fte^t bie fieiftung auf folc^er §öt|e, bafe it|r feit 
©ot^ofreb unb bi^ auf S)irffen biefer ^unft unferer SBtffenfd^aft am 
meiften ju Derbanfen ^at. Slud) ift Dtto faft ber einzige, n^eld^er 
bie Setftungen feinet Sorgängerö ©ot^ofreb grünblid§ beurt^eilt unb 
Qu^ trcffcnbem SJerftänbniffe ^eroor, nidEjt oberflächlich unb ol^ne 
@ac^fenntni§ loie bie blofeen S'iac^id^reiber, ju loben, foraie eben 
befe^alb ju oerooUftänbigen n)eife. 

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174 fünfte« Äapttel 

Ctto'ö fclbftänbige ©c^riften laffcn fid^, foiueit fie bcr eleganten 
9tid)tung angehören, nad( bem ©toffe jn brei ®ruppcn fonbcrn. Die 
crfte btefer (Sruppen betrifft baö 9fiec^t bcr Stebilen, ©tubien, roelc^ 
fe^r fc^arf Don ber seitgenöffifd^en Äritif angegriffen njotbcn finb 
nnb felbft öon Dtto geneigter ©eite jo farg gelobt werben, bafe c^ 
wie 2;abel Hingt. @ine gettjiffe Cberfläc^tid^feit unb gfü^tigfeit haftet 
i^nen offenbar an. 

Um fo unbebingter bleibenbe ?lnerfennung öerbienen unb ^aben 
gefunben biejenigen ©emüt(ungen Otto'ö, toelc^e fid^ auf Scben unb 
©d^rtften einjetner römifd^er Suriften bejiel^en. 3^^*^^^ ^i^ fac^Iic^ 
öoran fte^t ber „Papinianus**, Serben 1718, eine für i^re 3^it 
uortrefftic^e, noc^ ^eute ate ®runb(age meiterer gorfrf)ung brauch 
bare ©et^ätigung reicher Äenntntffe, großen gleifee^ unb frittfc^n 
Sd^arffinnö; big nad^ Spanien ^in, ju äKajanfing ift fie burc^ 
gebrungen unb mit i^r bie Äunbe oon bem neuen 8luf[eben einer 
beutfd^en eleganten Suriftenfc^ule, toie man anbererfeit^ in S)eutfc^ 
tanb bei8 STOaianfiuö ©riefe l^erau^gab. — ©benfo finb Ctto'^ 
^Biographien be^ Servius Sulpicius unb besJ Publ. Alfenus Varus 
nod) ^eute bon 3Bcrtf) unb SBebeutung. 3^^^ ©tubien über bie ©teHung 
ber alten Suriften jur ftoifd^en ^^ifojop^ie mögen angereiht ttjerben, 
um äu rühmen, tvit bie gmeite berfelben ben Son legt auf bie Seben^- 
n)eig^eit ber großen römifc^en Suriften unb auf bie Uebertegen^it 
einer fo(rf|en über bie ftoifd^e blofee ©c^ultt)eiöl)eit. 

5)ie britte ®ruppe begießt ftc^ auf ba^ 9?ömifd§e Siedet jelbjt. 
!X)ie diss. theoretico-practica de perpetua feminaruin tutela, 
5)uiöburg 1719, förbert biefe fie^re ber atömijd^en 9lec^tögeid^t{t)te, 
i^icf)t beutjc^e SBcrtjältniffe jum SBergteic^e ^eran unb oenuertbet bie 
iSrgebniffe für baö geltenbe SRed^t. — Sine glüctli^e Sbee liegt ju 
Wrunbe ber Trias exercitationum de jurisprudentia symbolica, 
Utrecht 1730. — 5Daö ^aupttoer! Dtto'g in biefer ©ruppe ift: 
Ad Institutiones Justiniani notae criticae et commentarius, 
Utrerf)t 1729; tok f^on bcr 3:itel fagt, öerbinbet eö ^^ejtfrittf unb 
tSommentar. gür bie ^^ejttritif ift bie gefunbe ©runbibee, Don 6uja» 
i Ui3}uget)en, in ber 3lugfül)rung beeinträchtigt burc^ eilfertige Cber= 
fliicl)Iid^fcit ; für ben Kommentar I|at Dtto fid^ bie Dicrfac^e Aufgabe 
gcftellt, bie ^;|Jrtncipien be^ Siömifd^en 9fiecf)tt?, feine ©rünbe, feine 
iintttjicfhmg bisJ auf Suftinian unb literarifc^ Slotijen ju jeber 
yet)re ju geben. ?(m Grfreulirf)ften ift babei regelmäßig bie Söfunji 



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n. 3)ie cicgonte SuriSprubeitÄ- 3) ©eginn einer beutfcften Scftule. 175 

be^ brittcn lißunfte^ biefcr Aufgabe aufgefallen: in eleganter Äürje 
werben bie ipic^tigftcn ©tufen ber (Sntoidfung eine«J jeben ditdft^ 
inftitutö fo öorgefütirt, toie fie fic^ nac^ ben entfd)eibenben 6in:= 
griffen ber ®efc|gebung ober bci^ 5ßraetor8 geftaltet t)aben. 

Slufeer ben hiSf^ex befproc^enen Sirbetten, unter meieren bie Sor* 
reben junt Thesaurus unb ber Papinian ju ben beften ßeiftungen 
öiefer ?lrt gehören, t)at Dtto jaf}lrei^e anbere SSerfe gef^ricben, 
welrf>en n^iffenf^afttid^e ober Uterorgefd^ic^tttd^e SBebeutung toeit 
weniger beüommt. ®ie be^anbcln ba^ 9?aturred^t nad^ ^ßufenborf 
unb ^tjomafiui^, baö Ätrd^enrec^t nad) 5. §. 935^mer, baö ®taatä^ 
recf)t unb feine ®efd)ic^te nac^ ®unb(tng. 3)ie pu6(iciftifd^en finb 
root)t bie Dert(oItni6niäftig f)öt|ertt)ertt|igen unter i^nen; aüe aber 
baben fie ba^ gemeinfam, bafe bie p^itologifd^e SIeganj t)er= 
fcbtüinbet, um bem 2one unb ber Stuffaffung ber ^allifcfien @d)ute 
'i?fa6 JU machen. 

^offmann fudjt feine Stellung jmifdien ber ^allifc^en unb ber 
eleganten 3iid)tung; Ctto uerfolgt beibe Siic^tungen auf ganj 
getrennten SSegen; eine tt)at)rf)aft innere 9Serfd)meljung finbet fic^ 
bei Soljann ©alomo Srunquell. 

Örunqued na^m ©tellung ju ber grage nac^ bem SSer^^ 
bältnife ber in 3)eutfd^anb geltenben SRe^te untereinanber bei SBeginn 
meiner afobemifc^en ^^^ätigfeit in ber beutfc^ gefc^riebenen ?(bt)anblung 
„oon bem ^eutfc^en ©tabt- unb üanb^Sied^t unb beffen not^ttjenbiger 
ferflärung", 3ena 1720. ®r bettagt ba ik 3Jorl^errfc^aft' beö r5mi= 
ic^en ^^d)t^, toeld^e^ für S)eutfc^{anb fd)on beij^alb nid^t taugen 
fonnc, weil ,,aHe ®efege nac^ bem ®enie ber Unterttjanen" ein- 
gerichtet werben muffen; unb fommt jum ®d)Iuffe, bafe ein jeber 
'Kic^ter p fe^en fjabe: 1. auf beö Orte^s^ Wewo^nf)eit, 2. auf be«i 
Crteö jura statutaria, 3. auf bie Sattbe0gewot|nf)eiten, 4. auf bie 
Sanbc^orbnungen, 5. auf 9ieid)et)erfommen unb -Slbfc^iebe unb 6. bann 
erft auf römifc^fanonifd^eö 9iec^t, bann aber auc^ auf biefeö ganj, 
ba e^ jlDeifello^ in complexu recipirt fei. SBon biefen ©efic^t^punften 
au« will Srunquell ben in Sena ftubirenben iörauufdiweig-i^üneburgern 
it)r ^articularrec^t vortragen. Unb biefelben ^riucipien finben fid) 
roieber entmidelt in einer ber legten feiner ®d)riften, einem Programm 
üon 1735. — 3ntereffant unter feinen fad^Iidjen 3)eiträgen pm 
bcutfd|en Siecht ift bie Äb^anblung über „3?erpflid)tungen bei ©träfe 

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176 günfteS Äapitel. 

©djaubgemäfbeö" t)on 1733; bte Sleufeerungen hierin finb ecf)t 2:^onia= 
fifd^, tDte SSrunquell fic^ audj regelmäßig ber ^^^omafijc^n ^ofitionen^ 
form bebient. 3Ktt ber X^omafifrf)en SSürbtgung ber ®eftf)idE|te uer^ 
bmbet fid^ bo^ antiquarifdie Sntereffe uiib bie |)^i(oIogtfd)e SKetöobe, 
am Horften j. S3. in ber Diss. de utilitÄte ex historia atque 
antiquitatibus sacris in jurisprudentiae ecclesiasticae studio 
capienda, 1726, unb in bem Programm de usu linguae Germanicae 
veteris in studio juris feudalis Longobardici, 1734. 3>cm ent= 
fprid)t e^, tüenn bie (unfertig ^interloffene) Isagoge in universam 
jurisprudentiam am auöfül)rlid)ften, mit ja^Ireid^en Seifpielen unb 
SBelegen in Xe]ct Unb in 9ioten, ^anbelt de usu linguarum inprimis 
Latinae, Graecae, Ebraicae; femer de usu linguae Germanica^« 
tum antiquae tum etiam recentioris ; unb enblid) de usu critices 
in jure. ®anj in ben ftreiö ber eleganten Siuuiö^jrubenj fallen 
3)iffertationen unb Programme über ben Codex Theodosianus. 
über bie au^ ben S)igeften nod) erfid^tfid^en SKeinungöänberungen 
flaffifd^er 3uriften, unb über einen 9?eubrud ber S)igeften nac^ bent 
3nbcy be^ Sabittuö, b. \). über eine 3Biebert|erfteItung ber in ben 
^anbeften ejcerpirten Suriftcnfdjriften. iBon berartigen SBerfen Srun^ 
queQ'ö l^at am meiften ©rfolg gehabt fein Programm de ICtis ercis- 
cundis sive miscellionibus , quorum fragmenta in Digestis 
supersunt, 1728: inbem e^ nämlid^ einen Don ben DueÜen gefegent- 
lict) ge6raudf)ten Sluöbrud ate tecftnifc^en oufgreift unb barauf eine 
übertrieben ftrengc Stuffaffung ber ©egenfä^e gtüifc^en ben römifc^u 
Sutiftenfecten grünbet, ttjeld^c bann fange bie l^errfd^enbe ge= 
blieben ift. 

Seicht üoQjiel^t fic^ Don ba auö, inbem ©runqueH in Scna »irttc. 
ber aiürfanfd^Iufe an bie 3enenfer literärgef^i^tlid^e ©d^ute, roic 
j. 93. mit ber Prolusio academica de utilitate ex diligenti coni- 
paratione omnium ejusdem inscriptionis in Digesüs capitmn 
capienda, deque hujus artificii inventoribus et promotoribus, 
1724; befaßt fic^ biefe ©c^rift bodt) faft augfd^ficßüd^ mit bem jtoeiteu 
2^t|cile be^ Z\)tma^. 9?ein literärgefc^id^tlict) aber ift baö bebeutenbfte 
unb felbftänbigftc StüdE unter biefen Heineren arbeiten, bad ?ßrogramm 
de sectis et controversiis juris Justinianei interpretum, quos 
Glossatores vocaraus, 1725. Uebertreibt ^icr Srunqneü gleic^ ben 
öon i^m jmifdjen SJiartinu^ unb ©ulgaruö, fotoie jttjifc^cn i^reii 
©d^ulen, rid^tig »afirgenommenen ®egenfa^ gerabe fo trodten pebantifd), 

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II. 3)ie elegante 3uriSprubenj. 3) Scßinn einer bcutfc^en Schule. 177 

xove bie antue ?ßarallef'(£rfd^emung, bcr ©d^ulgegenfa^ jlotfd^en 
^abiniancrn unb 5ßroculianem, öon t^in aufgefaßt tDurbe; fo ift bod^ 
feine Unterfud^ung fd^on befetjolb öerbienfttirf), ttjeil fie einmal tüieber 
ben ©toffatoreu bie i^nen gebü^renbe perfßniidie SBürbigung ju S^eil 
werben lä%t, ftatt ber bamafe üblid^en ?tburt^eilung in 95oujd^ 
unb Sogen. 

®(f|Iie§Iicf> üereinigen fid^ olle biefe ©tubien SSrunquelld um bie 
JRec^tögef d(ic^te ; man fann fie betrad^ten afe 93orarbeiten ober ate 
9iac^träge ju feiner Historia juris Roraano-Germanici a primis 
reipublicae Romanae atque Germanicae initiis ad nostra usque 
tempora, Sena 1727. SBie fdjon au^ bem ^^itel erfic^tlid^, folgt 
fie infofern 93. ®. ©truö gegen ^offmann, alö fie römifc^e unb 
beutfc^e Siecfitögefd^id^te üerbinbet; bagegen fd^Iiefet fie ©taat^, 
Äirrf|en= unb ©trafred^t, fottJte ^ßrojefe ai\S, um faft auigf^üefeUd^ 
bie ©efc^ic^te beö bürger(irf)en 9led£)tö ju öerfotgen. S)er erfte I^eil 
be^anbett ba^ oorjuftinianifc^e SRed^t, burd^meg in ?lnlef)nung an 
bie ®efd^id^te ber einjefnen 9ierf|töqueüen, in üielen fünften fd|on 
red^t treffenb unb anfd^autid^, abgefetjen oon ber bamate (of|ne ben 
eckten ©ajnö) nod^ unüermeiblirf)en 3Sern»trrung im Siüitprojefe ; aud^ 
bie fpäteren ®efdE|icfe beö oorjuftinianifd^en Sfted^tö, namentUd^ be^ 
Codex Theodosianus, im 3lbenblanbe — Breviarium, Papian mit 
bem befannten Srrtljum, u. f. f. — finben 93ead|tung. 3)er jttjeite 
li^eU ift ber 3uftinianifd^en ©efefegebung geioibmet, toelc^e SJrunquell 
im ©anjen pt)er fteüt, ate in §alle üblid^. 3)er britte X^eil ift 
ber in^altreic^fte ; er betrachtet bte ©c^irffale be^ ^uftinianifd^en SRed^tö 
im Oriente unb im Dccibente in jnjei Unterabtt)eilungen. 3)ie Unter- 
abt^eilung, welche fic^ mit bem Oriente befaßt, erfennt an, bafe bie 
3?oDenen 2eo'^ jeber (Sültigfeit in ®eutfd^tanb ermangeln ; ber anbere 
Unterabfd)nitt gibt junä^ft einen redt)t gelungenen UeberblidE über 
bie fortbauembe (Geltung beg 3ufttnianifc^en SRedite in Italien, f obann 
eine romaniftifdf|e 2iterärgef^idE)te unb enblic^ ben SSerfud^ einer 
9leception^gefc^id)te, mit SSSürbigung ber ®rünbe unb ber SBebcutung 
biefe^ SJorgangeg. ®rft jegt folgt im vierten %f)dk eine äuf^erft 
elementare, aber burd^ttjeg rid)tige ®efc^id|te be§ beutfd^en 3?edf|t^, 
welche üou ben 9?otijen beö Sacitu^ unb ben Stamme^rediten über 
bie Q6t ber ©piegel unb ber @tabtred)te bi^ ju ben ®efe^gebungen 
bee legten 3a^rf|unbertö in ©tobten, STerritorien unb 9ieid| füf}rt. 
3ebe Serbinbung ätüifd£)en biefem oierten unb ben brei üorangel)enben 



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178 Sünftc« Äapitcl. II. ^ic elegante Sungprubeni- 

%f)dUx[ mongett; fo ift berichte beutjc^rcd^tltd^c 8l6fci^nttt berlfirjefte 
unb fc^mdd^ftc; btc üor^ergetienben romanifttfd^cn 9Ibfc^nttte jcufinen 
fid^ QUO hutd) Ueberftrf)ttic^feit, burd) Demünftigc SBürbtgung ber ©rgeb-- 
ntffe ber ©ittjelforfdiung unb burd^ bte öcmfi^ung, mogltd^ft toenig 
allgemeine ©ö^e, mögfidift greifbare 5;]^atfad^n ju geben. (Sin %oxi'' 
f(f|ritt über ba§ 3a]^r 1718, über ^offmann unb ©trut) t|inau^, ift 
unöerfennbar ; nic^t am ttjenigften \)at ju bemfelben beigetragen, baß 
injttjifdjen beä §einecctiii3 römifd^e Antiquitäten erfd^ienen »aren unb 
öon SörunqueU eifrig benu^t morben finb. 



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$c^tlcs Kapitel 



I. ^necciu». 1) fieben. 2) ©Triften. 3) gBürbigung. — ü. SBoIf. 1) ^ofitiücd 
»ec^t. 2) 9tatuxxt6it — in. fictjfet. 1) ßcbcn. 2) (Schriften. — IV @cfct= 

gebung. 1) ©amucl ö. ©occcji. 2) griebric^ U. 3) i^rcittinai)r. 

I. 1) 3ot)antt &ottiieh ^einecciuö ift geboren am 

II. ©cptember 1681 ju ©ifcnberg m 2;prmgen. ®r ftubtrte ju^^ 
näd^'t S^eotoflie, nid)i ofjne bereite regere^ 3ntereffe an ^tftorifc^en 
2)ingcn burc^ befonbere Semü^imgen um Äird^engefd^tc^te unb um 
ftrc^fic^e 3Htert^ümer ju Derratt^en. SDod^ brachte er boö t^eoIogi)d)e 
Stubium 1703 jum Slbf^Iufe; erft afe fid| bie «uig[trf|t, ©onreftor 
,^u ^ranffurt a. 9K. ju iperben, jerfc^tagen ^atte, unb nac^bem er 
fc^ou mefjrerc TOale ju fiei^jig roie ju ®o^lar auf ber Äaitjel auf* 
getreten ipar, DoUjog ftc^ ber Umfd^ttjung, ber tl^n jur 9iec^tigmiffen=^ 
fc^aft f)mäberfü^rte. ®r ergriff bie (Gelegenheit, afö ^ofmeifter eine^ 
jungen SKanne^ nac^ §alle ju ge{)en — bamit fam ber rtd^tige 
SKann an bie rid^tige ©teÜe. 3n ber ^f|itofopt)ie 3o^ann ^ran^ 
©ubbeug, in ber Suri^prubenj 3:i|omafiu^, 2uben?ig, ©unbting, 
ööljmer bemächtigten fic^ feiner; öor allem aber mar eö roieber ber 
alte ujeife ©amuel ©tr^f, ber aud^ auf i^n ben tiefften ©inbrud 
mad)te unb bem er fid^ auf'ö ©ngfte anfc^tofe. 9?orf) mä^renb er 
ielbft ftubirte, entfaltete ^einecciug eine rege 2t|ätigfeit afe ^ridatlel^rer 
in pt(iIojop^ifc^en unb juriftif c^cn gäd^ern ; 1707 fd^Iug i[)m bie Stu^a* 
fic^t auf bie ?ßrofeffur ber ©erebtfamfeit fe^f, ba it)m ®unbting r)or== 
gejogen mürbe; aber 1708 mürbe er jum ?lbjunften ber pt|ilojop^tfef|en 
J^afultat in §aQe ernannt unb bamit ber afabemifcf)en Saufbal)n 
bouemb crljalten. 

12* 

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180 8c4ftc§ Äapitcl. 

Obgleicf) 1713 orbentlid^er ^rofeffor ber ^^ilofop^ie, 1716 
SDottor ber SRec^te, 1720 aufeerorbentltd^er, 1721 orbentltc^er ^o- 
feffor ber Siedete unb Sffeffor ber gafultät ju §QÜe fotüie fonigticf) 
preu^ifd^er §ofrat^; obgleicf) feit 1716 üer^eiratl^et, feit 1719 burd) 
baö (Srfd^einen feiner römifd^cn SUtert^ümer ein ©elel^rter üon euro= 
päifdE)er 93erü^mtf)eit, toai ^einccciu^ nöcf) otjne jebei^ ©el^alt, lebigticb 
auf ©intünfte auö SSorlefungen unb gahiUätöorbeiten angetoicfcn, 
aU er 1723 nad^ granffurt a. b. D. unb nad^ granecfer (aU 9lad)^ 
folger Drtnjin aSeftenberg'ö) berufen ipurbe. Qu ©unften leitetet 
Uniöerfität gab ben Sluöfd)lag nid)t nur bie Stuöfid^t auf t)ö^ere*^ 
©e^alt unb finne^üerttjanbten Umgang, fonbern namentlid) auc^ bie 
ber gelehrten gorfd)ung fo üiel günftigere (£inric^tung ber IjoHanbifc^cn 
^od^fd^ulen. ^iel borf) l^ier bie gange ©prud^t^ötigteit fort, ba man 
bai^ Snftitut ber ?Iftenüerfenbung ni(^t fannte; unb gab eö bod), 
toa^ bamatö in 3)eutfd^Ianb unert)ört njar, nac^ jebem ©emcfter 
gerien, innerl)alb bereu man ungeftört literarifc^er X^ätigfeit obliegen 
lounte. 38äie oft ^at ^einecciusi, fpäter n?ieber in S)eutfc^Ianb, ben 
SSerluft biefer äJort^eile befeufjt; unb gen)i6 reiben biefetben ^in, 
um bie bamalige Ueberlegent)eit ber ^oüänber in ber flaffifc^en 
©ele^rfamfeit, freilidj aud^ um bie un|)raftifd^e Siid^tung ber ^oHan* 
bifd^en Uniöerfität^juri^prubens ju erflären. 9?adj glüdlic^ erlangter 
©ntlaffung au^ preufeifc^en S)ienften üerüejs ^einecciu« ^alle im 
SBinter 1723 unb trat 1724 bie ^rofeffur ju ^raneder an. ^icr, 
ujo neben i^m S^iberiug §emfter^ui!§ unb ^eter SSeffeling leierten, 
fanb er Sierftönbnife für feine antiquarifd^en Steigungen, tt)ie audj 
fonft blü^enbe Unioerfitötigöer^ältniffe, ju bereu ©ntfaltung er feiner= 
feitö miebcr tuefentlid) beitrug. 5lu(^ mit 3i^nferöt)oet, mit bem i^n 
fd^on lange ba^ ®efüt)l miffenfdjaftlidier 3Bert^fc^ägung üerbanb, 
trat ^einecciu^ nun in perfönüd^en S3er!e^r, ber in befonbere 
gefälligen formen burc^ gemeinfame Öefannte Dermittelt toorben mar. 
©eine bebeutenbfte gelef)rte äKonograp^ie, gmei feiner erfolgreid^ften 
£ef)rbüd^er, meljrere Heine Slb^anbtungen über praftifc^e brennenbe 
gragen entftammen ber graneder'f^en ©pod^e unb ä^ugen öon ber 
gelehrten 3Ru§e, bereu er bort genofe, tt^ie öon ben Slnregungen, bie 
er au^ ber SBerü^rung mit bem tioüänbife^en ©roß^anbel empfing. 
"Kur bie lüde be^ bortigen ©umpfHimaö n?ar e^, bie ^einccciu^ jur 
9iüd!et)r nad) 2)eutfd)Ianb ätt)ang, inbem fte feine eigene ®cfunb^eit 
fc^toer gefä[)rbete, nad)bem fie i^m 1725 bie S^efrau geraubt ^atte. 



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I. ©dnccciu«. 1) ßcbcn. 181 

3ni ^erbfte 1725 finbeti iuir ^einccciu^ ju g^anffurt a. b. £)., 
wo er \id) neben feinem ^i^eunbe nnb (Sefinnungögenoffen Sf)riftian 
®ottfrteb ^offmann fe^r tüo^l flcfü^It ju fiaben fc^int; 1731 sum 
@ct)eimcn 9?at^ ernannt, backte er btö an baS 6nbe feiner Xage 
bort JU bleiben; ba traf if|n, ber jeben Umjng fd^on afe Unter* 
brec^ung feiner ©tubien öerabf diente, 1733 in ^orni eineS gemeffenen 
^Äefe^te^ bie S?erfe^ung nad^ ^alle. 3n ^Berlin orbnete man biefefOe 
an, tocil man auf ^peinecciuö befonbere ©tüde ^ielt unb §alle um 
jeben ^ßreie ^cben wollte; er felbft aber empfanb fie n)ie eine fd^njere 
Strafe. SDhifete er boc^, inbem er in §alle afe britter Drbinariu^ 
t)inter Subetoig unb 95öl)mer eintrat, eine umfaffenbe afabcmifc^e 
TÖStigfeit übernehmen: er laö über SRömifcfie^, ©eutfd^e^, fie^n-, 
5taatÄ:= unb SBec^fetrec^t, über ÜÄora^jl^ilofop^ie tt)ie über Statur« 
unb SSotferred^t, enblicf) aud^ über ®efd^id^te, Antiquitäten unb 
Siterär^iftorie; baju fam bie Seitung ja^Ireid^er Disputationen unb 
bie SBeforgung ber göfultätsangelegcn^eiten. Slüe S9emü{|ungen, ficf( 
biefen Saften burc^ Berufung an eine auömärtige Uniöerfität ju ent:* 
äic^en, fd^eiterten an ber 93erfagung ber (Sntlaffung aug preufeifdien 
S)ienften unb Sanben; eben maren tt)ieber foldje SBer^anblungen im 
öange, afe ^einecciuS plö^Iid^ fc^tt)er ertrantte unb am 31. §luguft 
1741 t)crfcf(ieb. ®o l|at er in ipalte, im Subett)ig'fc^en ©rbbegräbnife, 
leine te|tc SRul^eftatte gefunben ; unb fein $Rame ift bauernb üerbunben 
geblieben mit bemjenigen jener Uniöerfität, tocld^er er feine juriftifc^e 
Sd)ulung öerbanfte, ju ber er afe gereifter SRann fo ungern jurüd!= 
tetirte unb an ber er nur gcjlDungen, ja fortwä^renb unwillig, bi^ 
pm 3;obe öerblieb. 

3Bir befi^en t)on ^einecciuö einen aufeergett)öt(nlic^ guten ©tic^. 
3(u0 bemfelben blirft unS ein mo^IgeformteS, mächtiges Slntli^ mit 
lueit offenen, gellen Jtugen entgegen. S)ie fd^öne breitrüdtige 9lafe 
jeigt lebhaft gefc^mellte ^lügel, berebt gefdt)tt)ungenen Sippen ift ber 
§umor nic^t fremb, ein ftarfeS, feft gerunbeteS Äinn beutet toie ber 
Süd auf ben feft in ficf( abgeflärten St(aralter, ©ementfpred^enb 
rü^mt man feine freunbUd^e ipeiterfeit in Seben unb ®efpräd^, feine 
jc^alf^afte Suft an ber @rääf)lung fat^rifdjer 03efc^id)ten, unterftü^t 
burc^ ein ftarfe^ Xalent mimifd)er 9tac^al)mung. 3n ber literarifd^en 
^olemif ift er l^eftig, unb tvot)l nid^t immer ganj gered)t. ©ein 
Seben üerflofe i^m auSfc^Iiefelid^ auf bem Statf)cbex, öor feinem 
3d|rei6tifc^, jioifc^n feinen 95äd)ern. 3?on befonberem SBert^e n?ar 



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182 ©cd^ftc« ÄQpitcI. 

if)m ein l^eröorragenb treffttd^e^ ®ebädE|tniB, auö tpefd^em er gerne 
frei citirte, tuaö bann freilid^ njo^I aud) nid^t ol)ne Ungenauigfeitcn 
ablief. ®efd^ärft ^atte er biefe feine (Erinnerungsgabe fd^on frü^e 
baburd^, bafe er feine erften Sßorfefungen n)örtlic^ auStpenbig lernte, 
ein SSerfaljren, an n^eldöem er lange fcftl^ielt. S)abei mußten aHer^ 
bingö bie Unmittelbarleit, ber ®eift unb bie grifd^e, burd^ Jüeld^ ein 
2f)omafiuS unb ®unbting auf it)re 9lubitorien n?irften, verloren 
ge^en; aber bie barbarifd^e gorm ber ungepflegten SRebc, in »oeIcf|cr 
fid^ jene fialb beutfd), ^alb lateinifc^ ergingen, tt)urbe babei in ein 
n?o]^IgerunbeteS, reineS Satein umgefegt. S)ie ©igenfc^aft ^od^fter unb 
l^eQfter ®ebiegen^eit berbürgte §einecciuS, ttjo unb über xva^ auc^ 
immer er lefen mochte, ben ftarfen B^f^ife lernbegieriger ^i^^örer, 
bie ficf)er tüaren, mit Harem Stopfe unb mit fdjonen ^eften nac^ 
§aufe ju jie^en. 

2) 2)ie ©d^riften beö ^einecciuö bel^nen fid^ auS über fämmt^ 
licfie Xl^eile ber SuriSprubenj, auSfcfiliefelid^ jebod^ beö Äirc^enrec^tö 
unb, im lüefentlid^en ttjenigftenS, beS ®taatgrecf)tö. 3Bir betrachten 
bie bebeutenben unter i^ncn in d^ronofogifd^er 9ieit)enfo(ge. 

S)ie 3naugurafcS)iffertation Don 1716 fianbelt de origine atque 
indole jurisdictionis patrimonialis, mit einer ^ogrammrebe de 
jure antiquo Germanico diligentius excolendo. S)er 3;^omofifcf)c 
©nflufe übern^iegt unbebtngt in ber 3luffaffung altbeutfd^er @runb= 
^errticl^feit unb in ber übermöfeigeu 3ii^üdfegung beg SRömifc^en 
SRec^tS JU ©unften beS ein^cimifc^en. Snbeffen fd^on ber elegante 
lateinifd^e @tt)I biefer 2(uöfül)rungen üerrätl^ in feinem SBiberfprucf) 
jum Sn^alte, baft ber SSerfaffer feine^megS lüie 2;^omaftuS ein i^er^ 
äd)ter ber 3(ntile ift. Unb fo l}at benn tl^atfäd^Iic^ ^einecciujS biefe 
^eriobe ber 9lbl)ängigleit üon 2^t|omafiuS gar balb übertuunben: 
ba§ er fid^ bamalS ju germaniftifdjen Uebertreibungen burd^ bie 
Slutorität eines Se^rer« I)abe herleiten laffen, bemertt er fpdter mel)r= 
fac^; berebter felbft aU biefe 5Berficf)erungen toixtt bie 3;^atfac^e, 
ba§ er bereite im Saljre 1719 mit feinem romaniftifc^^iftorifdi^ 
pf)iloIogifcf)en ^aupttnerfe ^eröorjutreten in ber Sage tvat. @S ift: 

Antiquitatum Romanarum jurisprudentiam illustrantium 
syntagma, 20. 9tuflage granffurt 1841. — 3Bag ber SJerfaffer in 
biefem, ein 5af)r^unbert überlebenben SBerfe ttJoQte, fagt er bcutlic^ 
in ber erften Siorrebe. ©§ ift auS Siorlefungen entftanben, bie ber 
fd)impflirf)en unb f)inberlic^en Untenntnife ber römifd^en ?Utert^umer 



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I. ^einecciu«. 2) @(^riften. 183 

bei bcn Qu^bxmx abhelfen foUten. @g ift bal^er ein n)at)rei^ Se^r^^ 
buc^, Anfängern befttmmt, unb äWar blo^ Suriften. ©ö wiU nur bie 
für Suriften nüglic^en Antiquitäten lehren, ba^er nid^t üon \)&u^ 
liefen ©ingen t)anbcln, fonbem Don bem, »a« fid^ bejie^t auf bie 
römift^e ©taat^öerfaffung, auf bie Scgrünbung ber römifc^en ©efefee, 
auf bie feierlichen ®ebräuc^e unb gormein unb auf ben ^ßrojefe. 
1)em9cniaB folgt bie J)arfteIIung genau ben Snftitutionen, nicf|t bloi^ 
bem Snftitutionenf Aftern im ÄÜgemeinen, fonbem 2^itel für 3;itel. 
5)aB in golge beffen manche« ganj übergangen mürbe, ift oft fc^on 
bcbaucrt toorben; meit bebauerlic^er nod^ bürfte eine anbere golge 
fein, bafe nämlic^ bemgemäfe ju jebem Xitel nur einjelne ®ele^rfam=^ 
feitsbrorfen beigebraij^t finb, mie fie gerabe §einecciuö jur ©rllärung 
biefejg litete afe braucf|bar anfielt. 3)arüber ge^t aber bie ^aupt^ 
iac^ bei jebem gefc^ic^tlic^en ^Betriebe ber SRed^t^miffenfc^oft öerloren, 
ber ©inn für bie 3^fönimenge^örigfeit, bie SÄöglid^feit, aui^ bem 
Sefcn unb ®ange ber ©efc^ic^te ^eroor ba^ Siecht ju begreifen; 
ftatt beffen mirb geboten ein 9IrfenaI oon einjelnen trocfenen gelel)rten 
IRotijen, praftifd^ unmittelbar üermert^bar, aber fonft unfrud^tbar 
unb tot. 9iic^t fo l^atte ficf| S^omafiu^ — an Seibni^ nid^t ju 
erinnern — baö 9Ser^ältnife jtoifcfien ©efc^id^tc unb 3Je(f)tömiffenfc^aft 
flebac^t, afe er oon bem ©albuin'fd^en 3Borte ausging: „jene fei baö 
?lugc biefer", afe er ba^ jeßige SRec^t au^ ben Siechten unb ©ebräud^en 
ber SJergangen^eit erflärt ioiffen tooüte, afe er ^iftortfe^e 3ufammen= 
l)ange intuitit) erfdilofe. 3)eö ^einecciuö 9lltertpmer aber finb nie 
über jene oberfläc^Iid)e Sluffaffung ^inn)eggetommen, fo ha^ man mit 
9ied)t bie SSorfteUung oon bem SSormiegen ber un^iftorifc^en Öe^anb^ 
lung ber ®efc^ic^te in ber SRec^tömiffenfd^aft mit bem Stuffommen 
be^ antiquitotenbetriebed üerbinbet. S)aö ^inbert natürlid^ nic^t, 
ba%, XDO einjelne 3nftitutionentitel fid^ baju eignen, einmal auc^ eine 
jufammen^ängenbe, erfreulicf}ere 3)arftellung ju ©tanbe fommt. Unb 
tuaö bie fo gebotenen ?lltert^ümer felbft anbelangt, fo n)irb anerfannt 
werben muffen, ba% ^einecciuö, toennfd^on o^ne oiel felbftänbigc 
^orfc^ung, boc^ mit grünblid)er ®elel)rfamfeit auö ber il)m üor= 
liegenben Siteratur eine gute Slu^maf)! ju treffen oerftanben l|at. 
9lamentlic^ für bie republifanifc^e unb für bie erfte ftaiferjeit 
be^crrfc^t er bie bamafe äugänglic^en ©rfenntnifequeUen ooUftönbig; 
mag er auc^ nic^t überall auf biefe felbft jurücfgcgangen fein, fo ift 
eö boc^ jebcnfate eine ftarfe Uebertreibung, menn man it)m mo^l 



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184 ©ec^fte« Stapxttl 

ben SSortt)urf gcmacf|t \)at, er ^abt btoö feine SSorarbciter, namentlid) 
ben ©igoniuö, au^gefd^rieben. 3lic^t übcrmäfeig fritifc^ getoiffcn^oft 
in unferem ©inne, nid^t origineü in ®ebanfen unb Sluffaffung, aber 
bod} eine tücf|tige fieiftung gelefjrtcn g^eifeed unb gemanbter S>Qr- 
fteHungögabe — )o mirb man boö SBerl nac^ biefer ©eite ^in billig 
ju beurtf)eiten ^aben. 

(£ine ^ö^ere Sluffaffung tritt ganj öcreinjclt ^eröor in ber Siebe 
de jurisprudentia veterum Romanorum formularia ritibusque, 
quibus negotia civilia explicabant, soUemnibus, gel^alten bei 
3tntritt be^ fiel^ramtö ju granedter. Sie weift nac^, wie ettoae 
^ormalc^ baö ganje römife^e Seben burd)jie^t, um fi(^ gegen bic= 
jenigen ju wenben, welche alle gormetn atö läd^erüc^, toomöglic^ afö 
boötpillige ©rfinbungen ber ?ßatriäier unb Sied^tögele^rten anje^en. 
3m ®egenfa^e ju ?;i)omafiuS, ber freilid) nid)t genannt, aber offenbar 
[tet^ gemeint ift, wirb ber SSertl^ ber gormein für Älar^eit, ©id^r* 
^eit unb ©teidimafeigfeit in ®efd)äften, öor ®eric^t unb bei ©taat^ 
^anbtungen noc^gewiefen; ebenfo bie aSelö^eit be^ SSerfo^ren^, neuen 
öebürfniffen ftatt burc^ neue ®efe|e burc^ erweiternbe Auflegung 
ber alten gormein entgegenjufommen. 

®ö folgen bie Elementa juris civilis secundum ordinem 
institutionum, ämfterbam 1725, beren auflagen bid jum @nbc be^ 
Sa^r^unbertö reid^en. SBieber ^anbelt eö fic^ um ein SSerf, welc^ 
Sorlefungen ju ®runbe gelegt werben foH. SBä^renb aber bei ben 
3tltertpmem ein fold^eö Unternehmen öon felbft gered^tfertigt war 
SKangete irgenb eine^ anbern brauchbaren Seitfabend, mufe l^ier bie 
SBorrebe erflären, wegen welker Steuerungen, gegenüber ber SKenge 
ft^nlic^er (£oni()enbien, ba^ 93ud^ Ijerüortritt. 3)ie)e Steuerungen 
be}iet)en fid) nid^t auf ben ©toff ober auf feine äuffaffung, benn 
bie elementarfte 3nftitutioncnle^re wirb überall fo vorgetragen, »ie 
fie bamote allfeittg öerftanben würbe; fie bejie^en fic^ ebenfowenig 
auf bad ©^ftem, benn für biefeö wirb bie alte Segalorbnung ru^ig 
feftge^alten, alö ob beren Unerträglid^feit nie öon X^omafiuö nac^ 
gewiefen worben wäre ; e^ Ijanbelt fid) üielmel^r um bie 9Ketl)obc ber 
ÖUeberung innerl^alb ber einjetnen iitel. S)iefe 9Jiet^obe Witt ben 
3ufammen^ang unb bie ®rünbe ber SRed^ti^fäßc bem ©d^üler öor- 
führen, um i^m fo ju wiffenfc^aftlid^er (Srfenntnife — scire est 
rerum causas perspicere — ju Verhelfen. 3^^äcl^ft wirb eine 
turjc 93efd^reibung be^ ^auptbegriffeig gegeben, bann ^u ber ftrengen 



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I. öeinecclu«. 2) ©cfirtften. 185 

3)efinition öorgcgangcn. ^n^ biefer Definition werben bie oberftcn 
Stet^törcgeln für baö in 9?ebe fte^enbe Sied^töinftitut afe unmittelborc 
Jotgefö^e, fog. StEtomc, erfc^toffen. äug ben einjelncn ?(jiomen 
ober auö if)rer SSerbinbung folgen toieber bie ein?(elnen Siec^t^ 
t)orfc^riften, bie fd^Iiefelic^, afö im pofitiüen "Steigt tf|atfä(j^Iic^ gegebene, 
burc^ CueUencitate nad^getoiefen toerben foQen. 91II bie^g in fur-\en 
Sc^Iagfä^en, in gutem, einfoc^ftem fiatein ; ^in unb toieber finb etttjo^ 
breitere ^uigfü^rungen ofe .^©d^olien" beigefügt. Offenbar ttjeil bie 
'^roifc^en ^Begriff unb praftifcf)en @cf)Iu6fä(jen oermittelnben Äjiome 
bie Hauptrolle fpielen, t)eifet nad^ i^ncn bie ganje SKet^obe bie 
„ajiomatifc^". Soweit fie bie pofitio gegebenen 9?ecl^tdfä^e bequem 
iiberfic^tUdi jufammenfafet unter Dberfägen, welcfie aug jenen jelbft 
erft abftra^irt finb, ift fie tüot)I öort^eilfjaft unb einwanbfrei ; wenn 
man aber, wie §einecciug, meint, in ben SSorberfä^en felbftänbige 
©atir^eiten ju ^aben, auig welchen bie legten ©ä^e erft erfdjioffen 
werben; wenn man, wie §einecciuig, biefe Meinung unb bamit ben 
erlauben, atö gälten bie 9tac^fä^e auc^ pofitio jd^on bei^^alb, weil unb 
joweit fie au^ ben SBorberfä^en folgen, ber 9D?affe ber ©c^üIer bei^^ 
bringt; wenn man enblic^ burc^ biefe 9Keinung fid^, wie ^einecriuS, 
ücrfütiren läfet, afe SSorberfäge nicf)t nur auö ben einjelnen Duellen* 
iaften abftral)irte Siegeln, fonbem bigweilen auc^ naturrec^tlid)e 
'^oftulatc t)injuftellen, unb eö bann Ieicf)t ju nehmen mit bem $Rac^- 
rueije bafür, baft bie aug foId)en SSorberfä^en gezogenen Folgerungen 
bem pofitiöen Siecht tfjatffie^Iic^ entfpre^en: fo ift bie äRetljobe bie 
benfbar tjerberblid^fte für alle pofitiüe 9fle^tgwiffenf(i)aft, bie benfbar 
geeignetfte, bag SRaturrec^t ju unmittelbar prattif^er (Geltung m 
bringen, ©ben biefer lefttere Umftanb, üerbunben mit ber ®fätte 
imb ©ic^r^eit ber elementaren ©arftellung, wirb nic^t am wenigften 
.^u bem ©rfolge beg SBerfeg beigetragen ^aben; felbft |)ommel, ber 
bem 9Jerfaffer fonft feineöweg« gewogen ift, bejcic^net eg alg baö 
äweifctlog allen äj^nlidien, fo üiele it)rer je gefc^rieben Worben feien, 
tueit üorjujie^enbe. 

Gin felbftänbigeg ©rgebnife forgfältig geteerter gorfd^ung, 
ö^nfcrg^oef gewibmet, erfd^ien ju3lmfterbam 1726 ber Commentarius 
ad legem Juliam et Papiam Poppaeam. ^einecciuö fudjt I)ier 
t)or 9lllem 9?eranlaffung unb ®efd)ic^te ber ?lugufteif(i)en S3orfd)riften 
flar ju ftellen, e^e er fid^ ju JReftitution unb Eommentirung ber 
öefe^c felbft wenbet. „I)er gortf(^ritt gegenüber ©ot^ofrebug liegt 



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186 @c(^fte« Äa^itcl. 

in her ^crbeisie^ung eine^ retd^cren SRateriate unb folgeiueifc in ber 
(ärtüeiterung beö ©cfid^töhrcife^, üon bem au^ bie etnäclnen Snfrttute 
betrad^tet werben. S)iefe SSorjüge jeigen fid^ am mciftcn in bcm 
forgffiltig unb elegant aufgearbeiteten ßommentar. 3luc^ [inb in ber 
eigentlidien SReconftruction manche gel)ler beö SSorgängeri^ berichtigt." 

3Ran merft ber Slrbeit an, bafe [ie überall au^ bem SJoUeii 
](^öpft. 3n ber 3^^at waren bie SJorarbeiten ju ö^nlid^cr Säearbeitung 
beö Sbite fotoie mehrerer römifd^er ®efe|e unb Suriftcn [c^on 
öoHenbet; ate §einecciug an bie 9lu2Jarbeitung biefe^ SBui^e^ ging; 
auö biefen papieren be^ SSater^ ^at bann 3o^. S^rift. ®ottl. 
^einecciu^ bte ®e)(J(i(J(te ber ©bifte unb einen %l)tii ber @bite 
Sieftitution herausgegeben, offenbar fo, wie fie unfertig balagcn, 
fo bafe biefer SSeröffentlid^ung wenig Sebeutung jufommt. 

(£ine ganj anberSartige gruc^t beS ^ollänbifd^en Slufent^atte^ in 
bie praftifc^e 9(bt)anblung de vitiis negotiationis coUybisticae vel 
cambialis, granedfer 1726, mit feinem äJerftänbniffe für bie öebürf^ 
niffe beg ^anbelö. 

Elementa juris civilis secundum ordinem Pandectarum, 
Slmfterbam 1727. S)ie ajiomatifc^e 2Ketl|obe wirb ^ier in etwac^ 
ausführlicherer S)arfteHung öon ben Snftitutionen auf bie ^anbeftcn 
übertragen; ^einecciuS rüt)mt fid^, feinen ®igeften=Slite( überfc^lagen 
ju Ijaben, wie je^t mipräud^Iict) oft gefc^el)e. äöcnn baS Sud) nidjt 
ganj ben Srfolg beS 3nftitutionen=^2!öerfeS gehabt \)at, fo ift bi^^ 
leidet erflärlid^ auS ber praftijd^en 93etracf|tung, bafe man oon jwci 
@Iementar-Sel|rbüd^ern baS fürjere, überfic^tUd^ere im 3^^^^! ^or- 
gießen wirb. 

S)ie Siebe, mit weld^er ^einecciuS fidj in grantfurt einführte, 
fenuäcidinet feine allfeitig öermitteinbe ©teöung. @S werben ba eine 
9iei^e üon Suriften^^X^pen gefd^tlbert. S)er eine, eilig jum (Selb- 
öerbienft ber ^rajuB ju fommen, für^t baS ©tubium möglic^ft ab 
unb fuc^t wä^renb beffelben eben nur fo t)iel ju lernen, um bie 
^raftifer, bie Stccurfianer, bie @onfiIien= unb S)ecifionen=@ammIungen 
lierftc^en unb f)anbt)aben ju fönnen; bamit wirb er im Seben aus- 
fommen. 3)er anbere wirft fic^ begierig auf baS alte 9iömifc^e 9Jecf|t, 
fennt nicfjtS aU beffen ^Uterttjümer ; wenn praftifc^e ^^ragen an t^n 
herantreten, üerftummt er ober fucf)t fie gar auö altrömifc^en Quellen 
§u beantworten. 3Sieber ein anberer mact)t fict) bie Dueöenfritif jur 
auSfc^tiefelic^en 9lufgabe unb formt bie 0»k)efee willfürlic^ um, inbem 



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1. §einccciu8. 2) ©c^tfftcn. 187 

er ^Intinomien unb Sribonionidmen auftreibt. 9Son allen btefen Xljjjen 
nun finb ouf ganj t)erfe^rtem SBege Icbigüc^ bie juerft genannten 
^Ißraftifer; bie übrigen fehlen blofe burc^ Uebertretbung. SBenn man 
i^rc SRct^oben mafeüoH ^anb^abt, tt^enn mon bann eine ebenfo grünb^ 
licfte Äenntnife be^ germanifd^en JRed^t^ unb feiner ?lltert]^ümer ^inju^ 
nimmt, tt)cnn man enblicf} all bieö unter bie Sßorfd)riften ber $]^itofopl|ie 
einorbnet unb mit bem Sichte beö 5Raturred)td beleuchtet: bann über^ 
roinbet man bie unfetige irrefül|renbe ^albgele^rfamfeit unb fann afe 
aüfeitig öoUenbeter 3urift gelten. 

Sag Programm ju biefcr Siebe ^anbelt de P. Juventio Celso. 
Se^nlic^e Arbeiten über anbere r5mif(j^e Suriften, offenbar SSorftubien 
jur atömifc^n Siec^t^efc^id^te , faüen met|rfacf| in biefetbe 3^it- 
Äeine biefer ^Biographien verleugnet be^ SSerfafferö antiquarische 
®elel^rfamfeit, ttjennfc^on eben fo fc^arf toie bei ©runquell aue= 
geprägte ®ccten=9SorfteQungen irrefüliren; befonbere 9lufmerffamfeit 
ift ber ^erfteÜung öon Stammbäumen gemibmet. ©erfelben Qdt 
uerbanfen i^re @ntftet)ung einige literärgefd^ict)tlici^e ?lbt)anblungen. 

35agegcn inieber praftifd^e Stoffe, barunter noc^ einige au^ bem 
ÖoÜänbifc^n Seben gegriffen, beljanbeln mehrere 5)iffertationen üon 
1728 unb 1730. 95ef ^raufen fid^ biefelben meift auf §anbete= unb 
Giöilrec^t, fo ftöfet boc^ eine berfelben, inbem fie öon ber SSebeutung 
beg ©eftänbniffe^ l^anbelt, auf ftrafred^tlid^e i^ragen unb jiuar eben 
auf folc^e, toeIcf)e ju berühren ^einecciu^ fonft faft ängftlid^ üer* 
meibet. Äucf) ^ier \)&it er fic^ freiließ möglic^ft an bad rein Suriftifc^e 
be« 5ßroblemö; loenn er aber auöeinanberfe^t, »ie bie ®Ieicf)fteQung 
üon ©eftänbnife unb SSerurt^eilung lebiglid^ in ben Siüilproäcfe ge== 
^ore, toie im ©trafprojefe bagegen ber Slic^ter ju genaueftcr unb 
peinlic^fter 9?ac^prüfung beö öeftiinbniffegi oerpfIicf)tet fei, um nid^t 
burc^ erjnjungene ober in ber 3Relancf)oIie gemachte 9hwfagen ficf) 
irreleiten ju laffen, fo ift barin bie 3lbfage an J^olter unb ^efen^^ 
projeffe beutlic^ genug enthalten. 3n berfelben 2lbt)aublung jeigt 
^einecriuö ein für feine 3^^* föft allein ftel)enbej^ SJerftänbnife für 
bie feineren Unterfd^tebe, weld^e im Siömifdjen Sioilprojefe burd) 
Slugenblicf unb Umfang beö ©eftönbniffee bebingt finb. 

Historia juris civilis Romani ac Gennanici, ^alle 1733. 
3)iefe SRec^tggef^ic^te fann gen)ifferma§en afo eine üerbefferte §luflage 
ber SBrunqueH'f^en bon 1727 gelten. ®ie ftellt fic^ biefelben 9luf^ 
gaben, ge^t üon benfelben Slnfc^auungen auö unb bc^anbelt ben Stoff 

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188 ©ct^fle«i ßa|)itcl. 

in ungefäfir berfelben ©iöpofitton. äCbgcfc^cn öon ©njcltieiten, toeld^e 
bic SSorrebe aufjäf)It, jeigt fid^ ber gortfc^ritt cntfc^iebcner in ben 
gerntaniftifc^en 3!^eilen; SReccptionö* unb Siterär=®efd^ic^te finb 
gefd^tdtter öemenbet, um einen ßiMönimcn^ang jnjifc^en römifd^ 
iinb beutfc^er 9?edjtSgefd^i(J(te ^erjuftetten. 3)ag (Srgebntfe für bic 
aSertljung ber Dueüen be^ gcitenben SRec^tö ift genau ba^jelbe toic 
bei SBrunquett. I)em ^ier gen?al)rten ®Iete^gett)id^t jmtfd^n betbcn 
3ierf|ten tragen nic^t minber SRed^nung bie 3)iffertationen unb SBor- 
reben berfelben 3^^^- ®öf^ verfolgen fie germaniftifc^e ©tubien, 
balb treten fie übertriebener ^erabfe^ung be^ Corpus juris civilis 
unb Sribonian'i^ entgegen, bafb tabeln fie elegante Suriften, beten 
Xejrtfritif bie SRedjtgficfierl^eit gefä^rbet, balb njiffen fie ben 9lu^n 
felbft orientalifd^er ©prac^fenntniffe ju rül^men unter ©erufung auf 
bie Collatio legum Mosaicarum et Romanarum. 

SSon ben burd^ bie beutfd^e SRed^t^gefc^idjte gewonnenen ®runb= 
lagen ge^en ouö bie Elementa juris Germanici, jUjei Sänbe, ^aüe 
1735 — 1736. SBenn ^einecciUd biefei^ SBerf bem unbebingten SBcr^ 
fed^ter be^ SRömifd^en 9ted)tö, Samuel oon ßocceji, wibmet, fo xoxü 
er ebenbaburc^ betonen, bafe e^ feine^ioegö gegen bie §errfc^oft b«^ 
9iömif(i)en 9tecf|tjg in S)eutfd^lanb ©teQung nehmen fott; ba aber 
auf ben meiften ®ebieten beö 9Jecf|tö neben ben römifc^en einf)eimifc^ 
9ted^töanfd)auungen toirffam feien, fo gelte eö, biefe in ber Ueber* 
fc^ttjemmung burd^ bie fremben SRedEjte nod^ treibenben Xrümmer ju 
bergen. 9Sor aüem t)abe man bie 50?affe be^ geltenben SRed^t^ barauf 
^in ju prüfen, ob eö römifd)en ober beutfcfien Urfprungö fei. 35ied 
fönne nur gefd)e^en, inbcm man auf bag alte beutfd)e 9?ec^t gurücf^^ 
ge^e (mobei bie biefem oft gemachten SSortoürfe ber SRot)^eit, ber 
fiäcfierlid^feit fid^ öon felbft ate t)erfet)rt ^erau^fteUen ttjerben), inbem 
man fobann bie ©ntmidEIung ber einjelnen 3nftitute, auc^ partifular^ 
red)tlid^, oerfolge unb barauf erft äufelje, ob ba§ je^t geltcnbe Kcc^t 
mit biefen ober mit ben römifc^en ©Übungen me^r Sle^nli^feit ^abc. 
Oft ujerbe man fo entbecfen, bafe ber usus modernus beutfc^ec^tlic^ 
fei, inbem er ausgebe öon foldjen nic^t*römifd^en 3iec^tfägen, ttjelt^ 
liarmonifd) in ben üerfdiiebenften beutfd^en ?ßartifular=^9iec^ten wieber- 
k\)xen unb fo gemeineiS beutfd^eö ®enjo()n^eitöredt|t bilben; offenbar 
ein Don ^offmann (oergl. oben Ä'apitel 5 @. 173) überfommener 
(Sebanfe. ©emgemöfe fd^reibt §einecciuiS fic^ für fein SBerf folgcnbe» 
SSerfafjren t)or: 3"^^^^^ ^^^ j^i^^^ 9led|tgle^re ba^ beutfc^e 9fied)t aiuJ 



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1. ^einccdu«. 2) 8(i^rifte«. 189 

älteren unb neueren Duetten atter germanifdiett Stationen, abgefe^en 
Don her 5^oge heutiger SlntDeubbarfeit, ju crforfd^en, oudE) augs 
Urfunben unb Slnnalen möglid^ft 6tö in'j^ Sinjelne ju beleuchten. 
3)ann auiS ben ©rgebniffcn SRegefn (Slfiome) ju erfc^Iiefeen, »elc^e 
fid^ babei ate atten beutfctjen ©tämmen gemeinfam ergeben Joerben. 
6nbli(^ au^ ben Sljrfoinen golgefä^e abjuleiten unb nad^jutoeifen, 
toic bicfe leßteren noc^ I)eute, fei eö burd^ ganj SJeutfd^lanb, fei eö 
innerhalb einjelner 3;erritorien ober ©tobte geltenben Stec^te^ feien. 
So fommt ^einecciuö baju, inbem er mit ben Slntiquitäten — 
mir würben e^ innere 9iec^t^gef(^i(i)te Ijeifeen — beginnt, unmittet 
bar an biefe(ben für jebe äRaterie eine bogmatifd^e Sarftettung nad) 
ber apomatifrfien 3Wetl)obe anäufc^tiefeen. SBenn man i^m biefe SSer* 
binbung ate SSermifc^ung öon ®ef(i)i(i)te unb 2)ogmQtif jum 95ortt)urfe 
gemacht ^ot, fo ift bie^ nic^t nur unbillig, inbem man babei ben 
auögef^jrod^enen 3^^^* überfiet)t; fonbern ou^ facf|licf) unrichtig, ba 
ätoeifeUoö auf biefem SBege Diel für baö beutfd^e Ste^t ju geminnen 
tuar. SBtelmel^r ift e^ iimgefe^rt ju bebauern, bafe biefe 3Serbinbung 
gmifc^en @efcf)id^te unb geltenbem 9ie(J(t oon ^einecciuö toieberum blofe 
äu|erlic^ burd^gefü^rt ift, für jeben einzelnen 9ted)tigfa^ in ber frag= 
mentarifc^odtenen Slntiquitätenmanier, nid)t umfaffenb unb innerlid^ 
genug ait^ bem ganjen (Seifte ber beutfc^en ®efcf)ic^te unb beö beutfd^en 
9led)tg ^eröor. Smmer^in ftet)en njir Dor einer burc^ gütte beö 
SKoterialö unb golgeric^tigfeit ber ^urd^fül)rung SldE|tung gebietenben 
&iftung ; fie ift ju rühmen afe bie erfte unb für atte golge grunb- 
legenbe gefd^loffene ©arftettung beö beutfd^en ^riöatred^t^ in feiner 
ßntmidlung: eine SBejeidinung, auf toeld^e bie S5et)er'f(^c ©arftettung 
SRangete met^obifc^er ©ictjer^eit unb 93oUftänbigfeit nod^ teinen Sin- 
fpnic^ ergeben lonnte. S)afe im Sittgemeinen baö ^nftitutionen* 
©qftem ju ®runbe gelegt ift, wirb man entfc^ulbigen fönnen, ba 
tüenigftenö bie Unterabtf|eilungen fid^ Don ben ^nftitutionentiteln 
emancipiren; SRücffätte in romaniftifrfie ober naturred^tlic^e 2ln=^ 
fc^auungen finb felbftDerftänblic^; reicf)lid) (Gelegenheit baju geben 
bie Stjiome, meiere nur ju oft ben ^iftorifd)en gorfdjungen bloö 
äugertic^ angefittet finb, n?ennfd^on §einecciuig bie Sinfic^t t)at, auf 
biefem noc^ ungefeftigten (Sebiete bie ©trenge ber ajiomatifd^en 9Jtet^obe 
JU milbem. Qhx Snbej ber benu^ten Duettenfc^riften am Snbe be^ 
Serfeö jeigt mit feinen 22 ©eiten ftarfe ß^^^^^me gegenüber ber 
S^ürftiflfeit früfierer ®ermaniften; für ben ^rojefe ift ba j. 99. nic^t 



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190 Se^fleft Kapitel. 

nur ber SRic^tfteig Sanbrec^tö, fonbcrn felbft bag %f)[ex^oi (baö 3?er= 
fahren gegen SJeinecfe gud^ö) benu^t. S)ie Scbeutung bicfci^ ©ebic^te? 
nac^ biefer ©eitc ^in ttjirb in ber SSorrebe jum snjeiten 93anbe mit 
einbringenbem SBerftänbnife gemürbigt. 

Elementa juris naturae et gentium, ^aQc 1737. S^as 
SRaturred^t fott o^ne metQpt)^fifc^e ©ubtilitäten an^ ben Geboten 
ber gefunben SBernimft enttpicfelt toerben; mit bem Socceji^fdicn 
5ßrin}ip unb ber ?ßufenborf fc^en 2lnorbnung öerbinbet fid^ aber nodj 
a(ö oberfte^ baö ^inji)) ber Siebe ; namentlich im ©trofrec^tc »erben 
befe^alb alle 3SergeItung^=?ßrinjipien entfc^ieben abgelehnt. Uebrigen^ 
bietet ba^ SBerf foum Öriginetteö; |)einecciug, ftetö ein ergebener an- 
f)änger beö SHaturred^tö, l)at biefem, weit me^r afe biird^ ba^ it)m 
felbft getoibmete Sel^rbud^, gebient, inbem er i^m in ben Seör= 
bödiern bt^ SRömifd^en unb beö 3)eutfdE|en SRecfitg mittels ber ajio^ 
matifd^en 9Ket{|obe bie Ijerrfd^enbe SRoHe einräumte. 

2)iefe ift bie le^te größere eigene ©cfirift, bie ^einecciuS felbft 
[)erauögegeben l|at. ©erabe wä^renb feiner lejjten Sebenöjal)rc ^Qt 
er fic^ Dielfad) um ausgaben anberer Slutoren bemüht, bie er bonn 
regelmäfeig mit SSornjorten üerfe^en ^at. ©eine le^te Heinere ©c^rift 
ift ein Beitrag ju ber Scntenarfeier, mittete tt)el^er man 1741 ju 
§aQe fid^ ber (Srfinbung ber 53ud^bruderfunft erinnerte, unjuriftifcften 
3nl^aItS. — ^Dagegen finb aus feinem 9iad^Iaffe nod^ mehrere Süc^ 
l^erauSgegeben »orben, üon tt^elcfien tt^enigftenö bie buri^ ben ©o^n 
Sol^. S^riftian ©ottlieb pubügirten auf forgfäftiger ©id^tung ber 
üäterlid^en ^ßapiere berufen unb baS gett^b^nlic^e 9D?afe folc^r 
poftumen ^ubUtationen fo ttjeit überragen, bafe fie l^ier nocf) üor 
gefül^rt merben muffen. 

Bamabae Brissonii Dictionarium juridicum, 2 ©be., ^alle 
1745. 3lte ^einecciuS ftarb, mar ber erfte Sanb fc^on gebrudt, bac^ 
SKanufIript beS jmeiten bis jum Suc^ftaben % fertig ; ber 9?eft ift öon 
bem ©ot)ne nadEi beS SJaterS papieren gearbeitet. Siamentlic^ bie 
neue 3lnorbnung mürbe allfeitig ate 3Bot)It^at em^jfunben ; burd^ um- 
fangreid)e S^)^^^ if^ öUeS an ÜÄaterioI nad^)getragen, ttjaö ^einecciu^> 
me^r als ©riffon äugänglic^ mar. ©o fonnte baS 18. Sa^rl^unbert 
meinen, ein abfd)IiefeenbeS antiquarifd^:=juriftifd)eS ficjiton hiermit ,^11 
baben; unferen 9tnfürberungen an eine foIcf)e Slrbeit entfprit^t c^ 
atlcrbingS fo menig, bafe eS ju bem neuen großen berliner Unter 

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I. ^cinccciu«. 2) @rf|viftcn. 191 

nef)mcn ctncS CueHen^SBörterbucficd nic^t cinmat aU ^ül^^bud), 
gefditDeige bcnn afe ©runblage ^at Ijerangejogen ttjerben fönnen. 

Element» juris cambialis, 2. Stu^gabc granffurt 1748. Unter 
bcn neueren fic^r6ücf}cm be^ SBed^feIrecf|t^ ift biefeö tote eineö ber 
crften unb tfic^tigften, fo jebenfallg bag für feine S^it einflufereicfifte 
geworben. @^ bejeic^net bie (gt)oc^e, in xoeld^er baö SBed^felree^t, 
geftü^t auf ©ammtungen ber t)erf^iebenen beutfdien unb auiglänbifd^eu 
©erf|fcI4Drbnungen, jur ©onbertoiffenfdiaft toirb: e^ befreit fid^ üon 
ber romaniftifd^'ttaIiemfcf)en 3)?ett)obe einer == unb ber bloö fouf- 
männifd^n Se^anblung anbererfeitö, unb bemüht fid^ um felbftänbige 
Söfung ber i^m eigenen juriftifc^en Probleme, toie ja gleid^j^eitig, 
17-43, burc^ Suboöici ber aSec^fet^rojefe jur befonberen ^arfteHung 
tarn, ©ne gute Überfid^t über biefen SSorgong genjäf)rt bie biefem 
iJetjrbutfie öon ber 6. Sluflage ab beigegebene Bibliotheca juris 
cambialis öon 3o^. gr. (Sifen^art. 

Volumen Consiliorum Decisionum ac Responsorum juris 
causas illustres complecteus ex jure Germanico publice, feudali, 
matrimoniali, ^alle 1744: ein im SSergteic^ ju ä^nlid)en Sammlungen 
üerfc^njinbenb geringer Dctaöbanb, o^ne öebeutung für bie ^ajiö. 

Antiquitates Germanicae jurisprudentiam patriam illu- 
strantes, ein 3Berf, beffen alöbalbige ^eröffentlid^ung ber SSerfaffer 
jc^on 1718 öer^iefe, baö in ber ^anbfd^rift fc^on 1723 brudfertig 
roar, beffen 5)rucf legung fid^ bann aber burd^ toibrige Umftänbc 
üerjogerte; erft nad) langer 3^^* ^^^ ^^^ 5D?anuffript toieber an'e 
Jage^Ut^t, unb banac^ erfc^ienen bann 3 öönbe, Äopeni|agen unb 
Seipjig 1772 — 1773, ent^altenb eine allgemeine ©inleitung, de re- 
jmblica et legibus veterum Germanorum, unb ba^ erfte ©uc^ 
be^ Stjftem^, U^ä^renb bie brei übrigen 95üd)er ungebrudt geblieben 
finb. 3^r Sn^alt ttjirb befel^alb nid^t ganj alö öerloren ju betradjten 
icin; benn er tt)irb gcrobe fo in ben brei legten SBüd^crn ber Elemenla 
juris Germanici au^jugsmeife toieberfeliren, tt)ie ba^ erfte Söuc^ ber 
Antiquitates in ben erften, gefd^ic^tUd^en Hälften oller 9(bfcf)nitte bcii? 
crften SBuc^eö ber Elementa unb Ujie bie allgemeine Giuleitung ber 
Antiquitates in ben germaniftifc^en Slbfc^nitten ber Historia juris 
nac^njei^lid) mieberfe^rt. ®o berut)en olle fpäteren beutfd)red^tlid^en 
arbeiten beö ^einecciu^ auf biefem SBerle, fomeit fie nid^t über ba^- 
15. Sa^r^unbert I)inauöge^en , benn innerl)alb biefer ©renje galten 
lic^ prinji;)ieU bie Slntiquitäten. 2)iefelben finb bequemer unb breiter 

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192 ©cc6ftc« ftapitcl. 

in bcr SarfteQung, ate bai^ fptitere Sc^rbud^ , unb hodj fiberfic^t^ 
lidier, ba bei irrten nic^t, n)ie bei btcfem, bic gefc^ic^tlid^c ©ntroicHunp 
forttüä^renb burcf) bie bogmatifd^e unterbrochen tt)irb. .SBo fic^ m^ 
l^altlid^ ^Ibnjeid^ungen jeigen, mufe natürücf} bie fpätere, öerbeffenibe 
äluffaffung t)orge^en, o6fcf)on biefe in bie fpäter gebrudtten ftlter^ 
tpmer nacfijutragen ber @o^n leiber öerfäuntt ^at. ebenfotoenicj 
l^at er, njie i^m jofort mit SRec^t öorgemorfen würbe, burc^ 9lotcn 
ober 2[nl)änge bie übrige germaniftifd^e Siteratur berücfficf(tigt , ttpie 
folc^e feit ber urjprünglic^en SRieberfdjrift fo mächtig angefc^rootten 
n)ar. ©o n^ar baö SSert, meld^cö 1724 eine genjattige görberung 
biefeö ©tubienjttjeigeö bebeutet l^aben njürbe, 1772 bereite ftarl über 
l^olt unb Deroltet — befefjalb mag benn and) ber 2)rucf nid^t ju Snbc 
gefül^rt ttiorben fein. 9?id^töbeftomeniger \)at e^ nod^ öerbient, üon 
®rimm, in ber SSorrebe ffi. ber erftcn 5tuögabe feiner S)eutfd)en Jftcc^tö^ 
altertl^ümer , für „eine geleierte, noc^ immer fd^ägbare ®runbtagc* 
erllärt ju werben. 

3) 3)ie üterarifc^e 3;t)ätigfeit beg §einecciu^ läfet fic^ nic^t in 
^erioben jertegen ; nad) Uebertoinbung ber frü^eften 3tb]^ängigfeit öon 
2;^omafiuö, t)on bem ?(ugenblide an, in weld^em §einecciu^ überhaupt 
felbftänbig auftritt, ift feine prinjipiette Stellung wie feine arbeite^ 
met^obe biefetbe geblieben. S)iefe Stellung ift bie einer möglic^ft um- 
fid^tigen unb umfaffenben 93ermittelung jwif^en romoniftifc^en unb 
germaniftifc^en , eleganten unb praftifc^en ©trebungen, njennfd^on 
in ber Slu^fülirung bie praftifd^en ^Irbeiten jurüdEtreten. 35iefelbe 
auggeglict)ene SSielfeitigfeit jeigt bie 2lrbeit^mettjobe : fie öerbmbct 
ba^ {joHänbifd^e p^ilologifc^e SSerfal^ren mit bem naturrec^tlid|en fo, 
bafe lefctereö baö ju erreic^enbe 3^^^ bejeic^net, wäl^renb erftere^ ale 
S(rbeitö:=3nftrument bient. 3n ber ®rünbli^fcit ber @elet)rfamfeit, in ber 
allfeitigen S9cf)crrfc^iing beö ^umaniftifd^en unb gefd^id^tlid^en Wateriak- 
liegt einer ber grofeen SSorjüge be^ ^einecciu^; ber anbere in feinen 
fd^riftftellerifdien ©igenfd^aften, bure^fid^tigfter Älar^eit unb 6infacftt)eit. 

3Bie fofort erfic^tlid^, öon 3;t)omafifd^er Seb^aftigfeit beö ®eiftei^ 
ift bei ^einecciu^ feine SRebe. Äein plb^lid) neu auftaud^enber ©e- 
bank gelegentli(^ einzelner 3tbf)anblungen, feine Ueberrafc^ung burd) 
glüdlic^e ©ingebungen ober SBenbungen; in forreftem ®leic^man, 
baö Slnfangö aufgefteHte (Sefe$ ftet^ befolgenb, entrollen nn^ bie 
furjen lateinifc^en @ä^e ben überlieferten bogmatifc^en ober bcn 
quellengemäfeen antiquarifc^en ©toff, jufammenge^alten lebigli^ burd) 

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L ^dnecciud. 3) tBürbigung. 193 

ble überlieferten 9?aturrec^tö=5ßrmjt^ien. goft lonnte man fo baju 
fommen, äUcg bei ^einecciuig auf eine gcfc^idte SSerbinbung feiner 
Vorlagen jurüc^ufütiren unb i^m jebe Originalität abjuft)recl^en. 

3nbcffen toärc bie^ ju toeit gegangen. 3Wan ttjirb il^m ate originell 
bclaffen muffen bic 3bee, ein ßel^rbuc^ ber römifd^en Antiquitäten 
für 3uriftcn ju fd^eiben; bie ajiomatifc^e SKet^obe; nnb bie Elementa 
juris Germanici — ttjofem man nur unter UrfprüngUc^feit nic^t 
blo^ geniale ©c^ß})fung, fonbem aud^ befonnene ©rfrfiliefeung neuer 
^banfen ober gormen, auÄ ber bi^l^erigen ©nttoidtlung ^erüor, 
t?erftef)en toiU. 

©oute ba^ ©tubium ber ^^ilologifc^en §ülfgfenntniffe für ba^ 
Stömifd^ Siecht in ©eutfd^tanb einl^eimifd^ toerben, fo mujjten bie 
©njet^eitcn, ttjeld^e feit bem fedi^je^nten 3al^r^unl)ert ^ier gewonnen 
tüorbcn toaren, »erarbeitet werben ju einem bequemen, ^anblid^en 
fic^rbuc^, weld^e^ überaß baö bem 3uriften SRötl^ige barbot — aber 
aut^ fein 3Bort barüber ^inaud. Die Sbee eine^ folc^en SBerfeö ift 
bc« ^einecciug geiftige^ ©igentl^um; beifpiellofer, fof ortiger unb 
bauernber, (Srfolg lohnte bie glüdEIid^e Stu^fü^rung. ^a^ fie^rbuc^ 
ift ^ier nid^t ber ©eginn einer wiffenfd^aftlid^en ?ßeriobe, fonbem 
e^er ein Slbfc^tu^; beö^alb ift e«, Wie ba^ erfte feiner Slrt, fo auc^ 
für fein Sa^rl^unbert ba^ mafegebenbe geblieben ; bie weitere antiquarifc^e 
tJorfc^ung fam, bi^ auf bie Sntbecfung beö ed^ten ©ajuig, barüber 
^tnauö nur in (Sinjel^eiten, welche fid^ leicht nad^tragen tiefen, nid^t 
im ©anjen ober in wefentlic^en Xl)eilen. Wlan wirb eö bemnad^ 
^einecciud ju ®ute bringen muffen, wenn öon ba ab in bie breiteften 
Äreife beutfd|er 3uriften eine gewiffe Äenntnife ber römifc^en Stnti- 
quitäten einbringt, fo bafe bie frül^er oft öorl^anbene öoHftänbige 
Unwiffen^eit in biefen S)ingen faum me^r öorfommt. 9Kan wirb 
e^ aber auc^ ber engen Sluffaffung, in 5*^lge bereu ^einecciuö bei 
ber blofeen ?tntiquitäten*©ammlung fte^en blieb, jur Saft fcf)reiben 
muffen, wenn eben jene^ in weitefte Greife bringenbe SBiffen biefen 
Äreifen nic^t ganj mit Unred^t blo^ afe eine tote Saft galt, weld^e 
man nun einmal in ©eutfd^lanb, wo baö 3iömifd)e Sdec^t t)errfcf|t, 
mitfc^leppen muffe, wöt)renb üon einer ^Belebung be^ 9Jecf|t^ftubiumö 
burc^ ben ®eift ber GJefd^id^te nirgenb bie Siebe ift. Sft boc^ felbft 
Don ^einecciuö, in 3^^f<^"^"^^"^öng mit ber 3Birtung feiner Se^r=* 
büe^r, bie ?(bnat|me unb bai^ SSerfc^winben queHeuejegetifd^er SSor;: 
lefungen an beutfd^n ^oc^fd^ulen Ijergeleitet worben. ©o ift man 

SoRbiberg, 0ef4icf|te bec beutft^en Rec^tdtsiffenfcbaft Xtjst. 13 

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194 ©ed^fted Stapiitl 

6te auf bte neue 3^*^ ^iedtn geblieben in ber 3^i*^^^^iü>""8 ^^^ ^ 
SRec^tö^Slntiquitäten eincrfeit^, ber äußeren Sleci^töflcfd^ic^te anberer^ 
feitö, ol^ne Aber biefe ©paltung l^inaug ju fönnen. Die elegante 
Suri^prubenj franjöfifc^ - fioßänbifd^en Urfprungö f)at fid^ burc^ 
^einecciu^ bei un^ acciimatifirt, aber unter fc^tt>erer ©inbufee an 
geiftigem ®e]^alt; bie unter fo ganj anberen 95ebingungen ent|>roffene 
^ßflanje l^at eö bann bei un^ no^ längere 3eit ju einem geiutffen 
gorttpud^m gebrad^t; fie mufete atebalb öerborren unb fd^tiefttkfj 
ganj abfterben, fobalb ouig frifd^en Äeimen ein neuer ein^eimifc^r 
Xrieb emporfc^ofe. 

S)ie üEiomatifd^e äWetl^obe le^nt fic^ in ber gorm hirjer @c&(ag:^ 
fä|c an bie ?ßofitionen unb S)eIineationen ber Xljontafifd^n ©c^ulc 
an; in ber ©ac^e^mu^ fie aU eine originelle fiöfung gelten für bte 
jene S^it befc^äftigenbe Sfufgabe, ein überaß gleid^mäfeig antt)enbbare^ 
SSerfa^ren ju finben, njeldieg feieren foUte, auö allgemeinen Cbcr^ 
fä^en in matl^ematifd^er 3Seife, mit motl^ematifd^er ©ic^er^eit bie 
Sinjeliä^e ju erfd^Iie^en. (£ben meil man an ber ajiöglid^feit etne^ 
folc^en ^erfafjren« gar nicf|t jtoeifelte, fanb bie ajiomatifc^e 3Retf>obe 
nirgenbttjo tt)egen i^re« principieHen ^l|(erig, erft redf)t nid^t megcn 
il^rer fdiolaftifd^en gorme(f(aftigfeit 9Biberfpruc^. ©in folt^cr trat 
il^r öietme^r entgegen nur üon ber grage an^, ob nic^t anbere 
9KetI)oben unb JRubrifen Dorsujie^en feien. ^auptfäc^Uc^ erl^ob fic^ 
ein lebl^after Äam|)f im Sntereffe ber aItgett)ot|nten fog. Äaufal= 
met^obe, njie fie jebe Se^re nad^ ben t)ier causae unb entfprec^nben 
Unterabt^eifungen ab^anbette, unb me fie t)auptfäd^Iid^ burc^ 2auter^ 
bad^ t)errf(J(te; üon ber anbcren Seite ^er na^m ben SBettbemerb 
auf bie SBolffc^ matt)ematijc^ = bemonftratit)e 9KetI)obc. |>einecciu^ 
ift auf bie S)auer nacfi beiben ©eiten f)in ©ieger geblieben. Auf 
feiner SKetl^obe ru^t bamit ber gluc^, am meiften beigetragen ju 
^aben ju ber unausrottbaren ©nniftung ber naturred^tlid|en SJegriffi^ 
oertt)irrung, afe l^errfc^ten einige allgemeine unb oberfte Siegeln aud 
eigener Äraft, atö toäre aUeS bai^jenige gettenben SRed^teS, n?a^ ficft 
aus jenen Siegeln logifc^ entioidteln täfet, ebenfo afö muffe fid^ um* 
gefel)rt jebe SSorfc^rift beS gettenben SRec^tS auf ein aQgemeine^ 
^incip logifd) jurüdffü^ren taffen. 3tnf biefe 3Beife üermod^te man 
im allgemeinen ©taatSred^t ebenfott)o^I baS 5ßrinci)) ber abfoUiten 
SKonard^ie mie baS ©^ftem ber äRenfd^enred^te burd^juf üt)ren ; im 
Sit)i(red^te aber ift eS eine golgc biefer SBe^anblung, bafe bie Suft 

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I. $)ftne€ctitd. 3) »firbigitng. 195 

an ber ^Beobachtung feiner <)raftifc^cn ©njelfictten tJerfd^ttJtnbet, bafe 
bamit bic Anregung ju funftooUer Äu^bilbung fetner feineren 3*9^ 
iBegffiUt unb ha% fo feine S^eorie ju banaler ÄDgemein^ett ein- 
trochtet. S)er einjige SBort^il ber apomatifc^en SRetl^obe ift i^re 
gro^c ©eqnemli^feit; burc^ biefen ift fie ber umftänbtic^n SBoIffd^n 
überlegen; biefc ®equemfid^feit ift eine fold^, bafe felbft l^cute, nad^ 
bem man längft innerlich mit i^r gebroc^n i^t, unfere fiel^rbflt^ 
nod) äu^etlid) unb ganj in großen Sw^ o« ^^ feft^altcn: juerft 
bie 3>cfinttton, bann einige allgemeine D6erfä|e, bann, niennfc^on 
ntc^t me^r aU Folgerungen, fo bod^ ald ^tn)i(flungen baraud bie 
einzelnen Slec^t^fäfee, fc^IiefeÜt^ »oten, toeld^ burc^ DueCencitatc ben 
^SetBetd für biefe SRed^tgfä^e bringen: bie »el^nlic^feit fpringt in bie 
Sugen. — 95ei biefer feiner SKetl^obe ift |)etnecciug fte^ geblieben; 
irgenb me(c^ f^ftematift^e SBebenfen l^ft^erer Drbnung finb il>m nt<l^ 
gefommen; ru^ig l^äft er an ber ^uftinianifd^en Scgalfolge feft, 
fc^iebt ein fie^but^ ebenfogem in bie Siei^enfolge ber Rubelten »ie 
in bie ber Snftitutionen unb öertoert^et te|tere felbft für ba« S)eutf^ 
Medjt, ?(uc^ in biefer Sejie^ung ift er für fein Sa^r^unbert, bi^ 
jum (Sinbruc^ einer neueren ^ßeriobe, malgebenb. 

3nbem bie Elementa juris Germanici in ber erften ^fttfte 
eined jeben Xitetö bie antiquarif^e, in ber jh^eiten bie aj^omotifc^ 
SRet^obe befolgen, net)men fie an ben ©d^toäc^n beiber S^il. 
Dennoc^ überragen fie toeit bic romaniftifc^ fie^bfic^er, aud bem 
einfach ®runbe, toeil e« ftc^ ^ier um felbftänbige gorfd^ung unb 
CueUenauSbeute l^anbelt, toä^renb bort nur bie Srgcbniffe ?tnberer 
JU fiepten unb ju formen übrig blieb; hinter ben großen fad^lid^ 
fieiftungen treten be^^otb ^ier bie met^obif^n ©d^tood^en jurüd. 
Unb nic^t nur burd^ biefe eigene Arbeit, fonbem f^on baburd^, ba^ 
er, befannt afe §umanift wie er toar, neben bie romaniftifc^ 
^idji^Iinen afö gleid^bererf)tigt bie ©ermaniftif ftellte, l|at er biefe 
mäc^g unb an^altenb geförbert. ©erabeju ate SRerfmal ber öon 
.f>etnecciu^ au^ge^enben ©trömung fann |>ugo ertoä^nen, e« \)abe 
bei il^r ge^ei^en: ad galantismum pertinet Germanistam se pro- 
fiteri; biefe ©genart ber beutfc^en eleganten ©c^ule ^at offenbar 
^inecciu^ f«f*griegt, mcnn fie ourf) fd^on öon änberen Vorbereitet 
loar. 5)er Äuffdittjung, »eld^n in golge beffen bie Äunbe üon ben 
beutfc^ SRedEitigaltert^umem unb Don bem beutfd^en ^ßriDatred^t 
no^m, toor ein fo lebenbiger, bofe gerabe er ber S)auer biefer 

13* 

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196 Sec^fte« StapMtl 

SBerfc bc^ ^etnecciuö in bcn 9Bcg treten mufete. SBfilirenb bie 
romanifttfcj^en Sel^rbüd^ei 3luflage fär Sluflage emanber folgten, nac^ 
n^te öor an ben meiften bentfd^en Uniöerfitäten ben JBorlefnngen ju 
^rnnbe gelegt n)urben, toaxoi bte beutfd^red^tlt^n gar iaü> &bet\)olt, 
tt^te am beutUd^ften erbeut au^ bem @d^tdEfaI beS SBerfe^ über beutf^ 
SRed^t^altertl^ümer. S)ennocl^ — ober eben bc^^alb — fommt ben 
germantftifd^en ©cj^riften be^ §cmecctu^ ber erfte $ßla| ju, fomo^l 
toa^ gelehrte Ärbett^Ietftung, wie toa^ SSerftönbnift unb görberung 
ber ©ad^e betrifft. 

Unmittelbar l^tnter fie einjufteHen, toenn man nad^ fotc^n 
®efic^töpunften orbnet, ftnb bie antiquarifc^en ©onberunterfud^ungcn, 
an tl^rer @t)t|e bad ^ud^ über bie Lex Julia et Papia Poppaea. 
Slfebann würben fid^ tttoa anfd^Ue^en bte 3)tffertattonen über prat 
ttfd^e ©toffe, Wegen ber gefd^idCten SBal^I unb Bearbeitung be« S^emas;, 
wo jU fid^ baö Sel^rbud^ be^ SBerfifelrec^t^ gefeilt. ?lud^ ber SSerbienftc 
um ausgaben ftiterer ©d^riftfteHer fönnte man in biefem ßufammen? 
l^ang @rwä^nung tt|un. S)agegen ift Don einem fad^Iid^ wiffenfc^aft- 
lid^en SSerbienft bei ben brei romaniftifd^en Sel^rbüc^em wo^l faum 
JU rebcn, obfd^on gerabe fie bie erfotgreic^ften gewefen finb. §ot 
§einecciu^ e« mit i^nen bod^ felbft im SluSlanbe ju unglaublicf)er 
Slnerfennung gebrad^t, ba namentüd^ ben romanifc^en SSoIfern feine 
glatte, burd^ftc^tige S)iftion jufagt. ©o fd^eibt ein franjofifc^er 
fienncr nod^ 1818, nad^ ben SBerfen be^ ßujod feien biejenigen bee 
^einecciuig bem Suriften am not^wenbigften, obfd^on man be^au^jte, 
in 3)eutf erlaub f^abe feine Autorität ein wenig abgenommen; für 
Italien genügt e^, auf bie beiben bort üeranftalteten großen äu^^ 
gaben feiner fämmtßd^en SBerfe ju oerweifen ; in ©panien trifft man 
i^n nod^ l^eute in juriftifdien |)anbbibIiot]^efen afö ^auptfäc^Iic^e^, 
wenn nid|t einjige^ ?Iugfunft3burf) über JRömifd^e« SRec^t. 

S)iefe Verbreitung in'ö STu^Ianb Würbe ermöglid^t burc^ ben 
Umftanb; bafe ^einecciug in ben bogmatifd^en, romaniftifc^n ße^r^ 
büd^em, wie fie in granedfer ju ßel^roorträgen entftanben waren, 
wenig SRüdEfid^t nimmt auf bie beutfc^e 5ßraji^; um fo auffallcnber 
ift freilid^ ber ©rfolg innerl^alb S)eutfd^Ianb^. §einecciu5 ift feit 
bem @nbe be« flafftfc^en 9Iuffd^wung3 im 16. Sal^r^unbert, erft 
red^t aber feit SarpjoD ber erfte beutfd^e Surift, welchen weitefte 
Äreife afö ciöitiftifdie Slutorität anerfannten, ol^ne baJ5 er ber 5ßraji^ 
burd^ breite SKoterialfammlungen entgegengefommcn Wäre, ja fe(6ft 

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I. ^einecciuS. 8) ^QSütbigung. 197 

oljne ha% er fotc^e biSt^tt oufgel^äuftc ©ammlungctt toefcntlid^ berficf* 
fid^tigt l^Stte, tote tl^m bcnn bie Äftenarbctt etgentüd^ ücr^a|t toax. 
3»tt if)m beginnt fid| bie %l)toxie ber beutfd^en Äed^tötoiffenfd^aft t)on 
ber ^rajriö ju fonbem, tüenigftenig eröffnet ftci^ mit il^m ber ^htöbtidt 
auf bie SRögüd^feit einer ^^^eorie, ttjelc^e nid^t me^r i^re toefenttid^ 
Aufgabe barin fänbe, bie Srgebniffe ber ?ßrop^ ju fommetn unb ju 
fiepten, fonbem eigene änfd^auungen felbftänbig ju gewinnen unb 
ber ^raji« ate Siegeln Dorjufd^reiben. 3)afür, ba§ e« einftweiten 
noc^ nidft in tueiterem SWafee baju tarn, xoax freilirf) burd^ bie ©prud)^ 
t^ättgfeit ber gafultäten geforgt; ber Anfang aber tt)ar gemad^t. 

^cmecriu^ unter ben beutfd^en Suriften be^ 18. Sa^rl^unbertd 
ben „bebeutenbften" ju l^eifeen, mufe nac^ aÜebem entfd^ieben abgelehnt 
werben, ©iel^t man ate Suriften im ^od^ften ©inne ben Siöilred^t^ 
^ogmatifer an, Wie ba^ bod^ ttjo^t bie weiteft Verbreitete ?rnfid^t ift, 
io fommt i^m nur ganj geringe Söcbeutung ju, i^n übertreffen ate 
iolc^n JBerger, Seljfer unb Döpfner, um nur biefe ju nennen, 
njeitouö. gfir ©trafre^t, IKr^enrec^t, ©taatäred^t ^at er fo gut 
roie nic^tg geleiftet. ?luc^ ate ^iftorifer übertrifft i^n entfd^ieben, 
namentlid^ burd^ tiefere Äuffaffung,-^. §. ©ö^mer. Unb öor ?(Uem, 
üon jebcm 9SergIei(t)e abgefe^en, §einecciu§ fe^It eben ba^, toa^ ba« 
©ebeutenbe auömad^t, baiB SnbiöibueCe, |)ert)orragenbe, SRac^brüdE:^ 
Kdje; felbft auf ben (Sebieten, wo er eixoa^ leiftet, leiftet er eg ofine 
©röfee; er ift fein ipiftorifer, fonbem bloö Slntiquar, fein ©^ftema* 
tifer, fonbem bloö 9D?etI|obifer. 9?id^t ben bebeutenbften beutfc^n 
3uriften be§ 18. 3a^r^unbertg barf man i^n alfo nennen, wol^I 
aber etwa ben einfluftreid^ften bamaligen JRed^t^lel^rer. 2)ie ?5rage, 
ob biefcr fein ©influfe befonber^ fegen^reicf) gewefen ift, brandet wol^I 
faum me^r bel^anbelt ju werben, ©o üiet aber mag jujugeben fein, 
ba% tjielleid^t bamate bie SÄaffe be^ beutfd^en 3uriftenftanbeg für bie 
großartig freie 2;f|omafifc^e SRec^t^be^anbtung, für ben gefdf|i^tlid^n 
Schwung unb für bie SBerwerfung jebcr metl^obifdfien ©dfiablone nod^ 
nid)t reif war, fo wenig tüie baö ganje beutf^e SSolf für bie SBei^* 
^eit eineö Seibni^. ß^^äd^ft beburfte man noc^ eineg trodEenen unb 
fräftigen ©d^ut unb 3wdf|tmeifter^ ; wie SBoIf ein f olc^er ber Station 
geworben ift für überlegtet S)enfen unb für ffareö Orbnen ber 
©ebanfen, wie ©ottfd^eb benfelben j)ienft ber frfjönen Siteratur 
geleiftet ^at, fo §etnecciuö ben Snriften. ?lu^ biefem ©efid^töpunfte 
be« SBcbürfniffe^ erffart fid^ wo^I aud) in le^ter Sinie ber ©rfolg 

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198 @ec^fteS Kapitel. 

bicfcr äRönner, ber unbcgrcifUdi bleibt, folangc man blod i^c 
^crfönlid^feiten unb ßciftungen, allem für fic^ ober im JBergtetdic 
mit größeren aSorgäjigern, iti'ö Stuge fafet. 

II. 1) 2)ie $ß^iIofopI|ie SBoIf'« unterfdjetbet fi^ öon jcbcr 
anbern am meiften burd^ it)re SRetl^obe, bie matl^motifc^^bemonftra^ 
tiöe — fo bemcrft er felbft gelegentlich. S)iefe SWet^obe befte^t in 
einer funfttooUen SSerbinbung öon forgfältig jugearbeiteten (ex- 
asciatae) S)efinitionen, anber^n^ol^er genommenen ^rincipien, {c^arfen 
Se^rfä^en; le^tere muffen fid^ burd^ bie beiben erfteren (Sruppen 
beloeifen taffcn. S)ie Sleil^enfolge ber SBorfu^rung mufe eine folcfie 
fein, bafe ber f^Cogiftif^e 3Mföninicnl^attg jugleic^ bie ©rfinbe tlav 
fteUt, toegen berer tjon ben einjelnen ©ubjelten beftimmte ?ßräbilatc 
au^gefagt merben. Jlenntni^ bed ©runbed einer ®a(^e ift pf)ild 
fo:p()ifc^e @rfenntni& ber @ad^e, @o fü^rt bie mat^ematifc^bemon^ 
ftratiüe SJ^et^obe jur unbebingt fidjeren p^itofopl^ifc^n (Srfenntttifi 
aUe^ beffen, tva§ naä) xf)x be^anbelt n?irb. SQSirb aber gar ber 
ganje Umhreii^ ber $ß^iIofop^ie fo be^anbelt, fo bebarf e^ immer 
weniger ber „anbcr^too^er entnommenen 5ßrincipieu", unb e^ muß 
fc^Iiellirf) ein fertiget, blo^ auf fid^ felbft beru^enbed, aCe ©runbe 
unb 3wföw^"i^^^ä^ßc öug fid^ fetbft ergebenbeö, burd^ biefe feine 
ÜBoUfommen^eit rüdn^ärt^ jeben feiner (£injelfä|e beftätigenbed ^eböube 
ju ©tanbe fommen, ein öottenbete^ „ ©Aftern". 2)ie Seweiötc^re, 
toelc^e fct|on 3)e^carteg fuc^te, n>eld^e ©pinofa in feiner @t^if, Seibnif 
gelegentlid^ fetbft in einer ftaatörec^tlictien ©c^rift anwenbcte, joll 
hiermit enbgültig fo flargeftellt fein, bafe Sebermann bie SBoIffdK 
3Kett)obe nur }u ftubiren unb ju ^anb^aben braucht, um überall 
mat^ematifd^e ©ic^erfieit ju erreichen. 

aWit ber grage, ob SBoIf 'ö äKet^obe fid^ auf bie pofitiöe Sicc^t^ 
n>iffenfc^aft anttjenben läfet, befc^äftigt fid^ ein befonberer äuffap 
i^resJ Srfinberö üon 1730. 9tur Don bem pofitioen SRcd^te ^anbelt 
er, benn bafe baö <)^ilofopt)ifc^e SWaturrec^t \x6) ber 3Ret^obc fügt, 
ift oljne^in flar. S)ie aufgeworfene 3rage jerfäUt in brei Unter 
fragen: itann eö überl^aupt ein pofitiüed Siecht geben, auf mli^ 
bie SRet^obe anwenbbar ift? 3ft biefe SÄet^obe fpecietl auf bie 2)ar 
ftellung beö 3iömifcfy=Suftinianifc^en JRec^t^, fei e^ für bad (San^e. 
fei e^ für einjelne Xitel anmeubbar? Unb ift enblid^ biefe 3)iet^obc 
anwenbbar für SÖionograp^ieen (singulae dissertationes) ? Tic 

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IL SBpff. 1) ^ofttbefi SRec^t. 199 

örci S^^agen »erben bejal^etib beantwortet, unb jtoar beft^alb, toeil 

auc§ bad pofittoe Siedet feine Harmonie unb ©in^eit ^ot, bal^er ein 

,,®9ftem" ju büben öermog; unb ttjeil femer anä) ba^ <)ofitiöe 

^edfi, jeine ®runbe ^at, burd^ njetci^e e^ an^ bem SRaturred^t ^er* 

geleitet trerben fann unb mu|. S)tefe ®rünbc finb enttoeber moraltfd^e 

ober politifc^ ober l^tftorifdie. SKoroIifd^e: tüelci^e üon ber ©iltigfeit 

^erf tammen , bü^er innerlid^ finb, bei toetd^en ba^ ^äbifat burd^ 

beit ©egrtff be^ ©ubjeft^ beftimmt toirb; fotc^e ®rfinbe finb e^, 

toetef^c ba^ pofittDe 3iec^t öeranlaff en , ©ä|e be^ 9iaturred|tö unöer^ 

änbert herüber ju nehmen. ^oUtifd^e: toeld^e oon ben für baö 3^*= 

fammenteben ber 3Kenf(f>en im Staat (in jebent ober in biefem be= 

fonbercn ©taat) majggebenben 9iüdfi(^ten ^erftammen , ba^er t)on 

üugen ^tnjutreten, aber in p^ilofoptjifc^ berechtigter 3Beife; foldje ®rünbe 

finb eö, toelc^e ba^ pofttiöe Siedet in p^itofop^ifdfi beredjtigter SBeife bc= 

ftimmen, t)om 9iaturred^te abzuweichen, ^iftorifc^e: jufäUige äußere 

Säemeggrunbe he^ ®efe|geber^; ioel^ ebenfato ju Sfbweid^ungen t)om 

Siaturrec^t führen, aber nur ate t^atfäct|üd^e SJoraui^fe^ungen t|in= 

june^men finb, o^ne i^rerfeit^ toieber öegrünbung im Softem ju 

finbcn. Sluf folgen ®runben berut)t jeber 3iecf)tfa^, fei e^ unmittelbar, 

fei ed mittelbar, inbem fid| anberc Siecfit^fäße ate 3^M^<^^9'i^i>^ 

ber Äctte ^injugef eUen ; biefe ^^if^^^flK^^^^ fi^ ^^^^ i^rerfeitg 

tuieber ©rünbe, rationes legale^, für baö, waö ftc^ weiter anreil^t. 

3n ber äuffinbung ber rationes legales wirb ein erfahrener 3urift 

metjr ©törfe befi^en afe ein ^ßl^ilofo^)^. 

gür bie ?(nwenbung ber Sffiotf'fd^en ÜKetl^obe auf ba^ SRectit wirb 
bemnac^ folgenbeg ®erfaf|ren üorgefd^rieben. Qnex^t finb bie S3e^ 
ftimmungen beö SRec^t^ in Mare ^ropofitionen aufjulöfen, fo bafe in 
jeber ^ro^jofition Don einem ©ubjeft (baö ift bie 9tect|ti^Iage , ber 
t^tfäc^Iirfie gaO) etwa^ öeftimmte^ (ba^ ift bie SReditöbeftimmung 
ober Siecf^t^beOanblung , bie ^ier 5|JIa^ gteift) auögefagt wirb, ©o- 
bann finb bie ®rünbe biefer 5ßropofitionen ju fud^en unb atö 5ßrin= 
cipien ber Uebereinftimmung ober Abweichung mit ober üon bem 
Slaturrec^te (welc^e^ aU feftfte^enb üorauögefe^t werben mu§) ju 
formuliren. ®rft bann finb au^ biefen 3)iaterialicn mftgüc^ft „fruc^t^ 
bare" (ba^ ift ju möglid^ft jal^Ireidien golgefä^cn beweiöfräftige) 
Definitionen ju abftra^iren. Unb nun enbticf) finb alle biefe ©äge 
in logifd^e Drbnung ju bringen: wie man auö ben einjelnen ^ßro- 
t)ofitionen t^re ®rünbe, aug biefen bie ^rinctpien unb S)efittitionen 

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200 @e(^fte« jtapitel. 

gefunbcn f)ai, fo finb jc^t rüdteärtö au^ leiteten burrf) Sfettcnfc^lüffe 
bte eiitjelnen 5ßropoftttoncn l^etjutciten. Auf bicfe 3Betfe liegt fc^Kcfeüd) 
ein fertiget ©Aftern Dor, ttjetd^e^ ben 9hi^en bietet, bafe über bai^ 
pofitiüe SReci^t feiitcrlei Stoti^d mel^r befielen fonn, ba ja je^t Äüee 
p^itofop^ifd^ flar gelegt ift. — SBefonber« ba^ 9*ömifrf)e SRed|t be^ 
treffenb bemerft SBoIf, ba| ju )oIrf)en Stoeden feine Sted^t^ffi^e in 
^ropofitionen aufeulöfen leicht fei; bie meiften feiner 3)efinitiünen 
feien unbraud^bar ; bie Segal^Drbnung muffe man felbftüerftönblid) 
preisgeben; ba biefe fortttJö^renb in froheren 3;itetn ©egriffe erwähne, 
ttjeld^e erft in fpäteren erflärt ttjerben. SBoHe man tro^bem an i^r 
feft^alten, fo bleibe nichts übrig, ofö eine „Isagoge" üoraufjufc^iden, 
in njeld^er alle ttjefentlid^en Segriffe öorttjeg beftimmt ttjürben, unb 
auf biefe fpäter ftetig ju öerttjeifen, fo oft bie Segal^Drbnung einen 
in i^r felbft noc^ nid)t be^anbelten Segrtff oorauSfe^e. Seboc^ fei 
bieg SSerfa^ren ein ^äfelic^er 9iotbef|elf. — änberS natürli^, wenn 
eö fic^ blo« um metfjobifci^e 2)arftellung eined einjetnen 3;itete ober 
einer einzelnen SKaterie l|anbelt. §ier fann man rul^ig alle moglic^n, 
nid|t grabe ^ier^er geljörigen ^rincipien afe bereite gegeben anbere* 
ttjo^er affumiren unb fo über bie Süden ]^intt>egfommen. — 3BilI 
man bei aQebem aud^ neue SRed^töfä^e auffinben, fo finb freiließ nod> 
bie Siegeln einer tpeit fc^wierigeren Äunft ju beadjten; biefe ars in- 
veniendi gef)6rt aber nid^t ^iertjer. 

3m Srgebniffe nähert fid^ biefe SD?ett|obe boc^ fc^r berjcnigen 
bed .^einecciuö; tt)ie fte benn beibe bemfelben Sbeenfreife entftammen: 
ber rationaliftifc^en annähme, bafe eine mat^ematifd^ ft^re ©nttoidlung 
ber 9ied)tig)äfte möglid^ fei; bafe man baju burd) ein fd^ablonen^aftce 
3Serfa^ren gelangen fönne; unb baß babei bie Unterorbnung ber 
SRed)tSfä^e untereinanber jugleid^ il^re innere SBegrünbung burc^einanber 
erfc^lie|en muffe. S3eibe äWet^oben fommen benn aud| barm überein, 
bafe fte bie eigentlich juriftifdie Slrbeit, el^e fie einfegen, aU gefc^e^cn 
fc^on annel^men; bal)er brängen fie biefe in ben ^intergrunb, jjc= 
toiffermaften üom 2;ageSlid)te njeg, unb bringen fie fo in ®efa^r, ju 
t)erfümmern. SBolf überragt ben ^einecciuö burdi bie größere f^m- 
tieit ber §lufiJbilbung , rvk burd^ mächtigere ©runblegung; n^a^ bei 
^einecciuö blo« jur 9lnorbnung ber ©ä|e innertialb ber einjelnen 
litel bient, baS ift bei SBolf logifc^e ©runblage ber gefammtcn 
^iß^ilofop^ie. gerner aber bietet SBolf ben SSorjug, bafe er au^ 
brüdlid) ^eruor^ebt, bie 9icit)enfolge , in ttielc^er fd&lieftlid^ bie Sä^e 

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n. ffiolf. 2) 9?aturre*t. 201 

ieineö ©^ftcmg erfd^cmcn, fei j^eitlic^ bic umgefcl^rte il^rcr ©eiüinnuitg 
ieitenö beg ©Aftern *@r6auerö. S)ie ®efa^r ber SScrtoedjfcIung, ate 
Ijobc er bic golgcfofee für pofitit) gültige aitjufeljen bcfe^atb, tticit 
fie and ben Cberfäfeen folgen, fecftcl^t borum für ben Sefer eine« nac^ 
5S?oIf gearbeiteten ©Aftern« nid^t toeniger, afe für ben fiefer ber 
.t>cinecciug'fcf)en 2e^r6ürf)er; tt)ol)I aber f(ätten burcfi biefe ?(uö= 
fü^rungen SBotfiS biejenigen, »eld^e fetbft naä) feiner SKettjobe 
arbeiteten, baüor gefiebert fein muffen, jemofö, tt)ie e« ^einecciui^ 
leicht begegnet, in ä^nliclje SSerttjec^felungen j" herfallen. ®egen 
btefc SSotjfige ^at bie SBoff'f^e 9Ket^obe nur ben einen, aber ent= 
fc^eibenben Siad^t^eil pebantifd^er ©d^merf älligfeit ; tt)atfä^Iid^ üermag 
^einecriug gegen fie jum ©ci^u^e feiner eigenen toeiter nic^tö, aU 
biefcn ?ßunft anjufül^ren; ber @intt)urf, baft bie ganje §luffaffung, 
üon welcher SBoIf audgel^t, grunbfalfci^, baö S^^^f ^o^ ^^ anftrebt, 
unerreichbar ift, ttjürbe ben S^tinecciu^ felbft ebenfo getroffen l^aben. 
Die ajiomatifd^e SD?et^obe öer^ält fid^ ju ber mat^ematifd^^^bemon* 
ftratiüen lebiglid^, ttjie bad rt)etorifd|= elegante, ober aud) leicht ab^ 
njegige Sntlj^mem ju bent umftfinbtid^en, fidler enttüicfelten ©^Qogi^muig. 
3Btü man eine bered^tigte ©eite aller biefer niett)oboIogifc^en ©trebungen 
fuc^en, fo mag fie gefunben ttjerben in ber fonftruftiöen ?(rbeit, ttielc^e 
t^otfäc^Ii^ babei geleiftet tourbe; ber ^luögang^punft beffen, \m^ 
roir juriftifc^ ftonftruftion nennen, ift mol^f ^ier ju fud^en. 

SBoIf felbft l^at feine SBet^obe auf mehrere S3eifpiele angettienbet, 
auf ^Begriffe bei^ 9iömifd|en, fanonifct)en unb Sel^nredfit«, ja felbft 
auf einen gangen Snftitutionentitel ; bie pofitioe ®riinblage ift oon 
i^m in f olc^en göHen ftet« auf'ig ©orgfältigfte gema^rt ttjorben. "Um- 
fü^rungen in größerem SRaftftabe l^at er feinen ©c^ülern überlaffen. 
Seire »eitere S^ätigfeit liefert bie SnttoidEIung beö flierju not^njenbig 
erfoiberli^en, bid^er bloö t)orauögefe^ten 5Raturrec^tö. 

2) 3)ie ©runblegung erfolgte in bem erften 93anb ber Philo- 
sophia universalis, 1738. SJaran fd^Iiejsen fic^ bie ac^t f^loeren 
Öänbe beö Jus naturae methodo scientifica pertractatum, 
1740 — 1748; ein neunter S9anb über baö Jus gentium, 1749; unb 
eine gang furje 3iifommenftenung be« 3n^oIt3 biefer neun öönbe, 
Instdtutiones juris naturae et gentium, 1750. 

^ur SBolf ift bai8 3?aturredf|t bie SBiffenfd^aft Don ben guten 
unb fc^Ied^ten öanblungen. @rfd)eint bie« oom juriftifd^en ©tanb= 

punfte auö junäc^ft atö SRüdfd^ritt gegen 3;^omafiug, fo fe^lt boc^ 

« 

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202 Scd^ftc« Äapitel. 

anbetet jett^ nid|t ein jutiftifd^ bebeutfamet gottfc^titt: SWit DoUcr 
©ntfdiieben^eit ift ju @tunbe gelegt iinb auf alle %f)ciie be^ Siecht« 
butd^gefü^tt bet ©afe, bafe Siechte ftetö nut an^ ?ßflic^ten folgen. 
3)te 5ßfli^t ift baö ®tfte unb bag ^aiHJtfäc^Iic^fte ; jum ©cgtiff b» 
Siec^t^ gelangt 3Bolf etft butc^ ben Segtiff bet ^ßflid^t, inbem er 
fc^üefet, e^ muffe jebem aUe^ baö an SRec^ten juftel^en, beffcn er 
bcnötf|igt, um feinen ^fltd^ten na^Iommen ju lönnen. @^ bebatf faura 
be^ ^inttjeifeö batauf, toie biefe Se^te in bet 9tec^td^ unb ©toatö- 
t)etn)altung gtiebtici^'g beö ©tofeen unmittelbat ptaftifc^ gctoorben 
ift; liefett fie un^ bod) Ijeute nod^ bie ©tunblage jutiftifc^t wie 
motatifc^et Sluffaffung. gut alte aJienfd^en fämmtlid^e ^flic^ten unb 
Steckte bi^ in bie fteinfte Sinjel^eit l^inab auö bem obetften ^rincip 
in ftteng bemonfttatiöet 3J?ett)obe ju entmicfeln, njat nun abet bie 
3tufgabe, roelcf)e SBoIf'^ 9?atuttecf)t fic^ fe^te; baf)^x bet gewaltige 
Umfang beffelben, üon bem et felbft fe^t njo^I n^ei^, bafe er ine( 
fadien Stnftofe ettegen mufe; abet immet tüiebet, in bet Soncbe 
eineö jeben bet 3al^t ffit Sal^t etfc^einenbcn Sänbe, ijetftc^t er mh 
cjleic^et 9tu^e unb SBütbe, biefet Umfang fei not^tpenbig, um ein 
l^oüftänbige^ SWatuttec^t ju geben, ja, n>enn man bebenfen rpolle, baß er 
alle 3^eige beö 9ied)t^ in if|tem ganjen matetiellen Sn^alt be^anbele, 
fo njetbe man nid^t einmal öon befonbetet ^Äuöbe^nung teben bütfen. 
Unb SBolf l^at mit biefet feinet ©etbftüett^eibigung toitflid) 
nic^t fo Untec^t. S^atfäd^tid^ finbet bie ^ebantifd)e öteite ein 
(äegengemidjt in bet SSoUftänbigfeit unb geintieit bet ©injel^eiten. 
SBet fid^ blo^ begnügt, ben Slu^jug, bie Institutiones, in bie ^anb 
JU nel(men, etlangt üon biefem 9?etbienfte äSoIf'ö feine SBotftellung. 
2)et Sutift bagegen, bet fid) entfdjliefet, in bem ^au))tU)etfe felbft p 
tefen, mitb übettafc^t fein üon bet tiefen 9ied|t^fcnntniB, üon bem 
feinen jutiftifc^en ©efü^l unb uon bet befonbeten Slufmetffamfeit für 
ciöiliftifd^e aScrfd^tingungen. §ietin übetttifft SBolf nic^t nut ^ufen- 
botf, fonbetn felbft jal^lteidie Sutiften, bie fid| um bai^ 9iaturred)t 
bemüht tjaben. SBie tüeiß et 5. ®. Slbroeid^ungen beö natütlidK» 
Dom Stömifd^en 9ted)t, ino et fie ptincipieU auff teilt, in bie feinften 
(Sinjelt)eiten ju uetfolgen ! SBie geijt et bei jebet Siebte immet wiebcr 
ein auf bie SBitfungen öon 3tttt)um, S^etfügung^unfii^igfeit, Jln 
fptüdjen Stittet, (Segenanfptüc^en allet 9ltt! (^teilid) berüt)tt unc- 
eigen, tüenn bae ?tatutted^t t)anbelt uon ttaffitten Söedjfetn, Sotterie, 
SJobmetei, Äujcn unb betglcidjen me^t; etft ted|t, tüenn eö äätjc 



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n. ©olf. 2) ««aturrc^t. 203 

erflibt, tt>ie bie, ba^ ©diwören in bic ©eelc cinci^ anbeten fei bcnfbar, 
ber ^Quf auf ^robe enthalte eine Sebingung, eine ^fanbfac^ l^afte bem 
^fanbglaubtger aud^ megen n^eiterer S(nfprüc^e, aU um berenttotUen 
fie oerpfänbet ift; aber eben biefe^ ©ingel^en in alte pofitiöen Sßormen 
gibt 933oIf ©elegen^eit, auf bie juriftifd^en Äunftauöbrüde unb ©egriffe 
feine fc^arfe 9Ketl^obe bc^ S)efiniren^ anjun>enbcn unb bamit für ben 
Suriftcn ctne?trbeit ju leiften, meldte bicfer für baöJRömifd^Suftinianifd^ 
Siecht oft unmittelbar benu^en fann. S)enn biefeö ^errfc^t bei SBoIf 
t)or: bem beutfc^en 9{ed^t gegenüber fielet er faft burc^meg auf bem 
Stanbpunfte bed fieibni^, ber e^, aU einer übern>unbencn Äulturftufe 
ungehörig, jurüdtDeift. 3Bo germantftifd^e 9ied)tdüber}eugungen bei 
3BoIf burc^brec^n, finb fie t)on ber ^errfd^enben ^raji^ t^m 
jugefommen; beutfd^e OueUen fd^int er nid)t in ben 5h:ei^ feiner 
Stubien gejogen ju ^aben. 

5D?it berfelben 3?oIlftänbigfeit, mie bie $ßflic^ten unb Siechte be^ 

(Jitiäetnen, toerben biejenigen be^ Staate^ be^anbelt: ^ier ift befannt? 

iid) fc^on bie 9flebe tion ®efunbt)eit^ unb SBotilfa^rt^pflege, üon ber 

^^ic^t für Jlrbeiti^gelegen^eit unb für 9SoItebitbung ju forgen, aud) 

uon ber J^ö^^^^^^^Ö ^^ 3Biffenf^aftcn , mätirenb freiließ bie fünfte 

rec^t fc^Iec^t megfommen. Sefeteresi ift ein Srgebnife beffelben Utilitarid* 

mu^, tt)eld)er in ber ©^e blo^ eine ?lnftalt jur Äinberjeugung unb 

ftinbererjie^nng erbücft; befe^alb braudite bie (£^e eigenttid) nur fo 

lange ju bcfte^en, n)ie für bic gemeinf ame Äinbererjiel^ung nott)menbig ; 

eine tinberlofe 6^e fann fteti^ mit-ßeic^tigfeit gefc^ieben merben. 3)ie 

i£^e aber, n>ie alle Serpttniffe jnjifd^en aKenfc^en, tüirb fc^Uefelid^ 

unbebingt bc^errfc^t burd) ben i^ertrag, unter bem fie ju Stanbe 

gefommen ift. 2)ie gerabe für 2Öolf fo naf)e liegenbe J^^age, ob 

benn ber 9Jienfc^ ju aQem 9ÄögIic^en fic^, o^ne Stürffidjt auf feine 

"^flic^ten ai^ SRenfc^, burd) SJertrag üerbinblic^ ma^en fann, toirb 

nirgenbmo aufgeworfen. Unb fo fül^rt benn ber ©taatfiJüertrag ju 

einer Untenverfung be^ (Sinjelnen unter baiJ öanje, weldie alle 

Snbioibualität ju ©unften beö 0efammtn)of)te preisJgibt; erfennt 

boc^ SSolf ebenfo ben Sflaüereiüertrag jn)ifd)en ^^riuaten aU gültig 

üi\. SBie burd} biefe S^ermittclung auig ben aufflärerifdien ^^rämiffen 

tjon ©leid^^eit aller angeborenen 9ied|te unb üon natürlicher gi^^i^cit 

aller ÜRenfdien bie abfolutiftifc^ften Sonfequenäen gebogen tüerben, 

ift id|on oft gejeigt iporben ; auf biefem 3Sege tbtn n^irb 353o(f äum 

^^ftematifer ber aufgeflärt wol)ln)ollenben 2)ciäpotie. 



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204 ®e(^fteS Itapiitl 

S)amit tft juglctc^ her ?ßunft gegeben, öon tüelc^em ob bie 
beutfc^e äufflärunfl im Siaturred^t, welche btöl^er mit ^fenborf iinb 
5^]^omaftuö entfd^ieben bie ©pi^e ber ©uropäifd^cn öetpegung be= 
Rauptet ^atte, feit ettpo bem jtoeiten S)rittcl be« So^tl^unbert« ftocft 
unb jurüdbleibt. Gegenüber ben 9Ser^äItntffen im fatt)otifcl^en @üb^ 
beutfc^Ianb mochte SBoIf ate üufHärerifc^eö Clement bort eiitmirfcn; 
an jenem SWafeftabe gemeffen bejeidjnet er el^er einen SRfidffc^ritt, wie 
am florften im ©trafred^t l^eröortritt. S)a o^ye jebc SRütffidit auf 
ben Stnjielnen im SBolf'fd^en ©taate STÜeö SRed^t ift, ttia§ jur 
Sriangung ber allgemeinen JRu^e unb ©ic^erf)ett 3lotf) t^ut, fo 
rid^tet fid^ bie ip5I|e ber ©träfe nid^t nac^ ber ©c^ttjere be^ Unrecht«, 
fonbern lebiglid) nac^ bem JRepreffton^^Sebürfnife. J)amtt werben 
bie graufamften ©trafmittel, unter Umftfinben J^otter unb SBermogen«^ 
einjie^ung, gered^tfertigt. SBon SRüdfid^t auf menfc^It^ SBe^onblung 
ift feine Ütebe. S)er l^arte ®eift biefe^ ©trafred^tö jeigt fid^ barin, 
bafe bie unleugbar befferen ©nfirf)ten, i, 95. auf ben ®ebieten ber 
3m<)utationöIe]^re unb ber SRotl^toe^r, lebiglic^ tJ^eoretifd) vorgetragen 
njerben, njö^renb ber SRudEfd^ritt alle praftifd^ entfc^eibenben ^nfte 
be^errfd^t: wirb bod^ bie ftrengfte ©träfe ber ®otte«Ififterung aufre(^t 
ermatten, wäl^renb man umfonft fud^t nad^ einer beftimmten ©rRönrng 
gegen 3ouberei unb ^ejenprojefe. 

S)aö Äirrfienrec^t Wirb, gonj im ©innc ber ipallifd^en ©c^ule, 
lebiglic^ im ^"iommen^ang ber ftaat^firc^enrec^tlic^en gragcn b^ 
Ijanbeft. 3)aö jus circa sacra beö ©taateö wirb nid^t nur auf bie 
?lbiap^ora, fonbern felbft auf jebe Äeufeerung reügiofer SKeinunfl 
aui8gebct)nt , ba ber ©taat bie SRoral unb JReligiofität feiner SBürger 
p förbern berufen ift ; f aum, bafe ber innere (Staube ate unerjwing^ 
bar bem 3nbioibuum freibleibt. Qn bem jus circa sacra gebort 
Stnftellung öon 95eamten, welche bie ^Religion ju lehren ^aben, unb 
Jeflfteüung beffen, toa^ biefe al§ SRefigion letjren foÜen. 6ine über= 
rafc^enbe Serücffic^tigung be^ fatl^olifc^en ©tanbpunfteö gewinnt bann 
aber neben folgen proteftantifd^en ®runbfä^en plö^lic^ 3BoIf baburc^, 
bafe nad) feiner Se^re aucf| potentielle 2^f)eihmg ber 2Rajeftät^9Je(^te 
^wifc^en üerfc^iebenen ©ubjeften m5glid^ ift; möglid^ bemnac^, baft 
bad 9?oIf eben baö jus circa sacra im Unterwerfung^9?ertrage t)on 
ben übrigen §errfc^aftö=9led^ten loeitrennt unb entweber fic^ referuirt 
ober einem anberen al« bem wettüd)en $)errfc^er (lied: bem ^apft) 
übertrögt. ®urd) biefe SBcnbung ^at bie SBoIffd^e 3;i|eorie bie 

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II. SBoIf. 2) ^iaturrecftt. 206 

Wögltd^fett getoonnen, über baiS proteftantifc^e ^tnaud in ba^ fat^olifc^ 
"Deutfd^Ianb üorjubringen unb bicfcm i^r äRafe p^Uofop^ifd^^ratio^ 
itoltftijc^ Äufflärung ju übcrmittelit. 

9Bic noc^ bcn Slu^fü^rungen früherer ©d^riften ju ertoortcn, ift 
ein befonberer äbfc^nitt getpibmet ber fiel^re Don ber Verleitung besJ 
Politiken auä bem natürlid^en SRed^t. 3m SBefcntUd^en 6emüt)t SBolf 
ftc^ ^icr, für bie SRüdfic^en ber ^^Joütif mögti^ft freien 9flaum ben 
Geboten unb SSerboten bed SRaturrec^tö Qbjugen)innen. 9tudge^en 
freiließ fott ber ®efe|geber ftetö üon biefen; xotx folfd^e naturrec^t* 
üdfc ^(nfd^uungen l^at, toirb burd^ biefelben aud^ ju falfd^n dted^td^ 
normen beftimmt n)erben. S^amit geloinnt man jugleid^ bad Ittiterium, 
lun JU entfc^iben, n)eld^ed t)on mel^reren tl^atfdc^Ud^ üor^anbenen 
pofitiDcn SRec^ten baö beffere ift: offenbar ba^jenige, »elc^ed am 
forrcftcftcn (b. f). nad) ben Siegeln biefe^ äbfd^nitte^) au^ bem for* 
reftcftcn (b. 1^. au^ bem SBoIffd^n) Siaturred^t hergeleitet ift. 5ßon 
biefcm ©efid^t^punfte aud betrad^tet, ^ält nic^t einmal ba^ JRömifdie 
^ec^t überall ®txd), bürfte aber bod^ unter ben bi^^er befte^enben 
Steckten ate bad bcfte erfd^einen. 

S)ad ©^ftem be^ SBoIf'fc^en SRaturred^t^ folgt in ber ^auptfad^e 
^fenborf. 83on ben angeborenen 5ßflic^ten unb Siedeten bed ©in- 
feinen gegen ftcf| fetbft, gegen SKitmenf^n unb gegen ®ott fd^reitet 
€0 fort JU ben ertoorbenen, namentUd^ Sigent^um unb Obligation; 
oon ba ju ben ^flic^ten unb Siedeten in ben 93erbinbungen mehrerer 
3)Zenfc^n, @^e, Äinbfd^oft (barunter aud| bie ganje ©rbf^aftöle^re), 
©Haöerei, ^aud, ©taat. 3^if^^^^ §au^ unb ©taat fennt e^ feinen 
felbftänbigen SSerbanb, (Semeinben unb 5ßrot)injen finb il|m nur 
Staatöanflalten unb ä3ern)a(tungdeintl^eilungen. SSom Staate and 
flc^t frfiliefetid^ 3BoIf öor ju einer ®efellfd^aft aller ©taoten unb 
SSöIfer, toetd^e jtoifd^en biefen o^ne SRüdfic^t auf i^ren SBiüen, öon 
fclbft, naturrei^tüd^ beftel^t, benn njie jeber ©njel^^SÄenfd^, fo ift 
auc^ jeber ©taat üerpfKd^tet, jum Seften be^ ®anjen ju njirfen. 
^a^ in biefcr ©efeUfd^aft fraft biefer SSerpfliditung gcltenbe SRed^t 
ift bad allgemein not^n^enbige 935I!errecf)t; jus gentium necessarium. 
Da^ SRe^t, toetd^ fid^ biefe ©efeüfd^aft aller Staaten aufeerbem 
no(^ jetbft, toie jebe anbere ®efellfcf|üft, auö bem jus gentium 
necessarium ableitet unb fe^t, ift ba^ allgemeine toiHfürlid^e 3?6lfer=^ 
rec^, jus gentium voluntarium. S5iefc beiben ?lrten jufammen 
bilbcn bad allgemeine SSölferrec^t; fomeit aufeerbem jn^ifdien einjelnen 

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206 @e4fte« Stapütl 

SSöttcrn SSerträge ober Uebungen etnw^ ©efonbcrcig Wtf^^cn — jus 
gentium pacticium ober consuetudinarium — gel^ört bieg ntcf)t 
in'^ SßoKerred^t, ebenf otücnig , tüie bie einjelncn öertrogiämafeigcn 
3flect|tigDer^äItntffe jnjtfdien ^riDaten in'g 5ßrit)atre(^t. — 3n biefcr 
großartigen Äottftruftion unb fd^arfen ©onberung tuirb mit Siecht 
aÜfeitig eine görberung biefeS Stot\q;e§ ber Stec^töioiffenfd^ft erbKrft. 
3!)ie „civitas gentium maxima", mag fie nod^ fo fc^r blo^ burcft 
bie bcmonftratioc äRetljobe abftraft gewonnene fjiftion fein, fü^rt boc^ 
^^^f 9^9^^ ^ufcnborf toieber ein befonbere^, oom übrigen SWatur^ 
reifte lo^gel&fteö SBötterreci^t au^jngeftalten; fie fe^t biefem SSölfer- 
red^t bebcutenbe Slufgaben unb l^umane Siek; fie fafet namentfit^ 
auc^ bie frieblii^en, fulturförbembcn SBcjiel^ungett ber SSötter in'^ 
Sluge ; unb fie befeitigt oon fetbft bie burd^ ©rotiuS üblic^ geworbene, 
irreffi^renbe ©int^eilung in ein Ärieg^= unb grieben^öölferrec^t, um 
ftatt berfelben biejenige in ein materielle^ unb formelleg SSoIfcrret^t 
nal^e ju legen. 

lU. (Sleid^jeitig mit bem eIegant=tro(fenen Sl^eoretifer ^einecciu^ 
unb mit bem pl^ilofop^ifc^en Se^rmeifter SBoIf mirftc einer ber geift= 
reic^ften 5ßroftifer ber beutfc^en 9ied^t«toiffenfcl^aft. 

1) ?tuguftin Se^fer ift geboren ju SBittenberg 18. Cftober 
1683; oöterlid^erfeit« au^ einem alten ^rofefforen^ef^Ied^t, mutter* 
licfierfeit^ ate Snfel be^ ffic^fifdien ©e^eimratl^ö ?Iuguftin öon ©trau(^. 
3n (3otf)a unter be^ angefe^enen ?ßäbagogen SSodferot^ fieitung öor^ 
gebitbet, bejog er bereite 1699 bie Uniocrfität SSittenbcrg, too er 
fünf Sa^re ^auptfftrf|nd| unter SBerger ftubirte; eine geleierte 9iei?e 
führte i^n über §aUe, ^ottanb, ©nglanb, SCBeglar, 9?egenigburg unb 
SBien, fobann über bie ?npen big ing g^lblager beö ^injen ßugen 
oor SSerona. 3)iefe große Steife ift für il|n Don t|ert}orragenbeni 
SBert^e getoefen, nid^t nur burc^ ben Qxtotxb toeltmännifc^r unb 
literarifd^er Silbung, fonbern aurf| toegen ber babei getl^anen Sin* 
blicfe in ben ©ijarafter ber oerfdiiebeneit SSöIfer unb fiänber, @in^ 
fiepten, ttjeldfie er fjjäter ju juriftifc^en (Srflarungen ^eranjujie^en 
tDoi)l oerftanben l^at. Oft unb gerne fommt er auf feine SleitV 
erfat)rungen jurücf; auölänbifc^en Sitaten, namcntlid^ SScrfen, 6e^ 
gegnen mir bei it)m in SRitte fac^mäßiger S)ebuftionen ; über bie engen 
©dfjranfen jünftiger beutfrf)er ©cle^rfamfeit marf)t er fic^ ^öufig luftig, 
über ängfttic^ 93anaufent^um ber 5ßrofefforen fotool^t wie über 

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m. fie^fer. 1) ßcben. 207 

rot)€d Äncipenlebcn ber ©tubtrcnben. Unanne^müd^fctten. aber, 
VDeldfe i^m ou^ fold^n Sleuftcrungcn üictfad^ ju entfielen brol^teti, 
loufetc er bod^ ftct« lieber burc^ persönliche« ©ntgcgenfommen unb 
biirc^ licbcnötDÜrbtge geinficit im ÄVimc ju erftidfen. 

3m 3o^re 1707 finben mir Se^fer lieber in SBittenberg atö 
auBcrorbentüc^en ^rofcffor ber SRed^te. 3)ie ^ert)orrQgenben Gräfte 
be« Streif ed, in melden er bamit trat — ©erger, ipom, SBem^er, 
'^etjer, ©ribncr — t|Ot er felbft mit fiebeüotter unb feiner ©l^araf* 
teriftif gef^ilbert; 1708 ttjurbe er Seifiger ber gafultät, 1709 3)oftor 
ber aUcdjte. 5m Sotjre 1712 tourbe er nac^ ^elmftöbt berufen unb 
bort längere ßtit burc^ befonbere ?luöäeic^nung gcfeffelt. "äU jeboc^, 
fterabe toäl^renb unerfreulid^e 3^if^^"fäö^ h^ ipelmftäbt brol^ten, 
1729 bie äufforberung an it)n gelangte, nad^ SBfttenberg ,ate Siad^- 
fo(ger aB3emf|erd (ber nac^ SBien ging) jurudjufe^ren, mujjte bie 
ticine braunfdf|toeigifd^c Uniöerfität mit i^en unerfreuli^n unb un^ 
üerbefferlid^n ftubentijcf|en 55er^ältniffen jurüdtftel^en. 2et)fer über*' 
na^m SWic^aelt« 1729 ju SBittenberg bie ©tetten be« Drbinariu«, 
Xircftor^ beö geiftli^en Sonfiftoriumö, erften Seifiger« am §of^ 
gerid^e unb am ©rf)öppenftu^le; unb l)at biefelben üerfctien bi« ju 
feinem "Jobe, 3. SKai 1752. 

Sc^fer trug ju SBittenberg feinen Sul^bxtxn bie SRed^t^toiffen^ 
)ifyiyt ganj öor, in einem Jturfu« Don ac^tjel^n SKonaten unb üon 
fünfse^n ©timben ttjöd^entlirf). 35abei be^anbefte er SRömifc^e« JRed^t 
nac^ bem Heinen ©trut), Siaturrec^t nad^ ?ßufenborf, Se^nred^t nac^ 
Str^f, fanonifcfieg SRedit nad^ ©c^ilter unb ©taat^red^t nad^ Srunne^^ 
mann; brei ©tunben tt)ödf|entlic^ tüaren ju praftifd^en Uebungen an* 
gefegt. @r entfc^utbigt ftc^, baft er, Don ?lmt«gefd^äften anberer 3(rt 
in Stnfprud^ genommen, ni^t mef|r Ie)e, namentlid) feine ^ßrioat- 
Sfeftionen übernehme; ttjer i^n pren tooHe, möge ftcf| bem rege^ 
madigen ®ang feiner SoUegien anfc^Iiefeen. 35er Sefud^ biefer tefeteren 
foü ftetiS ein ftarfer gen>efen fein; bem entfprec^enb befielen feine 
5rf|riften feit 1713 faft audfrf|ne|ü(f| au« planmäßig jum 9?u$en 
feiner Schüler auiggearbeiteten Disputationen, S)iffertationen unb 
^ogrommen ju folc^en. @ö finb i^rer über 270; fte erörtern 
burc^roeg im Stnfc^Iuffe an Urt^eile ber ©tfafterien, ttjeldjen er an^^ 
gehörte, aufgearbeitete ober cafuiftifd^ ausgebeutete Sinjelfälle. @r 
^t fie felbft, n)ie fie altmä^tidfi in ber ^Reihenfolge ber ^anbeften 
entftanben unb erfc^ienen, gefammelt unb fo baS 3ßerf fetneS SebenS 

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208 @e(^fteS Äapitel. 

gefc^affen, 6erüt(mt unter bcm ©ommeltttet ber Meditationes ad 
Pandectas, 11 »änbe 171^—1748. S)a biefen 11 ©önben fpäter 
ätoei ttjettcre mit ben urfprüngli^ felbftänbig erfc^ieneneu ©d^rtften 
Se^jer'^ auö ber 3^^* ^or 1713 betgefügt morben fitib, fo l^abeu 
lüir in jufammen breijel^n ©änben beö SSerfafferö fämmtlic^e SBerfe 
Dor unig. 

2) fie^fer'ö Sugcnbfc^riften geic^nen fic^ auö burd^ S^ifc^e bei& 
öeiftei^ unb burcfj fecfe SRüdEfti^töIoftgfeit, njeld^e bii^njeiten fd^arf 
abftic^t öon ben fpäteren, reoftionären ©rjeugniffen berfelben geber. 
(£ng jufammen gel^ören bte brei Slbl^anblungen de logomachiis in 
jure; de assentationibus ICtorom unb de variationibus et 
retractationibus ICtorum. 

S)ie erfte fjanbelt über SBortjönfereien, inbem fie beren SKac^* 
tijeile unb ?lnläffe au^etnanberfe^t. ®rfter SlnloJB, bie ©c^mS^fudit 
furjer §anb, meldie anä) §otmann unb beffen SWad^fotgern im Stampfe 
gegen baö Siömifc^e Siecht üorgenjorfen ttjirb, mag fd^on umgefe^rt 
bie Uebertreibung berjenigen nid^t minber ju tabeln fein, bie SlUeß 
im Corpus juris civilis öoHenbct finben n)onen. 3^^^*^^ Slnlafe, 
Jileinigfeitöfrämerei unb §arfpaUerei, um t^atfädilic^ unüerfö^nlid^e 
^panbeftenftellen mit ©eitialt augjugleic^en, unbenibare gäUe ju ent- 
fd^eiben, SSeralteteö iüieber ^eröorjuäietien. ^Dritter 9lnla6, baö 
^aften am 3Q3ort; ba^ ja bei ber ©efc^e^auölegung unüermeiblidö, 
aber eben barum nid^t ju übertreiben ift; l^ier erfahren befonberd 
bie ipoUanber 3;abet, njeld^e j. ©. in bie ridf|tige ©d^reibtpeife einec- 
(£igennameni8 aüeö Sntereffe Verlegen ober ben 3Bertf| juriftifc^er 
58üc^er nur nac^ ber SReinl^eit i^reö lateinifd^en ©tljfe beurt^eilen; 
aber aud^ bie 3iang= unb Xitetftreitigfeiten an $öfen unb am 9ieic^= 
tag tDerben l^ierl^er gejogen. ©nblid) üierter Slnlafe, baö SRifeüerftänb* 
nife im 3Bort; mä^renb man in ber ®aä)e einig ift: tüie oft miber= 
fprid^t ber eine bloö, meil er an ber JIuöbrudEsmeife beö anberen 
?Inftofe nimmt; ttield^e biefer feiuerfeitö tt)ot)l tüieber etmad paraboj 
getoäl^tt ^aben mag. ©o bei ben ©treitigfeiten über bie 9Äajeftät, 
über baö 2Kenfd)en unb 2;i^ieren gemeinfame natürliche SRedit, über 
bie 2lrten ber binglic^en SRed^te, namentlid^ aber bei ber (Sntrüftung 
gegen bie oon ©eöerinuö be SRonjambano gewählte S5ejeid|nung 
ber beutfc^en SSerfaffung alö einer monftröfen — toomit ^fenborf 
bod^ blo^ fagen toitt, n^a^ JlUe fagen, ba§ fie nämlic^ eine unregel- 
mäßige fei. äud^ baj5 bie SSölfcr öerätueifett an bem aSäorte „^rei^eit" 

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in. ßc^fcr. 2) ©d^riften. 209 

fcftl^alten, bie ©ad^c billig pretögeben, toeift Se^fer bereite in biefem 
3ufamnient)ange ju melbcn. 

Siebcbienercten ' (assentationes) fotnmcn toor bei S^l^eologen, 
9icbnern, ©id^tem, ^iftorifem, ipöfKngeti, Stcrjtcit; ^^iIofopf)en unb 
felbft bei ©ot^rifem — wk foÜten fte bei ben Suriften ausbleiben? 
®S f)anbett fi^ babei tüeniger um ©ntgegenfommen gegen 5ßriüat* 
^erfonen — confuttirenbe 5ßarteien, grauen, (Smpfe^Iungen — afö 
t)ielmet|r um ©ntfc^eibun^en ju ©unften beö SonbeSfierm, fei eS 
fiSfalifd^r, fei eS ftaatöred^tlid^er Strt. @in enblofer Sfatalog in biefer 
9Kcf)tung ^äufig begangener Unbilligfeiten richtet ficfi namentlich gegen 
bie abfolutiftifd^e Siteratur, üon ipobbeS biö auf 2;^omafiuö; befonberö 
aber li^gt bem SSerfaffer am ^erjen, berjenigen fiel^re toon ben 
Domänen entgegenjutreten , toetd^e bel^auptet, njaS immer jemafe 
Domäne gen)efen fei, fönne ber gurft na^ nod^ fo langer Qtxt, tro| 
nod^ fo f^einbar reditSgültig barüber getroffener S)iöt)ofttion, ftetS 
toieber an fid^ jiel^en. 3n bem Siad^ttjeife ber gefc^i^tlid^en, natur* 
recfitlid^en unb ^jofitiüre^tlidfien §aIttofigfeit biefer 2)octritt, beren 
^uffommen bie ©id^erl^eit bcö gefommten 3mmobiIar*@igent]^umS 
erfc^ütterte, ift ber Äern biefer ©d^rift ju finben. 

SBeniger 2Kut^ get)5rte baju, öon ben gätten beS SWeinungS- 
njet^fete bti 9Je^tggeIet)rten ju ^anbetn. S)abei meibet Se^fer alte 
Uebertreibungen ; er jeigt fid^ burd^brungen baöon, njte fo oft bei 
^^ontrooerfen gemid^tige ©rünbe auf jeber ©eite Vorliegen; er ent* 
nimmt biefer "E^atfa^e fottio^l (Sntfd^ulbigung für ben, ber ©teßung 
lüe^felt, tüie für ben, ber im 3^^ifcl ftc^ ^^ ^errfd^enben SWeinung 
<infrf)liefet. S8ertt)erflid^ aber ift baS Stbnjeic^en öon frütjeren ©nt- 
fd^eibungen, n)enn eö gefc^iel)t auS ©orglofigfeit ober an^ 9?euerungS*= 
fuc^t ober ettoa auc^ auö ber jüngft auffommenben läd^erlic^en 
tßorliebe für baS S)eutfdf|e gegen bag äiömifd^e JRed^t. 

3n biefer ßeitfrage folgt ße^fer oollftänbig Serger gegen 
5£^omafiug. ©eine ©teHung über biefen 5ßunft gef)t am fd^ärfften 
^eroor aud jnjei S)iffertationen, weldje baS alte ©öc^fifd^e mit bem 
^bmif^en unb mit bem gegeurtärtigen SRed^t öergleid^en. S)ie erfte 
foQ bie ©d^attenfeiten, bie jmeite bie SSorjüge beS ©ad^fenred^tS auf:= 
^^ät|len. Umfangreid^ genug fällt ba baö SSerjeic^nife ber SRifeftänbe 
auö : Unflar^eit, Unorbnung, SSerUjirrung burd^ ©inmifdjung frember 
IRed^töelemente unb Unöollftänbigfeit im SlUgemeinen ; im iöefonberen 
IBerbot ber ®üterüeräufeerung o^ne Srbenlaub, abfurbe Formalitäten 

Sanb9iiero, ®r{Ai(^te ber bcutfc^en 9ie(^»n)iffntf(^aft. %fp. 14 

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210 ©f(^fte8 ^apxUL 

bcr 9iec^tdflefd)äfte unb ber ?ßrojeffe, unerträglid^e 95c»ci^*3;^eoric, 
©eftattung ber ©tgenmad^t, Häufung ber (£ibe, ^Betonung ber ©tanbe^- 
Unterfd^iebe, Slbfonberltd^fett ber SRedjtöfäfee über ®erabe, über 
gefunbene ©ac^en, über ©efal^rtragung unb über SBerfoIgbarfeit ber 
J^a^rni^ ; aüe^ bie^ toirb bem beutfc^en SRed^t jum geiler angered^net. 
dagegen tüeig Se^fer eigentltd) nur einen SSorjug beffetben ju nennen, 
feine ?[blel)nnng ber römifd^en ©ubtititäten bei ben fie^ren öon 
Servituten, SBerträgen unb 2ieftamenten. Siantentlict) inbem bo^ 
J)eutfd^e SRed)t oUe ernftl^aft genteinten 3Jerträge ate binbenb anerfennt, 
fomntt e^ ben Sebürfniffen be^ Siaturred^tö unb ber 93illigfeit 
entgegen. 

S)antit finb bie für fie^fer entfd^eibenben SBorte gefallen. 3^or 
t^eoretifd^ fic^t er ftet^-ffir bie Geltung beö SRömifc^en 9lec§t^; 
fd^liefelid^ aber, fo oft eg jur ©ntfc^eibung be^ einjelnen galtet 
fommt, ift i^nt nta§gebenb nur, ob ber anjunjenbenbe SRed^t^fa^ ju 
einem ©rgebniffe füt)rt, ba^ ben ©rforberniffen be^ Siaturred^t^ unb 
ber SöiÜigfeit entfpric^t. 3iid^t unbettju^termagen, mbem er etwa 
baö, ioag er nad^ SRaturrec^t billigt, atö Sn^alt be^ pofitiöen SRec^t^ 
nac^junjeifen njügte, fonbern in Dollfommen Harer J^enbenj gef)t er 
in ben ÜRebitationen ju ben ^ßanbcften barauf au3, ber SJiHigfeit 
über ba^ geschriebene 9ted^t jum ©iege ju üerl^elfen. „SBir loerben 
nac^ unferer ©enjol^n^eit ot)ne Söerücfftc^tigung ber Derfc^iebenen 
äReinungen bie ©ad^e nac^ ber SBilligfeit unb SRed^tö^Änalogie ent== 
fd^eiben". „3)iefe Sntfc^eibung ift im ©iüilrec^t nic^t begrünbet; 
aber fie ^at i^re Segrünbung erftenö in ber Silligfeit, jtoeiten^ in 
ber Söegünftigung ber @t)e." „28ir entfd^eiben unö ^ier gegen bie 
gemeine Se^re, burd^ ^öd^fte SiHigfeit bettjogen." „3)a^er mag eö 
unö aud^ nic^t ate (Jel)ler angered^net ttjerben, toenn njir biön)eilen 
bie ©ntfd^eibung einer 9?ed)t^frage ober Sontroöerfe ot)ne ©erüdf* 
ftd^tigung beö pofitiuen SRed^tö ber rid|tigen 5ßernunft entnel^men." 
Diefi^ finb ©ä^e, bie öe^fer birect auc^fpric^t; il)nen entfpred^en aber 
auc^ feine (Sntfd^eibungen im t)öd^ften 3Kafte. ©o geftattet er felbft 
bem Unterrid^ter, ber ©illigfeit falber bem ©rf)utbner ^ö^tungöfrtft 
JU geben ; er läßt, unter Jtbfd^affung ber ©ollennitäten, ein 3:eftament 
gelten, bei beffen ©rric^tung bloö grauen al^ B^wö^" äi^g^äogen 
ttjurben; ebenfo frei Derfäl^rt er gegenüber anberen görmlic^feiten 
ber $!eftamente, ber ©eruituten, be^ ?ßrojeffeö. 9Baö Släger in feinem 
Älagepetitum ju njenig geforbert t)at, l^eifet Se^fer ben SRic^ter ex 

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m. ße^fer. 2) ©tftriften. 211 

officio ergänjcn. @r ert)5^t einen contractmäfeig Beftimmten Sieferungg=^ 
prete, bamit Sieferant burd^ injttjifd^en eingetretene 5ßrei^fteigerung 
nid^t ruinirt tücrbe, toie er benn überhaupt in äße Sontracte bie 
Älaufel „rebus sie stantibus" I)tnetninterpretirt. ^ür bie 93e^anb* 
lung emeig in J^runlen^eit abgefd)Ioffenen SRed^tögefd^afte^ bejiel^t* er 
fic^ auf ^ufenborf, njie auf eine SRed^t^quelle, unb cntfc^eibet nac§ 
beffen SBorten. S)a jtüei Parteien megen einer geringfügigen ©ad^e 
— ©rric^tung einer ©eröitut — proäefftren unb er SWitleib mit 
i^nen »egen ber unöert)ältnt6mä§igen Soften unb fonftiger ?lergerniffe 
empfinbet, fo greift er burd^, legt ftc^ bie ©efugnife beö S^^eilungg^^ 
rid^terg bei unb öerurt^eilt beibe ©eiten, bie eine jur ©rrid^tung 
ber ©eröitut, bie anbere jur ^ö^tung einer ®elbfumme. 3n einem 
^rbfc^aftgprojefe fefet er, um ein öeiDei^Snterlocut mit enblofen 
SSerjögerungcn unb enbtofen Soften ben Parteien ju erfparen, ben 
SBertt) ber @r6fd)aft ex aequo et bono auf eine genjiffe ©umme 
feft. 2Ran fielet, bie ©ac^e näl^ert fid) bebenflic^ einem ©atomonifc^en 
SSerfal^ren. S)ie grofee Sunft unb gein^eit fie^ferg aber liegt barin, 
wie er foId)e Sluöfprüc^e mit bem befonnenen juriftifd^en Sßorge^en 
oereinbart, mie er feine fouöeräne grei^eit ju DoHer unb gerechter 
SBürbigung beö einjetnen ©ac^toerl)alteö üertoert^et. 2lu^ feinen 
Hugen unb furjen Paragraphen, tüie fie bie ©ac^Iage fnapp n)ieber= 
geben unb bie ttjefentlid^en ©ntfd^eibungögrünbe fd^arf l^erDorl^eben, 
toetit unö biötoeilen ein ®eift entgegen, njeld^er erinnert an benjenigen 
ier ä^nlic^ fouDerän entfd^eibenben Hafftfd|en, römifc^en 3uriften. 
®amit Derbinbet ftd), too eö Se^fer emftlid^ barauf anfommt, feineö 
SSerftönbnife ber DueUen tüie ber SRed^tögefd^id^te, unb enblid^ eine 
padenbe, bei aller Sürje literarifd^ jugefd^Iiffene ©prac^e. 2)e0l)atb 
ift biefe^ fafuiftifc^e SSäerf — toot|I eine red^t üereinjette ©rfc^einung 
unter feineögletd^en — nid^t blo^ jum 9?ad[)frf)tagen benu^bar, fonbem 
unmittelbar leöbar. Smmer ttjieber n?irb man burc^ ben ®eift unb 
burcf) geintieiten gefeffelt, immer n^ieber auc^ burc^ bie rüdffid^ti^lofe 
SeDorjugung ber ©iüigfeit toec^felttjeife juriftifcf) abgefto§en unb 
menfd^Iid^ angejogen. aSerföIjnenb toirft babei, bafe üeljfer fid^ ridE)tet 
nac^ ber ©illigleit be^ einjelnen gaüe^, toeit me^r afe nad^ ben 
allgemeinen Siegeln beö bamafö bod^ audE) fd^on ju einem feften 
©^ftem erftarrten S^iaturrec^tö ; eben in ber unterfd^eibenben SBürbigung 
unb tactt)onen ©enu^ung ber Sefonbertjeiten liegt fie^fer*^ 2Keifter== 
fc^aft. %ü bie^ aber beruht toieber barauf, bafe er fid^ über ^rincip 

14 • 

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212 St^^M StapiUl 

unb SScrfa^ren fo tiax tft. SBetfe er bod^ felbft unb fd^eut fid^ ntc^t 
eö au^juft>re^en, bafe e^ fid^ babet l^anbelt um eine ERoberid^tung 
in bemfelbcn ©inne, ttjie bte Xrad^ten ber ERenf^en ftc^ nod^ ber 
9Kobe rid^ten. 316er um eine SKd^tung, bie er billigt, bie er in feinem 
umfaffenben ßeben^toer! geübt l^at für alle 2^^^%^ ^^^ SRed^t^njiffen* 
fc^aft, fo toeit tüie biefe ftd^ bamafö nod^ an bie 5ßanbeften anlehnten, 
ba« tieigt für ba« ^riüatrei^t unb ben ©iöilprojefe, für.baiä ©trafred^t 
unb ben ©trafprojefe. 

gür bie ffriminaliftif ift bie§ einerfeitg befonberö barget^an, 
anbererfeitö geleugnet njorben, le^tereö öon bem ®efid)t^punfte auö, 
bafe fie^fer burd^aug nid^t, too er t)om ©efefeöred^te abtoeid^e, 
feinem fubjeftiöen ©iHigfeit^gefüt)! folge, fonbern einem jtoingenben 
©enjo^nl^eitöred^te. ©in fotd^eö ©emo^nl^eitgred^t mü^te bann aber 
bod^ erft nad^gemiefen »erben, unb ätoar anber^tool^er, afö auö 
Se^fer'^ ©d^riften felbft. 3Benn man aHerbingö ©erid^tögebraud^ unb 
(Settjo^n^eitörec^t ibentifijirt unb bann weiter ®erid^t8ge6raud^ auf 
neuefte einjelne Urt^eite grünbet, — bann freiließ l^atten eö bie 
beutfd^en Sied^tSgetel^rten früherer Sa^r^unberte leidet, fid^ auf @^ 
ttjo^n^eitigred^t ju berufen; in ben ©prud^^SoUegien, n)eld^en fie an^ 
gehörten, brandeten fte nur i^re Slnfid^ten pra!tifc^ burd^jufe^en, um 
fid^ bann ber fo gefällten Urt^eilc in il^ren lafuiftifd^en ©ammelmerfen 
ju bebienen. Sil^atfäd^Iic^ aber ^anbelte e^ ftd^ bod^, mod^te Se^fer 
Urtl^eile fallen ober gefällte Urt^eile literarifd^ öern)ertt|en, nur um 
bie gleid^e, über baö ®efe| betonet fic^ ^intoegfe^enbe fubjeftiöe aSillfür. 
3Bal)rfc^cinIid^ Ujirb bieiS bod) ttjol^l fd^on burd^ bie bi^t)er für boö 
^iöatred^t gegebenen Seift>iele, bireft beitjiefen burd^ bie oben an- 
gefütirten, auf ba^ ganje ^anbeltenred^t bejüglid^en prinjipielten 
2luöfprüd^e. Unb fo fe^tt e^ bcnn an fold^en ebenfo toenig in ben 
friminatiftifc^en Slbfc^nitten. ©etbft ba, too fie^fer für feine ftraf^^ 
red^tlid^en Sntfd^eibungen ben ©ud^ftaben be^ ©efe^eö in Slnfprud^ 
nehmen fönnte, beruft er fid^ regelmäßig nur barauf, ba§ eö t^m 
fo geredet erfd^eine. 3a, er oermag l^ier felbft gegen ben ^^^tgeift 
unb gegen baö ®efe$ fotoie gegen aÜe bi^l)erige ^raji^ feine SBiHfür 
burd^jufe^en , ttjenn er j. ö. „gegen ben äKiftbrauc^ breier Sa^r- 
^unberte'' eine ttjefenttid^ oerfc^ärfte SBel^anblung beig ^od^öerrat^^ 
einführt; ober toenn er au^brüdflic^ t)on it)m anerfannte (Semolin' 
^eit^rec^te lurjer §anb befeitigt, um auf l^ärtere ©trafbeftimmungcn 
ber Carolina jurüdjugreifen, toeld^e il)m eben l)ier paffenb bünlen: 

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in. Sf^fcr. 2) ©i^riftcn. 213 

%alio gegen falfd^e Stnfd^ulbigung unb ©nttpetd^entaffen ber ®t^ 
fangenen, geuertob gegen öranbfttftung unb galfd^münjeret, 316=^ 
Ikonen ber ©d^tourfinger gegen SKetneib. Sbenfo »trb bte SRetorfton 
in toetteften ©renjen jugelaffen, afö burd^ouig praftifd^ unb btHtgen^ 
wertl^, ol^ne ©orge um gefe^Itd^e @rlaubt^eit berfelben, 

©gentpmltd^ bei aüebem ift nur, bog ^ier biejeg SSerfa^ren, 
ftott ber ?lufflärung ju bienen, ate äRittet im Stampfe gegen bie SRtIbe 
üerttjenbet toirb. ^eitid^ erfährt bie Oraufornleit ber Carolina t)in 
unb tpteber aud^ 2;abel, fei eö, red^t ungefd^ic^tlid) unb üerftänbnifelo^, 
ganj im oBgemeinen, fei e^ in SBejug auf einjelne ©trafen, toie j. 93. 
bie be^ Äinbdmorbeg. Siegelmäfeig aber ift unferem Slutor bie I|ärtefte 
Strafe eben red^t jum Qtotde öoller aSieberüergeltung, im ©egenfage 
gegen bie §aflifd^e ©d^ute, toofjil anä) in golge einer mit bem Sitter 
junel^menben SSer^rtung beö eigenen ©emfit^g; anber^ toenigften^ 
bürfte fid^ ber SBiberfprud^ faum erllären laffen jtoifcj^n manchen 
abfd^nitten ber Sugenbfd^riften unb ben friminaliftifd&en Sudlern ber 
Meditationes , welche au^ ben Sauren feit 1735 ftammen. S)ie 
Äb^anblungen , toeld^e ein befonbere^, üerberblid^e^ JBerfa^ren gegen, 
^od^öerrät^er — b. f). gegen beö |)od^toerrat^eö angeflagte ?ßerfonen 
— aufbauen, bürften ba an rudfftc^tslofer ®et)äffigfeit bad Sleufeerfte 
leiften. ©benf o fprid^t Sc^fer fic^ au^ für Seibel^altung beiS Sfieinigung^ 
eibed, für mel^rfad) toieberl^olbare golter, für 3!obe§ftrafe bei jebem 
fd^toeren S)iebfta^I. 3n ber ^ejen^grage ift er öon ber Ungläubigfeit, 
bereu er fid^ ate junger äKann befliffen \)at, jurüdtgef ommen , tt)eit 
genug, um ein Urt^eil ju billigen, ba^ auf abermalige S^ortur gegen 
einen Snquifiten erfennt, unter ber 9Ka§gabc, baß beffen bei ber erften 
2!ortur burd^ feine ©tarre erftc^tlid^ getuorbene ©mpfinbungölofigleit 
burd^ Slbfd^neiben ber §aare aufjulöfen fei! 2)iefe Seljfer'f^e ^rajiö 
ift benn bo^ nod^ toeit fc^limmer, atö bie SBoIffd^e %i)eotk beö 
©trafred^t«. 83eibe toirfen jufammen, um eine rüdEIäufige SBemegung 
gegen ben burrf) 3;^omafiuö Iräftig angebahnten gortfd^ritt burc^= 
jufe^en, fo ba§ öon einem Dbtoatten ber ?lufMärung in ber beutfd^en 
Äriminaüftif um bie 3a^r^unbert:=9Kitte nod^ nid^t bie SRebe fein 
fann; toennfd^on Se^fer'ö §(utorität, namentlid^ aufeer^alb Äur= 
fad^feng, nie aud^ nur entfernt fo mafegebenb geworben ift, tt)ie bie 
feinet 9Sorgängeri8 ©arpjoto. 

Sit)iliftifc^e DueIIentt|eorie^ friminaliftifd^e Stnfc^auung, fafuiftifd^e^ 
'JSerfa^ren ^at fie^fer üon biefem übernommen. 3Bäl^renb aber ßarpjoto 



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214 Sed^fteil i^a^itel. 

auf feine Äafutfti! fefte 3fieci^töfä|e aufbaute, bie bann toteber bcr 
jäl^eu Äurfäd^ftfd^en ^rajfe jur ®runblage btenteu, mufete Se^fer'^ 
aSorge^en bon gaU ju gafl biefelbe fd^tper erfd^üttern. ©einen 
©d^riften f onnte man nirf)t ol^ne 3Beitereö, ttjie benjenigen feiner 3Jor^ 
ganger, Urtl^eile entnehmen; man lonnte nur analog au^ ilinen 
lernen, ftd^ über bie SSorfd^riften üon ®efe^ unb ®ett)ol^n^eit 
^intüegjufe^en unb bie ©ntfd^eibung ftetö in ber eigenen ©iüigleit^ 
©mpfinbung ju fud^en. @r ift, roit toieUeid^t citoiliftifdj ber bebeutenbftc 
unb jebenfallg ber geiftreid^fte, fo ber le^te in ber anfe^ulid^en Steige 
ber grofeen ^aftifer be^ usus modernus juris Romani in foro 
Germanico ; mit i^m brid^t fie ab, ba er i^r bie fieben^bebingungen 
entjogen l^at, auf ®runb beren er felbft nod^ tl(ätig getoefen ift. 
@r ^at fid^ felbft gettjiffermafeen ba^ ^unbament unter ben göfeen 
Ujcggegraben; bamit aber ^at er jugleid^ ber ^anb^abung be^ gc* 
meinen dieä)t^ in S)eutfd^tanb biejenige ©id^erl^eit geraubt, beren fid^ 
biefelbe mangete aller 9ieid^ögefe^gebung nod^ fünftlid^ erfreute. 35ie 
juriftifc^e ©elbftauftöfung beö gemeinen 3)eutfd^en 9ied^t^ ge^t feitbem 
paraUet ber politifd^en ©elbftaufföfung beS S)eutfd^en SReic^e^. 

IV. aSar fd^on ju öeginn be^ 3a^rt)unbertS ber 3Bunf^ nad^ 
gefe^geberifd^en ^Reformen Iebt)aft erfd^oKen, fo Ratten bie Uebelftänbe, 
toeld^e i^n hervorriefen, iujtoifd^en eine Steigerung erfahren, toon ber 
bie 3Biüfür Se^fer'fd^er ?ßrajig eine SSorfteHung ern^edfen fann. 3n:= 
jUjifd^en ujar aber aud^ bie SodEerung be^ 9?eid^g*aSerbanbe^ unb bie 
ftaotlic^e Sluöbilbung tt)enigfteng ber größeren Territorien fo üor^ 
gefd^ritten, bafe SRiemanb nie^r bie ftaatörec^tlidfien SBebenfen ^egte, 
beren J^^omafiu^ nod^ ern)äf)nt, ob nämlic^ ein ©injelftaat ju einer 
burrfige^enben, Sieic^öred^t bred^enben ©efe^gebung befugt fei. SJon 
ber fo eröpeten äKöglid^feit, ber Sied^tönot^ abju^elfen, entfd^Iofe 
man ftd^ namentlid^ in ^ßreujsen unb in Sägern — einjelne üerbienffe^ 
lid^e Eingriffe finben fid^ auc^ in anberen Staaten — umfaffenben 
©ebraud^ ju mad^en. 3n beiben gäHen übertrug man bie ?tu^= 
füt)rung einem 3Kanne; in ?ßreu§en, tt)0 man met)r , gortf c^ritt im 
©inne ber 8lufHärung unb bed JKaturrec^tö toünfi^te, einem ^er== 
öorragenben ©taatSmanne unb 2;i(eoretifer, ©amuel bon Socceji; 
in Sägern, tt)o man ftd^ mit ber geftlegung be^ bi^^er gettenbcn 
9flecf)tg begnügte, einem ^eroorragenben ©taat^manne unb ^ßraftifer, 
Sllo^g oon Äreittma^r. 



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IV. ©cfc^gebung. 1) ©atnuel ü. docccjl. 215 

1. 3(te ber SRmifter chef de justice ©omuet toonSocceji, 
Einfang 1746, 66 3a^re alt, md) itjeniger glücHtd^en SBerfud^en an 
ben bebeutenbften unb erfolgreidiften Slbfc^nttt feiner iuftiäreformo* 
torifd^en unb gefe^gebertfd^en Sil^ättgfeit herantrat, tag eine reid)e 
Iiterarifd)e SSergangenl^eit l^inter i^m. Slu5 berfelben bebürfen feiner 
toeiteren (Erörterung bie ©d^riften feiner erften Qdt, njetc^e bto^ baö 
naturred^tfid^e ^ßrincip beg SBaterö feftftellen unb öertl^eibigen; unb 
ebenfo n)enig baö umfaffenbe SBerf Don 1744—1752, in toetd^em er 
ben SRod^Iafe beg SSater^ mit reid^en eigenen 3"fä6^^ ^^^ Slnl^fingen 
unter bem litet be^ Grotius illustratus l)erauöga6. SJQjUjifc^en liegen 
^auptfäd^Iidt) jn?ei f elbftänbige SBerf e : bci^ Jus civile controversum 
in ättjei Sänben, ^ranffurt 1713 unb 1718; fottjie baö Novum 
systema Jurisprudentiae naturalis et romanae, Serlin 1740. 

©rftere^ ift eine gelet)rte romaniftifd^e Slrbeit, todd)t im Slnfd^Iuffe 
an Sauterbad^ bie 3Kenge ber Kontroüerfen burd^ge^t unb ju ent- 
fd^eiben oerfud^t, felbftüerftänblirf) t)äufig nad^ bem Siaturred^t ober 
nac^ bem SJorgangc beö SSaterg. 3)ae SBemerfen^njertl^efte ift bie 
t)oaftänbige 93ertt)erfung ber golter unb bie beftimmte ©ejeid^nung 
ber 3:eufeföpacte atö faum glaubhaft. 3n bicfen ?ßunften rüdft 
©amuel ßocceji ben Slu^fü^rungen be^ 3:t|omaftug nä^er, afö irgenb 
tin anberer ©d^riftfteUer ber Qtit, fo meit aud^ fonft er öon il^m 
entfernt fte^t; in ber 3Bürbigung beö 5)eutfd^en 9led)tg, in ben ®runb* 
lagen be^ 9iatur= unb beö ©trafred^tig bitben bie Slnfc^auungen be^ 
^occeji unb beö Sf)omaftuö gerabeju entgegengefe^te Sjtremc. SIeibt 
bod^ aud^ Socceji babei, bafe jcbe f.c^ulb^afte S^ötung notl^menbiger 
SBeife mit bem 3;obe beg SJelinquenten gefü^nt toetben muffe, unter 
^uöfdt)Iufe be^ Ianbeöt)errlid^en 8egnabigung§rerf)tö. 

5)aö Novum systema jeigt ©amuel ßocceji nac^ tuie toor, feft 
unb unerfd^üttertid^, ^altenb an ben ®runbfä^en feinet SSater^ ; biefe 
ein lange« Seben ^inburd^ bettjal^rte Ueberjeugung, bafe burd^ jene 
®runbfä|e ba« Hauptproblem be« SRaturred^tö enbgültig gelöft unb 
bamit ofle« 9flerf)t ubert)aupt Har gelegt fei, bitbet ben ©d^Iüffel ju 
ber ©nergie unb ©id^er^eit öon Socceji'ö ganjem Sluftreten. SBenn 
er öon bem SSater abn?eid)t, fo t)anbelt eö fid^ nur um ©inset^eiten, 
namentlid^ barum, ba« natürlid^e bem SRömifd^en 9ierf)t nod) me^r 
anjunä^ern. 3)ie faft öoUftänbige ®leid^t)eit biefer beiben 9fled)te 
nac^juttjeifen, bejeid^net ßocceji metjrfad^ afe Hauptaufgabe beö 
Novum systema. S)em entfprid^t eö, bafe er bem 2)eutfd)en SRed^te 



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216 ©ecftfte» Äa^ftcl. 

jeben @tnflu§ auf feine naturred^tlic^en ©ä^e ju entjte^en »enigften^ 
beftrebt ift, burc^toeg mit Srfolg. Sm Dbligationenrec^t toirb ba^ 
SReurec^t bei Simominot-Sotitracten unb bie toerfd^iebene ©e^anblung 
ber ©efal^rtrogung bei Ä^auf unb bei SRiet^e afe naturred)tlld) bar- 
get^an, im ??amilienred^te finben wir bie römifc^en fielen n öon ber 
öäterlid^ett ©eioalt, üon ben ^efulien unb t)on ber Slboption getreutid^ 
njiebergegeben. Stile biefe Sbeatiftrung beö SRömifd&en üicc^tg begießt 
fid| aber anöfd^liefetici^ auf feinen Sn^att; Drbnung unb gorm be^ 
Corpus juris civilis lann felbft S^omafiu^ faum f)ärter tabeln, afe 
(Socceji. ?In ©teile ber ©^ftemlofigfeit, toie fie in ben römifdien 
Duellen unb ©d)riften ^errf^t, ift auf baö SRömifd^e ^cä)t bie natur== 
red^tlid^e ©^ftematif ju übertragen, toa^ benn eben ba^ Novum 
systema gleid^jeitig mit ber S)arftellung beö Siaturreditig leiftet. 
^abci üerfft^rt ©occeji folgenbermafecn : (Sr ^anbett junäd^ft (öud^ 1) 
öon ber ©ere^tigfeit unb bon bem SRaturreci^t im Slügemeinen ; bann 
(öud^ 2) toon bem SRedjte ©otteö über ben ÜRenfc^en; enblid^ 
(95uc^ 3— 7) üon bem SRed^te unter. ben SKenfd^en. 3)ag SRec^t unter 
ben SKenfd^en toieber jerfällt nad^ feinen Dbjeften in ein jus perso- 
iiarum, 95uc^ 3; ein jus rerum, Söud^ 4; unb ein jus quod com- 
petit ex obligatione personarum (Cbligationen« unb ©trafrec^t)^ 
S8ud| 5; ben ©djlufe bilben bie TOaferegetn jur S^ert^eibigung biefer 
SRed^te, b. i. unter äRitbürgem ber ^roce§, Sud| 6, unter ?lu^n)ärtigen 
bie SRepreffalien unb ber ^ieg, Sud^ 7. Unöerfennbar liegt ber 
Dbereint^eilung baö ^ufenborf'fc^e ©^ftem jU ©runbe, ber tt)ic^tigeren 
Untereintf)eilung nac^ ben SRed^tSobjeften baö 3nftitutionen=©^ftem. 
J5ür glücftic^e Slui^bilbung biefe^ te^teren ift bebeutfam genjorben^ 
bafe Socceji ben fonft bamafö fo unbebingt l^errfd^enben Segriff be^ 
jus ad rem tooUftänbig öertoirft; ebenfo erfreulich ift bie ©onberung 
be^ materiellen 9iedötö üom ?ßro jeffe ; bagegen bleibt it|m basJ ©traf^ 
rec^t ein 3;^eit beö Obligationenrec^t^ ; unb merfttjürbig njirft ba^ 
öereinjelte le^te üölferred^tlic^e SBud^, toöt)renb öon ©taat^red^t nid^t 
bie SRebe ift, gefc^weige benn toon §anbel^red^t, Se^nted^t, Äird)en= 
red^t. ^d^on infofern iä^t fid^ ßocceji'g Novum systema auc^ 
nic^t entfernt dergleichen mit bem umfaffenben unb au^gebitbeten 
5Raturred^t eineig SSolf, üon tpelc^em jener n?enig SRotij genommen 
JU ^aben fc^eint. 

5ßon fo feften miffenfc^afttidien ®runblagen aug, tooU rüdffic^t^ 
lofer 3;t)atenluft unb unermübli^er SIrbeitiSfraft, getragen oon bem 



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IV. ©cfejgcbung. 1) Samuel ö. ©occeii 217 

imbebtngtcn SSertrauen beö groj^en Ä6ntg§, ging nun ©amuel ©occeji 
nad) Scenbtgung be« ^rDeitcn ©d)Ieftfd)en Äriege^ öor, junäd^ft ju 
ber ttja^ren ^erfuIeiSarbett einer praftijd^en Suftijreform. S)er erfte 
üorbereitcnbe ©d^ritt toax, ba^ man, um alle ^ojeffe feft in bie 
ipanb ju bekommen, bie äftentoerfcnbung an au^ttjärtige, b. i). nidjt* 
preuBifd^e gafultäten verbot,. 2. Slpril 1746; t)on ba ging mon 
aber atebalb, 20. Suni 1746, weiter baju toor, baö 3nftitut ber 
?(ftcnüerfenbung überhaupt aufju^ebcn. STOan bejtoedEte bamit toot)I 
nur, SBiöffirlid^feitcn, 3Serjögcrungen unb Snftauj^äufungen aU 
jufd^neiben; t^atfäd^tic^ ergriff man bamit eine für bie gefammte 
©ntoicflung ber beutfd^cn Suriigprubenj entfd^eibenbe SWa^regel. 
Sie führte mit fid^ bie J^rennung bon SRec^tfpred^ung unb SRec^t^^ 
lüiffenfd^aft, Hebung be^ Slnfe^enS ber ®erid)töl|öfe, Sntlaftung ber 
geteerten 3uriftcn bon ber ©pruc^t^ätigfctt, aber auc^ Sntfrembung 
üon Xl^eorie unb 'ißrasid. @^ ift tein jufäHigcö ^^fornmentreffen^ 
baB ber entfd^eibenbe ©d^ritt in biefer SRiditung preufeifd^erfeitö 
gefc^ie^t, ebenbamafö, tt)ät|renb fie^fer bie bi^^erige ©teHung beutfd^er 
gafultäten mifebraud^t ju toiUfürlid^er 9ied^tgfc^öpfung für ben ®injet 
füll, ttjöl^renb gleid^jeitig eö einem reinen S^eoretifer, tt)ie ^einecciuö, 
gelingt, bie leitenbc ©teile einjunel^men. S)ic ganje ©nrid^tung ber 
3lftenüerfenbung , ber fetbftl^errlic^ entfc^eibenben freien gafuttätcn 
unb ber befc^eiben biefen ©prud) öerfünbenben lanbc^fierrlic^en 
©crid^te, pa^tt nid^t me^r tjinein in baö fefte ©taat^gefüge ; ebeujo- 
»enig njie bie ä^nlid^ leitenbe ©tellung, toetd^e njä^renb be^ 17. Salir^* 
l^unbert^ für fird)lid^e Slngelegen^eiten in proteftantifd^en fianben bie 
t^eologifc^en gafultäten eingenommen Ratten. SBaren aber bie 
3uriften feit ©eginn beö 18. Sa^rl^unbertg t^ätig, biefe 3Wacf)t ben 
§änbcn ber Stieologen ju enttoinben unb fte bem ©taate ju über« 
tragen, fo uoltjog fid^ nunmel(r berfelbe ^rojefe gegen fie felbft. S)ie 
(£inbu§e an unmittelbarer ÜRac^tfülle, toeld^e burc^ biefe einanber parallel 
gel(enben 95erlufte jtoeier gafultäten bie Uniöerfitöten überl^aupt er^^ 
litten, ift faum ju ermeffen; man lann n)ot)I fagen, bafe erft feitbem 
bie Uniöerfit&ten, toeld^e b\& haf)m jugleid^ eine tt)id)tige SRegierung^* 
t^ötigleit entfalteten, rein bem Unterrid^t unb ber SBiffenfd^aft gen)ibmete 
?lnftalten gett)orben ftnb ; Don ber pflege biefer ifjrer ®ebiete auö mittel* 
bar Sinflufe auf baö praftifdie Seben ju üben, ift feittjer itjre Slufgabe. 
9iad^ ben Äabinetöorbreö toom 2. Slpril unb toom 20. Sunt 
1746 ^atte Socceji ju feiner 3uftijreform eö nur nodli mit ben i^m 



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218 ©ec^fted ^apxUl 

unmittelbar unterfteHten (Sendeten ju tt)un. 3nbem er bte ©ac^e 
perfönticf), gemäß einer üon it(m felbft entworfenen Snftruction Dom 
2. CctoBer 1746, tn bie ^anb na^m, gelang i^m Unglaubliches;. 
Äonnte er bod^ fd^on unterem 2. 3Kai 1747 auö ©tettin, unterem 
4. SIRat 1747 aug Äöölin melben, bafe ^ier 1600, bort 800 alte 
^ojeffe faft gang aufgeorbeitet feien. 3n bemfelben %txnpo ging 
eö njeiter, nirf)t nur in ^ommem, fonbern fofort banad^ in ben 
Warfen unb gleic^jeitig in ben übrigen ^rototnjen, tl^eife unter 
perfönüc^er SRittoirhing Socceji'ö, t^eife unter ber SJeitung eigen-^ 
t)on il^m ju biefem Qtvtdt gefd^utter ®et|ülfen; fobafe biefer erfte, 
rein praftifc^e %f)til ber Slufgabe bi^ jum Sa^re 1751 afö ooU- 
ftänbig gelöft betrachtet werben tonnte. 

2luf bie oerfd^iebenen f)ierju entworfenen öorläufigen ?(norb* 
nungen unb auf bie babei gemad^ten Srfal)rungen fonnte man fidlj 
bann ftü^en jur fiöfung beö ^weiten, legt^latioen S^^eiteö ber 9tuf' 
gäbe, wenigftenö foweit e^ fid^ um ^rogeBgefe^gebung t)anbelte. 
Unter bem irrefüfirenben 2!itel ,,?ßroieft beg Codücis Fridericiani 
Marchici" fam 1748 eine ^ßrojefeorbnung für ben ganjen ®taat ju 
©taube, Weld^e ba§ eigenfte SBerl ©occeji'^ ift. ©ie jeic^net fic^ auö 
burd^ ftraffe Drganifation berOeric^te; burd^ 93efe|5ung berfelben mit 
auöfd^Iießlid^ geletjrten, feftbef olbeten , anberweitig ntd^t betafteten 
iHidjtem ; burd^ @infüf|rung eine^ befctjränften münbtid^en SBerfa^ren^ ; 
burc^ unbebenHid^eö §tbfd)netben aüer Derjögernben 3^M"^^"fäß^; 
unb burd^ bie enbgültige ©inorbnung beg oon ©occeji fd^on 1739 
eingefülirten ©agateüprojeffeö in ba^ ?ßrojefegefüge. ©ie begießt fic^ 
auf alle §Irten be^ ^ojeffe^, unter Sluöfdfilufe lebiglid^ besS 3nqui= 
fttiongprojeffeö, für toeld^en e^ bei ber Äriminatorbnung oon 1717 
nebft 3iifä|en betoenbet. SBon einer auöbrüdEüd^en Jluf^ebung älterer 
^rojefegefege ift babei nid)t bie Siebe, namentlid^ bie ©üttigfeit ber 
üM bem gemeinen ^ßrojefe abgeleiteten allgemeinen Segriffe wirb 
fortwä^renb üoraui^gefe^t. 

3m ©egenfa^e ^ierju für ba^ ®ebiet beö materiellen SRec^te 
ben Segriff ber Sobififation, juerft 1738, gefaßt unb bie 3)urdö» 
füfirung einer fold^en erftrebt ju tiaben, bilbet ein §auptuerbienft 
(Socceji'i^. Sft er ju biejem Segriffe auc^ gefülirt worben burc^ feine 
boftrinäre @infeitigfeit, unb ^at er auc^ in ^olge beffen bie 
3cf)Wierigfeiten eineg folc^en SSerfe^ bebeutenb unterfc^äfet, fo bleibt 
er nid^töbeftoweniger berjenige, ber für 3at)r^unberte ^inaui$ ba«i 



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rv. ©cfctgcbimg. 1) Samuel ö. ©occcji. 219 

eutfc^ibenbc SBort gcfproc^en §at. @r t)at bte Siottitüenbigfeit erfannt, 
iooUte man ju Haren SSerl^ältntffen gelangen, mit Sinem gcberftric^ 
bag b\&t)tx gültige SRed^t abfotut ju befeitigen iinb öoHftänbig burc^ 
ein neue^ ©efe^bud^ ju erfe|en. SBeggeräumt finb bie Sbeen einer 
ergänjenbcn @cfe|gebung, nad^ 9Kufter ber fäd)fifd^cn Konftitutionen, 
ober einer ©amminng üon 6ontroöerfen*®ntfci^eibungen, njie man 
früt)er Iiatte öorge^en motten; ganje arbeit fott gemod)t merben im 
grofeen ©t^(e, — mögen aud^ bie 9}ia§regetn, bie Socceji bann t)or= 
fc^Iägt, um fein neued ©efe^bud^ öor getoo^n^eitöred^tlid^er gort- 
bilbung unb t)or fc^riftftetterifd^er 8Jel)anblung ju fc^ü|en, nod^ fo 
Heinli(^ fein. Sinnen eine^ 3al^re« meinte er biefe^ ©efe^bud^ 
liefern ju !5nnen; badete er boc^ babei, unter Sfu^fc^Iufe atten anberen 
öffentlidien ditd)i&, bio^ an ©traf:^ unb ^riüatred)t, gerabcfo toie er 
bloö biefe 9iecf|ti8än)eige in feinem Novum systema berüdfid^tigt; 
unb ^anbelte ed fid^ bod^ bemgemäfe, narf) feiner feften ?lnna^me, blo^ 
barum, bie materieUred^tlid^en X^eile biefe^ Novum systema (Sud^ 
3 — 5) in bie ©prarfie be^ ®efe^geber^ ju übertragen, — bie i^m 
aud^ gar häufig mit berjenigen be^ Set)rer^ ä^f^^^^^^^fättt. ®o ging 
er benn, nacf| S^erabfd^iebung ber ^rojefeorbnung, eifrig unb in^ 
üerfic^tlid^ an'^ SBerf; bereite am 23. SRoüember 1748 toar ber erfte 
2;^eil, baö ^erfonenred^t, fertig gefteUt, fobafe eö 9tnfangö 1749 mit 
einer ^ödift merfmürbigen „SSorrebe an bcn Sefer" im S)rucf erfd)einen 
fonnte; baran reifte ftrf) grül|iat)r 1751 bie SSeröffentlidjung bed 
jttjeiten 3;t)eite, be^ ©ad^enred^tö. 3)ann aber tt)iberfuf)r bem greifen 
(Srofefanjier baö Ungtüd, ba^ ba^ Cbligationenrec^t, meld^eö er 
auSfc^Iiefetid^ be^ ©trafred^t^ unter 3lufgebot feiner testen 3lrbeitig== 
fraft ^ergefteUt ^atte, ^erbft 1753, gelegentlich einer SBerfenbung ber 
^anbfd^rift, unmieberbringlid^ öertoren ging; jur Sluöarbeitung be^ 
©trafred)t3 füt)Ite er fid^ nidE)t met)r im ©tanbe, fonbern mar 
gejtt)ungcn, biefelbe metjreren ©e^ülfen ju übertragen; aU er am 
4. Cctober 1755 ftarb, t)interliefe er fein größte^ SBerf unfertig nic^t 
nur, fonbern auc^, fomeit eö bortag, ungültig. — Sn bem Sitel 
„^ßrojeft be^ Corpus juris Fridericiani" ift nämlic^ biefeö 3Wal 
bie SBejeid^nung afe ^rojeft mörtlid^ ju net)men, oor SJoUenbung 
unb JReüifion beg ©anjen fottten bie einjelnen öüdier btoö jur 
SSeguta^tung üeröffentlii^t merben, o^ne in Geltung ju treten. 2)a 
mit Socceji'g Sobe bai^ ganje Unternehmen liegen blieb, fo ift aud) 
biefen ©üd^ern nid^t befc^ieben morben, Öiefeg ju merben, abgefet)en 



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220 Secftftf« Stapiitl 

t)on ben Mitteln über @t)e* unb SSortnunbfd^aftdfad^en, tüeld^c t^etfc 
njeije nod^ unter Socceji, ttieiltüeife burd^ ft>ätere SBerorbnungen in 
melireren Sanbe^tl^etlen ©efe^e^fraft erhielten. 

3Ran tütrb biefeö ©d^ettern be^ ftoljen ^laneö faum ju bebauem 
l^aben, toenn man bebenft, bafe fonft tt)ot)I bo^ Stllgemeinc Sanbred^t 
nie tiergefteHt njorben njäre. S)afe aber Ie|tere^ bem SSerfe Eocceji'g, 
tt)ennfd)on beibc auf berfetben naturred^tlid^rationatiftifd^en ®runb* 
tage fielen, bod^ toefenttid^ überlegen ift burd^ güHe be^ Sn^ottg^. 
fod^gemäfee 9Sertoertf|ung beutfd^er SRed^töibeen, öoltet^mlic^e 2lui3^ 
brudfött)eife unb geje^geberifd^en %att, barf afö feftftet)enb angejel^en 
»erben. S)ie^ SSerl^öItnij^ beiber ©efe^gebung^ärbeiten ju einanber 
berul)t too^I nid^t bloö auf ben gortjd)ritten, toie fie injtoifd^en erjielt 
tt)orben ttjaren für bie 3Biffenfc^aft öom S)eutf(i|en JRed^t, für bie 
®efd^icflid^!eit in ber ^anbi^abung ber beutfdien ©t>rac^e unb für 
bie allgemeine ©ilbung überhaupt; fonbem auc^ barauf, bafe ©occeji'!^ 
ttjiffenfd^afttid^er ©tonbt>unft, felbft für feine Qeii, auffaUenb einfeitig, 
eng unb unbeutfd) tt)ar. SBie feine Sluffaffung öon ben SRec^tgobjeften 
im ®egenfa^e ju SBolf ciöiliftifd^ bürftig, fo ift ber 9iec^t^inl)alt 
feineö Corpus juris Fridericianum im ®egenfa|e ju ^einecciu^ 
auöfd^Iiefelic^ romaniftifc^. (Sttoaö me^r Siüdfid^t auf ein^eimifc^c^ 
©tatutorred^t mag er in biefem gefe^geberifc^en SBer!e genommen f)aben, 
aU in feinen tf)eoretif c^en ©d^riften ; ba« 9Kafe bief er 3hirffic^t bleibt 
aber ein öerfd^ttjinbenb geringe^. SRömifc^e Terminologie, römifd^eS 
S(ctionentt)eien ; unenblid^e^ römifcfteö S)etail ift beibehalten; nur 
tt)o bie ©ubtititäten unb gictionen beö SRömifd^en SRed^tö aud^ 
früher fd^on öon Socceji afe naturred^tgttjibrig angefe^en ttjorben 
tüaren, finb fie ftärfer befd^nitten, atfo namentlid^ im @rbrecf|t. 
3Benn eö aufeerbem im 3;itet unb in bem anfünbenben ^(ane nod^ 
Reifet, eö fei 9iüdtficf)t genommen ober ju nehmen auf bie Sanbeg^ 
oerfaffung, f o ift baöon bei ber ?luäfüf|rung gar nid^tö ju bemerlen ; 
infofern ift ed nid^t unjutreffenb, tt)enn ©occeji felbft fid^ rüt)mt, 
ein Uniöerfafc©5ftem formirt ju iiaben, „tvd^t^ auf aüt ©taaten^ 
bie bie natürliche Sßernunft jur JReguI i^rer ®efe|e nehmen, applicirt 
»erben fann". 3)ie SRationalitätöIofigfeit, »eld^e ber naturredt)tlid^en 
9luffaffung meift Vorgeworfen »irb, toar in ber 2!^omafifd^en ©c^ule 
bur^.bie gefc^id^tlid^e SRid^tung gemilbert; gerabe bei ben ©occeji'g, 
SBater unb ©oljn, tritt fie auf'g ©c^ärffte l^eröor, toeit fd^ärfer felbft 
aU bei 3SoIf unb in beffcn ©d^ule; »etdö' mer!tt)ürbige^ 3wföntmen* 



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IV. ®efetgebttng. 2) gfricbtic^ IL 221 

treffen, bofe eben ein ßocceji in ^ßreufecn mit ber ©efe^geBungi^arbeit 
betraut n^urbe, unter Umftänben, »eld^e i^m faft geftattet t|ättcn, 
ferne perfonüd^ften Änft^ten unmittelbar legi^Iatiö ju üerttjirfltd^en ! 
@o fehlte aüerbinfl^ toentg baran, ba§ ^cu^en beglüdft toorben 
ttjfire mit einem SBerfe, baö afö Unitoerfafc®efe|bud^ für alle gebilbcten 
3?6ffer gelten ju fönnen ben Änfpruc^ er^ob. 

2. UnenbUc^ öiel tiefer afö fein ©roj^fönjler fte^t ba freilid^ 
ber gro^e ^önig in feiner Dissertation sur les raisons d'ätablir 
ou d'abroger les lois. 3iid^t üorübergel^enb, fonbern mit Siac^brud, 
an ber §anb gefd)id^tticl^er S8eift>iele toirb ba enttoicfelt, bafe bic 
^efefee ber 3fiegierungigart unb bem Siational^S^arafter anget>ai5t fein 
muffen. Jpabe bod^ ©oton felbft gefagt, er fjabt ben Athenern nid^t 
bie tooHfommenften ®efe^e gegeben, fonbern bie beften, toeldEie fte 
aufjunel^men fä^ig getoefen feien. Sbenfo totrb betont, toie gefä^r= 
lid^ eg fei, ®cfefee, an bencn bie STOenfc^en afö ®emoI)n^ettöt^iere 
(animaux de coutmne) einmal Rängen, furjer §anb aufju^eben, 
fei ed felbft, um fte bur(^ beffere ju erfe|en. ®o fommt ber Äönig 
ju bem ©rgcbniffe, bafe gefeftlid^e ^Reformen nur bann angejeigt finb, 
tpenn fte jur ©rl^altung ber öffenttid^en SBot)tfaI)rt unb ber öillig^ 
feit bringenb not^toenbig toerben; bo^ ift ber gaH, »enn io^ alte 
Siedet oHju unbeftimmt unb bunfel, ober mit SBiberfprüd^n behaftet, 
ober fei e^ ju milbe, fei e^ ju graufam ift. S)icfen legten $unft 
bezaubert griebrid) am Slugfill^rlid^ften. ®ine SReil^e toon Söeifpielen 
gebotener ERilbc entnimmt er ber eigenen ®efeggebung: fo bie 
Unantoenbbarfeit ber Sobe^ftrafe auf bloßen SJiebftaljt unb bie SRüdE* 
ftd^t auf bie öerjtoeifelte Sage unel)elic^ ®e}c^tt)ängerter, toetd^e burd^ 
ba^ bisherige ©trafrcd^t in bie 3lttematit)e öcrfegt feien, ju toä^Ien 
jtoifd^cn ber Infamie einerfeitig ober ben entfeglic^en ©trafen beö 
Äinbömorbeg anbererfeit^. ®o ift e^ toa^rlid^ nid^t blo^ eine fc^ön 
flingenbe ©rfifirung, mit n)eld^er ber Äönig nad^ einer 3luigfüt)rung 
gegen ba^ S)uell feine Sbl^anblung befd^Iiegt : er meint, bei Stationen, 
bie faum erft auö ber Sarbarei ^erüorgel^en, bebürfe e^ ftrenger 
®efe|gebung; bei orbnung§gen)ot)nten (policös) SBötfern mit milben 
Sitten bebfirfe e^ menfd^Iid^er ©efeggeber. SJian foH bie SRenfd^en 
meber oHe afö Sngel, noc^ äße afö 3;eufet anfeilen; Vernünftig tt)irb 
tool|l Verfahren, toer bie guten ^anblungen ettoaö über 3Bertt) belohnt, 
bie fd^ted^tcn ^anbtungen ettoa^ unter SSerbienft beftraft, für bie 
<Bd)\o&6)ntn SRad^fic^t übt unb SReufd^Uiiifeit für StOe. 

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222 • »Sct^fte« StapiUl 

®^ tjt ju fürd^ten, bafe dxc naä) ben 5ßriuctpicn Socceji'i^, Dom 
©tanbpunfte ber SSergeltung unb bc^ %alio au«, gearbeitete^ ©trof^ 
red^t ber Sßilbc beiä Äönigö menig entfprod^cn ^aben toürbe. SSoü^ 
ftänbig toar bie Uebereinftimmung jiDtfc^en it)m unb Goccejt nur 
bejügltd^ jtoeier Jpaut>tpun!te, ber golter unb ber ^ejenprojeffe. Die 
Sluffaffung beö Äönigö über (entere erbeut genügenb auö feinem 
befannten 3Sort, er \)abe bafür geforgt, bafe bie alten >S33eiber in 
^rieben fterben fönnten; feine Äriegöerltärung gegen bie 2;ortur ift 
eine ber berebtften ©teilen ber ©iffertation. 2)em entfpred^en bie 
Äabinetö^Drbreg üom 3. Suni 1740, t)om 27. 3uni unb t)om 
4. Sluguft 1754. 3)ie erfte berfetben befctiränft bie golter auf bie 
gäHe ber SRajeftätö^SBeteibigung, beö Sanbe^aSerrat^eig unb bc^ 
SDlaffenmorbe^ ; bie beiben anberen befeitigen fie öoQftänbig. SSon 
biefen beiben erging bie le^te auf eine anfrage ©occeji'g, beffcn 
3:^ätigleit hiermit toürbig abf erliefet; bie folgerid^tigfte aber ift bie 
üom 27. 3uni, toeld^e furjer §anb ben SRid^ter antoeift, ba, too ber 
Delinquent fo toeit überführt ift, bafe nad| frül^erem 3fied^te nur nod^ 
fein burd^ bie Tortur ju erjtt)ingenbeg ©eftänbnife nötliig tt)äre, il^n 
aud^ ol^ne jeneg ©eftänbnife jur öoHen ©träfe ju üerurt^eilen. 
greilid^ ift bonn biefe ber ttjiffenfd^afttid^en Srfenntnife ber 3eit lueit 
öorau^eilenbe, einzig bie toirflid^e Slbfd^affung ber 3;ortur üerbürgenbe 
®infid)t fc^on in ber folgenben Drbre nid^t mel)r fo flar anjutreffen 
unb aföbalb njieber öerloren gegangen. — ©ner befonberen Drbre 
jur Sluf^ebung ber §ejent)erfolgungen beburfte eS nac^ aUebem nic^t 
mel)r; fie finb barauf au^ ^reufeen üon felbft Derfc^njunben, mit 
unausbleiblicher 9iad^tt)trfung für ganj Deutfd^lanb. ^ejenurtljeile, 
tt)ie baSjenige, über n^eld^eö nod^ bei Se^fer ju berid^ten loar, finb in 
?ßreu§en feit 1740 unmöglich. 

3. Durd^Sa^em ging mit©eginnber9legierungbegmenfd^enfreunb^ 
licften, pflid^tbett)u6ten unb friebliebenben Äurfürften 9Kajimilian III. 
Sofep^, eine^ ©d)ülerö beö SBolfianerg SdEftatt, ein erfteS fc^ücf)terneö 
aSBe^en beö @eiftei8 ber Slufflärung. Seseid^nenb für baS 9Kafe ber= 
felben ift eS, bafe ber Sturfürft tt)ä^renb beS bo^erifd^en SReid^^uifariateö 
SBolf jum 9ieicf)§freil)errn ernannte, bie SBibmung eineö SBerfeS aber, 
n?elcf|e SBolf jum S)anf bafür beabfidE)tigte, jurüdEmieS. Diefer ©tärfe 
ber ©emegung entfprid^t genau ber gefe^geberifc^e ©ntfcftlufe, ju 
metc^cm man Ijier gelangte. aBätjrenb man in ^reufecn eine 
reformatorifc^e Sobification erftrebte, ging man in Söa^ern nid^t ^inauS 

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IV. ®cfctficbun0. 3) treittmo^r. 225 

über bcn S33uTt)d^ nad^ ein^citüd^er 3^föninienfaffung bcö beftet)enben 
Siec^tc^, toeld^e^ bei biefer ®etegcnl)ett beffer gcorbnet unb öon feinen 
jQ^lreicfien ©trettfragen befreit njerbcn follte. Qxüax fügte man nod) 
f|inju, eö folle babci „ben STnforberungen ber (SegentDort" beffer 
angepaßt tperben ; babet ba^te man aber nic^t on bie naturred^tlic^en 
?inforberungen ber Slufflärung, fonbern lebiglidi an bie Slnfprüd^e 
ber fefter gefd^Ioffenen neujcitlic^en Staate unb SRed^tgöernjattung, 
allenfalls an leidste 2lenberungen jum ©el(ufe ber ^ßrojefe^SSerfürjung. 

3ur Söfung ber f|ierburd^ beftimmten 2lufgobe n)urbe berufen 
333igu[aeuS Sau. Slto^fiuS Äreittma^r, ein SJiann, ber bis ba^in 
auSfd^Iie§Iid^ in ber ^rajis ber ©erid^te unb ber SSertoaltung geftanben 
^atte. 3m 3al)re 1750 ging er an bie STrbeit; mit ©efe^eSfraft 
erfc^ienen am 7. Dctober 1751 ber Codex juris criminalis Bavarici ; 
am 14. 3)ecember 1753 ber Codex juris Bavarici judicialis; am 
2. Sanuar 1756 enbüd^ ber Codex Maximilianeus Bavaricus 
civilis ober ,,9Zeut)erbcffert unb ergänjt Äurba^erifd^eS fianbred^t". 
3Wit biefen brei ®efe^büd^em ^at fireittma^r baS in ii^n gefegte 
58ertrauen gtänjenb gerechtfertigt. @r l^at fi^ genau an ben i^m 
ert^eilten Auftrag — SRebaction beS geltenben SRed^tS — gehalten, 
gelegentlich felbft unter Opfer eigener befferer ©infid^t; burc^ biefe 
Selbftbefd^eibung aber ift eS i^m gelungen, im Verlaufe njeniger 
Sa^re ein ©efeggebungSnjerf ^injuftellen, njie eS in fold^er ®efc^loffen= 
^eit, ©n^eitlid^feit, ISSoQftänbigfeit auSjufü^ren faum je einem ®efe^eS= 
benfer vergönnt getoefen ift; aucf| in ^a\)nn öerbinbet fi^ bamit 
bie Sefeitigung beS SnftitutS ber 2lftent)erfenbung, mit einer einjigen 
untergeorbneten, bis 1813 toä^renben ?luSna^me. 

®ie ©d^attenfeiten biefer ©efe^gebung fpringen in bie Slugen. 
3)ie aufftärerifc^en ©trebungen uac^ t)umaner 3Kilbe unb äied^tS^ 
gteic^l)eit, nad^ S^rennung Don SReligionS* unb SRec^tSgebot, nacf| 
rationell öfonomifd^er ©e^anblung unb Slnteitung ber Untertl^anen 
finb ebenfotoenig berücffic^tigt, me bie Slnfprüc^ ber naturrec^tlictjen 
^$t)ilofopl^ie auf fd^arfe Prägung ber öegriffe, auf faubere S33at|rung 
eines ©pftemS unb auf SDurtfjfül^rung einer bebuctiöen SKet^obe. S)ie 
SSorjüge liegen me^r nacf) ber tedf|nifcf)en , bem ßaien unauffölligen 
©eite; t)ier erreichen fie ein fold^eS äRafe, bafe fie alle bem ©efe^geber 
ermiefenen S^ren unb gejollte öen?unberung , alle ben ©efe^en ju 
3:^etl geworbene Sanglebigfeit unb 3lnt)änglid^Iett öoHauf red^tfertigen. 
Sie befte^en in ber fidleren Älart)eit ber SBorfd^riften, in ber jtt)ed= 

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224 eec^ftc« Äüpitel. 

ntäfetgen Söfung ber Sontroöerfcn, ttt ber ®ejd^icfltd^feit, jtoifd^u 
ungenügenben Stögemein^ettcn unb übertriebener Äafuiftif bie richtige 
aJittte ju treffen, unb in ber abfoluten S5el)errfci^ung beö SKateriafe, 
auö njelc^em mit öoUen Jpdnben unb bod^ ftet^ überftc^tftd^ gefd^öpft 
lüirb. ^inju fontmt origineQe, geiftreid^e ^Bearbeitung öon folc^n 
@injelf)eiten, n?o freie Setoegung für Jhreittma^r ntögtid^ n^ar. SKe^r 
aber nod) ate aU bieg bürfte ju rüt)men fein bie gefunbe unb glüct 
Ud^e ©teQungnal^me jum SRaturred^t, beffen irrlid^tartige Unfid^er^eit 
Äreittma^r burd^fd^aut, o^ne bod) ganj mit it(m ju bred^en. Snbem 
er ba^er Don bem einl^eimifd^en pofttiöen SRed^t ate bem mafegebenbcn 
audge^t, üerfd^mä^t er bod^ nid^t, ^in unb ttjieber einen allgemeineren 
naturrec^tlidien ©a^ aufjune^men; ganj fremb fd^eint il^m nur bie 
elegante, antiquarifd^*t)iftorifd^e Suriöprubenj geblieben ju fein. 

S)em ©occeji'fd^en ©efe^gebung^plane ift berjenige Äreittma^r'd 
fd^on baburc^ überlegen, ia^ er bem ©trafred^te bie befonbere ©teHung 
ünujeift, n^eld^e feiner SBid^tigfeit entft>rid^t; bie SBerbinbung beffelben 
mit bem öon Socceji öemad^täffigten ©trafproje^ ju einem ©efejj* 
bud^ erfc^eint burd^aug jutreffenb. greilid^ ift eö anbererfeitö eben 
biefeg ®efe^bud[), bei toetd^em bie oben gefd|itberten 9'iad^tf)eile am 
fd^ärfften ^eröortreten. ®raufamfte ©trafarten unb ©traffd^ärfungen, 
?lntt)enbung berfetben auf ©igentl^umg* unb ©ittlid^feitö*2)eficte, auf 
^ärefie unb ^ejerei, bie golter unbeanftanbet unb ungemilbert, an 
SBefeitigung grenjenbc ©nfd^räntung ber SSertl^eibigung, praesumptio 
doli bei SSerfieimlid^ung ber ©d^tt)angerfd^aft unb bei manchen anberen 
Snbijien: ba^ finb freilid^ SH^, toeld^e ein traurige^ ®efammtbilb 
ergeben. Smmerl^in bleiben felbft I)ier bie Älarbeit unb Ueberfid^t^ 
lic^feit beg ©anjen, ja üereinjelt fogar ©onberfä^e — j. SB. über 
SRilberungggrünbe unb über 3;runlent|eit — ju loben. ?lud^ ift biefer 
Codex criminalis ber einjige, toetd^er baö in ?ßreufeen gegebene 
SBeifpiet ber ßobification befolgt t)at, ttjftl^renb für ©itoilfad^en bie 
ba^erifd^e ©efeggebung baö gemeine SRec^t fubfibiör beibeCjielt, fc^Iiefelic^ 
nic^t ju i^rem SRad^t^eil, ia bieg fpäter^in ©elegen^eit bot,' gort^ 
fd^ritte ber gemeinred^tlirf)en SSiffenfd^aft aufjunel^men. 

Site eine aufeerorbentüd^ gelungene Slrbeit tt)irb allgemein ber 
iheittma^r'fd^e Siöilprojefe anerfannt, ber eine Slbfürjung ber ?ßro:= 
jeffe burd^ einjelnc SKaferegeln ber SBereinfad^ung unb ^iifö^"^^"' 
faffung erjielt, o^ne principielle Steuerungen einjufü^ren. — ©ie 
bebeutenbfte Seiftung Äreittma^r'g ift aber bod) tt)ot)t baö materielle 

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IV. ©cfclgcbung. 3) Ärcittma^r. 225 

Giüilrcd^t. Dbfd^on iDibertoiHig, folgt er bartn bem Snftttuttonen:^ 
©ijftcm, mit einem lel^ttred^tlid^en aittl^ange. Snl^alttici^ fc^öpft er auig 
bem Sfiömifdien unb gemeinen JRed^t, befonberö gemäfe ber ßiteratur 
bc§ usus modernus ; avS bem ftird^enrcd^t, namcnttid^ für Sl^ered^t, 
3c^nt* unb ©rbfotgered^t ber Älerifcr; au^ beutfd^en SRcid^ögefc^en 
nid^t nur, fonbern öielfad^ aud^ au^ tolalen, öaterlänbifd^n Siedeten : 
ber ®efeßgebung Don 1616, ber SReil^c älterer SSerorbnungen, bem 
®eric|tggebraud^ unb altl^ergebrad^ten ®ett»ol^nf|eiten. ®o ftefjt ÄTcitts^ 
ma^r bem SSömifd^en JRed^t »eit freier gegenüber afe Socceji, ber 
fid^ an ba^felbe binbet, n)äf|renb er reinem Siaturred^t ju fe^en meint. 
Sn Satem n)erben germaniftifdEje Snftitute unb Sanbe^gebräuc^e 
energtfd^ feftgel^alten, öerattete 5ßanbeftentitel unb 9lftionen ftnb 
toenigften^ ftarl öerfürjt, »enn Äreittma^r ftd£) aud^ an mand^e 
romifd^e ©ubtiKtäten burd^ feinen ?Iuftrag ftrenger gebunben fal^. 
@e^t er bod^ felbft bei @ntfd£)eibung ber ßontroöerfen fo njeit, ftd^ 
nid^t nai) ber eigenen Ueberjeugung ju ridEjten, fonbern nad^ ber 
gemeinen ober gemeineren ?tnfid^t, njeld^e er ju biefem Sefjufe forg* 
fältig erforfd^t. 3Bo if|n bie ganj öernjorrene unb ^altlofe gemeine 
Se^re jebod^ im ©tid^ läfet, ba« ^ei§t ber greil^eit njieber giebt, ba 
ttjeife 5h:eittma^r aud^ afe tüd^tiger unb praftifd^er SRed^töfd^öpfer fid^ 
ju betoäfiren, beffen ©d^öpfungen bann ttjol^l loieber auf ba^ gemeine 
SRed^t aufeer^alb Saieruig jurüdgenjirft l^aben. 5)em (ginfluffe, meldten 
meiter^in ©etoo^nl^eit, ^ßrajiS unb SBiffenfd^aft auf fein Siedet üben 
mögen, fömmt ftreittma^r ebenfo toeit^erjig entgegen, n)ie Socceji 
l)ier Meinlid^ Dorfid^tig üerfal^ren loar. S)er praftifd^e @eift, ber ftd^ 
überall möglid^ft bet^ätigt, bie [fd^Iid^te aber entfd^iebene ©efe^e^^ 
ftnrad^e jeigen, ba§ Äreittma^r fid^ ber ©teöung be^ ®efe|geber^ 
üoßbetoufet ift. @r tt)ei§, bafe bag geltenbe JRed^t auf ben ©eboten 
nid^t ber 5ß^iIofop^ie, fonbern biefeö feinet (Sefefeeö berul^en ttjirb; 
bem entfprid^t bie überaß, hinter aQer perfönlid^en ©elbftöerleugnung, 
^ert)ortretenbe fad^Iid^e geftigteit. 

daneben aber empfanb Äreittma^r bai8 SBebürfnife, fein SBerf 
ju red^tfertigen unb au^ulegen. ©o ging er, umgefel^rt n)ie ßocceji, 
öon ber legi^Iatiöen Jjur literarifd^en Sl^ätigfeit über mittefe ber 
„Snmerfungen'', njeld^e er über feine ©efe^büd^er Ijerauggab. Sn 
be^aglid^er ^Breite, burd^ berben §umor getoürjt, jeigt er ba bie 
ganje gfille feiner (Selel^rfamfeit unb Selefenl^eit, citirt mit feltener 
iBoQftänbigfeit alle älteren unb gleid^jeitigen Autoren bi^ auf bereu 

2anhihexQ, 0ef c^d^te ber beutf c^en Mec^tSmtff enf c^aft. Xect. 15 

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226 @cd^ftc8 Äapitcl. 

ctnäeinc ©iffertationen, ftellt bie ?Inftd^ten über jeben 5ßunft äufamincn 
iinb prüft fte üorurtl^etfölo^ t)on gaH ju gatt an bem ÜKafeftabe 
eigener ©rfal^rungen, wobei mand^ fräftig treffenbcg 3Bort gefproc^en 
ttjtrb. 5)iefe Sfnmcrhtngen bieten bafjer ni^t nur für ben baierifd^en 
Suriften eine faft aut^entifd^e Interpretation ber ©efc^bücfter, fonbern 
aud^ für ben ®emeinred^tter ein getreue^ ©piegelbilb ber Sage um 
bie SKitte beö loorigen Sal^rljunbertg. 9?ac^ ber älbftd^t beö SSerfaffer^ 
foßten fie gleid^jeitig für ben juriftifd^en Uniöerfttät^unterrid^t in 
SBaiern bienen; afe Sinfül^rung fiierju unb in feine ®efefegebung 
»erfaßte Äreittma^r nod^ einen „(Srunbrife ber gemeinen unb baicrifd^en 
5ßrit)atred^tggelef|rfamfeit\ 2»ünd^en 1768. 

©inmal in bie fd^riftftcHerifd^e ^obuftiüität l^ineingeratl^en, 
ttjanbte Äreittma^r über bie äWaterien feiner ©efe^gebung l^intoeg 
ftd^ Weiterhin ben ©toffen ju, bie i^m burd^ feine frühere 2;^ätiglett 
unb burd^ feine jcfeige Stellung afe baierifd^er Äanjier nal^e lagen: 
bem ©taatg' unb SSernjaltunggred^t. — ©ereit^ ber fünfte öanb ber 
,,2lnmer!Eungen jum ßanbred^t'' le^nt fid^ an biefe^ ®efe|bud^ nur 
nod^ an mit bem erften, tel^nred^tlid^en Äapitel; beö Weiteren bc= 
l^anbelt er ^alb publiciftifd^e 5)inge, ttjeld)e baö Sanbred^t nid^t (ober 
bod^ nur mit einigen SBortcn) berül^rt, nämlic^ ba§ befonbere SRec^t 
einjelner ©tänbe: ber ©eiftlid^cn, be^ 9KiIitärö, be« Slbete, ber ®e= 
lelirten, ber Beamten, ber öürger, ftaufleute, ^anbwerfcr unb 
Säuern, ber e^rlofen ßeute, ber 9ieIigion3^®efeUfd^aften unb ber 
(Semeinben. 3n biefer SInorbnung, meldte bie SSerfd^ieben^eit ber 
©tänbe an baS @nbe beö ©^ftemö öerlegt, ift ber 9(n!Iang an eine 
S^omaftfd^e Sbee unüerfennbar ; ber Sn^alt aber ift gerabe ^ier 
befonberg reid^ an Sluffd^Iüffen aller ?lrt, fo bafe 5. ©. $ßütter biefen 
Sanb ate einjig braud^bar rüt|mt. — SSon ba jum eigentlichen 
©taatöred^t gelangen wir mit Äreittma^r'ö „®runbri6 beö aßgemeinen, 
beutfdien unb bairifd^en ©taat^red^tig", SlTiünd^en unb Seipgig 1769 
big 1770. S)ag SBerf ift wiffenf^aftlic^ bebeutfam fd^on beg^alb, 
weit eö, genau im ©inne 3Rofer'g, baö ©taat^red^t eineö einjelnen 
Xerritoriumg barfteHt, unb jwar forgfam gefonbert Don bem p^ilo^ 
fop^ifd^^abftraften unb bon bem allgemeinen beutfd[)en ©taatörec^t, in 
fd^arfer 5)rcitl^eilung. ©elbftöerftänblidEi ift aber aud^ ftofflic^ ber britte 
territoriale Xfjeil, bon einem fold^en äWanne nadfj foIdEien ©rfal^rungen 
in fotd^en Stellungen gefdjrieben, unfd^ä^bar. — Stimmt man l^inju, 
bafe ÄYeittma^r bie meriwürbigften furbaterifdjen „®eneralien unb 

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IV. (äJcfc^gcbung. 3) Ihreittnta^t. 227 

Sanbe^orbnungcn'' in f^ftcmatifc^er Drbnung gefammclt unb bamit 
cm für feine 3^tt gonj einjigeiB SBerftänbnife be^ aSerttjaltungöred^tö 
befunbet I)at, fo fte^t man, bafe SBaiem biefem SRanne nid^t bloe' 
eine umfaffenbe ®efeggebung üerbanft, fonbcm aud^ eine DoHftönbige 
njiffenfd^aftüdie Bearbeitung feine« gefammten bürgerlid^en unb offent- 
(id^en Sled^tö, roie ftd^ beren au« jener @pod^e lein anberer beutfd^er 
©injelftaat rühmen fann. 

SKan barf tüoijl annehmen, ba§, bei aller jefuitifd^en (grsiel^ung 
unb tro^ jtDeifeltofen ©lauben« an ^ejen** unb ®efpenftertt>efen, 
Äteittma^r etoa« liberaler geftnnt toar, afe feine ®efe|gebung. ®o 
fprid^t er ftd) perfdnlid^ bebenflid^ über bie golter au«. Sr förberte 
bie ©rünbung einer baierifd^en Slfabemie ber SBiffenfc^aften unb 
tüurbe, afe biefe 1759 ju ©tanbe fam, i^r SSiäe^^^ßräfibent. 3lad) 
bem reaftionär^Iterifalen Umfdinjunge, ber feit 1778 mit Shirfürft 
Sari 2;i^eobor eintrat, fd^eint er felbft üon ber ftaat«männifc^en 
^^ätigfeit möglid^ft fid^ jurüdEgejogen ju ^aben, ttjennfd^on er in 
?fmt unb ?lnfel^en blieb. 

33on ber öebeutung, n)eld^e fein gefe|geberifd^e« Se6en«tt)erl für 
ganj 5)eutfd^Ianb, für bie ©ntttjidtlung ber gefammten bcutfd^cn 
©efe^gebung unb 9ted)t«tt)iffenfd^aft gewinnen mufete, gab Äreittma^r 
fi^ genaue JRe^enfd^aft, in SBürbigung ber gleid^artigen SSorgänge 
in ^ßreufeen unb ber ä^nlid^en ^rojefte in anberen Sterritorien ; e« 
fc^eine fid^ bamit, fo fagt er, eine „gang neue epocha jurisprudentiae 
Gennanicae aufjut^un". 3ft bie« nun au^ nic^t fo rafdj erfolgt, 
toie Sreittmatir meinte, fo bleiben bod^ feine unb ßocceji'« fieiftungen 
bebeutfame SKarffteine am abftnfenben 2Bege be« gemeinen 9ted^t«; 
^u ber ©elbftauflöfung burd^ tt)iQfürIid)e Äafuiftil unb burd^ ben 
€iö^enbienft be« abftraften 9?aturre^t« gefeöen ftd) fjiermit, Don 
aufecn^er fräftig geführt, bie jertrümmernben ©erläge ber ^territorial^ 
(Sobifüation. 



15 • 

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Die 2lntiquttätmforfd?ung- 



I. 3)ic romaniftifcft*cIegQntc. 1) ^n rein l^oHänbifc^cr 3Bctfc. 2) 3n SScrbinbung 

mit 3)cutfc^cm »Icc^t. U. S)ic gcrmaniftifc^c. 1) ©injclnc. 2) gtanffurt a. ?K. 

3) ^annoDet. 4) 3n weiteten j^reifen, natnentüd^ an ber Oftfee. 

I. 1. ©c^on SBurmann I)atte gemeint, mit ©d^ulting »erbe bte 
Eujacijc^e SRe^tötuiffenfc^aft toofjll au^fterben, »ä^renb gteid^jeitig 
95^n!er«f|oef über bcn SRnngel an guten ^ßrofefforen ber JRed^t^ 
gelel^rfamfeit ftagte. Il^eitoeife finbet biefer Umftanb tDo\)l barin 
feine ©rflärung, ba§ bie ^DÖänbifd^e 5ßl^tIotogie ftd^ bamote t)on bem 
ßateinifdien abfeierte, um fid^ bem ©ried^if^en ftärler jujutoeuben^ 
wobei bag SRömifd^e SRec^t für fte in ben ^intergrunb trat. 

Unter ben 3)eutfd^cn, ttjel^e jener aömä^Iid^ au^fterbenben 
SRic^tung einer rein romaniftifd^en Sleganj noc^ nad^ ^einecciuö^ 
folgen, ift an erfter ©teile ju nennen Abraham SBieling, ein 
©dEjüIer ^omberg'g, 9ieinI|olb'g unb Soerl^orb Dtto'3, geboren ju 
§amm, faft auj^fd^Iiefelic^ in ^oQanb t^ätig. @r ift ^auptfäd^Iid^ 
befannt burd^ feine Jurisprudentia restituta, Stmfterbam 1727 ; ba^ 
ift im toefentlid^en eine neue Äuggabe ber Indices üon Sabittu^^ 
?luguftinug unb Jyre^mon, mit einigen neuen Sßoten unb in bequemerer 
Orbnung. ÜBäieling'^ eigene Arbeiten bejielien fid^ tt)eife auf bcn 
lejt ber Sied^t^büdEjer, unb jttjar im conferüatiüen ©inne, tl^eil^ auf 
bie SBieber^erftellung beg (Sbift^, in öejug auf ttjeld^g feine SSer= 
bienfte nod^ öon §ugo gerühmt tt)erben. — 9lebenbei mit bem 3Sor=^ 
trag be^ beutfd^en ©taat^red^t« für bie ja^Ireid^ in ^oUanb ftubirenben 
©übbeutfd^en betraut, ^at SBieling fid[) auf biefem getbc literarifdE^ 



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I. Komaniftifc^c «ntiquttätcnfotf(^ung. 1) 3n rein ^ofl&nb. SBcifc. 229 

nur betätigt burd^ jtüei SRcben über bic pragmotifd^e ©anction, 
Utrc^t 1741 unb 1743, in tüct^cn er fid^ für bie ©üttigfett bicfe« 
(Sefe^e^ ju ®unften SRarta 2:^cre[ia'i^ ou^fprtc^t. 

SRod^ auöfd^Iiefeltd^er ^l^ilologe, mie er benn aud) ate fold^cr 
^auptfäd^fic^ t^ätig lüar, ift Äarl Stnbreaö S)ufer qu^ Unna, 
©dualer bcg 5ßcrijoniu^ unb be^ ©^ulttng, Set)rer ju Utred^t. 5)ie 
T)on i^m 1711 gefontmetten Opuscula de Latinitate ICtorum 
veterum finb nomentdd^ g^f^äfet wegen ber furgen SRoten bc^ 
^erau^geber^, wie er bcrcn aud) ju ben 3nftituttonen unb ju 
gricc^ifd^en Sicd^t^quellen »erfafet I|at. 

Unter ben gleid^seitigen beutfd^en 5ß^iIologeu jcid^nete fic^ burd| 
^Beiträge jum SRömifdien Siedete auS bie Sendete ber 2lItorfer Uni^^ 
tjerfität, ß^rifttan ©ottlieb ©c^njarj, öon bem übrigen^ aud^ 
TiQturred^tlic^c ©iffertationen I^errül^ren. 2)ie juriftifc^antiquarif^en 
finb me^rfoc^ in ©ammtungen erfd^icnen; eö n^irb i^nen namentUd^ 
bie ^cranjiel^ung bilbtid^er 35enfmäler beg Slttert^umö nad^gerülimt. 
^m SBert^DoIlften bürftcn borunter fein eine ^anbfd^riftenbergleid^ung 
^um ^roömium ber Snftitutionen unb eine 9lbt)anbhing über bic 
J^tagc, ob unfer ^onbeftentejt ougfc^tiefelid^ Don ber Florentina 
{)crftamme. SSrcnfmann l^atte biefe grage abfolut bejat|t; ©dEimarj 
%ei)t bagegen mit großer geinl^eit unb 9?orfid^t ju Jöerfe unb fontmt 
^u einem ettoaö abtt)eic^enben ©rgebniffe, toelc^eö fidt) bem ^eute 
burd^ 9D?ommfen feftgeftellten 5;^atbeftanb, einfd^lieftlid^ ber S8egrün== 
bung, auffaltenb nähert. 

%n6) ber befannte 5ßt)itoIoge unb Srd^äologe 3o^ann grieb:= 
rid^ g^rift f)at feine SSielfeitigfeit bem SRömifc^en SRed^te ju ®ute 
fommen laffen, namentlidEi in einer Snjal^I t)on Dbferöationen über 
ontiquarifd^e ©injell^eiten. S)Qgegen njirb too^ ate auöfd^tieBIid^ 
p^ilologifd^eg 3Berf ju betrachten fein 3of)ann 9luguft Srnefti'g 
Clavis Ciceroniana, fo braud)bar unb nüfelid^ e^ fid^ ouc^ für bie 
römifd^e 9ied)tggefd^id)te ertoiefen \)at, 

3;reff(id^e ?lrbeiten auf biefem ©ebiete lieferte auö feiner gelehrten 
lOiufee ber Hamburger Jllbred^t S)ietrid^3;refeH, beffen „Äletne 
beutfd^e Slüffä^e" nod^ 1817 öon §auboIb gefommelt toorben finb, 
cbcnfo lüie feine SRecenfionen über einige ben Unterfc^ieb s^ifdEien 
res mancipi unb nee mancipi betjonbelnbe ©d^riften üon $ugo 
in bag ciüiüftifc^e aRogagin (93anb 2 @. 57 f.) aufgenommen tourben, 
mit ber Scmerfung, bafe man fic§ i^nen beinalje bud^ftäbtid^ anfd^liefeen 

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230 ©icBcnte» Äa^itcl. 

tönnc. %xdeü'^ erfte Slb^anblung bejeid^net §auboIb ol» ein 9Kufter 
f)tftorifd^er Unterfud^ung über ba^ SRömtfc^e Siedet; fte erörtert bie 
®efd^td^te ber S^eftament^formen unb öerbient jene^ Sob t^atfäc^Iic^ 
burd^ genaue quettenmäfeige Sntiüidtung beö ^iftorif^en SBerbegange«. 
§au|)ttt)erf %tdeW^ aber tft fein Seitrag ju ben römifd^en ?nter== 
t^ümern, §aag 1744, ttjortn er befonberö über bie bürgerrec^tUd^en 
Sierpitniffe ^anbelt. 

(£^riftian§einrid)2;ro| nimmt eine eigentümliche Stellung 
ein unter, ben in ^oUanb lel^renben ©eutf^en, inbem er mit ber 
nieberlänbifd^ pl^ilologifd^en ©d^ulung eine ^allifd^e SBorbilbung 
üerbinbet. 3n feiner Slntritt^rebe ju granefer beruft er fic^ ouf 
2;i)omafiug unb 3;itiuö, um greil^eit ber ®ebanfen unb ber ©prad^e 
in religiöfen unb in ttjiffenfd^afttid^en fragen ju beanfprud^en. S)a§ 
^oUänbifd^e Staatsrecht ift burd| il^n jum erften äßate miffenfd^aft=^ 
tid^ be^anbett unb gelehrt morben, unter SSerfd^meljung beS 9ted^te§ 
ber einjelnen niebertänbifd^en 5ßrot)injen, nad^ Stnalogie beS beutfd^ert 
JReid^grec^tS. (Sbenfo ^at er juerft bie bortigen lanbrnirtl^fd^aftUd^ert 
3Serl^äItniffe be^anbelt, nid^t bloö öom prit)atred)tlic^en ®efic^tgpunfte 
aus, fonbern mit tDirtf|fcf)aftIid)em SSerftänbniffe, als ®runbtage beS 
öffentlid^en Sied^tSäuftanbeS. ^ierl^er gel^ört er njegen beS gleich- 
zeitigen 2BerfeS über bie SSerpItniffe ber römifcf)en fianbttjirtl^fdjaft, 
meIrfieS bie agrarifd^e ©efe^gebung Derfolgt, fonft aber ein Seitrag 
me^r jur 3ntertl)umSfunbe ate jur SuriSprubenj ift. Sle^nlid^ ftel|t 
eS um feinen Tractatus juris de memoria propagata, Utred^t 1743. 
Sud) burd^ ©ammlung unb Verausgabe öon SBerfen anberer eleganter 
Tutoren ^at er fid) Sßerbienfte ern^orben. 

SSillielm Otto SRei^ tt)ar gebürtig auS Offenbad^ a. HWain, 
fpäter aber auSfd^tiefelicf) tljötig in ^oHanb. @r übertrug bie Ijetleniftifd^e 
JRid^tung ber l^oÜänbifc^en ^^ilologen auf benjenigen ^^^^9 ^^^ SRec^tS^^ 
miffenfd^aft, njo fie öon 9?ufeen fein fonnte, inbem er fic^ ben SB^gan^ 
tinern mibmete. ^wnäc^ft beburften biefe befferer ausgaben; babei 
bot fic^ bann jugteic^ bie (Gelegenheit, in ben SSorreben ©tubien über 
i^ren Urfprung, il^re S^^fQ^^^c^Ö^^ö^ifl^cit unb if)r ?lbpngigfeitS=^ 
öer^ältnife üoneinanber anäuftellen. SeibeS liefert SRei^ in feltener 
3Jieifterfc^aft. 9Sor aÜem üerbanfen luir i^m bie Ilaffifd^e ?(uSgabe 
unb bie befte lateinifd^e Uebcrfefeung ber 3nftitutionen*^arap^rafe beS 
Xf)eopI|iIuS, ßaag 1751, auSgeftattet mit einem reid^en Slpparat an 
Sorreben, Sßoten, Varianten unb (Sjfurfen. S)iefeS SBerf unermübtic^en 

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I. Slomaniftifc^e 3lntiquitätcnforf(i^ung. 1) 3n rein ^oflänb. SBcife. 231 

gleifecg unb femften SSerftänbntffe« l^at fid^ ftetö unb bte auf unfere 
3;oge DoHer änerfenttung feiten^ ber ftenncr erfreut ; bem (Sried^ifc^en 
femerfte^enbe Suriften, welche beö Sljeopl^ttug bebürfen, pflegen bie 
Siei^'fci^e Ueberfe^ung ftatt beö Driginate faft ungeprüft f|tnjunef)men ; 
fclbft burd^ ha^, erft 1884 begonnene, Unternehmen einer mobernen 
?lu^gabe ift biefe Autorität faum erfc^üttert toorben. S)ie eigenen 
SluÄfü^rungen be^ §erau^geber^ erftredfeu fic^ auf ciüilifttfd^e 3ln== 
toenbungöfälle unb auf rec^tSgefc^id^tlid^e Unterf ud)ungen ; unter 
festeren ift grunblegenb ein ©Efurö mit (Sjcerpten aug ben Safilifen, 
jur Seftimmung ber fieben^jcit 3uftinianifc^er 3uriften. 

S)ie übrigen Seiträge üou 9iei|, in lüeld^en bie fpäteren S^jan* 
tiner bel^anbelt njerben, bereid^ern ben üon Sßeermann fierauögegebenen 
Novus thesaurus. S)ort fiuben fidE| junäd^ft bie Sudler 49 biö 52 
ber Söafilifcu nad^ einer ^arifer §anbf^rift mit Ueberfe^ung, 
fritifc^eu unb juriftifc^en SWoten, fo muftergültig beforgt, bafe biefe 
Sudler nod^ in bie §eimbac^'f^e SBafilifen-Stu^gabe barauig faft 
mörtlid^ übernommen »erben lonnten. ®aran reil^en fic^ ^Ib^anb- 
lungen über Theodorus Hermopolita, ja^Ireic^e SWac^träge aQer ?trt 
unb bog te^te grofee SBJerl unfereö Siei^, feine 1780 poftum erfd^ienene 
Ausgabe Don bei^ Constantinus Harmenopulus Manuale legum, 
mieberum mit SWoten, B^f^l^^ ^^^ ^^ einer Ueberfefeung, loetd^e 
Don ^eimbad^ überall ba njörtlid^ beibef|a(ten würbe, too nid^t 
iujtoif^eu aufgefunbene ^anbf^riften ben Sejt felbft änberten. 3m 
SJortüorte finb u. a. jum SSergleic^e bie faiferlid^en SSorreben unb 
bie SiteltabeHe be^ IlQoxeiQog vo/jog t)on öafiliuö, Sonftantin unb 
fleo abgebrudt. 

©0 umfaßt 9tei^ ben gaujen ^ti^ ber S^jantiner. Slufeerbem 
f)at er fid^ SSerbienfte ertoorben um ben S^ejt ber 3uftinianifc^en 
3nftitutionen , inbem er neue Seöarten ju benfe(ben beröffentlidEite ; 
biefe^ublifation fanb bann SBenufeung in ber öon Sodann 99ern= 
^arb Äöl^ter unter ©ebauer'^ Seitung beforgten Snftitutionen== 
Slu^gabc üon 1772, beren S^ejt in ba§ @pangenberg'fdE|e Corpus 
juris civilis, ®öttingen 1776, überging. 

3ö^ann S)aniel SRitter, ^rofeffor ju SBittenberg, ein 
®^üler beö Äortte, !^at bie Stiäantiner ebtn nur berüfjrt; feine 
^arbeiten gelten l^auptföd^Iid^ ben tateinifd^en Duellen unb ^ier toieber 
öor allem bem Codex Theodosianus. S)ie 9iitter'fd^e ?(uggabe beö= 
felbcn bilbet jtoar pnäd^ft nur eine SBieberl^oIung ber (Sot^ofrebifd^en 



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232 (Siebentes Äa<)itel. 

mit i^ren fämmtlid^en ?loten unb S^fäfecn; »a^ babei ober gcletftet 
tft nid^t bloö burd^ iteuc Seiträge, fottbem namentlid^ an ftiU- 
fd^ttjetgenben SBerbefferungen, baüon tann man fid^ nur bann Siechen* 
fd^aft geben, Jüenn man bebenit, ba§ fd^on bie crfte Slu^gabe biefer 
jed^g goüanten nid)t Don ©ot^ofrebug felbft beforgt ttjorben ift, fon^^ 
bem auö beffen Jlotijen, erft nac^ feinem Xobe, öon ?lnt. ÜKaröiüe. 
S)iefer tpar babet, njie SRttter entbedEte, leid^tfertig unb plantoö öer^ 
fal^reu; aöe ßitate njaren ^u fontroliren, üielfac^ erft an bie richtige 
©teile ju fe^en, t^eiltüeife aud^ ^u ergänjen; bie Siejtc beö ®efe§cö 
foiüie beö ®ott)ofrebifd£)en Sommentarö Jüaren ganj neu burd^ju* 
arbeiten; erft inbem er all bieg in muftergültiger SBeife mit ftummer 
©elbftioerleugnung beforgte, l^at SRitter bie bon 9»art)ilte not^bürftig 
geborgenen ©^ä|e bem täglichen juriftifc^en ©ebrauc^ erf^Ioffen. 
SRamentß^ bie Ueberfid^ten be^ legten Steife fönnen fid^ mit Siecht 
ate nun erft ju berjenigen SSoUenbung gelangt bejeid^nen, toelc^e 
fie ettt)a erreid^t l^aben mürben, ttjenn ©otl^ofrebuö felbft bie ab* 
fd)IieJ5enbe §anb an feine Sfrbeit gelegt l^ätte. 9Bag aber gar bie 
legten 2lnl)änge betrifft, fo l^anbelt eig fid^ ^ier um eine toafire 9?eu= 
fd^öpfung Siitter'g, ba 3Wart)iQe bie ©irmonbifd^en Sonftitutionen gar 
nid^t, bie üon i^m erft jugefügten SWoöellen ber 5?aifer Don 2^^eobofiug 
big Äntl^eming aber mit I)öc^ft mangelhaftem Sejte unb o^ne ßom- 
mentar geliefert ^atte: l^ier tritt Siitter ganj an bie ©teQe ©ot^ofreb'g, 
meld)e er t)oUtt)ertI|ig auffüllt. 

9?amentlidö burc^ bie fpöteren öänbe ber Xtjeobofiug* ausgäbe 
toud^g ber 3iuf Siitter'g fo, bafe fid^ t)on ^oQanb aug eifrige SSerleger 
mit üerfc^iebenen $ßlanen an ü)n tt)anbten. Qvlx Slugfü^rung getaugte 
blog eineg biefer ^rojefte, burd) bie 1748 ju Serben erfc^ienene 
?luggabe üon beg §einecciug Historia juris. SBSieber ^anbelt eg fici) 
fott)of|I um njeitgreifenbe, ftiUfc^ttjeigenbe SSerbefferungen unb aSerüoII' 
ftönbigungen üon Gitaten unb I)aten, n)ie um bie 3^föS^"9 "^"^^ 
9loten, weld^e fad)Iid^ berbeffem, nid)t fetten in einfd^neibenber SBeife. 
®ag JBud^ ^at babei an Sraud^barfeit, ©otibität unb ©ete^rfamfeit 
ujefenttid^ gettjonnen; jeboc^ reicht bie Siitter'fd^e S5earbeitung nur 
big an bag Snbe beg erften Sil^eilg, fie bridE|t ab, too bie ®efc^ic^te 
beg S)eutfc^en SRed^tg einfe^t. — §tuf bie ©efc^ic^te beg Stömifc^en 
Slec^tg begießen fid^ ferner eine Steige fteinerer 9[rbciten SJitter'g, fo 
namentlid^ fein Programm über bie ^räfelten ber 5ßrätorianer unb 
feine Slbl^anbtung über bie Slrten ber SBegegered^tigleit. 



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I. gflomaniftiftiftc SCntiquitätenforfd^ung. 2) W,t 3)eutWcm Siedet. 233 

(Sin ©cf)üfer Siitter'ö war ber f})äter at^ legtet großer SScrtreter 
bcr ^oUänbtfdien ^IjUoIogte ju Serben fo berühmt gctoorbcne 5)aöib 
Siu^nlett (1723—1798) aug ©totp in 5ßommern, auf bem ®^m^ 
naftum ju Königsberg ©c^ulgenoffe t)on Smmanuel Äant. Seboc^ 
t)erga6 berfelbe gar balb ber in SBittenberg empfangenen jurifttf^en 
?lnregung : ate einjigeö . litcrarifd^eö ä^^fl^ife ^e'mtx 9ted^tgftubien unb 
feiner Sejic^nngen ju SRitter unb ju SReife beft|en tt)ir eine öon il^m 
beforgte ausgäbe b^jantinifc^er Sommentatoren mit lateinif^er Ueber^^ 
fe|ung unb mit Sloten. Unb felbft biefe Dereinjeltc Seiftung ift nur 
auig äußeren SRüdfid^ten, auf STufforberung burd) ^emfter^uis, ent- 
ftonben. SRic^t Diet anberS fteljt eS um bie 2;t)ätigfeit beS berühmten 
©ötttnger« ß. ®. §e^ne (1729—1812). Sr mar ein ©d^üler »ac^'g 
unb mufete eine 3ctt lang bie SuriSprubeuj afe SBrotftubium betreiben; 
tro^bem l^at er fic^ bcrfelben fdiriftfteUerifd^ faum genöl)ert. ©eine 
„Antiquitas Romana, imprimis juris Romani*', ©öttingen 1779, 
ift ein ®runbri§ ju SSorlefungen lebiglic^ für 5ß^itofogen. ^lufeerbem 
tonnten aU juriftifc^e f)öd^ftenS öereinjette feiner ja^Ireid^en Slb^anb== 
hingen in öetrad^t fommen, jebenfaltö aber nur foIcf)e Don geringer 
^ebeutung. ©o uoQftänbig abgeftorben ift bei ber 5ßf)iIoIogie ber 
flaffifd^etegante betrieb ber 9fiecl^tött)iffenfd)aft, nac^bem er in 3{ei^ 
unb SRitter feine legten bebeutenben SSertreter gefunben ^at. 

2. Seb^aftere Setoegung l^errfd^t in ber (Gruppe berjenigen, njeld^e 
nac^ bem SSorgange beö §einecciu§ neben ben römifc^en gleichberechtigt 
beutfd^e Slltert^ümer jum ©egenftanbe nehmen. Snnerfjalb biefer 
©ruppe treffen toir SKänner üon feineSttjegS geringerer p^ilo(ogifd)er 
©d^ulung, bie ficf) felbft atö elegante Suriften mit ©tolj bcjeid^nen: 
aber baS bogmatifd^e ober praftifc^e Sntereffe fömmt l^ier ftärfer Jur 
<SeItung, bie rein p()iIoIogifcf)en 3^agen treten in ben ^intergrunb, 
mit ber 5ßflege beS Seutfdjen 3iecf)tS üerbinbet fidj beutfc^e ©efinnung. 

Qu ben l^umaniftifc^ öoUbeglaubigten Suriftcn geprt 3ol^ann 
SBill^elm §offmann, ©tiefbruber beö früf)er betianbelten Stirtftian 
©ottfrieb, ©c^üter biefeö unb beS §einecciu!g, ein 2Rann, ber tt)iffen= 
fd^aftlid^en SRuf unb treffüd^e SSerfe ^interlaffen ^at, obfd^on er nod^ 
ni^t brci6igjät)rig geftorben ift. Sie ftaateredjtlid^en 3lrbeiten, }u 
TOelcf)en er bebeutenbc gefd|icf)t(ic^e Äenntniffe mitbrachte, faflen tro^ 
berfelben toeniger in'ö ©etoid^t. S)en burdjfcf)tagenben @rfo(g erhielte 
er öielmel^r invä) feine eleganten @d)riften; fd|on beren erfte, eine 
^b^anblung t)on 1732, ad legem Juliam de adulteriis coercendis. 



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234 ©iebenteS Stapittl 

erregte gercc^tfertigtcö Stuffel^en atnb toaxb für bie weitere Stuffaffuug 
mafegebenb, inbem ^emecciu^ bte ©rgcbniffe in fein Se^rbuc^ über* 
na^m. aSentger glücfüc^ toax ft)oI|t ein SSerfud^, bie Lex Falcidia 
QM^ ber 5ßoIitif ber Xriumüim ju erffären. Sine {Reil^e öon Se«^ 
merlungen jur Ärittf unb Interpretation ber 5ßanbelten, Meletemata 
academica ad Pandectas, granffurt 1735, öerbienten befto me^r 
ben lebhaften Seifall, mit metd^em fie begrüjjt ttjnrben. SSoraufs^ 
gefd^idft ift ein 5ßrogramm de dialectica veterum ICtorum, toeld^e^ 
mit ebenfo öiel ©ele^rfamfeit tvxe natürlid^ gefunber ?Iuffaffung bie 
übertriebenen SSorftellungen öon bem SinjTuffe ber'ftoifc^n ?ß^iIo= 
fop^ie auf bie römifd)en Snriften jurücftpeift. 

5)ie ^iftorifd^e unb p^ilologif^e ©enauigteit, weld^e aßen biefen 
Strbeiten nad^jurütjmen ift, übertrug §offmann auf bie SSel^anblung 
bcig iDeutfd^en Siedete unb feiner 2fltertl|ümer. @r liebt e^ ba, bem 
SBortfinne alter SRed^tSau^brüdEe nac^jugel^en, unb f)anbelt nid^t nur 
t)on mand^en einjelnen SBörtern in einjelnen 3lbl^anblungen, fonbem 
namentlich öon ber SKalbergifc^en ®Ioffe in ber Sammlung, »elc^e 
afö Observationum juris Germanici libri duo, ^ranffurt u. fieipjig 
1738, erf^ien. Unabpngig tion fold^en SBorterMärungen ift ba^ 
Specimen jurisprudentiae symbolicae veterum Germanorum, 
^ranffurt 1736, eine red^t tief greif enbe 3iifönimenfteIIung, toelc^e 
baö ganje SRed^t^f^ftem metl^obifd^ bur^manbert. ©elbftänbige (3^^ 
banfen auf ®runb forgfältiger ©tubien bietet bie furje S)iffertatiou 
de modo judicia privata exercendi apud veteres Germanos, 
oon 1736; bog ^ier nur erft Ängebeutete ju enttoidEeln unb n)eiter 
ju fül^ren, ift §offmann nid^t mel^r in ber Sage gettjefen. 

J^ranj Sari ßonrabi t)at baö ®IüdE gel^abt, ber SSergeffen^ 
f)eit, in ttjeld)e biefe gange Siteratur be^ 18. 3a^rl^unbert^ feit bem 
Sluftreten ber fjiftorifd^en ©d^ute öerfiet, tt)enigften^ auf einige 3^^^ 
^jU entgetien. ®r l^at xdo\)1 afö eine 3trt üon 93orIäufer jener ©d[jule 
gegolten, im ©inne §auboIb'ö etnja, nid^t ganj mit Unrecht, fofern 
man bann nur (Sleid^eg aud) mand^en anberen ber l^ier genannten 
3uriften jugefteljen tt)iU: er ift einer ber tüd^tigften unter it)nen, 
oI)ne fie njefentlidE} ^n überragen. 3n feinen ffeinen ©d^riften, ben 
fog. Parerga, l^at er fic^ SSerbienfte ertoorben um bie JRaioennatifc^en 
^ap^ri, um ben Surgunbifd^en „^apian" unb um bie Erbringung 
beö SRac^njeifeö bafür, bafe Snfd^riften, njelc^e ben ^aulu^ jum 
•ißabuaner ftempefn, auö ber SReuseit ftammen; auc^ feine bort 

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1. IKomanlftifc^c «ntiquitätcnforfci^unö. 2) 9Ktt S)cutf(^em Wcc^t. 235 

getieferte SScrt^eibigung bc^ 5ßaulu^ gegen ftetg toieberfcfirenbe ^ox^ 
mürfe bürfte l^eute noc^ bel^erjigengtpcrtl) fein, dagegen mufete frcilid^ 
fc^itern ein SSerfud^ jur 3nterpretation ber emjtgen bamol^ befannten 
üon ben jtt»ei un^ öorliegenben Tabulae Heracleenses. ©ine be- 
fonberc ?lbl)anblung über bie ®efc^idjte unb SSerf^meljung öon usu- 
capio unb longi temporis praescriptio fann nod) Unter^oljner 
ate ,,fel|r Braunbär" bejeid^nen. Beiträge ©ronob'g jur Stcxtit be^ 
^anbeftentejteö ^ai Sonrabi in rid^tiger ®rfcnntni§ i^rer 3Bid^tigfeit 
überarbeitet unb ju ^aüe 1730 neu herausgegeben. 

©ermaniftifd^e ©tubien gelten neben biefen Siomaniftifd^en ^er, 
etnjaS fpöter beginnenb, bann aber ftetg breiteren 9fJaum einnefimenb. 
SS ^anbelt fi^ junödift um lel^nrec^tli^e SOiatcrien, l^äufig, njte bei 
§offmann, mit befonberer JBemütiung um SrHärung ber alten Sied^t^ 
ttjörter. SSon biefen öoUjie^t ftc^ leid)t ber Uebergang ju ©pri^^^ 
mortem: fo entftanb bie befanntefte unb beliebtefte, obwol^l anonym 
erjd^ienene, germaniftifd^e Slrbeit Gonrabi'S unter bem2;itet: ,,®runb^ 
)ä|e ber teutfd^en Siebte in ©prid^toörtern", §elmftäbt 1745. 3)ie 
Sammlung ift l^ier nodE| red^t furj unb unöoQfommen, baö gange 
SBerflein bebedCt nur 21 5)rudEf eiten ; aber eS ift jum Äern getuorben für 
meitere Beiträge unb Sluögaben, bereu (e^te, ftar! angefd^ttJoUen, burd> 
Äarl ebuarb Otto, bamate 5ßrofeffor in Seipjig, 1823 beforgt ttjurbe. 

Sol^ann ?luguft öad^ ift an^ ber pl^ilologifdien ©d^ule ber 
Smefti unb E^rift fjerüorgegangen , nid^t ol^ne SKittoirfung Siitter'ö, 
ben er fid^ junäd^ft jum SJorbilbe nal|m. ©eine erfte größere Slrbeit 
ift, analog bem Divus Marcus oon 3Beftenberg, ber Divus Trajanus, 
sive de legibus Trajani Imperatoris commentarius, ßeipjig 1747; 
ben ©^lufe biefer ©d)rift bilbet ein lurjer UeberblidE über ben ©taub 
beS Siüilred^tg unb ber SRed^tSttjiffenfd^aft jur SRegierungSgeit S^rajan'S. 
S)aran gliebern fid^ mehrere Keine red)tögefd^id^tlid^e Unterfud)ungen. 
S)ur^ btefe borbereitet, erfd^ien Seipjig 1754 öad^'ig juriftifd^eS ^aupt= 
toerf, bie Historia jurisprudentiae Romanae, loelc^e noc§ 1822 
eine lefete, toon SBend beforgte ?luögabe erleben foQte unb jebenfall^ 
aföbie befte ©ef^id^te be§ 9tömifd^en Sied^tS auö biefer ^eriobe an=^ 
jufelien ift. 3m ©egeufa^e ju äf)nli(^en SBerfen berfelben Qext nm- 
fafet fie bloö bie römifd^e 3ted)tSgef dfjic^te ; über eine tebigtid) äußere 
9lec^tSgefd[)id^te fömmt aud^ fie nid^t ^inauS, obfc^on ber ©djlufe be^ 
3;rajan e§ fo nal)e gelegt ptte, ^in unb njieber einen Slidt auf bie 
innere Sied^tSentnjidCelung ju loerfen; toenigftenö aber jieljt fie bie 

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236 @ic6cntc8 Äa<)itel. 

(Scfd^id^te be^ öffentlid^cn Ste^tö jur erfWrung ber aucaen=®efd^tcl^tc 
i^cran, toa^ fd^on bie ^eitgenoffen ju rül^men luiffen. Um bie lieber* 
legenl^ett beö SBerfei^ ju begrünben, fommen l^inju äaljlretd^e auf eigener 
gorfd^ung berul^enbe (Sinjel^eiten , eittfid^töboUe 9luffaffung unb ge^ 
fd^toffene ©arfteUung. S)er Stbfc^nitt über bie b^jantinifc^e ^ttoide^ 
lung öeripert^et bie unmittelbar üorangel^enben SBerfe ber ©pejial- 
gorf^er unb faßt in golgc beffen befonberS au^fül^rlie^ auö, gegcn== 
über ber früheren ©ürftigfeit ; bagegen ift bie ©efd^ic^te beö SRbmifd^en 
Siechte« im Slbenblanbe, auöfc^Iießlicfi Dom eleganten ®efic^tgpunfte 
üu^, ungenügenb ffijäirt. 

S)em entfprid^t e&, n)enn SBad^'g bogmatifc^e ?lbl)anblungen bie 
Sieigung geigen, ben usus modernus auf feine DueQenmäfeigfeit ju 
^)rüfen, il|m bie gemo^n^eitöred^tlic^e SBegrünbung abjufprcc^en unb 
t)on i^m jum reinen Suftinianifdt)en SRed^t jurüdäutetiren. ?lUcin 
fd^on be^^alb fönnte 8ad^ beonfprud^en, minbeften^ ebenfo fe^r ime 
©onrabi ate SSortäufer ber l^iftorifd^en ©d^ule ju gelten. 

S)arum aber ift öad^ nid|t bloö eleganter SRomanift getücfen. 
^lufeer feinen SSorlefungen über Äird^enrec^t befunbet namenttid^ feine 
Iritifd^e S^ätigfeit umfaffenbe juriftifd^e Sntereffen. ®ie fed^S Sänbe 
ber „Unparteiifdien S^itif über jurtftifrf)e ©d^riften in unb aufeer^alb 
^eutfd^tanb", Seipjig 1750—1758, rü{)ren faft allein üon i^m l^er. 
@ie recenfiren feineöwegjg auöfd^liefelic^ Kaffifd^ 5ß^ilologifc^eö, fonbem 
befd^äftigen fid) auc^ öoü aierftänbniß unb Siebe mit ben germaniftifc^en 
tffierfen eine^ (Sftor, 5ßütter, ©elc^ott), ©endenberg; unb üor allem: 
fie finb beutfd) gefd)rieben, in freiem, lesbarem ©til. 3^re SBeur* 
ttieilungen galten aHfeitig al^ mafegebenb ; in gorm unb ©ad^e über- 
ragen fie tueit ba^ üblid^e fritifd^e 9D?ittelgut unb bilben jufammen- 
genommen eine Seiftung, tt)eldE|e burd) bie Dielfeitig bet^ätigte fa^^ 
lid^e Ucberlegenl)eit Sichtung einflößt. 5)ie SSerbienfte, meldte SBad^ 
fic^ babci um Sluöbtlbung einer guten beutfdien redE|t^n)iffenfdjaftli^en 
5n^fprad)e erworben l)at, fönnen getroft benjenigen um bie SRömifd^ 
9ted^t^gefdE|id)te jur ©eite geftellt njerben. lieber rein 3uriftif^eö ge^t 
inbeffen 93ad^'^ S^lid nid)t l)inaui^; feine Äritif ju SWonteöquicu'^ 
Esprit des lois meife nur bie bejüglid^ ber JRömifd^en 9fled)t^gefd^ic^te 
begangenen 3rrtf)fimer ^n tabeln, oljne bie tiefge^enbe ÜBebeutung beö 
Suc^efiJ ju a^nen. 

©ottfriebSJiaöcoD, ber Sruber beö grofeen .^iftorif^g, ift 
toie mehrere ber Ijier (benannten Don ber römifd^en jur beutf^en 

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I. Slomaniftifd^e 5lntiquitätcnforf(^ung. 2) SIRit SJcutfd^cm med^t 237 

SRcc^tögcf^ic^te fortgeschritten; feine 3;^ätigfeit ttje^felt mit ©tettung 
unb ?lufentljalt. — SBätirenb feiner fieipjiger Sernja^re unb »äl^renb 
feiner fjoUänbifc^en 5ßrofeffur ift eö toefentlic^ bag römifd^e ?Kter^ 
tl^um, ttjeldie^ i^n anäiel^t. ©antäte l^at er ftd^ bie elegante ®6)xdb^ 
Ott gefiebert, n)egen beren er feiner Qdt berülimt mar. ©ein ^axüpi- 
ioerf biefer SRi^tung ift bie 2)iffertation t)on 1724 de sectis Sabi- 
nianorum et Proculianorum, ju einem 8ud)e öerftärft burc^ eine 
9lb^anMung de herciscundis, Seipjig 1728, eine örunquell nod^ 
überbietenbe Ueberfpannnng ber römifc^en ©^ulgegenfä^e. 

9(te 3Ka^cot) nad) ©öttingen ging, fe^te er fid) bie ?lufgabe, 
bie elegant' f)iftorifd^e mit ber praftifd^en, ciioitiftifd^en 2;i^ätigfeit ju 
öerbinben; ein ^Programm de usu juris cum scientia ejusdem 
conjungendo, ©öttingen 1735, beruft fic^ für biefen ©tanbpunft 
auf 2;i^omafiu^; eine 3tei^e öon S)iffertutionen tiefern ben beginn 
einer ©urc^fü^rung. 5)aö brad^tc SRai^coü bann in ©erül^rung mit 
bem ©eutfc^en SRed^t; er trat bemfelben juerft nal^e burd^ baö 5ßn> 
gramm de paroemia juris Germanici, längft Selb, längft @ut, 
©öttingen 1736, um fic^ atebalb bem 93raunfd^tt)eigifd)^fiüne6urgifd^en 
^^erritorial^^afted^t befonberö juäutücnben. grud^t einer glüdEIic^en 95e^ 
fd^änfung auf ba^fetbe xöqx bie Notitia juris et judiciorum, ©öt- 
tingen 1736, eine inl^attöreidEie unb äuöerläffige @efdE|id^te ber 3ierf)t^' 
quellen unb ber SRed^t^öerfaffung jeneö S^erritoriumö. ©in ©^ftem 
bcö 8raunfrf)ttjeigifd^=Süne6urgifc^en SRed^t«, im SSergleid^e mit bem 
?ßanbeftenrcc^t bargeftellt, foHtc folgen, atö eine bramatifd^e Sataftropl^e 
itin n5tf)igte, ©öttingen ju öerlaffen, unb i^m für bie ^^^^Ö^ä^^* ^^ 
fc^äftigung mit ben ^annööer'fc^en Singen bauernb öerleibete. 

3n fieipjig fal^ fid) SRa^coü bann üeranlafet, ba^ SRaturrec^t ju 
pflegen. Hauptergebnis biefer testen 5ßeriobe ift bie grofee Sluggabe 
t)on ^ufenborf ö Jus naturae et gentium mit ber Eris Scandica, 
ben SRoten t)on ^ertiu^, ©arbe^rac unb ^ja^treic^en eigenen Se=^ 
merfungen,- in jmei bequemen Quartbänben , Seipsiß 1744, tt)o^I 
bie beliebtefte ber jal^Ireidien ©bitionen, tt)etdt)e biefe^ SSerf erfahren 
^at. SSon ba ab tritt in 9Kai3cot)'ig titerarifdEier 3;^ätigfeit eine 
rafd^e äbnafime ein; feine le^te ©d^rift ift eine m^ftifd^ pf)iIotogifd^e 
äbfonberlid^feit , unter bem Sitet Prolusio de saltu Leucadio 
erfd)ienen ju fieipjig 1754. 

S)en lebl^aften 99emül|ungen , njeld^e ber Kurator 9»ünd)l^aufen 
entfaltete, um aud^ ber juriftifd^en galultät ber Unitjerfität (Söttingen 

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238 ©icbcntc« topitcl. 

«ine leitenbe ©tellung ju fidlem, entfprad^, »ie tt)tr fallen, ä^näd^ft 
lüenig bcr ©rfolg. JBrunquett ftarb atebalb, nac^bem er angefommcn 
wor; SKai^cot) mufete \&f) entlaffen lüerben; l^atte man in ©c^mau^ 
eine fiertjorragenbe Äraft, fo tarn biefelbe in golge feinet Seben^=^ 
wanbefe nid)t ju tioÜer ©ntfattung; ^inäujnnelimen tft, bafe Ä^rer, 
t)on bem man üiel ernjortete, im ©ansen ftarf enttäufd^te; entfd^iebeu 
ber glttdtlid^fte ®riff biefer erften ©öttinger 3^^^ toax bagegen bie 
Berufung ücn ©ebauer. 

®eorg (S^riftian ®ebauer jeic^net fid^ baburd^ auö, bafe 
er mit ber ^^f)iIoIogie unb SuriSprubenj bie öefd^id^te anf ^aüifc^e 
SBeife üerbinbet. 3Im ä^nlidiften ift er barin feinem Seljrer ©unb* 
üng, ber il^n ebenfo an ©eift unb Drtgtnatität übertrifft, lüie jenem 
©ebauer an ®rfinbtidE|teit ber ^umaniftifd^en Schulung überlegen ift. 
?lfö getreuer ©ö)üler ©unbting'ö fte^t er in ©egenfafe ju Subettjig, 
fd^on burd) bie Sefonnent)eit feiner ®efd^id^t2}forfdt)ung. @ben feine 
^aÖifd^e ?Irt bettjog ben in §alle juriftifd^ t)erangebilbeten Äurator 
üon SRünc^l^aufen ju ber Berufung nac^ ©öttingen. @^e ©ebauer 
bort^in fam, ^atte er fidf) afe 3urift betüäl^rt Iiauptföd^Iid^ burd^ 
feubiftifd^e ©d^riften, tl^eifö in ber gorm öon Unterfud^ungen über 
ba§ ältere fie^nöttjefen, tl^eite mittete SRoten ju ©djtlter'ö Se^rbud^ 
be^ Se^nred^tö. 5)cr ©ebanfe an eine neue Slu^gabe be^ Corpus 
juris civilis fö)eint il^n aud^ fd)on bamafe befdt)äftigt jn ^aben; 
in ben SSorbergrunb trat berfelbe ju ©öttingen, ate e^ ©ebauer 
gelang, 9toöember 1743 auö ber 5?erfteigerung oon 93^nfer0()oef'g 
Slac^lafe bie biefem burd) Siermäd^tnife s^igefaUenen 93renfmann'fd)eu 
Rapiere (für 1050 ©ulben) ju enterben. 

5)iefe Rapiere entljielten, n)oI)I georbnet unb üernjal^rt, bie ®r^ 
gebniffe be^ Iangjät)rigen ^leifee^, tt)elc^en Srenfmann (1709 fg.) auf 
bie fritifd^e ^erftellung beig ^anbeften^Xegte^, faft au^fd)Uefelid) mittete 
genauer 9Sergteic^ung ber glorentina, t)ertt)anbt l)atte. S8ren!mann 
felbft tvax nur baju getaugt, im 3lnfdE|Iuffe baran feine Historia 
Pandectarum, Utrecht 1722, fierau^sugeben. Shmmel^r .§err biefer 
<Bd)äi^t, entttiidEette ©ebauer eine unenblid) mül^fame unb anljaltenb 
fortgefe^te 3:f)ätigfeit, um auf ©runb berfelben eine 3luögabe ^er= 
aufteilen, bie jugleid) nad) ben Saurellifd^en, ben §aIoanbrifd^en unb 
ben Dutgären Sbitionen, ferner aber aud) au^ ben Siafiülen, fotoie 
«u^ ben beften ©djriftftellern aller 5.?ölfer unb Seiten aÜe^ erfinntid^c 
fritifc^e aWaterial äufammenfteflen fotite. S)ie ©ot^ofrebifd^en SWoten 

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I. SRomanifttfc^c STnHquitätcnforfc^ung. 2) 3Rtt 3)cutf(^cin SRccfit. 239 

tourben beibehalten tpegen tl^rcr SöeUcbt^eit beim 5ßubtifum, obfd^on 
©ebauer fie loielfac^ ftarf mißbilligt. 3)iefe Strbeit njar nad) 20 Salären 
fo tpeit gelangt, baß fie afe brudCfertig bejeid^net toerben fonttte. 
©ettjiffermafeen ate SSomort baju erfc^ien, ®öttingen 1764, ©ebauer'ö 
Narratio de Henrico Brenkmanno, de manuscriptis Brenk- 
mannianis, de suis in corpore juris civilis conatibus et laboribus. 
Snbeffcn mufe fd^on in biefem fo gett)iffeTi^aften Seric^t über SSor- 
gef^id^te unb Slu^fic^ten ber geplanten großen Stu^gabe jugegeben 
mcrben, baß ®ebauer felbft fie ttjo^l faum n^erbe burd^ffi^ren fönnen, 
um fo weniger, ate er ba§ ganje Corpus juris civilis nur ju^^ 
fammen ju liefern entfc^loffen n)ar. Smmerl^in l^atte er ben S)rucl 
ber 5ßattbeften fd^on begonnen, ate ber Xob i^n abberief, ©o fam 
bic ©ad^e nac^ Sßrenfmann, SB^nferj^l^oef, (äebauer in bie §anb eineg 
Stierten, ®. 81. ©pangenberg, ber fd^on njäl^renb ber legten Satire 
©ebauer jur ©eite geftanben l^atte unb nun aQein fie gtüdlidt) ju 
(Snbe füliren fottte. 3m 3a^re 1776 erfd^ien ber erfte Sanb be«; 
ate ®ebauer ^^ ©pangenbergifd^ö wol^lbefannten , epod^ma^enben 
®ottingif(^en Corpus juris civilis. 5)ie 5ßanbeften, toie fie ^ier 
vorliegen, finb ungefähr fo gegeben, toie ©ebauer fie öerfprod^n 
^atte; ©pangenberg f)at nur eine nod^malige grünbli^e SReioifion 
üorgenommcn. 2)ie einjige fadEjlid^e Slcnberung, bie er getroffen l^at, 
ift bie, baß er bie ®otl^ofrebifd^en 9loten, mit ?lu§na^me berjenigen 
über SSarianten, ooUftänbig befeitigte, toie baö bod^ eigentlich aud^ 
bereite bem SBunfd^e Oebauer'ö entfprad^. ©o fommt bai^ SSerbienft 
an biefer ^^?anbeften*3luögabe tt)iffenfc^aftliö) näc^ft Srenfmann unb 
feinem 9Kitarbeiter (S. 3». ©abini) faft au^fd^ließlic^ ©ebouer ju, 
um fo me^r, ate ©pangenberg'^ 3^10^^ häufig nur unnotl^ige 95e^ 
taftungen barftellen, inbem fie big auf bie fleinlid^ften S)inge 3?oU^ 
ftänbigfeit erftreben, njo ®ebauer e^ bei befonnener Slu^ma^I ifaitn: 
betoenben laffen. 5)iefe£^ SBerbienft ®ebauer'g erfd^eint ober, fotoeit 
bie fieiftung aud^ nod^ t)on ber SSoHenbung entfernt fein mag, ate 
ein für feine Qtxt red^t beträditli^eS , fotool^l toa^ genoue SBieber* 
gäbe ber glorentina, ttjie toa^ ba^ 9lotenmatertal anbetrifft. 

95on ben übrigen JRomaniftif^en ?lrbeiten au^ ©ebauer'^ 
ööttinger Qdt ift au^ufütiren baö iJel^rbud^ unter bem litel „Ordo 
Institutionum", ©öttingen 1752. (äg njill nidt)t ben lejt beig 
©efe^bud^g erfefeen, fonbern beffen Slnorbnung überfid^ttic^ machen, 
um bie ©tubirenbcn unmittelbar an bie Duellen ju füf)ren, bic 

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240 ©iebenteS Kapitel. 

fpätcr bod) faum jemate mel)r ein ^raftifer jur ^avb ncl^mc. 
SBoraufgef^icft ift eine Utcrärflefd)id)tlic^c Ucberfic^t, angehängt eine 
9iei^e antiquarifd)er ©sfurfe. 

3Seit bebeutenber ate biefc finb aber ©ebauer'^ fpätere gcrma* 
nifttfi^e Seiträge, njetc^e fid^ au^ niel)reren 3)iffertattonen über be^ 
Xacitug Germania jufammenfe^en. §ter finben fämmtltd^c toiffen* 
fc^oftIid)e 5Rctgungen unb ®aben beö SSerfafferö Sefrtebigung unb 
3Serttjertt|ung, feine pI)itotogifd)en, f)iftortfc^cn unb juriftifd)en Äennt«^ 
niffe, fein 3ntereffc für römifd)e unb für einl)eimifc^e SSerl^attntffc. 
^umaniftifd^e ©orgfalt in ber 5hiti! be« ^^aciteifc^en Sejtcg, erflärenbe 
$)eranjie^ung berjenigen @ntartungö*@rfc^einungen beö romifd^cn 
ßebeng, auf ttjetc^e ^iacitug be^uf^ ber Sontraft*3Birfung red)net, t)er' 
binben fii^ mit fräftiger SSorltebe für bie alten beutfd^en ©a^ungen 
in itirer g^ifc^e unb 6infad)^eit. ®ngel)enber verbreitet ®cbauer 
fid) über SScrfaffungöfragen unb ©tänbettjefen, ©J^e* unb (Srbred^t^ 
5ßroje6 unb ©trafred^t. 

II. 5n bem lebl^aften betriebe ber beutfc^en Sßec^töaltertpmcr 
aller ^xi, toetd^em n?ir nunmehr begegnen, tt)irb man bie reid) ent? 
faltete ©lüt^e ber ©emü^ungen erblidCen, bie mir bi^Iier auf Än«^ 
regung fotc^er patriotifdEjen ©tubien gerid^tet fa^en. 3)od ©rgebnift 
ift me^r nod| eine reid[)e Siteratur, afe eine fad^Iic^ ftetg erfreuliche, 
mangelig ^Prüfung unb 9Kett|obe. ©elbftöerftänbttc^ gel^ören in bie 
9ieil)c biefer ®ermaniften aud^ einige äWönner, bie nebenbei elegante 
SRomaniften finb ober fein rooüen. Sejeid^nenb aber ift e^, bafe ja^fc 
reidje Suriften nunmehr aud), maö frül^er faum je ber gaü mor, 
i^re Slrbeiten auöfdiliefetid) bem ©eutfd^en SRed^t mibmen ; eine häufige 
aSerbinbung ift biejenige mit bem ©taatöred^te, im ©inne ber ^aUifc^n 
]^iftorifd|=pubIiciftifd)en ©c^ute. 

1) ©0 ift 3o^ann (Seorg @ftor, ber ju ©iefeen, Sena unb 
ÜKarburg letirte, einer ber Sieblinggfd^üler t)on ®unbting. SReigung 
JU ©leganj unb ju ben romifd)en Altertümern tritt bemgemäfe 
getegenttid^ bei i^m ^eröor; im Sßorbergrunbe aber fte^t bie eifrige 
S8emüt)ung, feine grofee ®elel)rfamfeit in ben 3)ienft ber beutfdjen 
?lItertt|umgforfi^ung ju ftellen, unb felbft auö feiner au^gebel^nten 
?ßraji§ SBeranlaffung ju foId)en rüdmärtö fd^auenben Unterfuc^ungen 
JU nel^men. ?(ud) meife er, menigften^ in ben frül^eren ©(^riften, 
mit urhinbtic^er ©enauigfeit anregenben SJortrag ju öerbtnben; in 

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IL 3)tc gcrmaniftifc^c ^ntiquitätcnforfc^ung. 1) ©Injclne. 241 

ben fpäteren Slrbeiten freiltd^ tüirb bie jurtftifi^e Jluffaffimg immer 
ftad^er, ber ®tt)I immer breiter, namentlich bie leibige 3ieigung, 
|)e)fi)cf)e einjelbetrad^tungen über 2)eutfd)Ianb fc^Ied)tl)in augjube^nen, 
immer auffälliger; Drbnung unb Softem I)aben nie feine ©tärte 
gebllbet. 3)at)er nomentlidi bie gen^altige S[nja^I Heiner ©rfiriften 
iinb Sluffä^e, n)elrf|e in ja^Ireic^en Sammlungen erft^ienen finb. 
^on ben größeren SBerfen mögen folgenbe genannt fein. 

Commentarii de ministerialibus , Strasburg 1727, eine 
grünblidje Unterfud^ung über bie Sntfte^ung beö 3RinifteriaInjefen^ ; 
fie fü^rt namentlich ju einer fd^arfen @d)eibung jn)ifd)en nieberem 
unb ^ot|em 9tbel, njennfd^on öön Dielfad^ fdjiefen SBorau^fe^ungen 
aujg. — Delineatio juris publici ecclesiastici Protestantium, 
granifurt unb fieipjig 1732, fe^t bie. redjtlii^en folgen ber ^Reformation 
beäügtid^ ber ©tellung be^ Äaiferö, ber 9teidE|^ftänbe unb ber Unter^^ 
tränen nad^ beiben ©eiten ^in mit juriftifd^em unb potitifc^em aSer= 
ftänbnife auseinanber, eine ber öorjüglid^ften Seiftungen Sftor^, am 
28. Suli 1742 auf ben Snbej gefteHt. — Electa juris publici 
Hassiaci, ^^^anlfurt 1752, in ben gefd^ic^tlid^en S^^eilen eine edjU 
grud^t ber ^allifd^en @d)ule. — Slnfangiggrünbe beä gemeinen unb 
9teid)^^rojeffe§, ©iefeen 1744, mit einer 9ieit)e üon Seilagen unb 
gortfe|ungen, ein felbftönbig gebad^tes^ 2t\)x- unb §anbbud^, ba^ 
bamalö in praftifc^en unb t^eoretifc^en ftreifen fid^ großer 9lnerfennung 
erfreute unb nod^ ^eute fid^ ate nüglidi ertoeifen mag. ©ein triffen* 
fc^aftlid^e^ SSerbienft befielet t)auptfä(^Iic^ barin, auf bem t)on Suboöici 
angebal)nten SBege ber 3:rennung bes gemeinen Dom föd^fifdfien 
^ojeffe rüftig fortgefd)ritten ju fein. — Notitia auctorum 
juridicorum, äKarburg 1748, ein Sücfjlein, in meld^em bie Suriften 
t)erfdf|iebenfter SBöIfer unb Sitten mit hirjen SBorten, ^äufig fd^tagenb 
getenuäeid^net njerben, oI)ne toeitere Crbnung alö burc^ bie 3^^^- 
t^eilung in SIKänner ber eleganten unb ber barbarifcfjen SRicfjtung. 

„Sürgerlit^e SRed)tggetet)rfamfeit ber Xeutfc^en nac^ 9Jia§gebung 
ber SJeid^i^abic^iebe unb bettjäljrter 9?acf|ric^ten, aud^ ber 9tegierung§o 
fobann 5Recf|t!S= unb ^olijei-, anbenebenft ber Äammer*, inngleid^en 
ber ©tabt= unb 2anbnjirtl))d)aftc>urlunbeu", brei Stieile, 9iKarburg 
1757 u. 1758, ^ranffurt 1767, beforgt na^ SÄaterialien ©ftor^ö 
unb unter bcffen fortmät)renber 9ln(eitung burd^ 3- 91. ^ofmann. 
I£s5 ^anbelt fic^ um eine 9lrt t)on (£nct)tIopäbie über alle mßglid^en 
3ieruföffänbe, Si^atigteitcn, JRed^tiginftitute, SSertualtung^- unb 2Sirt^== 

fianhibtXQ, ®ef(^i(^te brr briit{<4en 9!r(^tö»inen{({)cift. %t}^. 16 

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242 ©tcbcntcg Äa^itcl. 

fi^aft^angelegentieiten, proäeffnalifd^e unb fonftige äWittel jur 3Sa^rung 
bcr Siechte, ot)ne jebc weitere Crbnung in bte öier Sudler beg Sn- 
ftituttoneU'Sijftem^ ^meingetDorfen, öoU ja^Ireid)er praftt)d)er eingaben 
befonber^ nad^ ^effifd^en DueÜen, anberetfeitö aber boc^ toieber überaui^ 
lücfentjaft, n>ie bei foldjer Ueberfpannung unüermeiblid^. Sm legten 
@runbe [teilt, fte [ic^ tjerau^ ate ein SSerfurfj, bem ^ßoltjetoefcn inner- 
halb ber Suri^prubenj eine Stätte ju bereiten, wie eä bamate im 
©taate übermud)erte unb feine »iffenfci^aftlii^e Slu^bitbung foeben 
erhalten t)atte burd) 3oI)ann ^einrid^ ©ottlob üon 3ufti. Slber 
gerabe ber f^ftematifdje ©inn, mit n>eld^em Sufti baö ®anj€ bel^errjd^t^ 
unb ber il)n befäl)igt, fein SBiffen jiir 323iffenfc^aft ju erl)eben, ging 
©ftor öoUftänbig ab, obfc^on er Sufti f ennt unb ^äufig citirt ; ebcnfo 
mangelt if)m bie juriftifc^e ©c^ärfe, meli^e not^wenbig gctt)efen toäre, 
um t)on ber ftofflid^en ©arftellung bej^ ifameraliften bie SRed^tiSregetn 
abjufonbern. ©o mufete fein SBerfud^ ft^eitern unb ju einem form^ 
lofen Songlomerat ffit(ren, toeld^eö Weber juriftifc^en nod^ öconomifc^en 
3lnforberungen genug ttjut, Weber fic^ auf §efftfi^e« ju befd^ränfen^ 
nod^ beutfd)e ^^iftönbe unb Duellen allgemein ju umfaffen üerfte^t. 
3Smmert|in ift e^ bemerfenöwertl), afe erfter angeftrengtcr SSerfud) jur 
üöfung einer ft^wierigen Slufgabe. 

Sieben ©ftor öerbient genannt ju werben fein Sanbömann, 
^reunb unb ©tubiengenoffe Sol^ann Slbam Ä!opt), beffen ftoff- 
unb urfunbenreici^c Slrbeiten Sinjeltieiten beö lofalen Sel)nred^t^ \>n- 
folgen, in ?lnlet)nung an praftifd^e 9lect)töt|änbel, weld^e er ju fül^reu 
tiatte. 323egen biefer faft übergrünblid^en Unterf ud^ungen , weldie bie 
oerfd^iebenften fünfte ber beutf d)en 9led)tögefcf)ic^te berül^ren, ift er 
oon ben ßJermaniften feiner unb ber unmittelbar nadjfolgenben 3^^^ 
t)od^ gefd^ö^t worbcn. 3)agegen ift feine einzige umfaffenbe Arbeit, 
bie Historia juris quo hodie in Germania utimur, SWarburg 1741, 
faum ein gortfd^ritt über äl)nlic^e ältere 3Serfe berfelben 3lrt; am 
beften aufgefallen ift bie ®efd^ic^te be^ beutfd^en ßel)nrec^t§, inl^altlid) 
fowie burc^ fdjarfe unb jutreffenbe 5ßeriobifirung. 

6I)riftian ^exnxiä) 6dEI)arb, ein ©djüler öon örunquett 
unb Sftor, würbe befannt burc^ feine Hermeneutica juris, Sena 
1750. S)ag 3Berf erjielt ^ö^ere SBiffenfc^aftlic^feit baburc^, bafe e^ 
ben banalen unb allgemeinen 3nterpretationö== Siegeln nur wenige 
einleitenbe SBorte wibmet, bann aber fic^ ju ben befonberen Siegeln 
für jeben Cuellenfreiö wenbet, auö ber fid)eren unb einbringenben 



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IL 2)ic gcrtnaniftifc^e «Lntiquitätcitforft^unö. 1) einjclnc. 243 

(grfenntnife i)ttoov, bafe baö einjtge tüirfUd^ brauchbare ^lu^Iegungö* 
mittel ht ber (Srfctttttnife t)on ber fprac^lidien, gefd^td^tlicfien unb 
f^ftematijdicn ©getiart beö au^julegenben SSerfeg beftel^t. SJaburc^ 
tDtrb biefe ^ermeneuttf ftatt einer ©ammlung Don ®eIbftDerftänbIicl^= 
feiten ober öon einjetnen Äunftgriften, me ba^ fonft fo jiemlic^ bie 
Sieget ift, t)ielmet)r eine Se^re Don ber Sntfte^ung unb ©efdiaffenl^eit 
ber einjelnen DueEen. S)ie}e Seiire trägt ©d^arb für römifc^eö, 
tanonifd^e^ unb beutfc^eiä, für bürgerlid^eig unb öffentüc^eg Stecht 
gleid) forgfältig Dor. 3)ie S8etrad)tungen über bie bei ber Sntcr^ 
pretation ju bead)tenben Umftänbe finb regelmäßig erläutert burc^ 
jal^Ireic^e Seifpiele, n)eld)e ©cf^arb nic^t fid^ felbft bilbet, fonbem 
ben beften ©c^riftftellern entnimmt; med)ani)c^e Siegeln aufjufteüen 
ttjirb bagegen burc^n^eg Dermieben. ®o ift ein SBerf entftanben, 
»eli^e^ in ben pofitiüen ©injetÄ'enntniffen auf ber §öl)e feiner 3«^^ 
fte^t, in 3Ketf)obe unb ©runbauffaffung aber über feine Qäi l^inau^, 
faft an ba^ Programm ber tiiftorifd^en ®cf|ule I)inan reid^t, tt)ie e;^ 
benn aud) ©onberung ber beutfd)en unb romifc^en Sled^töelemente 
forbert. @ö I)at ba^ Unglüi geljabt, nad) eben biefer feiner beften 
Seite bei ben SWitlebenben nid^t gen^ürbtgt ju njerben unb beöt)alb 
fpäter bem allgemeinen SSorurt^eit gegen ä^ntii^ beseic^netc 3Berfe 
5U öerfallen. — Uebrigenö üerbient ©d^arb außerbem ©rwälinung 
afö berjenige, ber bie biplomatifd^en Äenntniffe ber Qcit in ein Se^r- 
bud| jufammengefaj^t unb in ben UniDerfitätS^UnterridEit eingefül)rt 
^ot, toefentlic^ mit Slntuenbung auf bie Urfunben ber beutf^en Äaifer^ 
im Sutereffe beg beutfdjen ©taat)^* unb ^ßriüatred^t^. lieber le^tere^ 
befi^en tt)ir Don il)m mel)rere S)iffertationen. 

©in anberer S)ipIomatifer unter ben Suriften ift 3ol)ann 
^eumann ju Slltorf. Seine germaniftifd^en ©injelfor)d)ungen au^ 
bem bürgerlidien unb öffentlid^en Siecht finb in mehreren ©ammet 
bänben Dereinigt, ©in Apparatus jurisprudentiae litterariae, Slürn- 
berg 1752, giebt eine 3lrt Don enc^flopäbifd^er Ueberfic^t über fämmt^ 
lic^e 3^^i9^ beö SRec^tö unb über alte ^ülfötenntniffe, in meitefter 
Slu^be^nung. SReu erfd^eint hierin ein Äapitel de statistica sive 
notitia remm publicanim singularum ; unb innerhalb eineö anberen 
^pitetg bie Streitfrage bejüglic^ ber ©rensen jtoifc^en Suftij^ unb 
^oliseifad^en. Wit biefen letzteren ^at fid) §eumann befonbere ab- 
gegeben, unb i^m ift bann im ©egenfa^e ju ©ftor eine f^ftematifc^e 
95etDättigung bief eö Stoffel gelungen , inbem er fic^ n)ef enttid) an bie 

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244 Siebente« Stapittl 

Sieid^^poltjcigefe^cjebung anfd^Iiefet unb baburtfi bem btofecn Sln^äufcn 
öfonomifd^er 5Rotijen entgeht, ©eine Initia juris politiae Ger- 
manorum, 1757, fönncn ba^er ate erfte lütrftitfie Söfung einer bcr 
9ied)töiüiffenfd^aft i^rer 3^it gefteüten Slufgabe gelten, ©egen toirt 
lic^ einbringlid^e öe^anblung ^at fic^ freiließ ha^ ^ßolijetred^t ftctS 
f probe erliefen, fo bafe man über ©ammetoerfe unb 9?ac^fd)Iage^ 
büd^er faum je l^inauögefommen ift, big ber einer tt)iffenfd)aftlid^cn 
SSertiefung fähigere Segriff beö SSertt)Qttungigrei^teg an bte ©teile trat. 

2)urd| bie 3KannigfaItigfeit feinet SBiffen^ unterftü^t unb, tote 
fd)on ber 2:itel jeigt, angeregt burc^ üRonte^^quieu'g berü^mte^ SBerf, 
trat gegen ©d^Iufe feiner ^aufba^n $)cumann tjeröor mit einem 
beutfdien Söudje: „S)er ®eift ber ®efe^e ber S^eutfc^en", Siümberg 
1760. 5)te patriotifd^e ©efinnung unb pofitiöe @ad|funbe, n?elci^c 
fic^ überall geltenb mad)en, öerfdE)tt)inben jebocfi allju fe^r unter feiert 
tjerftänbigen unb banal umftänblic^en Setradjtungen , atö bafe bad 
SBerf eine t)öf|ere ©teüung in ber Siteratur einjunetimen öermöd^te. 
— ©in glücflic^erer ©ebanfe ^eumann'ö toax eö, burc^ feinen „afiec^t:^ 
üi^en ftatedjiömuö", Slltorf 1759, ba^ bürgerlit^e 9ied)t unter Se* 
tonung feiner beutfdien Seftanbt^eile ju popularifiren. ©ad^Iic^ fte^en 
biefe §eumann'j(^en ©d^riften auf bem ©tanbpunfte einer jagtjaft 
milben, teilet befriebigten 9luf!Iärung. 

Sletinlid) Dert)ält eö fid) mit 3oI)ann griebric^ Sifenl^art 
ju Jpelmftäbt, beffen S)arfteßungen gerne einen belletriftifd^en Xon an- 
fd)Iagen unb fic^ auöjeidjnen burc^ eine gett)iffe ^Berftänbigfeit bcr 
Sluffaffung n)ie burd^ SBeI)agIid^feit beS ©t^fe. S)ieg ift ber ^aH ni(^t 
nur bei feinen Heineren 9luffä^en, njelri^e fi(^ in beutfd^er ©prad^e 
über einjetne populär gefaxte 9ted)töfragen ergei^en, fonbem auc^ m 
feinem umfaffenben unb bebeutenben SBerfe „©runbfS^e ber teutfc^eit 
Steckte in ©prüd)tüörtern mit Slnmerlungen erläutert", ^elmftobt 
1759, baö äugteic^ ein Kommentar ju g. S. Sonrabi'ö ©prüd^ujörter^ 
©ammtung ift. Sßid)t o^ne tüd^tige ®ele^rf amf eit , ujelc^e fid^ aber 
gefdjidt verbirgt, toerben ba bie 9ie(^t§fprüd^tt)orter juriftifd^ georbnet 
unb erläutert, in Sebermann oerftänbtic^er SBeife, unter freier 93e* 
Iierrfd^ung bejg gansen ©toffeö, mertoürbig l^äufig in jutreffenber 
3Bei)e felbft ba, tt)o eg ftd) um bunflere bilbUd)e SBenbungen tianbeü. 
SBeit me^r aU auö bem SBerte .öeumann'ö erl)ält man au^ biefem 
öud^e einen (£inbrudC oom (Seifte beö 2)eutfd^en Stec^tö, um feinet^ 
ttjilleu ocrbient ®i)ent)art bauernb tt)iffenid|aftlid|e 9lnerfennung. — 



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n. 3)ic gcrmaniftift^c Slntiquitätenforfd^ung. 2) J^ranffurt a. ^. 245 

Set ben 3cit9^tt<>ffc^ bagegen tpurbe er tt)of)I befannter burd) feine 
„©rjäEjIungen öon befonberen SRed^tö^änbeln", beten je^n Sänbe 
1767 — 1779 erfd^tenen unb eifrig gelefen njurben. ®ie einzelnen 
9led|tgf&Üe auö allen mögltcfien SRec^tiSgebieten finb ^ier nid)t fon)ol)I 
nac^ bcm jurtftifd^en afe nad^ ifjrem menfc^Iic^en Sntereffe aiiögefud^t 
unb erjät)It, mit moraliftrenben Sinleitungen unb ©djiufeujenbungen, 
wie benn auc^ bie mitgettieilten ©ntfc^eibungen beö ^ehnftäbter 
©^jrud^follegiumö oft mel^r naä) moralifc^er SBertI)fc^ä^ung aU au^ 
juriftifrfien ®rünben gewonnen finb. Snfofern fül^It man fid^ ^öufig 
an Se^fer gemannt, ber ja nidjt fo lange öor^er gleidifallö in ^elm= 
ftäbt t^ätig getoefen toar. 

2. ©in Srenn^junft biefer germaniftifd^en Sett)egung h)ar gran!= 
fürt a. 30?ain. 5n ber Sibliot^ef beö gelehrten ©ammfer^ Qaäfaxia^ 
Sonrab öon Uffenbad^ (1683—1734) befa§ biefe feine SSater= 
ftabt einen ®c^a| juriftifd^er |)anb)rf)riften, ergänjt burd^ einen um== 
fangreidjen SSorratl^ an gebrudCten Suchern. Uffenbad^, ber in ben 
erften Qeittn beö §allifd^en 3luffd^n>ungejS üon borten nat^^altige 5ln= 
regung empfangen l^atte, Dermittelte aber auc^ perföntid^ öielfad^e Söe= 
jie^ungen, namentlid) jlüifd^en ©c^itter'^ ©d^üler ©d^erj unb ben 
norbbeutfdjen ©ermaniften. — ^Itben if)m tpirfte mel)r fad^mä^ig 
3ol^ann 5ßt)ilipp Ortl^ burc^ feine Sefc^äftigung mit ben grani* 
furter 9ied^t^attertt)ümern unb mit bem granffurter SRed^t, ber fog. 
„(Snieuerten ^Reformation", ju lüeldjer er ben ffaffifdjen Kommentar 
lieferte. Drt^'^ fpätere Slrbeiten, feine fafuiftifd^ bebeutfamen 
„Sammlungen merhuürbiger 9iedE|tö^änbeI" unb feine redjt^gef^i(^t= 
lic^e Slbt)anblung Don ben granifurter SReic^^meffen, granifurt 1765, 
faHen fc^on in bie 3^'*/ "^ toetd)er bie 2;{)ättgfeit feiner Sdjüler fid) 
üoll entfaltet ^atte. 

?lte ber bebeutenbfte unter bief en erf ri^eint |)eiurid^Sf|riftian 
öon ©enfenberg, ber ättefte ber brei örüber ©enfenberg, oon 
beren ©pi^namen, ber „brei $afen", un^ ©oetl^e in 2)id)tung unb 
28al)r]^eit fo launig berid^tet, unb bie fid), jebcr in feiner Söeife, fo 
befannt gemadjt t)aben. SSietteidjt am grofeartigften begabt unter 
i^nen njar ber jüngfte, Soljann Sra^mu^, bei bem aber ba§ Iebl)afte 
^Temperament ber gamilie fid) ju ungeäügelter Seibenfd^aft fteigertc, 
an ber er ju ©runbe ging. 2(m fegen0reid)ften n^irfte ber mittlere, 
ber SD?ebijiner Sol^ann S^riftian, beffen Stiftung f)eute noä) in 
feiner SSaterftabt blü^t. S)ie umfaffenbfte tDiffenfd)aftlid)e Xfiötigleit 

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246 ©tcbcnte« Äo^jitel. 

entfaltete unfcr |)etnri(f| 6t)rifttan, ber and) bie einflufereirfiftc fiebenö- 
[teHung erlangte: eine 3^tt lang 5ßrofeffor jn ©bttingen unb (Siefeen, 
tt)arb er 1745 üon Äaifer granj I. jum SReid^ö^ofratl^ ernannt, ^at 
afe fold^er bauernb ju SBien getoirtt, babei ftetS ate bie redjte §anb 
beö 9ieid)^=S8iäe=^ftansIer^ gegolten unb ftd^ befonberer taiferlid)cr 
GJunft erfreut, aud^ bei ber ©e^anblung potitifd^er Jlngelegen^eiten. 
©r ift äu aSien geftorben am 30. SWai 1768. 

Dbfc^on für feine Saufbatjn mafegebenb, fo intereffiren un^ 
unter ©enfenberg'ö @cf)riften am njenigften feine umfangreid^en ftaatg== 
redjtlid^en 3)ebuftionen , e^ fei benn ettt)a, fonjeit fie bie, gelegentlich 
beö ^anau'fc^en (Srbfalleö au^gebrod)ene unb feitl)er fo berül^mt ge== 
tt)orbene, Streitfrage berül^ren, ob bie SrbberedEitigung ben SRegrebient^ 
erben ober ber ©rbin be^ Ie|ten §errfc^er§ jufteljt. gür erftere trat 
3. U. D. Sramer, für le^tere ©enfenberg ein, beibe in einer SRei^e 
Don ©d^riften, n^eld^e eö an SIrgumenten ebenfo »enig fehlen laffen, 
n)ie an Sitterteiten , otine bafe aber bie Satfje baburc^ einer Haren 
juriftifdjen Sbfung irgenbn)ie näl)er gebracht njorben »äre. gür feine 
9(uffaffung ber reic^örec^tlic^en 35erf)ältniffe gel)t bei allen foldjen 
SJerantaffungen ©enfenberg jurüdf auf feine SnauguraI=3)iffertation 
t)on 1724, de forma systematis J. R. G. monarchico-democratici; 
baran fnüpfen namenttic^ nodj an Schriften feiner legten 3cit über 
bie ^ödiften 9?eid)ögeri(^te. 

3)aän?ifd)en liegen gefdiid^tlii^e Unterfudjungen jum beutfd^en 
©taatgs= unb Sel^nred^t. ®o bie Slb^anbtungen über bie ©ancrb^^ 
fdiaft, über bie Sluöträge, über ben $)eerfd^itb ; unb ba^Sud^: Juris 
feudalis primae lineae, ex germanis et longobardicis fontibus 
deductae ac usui hodierno forensi accommodatae, cum appendice 
monumentorum et formularum, ®öttingen 1737. J)affelbe jeidjnct 
fid| aug burc^ Uebertoiegen ber germaniftifd)en äuffaffung, burc^ (Jr^^ 
Märung begJ Sombarbifc^en Se^nred^tö aug ben Sombarbifd^en ©tatutar=^ 
3le(^ten unb fetbft burd) bogmatifd^e ©infid)ten. ©o öerttjirft eö bie 
Sel)re öom dominium utile beö Se^nöträger^ unb bie Unterfc^eibung 
jioifd^en feuda data unb oblata afö quellen- unb finntüibrig, tro| 
beö gemaltigen 3wfömmenbrud^g beliebter ftaotSrec^tüc^er Doftrinen, 
ber bamit eintrete. — SBeniger felbftänbig ift ein anbcreö Setirbud^, bie 
„Anfänge ber alten, mittleren unb neuen teutfc^en SRed^tögele^rfam* 
feit\ ©öttingen 1737. 



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n. 3)ie öermoniftifc^c Unttquttätenforft^ung. 2) granffurt o. 9W. 247 

Den ßent t)on ©enfenberg'^ geteerter S^fjättgfett aber bilben 
feine ©emäf)ungen um bie beutfd)en afled^t^quellcn. Sie beginnen 
mit ben fed^^ Sänben ber Selecta juris et historiarum, tum 
anecdota, tum jam edita, sed rariora, gronffurt 1734 — 1742, 
ent^oltenb bcutfc^e ©tabt* unb lerritoriatrec^te , ®ett)oI)n]^eiten, 
(S^ronifen unb Urfunben, namentlich mit ©ejug auf granffurt, 
Reffen unb Defterreid^. ©ie roenben fid) fobann, mit ©enfenberg'ö 
bogmatifd)en SIrbeiten gleic^jeitig , bem Se^nrcd)te ju unb fül)ren ju 
ber Aufgabe beö Corpus juris feudalis Germanici, granifurt 
1740; baffclbe entl^ält äße befannten Se^nred^tc germanifc^en Ur* 
jprung^, einfc^Iiefetic^ felbft ber Ordonnances de Saint Louis, 
üufeerbem aber nod) ba^jenige au^ bem erft öon ©enfenberg au^ 
gefunbenen ,, kleinen Saiferred|t". 2)ie ße^nred)te ber Spiegel 
l^aben einen auf ®runb äa^Ireidjer ^anbfd^riften, ofine fefte tritifc^e 
^ncipien jufammengefe^ten 3;ejt. — 3)aran reil^t fid) ba^ Corpus 
juris Germanici, 2 gotio^^Sänbe, ^ranffurt 1760 unb 1766; e^ 
t)ertoirflid|t feinen ftoljjen Xitel fomeit bamafö möglid^, mit ber ein== 
^igen Su^nal^me, bafe ba^ @ac^fenred)t, obnjo^I fd^on brucffertig, 
au^gelaffen rourbe, ttjeit ©enfenberg fid^ öon ber Ueberlegen^eit ber 
ju biefer iKaterie Don ®rupen gefammelten SRaterialien überjeugte 
unb be^^alb ju ®unften einer öon biefem ju beforgenben Aufgabe 
jurüdttrat. Uebrigenö finb auf ©enlenberg^ö 9lnregung an feinem 
Corpus juris Germanici eine ganje ?lnja^t öon SDWtarbeitern t^ätig 
gemcfen. S)ie eigentlid)en 9icbaftion^®efc^äfte unb ja^Ireic^e ©injet 
Reiten beforgte ®uftaü ®eorg öon ftßnigigttial, ein l^eröorragenber 
©ammler unb tüchtiger ®efd)äftömann am 9ieic^öfammergcrid|t. S)aö 
DoUftänbige „Äleine Äaiferred)t" gab nad) fünf ^anbfdjriften ©enfen= 
berg felbft im erften SBanbe l^erau^. S)erfelbe enthält toeiter ben 
Slic^tfteig Sanbrec^tg, bearbeitet öon (ärafe^of, „mit Senü^ung 
t)crfd^iebener $)anbidE)riften, ober offne SWetl^obe", unb ben 9Jid^tfteig 
Se^nre^tg, einfad^ auö bem Corpus juris feudalis ^erübergenommen. 
Seigegeben finb ein ©loffar unb ©rläuterungen jum Äaiferred)t, 
t)on ©rafel^of. 3m jloeiten SBanbe tf)eilt ©enfenberg ben ganjen 
©d)loabenfpiegeI mit, nac^ einer Slmbrajer §anbfd)rift, bie er mit 
9iec^t afe eine ber älteften anfielt; inbem er beöt)alb au^nal^m^ttjeifc 
^ier einmal cö unterläßt, mehrere SKanuffripte fritifloö burdjeinanber 
^u mifdien, fömmt eine feiner beften Seiftungen ju ©tanbe. 3)a5 
©tfirffte bagegen an fold^er ^anbfd^riften^üKengerei leiftct, bei übrigem^ 

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248 Siebentes ^apittl 

angeftrengtem gletfee unb reit^em 3D?atertaI, ein njetterer Wlitaxheitev, 
§teront|miiö D. b. ßa^r, öoit bem ber ganje Üieft beö ätüeiten Söanbe^ 
l^errü^rt. — Söereit^ üorlier ^atte ©enfenberg, unter 95ertpertl)ung 
©diniauft'fc^er SKaterialien unb öon jol^Ireid^en ©el^ütfen unterftfi^t^ 
bie Sluögabe ber jn^et mäd^ttgen Söänbe bejorgt, raelt^e t^ranf fürt 1747 
otjne 9?amen etneö ^erauögeberi^ erfc^ienen unter bem Sitel: ,,9ieue 
unb DoIIftänbige Sammlung ber 3iei(i)ig'?tb)djiebe, öon 3^^*^^ Äaifer 
©onrdbi II 6i^ ie|o", b. ^. bte 1736. ©enfenbergö SSorrebe baju 
giebt eine l^iftorifcfie Ueberfic^t über bie 9{eici^§*2lbf^iebe unb über bie 
bi^fierigen ©ammlungen ber jelben ; ein 9Sarianten=9Seräeic^nife am ®nbe 
ift ba^ ©rgebnife einer SSergleic^ung ber öorl^er gebrudten 3;ejte mit 
ben Criginalen im SRainjer Slrd^it). S)ie Sammlung fonnte noc^ 
1864 a(^ bie befte ber jenigen, bie toir befi^en, bejeic^net njerben; 
überljolt ujurbe [ie erft burd^ bie üon SSeijfScfer angeregte unb in 
bie SSege geleitete Stus^gabe ber beutfdjen 9leid|^tagö='?lften, S5b. 1 
3Künc^en 1867; überflüfftg tüirb jene erft fein, ttjenn biefe ganj jur 
SSoIlenbung gefangt fein ujirb. 

3)amit Iiatte nun @en!enberg alle Cuellen be§ gemeinen SReditö,- 
fon^eit fie beutfd^en Urfprungö finb, aufeer bem ©ad^fenfpiegel , i)tx^ 
ausgegeben in einer SSoUftänbigteit, bereu er \iä) mit gug rühmen 
barf. Ueber SUter unb SSer^öItnife biefer Quellen jueinanber fotüie 
jum SRömifd^en Siedet I)at er \iä) eine einl^eitlic^e 3lnfd)auung gebilbet^ 
ttjeld^e er öielfad), im 9SefentIi(^en ftetfii gleichmäßig, auSgefprorfien 
unb auc^ gegen (Srupen, in Iebl)after Jlontroöerfe, feftgel^alten ^at. 
©ie gel)t auö öon ber, Stic^tigesJ unb gatfc^eS eigenttjümlid) öer- 
mifd^enben, 3bee, baß man in 2)eutf(^Ianb ftetS bie öon ben ©taatS^ 
geujatten erlaffenen ®efe|e priöaterfeits ju Sted^töfammtungen Ver- 
arbeitet f)abe, bie bann felbft geUJofintieitfiJmäßig 9iecf|tsifraft erlangt 
Rotten. STte erfte berartige Sammlung gilt ü)m bie ber ©alifd^en 
©cfefee; ate jttjeite bie ber ßa:pitutarien ; als britte baS öon i^m 
mafeloS nad^ llter unb Sebeutung überf(^ä|te Äaiferred^t. 3ln biefeS 
reiben fid) bann, als eine Slrt öon glofftrenber Umfd)reibung, bie 
Sammlungen vierter 0affe, Sd^tnaben^ unb Sac^fenfpiegef, erfterer 
für ia^ gefammte 5Reidj, lefetercr jur 333al)rung beS fäd)fifd)en Sonber- 
rechts angefertigt unter ©enu^ung beS SDiagbeburger ä^eidibilbrec^tS, 
weldieS Senfenberg mit ßau^n für älter als ben Sad^fenfpiegel l)ält. 
2)iefe 9iec^tSbüd)er wieber tüurben üerbrängt einerfeitS burd) Sengler'S 
ßaienfpiegel, anbererfeitS burc^ ba0 Corpus juris civilis, beffen 



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II. 2)tc gcrmaniftifcftc «nttquitätenfotfci^ung. 2) gfranffurt a. 5K. 249 

aufnähme getoo^nf)etoreci^tUc^, genau loie früher biejenige ber @<)iegel, 
in complexu erfolgte. S)aö SRömifd^e 9?ecf)t gilt ballet in S)eutfcl^Ianb 
neben bem älteren S)eutjcf|en 9iecf|te, ber praftifc^en Uebung gcmäfe, 
ctipa feit bem 15. u. 16. Sal^rl^unbert, toä^renb eö in Statien ftet^ 
in ©eltung geblieben ift, njie ©enfenberg unter ftarfer SBenu^ung 
SRuratori'ö barlegt. 9tamentlid| galt eö in Stauen in ber gorm be^ 
Sud)eö, tDdä)t^ ©en!enberg ate Corpus legum bejeic^net unb unter 
Suftinian ober Suftin II. üerfa^t fein läj^t, — bo^ ift ba^ Brachy- 
logus juris civilis, ben ©enfenberg, meil er ben feit SReuöner Oer^^ 
fctjoüenen n^ieber an'^ Sic^t gejogen ^at, ebenfo iiberfc^ä^t, tt)ie baö 
oon it)m neu gefunbene Äaiferred^t. gür 3)eutfd)Ianb freilid) !ann 
nur bie Suftinianifd^e Sobification ®ei'e^e<3fraft beanfprud^en. ^lad) 
ber JReception biefeö fremben 9{ed)tö fließt enblid^ noc^ eine neue cin= 
I)eimrfc^e Siec^t^oqueHe, bie Sieic^^gefe^gebung, in ber gorm ber äleid^^ 
tag^abfi^iebe. 9Wit biefen gelangen tt)ir ju einer fünften klaffe burd) 
^riöate öeranftalteter ©ammlungen beö einf)eimi)c^en 9led^t^: afö 
bereu legte unb öoüftänbigfte erfc^eint bie ®enfenberg*fd)e öon 1747. 

^lufeer mit allen biefen quellen* unb red)töge)ct)icl^tlicf|en S)ingen 
i^at ©enfenberg fc^on ju ©iefeen ficf) gerne mit metl^obologifc^en Sbeen 
befd^äftigt. Qux praftifcfien @ntn)idelung berfelben fanb er fpäter in 
3Bicn SSeranlaffung, afe er perfönlid) bie ®räiet)img feinet ©ol^ne^ 
SRenatuö Äarl in bie §anb na^m. I)iefer ift bann tt)eiterl)in befannt 
getoorbcn namentlich burc^ bie üon il)m gelieferte gortfegung ju 
g. 2). ^aeberlin'ö „SReuefter Seutfd^er 9ftei(i)ö]^iftorie", lüä^renb feinen 
juriftifci^en Seiftungen, allen Däterlidjen Untertoeifungen jum %xo% 
feinerlei Sebeutung jufommt. 2)aö n)irb man freilid) weniger oer= 
immberlic^ finben, njenn man aug beg; S5ater§ met^obologifd^en 
@d|riften erfiel)t, bafe biefer einem fo originalitütfüc^tigen Duerlopf 
tt)ie ©ufebiuö 93eger in feiner üermirrenben Umftellung aller SDiaterien 
unb 3^^i9C ^^^ 9ied)t^ beim Unterridjt gefolgt ift. 

Senfenberg erfd^eint n)ol)l allei^ in allem aU ber ausgeprägte 
SSertreter biefer im ©ammeln fo ftarfen, im ®id)tcn fo fc^ioat^en 
germaniftifc^en Spodje, ttJäljrenb er in @d|lic^tt)eit unb ©ruft be^ 
ß^arafterS unb ber ßeben^fiilirung etn^aS 9lltt)äterlic^eS an fid^ trägt. 
3n beiben SBegie^ungen ftel)t ju i^m in fdjarfem ®egenfage fein J^reunb 
unb fianbSmann Sol)ann S)aniel Don Dlenfdjlager, ein äWann, 
ber auf großen Sieifen ganj franjöfifc^=^öfifd)e SebenSiueife unb 
SebenSart angenommen ^atte, jum l^öc^ften Sßerbruffe feinet ©c^njieger* 



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250 ©iebettted Stapiitl 

öaterg, bed alten 3. 5ßl). Ortf), — banebcn aber ein grünbltd^cr 
i^orfc^er unb befonnener ^iftorifer. Site fold^er I)atte er fid^ nament^ 
üd) mit bcr ©efd^id^te bcö Dierje^nten Sa^r^unbert^ befd^äftigt unb 
fo bie bcttfbar befte ®runblage gelegt ju feiner ,,5Reuen ©rläuterung 
ber (äfilbenen Snlle Jfaifer Äarfe be^^ IV., aiiö ben älteren teutfc^n 
®efd^id)ten unb ©efe^en jur SlufKärung be^ ©taat^red^tö mittlerer 
Reiten, alö bem ©runbc ber heutigen SReid^ööerfaffung", granffurt 
unb öcipjig 1766. S)er uoraufgefd^idCtc Xejt ift üerbeffert nad^ Se^ 
arten, bie Dlenfc^Iager au^ bem Irierer ©jemplare burd) SSermittelung 
beö SBeil^bifd^ofö toon ^ont^eim erhalten ^attc. S)ie ©rläuterungen 
jielen jutoörberft barauf ab, bie Suben>ig'fd^en S3erungIinH)fungen unb 
SSerjerrungen abäutoeifen, 3)iefen gegenüber ermatten »ir tjier eine 
fac^tid^e Unterfud^ung , njetc^e bie allmät)lic^e ©ntmidCIung urfunbti^ 
öerfolgt. Untt)c)entlici)e Normalien unb gelelirte ©elbftöerftönblid^feiten 
treten jurüdE, für bie 3^ri^9w^i9 ^^ ©efe^e^ in romaniftifd)e unb 
germaniftifc^e ©Icmente jeigt fid) ein feinet SSerftänbnife , ^^ftanbc- 
fommen unb SBirfungen toerben rein gefd)id)tlic^ erörtert. 3Kit Harem 
Settjufetfein tüirb I)eröorge^oben, ttjo bie feftgeftellten S^l^atfac^en auf:^ 
^ören unb bie unentbel^rtidien ^^pot^efen einfcften. Slufeerbem jjeid^nct 
boö S8ud) fid) ouö burc^ feine Äürje fon)ie burdi bie 3;refflic^feil 
feiner beutfdjen ©pradje. @^ ift mit SRec^t üon jel)er afe ein in 
feiner 9lrt flaffifd^e^ angefel)en tüorben unb erfd^eint tuo^I totvti) ber 
(Sntfte^ung in bcr alten 3Ba^tftabt ^ranffurt, unter ben ?lugen beg 
jungen ®oetI|c. — daneben mujs l^ier ujenigften^ genannt werben 
DIenfd)Iager'g „Anleitung in bie ipiftorie unb @ered)tfame ber be^ 
fonberen Staaten beö römif(^en 9iei^^ in Steutfd^lanb unb Stauen", 
55ranffurt 1748. 

3. 3n ^annoöer öerbinben fic^ Ueberlieferungen ber §allifd^en 
©d|ule mit foId)en, bie auf Seibnife aU Urfunbenforfc^er jurücfgel^en. 
S)er S^jfommenliang mit Seibni^ ift fc^on äußerlich gegeben burd) 
ß^riftian Subtoig ©d^eibt, ben SBoUenbcr ber t)on jenem 
begonnenen Origines Guelficae. S)iefe ?lufgabe fiel i^m ju aU 
©ibliot^efar ju ^annoDer, unb in biefer ©teUung aud) ertoarb er 
ftd) fein n)efentlid)eg SSerbienft um bie beutfdje 9iec^tött)iffenfd)aft. 
@r fanb nämlid) in einer .^anbfdE)rift feiner Sibliot^ef ba^ 2Berf bcg 
9Kond|eö Sodann ßlendof gegen ben ©ad^fenfpiegel unb bie burd^ 
baffelbe Deranlafete SBuIIc ®regor XL üon 1374, unb ^at barnac^ 
bie erfte in ben großen Queren rid^tigc S)arfteIIung biefed faft fagcn* 



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IL ^ie gemtaniftifd^e 9(nt{qistt&tenforfc^ung. 3) ^annober. 251 

^oft getoorbenen 3^tfd|enfall3 gcttcfctt, aud) bic ©d^rift fclbft jum 
^bbrude gebradit. — Srufeerbem t)at ©d^etbt fid) an ber ftaatörec^t^ 
liefen ßontrotjerfc über ben Urfprung beg niebcren Slbelö bet^eiltgt 
unb grünblid)e, Don überlegener ©ad^fenntnife jeugenbe ,,?lnmerfungen 
unb 3iiföK" ^annoDer 1757, ju S. 3. 9Kofcr'ig Sraunfd^xpetg*: 
Sfincburgifd^em ©taatöred^t gcfd)rteben, bcibe 3KaIe unterftü^t burd^ 
©ammlungen urfunblid^r SBcIägc. 3nbeffcn ift er in Sejug auf 
@ett?iffcnl)aftigfeit ber Urfunben-aKitt^eilung ba nid)t mel|r abfolut 
^uöertäffig, wo eö fid) um ®cred)tfame ber üon it|m bebtentcn gürftem 
pufer l^anbelt. 

Meiner lebte ber ®eift 2eibni§')d)er S)ipIomatif fort in bem, 
übrigen^ äu §alle gefd^ulten, Slrc^iüar Sol^. ®ottfr. tjon SKeiern, 
beffen gen?altige Urfunbenfammlungen unbebtngte ^^^^^^löffifl^^^^ 
beanfprud)en bürfen. S)ie Stellte ber Don il)m Der öff entließ ten, fad^lid) 
unb formell fic^ aneinanberfd^Iiefeenben golianten bietet: bie Acta 
Pacis Westphalicae, 6 Sänbe, ^annoöer 1734—1736; bie Acta 
pacis executionis publicae ober 5Rürnbergifc^e griebcn^Sjecutioni^ 
^anbtungen unb :=®efc^id)te , 2 Sänbe, ipannoDer unb ©öttingcn, 
1736, 1737; unb bie Acta comitialia Ratisbonensia publica ober 
Siegenöburgifd^e Sieid^gtag^^anblungen unb -®ef(^id^te, 2 83änbe, ebenb., 
1738—1740. Sieben biejer Seiftung Derfc^iüinbet DoIIftänbig, toaö 
©ärtner Dorf)cr auf bemfelben Gebiete ju ©taube gebrad^t ^attc. 
D. aKciern \)at bamit nic^t nur bem ^iftorifcr, fonbern ebenfo bem 
^ubliciftcn ©d^ä^e erfd^Ioffen, auö bereu Sluöbeutung erft eine »a^re 
SReid^ unb 9fied|tögefd^id)te SDcutfdjIanbö feit bem SBeftp^älifc^n 
griebcn l^erüorge^cn fonnte. ®r l^at bic ?lcten baju nid)t nur au3 
mehreren Slrd^ioen in mufter^after SSoUftönbigfeit äufammengebrad)t, 
fonbern bereite einer crften S)urd^arbeitung unterjogen, inbem er fie 
nad| 3rftö6fd)nittcn unb 9Katerien eint^eitte, fo baß für jeben QdU 
abfd)nitt Älleg, toa^ fid) auf je eine SKaterie bcjiel^t, d^ronologifc^ 
jufammcngeftellt, unb bann bei ben folgcnben 3^ttö6W^i^^^^ i^^^ 
SRatcrie »iebcr ba aufgenommen tt)irb, too fie im tor^ergel^cnben 
3ritabfd^nitte abbridjt. Sft fo fd)on eine Ucberfic^tlic^feit gewonnen, 
tocld^e bei ber aSertoorrcn^eit be« Sßateriate boppclt banfen^ujert^ 
ift, fo fommen I)inju bie an ber ©pi^e jebcn Slbfi^nitteig fte^enben 
gefd^id^tlid^en Ucberblide, toclc^e fid^ auf bic Acten biefeö Slbfc^nittcö 
bc;jiel(en unb nad^ bcnfelbcn gearbeitet finb, oI)ne bafe bie DbjeftiDität 
ber urfunblid^en 5DKttl^ciIung irgenbtoie litte. 3n bem 9iegifterbanbc 

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252 Siebentes Kapitel. 

cnblic^ gibt ü. SReierti f(^arf umriffene Siograp^ien bcr SBeftfälifc^eit 
gricben^gefanbten, nebft einer fritifd^en SRecenfion ber grieben^-aSetf^ 
träge felbft. — SSon befonberem juriftifc^en Stitereffe ift bcrjenige 
SBanb ber auf ben Süngften SReid^öabfd^ieb öon 1654 bejöglic^en Äctctt^ 
tüeldier, getnäfe t)on SKeiern'^ 9Ketl)obe fad^Ud^cr ©rupptrung, bie 
bamat^ t)erl)anbelten Suftij^^Slngdegenl^eiten juf ommenfteöt , unter 
9?ad&trag aUt§ in biefer öesie^ung im 9ieici)e feit 1641 aufgelaufenen 
Stoffel; namentlich, für ba^ »erftanbnife beö ^ßrojeffeg be^ fim®.^ 
ttjar I|iermit ein unfd)a|bareig ^ülfömittel geboten. 

aSie fotd^e SKaterialien fogar ciüitiftifc^ ju Derloertl^en, l|at 
t). SKeiem felbft treffenb gegeigt, in feiner, auc^ tt)irtl)f(^üftggefd)i(^t:^ 
lic^ fo n)irfjtigen, SIbI)anbtung : „®ebanfen Don ber Sieditmäfeigfeit 
be§ fe^ften 3in^tl)alerg in S)eutfc^fanb", |)annoDer 1732. 9Wag 
man nun bem SSerfaffer in bem 5ßartI)ei=Stanbpunft, tt)el(i)en er ^ier,. 
anläfefid^ eineö praftifc^en }^aUc^, öertritt, ^uftimmen ober nid^t: bic 
Unterfudf)ungen über bie ©efc^icfe be§ fanonifrf)en Qin^'oexbüi^ , bc^ 
9ientenfaufeö unb ber römifd^en ^h^^f'^f^^ö^if^^a^^^ i" S)eutfdjtanb 
finb muftergültig , fotDot)! fon)eit fie bie 3ubifütur be^ 9iÄ®.*ö. öer- 
folgen, tnie infofem fie an bie (Sntftel)ung ber reic^s^red^tlid^en SSor* 
fdEiriften burd^ bie ?iotI) bei^ großen Stiege« ftc^ antetjnen. Offenbar 
ijat üon 9Keiern bereite, at^ er § 174 beg 3SR21.Ö fo interpretirte, 
ben ©toff öoüftänbig bel^errfd^t, melden feine SBcröffentlic^ungen 
ujeiteren Streifen erft ettüa^ fpäter äugänglic^ machten. 

9luc^ burd) fonftige 5)ebuftionen o. SIKeiern'ö, mag fd)on it|r 
3ntereffe über ben ©injetfaü nid^t tiinau^rei^en , betoä^rt fid^ ber 
Sluöfprudj eineö feinen Äenner^, ber ö. äWeiern rübmt ate „ein 
®Iieb in ber Äette geleljrter (Sefdjäft^männer, bie ju ber p)t)fionomie 
Äurl^annoöer^ im 18. Sal^rl^unbert gel)ören unb ber SHegierung ben 
SRuf eintrugen, baß fie fi(^ auf ba^ jus publicum t)erfte()e". 

Site ein roeitere!^ ©lieb biefer Slette erfc^eint 6t|riftian Ulric^ 
®rupen, ber feine ©efdjäft^tüc^tigfeit über 40 Sal)re ate 95ürger^ 
meifter ber SUtftabt ^annoöer bett)ätigte. 2luö biefer unb au^ feiner 
früheren abüocatorifdjen 8efd;äftigung ftammen feine praftifd^en 
©d^riften; baneben aber ^at er ftet^ ÜÄufee gefunben, feine anti* 
quarifd^en Steigungen ju pflegen. Site ©dualer ^amb^rger'ö ift er babei 
öon elegant romaniftifd^en ©tubien ausgegangen, »anbte fid^ jebod^ 
atebalb übernjiegenb bem germaniftifdien Jyelbe ju. 

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II. 3)ic gcrmanirtifc^c Slntiquit&tcnforfci^ung. 3) ©annoöct. 253 

©eine crftcn gcrmantftifd^cn Unterfuc^ungcn l^anbeln namcntltcl^ 
t)OTi ben braun)d^tt)eig=Iüneburgtf(i^en ©erid^ten, fotüie öon ©teuern, 
Setcn unb S)tenften, in Marer quettengemäfeer ß^fß^menftellung unb 
mit fo tiefge^enber ©egrünbung, bafe auf bie Dcrfdiiebcnften 5ßartien 
ber mittelalterlid^en 9ted)tggcfci§id)te fdjarfe ©treifüc^ter fallen. (£g 
folgt eine furje Slbl|anblung, toel(^e fic^ mit ben fogenanntcn Codices 
picturati be§ ©ad^fenfpicgete befaßt, inbem fie biefe Sttuftrationen 
^u beffcn Sln^legung öcrlüert^ct. — SBeit jerfal^rener, jd^on getrübt 
burd) bie 5Reigung ju fprad^Iid^en ©pielereien, ift bie fo befannt 
geworbene Slbl^anbtung de uxore Theotisca, Don ber teutfd^en 
grau, ©öttingcn 1748. Sei aUer Häufung ber ©ele^rfamfeit he^ 
^anbelt fie \f)x S^cma rein f ragmentarif c^ , mit abenteuerlichen 
tcrminologifd^en Silbf d^n^eifungen ; am mertf|OoIIften bürfte no(^ fein 
ba^ erfte Kapitel, »eld^eö leugnet, bajs eö jemate ein jus primae 
noctis gegeben l^abe, inbem eg bie befannten mifeüerftänblid^en %u&^ 
brüde richtig erflärt. — ©rfreulit^cr njirft ein 3Ser! t)on 1758: 
lObservationes rei agrariae Germanicae I de Marchis civitatum 
et villarum oon ben ©tabt» unb 2)orf-geIbmarfen II de Almeindiis, 
Steinten, cum diss. praeliminari de civitatum forma vulgo SBeid^^^ 
bilb", ergänät burd^ einen 9iad|trag „öon ©tabt^ unb gelbmarfen'', 
^annoüer 1764; baö S5ud) fann alö baö für biefe fo n?ic^tigen 
SKaterien funbamentate gelten. — ©nblic^ bie Observationes rerum 
et antiquitatum Germanicarum et Romanarum, ^alle 1763, 
l^anbeln toieber über bie oerfc^iebenften ©injel^eiten, nid)t nur ol^ne 
weiterreid^enbe ©rgebniffe, fonbem aud^ o^ne 5?farl)eit no(^ (Sefc^madE; 
angelfäc^fifd)e unb feltifd^e (St^motogien fpielen eine Hauptrolle, ol^ne 
jcbe p^ilologifd^e 9iRetl)obe, ja felbft oI)ne genügenbe ©prad^fenntniffe, 
tro| einer ^orrebe unb Stbl^anblung de lingua Hengisti. — lieber* 
blidCt man biefe ganje Iiterarifd)e 5ßrobuction ®rupen'^, fo ift nid£)t 
JU leugnen, bafe fid^ barunter neben forgfältig vorbereiteten unb too\)U 
ausgereiften SBerfen oiele fragmentarifd^e 5ßrobufte hritiftofer §aft 
finben : unöerfennbar n>ar ber SSerfaffer burd) üielfeitige öefd^äftigung 
nic^t feiten jerftreut ober überlaftet. 

©ei biefer öefc^äftigung ^anbelt cS fic^ feineötoegö bloö um bie 
amtlid^e, fonbem barum, baJ3 ©rupen ben beften X^eil feiner SKufee 
oon feinen mittleren 3al)ren ab weniger ber 9iec^t^efd|id)te toibmete, 
ate öietmel^r ber SSorbereitung üon Quellenausgaben. S)iefe Siic^tung 
ift i^m mit feinem ®egner ©enfenberg gemein, unb beibc befunben 



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254 Siebentes Stapittl 

bamit treffenbcg SSerftönbnife für baö, lua^ bcr 3cit 5Rot^ t^at, tocnn 
fie and) biefe Stufgabe cnbgülttg ju löfen noi^ nid)t berufen tooren. 
Senfenberg f|at babei immerhin eine ftattlic^e Steige öon brauchbaren 
©änben ju 3Bege gebrad)t; bag ©d^tcffal ber gleid^arttgen Arbeiten 
t)on @rupen ift, in ^olg^e übermäßiger ®rünblid)feit, tro^ allen gleifec^ 
ein n?eit traurigere^ getoefen. 2)iefe arbeiten begann er um 1738 
unb öerfolgte fie unaui^gefe^t bi^ ju feinem 3:obe; ein überreichet 
3Kateria(, allein 38 §anbfc^riften be^ ©ac^fenfpiegete, brai^te er ju- 
fammen; Veröffentlicht f)at er cinjig eine Slbl^anblung über ben fo* 
genannten tjoHcinbifc^en @ad))enfpiegel mit einer SSorrebe über ben 
®Ioffator öon öud^, Hannover 1736. Slug ben SReften feiner S)ruct 
bogen unb SKanuflripte ^at bann ©pangenberg mü^fam jjufammen- 
gcftüdCelt einen „Xraftat öon ben fäc^fifc^en 9ied)tgbüc^ern", tuie i^n 
©rupen vorgehabt tjatte, in biefer gorm erfd)ienen ^atte 1822. 
Unb ba§ ift fo gut ttjie SHIe^, tt)ag tüir t)on ©rupenö fo fleißig tior* 
bereiteten, fo äuüerfid^tlid) angefünbigten Dueüentoerlen beft^en. S)aH 
(ärupen nid^t n)eiter gelangte, ift too^l nid^t am^fd^Iießlic^ jurfidE* 
5ufül|ren auf oieIfad)e äußerliche 3Kißgefcf|idCe, toelctjc fogar ber fd^on 
begonnenen 2)rurftegung begegneten; fonbern njefentlid) barauf, baß 
fein 5ßlan aHju toeit unb foftfpielig angelegt toar, aud^ mit ber 3^^* 
immer nur mäd)tiger anfd^njoü unb fo jeben Unternehmer abfd)recfte. 
Da^ ©rgebniß war, baß bie Ie|te Slu^gabe be^ ©ad^fenfpiegel^ oor 
®rupen, bie ®ärtner'fd£)e oon 1732, ba ©enfenberg toegen ®rupen'§ 
Ueberlegentieit an ÜKateriat feinerfeit^ auf ben ©ac^fenfpiegel Der:^ 
jic^tet f)atte, bie (e^te geblieben ift big auf biejenige ^ome^er'^ öon 1827. 
SRid^töbeftottjeniger t|at ©rupen gerabe für baö ®ebiet ber 
OneIIengefc^id)te burd^ öielfadje Heine 9?otijen, Siorreben u. f. f. auf 
feine Qdt roefentUd^ eingemirft; namcnttid^ muß feine Gontrooerfe 
mit ©enfenberg aU einer ber für bie 3Biffcnfd^aft frud^tbaren 3Baffen* 
gänge fold^er Slrt anerfannt toerben, tt)etrf)er fic^ benn aud) burd)tDefl 
innerf)alb ritterlid^er j^ormen ^ält. ©d^on baß biefe Sontroücrfe 
bie allgemeine Slufmerffamteit auf bie grunbtegenben fragen ver- 
einigte, tt)ar öon ©ebeutung. 35ajg $)auptöerbienft ©rupen'ö ift et? 
aber, energifc^ bie SBebeutung unb ben Sllter^^SSorjug betont jU ^aben, 
welche in biefem gangen DueQenfreife bem ©ac^fenfpiegel jufommen, 
gegenüber bem geringeren Sllter unb ber geringeren germaniftifd^en 
Urfprüng(ict)feit ber anberen ©piegel unb SRec^t^büd^er. S)abei mag 
ja wol^l eine gewiffe proDin^ielle ^Voreingenommenheit mittoirfen, mct|r 



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n. ^ie getmaniftifc^e 9lntiqmtötenfotf(^ung. 3) ^nnoDer. 255 

aber nod^ ^anbelt eg fidEj um ric^tigeig germaitiftifd^eg @efül)l, ftellcn* 
weife gerabeäu um tpiffenfc^aftUd^e ©rfenittnife. ®o finb eö j. SB. 
pröcife unb ernfttiaft fttd^tjaltige Kriterien, auf njeldje ®rupen feine 
SCIteröbeftimmung be^ ©adEjfenfpiegefe grünbet, bie fid^ benn aud^ 
bcr I)eutjutage aU rid^tig geltenben ftarf notiert, tt)äf)renb fonft ba- 
mate nod^ bie öerfdEjiebenften unb abenteuerlid^ften SSeftimmungen unb 
©eftimmungögrünbe im ©diwange waren, daneben üerfc^winben 
Heinere Srrtpmer; üon ben mel|r untergeorbneten Seiftungen finb 
roo^I am öerbtenftUdiften biejenigen, Wetdie fic^ auf Sodann öon Sud) 
bejietien. 

Uebrigen^ öerbinbet fic^ bei ®ru))en mit ber geletirt antiquarifc^en 
Steigung eine merfwürbig fonferöatiüe, aufftärungöfeinblidie ©efinnung; 
biefelbe äußert fic^ mit unglaublid^er SRotieit in feiner „Observatio 
juris criminalis de applicatione tormentorum , inöbefonbere im 
Sc^nüren*9lnfang unb im üoüen ©d^nfiren", J^annooer 1754, nebft ber 
eleganten diss. praelim. de tormentis Romanorum et Graecorum. 
SSoÜfommen bel^aglid) unb naio, ate wäre nod| nie ein SBort gegen 
bie Sered^tigung ber golter gefallen, getjt ba (Srupen antife unb 
mobeme J^olterarten burd^, fe^t aUe Sinjellieiten forgfältig unb 
wot)tgefäüig, an ber §anb beigegebener lafeln, au^einanber unb 
jeigt, wie, o^ne Seben unb Seib bauernb ju fc^äbigen, möglidEift 
ftarfe ©d^merjen be^ufiS Srjielung mögüc^ft Weitgefjenben ©eftänbniffe^ 
t|en)orjurufen feien. 2)aäu finb forgfältig berüdfic^tigt ärjtlic^e ®ut= 
achten, weld)e lehren, wie bem Eintritte öon ©m^finbungjSlofigfeit, 
gewiffen ©teigerungen ber golter gegenüber, abju^elfen fei. SSer*^ 
treten wirb namentlich ber ©ag, bafe ber SRidjter ben genfer frei 
roaltm ju laffen ^abe, ba biefer ja öereibigter ©ac^öerftänbiger fei. 
©0 fdieinen bamalö aud^ praftifc^, trofe ber ©eltung bcr oerpitni^- 
mäfeig milben „(£riminat*3nftruftion Dom 30. ?tpril 1736", bie 
©trafprojeffe am §annöi)er'fc^en ©tabtgeridjt gefül|rt worben ^n 
fein. — Sn SSerlin wirften gleid^jeitig, 1754, burc^ bereinigte 9Irbeit 
ju gemeinfamem QieU 9Äofeg 3Kenbeföfo^n, griebrid) SRicolai 
unb Seffing. 

?lnberö fielet eö um ©aöib ®eorg ©trübe, it)n, ber in 
^atle unter SI)omafiu§ unb 3. §. ©öt)mer, in Serben unter SWoobt 
unb ©d^ulting ftubiert fiatte, ben na^eftefienben unb gefinnung^^ 
öerwanbten greunb 3Hünd)l)aufen'ö, ben einfid^tigcn görberer ^ütter'^, 
ben gelehrten Äenner beö Seibnife unb warmen 9Seret|rer be^ 



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256 Siebente« Stapittl 

SKonteöquieu ; aU ein Wlann öon offenem, Iiod^^crjtgem unb ttieil* 
nci)menbem SBefen tritt er un^ überall entgegen. 

®o Dor allem in feinem erften umfangreid^en SBerfe, Commentatio 
de jure villicorum vulgo Dom äRe^errec^t, ©cHe 1720. 5)ie @in= 
leitung läfet mit feltener SBefonnen^eit bem 5R5mif(|en 9?ed^te um= 
faffenbe SBürbigung ju 3;^eil n^erben, billigt bie SReception beffetben 
namentlid) toegen ber 3)ürftigfeit bc^ eint|eimifd)en SRccIitg unb öer^^ 
langt (Rettung für bie ®ä(je beä !?cutfc^en JRed^t^ nur bei benjenigen 
befonberen SRed^töinftituten, n^elc^e fid) eben au§ it)m ertjaften t|aben, 
— bann aber aud) in DoÜer ©elbftänbigfeit. Sei biefen di^d^t^ 
inftituten aber n)iebcr ^anbelt e^ fid) barum, nic^t bloö eine un* 
georbnete unb ungefüge 9Waffe juriftifdier Siujeltieiten ju bieten, 
fonbern einen burdjbad^ten Slufbau au^ btefem SKoterial, nac^ ben 
it|m felbft innetpo^nenben ^rincipien. Snbem ©trübe nun ttjirflit^ 
einen folc^en öau für baö ec^t beutfdje Snftitut bcö 5roet|erreci^tst 
auffütirt, {)at er nic^t bloö biefe Se^re tnef entließ geförbert, fonbern 
baö erfte mufterl^afte Öeifpiel für eine mct^obifd^e äKonograp^ie über 
einen ©egenftanb beö beutfc^en ^ßriüatred^t^ gegeben. 9In Stelle ber 
biöt)erigen Stoff f)äufung fe^t er conftructiöe Stoff :=95et)errfd)ung; 
freilid^ aber bleibt biefe Seiftung lange, unb felbft unter Strube'ig 
eigenen SBerfen, öereinjelt. — S)ie 2)cfinition beö äWe^erred^tö, ttjetd^e 
©trübe auffteÜt unb aÜfeitig burc^füt)rt, gel)t bat)in, bafe baffelbe 
eine §lrt erblid^en ^ßad^töerpltniffeö fei, öor allem alfo obligatorifc^cr, 
nidjt binglid^er SRatur. 9Kit biefer juriftifd^ jutreffenben ?Iuffaffung 
toeife er jcbo^ bie SRüdfic^ten ber ©illigfeit fcl)r n^o^l ju vereinbaren, 
namentlid) ben a^e^ern ©efi^j-Sd^ufe unb Sicherung Dor njilKürlid^er 
?lbme^erung ju gen)ät)ren. Sie m^nfdjenfreunbfidje ®efinnung, h)eld&e 
ba^ ganje SBerf burd)bringt, öerbinbet fid^ ^ier mit ber Karen politifd^cn 
Ginfid^t, ba% bie 3Bat)rung eineö fräftigen 3We^er==Stanbeö im tjödjften 
Staate =3ntereffe liege. Oierabe Don biefer Seite ift Strube nod^ 
mel^rfac^ auf ba^ 9Ket|er=5Jied)t jurüdgef ommen ; im ^ilbcö^eimifd^en 
l)at er einen berartigen Äampf mit (Srfotg burdjgcfül)rt. 

2)ort, im Stifte ^ilbes^^cim, ttjar Strube 1720 biö 1740 in 
oerfc^iebenen Stellungen, burdjmeg aber im S)ienftc ber Stänbc, 
ttjätig. 2)abei erljielt er oieIfad)e Slnregung ju publiciftifdjen Stubien; 
unb jnjar l^anbelt eö fic^ ^auptfäc^tic^ um brei, übrigen^ einanber 
nal)e berütjrenbe 3lnge(egent)citen unb Stofffreife. 



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II. 3)te gcrmantftifc^f Änttquitätcnforfc^ung. 3) ^annoöct. 257 

3unäd^ft um btc ftaatöKrd^enred^tltd^e ©teüung oon proteftantifd^en 
©tänbcn ünb Untert^aiten unter ber Sonbe^l^crrfc^aft dne^ fat^olifd^ett 
©rsbifc^of^: für bte äa^llofcn ©d^tt^ierigfeitcn , toeld^c {)icr immer 
toicbcr auftaud^en mußten, toax ^ilbeö^eim gcrabcju Kafftfd^er öoben. 
Steuer aWaterial jur juriftifd^cn S)urc^fäm:pfuu9 biefcr Sontroöerfcn 
gab öon SRciem; ©trübe I)at barau^ bie Siebte feiner ?luftraggcber 
nac§ alten ©eiten vertreten. S5ie au^ biefem 2lnla§ gefü{)rten ge* 
Iel)rten ©treitigfeiten seidenen fid^ aug burd^ beiberfeitige SKJa^rung 
öon SKäfeigung unb SBiffenfd^aftlid^feit. 

2luf ein jtoette^, eigenartigere^ ®ebiet brachten ©trübe befonbere 
Ser^ältniffe ber ^ilbeö^eimer ®erid^töbar!eit. (£ö beftanben ba 
jmei ®eric^tgf)öfe, ber eine in ber ©efe^ung bcm ©influffe ber ©tänbe 
jugöngßd^, ber anbere nid^t; ber eine lebiglid^ auf Suftijfad^en 6e* 
fd^ränft, ber anbere tomptimt für Suftij* unb SBertPaltung^f a^en ; 
fo Ratten bie §ilbegl)eimer ©taube allen änlafe, ben begriff ber 
Suftijfad^en unb bamit bie (Slectiö-Äonfurreuj be^ it)nen günftigcren 
§ofeg mdglid^ft toeit augjubel^nen. Sn SSertretung biefer 3;enbenä 
cntftanb ©trube'ig Unterfud^ung : ,,®rünbli(^er Unterrid^t öon SRe* 
gierung^^ unb 3uftij)ac§en'', ^ilbe^^eim 1733, bem ftd^ fpätere 
fürjerc 2luffä|e über baffetbe 3;^ema anreihten. Sft ©trübe aud^ ju 
einer befriebigenben Söfung nic^t gelangt, fo ift e^ bod^ f^on ein 
t)o^eö SBerbienft, bie Slufgabe f^arf formuürt ju ^aben, um fo 
me^r, afe bie baburd^ gegebene Anregung fid^ »eiteren Greifen (oer^ 
gleiche baö oben, ©eite 243, bei ^eumann, Söemerfte) mttt^eilte, unb 
fo ein funbamentale« Problem feftgelegt tourbe. 

auf ben britten, öieüeic^t ben umfaffenbften biefer ©tofffrcife 
fam .©trübe ju rcben bei einem öer^ältni^mfifeig geringfügigen änlaffc, 
nämlid^ infolge beö Sfnfprud^ö, ben ber |)ilbegl|eimer Slbel auf freiet 
Sagbrec^t er^ob, unter 2lbleugnung eine^ lanbe^^errlid^en SRegald. 
©(^on in feiner ju fie^ben unter 9ioobt 1717 gel^attenen Snaugurat 
®iffertation ^atte aber ©trübe bem beutfd^en 3lbcl ein fold^ei^ SRe^t 
öinbicirt, jufammen mit bem SRe^te ber äWitn^irfung bei ber Sonbe^s^ 
(Sefe^gcbung unb bei ber geftfe^ung ber ©teuern, fomie mit bem 
Siebte ber ^atrimoniat^urt^biction, Slnfprü^en, n^eWje au« ber 
^iftorifd^en ©ntujidlung beö Slbefe unb ber 2:erritoriaI^ot|eit I)er= 
geleitet tourben. ©o füfirte ©trübe benn jene einjelne grage auf 
bicfen ganjen 3^f<^^^^^^ö^fl jurüdE, unb feine ©tubien ergriffen 
biefc ^iftorifc^e Sntnjidlung nid^t bloö für $ilbe^l)eim, fonbern für 

Sanbfbera, «efAic^te ber beutf(f»eii Kei^tewilfenfc^aft Zejt. 17 

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258 ©tebented Stapittl 

alle moglid^en beutfd^cn 3;errttorten. 3n rtd^tigcr ©inftc^t tegt er 
ben ©ebanfen ju ®runbe, ba^, \o lange btc faifertid^c D6er*= 
gemalt eine ftärfere, bte ^errfd^aft namentlich ber Heineren fianbe^ 
fierrn über ^eie uub Slbelige itireg ®e6iete^ eine weit )äfm&6)ne, 
ber Unterfd^ieb jn^ifd^en jenem 2:i^eile be§ l^o^en Slbefe xmb bem 
nieberen Slbel ein toeit geringerer tpar. 3nbem er bö^l^alb bte Jim 
fd^auung, in n^eld^er fid^ ber ©tolj Heiner Potentaten gerne tpiegte, 
fd^roff jurüdteeift, afe ftamme i^re fürftlid^e SlQmad^t f(^on aui8 ber 
3eit öor bem Interregnum ^er, fo toiQ er bamit feine^n^egg bcn 
je^igen red^tmäfeigen §errfd^aftgju[tanb in ©treit ober 3^^ifrf i^^^^'^, 
f onbem nur einige @:puren [unb Ueberrefte ber alten ftanbifd^en grei- 
Reiten retten. Qu ä^nli^en ©riebniffen, ujie l^ier öom lanbftönbifi^cn 
©tanbpunfte au^ ©trübe, toar ©enfenberg t)om imperiaüftifd^n 
©tanbpunfte a\x§ gekommen. Stimmt man übrigen^ bie einfd^lfigigen 
obengenannten Slrbeiten ©enfenberg'g ju biefen SluiSfü^rungen ©trube'^ 
l^inju, unb bebenft man femer, tt)ie na^e fid^ mit biefen ftaatSrec^t== 
tid^en berühren bie ©tubien ©trube'g unb feiner 9?a^folger über bie 
öerfd^iebenen grunb^errlid^en SSer^ältniffe, fo fie^t man, tpel^e öer^ 
tiefte ©infid^t in baö innerfte ®efüge beö beutfc^en 8led^t^ unb ©taat^ 
lebeni^ biefer germaniftifd^ntiquarif^en SBen^egung ju öerbanfen ift. 
3»it 8?ed^t lonnte be^^alb öon ber SKitte be« ad^tjetinten Sal^r^ 
]^unbert§ gerül)mt »erben, i>a% an ©teile bei? früher auöfd^liefelic^ oon 
ben ^bliciften betrad^teten SSerl^ältniffe^ ber gö^^^" ä^^ ffiaifer 
bag SSerI)ältni§ ber gürften jum SSolfe getreten ift. — Qu bebauem 
bleibt nur, baß alle biefe 3luöfü^rungen ©trube'ö mit i^rem reichen 
urfunblid^en SRaterial in einjelne äfuffd^e jerftreut finb, bei toetd^en 
man ben trodenen S:on ber Siebuftion unb fortmöl^renbe SBieber^ 
l^olungen in ben Sauf nel^men mufe, um fid^ felbft auä ben ©injel- 
Reiten ein (Sefammtbilb ju üerfd^affen. 

©rfd^ienen finb bie 3D?et|rja^l biefer Slufföge in jwei ©ammefc 
merfen, bereu ^au))tfä(^ti(f)en Äern fie bilben, bie lateinifd^en unter 
bem Xitel „Decas observationum", ^ilbei^l^eim 1735, bie beutfd^en 
bejeid^net afö „9?ebenftunben" unb nur allmä^lid^ öeröffentlid^t, 1742 
bi^ 1765. S)iefe SSeröffentlic^ungen erfolgten, narf)bem ©trübe feit 
1740 burc^ SSermittelung 2Künd^t|aufen'ö in §ann5öer'fd^e S)ienfte 
übergetreten tuar ; eö ift immerljin rü^mlic^ bejeic^nenb für bie öffent? 
liefen 3^f*ä^^^ i" ^^^ J?urfürftentt|um Jpannooer, mie fic^ biefetben 
bamalö in Slnnä^erung an baö perfonal-untrte Snglanb geftattet 



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II. 2)ie gennamftifd^e 91nttqttitäteitforf(^ung. 3) ^annoüer. 259 

l^Qttcn, bafe ©trübe fold^e 3luffä|e l^ier publtriren burftc, obfd^on fic 
im ftänbifd^ Sntcrcffc gegen übertriebene lanbeig^errltd^e ^Prätentionen 
gefd^rieben finb. SBä^renbbeffen toax er in ipannoöer afö advocatus 
patriae mit bem Xitel einei^ ®ct|eimen Suftijrat^g angefteUt, l^attc bic 
föniglid^en ©ered^tfame ^rojeffuol ju vertreten unb bem SRinifterium 
in allen 8le^tgfragen gutad^tlid^en Sefd^eib ju geben. SSon ben 
jtoonjig goKob&nben mit ^anbfd^riftlicl^en ®utacl^ten, »el^e fo cnt^ 
ftanben unb n^eld^e in ber Sibliot^ef bed Dbero^peUationSgerid^ted ju 
ßette beteuert »erben, ift jebo^ toenig jum S)rucf gelangt, tool^I 
in golge ^olitif^er SRüdfid^ten. 

S)a^ Snberte fid^, afe ©trübe 1758 bie ©tellung eine« S)irectorg 
ber ^annöDer'fd^en 3uftijfanjlei übernahm, in toeld^er er bi^ ju feinem 
lobe öerbliebcn ift. ®r trat bamit an bie ®px^t eineg l^o^en 
(Serid^t^^ofeg, beffen ©om^jetenj bürgerlid^ unb frimineÜe ©ad^ 
umfafete. ?luf biefem neuen gelbe i)at er nic^t nur bie unmittelbar 
i^ geftcHten Slufgaben ber Subifatur unb ?lbminiftration mit einem 
gleiß unb Oefd^idC bewältigt, »eld^e bie ^annöDer'fc^e 3;rabition 
nid^t genug ju rühmen toeiß, fonbem aud^ üterarifd^ feine reid^ftcn 
Sorbeem gezeitigt; finb bod^ feine ,,9ied^tlid^en Sebenfen", meiere bie 
^raji^ jeneig ipofe« barftetten, nod^ 1827/28 öon ®mft ©pangenberg 
in neuer f^ftematifc^er Slnorbnung herausgegeben ujorben. — S)ie 
einjelnen SJebenfen finb in beutfd^er @:prad^e mögli^ft furj unb Kar 
vorgetragen, obfd^on fie fid^ feineStoegS ftetS auf ben einjetnen gall 
befc^rfinfcn; unter Umf tauben be^nen fie fid^ über ein ganjeg Sie^tä* 
inftitut au5, biStoeilen unter 2lbbrud lofaler 9?ed^t§quetten. 3n 
I)öl)erem SD^aße, ate baS fonft bei ©prud^fammlungen übli^, mirb 
toiffcnfd^aftlic^e Sbrunbung ersielt. ©a^Iid^ folgt ©trübe moglic^ft 
ftrenge ben Duellen, in auSgefpro^cnem ®egenfa^ ju Se^fer'S „ric^ter^ 
liebem 5)urd^greifen", mag ei8 fi^ nun um beutf^e ober um römifc^e 
Duellen ^anbeln, iu Uebereinftimmung mit ber SBfirbigung be^J 
aSömifd^en SRec^tö, todd^t toir bei bem ©d^riftfteüer ©trübe öon 
Anfang an treffen. 3m Siöilred^t ift babei bie 3luffaffung burd^meg 
eine frifd^e, burd^ literarifd^e SRücfftd^ten ungetrübte. Äud^ in ©traf^ 
fachen mochte ©trübe ftd^ an ba^ pofitiöe SRec^t Ijalten, nid^t aber o^nc 
ein Ujeitgel^cnbeS ©ntgegenfommen gegen milbere ©trebungen ju üben ; 
eö flingt bo^ nid^t ganj mifebilligenb, toenn er fc^reibt : „2)ie SRid^ter 
milbem folc^ergeftalt Dielfeitig unfere mit 85Iut gefd^riebenen ©efe^e 
burd^ Auflegungen, toeld^e in i^ren Sud^f toben feineStoegö gegrünbet 

17* 

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260 (Siebentes Äapitel. 

finb, unb bie ©efeggeber laffen ciB nic^t o^nc Urfad^c gc](^el)en.'' 
3Bo freilid^ eine milbernbe Umbeutung ganj unmöglich, ba bleibt bcn 
9iid^tern nic^tö übrig, ate fid^ bem ®efe|e ju beugen. S)icfer SÄittel- 
fteltung ©trube'ig cntfpric^t feine Slnfi^t über bie göltet, luel^e er 
möglid^ft feiten angettjonbt roiffen, beunod^ aber nic^t ganj entbehren 
möd^te. — 9Kit befonberer SJorliebc finb leljn^ unb me^erred^tlid^c, 
überhaupt germaniftifc^e gätle ^erangejogen. ®ut gearbeitete SRcgifter 
erleid^tem bie Senu^ung. dagegen ift gebrochen mit ber feit Sarpjoö 
eingebürgerten, fo bequemen n^ie untDiffenfd^aftli^en ©itte, regelmäßig 
einen auö ber ©ntfd^eibung be^ ©njelfatteö abftrat|irten Sled^t^fa^ 
an bie ©pt^e jeben 3Ibfd^nitte^ ju f e^en : ujer ein ©trube'fc^eä ©eben! en 
ju feinem Urt^eil üertoertJjen tooUte, mußte eg ganj burd^Iefcn unb 
burc^benfen. 

S)er große ©rfotg ber ©trube'fc^en ©ebenfen unb mittcfö il^rer 
ber ^annööer'fd^en ^ajig, toeld^e bamit an bie ©pi^e be^ gemeinen 
SReditg trat, beruht auf bem ^ii^üdteeid^en ber big{)er leitenben ^rayi^ 
einerfeitö, auf einem ßufammentreffen förbernber Elemente anbererfeitö. 
933arum felbft ein Se^fer bie alte ^errfd^enbe ©teQung ber furfäd^fifc^cn 
^ßrajiö aufredet ju erl^alten nic^t in ber Sage war, ift bereite erörtert. 
SSon ber ©eite aber, tpeld^e fonft Äurfad)fen ablöfte, öon ber ©eitc 
S8ranbenburg=^reußen3, blieb ber erfte ftarfe ^attifc^e Slnlauf, fo cnt= 
fdieibenb unb frudjtbar er für bie 3Biffenfc^aft auffiel, für bie ^ragiS 
ol)ne nad^^altige Öebeutung. Um auf biefem Oebiete fefte gütirung jU 
getpinnen, bebarf eö oor allem eine§ längeren, fid^ bi^ jur ©elbft^ 
tjerftänblid^Ieit fcftigenben ©leid^maßeö ber Seiftungen; bie juriftifc^e 
gacuItSt ^aKe l)atte fid^ nun aber nid^t auf ber ^öl^e ju l^altcn 
gcttjußt, nacf|bem fie il)re erften ^eroen verloren ^atte, fonbem toar 
gegen SKitte beö Sat)rt|unbert^ ber fanbläufigen SRittelmäßigfeit t)n^ 
faUen, toetdje nur ber SBoIfianer SRettelblabt überragte, ©o gelangte 
benn baö ^rincipat in ber ®elet)rfamfeit üon ^alle an @öttingcn, 
in ber ^rajid üon 99ranbenburg an ^annoöer. görbemb mirftc ju 
bemfelben Srgebniffe fc^on ber Umftanb, baß ba^ SBraunfc^toeigifcfys 
Süneburgifc^e Sterritoriatrec^t bereite feit längerer Qtit befonbcrc 
n^iffenfd^afttic^e Pflege gefunben t)atte. 333eitcr fam in SJetrad^t 
ba^ reidie 3Raß materieÖer SKittel, über ujcld^e man ^icr verfügte, 
im ©egenfa^e ju ber nott)gebrungenen preußifd^en Sargljeit. ®nen 
frifc^en 3^9 brachte nad^ ^annoöer bie SSerbinbung mit Snglanb; 
unb bcfonberS günftig jur ©rjiel^ung eine^ maßooll liberalen, »iffcn- 

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II. 2)ic gennaniftifdjc ?(ntiquitätcnforf(^ung. 3) ^onnoöcr. 261 

fc^aftlic^ tüchtigen ©eamtentl|uinö ertötet fic^ ber gleid^mafetg artfto- 
fratifd^e ®ang ber SScrmaltung, luic er burd^ bie 2t6tt)efen{)eit be« in 
©nglanb rcfibircnbcn ^errfd^er^ ^erbeigcfütirt lourbe. ®6en qua ben 
Steifen biefer SSermaltung finb bic gü^rer ber ^annöDer'fd^cn ^ßrajijg 
Iieröorgegangen; mag aud^ unter i^nen ein ®öttinger ^rofeffor, 
Sobtag 3aco6 9fietnl)artt), mit feinen Selectae observationes ad 
Pauli Christinaei Decisiones, ©öttingen 1743, in SetradEjt fommen, 
fo bleibt er bod) öereinjelt unb Der^altnifemäfeig untergeorbnet neben 
<Bttvibe unb g. @. bon ?ßufenborf. S)arin jeigt fid^ jugleic^ bic (£in= 
bu§e, loeWje bie jurtftifdien gacultäten bamafe überaü in ber ©prud^ 
pxap& ju ®unften ber polieren (Serid^te erlitten ; unb tjiermit toieber 
öerbinbet ftc^ bie Mbfetir Don ber SBiüfürl^errfc^aft be^ usus theoretico- 
practicus juris Romano-Germanici ju ©unften ftrengerer Quellen* 
mä^igfeit. S5ag entf^eibenbe Uebergetpid^t getpinnen aber bod^ xvol)i 
erft btefe §annoi)eraner bur^ il^re Pflege germaniftifdjer Duellen 
unb SRed^tginftitute. S^id^t um ein äufäßigeö 3iiföTntnentreffen ^anbelt 
e^ fic^ ^ier, fonbem um ba^ mafegebenbe 5D?oment. Ttit ©trübe 
bringt bie germaniftifdEje, antiquarif^= elegante ^orfd^ung au^ ben 
©tubirftuben ber ®ele^rten unb auö ben ©anäleien ber 3Serfaffer 
Don ©taat^fdEjriften in bie ©erid^t^jäle ein unb fdjafft jum erften 
SÄale an ©teile beö bi^^erigen SRifd^red^tö eine rein beutfc^red^tlid)e 
^ßrajig für ben foldjer ®el)anblung jugänglic^en ©tofffreis^, auf ®runb 
einge^enber @rforfd)ung ber felb^ unb fürftn)irt^id)aftlic^en 3Serl^ält* 
niffe, toie fie ba^ einfieimifc^e 8le^t lebenbig öertt)irflidjen ; im übrigen 
unter SBa^rung be^ beredjtigten romaniftifc^en SBcfifeftanbe^. — 3mmer= 
ftin wäre eä eine Ueberteibung, anjune^men, bafe biefe I)annöt)er'fd^e 
^aji^ bie unbebingt mafegebenbe für ganj S)eutfc^Ianb geworben 
»Sre, etuja in ber 2lrt, toie frül^er bie lurfädififc^e. 2)er ^annöüer'^ 
fc^e einflufe befd^ränft fid^ t)ielmel|r bur^ttjeg auf SJiorbbeutf d)lanb ; 
unb auc^ bort toiffen fid^ einer ftörferen SDSirfung größere Sierritorien, 
namentli^ alfo ©ac^fen unb ^ßreufeen, ju tpiberfe^en. Die Scittn, 
in »eldEien ein 3;erritorialred|t ober eine S^erritoriatSuriöprubenj 
Ratten innerlialb ber anberen gefc^Ioffenen ^Territorien aufnähme 
finben fönnen, tuaren borüber ; lebiglid^ aU ein SSorbilb fonnte biefe 
^annöüer'fc^e ^ßraji^ brausen in öetradjt fommen. 

Sieben ©trübe fte^t afe il^r "Präger griebric^ Sfaia« oon 
^ufenborf, beffen Xf^&ÜQtät fid^ ougfd^fiefelic^ ju ©ette abfpielte. 
©eine erfte bebeutenbere ©d^rift, bie Commentatio juris naturalis 



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262 ©iebented Stapittl 

et civilis de culpa, Semgo 1740, ftc^t ftarf unter bem Stnfluffe 
3BoIf^ m bcr ))^iIofop]^tfcl^cn ©runbicgung mie in ber ©prad^ 
bc^anblung, fotote in ber ftrcngen gormuKrung öon SRegeln unb 
golgcfä^en. SBeniger f^on in.öejug auf bie fpBogiftifd^c ©tetf^ett: 
^fcnborf begnügt fid^, burd^ SRanbnotijen fd^ulmä§ig btc SRoQc ju 
bcjetd^nen, toel^e bcn etnjelnen, fretgebilbeten ©ö^en bc^ 3:ejtc§ in 
bem bal^inter DerftedEten ©^üogi^mu^ juf ontmcn toürbe. 5m allgemeinen 
Steile folgt baö 3Berf ber bamalö ^errfd^enben Se^re, jeid^net fic^ 
aber im befonberen S:i|eile auö burd^ forgfäftige unb gefd^icfte %n^ 
toenbung auf bürgerUdieg unb ©trafred^t. 

SBefentlid^ felbftänbiger ift ber Liber de jurisdictione Ger- 
manica, Semgo 1740, in toeld^em nur nod^ bie Sianbnotijen an 
3BoIf erinnern. 2)ag Suc^ gel^t au^ öon bem rid^tigen ®ebanfen, 
ba§ nad^ altbeutfd^er STnfd^auung ber Äern ber Suri^biftion nid^t in 
ber rid^terlic^en Sognition, ba^ Reifet in ber Urtt)eil^finbung, liegt, 
fonbern in ber ©erid^t^getoalt. S)amit toirb bie ©efc^ic^te ber ®erid)t^ 
öerfaffung ein Xl^eil ber ®efd^ic^te ber polttifd^n §errfc^afti50er^ättniffe. 
^ufenborf fafet namentlich in^ ?luge ben Sonflift jmifd^en ber lanbe^ 
^errlid^en unb ber abeligen 5ßatrimoniat®eric^t^6arIeit, toä^renb er 
bie alte freie Solfögerid^töbarleit Dollftänbig überfiet)t. (Sbenfo trifft 
il|n ber SSortourf, faft au^fc^IiefeUd^ au^ l^annooer'fd^en SKaterialien 
einen Sau für ganj ©eutfd^Ianb errid)ten ju holten. Smmer^in 
tt)irb i^m bie Slnerleunung bleiben muffen, \>a% er mit feltener Energie 
t)on einer rein germaniftifd^n ®runblage au^ in bie öertoorrenc 
SKaffe ber geltenben Suri^biftion^Serl^altniffe hineingreift, principieüc 
Älar^eit uub ©d^eibung jmifc^en orbentlid)er unb aufeerorbentlic^er, 
ftaatlirfier unb Matrimonialer ®eridE|tgbarfeit mcnigfteni^ anftrebt, unb 
bie ®runbibce burc^füt)rt, nad^ meld^er bie ©efc^i^te ber ®md)t^ 
barfeit tt)eiter nic^tö ift afe eine Seite ber ftaatlic^en unb ftänbifdjen 
(Snttoidtung. 

9Äit biefen beiben ©d^riften fdiliefet bereite ^ufenborf^ mono* 
grapl^ifd^e ^robuftion ab: er Dereinigt feitbem feine ^äfte auf ©in 
SSerf, bie Observationes juris universi, in oier SJänben. Seber 
Söanb äerfältt fc^arf in ätpei Steile: ein erfter §au^)tt^eil rei^t bie 
Dbferüationen ju ^unberten aneinanber, meift furje ©etrad^tungen 
im ?lnfd^tuffe an bie ^raji^, f)in unb toieber auc^ längere ober 
f clbftönbige 3tu^füt|rungen ; ein jnjeiter Itieil, ber jebe^malige Slnl^ang, 



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II. ^ie germaniftifc^e $(nttquitötenforfc^ung. 3) ^annoDet. 263 

fltbt fcitcne ober btö^cr ungcbrudtc beutfd^c Slcd^töqucQcn, bcrcn Icyt 
bfetoctien mit 9iotcn öerfctfen tft. 

3)ic Dbfcröattonen ftc^cn :prtncipiell auf bcrfcftcn ©runblagc 
lüic ©trube'g ?ßrap^. 2)ag Siömifci^c SRe^t lotrb gerne ]anerfannt 
unb gepflegt, fogar ntd^t o^ne elegante Sjfurfe. S)a^ 5)eutfd^e SRed^t 
fommt baneben in tüeitem Umfange jur (Settung, namentlid^ im 
?lnf^Iuffe an territoriale unb lofale SRed^tgquellen. 3)abet bürfte 
^ufenborf in rein bürgcrlid^en SRe^töfragen eine getoiffe Ueberlegen* 
^eit über ©trübe in J^olge me^r fd^ulmäfeiger SJe^anblung jufommen, 
ein 9Ser^äItni§, loelc^e« fic^ umIeJ)rt, fo oft publiciftifd^e ©lementc 
mitfpielen. 3n ben Se^n^fai^en tritt 5ßufenborf encrgifd^ für ba^ 
ein^eimifd^ SRed^t ein, in ben firi^enrcd^tlid^en ^^^agen für bie ße^ren 
SBö^mer'i^. ,®ering nur ift bie Slnjal^t ber Dbfcröationen, to'tld)t 
bag ©trafred^t bc^anbeln; fo meit foldie ju finben, ftel^en fte auf 
bem ©tanbpunft ber ipärte, ni^t blog burd^ Söeibe^altung ber golter, 
fonbem aud^ in ber ?lrt unb in ber öemeffung ber ©trafen. ?luf= 
fallenb ftarf ift öerl^filtnifemäfeig bie 3^^! ber na^ jübifc^em ©onber= 
rechte entfd^iebenen §änbel. 

S)ie anhänge ju ben Observationes bejietien ftc^ bi^meilen auf 
beren praftifc^en Sn^alt, infofem ^bort bie 9?ec^ti3queIIen abgebrucft 
finb, welche f)ier angemenbet tourben. Sebod^ reid^en biefe 3ln^änge 
tocit über biefen 6onneE l^inaug, ein üollnjert^igeö 3^^9^ife bafür, 
ba6 baö wiffenfd^aftlic^e antiquarifd^e 3ntereffe bei i^nen überwiegt. 
Sn ber Statur ber ©ad^e lag e^, baJ5 ^ufenborf babei Iiauptfäc^Ii^ 
9{ed^t^aufjeid^nungen aud 9lorbn)eftbeutfd)Ianb in bie ipanb famen unb 
om meiften natürlid^ fold^e aug bem ©prengel beg Setter ®erid^t*= 
l^ofe«. SBefentlid^ ^anbelt e^ ftc^ um ©ad^ft|d)eig unb griefifd^e«, 
um ©tabt»^, 5)ienft=, SRitter^ unb Sanbrec^te, fott)ie felbft 53auem* 
fprac^en, Oeri^tSbüd^er unb 3)orfrerf)te. ^ ^üx manc^e^ baöon ift 
biefe 5|Jufenborf'fd^e ©ammlung bie einjige, für mand^e^ bie bequemft 
jugänglid^e CueQe geblieben. 

©^rifttan (SottUeb ülicciu^ fc^Iofe fid^ öon ®öttingen 
au^ ben germanifiifd^ * antiquarifd^en Stubien biefer äÄfinner an. 
©eine erften Slrbeiten, über ben (anbfäffigcn ?lbel in 3)eutfd^Ianb, 
SRömberg 1735, unb über bie in S)eutfd^Ianb üblid^c 3agbgerec§tig^ 
!eit, ebenba 1736, belegen fid^ ganj in ©trube'g ©tofffrei^. ©einen 
^aupterfolg aber trug SRicciuö baöon burc§ ben ,, 3^^^riäfftgen 



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264 Siebented StapM. 

©nttoutf t)on ©tabtgef e^en ober statutis, öorne^mlic^ ber Sanb=©täbtc", 
granffurt 1740. (£r öerfud^t ba jum erften SKale, Orbituttg unb 
UeberblidE in btcfeö S^ao^ ju bringen, unb breitet \xd) XDixtliä) faft 
gleid^mäj^ig über ganj ©eutfc^Ianb auö, entgegen bcm ^äufig 
begangenen ^ei)Ux, bie 3?er^ältniffe einjelner ^Territorien ju \KxaSl^ 
gemeinern. „(£ö jeid^net fid) burdj ein fel^r rei^ei^ äWaterial an^ 
unb ift für bie ©efd^id^te ber ©tabtred^te fpäterer Qät bog einjige 
umfangrci^e ^filf^mittef, toö^renb e^ für bie 3cit bi^ jum @nbe beö 
SWittelalterö burd^ neuere 3Berfe übertroffen, aber nod^ nid)t über= 
flüfftg gemacht toirb", — fo fagt ©tobbe bon biefem ©uc^e an 
Icitcnber ©teUe. (Seftü^t |auf bie fo ernjorbene Äenntnife beutfd)cr 
9?ecf)t^queIIen fc^rieb bann SRicciu^ fein „Spicilegium juris Ger- 
manici ad J. B. Engau Elementa juris Germanici, ex legibus 
statutis et diplomatibus coUectum, (Söttingen 1750, eine ©amm= 
lung t)on (Srgänjungen, tpeldie ben SBertt) be^ Sel^rbuc^eg, ba^ fie 
crgänjen, »ef entließ übertreffen, unb Don njeld^en eben nur ju bebauem 
ift, ba§ fie einem folc^en 93ud)e beigegeben finb, ftatt ju einem felb^ 
ftänbigen ©angen verarbeitet ju fein. S)ag beutf^e ^ßrtöatrecftt 
tjerbanft SRicciuö aufeerbem eine SRei^e tüd^tiger fleinerer Sfbl^anblungen. 
©eine le^te Slrbeit, in t|o^em 3[fter noc^ burd^gefü^rt, finb bie 
Exercitationes XVII in jus cambiale, ®öttingen 1779—1782; 
ber 9tei(^tf)um unb bie ?lu^be^nung berfelben fenuäeid^nen ben gort^ 
fd^ritt, toeld^en biefe SBiffeufd^aft in 2)eutfd|lanb feit beg ^einccciu^ 
(Slementart'Se^rbuc^ gemalt ^atte. 

4. 58on fturl^annoüer gingen Ujeitere Slnregungen aug für ba^ 
©tubium ber eint|eimifd|en, befonber^ ber lofalen DueQen unb SRed^te, 
unb äUjar über ganj 9lorbbeutfc^Ianb. 

3unäc^ft fommt in "^^ttadji bie näl)ere Umgebung unb ber 
fädjfifc^e Cueüenfrei^. 3lui§ biefem pflegte ber ^ofratti unb ©ermantft 
®ern]^arb griebr. SRuboIf ßaut)n ju 2;ennfttibt befonberö ba^ 
SKagbeburger Sle^t, ttjennfc^on unter ja^frei^cn SÄifeüerftönbniffen, 
in 5^^9^ ^^^^^ ^^ ^i^ 104 Slrtitel, n)etd)e 1304 bie 3Kagbeburger ben 
®örli^er ©c^öffen mitt^eilten, ate uralte SRed^t^quette anfa^ unb 1772 
bruden liefe, toäf)renb ein i^m burd^ ben (Sörli^er 8latl^i^I)errn Srubcliu^ 
1769 beforgteö, peinfic^ genaueig Stpograpt) be^ „®örli|er 9ficd)t^ 
bud^e^" liegen blieb, um erft 1787 öerbffenttidit ju toerben. Srnmer- 
I)in bel^ält 2aut|n baö SSerbienft, für bie Sebeutung be^ SKagbeburgcr 
Sled^t^ eingetreten ju fein. — S)a^ SRed^t^buc^ nac^ 2)iftinftionen 



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IL 3)ic gcnnattifttfc^c ^ntiquitätcnforfc^ung. 4) 3n tociteren Greifen. 265 

iDurbe ettoa glcid^äeitig , iDennfd^on unter bcr faifcfien Seäeid^nung 
ate ,,©c^Iefifc^e^ Sanbred^t", ^erauöflegeben öon Sotiann @t)renfelb 
Söt)me in fernen „SJtpIomatifdien ^Beiträgen jur Unterfuc^ung ber 
jc^Iefifd)en SRedjte unb ®efc^tcf)te", »erlin 1770—1775; imb einen 
Äomntcntar jum ©odifenfpieget öerfudite bamalö »enigften^ ju liefern 
^ieron^mug (Stiriftopl^ Wltdbad), 3ena 1764. 

Qu ?lurtcl^ erfc^ien im Satire 1746, tierau^gegeben t)on bem 
bortigcn SRegieriing^ratl) 9ÄatI)iaö öon SBid)t, „ba^ Dftfricfifd|c 
Sanbred^t nebft bem ©eid^ unb ©t^^WSieijt, mit üerfd^iebenen ber 
ältcften ^anbfc^riften jufammengel^alten unb üon öielen ©djreib:' 
fel^lem gefäubert. 2)urd^ eine nebengefügte njörtlic^e Ueberfe^ung, 
am JRanbe gefegte ©ummen unb . . . 2lnmerfungen ber veralteten 
aSSorter unb SRebarten erläutert. 3J?it einem SSorberid^t öon bem 
Urfprunge unb ber SSerfaffung biefer SRec^te öerfe^en". Slamentli^ 
bicfer SSorberid^t unb bie 3BorterIäuterungen finb tjon Sebeutung, 
ba Don SBid)t felbft griefe unb in friefif^en Ueberlieferungen too^t 
betoanbcrt ift. 

5)ie meiften biefer SSeröffentlid^ungen ftjerben übertroffen burd^ 
beö SBremer ©^nbifug ©erwarb Delrid^^ ,,9SoIIftänbige ©ammlung 
alter unb neuer ®efe|bfic^er ber ©tabt SBremen", 1771. S)cr 
l^umaniftifd^ trefflid^ gefd^ulte SSerfaffer jeic^net fid^ au^ burc^ gute 
SSa^I unb forgfältigen SlbbrudE ber ^anbfdjriften , aber auc^ burdj 
bie gefc^ic^tlic^ förbernbe 3bee, bie gefammte ftatutarifd^e SRec^t^ 
entmidtung ber ©tabt üoräufüt)ren , mit SSorberidjt über bereu 
äußeren ©eftattung^gong. Slujserbem f)at Delrid^ö SRigifd^e SRec^t^^ 
quellen be^anbelt, jeboi^ ol^ne biefelbe SSoüftänbigfeit ju erjielen. 

©gent^ümfid^ere gortbilbungen erful^ren bie germantftif^cn 
©trcbungen in ben Säubern ber Dftfee unb an ben bortigen Uni^ 
berfttäten, unter ben poütifc^ tüie geogra))]öifd^ gegebenen Sebingungcn 
einer naiven SSerbinbung mit bem flanbinaüifd^en SRorben. SRäl^er 
betrad)tct fd^eiben fic^, auö benfelben SSert|äItniffen iieröor, jnjei 
©TUpptn: eine ^ommerifd)-©dE|n)ebifc^e unb eine ©c^legtt)ig=S)änifd^e. 

3n ®reifgtpalb toar bie S^rabition eine^ 3Keöiu^ nie ganj er* 
lofd^en. ©ie pflanjte fid^ fort burc^ bie beiben ®erbe^, SSater unb 
©o^n, auf 5luguftin üon ©alt^afar, beffen SSerbienfte um bie 
©rforfd^ung ))ommer'fd)er Antiquitäten naml^aft finb. Sc- ^anbelt 
ftc^ ba um einen toeiten Ärei§ öon Slnregungen unb ©tubien, 



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266 ©icdente« Sea^jitcl. 

vermittelt burd^ jtoet geletfrte patriottfc^e ©efeflfd^aftcn, bie ber „Col- 
lectores historiae et juris patrii" unb bte „©eutfd^e ©efeflfd^aft"; 
on beibcn na^m ©altl^afar mafegebenben Äntl^etl. S)aö jurifiifd^ be«^ 
beutfame ©rgebnt^ liegt üor in umfaffenben Urfunbett*@atrantungen 
unb anbeten SBeröffentß^ungen ö^nßd^er ärt au« 'jbiefen Äreifen; 
ferner in einjelnen ©Triften Saltl^afar'«, tote in feinen hirjen, 
jebod^ getoiffen^aften „^iftorifd^en Siad^d^ten tjon ben SanbeiSgerid^ten 
in ^ommem unb SRügen" unb ebenfo „öon ben Sanbeggefe^en", 
®reif«toalb 1733 unb 1740; tote ferner in feiner au^fül^rlid^en unb 
grünblidjen Unterfud^ung de hominibus propriis in Pomerania, 
©reifgtoatb 1735—1740. 

^titn Salt^afar toaren ju ©reif^toalb in berfelben Sii^tung 
tl^ätig ber 3urift Soad^im ?lnbreag ^eltoig, bie ^iftorifer 
«nbreag SBeftpl^al unb Stibert ®eorg ©^toar$; für bie 
preufeifd^en Steile ber ^rotinj 5ßommem aber ber belannte ©ammter 
unb 5lnttquar Sodann Sari ©onrab Delrid^«, Seigrer ber 
SRe^te am afabemifd^en ®^mnaftum ju Stettin feit 1752. 3n 
ba« Äönigreid^ 5ßreu§en felbft brang biefe« 3ntereffe für bie lofalen 
SRe^tSqueQen unb Urlunben öor mit SReinl^oIb griebric^ Don 
©a^me, ber ni^t nur über preußifd^eiS Sanb^ unb SBed^felrcd^t 
la^, niä)i nur femer einjelne 5ßunfte beig preufeif^en 3;erritoriat* 
^tä)tö unb beg Äönig^berger @tatutar==9led^tg in 3)iffertationen 
bel^anbelte, fonbem felbft eine „®rünblid^e Anleitung jur preufeifc^en 
SRed^tggela^rtl^eit, toorinn ba« Sanbred^t be« Äönigreid^« ^reufeen . . . 
üorgeftellet unb erläutert toirb", üier %f)eiU, Äönigi^berg 1742, 
Veröffentlichte. 

Sfn juriftifc^er SBebeutung übertrifft bie bi^^er genannten ©reifi^ 
toafber ^ermann ^einric^ (Sngelbred^t, ber 1745 feine ©reifS* 
toafber ^rofeffur öerliefe, um Slffeffor unb fpäter SSicepräfibent be« 
Sribunate ju 333i«mar gu toerben. 3n biefen ©teHungen i)at er ba^ 
SBerl beö SÄeüiu« in beffen ®eift toürbig fortgeführt bur^ feine 
Observationes selectiores forenses, 1748 — 1771; ein 933erf ä^n* 
ü^er lenbenj, eine ©ammfung ©reifötoalber galultätöfprüc^e 
nämlid^, toar boraufgegangen, erreid^t jebod^ entfernt nid^t äußeren 
Umfang unb innere ©cbeutung jener ^blifation, toeld^e ftd^ öiet 
fac^ unmittelbar auf SReöiud jurürfbejie^t. SBie bei biefem unb 
toie bei ben .Hannoveranern toirb bei Sngelbred^t bie ^i^if^e unb 
Äraft erfreuüd^ bemerfbar, toelc^e bie praftifd^e Äafuiftif burc^ 



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IL i)ie germantftifc^e Slntiquitötenforfc^ung. 4) 3n »eiteten Greifen. 267 

oui^gtebige 93enu^ung bed ein^eimtfc^en $T0)?tnjtat-9ied^tö aud bem 
tjatcrlänbifd^cn ©oben faugt. 

©rtcn cttoa^ frcmbartigcren ©inbruc! mac^t S^rtftian öon 
SlttUlblabi ober, tüte er fid^ gerne nennt, SRettelbla; in @to* 
^olm geboren, obfd^on rein beutfd^er äbftammung unb SJilbung, be== 
nu^te er ju feiner fiaufbalin l^auptfä^Iid^ f^n^ebifd^e SBerbinbungen. 
S)ie)elben trugen i^m 1724 bte ©mennung ju einer (Sreif^loalber 
Ißrofeffur ber SRed^te, 1740 bie «ßräfentation jum »eifi^er be8 aWt®.g 
m, fonnten i^n aber nid^t baöor fd^ü^en, bafe er 1774, toegen 
groben SSerfd^uIben^ int Smte, beffclben oon ber 9iÄ®.^8Sifttation*= 
S)eputation entfeftt mürbe. — ©iefem feinem Seben^gang gemä§ 
bcl^nen fitf) feine ©elften über fd^toebifd^eö unb bcutfd^eö SRed^t 
<mä, o^ne einen redeten 3uföinmenl)ang hineinbringen, ja felbft o^ne 
biefen in fid^ felbft erreidfien ju lönnen, tro| allen Stufgeboteö öon 
©toff unb SBiffen. 3Keift Iianbelt eg fi^ um Sammlungen buntefter 
tbct, aug aUer^anb f^toebifd^en unb beutfc^en ärc^iüen ober Siblio- 
tiefen, balb aud^ blog um Sfnjeigen großer, erft geplanter ©amms* 
lungen. ®ern fingt er barin bag Sob f^toebifc^er Siec^ti^gefe^rter 
unb ®efe|e, bi^toeiten ffi^rt au^ rein S)eutfd^e^ anfpruc^^öofle 
norbif^e 3;itel, loie j. 33. ber „®reinir'', brei ©tüdEe, granffurt 
a. üRain — nid^t ©tod^olm, mt bo^ 3;itelblatt brudft — 1763 bi« 
1765. ®inäelne Sraltate öerfud^en bie Subemig'f^e formet be^ 
@taat3re(i)t^ auf ©^toeben unb Äurlanb an jutoenben ; anbere wollen 
ba^ Sfibifd^e 9?e^t au^ bem ©d^tt)ebifd^*®ot^ifd^en herleiten; toieber 
anbere fd^Iagen ffir baö SRÄ®. toiffenfdtiaftUd^e ober ^raftifc^e 
^Reformen toeit augfel)enber ?lrt oor, in auffaQenbem ©egenfafee 
ju bem, ma^^ bod^ wol^I SRettelblabt'i^ eigene 5ßrajid gewefen ju 
fein fd^eint. 

(Srnft Soad^im öon SBeftp^alen, Surift, ^iftorifer unb 
©taatgmann, fü^rt uuj^ fiinüber ju ber fd^le^toig^bänifd^en ©ruppe. 
gfir biefe tourbe burd^ i^n bie Änletinung an beu Äanjier oon 
Subctt)ig befonber^ maj^gebenb, unter SBenu^ung namentli^ beg Um* 
ftanbe^, ba§ Subeloig bereite betont ^atte, jum aSerftänbniffe bei^ 
S)eutfc^en SRed^tö feien fämmtlic^e germanifc^e ©tamme^red^te ^eram 
jujiel^en. SRcin baö @d)o biefer unb anberer Se^ren Subemig'ö ftnb 
SBeftp^aten'g frül)ere ©d^riften, in SSerbinbung mit X^omafifd^er 2lb*= 
neigung gegen ha^ 9i5mifd^e SRed^t; SBeftpIialen'ö felbftfinbige, jpätere 
Änfid^ten fennjeic^nen ftd^ baburd^, bafe fie biefe ^aüifd^en Seljren 



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268 @iebented Stapxitl. 

öbcrbtcten unb in'g SDiafefofe ftetgcm. ©runblegenbe 9(nf(i^auung tft 
ci3 für SBcftptialeii nutimetfr, bafe boö in 3)eutf^Iaitb cingebrungcne 
dtömifd^e unb fanontfd^e Siedet auä) bie emlfeimifd^en Sied^töqueUen, 
einfdiUefelic^ be« ©ad^f enfpiegcfe , fämmtlid^ berettö burd^fcud^t unb 
cntftcHt f)abt, bafe man olfo, um ec^t gcrmanifd^c äuffaffung !cnnen 
ju lernen, ju ben ffanbinaöifdicn SRec^ten auffteigen muffe, namcnt:^ 
lid) ju ben cimbrifc^en, normänntfd^en, bäntfdien unb angelföd^fifd^en. 
3n ©änemarf, Sötlanb, ©c^tueben unb ©c^Ie^tDig fei ba^ frcmbe 
SRed^t nie in ©eltung getreten, ba^ einl^eimifd^e ffanbinoDifd^e ^ier 
fogar afe geltenbe^ Siecht antoenbbar. Unter aQen biefen lieber- 
treibungen tianbelt eö fid^ inbeffen bei S5JeftpI|alen nic^t, njie etnja 
bei SRettelblabt, um Hinneigung jum Slu^Ianbe, fonbem um ernfte 
ef)rlid^e Ueberjeugung , l^eröorgegongen au^ n)at|rl)aft patriotifrf)em 
®efü^l unb au^ ber ©döule Subemig'^. Seiber I)at er bann freiließ 
aud^ auö biefer ©c^ute ben großen geiler Subetoig'g uberfommen, bie 
ungenügenbe ©orgfalt bei Quellenangaben unb bd Urfunbenbruden ; 
fie fteigert fiä) gelegentlid^ bei it)m bi§ ju freier ©rgänjung unb Um= 
arbeitung, toie i^m meljrfad) nac^getpiefen ift. 

S)ennod^ bleibt feine ebitorifc^e Stiätigfeit nic^t unöerbicnfüidj. 
Hau^terjeugnife berfetben ftnb bie öier Folianten : Monumenta in- 
edita rerum Germaiiicarum , praecipue Cimbricarum et Mega- 
polensium, fieipjig 1739 — 1745. Sei ©ammlung unb ©id^tung 
ber Stoffe l^ierp ftanben 3ßeftpt)alen eine Sfieitje fc^Ie^^toig^fc^er SHter* 
t^umöfreunbe förbemb jur ©eite, njelc^e fic^ fd^on il^rerfeitg mit 
ä^ntid^en ^(anen getragen Ratten, tt)ie ber SuftijratI) griebri^ Stbolf 
ateinbotl) ju ©c^teönjig, ber Sanblangler Jriebridj 6arl öon gricciug, 
ber 5ßrebiger S- ?^r. Jioobt unb anbere met)r ; aufeerbcm fam ftdierUc^ 
SBeftp^alen feine politifd^e ©tellung njefentlid^ ju ftatten, um mand^erlei 
feltene ©tüde aufjutreiben. S)a^ SH^ert enthalt alte 3)rudEe unb öiet 
Ungebrudteö, SSefc^reibungen, Stjronifen, ©tatutar=9Jec^te, ©a^ungen, 
Urfunben, ®eri^tgbüc^cr , barunter aud^ bie ©oefter ©fraa atö bie 
öiellei^t toerttjüollfte TOtt^eilung. 

3n anberer SSejfc oertrat 3Beftp]^aIen bae; germaniftifd^e Sntereffc, 
inbem er 1734—1750 unb abermals 1756—1759 afe Äurator ber 
Unitjerfität Äicl fungirte. Unter feiner Dbt|ut fanb bie bort fd^on 
frül^er begrünbete ^rofeffur be^ jus patrium i^re ©nttpicHung ))on 
einer untergeorbneten , auf baö eint(eimifd^e ©tatutar- Siecht bt^ 
fd^rönften ©teUung s«^ Setjrftul^I für S)eutfd^eö Stecht fc^le^tt)tn. 



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n. 3)ic gcrmaniftif^c ^tnttquitätcnforfc^ung. 4) 3n »eiteren Greifen. 269 

TDctc^e^ nunmehr ate grunblegenb für ba^ ganje jurtfttjci^ ©tubium 
galt. 3^^ 3)urd^fü]^rung gelangten btefc Äbftditen SBeftp^alen'ö nad^ 
einigen toeniger glüdEItd^en 9Serfudf|en burd^ feinen ©d^luefterjo^n, 
©c^üIcr unb ©d^ülUng Sodann Earl §einri^ S)re^er, »eld^er 
1744 ju biefem Slmte berufen würbe. SBö^renb man fid^ b\& ba^in 
ju Äief immer noc^ für bie S)arfteIIung beö öaterlänbifc^en SRed^tg 
an ben romifd^n Äurfu^ angelehnt ^atte, Ia§ S)re^er fofort feI6= 
fiänbig über 2)eutfd^e^ ?Red^t, aufeerbem über fiubifd^eS SRed^t, bie 
fd^Ie«tt)ig:s]^oIftetnif^e Sanbgeri^t^orbnung , §oIfteinifd^ei§ unb Sim* 
brifc^ SRed^t fotoie enblic^ über ©traf*, SWatur* unb ©taatöred^t. 
©lei^jeitig entfaltete er eine raftlofe fd^riftftellerifd^e X^ätigfeit, in 
toeld^er er aud^ fpäter üer^arrt ift, nad^bem er 1753 bie alabemifd^e 
©tettung gegen bie eine^ Sübif^en Sqnbifuö oertaufc^t ^otte. ©eine 
Ie|te aSeröffentlic^ung batirt t)on 1794. 

aSä^renb aQer biefer Qtit f)ai ©re^er SKet^obe unb 3icl i^cr 
?lrbcit gteid^möfeig feftge^alten , rtiie SBeftpI|aIen fie il>m öorgeieidinet 
l^atte, fo oft aud^ feine Stnfid^ten über einjelne 5ßunfte geme^felt 
^aben mögen. S)a3 SRömifd^e 9fled^t in ben ^intergrunb ju brängen, 
einen einl^eitlid^en großen Sau beö S)eutfd^en Sied^t^ toenigftenig öor* 
jubereiteu: barin erblid£t er bie feiner Qtxt gefegte Slufgabe. S^ 
biefem Sel)ufe Ijabe man baö SKaterial ju fammeln, junäd^ft ein 
Seber au^ bem it)m näd^ftliegenben beutfd^en ^oüinjioI^SRed^t, fo* 
bann aber auc^ an§ ben SRed^ten aller anberen europätfd^en SSöIfer, 
fotüeit biefe mit ben ©ermanen in ©erü^rung gefommen feien; auö 
ber öbtfergefdEjic^tlic^en 2;t)atfad^e ber 3Banberung üon 9?orben nad^ 
©üben fotge, bafe babei baö norbifd^e Siedet t|au^tfftdt|Iic^en SEBertl^ 
beanfpruc^en muffe. — gür biefe ©ammlung aber fennt ©re^er fein 
beffere^ SSerfa{)ren ate baöjenige, tüddjt^ er in feiner Sugenb t)or 
?[ugen geliabt l^at. ©enauigfeit unb Äritif in ber 933iebergabe ber 
3:e5te unb in Duellenangaben, pt)iIoIogifd^e ©c^ulung in ber 93e* 
arbeitung norbif^er ©prac^benfmale unb bei ben et^mologifd^en 
@rflärungen finb il)m frembe 3)inge. ®in eifriger, rafd^ iufatirenber 
9Rann, ftet^ bereit, f^roffe Urtl^eile ju fällen unb jurüdEiunel^men, 
perfonifijirt er mit aUebem im äufeerften SRafee feine 3^^* i^ ^^^^^ 
SSorjügen unb ©c^tüädien. Se^tere, tüie fie namentUd) ber unmittel* 
bar folgenben 5ßeriobe auffallen mußten, fiegen nur aflju fe^r auf 
ber ^anb ; aber neben ÜKangel an ©orgfalt unb ®efd|madE, Häufung 
äatjllofer ©nsel^eiten unb ©jfurfe, pl^antaftifd^en Kombinationen, 

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270 ©tcbcntc« Stapiitl 

Äonjefturen unb ©t^mologicn ftc^cn bod^ uncnbli^er gictfe, au^ 
gebe^nte ©elel^rfonitett, lebi^oft ))Qtrtottfd^e Smpfinbung. ^t man 
bei S)rc^cr jene geiler mit 9?cd^t in bcfonbcrg ^o^cm SKafec gcfunben^ 
fo ftnb tl^m anbererfettö rDoffl aud^ biefe SSorjäge befonber^ nad^jn:- 
rühmen; namcntlid^ ein toeitcr SBIidE über ©cfc^gcbung unb 9?c^ö* 
gefc^id^te aller germanifd^en SSöIter mirb i^m nid^t abgefprod^ 
»erben !önncn. 

Sluf bicfem ©ebiete ift S)re^er felbft originell, über feinen SSor^ 
ganger l^inaui^, öorgefd^ritten. @r ^at nid^t nur bag angelffid^fifd^e 
unb got^ifd^e Siedet bearbeitet, fonbem auc^ ba^ h\^ bal^in unöer* 
toertl^ete i^Iänbifd^e aWaterial herangezogen. Unb in f<)äteren Sauren 
l^at er fic^, nad^bem ber l^ol^e Jiorben il^m manche ©nttäufc^ung 
gebraut l^atte, ber ©d^toeij sugetoenbet, afö öon toeld^er man alt 
gemein bie SSorfteQung ^egte, ba§ fie fic^ be^ römifd^en ©influffci^ 
ftetg mit 3fi^i9*^ i^ ertoel^ren getoufet l^abe. 9fn ©re^eri^ ^Sei* 
trägen jur Siteratur unb ©efd^id^te beö S)eutfd^en 9?ed^tö", Sfibedf 
unb ßeipäig 1783, ift ba^ erfte ©tüd ein nSSerfud^ jur Äenntnife 
ber Oefe^büc^er ^clöetien«"; ber SSerfaffer felbft erflärt befd^iben, 
er Iiabe fid^ babei mit bem begnügen muffen, toa^ für il^n, öon ben 
Ufern ber Dftfee l^er, ju erhinben getoefen fei; ein neuerer tüd^tigcr 
©ad^fenner aber l^ebt ^eröor, bafe S)reJjer „eine nac^ bem ©tanbc 
ber bamaligen ^ülf^mittel bereite fel^r genaue Äunbe öon ben njid^tigften 
Duetten ^atte'\ S)a^ ätoeite ©tüd berfelben „©eiträge" behinbct 
übrigen^, aud^ infofem einen gortfd^ritt, ate e? öon ber Unter*= 
fc^fi^ung be^ @ad^fenf))iegete jurädiommt, beffen Sui^gaben unb 
^anbfd^ften genau bef<)rod^en »erben. 

8Son ein^eimifd^en beutfc^en Duetten unb Siedeten l^at SJrc^er 
ftd^, feinem 5ßrogramm getreu, ^auptfäd^Iid^ um bie öon ©d^Ie^toig 
unb Siibecf bemül|t. Qtoav eine umfaffenbe S)arftettung, tt?ie fie ju 
Äiel ffir bag fd^leg^ig^^olfteinifd^e Siecht geplant toar, ift ni^t ju 
©taube gefommen; aber eine unjä^lige SWenge Heiner Sluffä|e liegt 
bor, unb barunter bod^ au^ manches 93ead^ten^n)ert^ere. ©enannt 
fei aus ben „SRebenftunben'', Sä|o» unb SBiSmar 1768, bie erfte 
,;8[b^anblung öon bem SRu^cn beS trefflichen ®ebi^tS SicinedCe be 
SBofe in SrHärung ber teutfc^en SRed^töattert^ümcr, infonber^eit be^ 
el^emaligen ©eric^tötoefenS"; fie ift mit Siecht berühmt unb bcrfid^tigt 
ate ©ta<)elpla^ getoattiger ®ele^rfam!eit, bie in allen möglid^ 
8?oten unb ©Efurfcn unfiberfe^bar aufgeliäuft ift. 



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n. a)te germatiifrifd^c antiquitätcnforfd^ung. 4) 3n weiteten Ärctfcn. 271 

SBcjcid^nenbcr SBctjc fielen öielc ®clc^rte bicjcr SRid^tuiifl bem 
Sißmifc^ett SRcd^te ganj fremb gegenüber. 9Bä^renb ftc alle mbgltd^cn 
3iDetge bc^ bürgerltd^en toie be« öffentttd^en Sled^tö bel^anbeln, faH^ 
nur germantfc^c Sntereffen ober Duetten babet in groge fommen, 
finbet ftc^ bei mand^en fo gut tpie nie Siöiliftif^e^. Demgemäß bilbet 
fid^ um biefe Qtit bie ©etuol^nl^eit, einzelne Suriften ate ©ermoniften 
im ®egenfa^e ju ben SRomaniften ober ©imfiften ju bejeic^nen. ßum 
erftcn 3WaIe finbe ic^ bie ßioiliften unb ®ermaniften einonber ate 
Parteien entgegcngeje^t bei Jpaufd^ilb, in ber SSorrebe ju beffen 
„©erid^tigoerfaffung ber Xeutf^en", aljo im Saläre 1741. 



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jti^fed Kapitel 

Die IDoIfifdje Sdjuk un6 Perein$elte- 

I. 2)te 3BoIftf(^e ©d^ule. 1) ®rfte ^n^&nger. 2) @)egner. 3) Hantel 9}ettel:^ 
blobt. — n. SBcreingelte. 1) ©ametaltftcn. 2) ^timinaltftcn. 3) Äanonift. 

4) ©töiliftcn. 

I. 1) aSo^I afe ber erftc unter ben jurtftif^ bcbeutfamcn an* 
pngern ber SBoIf feigen 5ß]^Uofop^ie erfd^eint |)etnrtc^ Äßl^Ier, 
übrigem^ ein ®He!ttfer, ber außerbem tl^etltueife bi^ auf Setbnt^, tf)txU 
toetje btö auf 3;t)ontaftug jurüdgel^t. ®r njirfte afe S)ocent erfolg* 
reic^ ju 3ena, namentltd^ burc^ 5Bortefungen über ba§ Statur* unb 
SSößerred^t, toeld^en er SSoIffd^e Segrtffe ju ®runbe legte, ©eine 
Exercitationes juris naturalis ejusque cumprimis extemi, Seita 
1729, bieten eine reid^e Stuögeftaltung ber Seigren öon ber DbUgatton 
unb bon ber 3n^)utation, au^gelienb t)on ber SDiottöirung be^ SBittenö 
bur^ baö ®eje§; man tuirb ben ©influ^ biefer Unterfuc^ungen, be* 
fonberil auf baS ©trafred^t, nic^t ju unterfd^äfeen ^abcn. 

Smmerl^tn blieb ifö^Ier beim 9laturredE|te ftel^en. S)ie Stnfü^rung 
öon aSoIf« Se^re unb äKet^obc in ba§ ©ebiet be^ pofttiöen 9fled^t« 
erfolgt erft ettuag fpäter, öermittett burc§ beö SReifter^ 3luffä^e au^ 
bem Slnfange ber breifeiger Saläre. J)ag 3al|r 1731 läfet fid) genou 
afe baS ^eburtöjal^r einer SSolffd^en SRid^tung innert)alb ber pofitioen 
Sied^töttjiffenjc^aft bejeid^nen; im Saufe biefeig 3al|re^ treten bie brei 
äWänner, tuelc^e jene SRid^tung tuälirenb biefer Oeneratton tiau^t^: 
fäd^lidE) öertreteU; mit tl^ren erften ©d^riften ^eröor: Sramer ju 
SRarburg mit bem 2lnfc^lag de optima jura docendi methodo 
unb ber S)iffertation de pacto hereditario renuntiativo filiae 

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I. 5)ic ?Solfif^e ©d^ulc. 1) (Srfte Sln^änger. 273 

nobilis ; Sdftatt ju SBürjburg mit ben Meditationes praeliminares 
de studio juris ordine atque methodo scientifica instituendo; 
©c^ierfe^mibt ju STOarburg mit bem Specimen de servitutibus 
earumque speciebus ad ductum Institutionum Justinianearum 
methodo scientifica conscriptum. 

3Son biefen breien ift 3. 3. ®d)ierf c^mibt ber menigft bebeutenbe 
flebfieben, fd^on be^^alb, tücil er fid^ regelmäßig bamit begnügt, bie 
SSoIf'fc^e Schablone rein äufecriid) auf bie ^errfd^enbe SRec^töte^re ju 
übertragen. S33o er tiefer gei)t, 5. 99. bei SBenjei^fragen , jeigt ftd^ 
bod^ aud^ fd^on bei i^m bie SRugbarfeit ber 3BoIf f c^en (Schulung ; )o 
ift eg bad fc^utmäfeige Sebürfnife nac^ Haren Sint^eilungen, njelc^es^ 
t^n baju fülirt, juerft bie neue Sategorie bed ,,fad^t)erftänbigen ßcugen'' 
aufjufteöen, um biefe eigent^ümlid^e J)oppeIrolIe ju unterfud^en unb 
ju erflaren. 

Sotiann Ulrid^ Sramer ift berjenige unter SSSoIfä unmittet 
baren ©c^ülern, ttjelc^er "beffen ÜKetl^obe am feinften unb fid^erften 
^anbi)abt, am ttjenigften bei bem Schema unb bem SBortMange ftelien 
bleibt, am engften fid^ jebeömal ber SWatur beö Stoffel anpafet. 3n 
feinen fpftteren, felbft ftjftematifd^en arbeiten bel^ält er t)on ber 
9Äet^obe bei nur bie ©orge um fd^arfe SBegrifföbeftimmungcn, um 
ßrflärung aller ju gebrauc^enben Jlu^brüdte unb um innere öegrünbung 
ber 9ied^tgfäge. ©erabe barum aber erfanntc SSäolf felbft, ber ftd^ 
l^öufig über mifeberftänblid^ formale Slntüenbung feiner 3Retf)obe feitenö 
Unoerftänbiger beflagt ^at, in Sramer feinen njal^ren ©d^üler, unb 
^at it)n be^^alb auöbrücflid^ unb micber^olt aU ben mufterl^aften 
Uebertrager ber 3Bolf'fd)en ^^ilofop^ie auf bie Suriöprubenj gerühmt. 

©olc^ JU leiften Dermoc^te Gramer, lüeil er nic^t bloö SSSolfianer, 
fonbern baneben aud^ ^iftorifd^ unb bogmatifc^ geleierter Surift mar, auf 
romaniftifd^em ©oben fte^enb, aber nid^t oljne 3"*^)^^ germaniftifd^er 
Äenntnife. ©eine fc^on angeführte 2)iffertation t)on 1731, ttjeld^e 
met^obifd^ fid^ ju SBolf befennt, betjanbelt inl^altlidE) bie berühmte 
Gontroöerfe betreffenb ®rbbered)tigung ber SRegrebientr^Srben ober ber 
(Srbtoc^ter, im ©egenfa^e ju ©enfenberg. SSäl^renb bieje 5ßolemif 
in f<)äteren ©d^riften ju ^jerfönlidEjen ©el^äffigfeiten aui^artete, ergebt 
maßöoQen SBiberfprud^ gegen ©trübe bie ©d^rift öon 1740, Vindiciae 
regalis juris venandi. 3nbem Eramer burdE) ben fad^lid) unb 
gefc^id^tlid^ reid^en 3nf)alt biefer unb ä^nlid^er 9Ib^anblungen bie 

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274 teilte« ßapitcl. 

Suriften nöttitgte, fid^ mit benfelben ehtgefienb ju befc^äftigen , t|ot 
er tüoi)I me^r ju ©unften ber äugleie^ bort ge^anb^abten SSoIf'fd^cn 
9Ketf|obe getüirft, aU burd) bie Icbrgtid^ siim ^mcde ber ®mpfel)tutig 
unb SSert^etbigung biefer feiner SWct^obe gefdjriebenen ©tücfe, ober 
and) afe biirc^ biejenigen Stufföl^e au^ bem Siöif== unb ©trnfred)t, 
welche bloö ben Slutjen ber 5(J?et^obe flarfteüen follen, of)ne juriftifd)e 
g'örberung, ^^^eitid^, infofern bie SSolf'fc^e ^^l)iIofop^ie ben ?lnfpriid^ 
er^ob; burd^ Slntoenbung it)rer 9Jiet^obe auf bie Speciat=9Biffenfc^aftcu 
QÜee; in biefen fo Kar ju fteöen, bafe jebe Sontroüerje Derfc^iüinbcn 
muffe, fo finb eben jene erb- unb jagbrec^tfid)en Differtationen 
Sramer'ö ju if)rer fdjlagenbften SBiberIcgung getoorben. SBeit eut= 
fcrnt, Controüerfen über bie Don i^nen bet)anbeften ^^unfte abju^ 
fdineiben, Ijaben fie nur ju lebljaftefter ©eftaltung berfetben STnlafe 
gegeben, mit bem Srgebniffe, bafe beibe 3^t)eife an il)rer 9(nfid)t 
feftt)ielten. 

3)abei üertrat «Senfenberg bie 9tnfprüc^e ber ©rbtoc^ter, Sromer 
biejenigen ber Siegrebient^^Srben ; ber Srbfall, gelegentfid) beffen ber 
Streit au^^brad), tuar ber §anau'fd)e. ®enau. biefelbe juriftifdie 
grage erl)ie(t bann aber befanntlid) i^re politifd)e 2!ragtüeite jeftu 
Sa^re fpäter, beim 3:obe Äaifer^ Äarl VI.; fo ergab fid) ganj t)on 
felbft, bafe nun Sramer für Äaifer Star! VII., Sentenberg für 
SJfaria It)erefia eintraten. 3n ^ofge beffen lüarb Sramer ba^erifc^er 
Seitö jum 5Reic^^(iofrat^ ernannt unb mit ber SBJürbe einesi Steid)^- 
frei()errn au^ge^eidjnet ; aU er jene feine 9Jeid)cif)ofratt)^fteIle mit 
ber Äaifertoa^I ^tans I. üertor, fiel fie ©enfenberg s«- ®o mar 
gramer, aU er 1752 a(^ 9tffeffor in ba!^ 9ieid)sifammergerid)t eintrat, 
fc^on burc^ bie ^ra^i^ beö anberen I)öc^ften 9fteic^§gerid)t0 ftinburcfy^ 
gegangen, eine feltene gügung, in ^olge bereu er boppelte ©ac^= 
fenntnifi in fid^ bereinigte. Sm 9tnfc^Iuffe baran entftanb fein tief 
einbringenbeig, mäd^tig umfaffenbe^ ,^anbbud}, ttjelc^e^ in üier Jtieilen 
r<64 — 1767 erfd)ien unter bem Xitel: Systema processus Imperii 
seu supremomm augiistissimorum tribunalium. Sl)ftematifrf}e 
S^emü^ungen um Crbnung unb Älarl^eit erinnern barin nod) an bie 
3Botffd)e @d)ule, njätirenb üon ber metl)obifd)en ©diabtone nid)t 
mebr bie Siebe ift. §auptfad)e ift ber materielle 3nl)alt, bie genaue 
]ad)lxd) belel)renbe 3)arftellung ber Gompetenj- unb 3nftan5^9?erl)ält:^ 
niffe; bie meit einget)cnberc S)arfteUung tommt bem 9ieid)^fammer= 
gerieft ,vi &ntc. 



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I. ^ie 2BoIfif(^c Schule. 1) (grfte Stn^ätigcr. 275 

®et|ßrt boc^ bicfein, nac^bem er lüäfjrenb ber erften Solare feiner 
3lifeffur mit früheren 9(rbeiten abgefc^Ioffen t|at, bie Xptigfeit gramer'^ 
in überroiegenbem ÜJfafee. 3iamcnttic^ jlüci mäd^tige ©ammetoerfe 
finb barau^ entftanben, auf ®runb eigener unb follegialif^er 9tcten== 
Äenntnife, bie „SBefelor'fdien 9?ebenftunben", ^nnbertöierunbjtoauäig 
3^^eile 1755—1772, unb bie „Observationes juris universi**, fed)^ 
SBänbe, 1758 — 1772. hiermit übernimmt für bie SSertretung ber 
reic^lammergertcf)tlict|en ^raji« ©ramer bie 9iad)fülge Subolfö, an 
njelc^en er fi^ aud^ ber Qeit nad) faft unmittelbar anfc^Iiefet. SBic 
Subolf entfaltet er eine emfige SRegfamfeit, um Materialien jufammen* 
Sutragen; mt Subolf be^anbelt er and) bie @efd§id)te, 5ßerfonaIien, 
©uftentation unb gemeine Sefd^eibe bejo ?RÄ®.g; tpie fiubolf mu^te 
er ficfi be^megen mand)erlei SSormflrfe gefallen laffen. Slber öor 
Subolf jeid^net er fid) au^ nic^t bfoö baburd^, ba§ loenigftenö i>k 
eine feiner ©ammtungen beutfc^ rebet, fonbern aud^ burd^ ftärferc 
3^iir^arbeitung beö ©toffe«^. 95Jä^renb biefer bei fiubolf mit aller 
Umftänblid^Ieit au^einanbergefe^t mirb, tritt er bei gramer ^äufig in 
ben ©intergrunb, ber einzelne Eramer'fd^e 2(uffa§ gett)innt bie gorm 
einer n)iffenfc^aftlid|en Slb^anblung, §u tueld^er ein Sorfommnife am 
3tÄ®. nur bie SL^erantaffung gegeben i)at; bie gelegentlid) biefe^ 
Siorfommniffeö aufgemorfene grage »irb, i^reö roiffenfc^aftlic^en 
Sntereffe^ falber, einfic^tig unb gelef)rt betjanbeft; jum ©d^Iuffc 
erft fommt bie DorfteUung regelmäßig auf bie gerid^tlic^e ®ntfd^eibung 
^urüd. SRamcntlic^ ift baburd) auf fleinerem 5Raume bie Jlnja^t ber 
be^anbelten göüe eine oiel ftärtere, afe bei fiubolf. @rft bie fpäteren 
Sänbe öerfallen einer bequemeren ©reite in 2)arfteQung unb in SRit^ 
t Reifung ber Urfunben. 

%xo^ allen SinfeniS ber 9teid)^mad)t unb beö 9teid)ögebanfen^ 
barf man felbft für biefe 3^it bie Slutorität beö 5RS®.§ unb bamit 
bie Sebeutung biefer, feine ^raji^ fpiegeinben, ßramer'fd^en 9Berfe 
feineömegö unterfd|ä^en : fanb bod^ in ber juriftifdien gorm ba^ 
SReic^ feine legte ©tütje unb galt bod| gerabe in ber juriftifdien 
SSelt aU ber üornetjmfte gactor ber 9Jei(^^' unb SRec^teeinl^eit 
ba6 Äammergerid^t. S)iefer feiner Slufgabe mußte eö hmd) einen 
gctüiffen großen 3^9 \^^^^^ 3^I|ätigfeit ä" entfprec^en. SSie e^ 
im fiebenjel^nten 3a]^rt)unbert ber partifulariftifc^en furiäd)fifd)en 
^raji^ entgegentrat, fo öertritt e^ um bie SKitte beö ac^tjc^nten 
3nf)rl)unbertö ba^ gemeine beutfc^e Siedet (\^Qn bie .^annot^eroner. 

18* 

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276 5ld|te« Äa^jttel. 

®ie auf bem öoben norbtüeftlic^er 2^erritörialrecf)te unb ®etüo\)n\)titcn 
fufeeiibe, germonifttfc^ jerfptitternbe 2;enbenj ber Jpannoöeraner wirb 
in 3Be|Iar entfd^iebcn abgemiefen, inbem man bort centraliftifc^ an 
ber SSor^errfd^aft be^ SRömifcfien 3led)t« fefttiält, beutfc^e 9flec§töfa^c 
aber, mag man fie auc^ in gar t)iel weiterem Umfange jufaffen, ate 
frütier, bod^ ftetö auf it)re tofate Slnnjenbbarfeit >rüft. S)ie öorfe^neHc 
SSeraHgemeinerung unb 2luöbe^nung norbtueftbeutfc^er Snftitutionen 
auf ganj ©eutfd^Ianb lel^nte man ju SSeßlar mit gug unb 9iec^t 
ab, ba man t)on bort au^ fämmtlicf)e Territorien ju berücffid|tigen 
fiatte, namentlich aud^ ben fübbeutfd^en Sßerl^öltniffen nä^er ftanb. 
©iefe SRi^tung be^ 9iÄ® J fanb in ßramer einen um fo getoanbteren 
SBertreter, je entfc^iebener biefer, fetbft ein ©übbeutfdjer, bei atter 
germaniftifc^ ^iftorifd^en ®ele^rfamfett, princtf)ieQ ben romanifirenben 
©tanbpunft ber 3BoIf'fd^en ®d)ule einnahm. SKufete bocf) SKetl^obifern, 
mefdEie ba§ Siedet au§ feften ©rünben l^erleiten unb bie einjelnen 
9iec^t^fä|e ju Äettenj^Iüffen orbncn ttjoflten, ^ierju ha^ Corpus juris 
civilis anbcrö braud^bar erfd^einen, afe bie fc^manfenbc 5Kaffe 
öereinjefter beutfd^er @a|ungen. S)iefeö ift aber auc^ ber einzige 
3wg, ber in ben fammergeridE|tIid^ praltifd^en ©d^riften Sramer'iS 
noc^ an feine @d)u(ri(^tung erinnert, abgefe^en etnja öon gelegent- 
lid^en, untergeorbneten ®injell^eiten; burc^toeg fpridit ^ier nid^t fomol^I 
ber SBoIfianer, afe üielme^r ber mürbige SSortfü^rer beö ^öd^ften 
beutfd^en ®erid)ti§l)ofö. 

Stäc^ft bem fameraliftifd)en liegt Sramer'ö bebeutfamfte SBirt 
famfeit auf bem fird^enred^tlic^en ©ebiete; unb jttiar ift ^ier bie 9ln^ 
le^nung an SBoIf nid^t nur formal, fonbern aucf) in^altlid^ maßgebenb. 
®urdE| 3BoIf'g Ontotogie, 3Äorat unb ^olitif gelangte Sramer ju 
ber 9Infd^auung, ba§ jebe c^riftüd^e Äird^e eine fetbftbered£|tigte ®e]cll:= 
fc^aft jur ©rreid^ung i^rer retigiöfen Qide ift; nad^ bem ®a§e, bafe 
man ftetö an ^ed;ten beanfprud^en barf, n^a^ jur fiöfung pfKc^fe^ 
mäßiger Slufgaben unentbetjrlid), ftel^en il|r bal^er alle jur JReligion^ 
au^übung noti)tt)enbigen Siechte ot)ne ujeitereö ju; ebenbarum Reifet 
Sramer biefe SRedite jura circa sacra coUegialia. ©oujeit bagegcn 
bie 5?irc^e mie alle übrigen Oemeinfd^aften im Staate cjiftirt, fic^ 
bem Staate unb feiner SBol^Ifal^rt unterorbnen mufe, l^at ber ©taat 
SRec^tc über fie, jura circa sacra majestatica, S)ie erfteren ftnb 
i^rer SRatur nad^, ba e^ fid^ um ®ett)iffenöangelegent)eiten tianbelt, 
unerjlüingbar; bie le^teren, ba eiS fic^ um äußere SBo^Ifa^rt ^anbelt, 

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L 3)ie SSolfifc^c Schule. 1) ©rftc «In^nger. 277 

erätüingbar. Slo^ bte legteren [te^en öon felbft bem iperrfc^er aU 
folgern ju ; bic erfteren nur infofent, al^ fie t^m t)on bem urf<)rünc' 
M)m ©ubject, ber ©emeinfc^aft ber ©laubigen, übertragen toorben 
finb, toag aüerbingö empfe^len^toertfi erfd^eint, fallö nur ber Sanbe^= 
I|err i^rem ©tauben mä)t feinblicf) entgegensteht, unb ttjo^ benn aud^ 
t^at)ö^ttc^ faft überoll in ^}roteftantifci^en Sanben jur 3rft ber 
9Jefonnation gefd^e^en ift. ^Bereinigt jo ber proteftantifc^e §err]d|er 
beibe Slrten öon Siedeten in feiner ^erjon, fo ift bieg boc^ lebiglic^ ^ 
eine ©o^Sjiftenj, fein Sonnej, bei ber 3iedE|tgann)enbung ift jebe^mal 
fc^arf äu f^eiben, ob ein jus majestaticum ober ein jus coUegiale 
vorliegt. Äat^olifc^e SanbeSl^errn aber I|oben über bie in ji^ren 
Sanben gebutbete proteftantifc^e fiürd^e bloö bie jura circa sacra 
majestatica, ni^t aud^ bie coUegialia, ba nid|t anjune^men, baft 
^ier eine Uebertragung ber legteren feiten^ ber Äird^e ftattgefunben 
i)abe] ba^felbe njirb man für baö umgefe^rte S?ert)ältnife jugeben 
muffen. — Offenbar nätjert fidE) biefe 3;^eorie ©ramer'ö; für toeld^e 
er fetbft fid^ auf ^ufenborf ju berufen in ber Sage ift, njefentlid) 
ber ^faff'fd^en SoÜegia^^^Iieorie, tro^ mandjer Slbtt)eid|ungen in ben 
ßinjell^eiten unb in ber Segrünbung. 35ft audE) baö SKerritoriatftjftem 
bamate noc^ ba^ l)errfd)enbe, fo ttjurbe biefe ^errfc^aft bod^ burd) 
ben Slnfd^tufe ßramer'ö an bie coüegiale 3lid)tung ernftt)aft erfd^üttert. 
Snbem fo toentgften^ für (£ine ©enoffenfd)aft neben bem Staate 
fetbftänbig Siechte in Slnfprudj genommen werben, erfdjeint bie burc^ 
bie ^aüif^e ©c^ule bejeidinete §öt)e ber ftaat^abfolutiftifdjen JRidjtung 
fiberftiegen, tt)ie fie öegrünbung unb Siegelung einer jeben ©jiftenj 
augfc^Iie^Iic^ bem ©taate jufprac^. Snfofern reicht bie ©ebeutung 
biefer 2(ntt)enbung einer SBoIf'fd^en ©ruubibee über ha^ Äird^en= 
rec^t ^inaug unb fann al^ SBaJ^rseidien beöorfte^enber 2lnfd)auungg- 
iinberungen für bag gefammte publicifttfc^e ©ebiet gelten. 

Sol^annStbamSdftatt, ber britte ber 2lnfangö genannten 
SBoIfianer, fam 1725 nac^ 3D?arburg, nadEjbem er auf abenteuere 
liefen 9ieifen 5at)treid)e f)ert)orragenbe SÄänner fenneti gelernt unb 
mittele ber üerfd^iebenften ©efdiäftigungen fid^ burc^gefd^Iagen l^atte. 
Unter anberem fc^eint er auc^ ©otbat geujefen unb ate fold^er mit 
bem tapferen Cbriften ©rafen Sonneüat, bem fpätercn türfifc^en 
^afc^a, in 93crüi)rung gefommen ju fein. Unter ben Gnglänbern 
luarcn ^ope, unter ben granjofen SKaupertui^ unb SRouffeau feine 
Sieblinggfd^riftftcHer. 9lber aud| ju S:otanb, SoUngbrote, ©^aftes^.^ 

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278 ^cf/tcS Äapttel. 

bur^ unb ju SSoItaire jog tt)n manc^crlet ^in, o^nc bafe er je auf= 
gcl^ört t)ätte, gläubiger fiat^ölif ju fein. — ®iircl^ biefe ©^iite be§ 
Seben« gegangen, fc^lofe er fid^ nunmel^r berjenigen 3BoIf'8 an, auc^ 
ate er 1727 Dom ©tubium ber ^]^ttofopt)te ju bem ber ^urti^prubens 
überging. 9ln ber SRatnjer ^od)]6)uk, na^e feiner ^etmatl^, boftorirte 
er 1730, Xüurbe bort jeboc^ ju SSortefungen nid^t jugelaffen. da- 
gegen erl^telt er 1731, burd) SJermittefung beig großen ®önncrö aller 
franjöfi)d)en 2tiiff Iiirung , be^ SWaiiijer ®ro6f)ofmcifter§ ®rafen non 
©tobion, einen 9?uf afe orbeutlidjer ^rofeffor be^ öffentlid|cn, 9Zatur^ 
unb SSöIferredjtö mit ipofratt)i^6^arafter an bie Uniöerfität aSürjburg. 
S)iefe trat bamate, unter ber unmittelbaren J^ß^^jorge be« Surfte 
bifd^ofö griebrid^ 6arl öon ©d^önbom, in eine ©poc^e frifd^er tt)iffen=^ 
fd^aftlid^er Xl^ätigleit; eintjeimifd^e Äräfte nafimen baran ftarfen Än= 
tl^eit, namentlid^ öon ber fanoniftifd^en ©eite t)er; auf fo günftigen 
©oben übertrug Sdftatt t)on aufeen l^er bie geteerte (iterarifcfte ?Iuö^ 
rüftung, erffiüt t)on glül^enbem agitatorifd^em Sifer, mt er allen 
jenen ÄufHcirern eignet. 911^ \>a^ Programm feiner 2el)rt]^ätigfeit 
erfdjienen bie oben fd|on angefüt)rten Meditationes praeliminares, 
roeldje burc^ SBolf'fdie ©^ftematif ein aufflärerifd)eg Ce^rprogramm 
begrünben. ®egenftänbe bes^ juriftifdjen ©tubium^ foQen banad^ fein 
SRatur- unb SSöIferred^t, öfonomifd)=^politifdE|eö 9iec^t (mit Serufung 
auf ®affer in .^atte), römifc^e unb beutfc^e 3lntiquitäten, ©trafrec^t, 
beutfd^e 5Reid^^gefd)id^te unb beutfdf^e^ ®tQai^ve6)t; um für alte^ 
biefeö 3^it SU gewinnen, foUen bie biö^er aüein betriebenen gäc^er 
beö römifdjen unb fanonifd)en 9iec^t§ mefentlic^ üertür^t tüerben. 
S)emgemä6 ta^ Sdfftatt über Sefinrec^t nad) S. ß. gleifd^er, über 
SReid^dred^t nad) S3. ®. ©truD, fpäter nac^ SWa^cot»: über 5ßatur* 
unb 9SöIferred|t nac^ S^triariuö unb ©rotiuss, fpäter nac^ ^ufenborf, 
fdjlieftlidi nac^ eignem Orunbrife ; über Sufttnianifc^e!^ Siöilrecfit na(^ 
^einecciug, mit §ert)ort)ebung ber 2lbmeid)ungen beö fränfifc^en 
^ot)tn5ial = 9?ed|tig; über jus oeconomico-camerale o^ne ©om- 
penbium; unb fc^liefelid) über praftifc^e 9ied)t^ann)enbung nad^ 3fuft. 
Henning Sööl^mer. S)ie meiften biefer SSorlefungen, alle biefe Siamen 
bebeuten für baö bamatige SBürgburg eine roatjre 9teöolution, bie 
jöt)e 9Serfe|ung au^ ber äWitte be^ ftebenje^nten in bie SDHtte be^ 
ad)tjel)nten Sa^r^unbert^ ; l)ie Söetonung ber Slationol-Defonomie 
mufi babei Sdftatt at^ befonbere« perfönlid)ej^ 9Serbienft angerechnet 
»erben. — Unb 3dftatt mußte biefen ^ortfd^ritt ftd)er 5U ftellen, nid)t 

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I. 3)ic SBolfifc^e Schule. 1) Srfte «n^angcr. 279 

nur burd) ben toten Suc^ftaben t)on ©tubien-Crbnungen, fonbern 
and) inbem er ©^ule macf)te, ©ein erfter ©d^üler, Sodann 5ßetcr 
SBanntja, trat it)m bereite 1741 ate Set)rer beg JReid^öprojeffe^ unb 
ber peinltcf)en 9?ecl)te jur Seite; ju feinem 9iacf)f olger , namentlich 
für bie publigiftifcfien ^ij^ciplinen, erjog er 3. 3. @ünbermaf)(er, 
bcffen aBiffenfc^att(id)Ieit fpäter fetbft öon feinen proteftantifc^en 
©egnern anerfannt tüurbe ; unter ben öorne^men Ferren beö f at^olifc^en 
9(bel^, weld^e ^u feinen 3?orlefungen juf ammenftrömten , fanb fid^ 
ein ®raf öon Soüorebo 1740 bereit, unter bei? Sel^rerö SBorfi^ eine 
t)ülferrec!^tli(^e 2(bi)anblung ju öert^eibigen, tüelcfie al^ erfte juriftifc^e 
gortbilbung be^ SBoIf'fd^en i^öllerrec^tg befannt geworben ift. 35ie 
i^r üoraufgefc^icften Stiefen finb öon Sntereffe, ba [ie jeigen, mag 
bamalö ju ^Bürjburg gebrudt unb 6el)auptet tüerben burfte. @ie 
finb auffallenb liberal im @traf=^ unb Siöilred^t, auffaüenb anti* 
papiftifc^ im Äird)enrec^te ; fie erfennen an, bafe jeber SWenfci^ in fid^ 
felbft einen ©rfenntnifequeU Don @ut unb Söfc trage, ba^er auc^ 
für einen 2ltt)eiften 3Roral = ÖJefe|e gelten tonnen; fie tüünfci^en ben 
Äinb^morb leichter afö ben (SIternmorb beftraft ju fet)en. — 9III 
bieg l)at freiließ nic^t ge^inbert, bafe befanntlid^ noci^ im 3al)re 1749 
JU Söürjburg bie Sßonne Stenata üom Älofter Unterteil afe ^eye 
Derbrannt tt)orben ift. 

3Bie ßramer Dertrat 3dftatt in ber erbred)tlirf|en ßontroDerfe 
bie Söaiern günftige anficht. Slnerfannt ber gebiegenfte Äenner [beg 
beutfc^en ©taat^rec^tö auf fat^olifc^er ©eite, tüurbe er 1741 burd^ 
ben Shirfürften Sari SHbcrt, ben als^balbigen Äaifer Äarl VII., jum 
(Srjie^er beg Surprinjen ÜJiaj Sofef für bie SRedjtgbigctpIinen berufen. 
®er ©influfe, meldEjen er auf feinen 3ö9fi^9 getüann, mar perfönlid^ 
ein folc^er, bafe 3dftatt baburd) lebenölönglid) geg^ alle geinbe ge== 
berft mar; fac^lid^ erfc^eint er bebeutfam genug, bamit ein Äenner 
(Äludflio^n) eö auf Sdftatt jurüdfü^ren fann, in biefcm gi^^f*^^ ^i^' 
jenige einfidjt unb Steigung ju befonnenen SHeformen gemedt ju 
^aben, meld)e feine ^Regierung für SSaiem fo fegen^reid^ gemacht 
^aben. 35ie natien Sejie^ungen ber gangen SBoIf'fc^en ©ruppe ju 
SWaj 3ofef merben fdjon baburd) bezeugt, baß ber junge §errfdE|er 
1745 bie furje Qtii feinet 9teid|gDifariateg benu^te, um SBoIf, ©ramer 
unb Sdftatt in ben 9{eid)gfrci^ermftanb ju ergeben. 

©0 auggejeid)net , mit ben liteln eineg 3?icefanjterg beö Sie* 
Difiongrat^eg unb eineg S)ireftorg ber Uniöerfität bef leibet, mit bem 



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280 ^«ä^tc« ^a^jttcl. 

SRange eineö SBirflid^cn ®el)eimen JRatl^^ unb mit ja t|f reichen 0tcben=^ 
ämtern au^ö^ftattet, ging Scfftatt 1746 nac^ Sngolftobt. Sr fönte 
bort Tttd|t nur bie ^rofcffuren für ©taat^^^ Jtatur:^ unb SSöIIerrcc^t 
fotüte für jus oeconomico-camerale auffüllen, fonbem namentlid^ 
bie Iganje Uniöerfität in berfetben SBeife, »ie eö in SSüräburg ge^* 
lungen njar, reforntiren unb lieben. — S)ie 3iJftäube, roeld)e Srfftatt 
ju Sngolftabt ertoarteten, erfcfjtoerten jebod) biefe ?[ufgabe aufeer:^ 
orbentlid^. ^atU er an ber fränfifd^en Uniöerfität trefflid)e, bereit^ 
willige SWitarbeiter üorgefunben , fo traf er je^t auf ein ^ßrofefforen:^ 
SoIIegium, lüeldieö; unter rein jefuitifdiem ©influffe ftel)enb, ftolj 
ttjar auf ben atten 9tul|m Sngolftabtg, bie gefte be^ Äatt)oIici^muö 
gegen 9?orben ju fein, ol^ne aber feinerfeitö trgenb etmaö burcl) 
tüiffenfd^aftlidie ober aud^ nur burd^ polemifdje ategfamfcit baju bci= 
äutragen. S)iefe Dppofition njar unerniüblid^ in 3tnflagen, obfd^on 
cg Sdftatt'^ perfönlid^em ©influffe in SRünd^en regedntifeig gelanfl, 
tro^ berfclben burdijubringen; nod) unermübtidjer in jö^er pafftoer 
S8ei)arrlic^feit, toetc^e laum ju übertt)inben mar. Srfftatt allein, 
mochte er nod^ fo fleifeig SBorlefungen über natürlid^e^ unb pofitioei^ 
Ü?ed|t Iialten, fonnte t)tergegen nic^t burc^bringen ; Unterftü^ung 
toarb i^m ju 3;i)eil, ate ber SBürsburger SRepetitor Sol^ann ®eorg 
SBeif^^au<}t 1746 afö 5ßrofeffor für Snftitutionen unb griminal^SRe^t 
befteüt tt)urbe; me^r noc^ ate ber biöl^erige Sngolftäbter ^Repetitor 
®eorg ßori im Sa^re 1748 ein ©jtraorbinariat für SRedEit^gefd^td^tc 
unb ^iminalred^t; im 3a]^re 1751 bag Crbinariat ber 3nftituttonen 
erhielt. SRamenttid^ in Sori, einem begeifterten 2lnl)ängcr SBoIf'ö 
unb ber Slufltänmg, fanb Sdftatt einen tt)al|ren ©eifte^öertoaubten ; 
tnbeffen fiel berfelbe bereite 1752 einigen fül)neren Sleufeerungen gegen 
5ß]^iIof opI)ie unb' f onfttge ©eifteöric^tung ber Sefuiten jum Opfer : er 
mufete feine $ßrofeffur aufgeben unb fidE) inö ©ergfoüegium überführen 
laffen, tt)omit jugleid^ biefe ^eröorragenbc, fo t)ie( öerfpre^enbe Äraft 
ber 9tedE|t^toiffenfdE|aft geraubt tt)urbe. 

SWadjbem iSdftatt 1764 feinen £et|rftul)l einem Steffen, 5ßetcr 
Sofef SSdftatt, übergeben ^atte, legte er 1765 feine ^ßrofeffur (nicöt 
audf) baö S)ireftorat ber Uniüerfttät) nieber, um bem SBunfd^e bc^ 
Äurfürften gemäß nad^ 3)Mnd)en in beffen unmittelbare Umgebung 
fiberäufiebeln. S)ie ftaatömännifdje Jptigfeit, njelc^e er t)on bort 
auö, namentlid) im @d)uln)efen unb üor allem feit 3luff|ebung bei? 
Sefuiten^rben^, geftü^t auf bie reichen Srträgniffe ber Sonfiöcatton 



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I. 2)ic SBolpf^c Sdiulc. 1) ©rfic «n^änger. 281 

ber Crbenögüter, entfaltete, ift für bie ®ejcf)id)te ber Ü?ecl^tÄiüiffen* 
fc^aft nur infofern öon ©ebcutung, mie fte ber Scfe^img ber 
juriftifd^en gofultät 3ngoIftabt mit bleibenben unb gleid^georbiteten 
gocfn^rofeffuren ju Stotten lam, an ©teile ber bi^^er üblichen, bem 
35ienftalter nad^ üon gac^ ju %ad) öorrüdenben 3iang^}rofeffuren. 
Sine foId)e SReform l^atte Sdfftatt f^on feit 93eginn feiner afabemifdien 
Saufba^n in'ö 2tuge gefaßt. Snbem er nun biefe 9J?a§regeI unb eine 
neue ©tubienorbnung 1775 burcfife|te, inbem er gteid^jeitig eö er* 
reichte, bofe ii)m Sori ate ©ubbirehor ber Untöerfitüt unb px&^ 
fumtiöcr 9tad)foIger beigegeben tpurbe, mochte er meinen, öon aRänd)en 
au^ für bie S)auer ba^ gefiebert ju ijahtn, toa^ i^m in 3ngoIftabt 
felbft ju erreid&en nie ganj i)atU glütfen ttjollen. Snbcffen tüurbe, 
nac^bem Scfftatt am 17. 9tuguft 1776 geftorben Ujar, fiori ftatt jum 
5)ireftor, nur jum SKitglieb einer ©ireftorial-Sommiffion für bie 
Uniüerfität ernannt; fd^on 1777 gelang e^ Sori nur eben nod^, 
bie t)on fii^jpert beantragte ©tretc^ung be^ SWaturrecftt^ auö bem 
©tubienplane ju öer^inbem; alö aber gar narf) SRaj SofefiS 2:obe 
(30. S)eiember 1777) unter Äarl I^eobor bie ^^i* ^^^f i" toeld)er 
bie Sefuiten lieber ^u (£influfe gelangten , if)r fonfigi^irte^' 3?ermögen 
ftatt ju Unterric^töjhjeden jur S)otirung einer So^anniter-Orbcnc^* 
^)rot)inj öermenbet tourbe unb bie flerifale SReaftion unter ber 
gütirung fii^jpert'^ fid£| überall geltenb machte : ba ftellte fic^ atöbalb 
^crau^, toie lebiglid^ bie SSiUenöfraft Sdtftatt'gi, geftügt auf bie 
perfonlicfte ^ulb feinet ^errfc^erö, 3ngolftabt bie ^Reform aufgenöt^igt 
^atte, njelc^e bort in feiner SBeife SBSurjeln fc^Iagen !ünnte unb 
nunmel^r o^ne SBettere^ öon felbft öerfd^ujanb. S)er le^te 3ngül= 
ftäbter 9ted)tölet)rer Sdftatt'fc^en ©eifteö unb Scfftatt'fc^er (Sinfe^ung 
aber, Slbam 3Bei§^au^}t, liefe ficf| unter bem S)rucfe biefer SReatticu 
verleiten ju einer freilid^ unfd|ulbigen , bod^ minbeften« unnütjcn 
©eljeimbünbetei , ju ber ©rünbung beö fogenannten 3lluminaten= 
Crbenß, beffen ©ntbedtung mit ben fiel) aufc^liefeenben ^Verfolgungen 
ber äWitglieber ben ©tur^ biefer 9iict)tung befiegelte. 

Sdfftatt'j^ SBerfe finb Don geringerer Sebeutung, ate feine per= 
1önlid)e [Sll^ätigfeit. ©ie besiegen fid) t)auptfäd)lidb auf ftaatö^ unb 
ftaatöfird^enreditlid^e 3Äaterien, unb t)alten faft alle bie ftreng bemon= 
ftratiöe gorm inne. 3ÄeI)rerc einjelne ©iffertationen jd)Ucnen fic^ 
planmäßig ju auöfül)rlid)eren 9lbt)anblungen aneinanber, j. Ö. über 
ba^^ fürftlid^e 3agbred|t ober über bie 9lu^legung öon § 52 ?lrt. V 



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282 ^^*tc8 Stapxttl 

bc^^ njeftfälijcfi^Denabrüdifc^en grieben^. 93et aüen Sontroüerfen ent* 
fc^eiben fic fic^ jc^arf nad) ber fatf)oHfci^intoIeranteu unb natt) bcr 
fürftltd^-abfolutiftifdien Seite. ®o erregte namentlid^ bie S^erttieibiguiicj 
bes^ föi^ftttci^en SRed^t^, Quberieicjläubige , burc^ ben Sefi^ftonb be^ 
3at)re!$ 1624 nic^t 9efc^ü|3te Untertt)anen auöjutreibeu ober jtuang^== 
tücife iiniäufiebeln , ^^Inftofe 6ei aßen ^jroteftantifd^en (Staatjore^td- 
leerem; ebenfo er-jeugte eö ßntrüftung, alö SdEftatt Iel)rte, ba§ ber 
^errj^cr fic^ über 3Jerträge unb Slbfommeu mit feinen Stänben unb 
UnterttiQuen ftetö au^ eigener Sefugnife ^innjegfegen fönne, wo ba^ 
©taQt^intereffe bieg gebiete. 5^ft getüinnt man ben (Sinbrucf, aU 
l^ätte er abfidjtlid) in feinen SBerfen eine einfeitig fat^otife^e ©c== 
finnung IierDorgefel^rt, um [ic^ mibcr bie Eingriffe ber ®egner ju 
becfen; bie abfotutiftifd^e @efinnung bei? 3Ranne^, ber gegen Stimmung 
unb Steigung be« £anbei§ feine Steformplane einzig auf fürftlid^e ®unft 
aufbaut, ift noc^ »eit leidster begreiflid). 

3?on bem SJorrourfe, nict|t blo^ bie SSert^eibigung fetner ®ac^e, 
fonbem aud) ba^ Sntereffe feiner gamilie unb feiner ßlienten bei 
ber Sluj^nu^ung jener ©unft im Sluge gehabt ju ^aben, bürfte 
Sdftatt fd)tt)erlid^ ganj frei^ufpred^en fein. ?tud) foU fid) mit ben 
Saljrcn eine geujiffe SJieigung bei i^m au^ggebitbet ^aben, gemaltti)atig 
aufjutreten, über bie bunfelen ^^artieen feiner Sugenb aber einen 
romantifc^ legenbären 2d|Ieier ju breiten, dagegen ift t)eroor5uI|cben, 
burdi tüetc^e Sd^ujierigfeiten er fidE) burd)jufämpfen, mit mid)' uner= 
müblid^en Jeinben er ju ringen, auf tt^eldjem fdjminbelnb engen ^abe 
er [id) ju bemegen ^atte. ßr bat bem, xva^ er für gut ^ielt, ftet^ 
mit Söegeifterung unb SWad)brud jugeftrebt; er vermittelt für jnjet 
ttjeitc • fübbeutfd)e fianbftrid^e, für Jranten unb Satjern, baö erfte 
3Bei)en be^ mobernen ®eifteö. 2)urd) bie Stellung im aJortampfe, 
Ujetdie er l^ier einnimmt, unb burd^ bie 9Serfe^ung bcr 3urii^prubenj in 
ben SKittel^Juntt einer nac^ allen Seiten auöftra^lenben reformatortfc^en 
S^emegung ; ferner burd) bie 93erüdftd|tigung beö öf onomifc^en äRoment^ 
unb burd) bie lebens^fluge i^ermert^ung pcrföntidier Se,vet)ungen erinnert 
er an (£^riftian X^omafiuj^, fonieit er and) fonft, uamentlid^ in 
literarifc^er unb n)iffenfd)afttid)er ^robuftiDität, hinter bicfem ^urüd^ 
ftet)t; in fold}cr SSefdjräntung möchte man i^n ben 1t)omafiufi^ beiS 
fat^oUfc^en Sübbcutfd^lanb tjeifeen. 

Siogner Sngett)arb ift ein Sdjüter Söolf's^ au^ etmad fpäterer 
@pod^e. 9luBer ber bemonftratioen SWetbobc entnimmt er feinem Seigrer 



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I. 35ie 3Bolfift^c Schule. 1) (Srftc 3lnl)ängcr. 283 

t)ie 3bee, baß baö 9?aturrec^t jerfädt in ettieu grunblegenben aHgcmeineu 
Xt)ei(, in n)eld)em bie 9ted|tdt)erl)ältnif)e fotüeit bargeftellt tuerben, 
xoxe fie im 9?aturäuftanbe, o^nc tüeitere SSorauöfe^ung gegeben finb; 
unb in eine SRei^e öon SRed^tj^jmeigen, meldie nur ^^pot^etifd^, ber 
3)?öglic{)teit xiaä), im 9?aturrec^te liegen, f^n i§rer aSemirMid^ung aber 
beö pofitiöen SJec^tö bebürfen. Sebem 3^^i9^ ^^^ pofitiöen SRed^tö 
muJ5 ein ß^^^fl j^^^^^ f|9potI|etifdE|en SRaturredjt^ entf^}rcd)en ; fo gibt 
€0 ein jus publicum, ein jus feudale, ein jus ecclesiasticum 
naturale ober, mie man e^ aud^ l^eißen fann, universale. 3n 
ä^nti(^em ©inne l^attc fd^on Dor 3BoIf, 1710, 3. §. Söö^mer ge== 
fd^rieben feine Introductio in jus publicum universale ex genuinis 
juris naturae principiis deductum et in usum juris publici 
particularis quarumcunque rerum publicarum adomatum. 
Sefet üerfafete ©ngel^arb, unter na^em 9lnfc^tuffe an 3BoIf, aber auct) 
unter Berufung auf Söö^mer'i^ SSorgang, ein berartige^ Specimen 
juris feudorum universalis, Ceipjig 1742; bem tiefe er folgen, 
offenbar burc^ feine Sebenöfteüung ate Slubiteur öeranlafet, ein 
Sj)ecimen juris militum naturalis methodo scientifica con- 
scriptum, granffurt unb Seipäig 1754; unb baran reil)t fid^ fein „ä?er=^ 
fuc^ eineö aügemeinen peinlichen Stec^te^ auö ben ©runbfö^en ber SSelt* 
tüeiigt)eit unb befonber^ be^ SRedEiteö ber 9?atur", ebenba 1756. Offenbar 
lag ber 53ortt)urf biefeö legten SBerfeö einer foldEjen ©e^anblung am 
günftigften; ba eg^ ferner in lesbarem 2)eutfd) o{(ne Uebertreibung 
ber bemonftratiüen ©d^abtone gefd)rieben ift, aud) eine Südte im 
@t)ftem be^ SBotf'fd)en 9iaturrec^t^5 üortl^eil^aft ergänjt, fo erflärt 
e^ fic^, bafe fid) i^m bie Slufmerffamfeit ber ®ef(^id)tigfd|reiber ht^ 
9?atur= unb @trafredE|t§ jugemenbet l^at. 3)ie babei angeftellte genaue 
Unterfuc^ung i)at eine öoUftänbige Uebereinftimmung Snget^arb'ig 
mit allen ?fnfdf)auungen SBolf'«^ ergeben: eö ^anbelt fic^ nur um 
eine gefd^idte ft)ftematifd)e ^Verarbeitung unb 9lu^arbeitung ber SBotf^ 
fdjen Sbeen, toie fie t)ier nid)t abermals entmidett ju iDerben braudjen. 
2) J)ie 3BoIffc^e ©c^ufe in ber Surij^prubenj ujeift gewiß eine 
nid)t geringe Slnjat)! öon 9Int)ängern auf, unter it)nen manche tüd^tige, 
fogar einjetne ^eröorragenbe Ärafte. ®ine öoHftanbige 2)urd)arbeitung 
ber ganjen pofttioen 9ted)töiüiffenfd)aft nad^ SBotffc^er 9Jieti)obe ift 
jcbod^ öon feinem biefer SWänner auc^ nur oerfud)t ujorben. ©ie \)aben 
fic^ mit einjelnen STu^fdinitten unb 9tntDenbungen begnügt. ®rft red)t 
fann nic^t bie Siebe batjon fein, baß biefe Siid^tung bie oort)errfd)enbe 

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284 ?tcf|te^ Kapitel. 

geworben toärc; an^bxMliäje SJefämpfung \)at fie freiließ nur in 
geringem SWaJBe, grünblid^e 3Bibertegung faum gefunben. ®o lange 
eben in aßen ®eifteö*3Biffenfd|aften bie 5ß^i(ofop^ie SBoIf'ö unb ber 
bemonftratiöe tRationali^mufi} l^errfc^ten, mufete ben 3lrguntentationen 
•tüibcr il^re JInnjenbung auf bie Suri^prubenj bag le^te gunbament 
unb bie burdifd^Iagenbe SBirffamfeit feilten. Unter fold^en Umftänben 
mochten biejenigen Suriften, n^etd^e me^r inftinftit) bie SBolf'ic^e 
©d^ule öerabfdieuten, eö üoräie^eu, gegen fie burd^ furje Srlltirungen 
ober aud^ ftidfrfjtueigenb Stellung ju nef)men unb fie burc^ bie 
2^ücf)tigfeit Hon it|r unbeeinflußter aSerle ju tt)iber(cgen, ftatt fic^ 
in einen ungleichen ^rinctpientampf mit il)r einjulaffen. 

3tüeifeli)aft fann eö fdfieinen, ob ju ben Sln^ängem ober ju 
ben ©egnern 935oIf'fc§er Sel^anblung ber SRedit^miffenfc^aft ju jäfilen 
ift 3oac^im ®eorg 3)arieö, ber befannte ^P^ilofop^, Surift unb 
Sameralift, beffen 2lnfid)ten namentüd^ megen feinet ftarfen Sefjr- 
erfolget bebeutfam geworben finb. ^t)Uofop]^ifd^ ift er felbft aui^ 
SBoIf'ö @d)u{e hervorgegangen, bann aber in efleftif^er greit)eit von 
it|m abgeujic^en. ©ein naturred)tlirf|eg ^au))ttt)erf, bie Institutiones 
jurisprudentiae universalis, bemütjen fic^, ben ganjen 3Bo[f'f(()eu 
Sau feftju^alten, inbem fie il^m afe ©runblage ftatt be^ 5Determini^^ 
muig einen mitben Snbetermini^mug unterfd^ieben. 9?amentli(^ be* 
mächtigen fie fie^ berfelben Sbee öom l^^potl^etifdjen 9?aturred^t mie 
SngeÜjarb; fie l^anbeln öon einem jus publicum universale, jus 
civile universale, jus ecclesiasticum universale, jus gentium 
universale, ja felbft elementa juris feudalis universalis finb 
beigegeben, mä^renb ba^ ©trafredjt nur fürs ^^^ nebenbei erlebigt 
h)irb : genau fo, n)ie eö bei Söolf feine bef onbere Stätte gefunben tjat. 

©ine fcf)ärfere Jtbmeic^ung üon SBolf erujartet man für bie fie^re 
üou ber Slnnjenbung beö SRaturred)t^ auf baß pofitiöe 9Jed^t bei 
^arjeö, ttjenn man in bem SJorUJorte ju feinen „Institutiones juris- 
prudentiae privatae Romano-Germanicae" lieft, ba^ pofitiue 
9ied)t laffe ein ftrenge^ @t)ftem nid)t ju, feine in üielen fünften 
jufäUige SJlatur miberftrebe ber bemonftratiüen 3Äett(obe. S)amit 
fd^eint ja bie ganje SBoIf'fc^e Stuffaffung geleugnet. 9ttebalb aber 
fetjrt üud) ^ier ©arje^ in bie ^fabe SBoIfj? jurücf, inbem er nur 
an Stede einejg ftrengen S^ftemg einen njeiteren 93egriff be§ ordo 
systematicus einfe^t. ©in foIdE)er fei aud^ für baö pofitiöe 3led)t 
burdifü^rbar, n)enn man nur barunter t)erftet)e, bafe 9lüeg genau 



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I. S)ic ^Bolfifc^c ec^ulc. 2) ©cgncr. 285 

ju befintren, ehijut^eilcn unb auö ^iftorifd^en ober fonftigen äufäUigen 
Urfad^cn ju crfttiren fei. STOan erfennt ^ier SBoIf'g äWet^obe ttjteber, 
bi^ auf bte einjelnen Urfac^en be^ pofitiüen Süed^t^. — ©arauö 
ergibt fic^ nad) ©arje^ für bie f^ftematifdie öcfjanblung beö Sliömifcf):^ 
®eutf(f(en Sieci^tg bie ?(ufgabe, junäd&ft fid^ über baä 9i5mifc^e 3iec^t 
flar JU njerben, ju unterfud^en, lüetc^e 95eftanbtl)cite be^fetben bem 
9?aturrec^te entnommen finb, njelc^e bagegen bloö au§ römifc^en 
Sßer{)ältniffen unb ®reigniffen fid^ erHären laffen; fobann burd^ SSer= 
gleid^ung ber römifd^en unb ber beutfd)en ©er^ältniffe ju prüfen, 
tüelc^e 9iec^tgfä^e festerer ärt aud^ für S)eut)c^Ianb paffen ; fd^IiefeUc^ 
biejenigen, toelc^e fid) afe nid^t paffenb ergeben fjaben, beutfc^en 
SSer^ältniffen anjupaffen. SÖIo^ at^ ^ütfsmittel jur ßöfung festerer 
Aufgabe tritt ba^ eint)eimifc^e 5Re^t auf. 9lbgefe^en üon biefcr ganj 
ungenügenben 95ertt)ertf|ung beio germaniftifc^en Slement^ fönnte man 
ja biefem 5ßtane eine gen^iffe ®rofeartigfeit unb l^iftorifc^e Berechtigung 
nic^t abfpred^en : ergäbe nid^t bie oerftänbnifelofe unb rol^e ?(u^fül^rung, 
baß eö fid) nur um f|of)Ie SSerfpred^ungen fianbett. 2)a ptte fid) 
boc^, blo^ unter SBenu^ung üon ^einecciuö unb ettra nod^ t)on 
SBeftenberg, ganj S(nbereö I^iften laffen, felbft o^ne eigene^ Quellen* 
ftubium, ujenn ©arje^ feinen eigenen 5ßlan emft genommen Ijätte. 
©tatt beffen begießt er ben ©toff ganj ungeläutert au^ ber I|errfd§enben 
S?ermengung beö usus Romano-Germanicus unb begnügt fic^ bamit, 
auö i^m bie befannten Äettenfd^Iüffe ju bitben. 3lte einjige^ pofitit)- 
rec^tlic^e« SSerbienft erübrigt ttroa bie 95emüf|ung um f^ftematifd^e 
9ieif|enfoIge. ©o ift ein allgemeiner X^eil t)orgefd)oben, ber unter 
Ruberem t)on ben Dbjecten fomie t)on ben ©rtüerb^grünben ber Siedete 
äufammenpngenb f)anbelt ; einmal taudjt ba felbft bie bef onbere Sünbrif 
ber 9iec^t^gefd(äfte (negotia) auf, in ber SJiä^e üon ©rörterungen über 
©ebingungen unb Söefriftungen. S)ie n^eitere Sint^eilung ftel^t nid^t 
me^r auf gleid^er §öt|e; Ujieberum mufe fid^, auffaHenber SBeife, baä 
©trafrec^t, o^ne eigene ^eimftätte, bei ber Se^re Don ber obügatorifc^en 
Haftung aug S)elicten unterbringen laffen. 

3u tieferer @egnerfdf)aft gegen SBoIf mußte bie 5ß^iIofopf|ie be« 
ßrufiuö fü{)ren; fo rid^tig §ugo auc^ urt^eift, bafe beibe 3)ent 
arten fc^liefelic^ „in ber ®efc^i(^te be^ menfd^Iid^en ©eifteö . . . nur 
für jtt)ei toerfc^iebene ©pielarten einer unb berfelben Gattung" ju 
l^atten finb, immert)in Ujar junäd^ft jujifc^en il^nen ber @egenfa| au^ 
geprägt genug. 2)a Srufiuö felbft um Suriftifc^eiS fic^ nid)t bemüht 

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286 ?tc^tc§ Kapitel. 

I|at, fo fommen ^ier blofe jcinc ?lii^ängcr in ber SJedjtöiüiffenfdjaft 
in ®etrac^t. ?lfö fold^e finb belannt bic fteiben Srüber ®u[tat) 
95ernl)arb unb Otto S)aütb §einrtci^ 93ccmann juSöttingen; 
unb i'o befigen njir benn auc^ t)on btefem literarifd^en 3)iogfuren' 
^aar eine furge, aber einbringlid^e SBetrac^tunfl unter bem Sitel: 
„©ebanfen öon ben tt)al|ren Duellen be^ 9ieci^tö ber 9?atur", ®ÖU 
tingen 1754. Sn unmittelbarer Jlntetinnng an be^ ©mfiuiS &f)xt 
unb Snbetermini^mug^ pofemifiren ba bie ©ruber Seemann gegen 
jebe^ Siaturred^t, n^eld^ei^ fid) blo^ auf menftfiUci^en SRu^en, menf^ 
nd)e SSerDoQfommnung ober auf äl^nlit^e ^wedc richte, bamit aber 
nie über eine blofee SRü^(id^feitöIeI|re t)inau^fomme. SSietme^r fönne 
ein fefte^, über bie niebrigen ober t)ü]^eren Xriebe ober Qrotdt be^ 
Ginjefnen erl^abene^, abfoluteö ^fItd)tgebot lebiglidj hergeleitet tt)erben 
auö ber 3Sorfc^rift eineö ^öl^eren, mag biefer nun ju unö reben burc^ 
unjeren 9Serftanb, burd) unfer (Settjiffen ober burd^ Cffenbarung. 
SlUe ®eje^e bagegen, bie üon einem menfd^Iici^en Cber^errn l)cr- 
ftammen, fönnen nur ^jofitiöe unb njiHfürlic^e fein, ba bem menfc^ 
ticken ®efe^geber allemal bie ^ei^eit jum ®uten unb Söfeu ju=^ 
fommt. @o tneit bie Seemann; t|ier nun aber, n)0 offenbar ber 
3Siberfprud) gegen SBoIf^ Ü8ef)anblung be^ pofitiben 9?ed)ti^ einfe^en 
müfete, mo ju jeigen märe, mie t)erfel)rt eö ift, baö pofitiöe Siedet 
au§ aprioriftifc^en Sc^lüffen t)erteiten ju moßen, — ba öerfagen fie; 
unb and) fonft nirgenbmo in it)rer rec^t bürftigen literarifc^en ^^ro* 
buction finb fie auf bergleid^en gefommen. 

3n bie Sude tritt ein anberer Oöttinger, ^o^ann Gl^riftian 
(Elaprot^. S)egt)alb interejfirt un^^ ttjeniger fein „örunbrife be§ 
9ied)tig ber Slatur", beffen po^julär^fenfualiftifd^e 3luffaffung fid) na^e 
an Sd^maufe antel)nt, als^ öielmel^r fein 9luffa^: „SSert^eibigung ber 
matl)ematifc^en Öel)rart in ber 5Red)töge(e^rfamfeit.'' 35enn biefe 
fogenannte Sert^eibigung ift tt|atfcid)Iic^ ein überauig fc^arfer 3tngriff. 
Etaprott), ein ®d)üler ftöt)Ier'^, Surift, ^;ßt)ilofopt) unb ^oet, aud^ 
fonft ein feiner, origineller 5)enfer, fü£)rt l)ier nämlid) in überlegener 
3Bciie auj.^, i>a)i SBoIf'^ ^rincip, aUe^ auö feinen ©rünben ^erju* 
leiten, fic^ nid^t burd^füt)ren laffe bei tjiftorifc^en 2^ingen. Solche 
mit Sic^erl^eit a\i^ il)ren 5ureid)enbcn C^rünben ju erfd^lieften. Der* 
möd^te etioa ein unenbfidf)er ®eift; ber 3Kenfc^ aber fei l^ier genot^igt, 
fid^ SU begnügen mit ber geftfteHung bcö gefc^ic^tlic^en ©reigniffc^ 
burc^ gefd)ic^tli(^e Setoei^mittel. 35a^ gelte namentlich in allen 



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[. 3)ic ©olfifc^c Schule. 2) ®egiier. 287 

^Den, in tpelc^en äiir gragc fte^e, tüQg; ein Öeieggeber ober ein 
SSertragfd^liefeenber gemoüt ^a6e. So fei e^ öon t)ornf)ercin t)erfcl)rt, 
trenn Sramer im ©treite mit ©enfenberg gemeint i)abe, apobiltifc^ 
bemonftrotit) ben SBen^eis^ bafür erbringen ju fönnen, bafe bie Srb- 
toc^ter, bic einen Srbüerjidit leiftet, fo unb nic^t anberö babei l^abe 
gefinnt fein muffen ; ober Scfftott ebenfo ben 93en)ei§ bafür, ba§ ba^ 
3agb^9?egal fic^ fo unb nid^t anber§ geftaltet t)aben miiffe. ?l(Ie 
biefe fragen liefen fid^ oielme^r tebig(id) auö ber ^iftorifd^en (£nt= 
nncHung beantnjorten, üieüeidit für bie üerfdfjiebenen SEerritorien in 
fe{)r oerfd^iebener SSeife. Uebert)aupt aber folge auö aUebem, mie ]ai\dy 
üd) man fid^ fc^meid^Ie, burc^ bie 333oIf'fd)e SRet^obe jeben 3^^^^^ 
unb jebe Unflartieit auö bem pofitioen SWe^t öerbannen ju fönnen. 

Unleugbar toar mit folc^en ^Betrachtungen bie gefammte SBoIffc^e 
5Ric^tung in ber 3uri?prubenj ber ^a^c nad) abgemiefen. aber 
oucf) bie Jyorm, bie SRet^obe ber matt)ematifrf)==bemonftratit)en Setoeiö- 
itlitterung, bie er ju oertt)eibigen oorgiebt, oertf)eibigt tf)atfäc^Iid^ 
ßlaprotf) boc^ nur fomeit, wie fie Kare Siegriffe unb überlegte ^n^ 
orbnung forbert, nirf)t in xljm terf)nifcl)en J^ormulirung, loeldje boc^ 
felbftüerftänblic^ ba^ 3Befentlid)e on it)r ift, toä^renb mau jene allge* 
meinen ?lnforberungen Xüoi)\ Don jef)er an jeben 3)enter unb an 
jcbee unff enfc^aft(ic^e 3Serf gcftedt f)at. (£laprotI| oermeibet eS frei=* 
lid), fid) irgenbiuic gegen SBolf felbft aui^jufpred)en ; er übergebt felbft 
ftillfd^toeigenb beffen juriftifdje 9tuffätje; (ebiglic^ Sramer unb Srfftatt 
toerben genannt; aber inbem e^ biefen jum 5?ortt)urfe gemad^t ttjirb, 
bie 3BoIf'fd§e 9Ketf)obe auf bie SRec^t^ttjiffenfd^aft übertragen • ju l^aben, 
enthält offenbar biefer Suffa^ bie öollftänbige SSertoerfung jeber Jln- 
roenbung t)on Söolf'fd^en 5|8rincipien unb J^ormefn auf bie SSSiffen^ 
fdiaft unb Set)re t)om pofitioen 9ied)t. 

?le^nlic^ tük (Xlaprotl^ f)at fic^ noc^ auögefprocf|cn ber im "Sienfte 
ber merflenburgifd^en Crtljobojie ftef)enbe 3urift unb Sf)eoIoge Slbolf 
Jriebric^ SRein^arb, al^ ^^ilofopl^ übrigen^ eiu Sln^änger be^ 
ßrufiuö. ÜKag ber 9Äann auc^ burd) feine „Hörigen, fd^impfenben" 
Streitfc^riften gegen aüe ©rbfteu unfcrer flaffifc^en Literatur \xd) ein 
traurige^ 2lnbenfen gefid)ert t)aben, mag er auc^ probuftio in feinem 
ber brei gäc^er, toelc^e er ju be^crrft^en meinte, ettoa^^ ju leiften im 
©taube gettjefen fein: feine ^olemif gegen bic SBolffc^e Sdiule in 
ber 9?ec^t^^n)iffenfd)aft trifft ben SRagel auf ben Sopf. „®ic Defini-^ 
tionen*', fo Reifet e^ ba, ,Jtnb in jure feine fo fnic^tbaren Duellen . . ., 

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288 ^c^tcd Stapittl 

bie Siealität ber Definitionen mufe au^ ben Quellen erraiefen tDerben." 
Unb ferner: „TOan mU beftönbig an^ ©rünben raifonniren nnb 
bie ®efe(je afebann nur gfeic^fam ^ur mehreren Seträftigung anfül^ren. 
Scf| tjiugegen bef)aupte, bafe man in jure nic^t einen ©d^ritt tl^uu, 
nic^t eine ^olge auö gefegten ®rünben nuid^en muffe, ot|ne bie ©e- 
fe^e beftänbig üor 9lugen ju ^aben, ob biefelben bie ^^tge aU ein 
®e)e^ feftfe^en, ober ob fie etoa^ barin auff)eben unb üeränbern 
ober ob fie baDon gar nid^t^ ermäl^nen.'' SWit ben ©emü^ungen, 
„bag äied^t auf allgemeine principia ju bringen'', gel)e |e3 ftetö 
im Slnfange gut, fobalb man aber auf ,,fpecieUere 3)inge unb be- 
ftimmtere SBalirl^eiten" fomme, ^apere eö unb fo gelange man baju, 
fic^ mit einer „gauj fuperficiellcn ©rfenntnife" ju begnügen. S)en 
©d^ülern aber n^erbe jugemut{)et, bie allgemeinen, au^ öerfc^iebcnen 
9iec^ten jitfommengeidjmoljenen ©ä^e, in blinbem SJertrauen auf ben 
Se^rer, of|ne OueHenfenntnife no^ innerei^ SSerftänbnife, ^injune^men. 

Sine SBibertegung biefer ?(u^fül)rungen ©laprot^'^ unb Stein- 
^arb'g ift Don ben SBoIfianern nit^t einmal oerfud^t roorben, anberer- 
feitö aber fanben jene auc^ weiter feinen 3lnflang noc^ SBieber^all. 
S)er betrieb ber 9ted§tgiioiffenfd^aft nadt) SBoIffcfier STiet^obe ttjurbc 
burdj fie fo n^enig unmöglich gemalt, bafe er fic^ öielme^r gerabe 
erft nadt) i^nen, in ber jnjeiten iQ&l^tt beö 3at)rt)unbcrt^, burc^ 2)aniel 
SWettctblabt ju f^ftematifd)er SSoUftänbigfeit ergeben foUtc. 

3. 5)anieI9letteIbIabt berid^tet unö felbft, tt)ie er fic^ mü^^ 
fam B^flöng juerft ju ber ?ß^ifofopt)ie, fobann ju ber ^etfönlid|feit 
t)on SSoIf t)erfc^afft ^at. 2ll§ er nun in 9Karburg ju beffen l^ü^tn 
faß unb gleid^jeitig Sramer'ö Einleitung genofe, fal^ er fidt) mit Sinem 
©(^lage am S^dc feineiS ©trebenig. Elu^fc^Iiefelicf) jur ©qftematifirung 
unb ©c^abtoniftrung beantagt, ol^ne ©pur t)on Senjegtic^teit unb 
^ß^antafie, aber üon raftlofem gleiß unb unerfc^ütterlid^er lieber* 
jeugungötreue, mar er fo red)t ber SWann @ine^ ©ebanfen^, ju beffen 
©ntiüidtlung ein langet ßeben il|m reidt)lid^ Gelegenheit bieten foQte. 
S)ie ©tdtte baju fanb er in ^alle; atö 2Bolf burc^ J^riebric^ ben 
©rofeen mit ^ot)en Gieren bort^in jurucfberufen njurbe, na^m er feinen 
ergebenften ©diäter mit fic^ unb fieberte il)m alöbatb eine gläujenbe 
Saufbatjn in ber juriftift^en J^fultät. 3n ben fo erlangten Äemtern 
l^at SKcttelblabt 45 Sa^re gcftanben ; f o baft feine datier Sel^rt^ätig^^ 
feit bie ^roexk §älfte beö ad^tje^nten Sa^r^unbertö, auöfc^liefelic^ bfoö 
be^ legten ^afirjeljnteö, auffüllt: jum 3)oftor ber Siechte promoüirte 



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I. ®ic SBoIfifc^c @(^ulc. 3) a)anicl S«cttclblabt. 289 

i^n Suft Henning Söl^mer; eine grünbltd^e SBürbigung feinet Ktera* 
tifdien S^arafter^ gab einige SBod^en nad) feinem 2;obe ©uftaö ^ügo. 
38af|renb aßet biefer Qeii aber l^at er, foöiel er anä) im einjelnen 
umbaute, an bem SBoIfifd^en gunbamcnt feinet S)en!enö unb feiner 
9led)töauffaffung unöerrüdEt feftgel^alten. 

©ein ^Programm finbet fid^ am beften entmidett in ber ©d^rift: 
,,Unt)OTgreifIid)e ©ebanfen öon bem heutigen 3itftonb ber bürgerüd^en 
nnb natürlid^en 9ie^tögetaf)rtl^eit in Xeutfd^Ianb, beren nöt^iger SSer^ 
befferung unb baju bienlid^n äKitteln", ^aQe 1749. @ö ^anbelt 
jid) babei toefentlic^ um jmeierlei: um bie 9KetI|obe unb um ben 
©toff. 

SRan ttjirb nid^t überfe^en bürfen, bafe I|ier, ben ?luiSganggpunft 
«tnmal gegeben, bie metl^obifd^e Sluffaffung eine red^t einfid^tige ift, 
geeignet, manchen ®intt)änben ber ©egner öorjubeugen. 3)enn hieltet 
blabt giebt, too^I ganj im ©inne öon SBoIf, unbebingt ju, ba§ 
feine^toegg alle pofititoen 9ied|tgbegriffe unb Süec^töfä^e a priori auf 
^j^ilofop^ifd^e SBeife erf^Ioffen njerben fönnen, bafe öielmel^r eine 
ftarfe Sttnäa^I berfelben nur gefdt)ic^tlid^ ju erfennen feien, b. 1^. au0 
ber ®efefegebung unb au^ bem juriftifc^en ©prac^gebraud^. S)emon= 
ftriren Iiei^t ba^er, innerhalb beä ®ebietö ber pofitiöen Sted^tögelel^rt^ 
l^eit, au^ ©rünben bemeifen nur infofern, n)ie bieg im SinselfaHe 
möglid^ ift, inbem ettoa ein Siec^töfa^ au^ bem SRaturrec^t ober auö 
•einem anberen Sfiec^töfa^e gefolgert ttjirb; fonft Reifet ©emonftriren 
^ier aud) fd)on ettoaö aug bem SBorttaute beö (Sefe^eö afe rid^tig 
nac^tt)eifen. S)iefer SBortlaut ift be^^alb mögtid^ft DoUftänbig jum 
IBefiufe ber ©emonftration anjufü^ren unb aud^ in benjenigen gäKen, 
in »eilten ftc^ ein ©a^ auö p^ilofop^ifc^en ^rämiffen herleiten täfet, 
ift ber Semeiä für if|n au^erbem nod^ au^ ben ©efe^en ju erbringen. 
<£benfo ift bei SSegriff^beftimmungen ju öerfa^ren, bei njelc^en man 
fic^ JU rid^ten l)at nad) naturrec^tlid^er Sonfequenj, nac^ bem ®efe|e 
unb nac^ bem ©prad^gebrauc^ juriftifdier Äreife; 5hinftauöbrüde neu 
^u bitben, foU man afe überffüffige Selaftung öermeiben, ttjo eö nidjt 
^u furjer Sejeid^nung logifc^ notfittjenbiger unb redjtlid) bebeutfamer 
Unterfd^iebe notl^ttjenbig ift. ^i^ metl^obifdie 2lufgabe erfd^eint bem* 
gemäfe genaue^ Seftimmen ber eiuäetncn Stec^töbegriffe unb 9ied|töfä§e ; 
genaue^ S)emonftriren berfetben au^ ben angegebenen Duellen; unb 
cnblid^ toiffenfc^afttid^e^ Slnorbnen berfelben, fo ba§ ftetö baö SlUge^ 
meine üor bem Sefonberen, ba^ ß^l^'^i^^^fl^P^iS^ beieinanber fte^e. 

SanbSberg^ Okfc^id^te ber beutfdien »idttftmiJTenfd^ft. Xei^t. 19 

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290 ^4ted Kapitel. 

Sluf folc^e SBeifc ift bie ßanje äWaffc ber 9ieci§tönjiffcnfci§Qft ju üer=^ 
btnben ju Stnem ©Aftern, njcld^e^ biefen Siamen tüirflid^ öerbicnt; 
baffelbe fonn borum aber auc^ nur Don ©incrn JRec^t^jacIel^rten, ber 
alle ^^^iflc ^^^ SBtffenfd^aft 6ef|crrfc^t unb überfielt, ^ergcftellt 
ttjcrben. S)ie öefc^ränfunö auf einädnc gS^er, ttjtc fie üon (Sötttngcr 
©ette ^cr geübt unb geforbert tourbe, öertohrft begl^alb iRettelblabt 
toiffenf^aftUd^ tvk bibaftiftf|. 3)a^ ganje ©Aftern ift aug ©inern ®uffe, 
fo i>a^ fid^ bie Steile überaß gegenfeitig ergänjen unb tragen, in 
grünblic^en ^anbbü^em ju entmicfeln, in elementare SonH^cnbten 
äufammenäufaffen unb ate ©in alabemifd^er Äurfu^ öom Äat^cbcr 
^erab öorjutragen. 

©tofflit^ gehören hi biefen ^rfug ober in biefeö ©Aftern folgenbe 
Steile. 3^^äcf|ft baö S^aturred^t, über melc^e^ man bereits burd) 
SBoIf ein ibealeö SBerf befigt, fo ba§ nur übrig bleibt, barauS ein 
Som^jenbium ^ersufteüen, tüd6)t^ m noc^ ^ö^erem SRafee auf bie 
befonberen Sebürfniffe beS Stec^tSbeffiffenen SRücffic^t ju nelimen f)ötte, 
inbem e§ namentlich auf ben rein ))]^iIofop^ifd)en 2^^eil einen ange*^ 
menbeten S^eil folgen liefee, ber bereit« nad) ber ©int^eitung ber 
pofitiüen 9ie^t3n)iffenfcf|aft georbnet fein müfete. SBeit me^r bleibt 
für ba« pofttiöe 9iecl^t ju leiften. §ier bebarf eö öor allem einer 
grünblid^en ^ropöbeutif in jn^ei 3lbfc^nitten : nämlid^ einer allgemeinen 
©infü^rung in bie gefammte pofitiöe SRec^tfi^tciffenfci^aft, tt)elc^e unter 
?Inberem auc^ bie gefc^ic^tlid^en SSorfenntniffe oorjutragen l^ätte: 
unb fobann eine« elementaren S^ftemö ber pofitiöen Suriöprubcns, 
melclieS auf alle einjelnen %\)dk berfelben fo vorbereitet, Ujie bie 
3nftitutionen auf bie ^anbetten vorbereiten, in ?lrt einer furjen 
3n^altgüberfid|t, mieberum georbnet nod^ bem für bie ©int^eilung 
ber ^jofitioen Sled^tön^iffenfc^aft paffenben ©d^ema. älleS bieö wäre 
neu JU fd^affen. S)arauf erft fäme man ju ber grünblic^en 93e^anb=^ 
hing ber einjelnen %&ä)ev; biefe orbnet SKettelblabt ftjftematif^ in 
rec^t öertoidEelter SBeife, inbem er bie Unterfc^eibung jtt)ifc^en einem 
tfjeoretifc^en unb einem praftifc^en Steile ju ©runbe legt, bei erfterem 
tüieber ^^^rivat-, ©taat^^ unb SBölferrecf|t trennt unb jebe biefer Unter- 
abt^eilungen nod^mal^ in einen politifc^cn, fird^lid^en unb lel^nrec^t^ 
lid)en 3lbfc^nttt fonbert. 5)er jurisprudentia theoretica privata 
politica fiele babei ba^ gan^e in 2)eutfd^lanb gültige bürgerliche unb 
Strafrecl)t ju, mit Sluefcfiluß fircf)en= unb leljnrec^tlic^er 33eftanbt^eile, 
aber of)ne ©onberung beffen, toa^ auf römifi^en Quellen berutit,. 



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I. f)tc ©olpfd^c ©c^ulc. 3) S)amel 9?cttclblabt. 291 

t)on bem, tüa^ germaniftifd) ift. Sitefe SSerfc^icbcn^cit ber DueQen 
rechtfertige bte 3^te9un0 in jtüei SBiffenfc^aftcn unb SSorlefungen, 
ttjel^ je^t übltc^ toerbe, burd^au^ nic^t, ba ber ©toff ein einl^eitlid^er 
fei; l^oc^ften^ möge man bei ©elcgenl^eit ber jur S)emonftrotion Qn* 
gejogenen ©efe^e^fteUcn auf ben Unterfc^ieb römifc^en unb beutfc^en 
Urfprungg ^inn)eifen. SBie t|ier, fo tft im ©taatörec^te jebeg @im 
mtfc^en in bie bogmatifc^e S)arftenung nic^t gepriger gefi^ic^tlic^er 
®inge ftrengftenö ju öermeiben; toa^ boüon ju ttjiffen 3lotf) t^ut, 
baö gehört in bte 5ßropäbeutif. SSon ben fogenannten 9lebentl|eilen 
ber |)ofitit)en 9ieci§t!3gelel)rt^eit finbet allein ba^ gürftenrec^t ®nabe 
üor SWettelblobt'ö äugen, bie übrigen ftnb in i^re einjelnen ©ä|e 
aufäulöfen, unb biefe ©ä^je fo, tok fie ^ineinpaffen, in bag oHgemeine 
©Aftern einjurei^en; toennfc^on e^ aufeerlialb be^ ©tjftemö cingelie, 
ja felbft ni^t ganj ol^ne Sinken fein möge, fie gelegentlich einmal 
für fic^ JU be^anbeln. 

S)ie erften fünfte biefeg ^rogramm^ tt)urben öerttjirflid^t burd^ 
jtoei umfaffenbe SBerfe, toetd^e nod^ in bemfetben 3at)re 1749 er= 
fd^ienen: Systema elementare universae jurisprudentiae naturalis 
usui systematis jurisprudentiae positivae accomodatum ; unb 
Systema elementare universae jurisprudentiae positivae Imperii 
Romano -Germanici communis usui fori accomodatum. 3)a^ 
pl^ilofopl^ifc^e 9?aturred)t folgt au^fc^Iiefelic^ 3BoIf ; in bem angen^enbeten 
%\)eiU überbietet e^, bem Programm 6iä jur ©elbftironie getreu, bie 
Steigung SJBoIfjg, alleö 5ßofitit)e fd^on t)ier^er, in Definitionen unb 
äbftraftionen, ju jielien, burc^ fein natürlid^e^ jus privatum politicum, 
ecclesiasticum, feudale, natürlichem jus publicum politicum, 
ecclesiasticum, feudale u. f. f., — in fott^er SSSeife, bafe §ugo 
mit SRcd^t fagen fonnte, ein Siettelblabtianer müfete nic^t im minbeften 
in 58erlegenf)eit fein, nic^t nur bie neue franjöfifc^e Sonftitution, 
fonbem auc^ bie SSerfaffung be^ ^eiligen 9tömi)cf)en 9ieic^m auö feinem 
Jiaturred^t ju bebuciren. dloä) rid^ttger njäre ju fagen: ?lettetttabt 
^at eine folc^e 3)ebuftion im jus publicum politicum n^irftic^ ge= 
leiftet, ja nad^ SSorgang 3BoIf'ö eö im jus publicum ecclesiasticum 
felbft fertig gebradjt, am einem unb bemfetben SRaturrec^te bie fat^ofi)(^e 
unb bie proteftontifd^e Äirc^enöerfaffung nebeneinanber, jur 3Ba^I, ju 
bebuciren. — jDoö 6Iementar=@t)ftem ber pofitiöen Suri^prubenj 
jerfäHt in bie eigentUcf)e ^ropäbeutif unb bie Sammlung inftitutionen^ 
artiger UeberblidEe über nQe Singet jmeige. ©rftere beftet)t auö furjeu 

19» 

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292 «4tcS Äa^itcl. 

prolegomena generalia unb an^ einer ungtaublid^ elementaren 
^arfteHung ber ®efci§id)te ber in 3)eutfc^Ianb geltenben SRetfite unb 
ber für ©eutfc^IanbiS 9?erfaffung mafegebenben ©taatööerträgc. 5Die 
(Sammlung ber Ueberblide ttjirb eröffnet burd^ einen an^ il^nen allen 
obftra^irten aügemeinften 2I|eit, jurisprudentia positiva generalis ; 
erft bann folgen bie einjelnen UeberbltdEe in ber ^Reihenfolge beö 
©c^ema^, offenbar ber für 9iettelblabt njenigft anjie^enbe %f)eil ber 
Aufgabe, tt)ennfcl^on i^m l^ier noc^ ber ftärffte Umfang eingeräumt ift. 

2)iefe beiben SBerte immer toieber burd^j^arbeiten unb ju Der- 
t)oUftönbigen, tt)irb 9?ettetblabt nic^t mübe. S)aö 9laturrec^t ift babei 
tüenigftenö ftetiS ein ©uc^ geblieben, tt)ennfc^on eö öon ber jujeitcn 
S[uf(age ab bcn angemanbten S^eil nod^mate jerfegt in ha^ an- 
geiDanbte iRaturrec^t be^ 9iaturjuftanbeö unb ba^ angettianbte 9?atur* 
rec^t beö ftaatlic^en 3^ftönbe^ , f o bafe nun in beiben angettjanbtcn 
S^l^eilen ba3 ganje ©c^ema burc^njanbert wirb. S)aö elementare 
®9ftem beg pofitiöen SRed^tö aber gar erjeugt burc^ Spaltung eine 
ganje SReil^e üon ©onbermerfen. 3"^äd^ft eine ganj aögemetne ®in* 
lettung, einen fü^nen SSerfud) gemiffermafeen einer SBiffenfd)aftglc^re, 
»eld^e bie Stellung ber SuriiSprubenj innerl^alb ber ©umme menfd^Ii^er 
Äenntniffe beftimmen foH. ©obann bie eigentlit^e 5ßropäbeutif, ie|t 
JU öier Sf)eilett angefc^UJoQen, nämlic^ erftenö prolegomena generalia 
ate eine 3(rt öon ©nc^flopäbie unb äRetl^obologie, jtoeiten^ JRec^t^ 
gefc^ic^te, brittenö Siterär=®efc^id)te unb Diertenä ber auö ben lieber^ 
bliden ber einjelnen pofttiöen 9lec^töjttjetge abftra^irte allgemeine 
%f)t\l, bie jurisprudentia positiva generalis, U)eld)e je^t ^ierl^er 
gejogen ift. S)iefe öter 2;]^eile bilben 1761 ein 95üdE)Iein öon 208 ©eiten ; 
aber 1772 ift ba^ SBerf auf 1114 ©eiten angefc^tooUen unb jtoar 
(ebiglid^ ju ®unften ber jurisprudentia positiva generalis. 3)icö 
|ü^rt bann 1781 ju ber testen ©paltung; bie brei erften %^dU 
bilben ein Systema elementare doctrinarum propaedeuticarum ; 
ber öierte %\)txi n)irb abgeftofeen, fe^rt aber audt) m6)t cttoa jurüd 
äu ber ©ammlung öon Sinjel-Ueberblicfen, an bereu ©pi^e er ur^^ 
fprünglic^ ftanb, fonbern tritt nun allein auf ate Systema elementare 
jurisprudentiae positivae Germanorum communis generalis. 

^a^ ift bie Sntfte^ung^gefd^ic^te biefe^ in ber 2bee bebeutfamften 
aSerfeö, toie eö auö 9iettelblabt'g enblofem (^eneratifationö- unb SCb- 
ftraftionö'Sebürfntffe ^eröorgegangen ift, beö erften unb einjigcn 
SJerfuc^eef, einen felbftänbigen „allgemeinen S^tieil" für alle 3^ci9^ 



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I. S)ic SBoIfifc^c ed^ulc. 3) ^anxtl i»cttclb(abt. 293 

ber pofitiöen Sfieci^töttjiffenfd^aft DoUftänbig burc^jufül^ren , ber fic^ 
ju ber (Sefammt^eit btefcr ^^^^9^ ^t^ia öcrl^ält, tüte ber aHgemetnc 
3^^eil unferer ^ßanbeften ju ben befonbcren 2f)eilen berfelben. 9l6er 
freili^ — vestigia terrent. SBelc^e SRü^e f)at md)t SRettefblabt 
feit 1749 big 1781 iinauggefe^t auf biefe feine juriftifd^e Ontofogie, 
tüie er fie etntnal l^eifet, Ijertpenbet! Unb bod^, tpeld^c Sßertüirrung, 
luetc^e ^attloftgf eit , todä) forttoätirenber Umfd^lag öon ben l^o^lften 
9ingentein^eiten in bie, nur öerjerrt l^ier brauchbaren, ©njelfieiten ! 
9Kan f treibet Don bem SBud^e mit bem peinlichen öinbrud, ba% ficf) 
i)ier baö SSer^ältnife ber üortianbenen geiftigen Äraft ju ber gefteüten 
?fufgabe in aÜju fc^reienbem SBiberfpruc^e befinbct. Ob bie (Segner 
aDer „aDgemeinen Slieile" red)t ^aben; ober ob jnjar allgemeine 
ST^eilc für jeben ©inäel-ß^^ifl ^^^ SSSiffenfc^aft, nic^t aber barüber 
^inaug juläffig finb; ober ob toirftic^ eine folc^c juriftifcfie Ontotogie 
afö l^oc^fte 5h:6nung eine^ möc^tigen juriftifc^en 93aueö nad^ barauf 
tjermanbter STrbeit üon ©enerationen benfbar ift? !I)a§ fläglid^e 
©(^eitern Siettelblabt^g entfc^eibet nac^ feiner ©eite, toeife man bo^ 
fctbft nic^t red^t, ob man i^m auc^ nur baö üoUe SSerftänbniö für 
bie ©rofeartigfeit bc^ 5ßroblem§ jutrauen barf. Seicht genommen i)at 
ex cö feinen '^^dü^, tt)ie bie fortnjöfirenben Söemü^ungen unb Um- 
formungen in Sluffaffung unb 3lnorbnung bereifen. Slnbererfeit^ 
^at er e^ ftetö abgeletint, afe „^Reformator" aufjutreten: fo fcft er 
glaubte, burdt) bie SBoIffc^e 5ß]^itofopt)ie in ber Siic^tung auf bie 
SBafirl^ett jutreffenb orientiert ju fein, f o toenig na^m er e^ in 3lnfprud§, 
überall in biefer SRic^tung ba^5 Qkl erreicht ju Ijaben. Wit Stecht 
lonnte er für fid) felbft ate ®rabfcf|rift üorf erlagen: „@r tuar ein 
reblic^er unb fleißiger SWann," 

2ln reblid^em gleite l^at er e^ xxad) feiner Seite fefjlen laffen. 
,,9?eue juriftifc^e 2)i§cipnnen erfinben unb bie ba^in gehörigen 2Sa^r^ 
ijciten in ein Softem bringen; fdfjon befannte 2^^eile ber SRec^t^- 
gelel^rtl^eit erweitern ober il^nen ein neueö Äleib geben, bamit bie 
J^orm ber Äunft . . . Derbeffert toerbe : finb meinet Sradfjten^ löbliche 
95emü]^ungen einee^ SRec^t^Iefirer^. 3)amit allein aber ift cö nid|t 
ausgerichtet: fonbem eö muffen aud^ bie einjelnen ilcl^ren ber einjelnen 
2;^eile ber SRec^tägeletirtl^eit burc^genommen unb genau erörtert 
merben." SRettelblabt l)at ftd^ eifrig beftrebt, biefen feinen 3Borten 
auc^ in 85ejug auf ben jn^eiten ©ag nac^jufommen , gteid^mäfeig 
über alle %i)c\U ber SuriSprubenj ^in, fo n^enig auc^ feine ©egabung 

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294 ^«^tc« Stapiitl 

nad) biefer Seite lag. ©o giebt e^ öon il)m jatitretc^c 35iffertatiünen 
publicifttfc^er unb fird^enrecf)tli(^er, ciöiliftifc^er, feubiftifd)er unb frtmina^ 
üftifd^er 3(rt, unter i^ncn ttjo^l bte befanntefte bie de homicidio ex 
intentione indirecta commisso, §alle 1 757, n)cIdE)e bie Seigre öom 
dolus indirectus nid|t juerft, tPot)t aber am flarften unb folgeric^tigfteit 
Dorträgt unb barum ha^ 3^^^ ^^^ gegnerifc^en Eingriffe geworben ift. 
©ne tüid^tige fl)ftematifdje Sin5et'grage njirb jum erften SRale flargelegt 
burc^ bie 3lb^anblung de deposito irregulari, §alle 1750, njeCc^e Don 
2)ebefinb jum ©egenftanbe einer Äontroöerfc gemacht tüurbe. Cffenbar 
faüen alle biefe Unter)urf)ungen, njenn irgenb möglid^, auf j^ftematifd^e 
ober terminotogift^e 5ßunfte jurüdE; fte erf)eben fid) jur ^^refflic^feit, 
faHö SRettelblabt eö t)ierin gerabe gtürflic^ trifft unb namentlid^, fott)ett 
fic^ noc^ bamit eine literär^iftoriftfie ^^enbeuj oerbinbet. Älaffifd^ 
ift in biefer öejietiung bie Observatio juris ecclesiastici de tribus 
systematibus, inbem fie für bie bi^ bafjin aufgefommenen öer^^ 
fc^iebenen Slbleitungen ber proteftantifc^en Ianbeöt)errUc^en Äir^en^^ 
]^ot|cit bie ©reit^eitung in ba^ ©pi^copol-, ^territorial* unb ßoHegial* 
©Aftern öorfc^lägt unb burdjfüt)rt, eine (£intl|eilung, bereu man ftd| 
allgemein biö fjeute bebieut. 

3n ber 2iterär*®efd)id)te bee; SRec^t^ nämlid) ift S^ettelblabt 
nid|t bloö, tüie fonft in ben ©injels^toeigen be^felben, ber fleißige 
9Irbeiter, ber ju allem ,,bie gleid^e Suft" t)at — „ein fidjerer ©enjeb^, 
bafe er fidj in alle gteit^ öiel ober gleich njcnig hineingearbeitet f|at", 
tüie §ugü ^in jufe^t ; ^ier öeriüeitt er öielme^r bauemb unb mit 9Sor^ 
liebe, ttjie nic^t ju nerfennen, fo ängftlit^ er unä aud| öerfic^ert, eg 
Iianbele fic^ babei für it)n blo^ um auögleid)enbe ©erec^tigfeit, weit 
biefer aSiffenejttjeig bi^t)er ungebüljrlid) oemac^läffigt toorben fei. 
Sem mag urjprünglic^ fo geloefen fein; balb ift eg nur nod) ein 
Sßortoanb, burdi ben er fic^ felbft öon bem felbftauferlegten Oebote 
gleidjmäfeiger ^Bert^eilung feiner 9lrbeit^fraft über bie ganje SRec^t^ 
n)iffenfd)aft entbinbet; au^ befonberer aKül&ettjattung unb vertrauter 
Siefanntfc^aft ift Steigung jur ®Qi)e entfprungen, unb auö biefer 
Dieigung für ein ^ac^, bem 9?ettelblabt'^ ®eifte2itraft gewac^fen ift, 
bie gäl)igfeit ju 5ßrobuftionen, welche feine fonftigen Seiftungen 
tueit übertreffen. %U ©tätte jur Slblagerung feiner äat)lreic^en unb 
einbringenben Special ==gorfc^ungen auf biefem ©ebiete f^uf er fic^ 
bie „^allifdjcn Seiträge ju ber juriftifdjen ®elet)rten:=§iftorie''. 
Unter feinen ?luffä^en in biefer 3eitfd)rift bcfinbcn fic^ genaue ©erid^te 

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. I. 2)tc ®oIfif(^e ©d^ule. 3) S)aniel 9?ettclblabt. 295 

über Iitcrarifd)e Sontroöcrfen , einjclne Biographien, ©tubien jur 
©efc^ic^te be^ 9iec^töunterrtd)t^ ; weiterhin umfaffcnbe Erörterungen 
über bie SBoIffc^e ©c^ule in ber 9?eci)t^n)iffenfdöaft ; enblid^ erfte 5ßer^ 
fuc^e jufammenjuf äffen , in Quffteigenber 9iei^e: „(Sntourf einer 
^iftorie ber ^riöatreci^tögelel)rt^eit ber erlaudEjten 5ßerfonen in Seutfc^ 
lanb''; „®runbrife ber geleierten ^iftorie beö teutfd)en ©taat^rec^tö*"; 
„©runbrife eineg Sel^rbegriff^ ber allgemeinen juriftiftfien ©ete^rten* 
^iftoric." 

©0 vorbereitet erfd^ienen 1764 bie Initia historiae literariae 
juridicae universalis, ein 3Berf, n)eltf|eg einen merfttjürbigen ©egen- 
faß bilbet ju ^ommel'^ lurj üoraufgegangenem, gteid^artigem SSerfui^. 
3ft kommet geiftreirf), inbiüibueQ, felbftf)errlid) fprung^aft in 9lu^n)al)t, 
$[norbnung unb 93eurtf)eilung, ängftlic^ bemüt)t, ben ©d)ulftaub ju 
t)er(eugnen, ber boc^ nur allju ftarf auf ber Säppifc^feit feinet ^umor^ 
liegt: fo breitet 9Zettelblabt fein pebantifd^ fdjn^erfäUige^ aSefen felbft?^ 
gefällig aug in ber öoUen Umftänblid^feit feiner 9Ketf|obif unb feiner 
(Sint^eilungen, aber ^anb in §anb mit feinem rebUc^en SRingen um 
SJoUftftnbigfeit, (Serec^tigfeit, Cbjectiöität. Gö ift leidet, fic^ barüber 
luftig ju mad^en, ia^ er bie Sfiec^tögelel^rten eint^eilt in lebenbe 
unb tobte; aber feine forgfältige Sinttjeilungöt^eorie bringt it)n benn 
boc^ auc^ JU ber principielten ©tfieibung jtoifc^en Siograp^ie, 
Bibliographie unb Siterärgefc^id^te im engern ©inne, b. I|. @efc^idt)te 
ber SBiffcnfd^aft felbft. ©eine ängftlid^e ©orge um SSoHfomment^eit 
fü^rt i^n baju, bie öiterärgefc^idjte nidjt bloö beö SRömifc^en JRec^tö 
JU geben, fonbem auc^ be^ Äirt^enred^t^, Se^nreditö, ja felbft beg 
2)eutfd(en dltäft^, mit tüdd)cx le^teren er jutreffenb bei ©ife öon 
JRepgott) auflebt, ©eine SBorliebe für S^^f^mmenfteüung beä fad^tic^ 
3ufammenget)örigen, oljne SWüdfii^t auf SBerfcfiiebenl^eit ber Quellen, 
Deranlafet il^n, biefe ©efd^ic^te ber ©etjanblung aller einjelnen 9?edE|te 
f^nc^roniftifd^ nad^ ©pod^en ju orbnen. Unb fein Sntereffe für 
metl^obifc^e 5^agen gibt it)m gen^iffe teitenbe ®efid)t^punfte an bie 
^anb, meiere in ber Seurtfieitung ber einjeluen ©pochen ftetö iüieber:^ 
fe^ren unb einen allgemeinen 3ufamment)ang ^erfteHen. ©o ift ein 
SBerf entftanben, locldfieg biö ^eute atig ©ntmirflung ber öoUftönbigen 
®efd|i^te ber SRcd^tögele^rfamfeit einjig baftet)t, im ©anjen mit 
trcffenber 5ßeriobifirung unb rid^tiger ftennjeic^nung ber ^erioben, 
furj unb boc^ nid^t o^ne inbiöibueUe Qä^t; einen 3rrtoeg fd^tögt eö 
ein erft öon bem 91ugenblide ab, too eö fic^ ben ^^i^en bed 

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296 ^c^tcS Äapttcl. 

Sßcrfafferg nöl^ert imb ftd) anfc^idt, bie ©infül^rung ber bemonftra^^ 
tiöen 9D?ett|obe afe ben §üt|cpunft ber Sntroidttung barjufteöcn. 

SRettelblabt'g Sitcraturgefd&tdEite mag aurfi gelten afö 3luiSfü^rung 
femer programmatift^en ?lbfic^t, für jeben S^^ifl f^i"^^ SBiffenfc^aft 
au^fül^rliii)ere ^anbbüd^cr ju tiefem. Snfofent, aber anä) nur mfofern 
gefeilt fidj if)m ein SBerf über bie praftif(i)e Steditögele^rt^eit öon 
1767. Sud) biefe Se^re, nomentlid^ if)ren auftergerici§tlid)cn S^etl, 
fa^ 9?ette(blabt ate befonberö öemad)Iäffigt an, unb fid) felbft beöl^alb 
afe befonber^ öcrpffid^tet, il^n ju bearbeiten. S)abet benft er aber 
feine§n}egö an eine ttjirflic^ praftifd)e SDarfteHung, ju ber il|m tDo\)l 
auä) faum bie nöt()ige ))rattifc^e ©rfa^rung jur ^anb toar, fonbem 
lebiglid^ an eine 2;t|eorie ber praftifd^en Sied^t^njiffenf^aft, toeld^er er 
nid^t einmal 95eif|)iele jur ©eite fteUt. Unter fotd^en Umftänben ift 
gerabe ber 2;i|eil, auf ben e^ il^m anfommt, ber aufeergerid^tlid^e 
nämüd), red^t fc^n^ac^ aufgefallen, ©agegen ttjirb man an ber 35ar= 
ftellung beö gerid)tlid)cn SSerfal^renö f^ftematifd^e SSorjfige nid^t Der- 
fennen bürfen. @inerfeitö in ber §aupteintf)eilung, inbem l^ier ©iöiU 
unb ©trafprojefe paraHelifirt finb ; baburd^ rudt le^terer fort öon bem 
materiellen ©trafred^t, mit bem man i^n biöt)er ftetö öerbanb, unb 
tritt unter pro^effuafe ©efid^tSpunfte. Slnbererfeit^ in ben Unter- 
eint^eitungen beö Siüil^^^rojeffeS ; bie öier ©tabien be^felben, Sßor^ 
Bereitung, ©en^eiSertiebung, Sntfc^eibung unb SSüHftredung, finb ba 
jum erften 3Kale treffenb unb fauber gefc^ieben. SBar eg bod^ fc^on 
ein ruf)mlid^er gortfdiritt, an ©teile ber üblichen ungegtieberten ^ov^ 
fut)rung ber einjetnen ^rojefeacte in il^rer äufeerlid^en Steitienfolge 
eine organifd^e ©lieberung auc^ nur ju fud^en; ein um ttjietief 
rü^mfid)erer, fofort bereite SBraud^bareö ju finben. 

Mbgefel^cn öon ben beiben julegt befproc^enen SBerfen ^at 
SRettelblabt fein Programm bejüglid^ ber ^anbbfic^er unb Äompenbien 
nid^t au^gefüf)rt, obfc^on er öierjig Saläre !^inbur(^ SSorlefungen über 
feinen ganjen ciöiliftifd^en Äurfu^ getialten ^at. ?lte ©urrogatc 
bienten i^m Umformungen t)on Äompenbien älterer Tutoren, njcld^e 
er fic^ in bie Drbnung feinet ©^ftem^ ju bringen begnügte; fpoter 
brad)ten i^m aud^ n)of|I jeitgenöffifc^e ©d^riftfteller SBerfe entgegen, 
njeld^e feinen 9lnforberungen oI|ne SKeitereö entfprac^en, fo 5ßfittcr 
für baö ©taat^red)t, Sobetl^an für ba§ römifdj^beutfd^e ^ßrioatre^t. 
gür le^terei^ ^at er bann njenigften^ noc^ bie Prolegomena fefbft 
aufgearbeitet, — benn natürlid^ muffen in feinem ©t)ftem, tro^ aller 

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I. a)ic SSolfifd&c ©c^ulc. 3) S)onicI Si^cttclblabt. 297 

^ropäbeutif, alle ©pejiQ^Äonipenbien aud) nod^ cininal umfaffenbc 
©pejiat^ßrolegomena ^abctt. gür ©traf*, ©taatö:^ unb Sel^nrec^t 
f)at er fid^ begnügt, genau ht'ö ©injelne gel^enbe ?lnn)eifungen auf* 
aufteilen, njte ein Se^rbuc^ btefer gätfier rid)tig einjurtd)ten tt)äre. 
©eine lei^U ftebeutenbe arbeit tft lieber literärI|iftorifd^, bie überaus 
gelehrte „ ©efc^id^te beg ^aUifd^cn Uniöerfität^fonjetariatö unb 
Sirectoriatd", 1787 ; fie öerbreitet über eine untergeorbnete, aber biet 
erörterte ^rage ernjünfci^te Ä'tar^eit. 

©0 ttjenig erfreulich fc^Iiefelid) im ©anjen bie fieiftungen Siettet 
blabt'^ fein mögen, fo öerbienen fie borfi einge^enbe Seac^tung. 
5)enn inbem S^ettelblabt bie 3BoIf'ftf|e Se^anblung auf bie 9iec^t^ 
miffenfc^aft ganj burt^füljrt, prägt er ben %\)p\x^ au^ für bie natur* 
rec^tlic^e Suri^prubenj ber jtoeiten ^älfte beg aditjel^nten 3ci^r* 
bunbertö. ©reifbar treten un^ in il^m ©c^ttjöcfien unb SSorjüge 
biefer 9iicf|tung entgegen. — 3"^äcf|ft Slbujeifung aQer f)iftorifci§en 
Setrod^tung unb Sntttjidlung, inbem bie äufeere SReci^t^gefd)ic^te faum 
eben fümmerüt^ in ber ^opäbeutif berüdfiditigt njirb, öon innerer 
9iec^t§gefd)ic^te aber überhaupt nic^t bie 9?ebe ift. ©amit ^ängt 
jufammen bie SBeigerung, römifdie unb beutfc^e (Elemente im 5ßriöat= 
rec^t ju f onbem, unter SBertt^erfung ber hierauf gerid^teten SBeftrebungen 
^ütter'^ unb feiner ©dfjule ; unb ebenf o bie Slbn^enbung öom ©tubium 
ber römifc^en SRed^t^gefc^ic^te. — ©obonn bie lebiglidi rationaliftifc^e 
Stuffaffung unb SBeljanblung ber grunblegenben ^Begriffe, ttjeldje jeber 
fpefulatiöen SSertiefung, jeber über Statur unb gemeinen SKenfc^en- 
öerftanb l^inauö ge^enben SBegrünbung fid^ öerfd^liefet. Sluöbrüdlid^ 
t)ebt Siettelblabt in feiner 3Biffenfd|aftgIe^re t)ertior, ba§ nur bie 
pragmatifc^en 9Ba^r^eiten SBertl) Iiaben unb ju Verfölgen finb, b. I). 
nur biejenigen, tpetd)e unmittelbar praftifc^ fic^ tiernjertl^en laffen; 
unb biefe Sieget fü^rt er burdi in allen Slnttjenbung^fäUen. 2)at)er 
bie 3:enbenä, baö SRaturredit fetbft üor allen 3)ingen möglid^ft präg* 
matifd), nüglid), frudfjtbar ju geftalten, inbem man alle 2)efinitionen 
unb Dberfä|e auö bem pofitiöen SRec^te fdfjon fiineinjie^t. ßtuifdien 
pofitiüem 9?ed|t unb angen^enbetem SRaturrec^t üollenbö bleibt ^ier 
gar feine ©renje meljr; fie ift aufget)oben burc^ bie 3luöbilbung 
ber SBolf'fc^en Sbee, bafe jebem 3^eige beö pofitiüen SRec^tg befonbere 
naturred^tlic^e 3)igciplinen entfpret^en. S)aran fd^eitern aud) in 
le^ter Sinie bie fortn)äf|renben Semü^ungen, getrennte Slufgaben für 
bie prolegomena generalia unb specialia, für bie 5ßropäbeutif unb 

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298 ^(^ted StapiUL 

bog (Seneralf^ftem feftjufteUcn, inbem [lä) \)kx erft redjt ntc^t mel^r 
bic pofitiDen einjeltietten auöfdiüefecn laffen, bte fc^on tn'ö SRatur^^ 
xtd)t eingebrungen füib. 3)ie @el6ftauflöfung in bcr Ue6erf|)annung 
ift ^icr, tüte bei bcn legten ©rjeugniffen mittelalterlicher ©d^olaftif, 
l^anbgreifli^. — Snt . pofitiöen 9?ed)te toerben Slbftraftionen über 
9lb[traftionen getprmt, aUgemeittfte SC^eile öor allgemeine X^eite 
gefegt, Ueberfic^ten, Inhaltsangaben, Anleitungen foßen Drbnung 
fc^affen unb beleuditen nur bie boffnungj^Ioje S3ertt)irrung, 2)a bie 
©nt^eilungen bem ©toffe nid)t entnommen, fonbern fd^ematifi^ auf- 
erlegt tt^erben, )o lüecfifetn fie beliebig, ol^ne bafe bamit ein }^OTtr 
fc^ritt gegeben njäre. Smmer aber bleibt ber SSa^n, burd) jorgfältig 
beftillirte 5ßerallgemeinerungcn ben Sdjlüffel jur ©rfenntntfe, burc^ 
forgfältige ?lnorbnung beS Slllgemeinften üor baö SlUgemeinere bie 
Zauberformel sur SBe^errfdjung aller ©injel^eiten gettjinnen ju fönnen. 
3)arüber ttjirb baö birefte ©tubium bicfer ©injel^eiten, namentli(^ ba^ 
Duellenftubium, öerabjäumt, bd SJiettclblabt nid^t weniger ate bei 
feinen SSorgängem, obgleich er ftetS Ouellencitate beifügt, aber eben 
nur ate tobten Scinjerf. Ungenauigfeiten unb Cberfläd)(ici§feiten 
aller Slrt finben l^ier ein trautid)eö Stf^l, ttjilbe ©c^bfelinge unb 
p^antaftifc^e 3Bud|erungen einen reichen SJiä^rboben. %n^ ber 9Ser^ 
ftönbnifetofigfeit für bie jalillofen Keinen geinljeiten unb bamit für 
bie ®d)U)ierigfeit, aud^ nur Einen ^^^^9 flo^ä h^ bet)errf d^en ; unb 
aus bem 9tnf))ruc^e auf ft)ftematifc^e SSollftänbigfeit ergtebt ftd^ 
fd^liefelic^ folgeridjttg bie Slnmafeung, in S)rudmerfen unb im fiel^r:^ 
vortrage über baS ganje ®ebiet ber 9ted)tSmiffenfd|aft fic^ auS^ 
jubreiten, ©iö ju biefer SSerUjerfung ber einjig förbernbcn SlrbeitS* 
unb gac^t^eilung ift 9lettelbtabt nur ber folgerid^tige Vertreter ber 
naturred)ttid)en Sbee. 

3lber aud^ bie aSorjüge berfelben treten fd^arf l^eröor. SSor 
allem tüirb baö l^eifee SRingen mit ben großen f^ftematifc^en unb 
mett)obologi)(^en fragen 3lnerfennung bod^ fd)on ate fotd^eS t)cijd^en. 
SDaSfelbe fid)ert nic^t bloS oor bem 9Serfall in flauen ?ßofitit)iSmuS, 
fonbern fütjrt aud| ju nüglid^en ©rrungenfd^aften. Site f^ftematifc^cr 
©enjinn ergeben fid) menigftenS einzelne braudjbare SSegriffe unb 
Unterfd)eibungen im ©taatS^, Strafe Äird)en= unb Eiöilrec^t; ferner 
bie erften 9lnjä^e freier S^ftembilbung für ben ^rojefe; enblid^ bic 
enc^flopäbijd^e ®id)erung beS UeberblideS über bie ©efammtl^eit bcr 
SuriSprubenj. 9ieid)lid^er njo^l ift ber metljobologifc^e ®ettiinn : ba^ 

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II. Sctcmjeltc. 1) ©atneraliftcn. 299 

^oftulat, ted^nifc^e STu^brüdc genau ju beftimmen unb bann ftct^ in 
bicfcm ©tnne ju gebraud)en; bie ®ett)oI|n]^ctt, frül^ere STrbeiten über 
benfelben Stoff ju benu^en unb anäufüf)ren ; bte ©infic^t, toerfd^icbene 
Regeln für Slnloge unb ?lufbQU einer ©t^rift ju beobachten, je nad^ 
beut eö ftd^ um ein auäfüt)rli(^e^ §anbbuc^, um ein elementare^ 
fie^rbuc^ ober um eine monograp^ifd^e ©tubie ^anbeft; foId)e fc^ut 
mäßige ©elbftöerftänblid^feiten finb ber beutfc^en JRec^tötüiffenfc^aft 
toefentlic^ burd^ Sicttelblabt, njennfc^on äugleirfj autfi burc^ 5ßütter, 
in gleifd^ unb Slut übergegangen, n)ie ber beutfd)en 3Biffenfc^oft 
&httf)aupt burd) SBoIf unb burcf) feine Sogif. 

©igent^ümlid^e persönliche 3^9^ bleiben für 9?ettelbtabt neben 
iiefen t^pifd^en nur in geringem SWafee übrig. Slufeer ben fattfam 
betonten SSerbienften um bie 2iteratur:^@efc^id^te ließen fic^ ettoa noc^ 
lobenb ^eröor^eben bie fleißigen DueHencitate , beren Beibringung 
üte ©aatfom für tuirflicf)e ©erüdEfic^tigung bei @d)ülern unb Sefern 
iienen mochte. 5(nbererfeitg ift ju bemerfen, baß Sßettelbtabt fic^ 
befonbcrö burc^ taftlofe Ueberfpannung in ber ^anb^abung feiner 
^rincipien l)ert)ortI)ut. 2)ag fte^t öieüeirf|t nic^t außer ^iif^^n^cn^ang 
mit einer gemiffen Dberfläcf)Iic^feit, niie fie in bem leichten .^inn)egget|en 
über ftofflic^e ©c£)njierigfeiten ju Sage tritt : er ^at fie bei fic^ fetbft 
t)on Sugenb auf mit fieibttjefen entbedft, trofe aller Scmül^ungen aber 
nie ganj übermunben. 

II. SKeben ber antiquarifc^en 9tic^tung einerfeitö, ber p^iIofopI)i' 
fc^en anbererfeitö geljen felbftöerftänblid), auf älteren Salinen ober audj 
auf eigenen SBegen, jal^treidie Suriften I|er, beren SC^ätigfcit barum 
nid)t eben öollftänbig Veraltet ober üereinjelt ju fein braucht. SRan^e 
berfelben, mie ßngau ober ^eimburg, t)aben il^rer Qtit einen 
getoiffen 9?amen gel^abt, fönnen jebod^ 3Bangetg Ujiffenfc^aftlic^er 
©ebeutung feine toeitere Sefpred)ung beanfprudjen ; anbere ttjieber 
finb maßgebenb für bie Snttoidtung einjelner ^ädjer, felbft toenn 
babei Don ben publijiftifi^en junäc^ft abgefe^en mirb. 

1) ©ö ift bereite baöon bie Siebe genjefen, mie um biefe Sdt 
bie Suri^prubenj beö 9ieid^^fammergerid^tg bie Slufmerffamfeit toeiterer 
juriftifc^er Greife befd^äftigt: fd)on be^t)atb, njeit ju 3Be^Iar ficf) bod^ 
toenigftenö nocf) eine le^te lebenbige gunftion be^ SReic^öförperö 
beobad^ten lä^t. S)ie (Sameraliftif toirb fo jum befonberen gac^e. 

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300 ^(^ted Stapittl 

Sesetdiiicnb hierfür ift bte S^^ätigfeit be^ S^übtngerö gricbrtd^ 
SBil^elm 3; a fing er, ber ficf| üor Slntritt feiner 5|Jrofeffur etgenS» 
ju biefem Stoede längere 3cit ju SBefelar auffielt, ©o entftanbcn 
feine Institutiones jurisprudentiae cameralis, 2 SBänbe, 3;übingen 
1754, eine ebenfo etnbringenbe n)ie juöerfäffige Slrbeit, iüeld^e biefe^ 
ganje ®ebiet nacf| bem Snftitutionen^^S^ftem burd^n^anbert. ©rgänj^enb 
traten l^inju Selecta juris cameralis ad illustrandas supplen- 
dasque Institutiones jur. prud. cam., 3;ü6ingen 1756. Site bann 
üom Saläre 1767 ab bie Ie|te grofee unb aufeerorbentlidie SReid^*^ 
fammergerid^töötfitation, ju n?etd^er ftd^ ha§ SReid} auffd&toang, auf 
3ofet)^ II. bringenbe^ Söetreiben ftattfanb, liefe Safinger eine jttjeite 
Sluffage feiner Snftitutionen (5;übingen 1775 unb 1776) erfc^einen, 
tüorin bie (Srgebniffe jener Sßifitation eingearbeitet finb, aud^ fottjeit fie 
erft n?äf|renb be^ ^xixde^ ju ©tanbe famen, namentlicf) alfo ber ,,9leuefte 
9teicf|^fd^IuJ3" über einige SSerbefferungen beö 9lft®/g öon 1775. 

2)iefe SSorgönge ber 9Sifttation unb i^re SBorbereitung befc^äftigten 
natürlid^ noc^ n?eit mel^r bie gebern am 9leic^öfammergerid|t felbft. 
SJiamentlic^ war eg i)ier ber 3(ffeffor 3ol^. §einric^ ^arppred^t,. 
beffen fcf)riftftellerifcf|e 5;^ätigfeit aSerfaffung, 5ßrajiö, ß^f^S^t^^ ^^i> 
Unterhalt biefe^ tjöc^ften 3;ribunafe fo bel)anbelten, bafe fie unmittel^ 
bar aU SSorarbeiten für bie SReüifion erfi^einen. Uebrigenö toar 
§arppred)t an biefer bann aud) praftifd^ betl^eiligt, ft)ie er überhaupt 
afe einer ber fenntnifereid)ften, in ©efc^id^te unb aSern?aItung be^ 
©erid^töl^ofe^ genaueft eingetoei^ten Seifiger beffetben mit SRed^t 
grofee^ ?tnfef|en genofe. (Sben be^^alb beftgen manche feiner fleinen 
Schriften über ben Stugenblid, für ben fie erfd^ienen, l^inauö einen 
bleibenben, fonjol^I juriftifd^en toxe gefc^id^tlid^en SSertt), obfd^on fie 
an bie Sebeutung ber ßramer'fd^en SSSerte nic^t t|inanreic^en mögen, 
^arpprec^t'g umfaffenbe Urfunben^®ammlungen jur älteren ®efd^ic^te 
bes 9JÄ®.'g finb befonberö öerbienftlic^. 

5Reben ßramer unb ^arpprec^t ift alö ber legte biefer Steige 
äu nennen Et)riftian Safob öon ^^^i^rlein, beffen „SSermifc^te 
öriefe unb 9lb^anblungen über bie 9Serbefferung be^ 3uftijtüefeng am 
Äammergeridit/' brei 3:^eile, Serlin 1767, ifjrer 3^^* leb^afte^ 8luf* 
fet)en gemai^t ^aben. 9Rit feiner „Äurjen tleberfid)t bei^ fiüttid^r 
2tufrul)rö" öom Safjre 1789 reid^t er f)eran bi^ ju ben großen Um* 
ttjätäungen ber Safjr^unbertmenbe , bereu Süttid^er ©att)rfpiel noc^ 
ba^ 5Reid^öfammergerid^t befd^äftigt t|at. 



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n. «erctnäcltc. 2) ÄrimtnoUften. 301 

2) ?üiöfc^Iic6Itd| bem ©trafrec^te ge^rt bie felbftänbige tDx\\m^ 
fc^aftU^e %f)&ti%Uit beö älteften ©o^neg üon Suftuö Henning SBöl^mcr, 
bcm tt)tr afö um femeö SBater^ ©d^rifteti bemül^t fd^on frül^er be^ 
gegnet ftnb, Sodann ©amuel ^rtcbrid^ öon SBöl^mer. 8lb^ 
.flcfel^en üon einigen 3)iffertationcn befi^en toii öon i^m brei größere 
SSerfe; ba^ erfte berfelben bejeic^net ben Segtnn, ba^ jttjeite bie SKitte, 
bog britte baö @nbe feinet ©diaffenö. 

3unac^ft bie Elementa juris criminalis, ^aUe 1732. 93ei bcr 
ftum|)er]^aften S)ürfttgfeit ber überbieö auf fä^fifd^ SJer^ältniffe be= 
fc^änften SBüc^er öon ©aertner unb Äemmerid^ l^abcn toir in biefem 
SBerfe baö erfte fiel^rbuc^ beö gemeinen ©trafrec^tö, einfc^IiefeUcf) besS 
©trafprojeffeg, öor und, »el^eö n)iffenfd^aftlid|e SBebeutung bean* 
fprud^en barf unb auöfc^(ie§Iid| auf ber ®runblage ber Carolina 
berul^t, unter betoufeter 3«tü(ffe^ung beö römifct|cn 9ie(^tö unb ciöili^ 
ftifc^er 3)enhDetfc. 3)ie SSortrag^form l^ält ätt)ifci^en ben ^aHifd^en 
^ofitionen unb ber ajiomatif^en SOiet^obe bie 9Jätte ; bie ?lnorbnung 
ift biejenige bei^ ©efe^e^, infofern ber ^ßrojefe Doranftet|t; innerl^alb 
beg moteriellen ©trafre(^tö aber ift fie f^ftematifci^; ein aDgemeiner 
%S)e\i ift burc^ jtoei Äapitel öorgebtibet, toetd^e tianbcin de natura 
et indole delictorum fotoie de poenis in genere. S)ie gcfd^id^t^ 
lic^c ipertcitung tüirb ftet^ ujenigften^ berfuc^t, ^öufig im ätnfdiluffe 
an Jfrefe. S)urd^n)eg ftnb bie furjen Slu^fül^rungen reic^ an 3n^alt, 
too^tbebac^t in ber fidleren, negatiö unb pofttiu bebeutfamen gormu^ 
lirung ; namentlich bie einjcinen ©tufen be^ SSerfat)reng unb bie ein- 
jelnen S)elifte finb fd)arf gefonbert. 

(gegenüber biefem me^r elementaren 5ß}erf toirb un^ bie ganje 
SKaffe beg Äriminalrec^tö geboten in bem goliobanbe: Observationes 
ad Carpzovii praxin rerum criminalium, granffurt a. ü)iain 1769. 
S)abei §anbelt eö fid^ nic^t etwa um tenbenjibfe SBiberlegung Sarpjoo'ö, 
ber fogar nid|t feiten gegen Eingriffe ©päterer in ©^ug genommen 
trnrb. ©onbern ber SSorfa^ ging ba^in, ha^ umfaffenbfte unb 
angefetienfte ältere SBerf über ©trafred£)t unparteiifdE) burd^juarbeitcn 
unb babei bie ©umme aller gortfd^ritte ju jietjen, tt)eld^e injtt)ifd|en 
burdi bogmatifd^e unb gefc^id^tlic^e gorfc^ung erjiett toorben toaren, 
^anb in ^anb mit ber fortfd^reitenben ©nttnidlung bcr 5ßraji8 unb 
beg ®ett)o]^n]^eitöred^teö. ©ol)mer jc^Iiefet fid^ beöf)alb feiner Sßorlage 
©djritt für ©d&ritt an, inbem er fie ate bem Sefer öorliegenb öor^^ 
Quöfe^t ; feine Semerfungen finb Bi^föfec ju ben ^ßaragrapl^en ©arpjoö'g, 



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302 ^4ted Rapittl 

bie btöhjeilcti ju prfaiätptcllen äuöfüfiruTtgen anfc^iüeüen, btöttjcilctt 
einjelne .5ßunfte ober gälte herausgreifen, ftetS an ber |)anb ber 
jnjtfd^enltegenben Siteratur unb ^ßrajiS, ftetö bebad^t ju einem Karen, 
gefefelic^ feftbegrünbeten ©rgebniffe ju gelangen. S)er gortfc^ritt in 
ber Äunft, fd^ulgeredjt ju benfen unb bie Unterfud^ung ju fül^ren, 
namentlid^ in ber ©(Reibung ber friuiinaliftifdien üon ber romaniftifd(* 
ciüitifttfd^en 3Ket^obe ift unüerfennbar. 9?id|t afe ob SBötimer bur^ 
juriftifc^e ©egobung perjönlid^ an Sarpjot) unb an beffen mad^töoUe 
gäf)tgfeit, bie ^ßrajiS ju bogmatifd^er fie^rbifbung jufammenjufaffen, 
f)eranreitf)te, gef^toeige benn it|n überragte; aber gerabe toeil bieö ntd^t 
ber gaQ, bettjeift baS SSerf)äItniJ5 il^rer SBerfe ju einanber, auf 
einen ttjieöiel l^öl^eren mittleren ©tanbpunft S)eutfc^(anb unb bie 
beutf^e 9ied^tön?iffen|d|aft innerhalb beö 3at)rt)unbertS öon 1652 bi^ 
1759 gelangt finb.- 

aSerpttnifemäfeig ttjeit geringer ift ber Unterftf)ieb für baö ^atbe 
3al)rf)unbert, tt)eld)eg liegt jtoifd^en bem ©ommentar jur Carolina 
oon Äreß unb Sbl^mer'g Meditationes in Const. Crim. Carolinam, 
§aUe 1770. Sinerfeit^ offenbar, nietl ber bebeutfamfte Umfd^ttjung 
in ber erften biefer beiben Sal^r^unbert^älften fid^ öoQjogen ^at; 
anbererfeitS, ttjeil Söö^mer felbft, fo fleijsig er aud^ mitgearbeitet l^at, 
bod^ 1770 fc^on ju ben Sitten gel^örte. ©taub i^m bei ben ©e^ 
merlungen ju Sarpjoö me^r ber prafttfc^e, fo fte^t it)m l^ier mel^r 
ber getel^rte ©efid^tspunft im 3Sorbergrunbe, bamit atfo öor äUem 
l^iftorifcfie ©rftärung. gür biefe ift er in ber Sage, bie germaniftifdie 
Duetten^ unb SRec^tSforfd^ung ber lefeten 3af)rje^nte über Ärefe ^inau^ 
JU üeripertl^en. S)aö gitiationSöertiöttniö auS ber Bambergensis, 
roet^eö bie SSorrebe auSeinanberfe^t, ift nid^t bloö fritifc^, fonbem 
aucfi fa(^Iid^ auSgenu^t. S)aö ©efammturtl^eit, tt)eldje§ SBö^mer ^icr 
über feine SSorlage, bie peintic^e ^ats^geric^töorbnung, fällt, ift tnctt 
fd)ärfer, aU baSjenige beS öorangetienben SBerfeS über Sarpjoü; 
toä^renb bort tro^ aller Sritif bie Srefflic^Ieit ber Slrbeit rüf)menb 
anerfannt unb gegen SSerttje^felung mit ben principieQen ®egnern 
jenes großen Suriften taut 93ertüa]^rung eingelegt ipirb, finbet ftc^ 
tjier berfetbe t)erbe S^abet, biefelbe unt)iftorifd^e SSerurt^eitung ber 
Carolina n)ie bei Sel)fer. 

3iöf)mer'S allgemeiner ©tanbpunft erfdieint in biefen brci 
SSerfen, ioireit fie aud^ auSeinanber liegen, im tüefentlid)en un= 
öeränbert. 2;^omafif^e 3been finb in i^m lebenbig, foioeit fie i^m 



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II. »trcinjcite. 2) jhiminaliftcn. 303 

burc^ ben SSater fibermttteft finb, nametitlid^ alfo fotoeit fid^ bag 
©trafrcd^t mit bem Ährc^enred^te berührt, — betreff enb |)eseret, 
^Srefte, Utterläfeltdifett ber 5;obeöftrafc gegen äWörber unb bergt, 
me^r; aud^ mag ba^in gered^net tuerben, hienn Sommer n)entgften« 
principteU gegen ?ßrüget unb üerftümmeinbe ©trafen fid^ au^fprtd^t 
folpie nt^t feiten Ärefe gegen Se^fer fid^ anfd^Iiefet. S)ane6en treten 
unmittelbar naturred^tlid^e, befonberiS 5ßufenborf fd^e (Sinflüffc beutüd^ 
§eröor, ht ber Setonung ber ©trafä^edte, in ber SBemül^ung jn)if(^en 
SSerbred^en unb ©träfe ein gered^teö SSer^filtnife ju ttja^ren, in ber 
grünblid^en ©rörterung ber Smputationdfragen, namentlitf) für bie 
ßel^ren öon dolus directus unb indirectus, generalis unb even- 
tualis, bie 3^ifc^engebiete jn?ifc^en dolus unb culpa. S)ie Sebeutung 
ber Sffefte für ben SBiüen be^ SSerbrec^erö unb für bie ©traftoürbig^^ 
feit bcffelben tpeife ©ö^mer mit einer pf^c^ologifd^en ^einl^eit ju 
bel^anbeln, toeld^e er bem SRaturredEite üerbanft. Snblic^ aber, im 
©egenfa^e ju jenen beiben ©lementen feiner 3)enfttjeife, ftef|t Sommer 
in mtnbeften^ gleid} ftarfem 2Ra§e auf bem Sßobcn ber conferöatiöen 
furfäd^fifd^en ^ßrajrfö, in 2tnlel)nung an SBerger, aSem^er unb ßetjfer, 
mit toelc^en er fditoerfte Xobe^ftrofen unb ©c^ärfungen berfelben 
gegen fdjtüere unb rüdEfäQige Diebe, gegen Sranbftifter unb SKünj- 
fälfd^er, fotoie aud^ gegen Äinbömörberinnen erbarmungötoö ^anb:^ 
^abt. Se nä^er unb bebrot)Iid|er er eine ^alt= unb frafttofe Steigung 
ju unbegrenjter SKilbe in fpäteren Satiren l^eranfommen fie^t, befto 
lauter unb f^ärfer »enbet er fid^ gegen eine foId)e Sluffaffung^ 
tt)rfd|e i^m fott)O^I ben 5ßrinci|)ien ber Älug^eit unb ber ©ered^tigfeit, 
toie ben pofitiüen ©efefeen ju ttjiberfpred^en fd^eint; i^re 9ln^änger 
bejeic^net er mit bem SBoltetui^e afe „barm^erjige Srüber" (fratres 
misericordiae). Snbem er ju fold^en Qxv^dcn fid| befonberö eifrig 
gegen ia^ leid^tfertige Umfpringen mit bem SBortlaute beö ©efe^e^ 
erfifirt, fo fäHt e^ it)m frei(id) fc^tper, biefe SSetonung ber gefe^Iid^en 
3Sorfc^rift in Sinftang ju bringen mit einem t)on jel)er burc^ i^n 
felbft ge^anb^abten ©runbjajje, naä) tt)eld)em ber 3iic^ter ftetö in 
ber Sage fein foö, bie ©träfe bem SSerbrec^en ju proportioniren. 
Die SSermittlung, ba^ bie baju nöt^ige ©ewegungj^freil^eit afö ftill= 
fd^tpeigenb bem SRic^ter üom ©efeggeber eingeräumt betrautet iperben 
muffe, ift benn boc^ nur ein frfitüadjer Slot^be^etf, mit bem man 
ebenfo gut alle gegnerifdien 93et|auptungen aufrecht ju ertjalten t)er== 
möchte. SBenn nun aber bd biefem ©c^tpan!en Sö^mer'i^ gnjifd^en 



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304 ^d^ted Kapitel. 

bcTi 2;]^omQfifc^*naturrec^tItd^en ©inflüffen unb ber lurfäd^ftfd^cn 
^aji^ baö Uebergctoic^t ftd^ fd^ücfelic^ btefer le^teren ©ette juneigt, 
fo ift bafür beftimmenb ntd^t blofe jene Sfteactton beiB juriftifdien 
©etoiffen^ gegen bte f)erannal|enben Uebertretbungen ber Jtufflärung, 
fonbern öon üornl^erein bie @teUungnal)me jur grage ber 'poltet, 

(Siebt 935t|mer aud^ ju, bofe bie 'poltet ein Uebet fei, fo gilt fie 
tl^m boc^ ate notl^ttjenbigeö Uebel. @r »enbet fie in umfaffenber 
SBeife, fogar »ieber^olentlid^, an unb erllärt fie nur ba für über* 
ftfiffig, tüo o^neI|in burd^ JRotorietät ober bur^ Slu^fage jtoeier 
flaffif^er 3^i^8^^ ^^^^ ^"^^ freitüiüige^ gtaubl^afteg ®eftänbni§ beö 
tüngefd^ulbigten ber öoDe SBettjei« erbradjt fei. 3mmer^in ^at er 
boc^ oud^ ju if)rer Sefeitigung ttjenigften^ mittelbar üorgearbeitet; 
einmal, inbem er baä freilid^ nac^ anberer Kid^tung äufeerft bebend 
lic^e SluöfunftMittel ber absolutio ab instantia lebl^aft empfahl, 
toeld^eö bie golter entbetirlitf) moc^t, njeil eig auf @nburt^ei( üer^ 
jic^tet; fobann aber aud^, inbem er principieH leierte, ber juriftifd^e 
Sdetoei^ üerlange nid^t matl^ematifd^e, fonbern blofe §iftorifd^e @id^cr- 
l^eit. ^äite er mit biefem ©a|e ju ©unften be^ Snbiäienbetüeifeig 
<&mft gemad^t, fo toax bie SRotl^toenbigfeit beö ©eftänbniffeö unb 
bomit bie 9tot]^tt)enbigfeit ber golter befeitigt; fotpeit foHte aber 
ipeber SSö^mer nod^ bag ad^tjelinte 3a^r^unbert überhaupt gelangen. 

2)aö Öebengtoerf SBö^mer'ö niurbe fortgefe^t burd^ Sl^riftian 
griebrid^ ®eorg 2Reifter, todäjtr ju ®öttingen lehrte; man 
bejeid^net i^n gern aU „ben Sitten", um i^n öon feinem innerl^alb 
bcffelben gad^eö befannt geworbenen ©ol^ne ju unterfd^eiben. @r 
ift junäc^ft au^ ber eleganten ©d|ule ber ^einecciug unb (Sebauer 
hervorgegangen unb l^at auf biefem (Sebiete tü^tige ©c^riften ge= 
liefert, »omit fid^, wie gen)ö]^nlid^, Siterär*®efd^id^tlic^e^ öerbinbet, 
namentlid^ eine Bibliotheca juris naturae et gentium in brei 
^l^eilen, 1749 — 1757. ©pöter aber toanbte er fi^, je erfolgreid^er 
befto öortoiegenber, bem ©trafred^te ju. 

ÜKeifter'g Se^rbud^ beö ©trafred^tö, Principia juris criminalis 
Germaniae communis, erfd^ien 1755. @g übertrifft baö 93öl)mer'f(^e, 
toie beffen SSerfaffer felbft anerfannte, unb jttjar am Slugenfattigften 
in ber ©^ftematif, nield^e burd^ öoraufgefd^icfte S;abellen nac^ ber 
SBeife ^ütter'g Har gelegt, and) in ben fpäteren Slu^gaben nocf) 
Derbeffert ift. (£in erfter X^eil giebt bie Praecognita, ©efd^ic^te 
unb Duellenttieorie, festere bal^in abfd^Iießenb, bafe l^intereinanber in 



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n. »eteinsclte. 2) Ärtminaliftcn. 305 

Setrac^t fonimen: a) (Scfefee unb ©etool^n^eiten be^ Drteö; b) ber 
^oöinä; c) unälücifel^afteö gemeine^ ®ett)of)nf)eit§red^t, lüennfc^on 
non ber Carolina unb fonfttgen Üteic^ögefe^en abtpcic^enb, ja hjennfd^ou 
fdbft au^ falfdien fiel)rmeinimgen über jene ©efcge entftanben; d) bann 
crft jene ®e|e^e; enbüd^ e) 9iömijd)eg unb fanonifd^e^ 9ied)t, m 
äufeerfter ©ubfibiarttät, aber bei ber Südenliaftigfcit ber üorange^enben 
Ouellen nid^t ol^ne 3Inn)enbung^=®e6iete. S)er jn)eite %t)tii jerfällt 
in eine aHerbing^ nod^ fel^r magere 9lbtl^eilung de delictis et poenis 
generatim, unb in eine 9lbt^eilung, njeld^e bie einjelnen 2)eli!te he^ 
fprid^t, jebe^ fel^r furj, aber mit befonberer ©emut)ung um principe' 
gemäße ^Reihenfolge. S)er britte 3;^eil giebt fd^liefelic^ ben ©traf* 
projefe, in natürlicher ®ntn?icitung. S)ie beiben legten %f)eik finb 
bemüht, bie DueHentfieorie beö erften S^l^eite burdiäufü^ren, inbem 
fie nac^ bem pribatred^tüdjen SSorbilbe t)on 5ßütter unb ©eld^oto, 
njennfc^on nod) nid)t in fo reifem SKafee n)ie legterer, bie ©traf* 
gefe^e einzelner beutfcfier Territorien iieranäie^en, unb inbem fie ba^ 
ber Carolina berogirenbe ©ettjol^niieit^red^t biefer uorjiefien, nid^t 
mel^r ängftücf) unb oertjüttt, mt bie 93orgänger, fonbern felbft* unb 
red^t^bett^ußt. — 3ebod^ n^äre nun fef)r enttäufd^t, njer barnac^ bei 
SWeifter bai^ ©rgebnife ber ^ßrajiö ber jrtjei legten 3al)rje]^nte fudtjen 
UJoUte. 5ßielme^r tianbelt eö fi^ um biejenigen Slbmeid^ungen öon 
ber Carolina, n)el^e ettoa feit Garpjoö, toefentüd^ burd) Sarpjoö 
eingeführt unb burc^ ben ©eric^tögebraud^ eine^ 3al)rt)unbertö be* 
ftätigt finb; bie noc^ gauj irreguläre unb unüberfid|tlid^e ^ßrajiö ber 
beginnenben Stufflärung fömmt Ijier noc^ nid)t in Setrac^t. S)em* 
gemäfe ftel^en in biefer Segieliung bie Principia SDieifter'ö noc^ un- 
gefähr auf bemfelben ©tanbpunfte, toie bie SBerfe 3. ©. g. 93öf)mer'ö, 
cinf(^tie§lid) felbft ber golterfrage. S)agegen aber finbet man bei 
SKeifter ebenfo, mt bei Söt)mer, bie li^tüoüe, energifc^ ä^^ff^^^^^fe^^ 
SJe^anblung beö eigentlid^ Sutiftifd^en ; njo^I bei Sßeifter, ber toeniger 
^iftorifdjen öaüaft mitführt, nod^ flarer unb burd^fic^tiger. 

Se^tereö gilt namentlich öon feinem größeren 3Serfe, ber „SSoH- 
ftänbigen (Sinleitung jur peinli^en 9ted^tögelet)rt^eit in 21eutf d^Ianb ; 
erfter Söanb, nielc^er bie SBorbereitung jum peinlichen ?ßrojeffe ent* 
^ält/' ©öttingen 1764 (mel^r nid^t erfd^ienen). ©elangt biefe au^ 
fül^rlic^e ©arftellung audE) nur ju ben Set)ren öon ber SSerfaffung 
unb 55efe|ung ber peinlichen ©eri^tc fottjie üon bem ©erid^töftanbe, 
fo bietet fie bod^ üiel 3ntereffante^, j. ©. betreffenb Slefte ber 

8a nb« 6 era, (0e{4i(^te ber beutfc^en 9le(^t8iotffenf(^aft. Xe^t 20 

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306 5l(^te« ta|)itel. 

StWttroirfung üon ©d|öffen unb betrcffenb SBeginn ber äuöbilbunj} eine« 
3roi)d)engltebe^ jiüif^en Stccufation^ utib Snqutfition^^ßrojcfe, totiä)^ 
ju ©taube fommt bur^ ©tngrcifen beö J^töfate alö öffentlid^eu ?tn= 
Magert, nad^bem bie Snquifition b\ä jur SScrnetjmung be^ ©efc^ulbigten 
auf Slrtifcl gebieten tft. 

SBarum auf bic 'Surd^fü^rung btcfcö breit angelegten SBerfe^ 
öetjic^tet tourbe, ert)ellt nicf|t. ©tatt beffen erfc^ien eine anbete 
©^rift: „Siec^tUc^e ©rfenntniffe unb ©utac^ten in ^jeinltd^en fällen, 
gröfetenttieite im SWamen ber ©ötting'fdjen Suriften^^gafuttät au«gc== 
arbeitet, fünf 3;^eile, 1771—1785." ?(uf biefe begießt ftc^ ber atö 
fiob gemeinte, atö S^abel berüf)mt genjorbene ?luöfpruc^ SDialblanc^!^ : 
„S)er öerftorbene HKeifter aber jeigt in feinen peinlid^en ©rfenntniffen 
überall baö menfdjenfreunbtic^fte .§erj unb befafe in ^oi^em ®rabe 
bic ©tärfe, feine überaus gelinben ®efinnungen mit ben ©efe^en fo 
fc^tcfüd^ ju üereinigen, ba§ man niemals eine gemaltfame ?lbtüeic^ung 
babon bemerft, unb er bod^ überaß feinen Sttbjn)ed erreicht.'' 2)ieS 
Urttieil ift ja nun freitid^ infofem ftarf übertrieben, afe ftd) noc^ 
rec^t oft ftrenge Srfenntniffe finben: SRäbern, toennfc^on nur öon 
oben l)erab, XobeSftrafe bei fd^njerem 2)iebfta^I, gotter öerfc^iebener 
®rabe biön^eifen felbft in rec^t än)eifel^aften galten, grei^eitsftrafen 
bii^ JU lebenSlänglid^er 2)auer afe poena extraordinaxia ; immerhin 
ober bleibt unberlennbar, baJ3 Sßeifter fid) ^ier in ber Sfntoenbung 
ttjeit oon ber ftarren 5;t)eorie entfernt, bie feine Principia vortragen. 
aWan tüirb bieS ju erftären ^aben auS bem ®egenfa^e, roeldjer über- 
haupt im ©trafrec^te jmifc^en ^rajiS unb Xtjeorie bamafe entfielt, 
inbem jene biefer Doraufeitt. §ält le^tere nod) baran feft, bafe fie 
btoö baö gefe^lic^ ober allenfalls^ bag burdi lange unäweifel^afte 
©ehjo^n^eit begrünbete Ked^t ju entnjtdeln, fic^ bemfelbcn ju fügen 
f^abc, fo ge^t erftere mit ttjadifenber Äü^n^eit über bie einengenbe 
gefeglic^e SBorfc^rift ^inhieg, im Sntereffe ber SJttlbe, namentlid^ um 
bie alten barbarifd)en ©trafen ju öermeiben. ®ar t)iel leidster leierte 
man bogmatifc^, l)ier fei ju oerbrennen, l)ier ju räbern, bort breimal 
auf's ©d^ärffte ju foltern, als man fic^ baju entfd^lofe, ein berartigeö 
©trafurt^cil gegen einen beftimmten Snquifiten ju füllen : SluS biefer 
5Rott| t)alf man fid^ in ber 3Beife, toelc^e burc^ jenen ÜJJalblanc*fd|en 
Sobfpruc^ genügenb bejeic^net ift, mo^te man babei auc^ ju ben 
felbft^errlid^ften (Srgebniffen, ju ärgfter 3crfplitterung ber 5ßrajiS ge^ 
langen. SBie fic^ bann auf bie S)auer bie SBiffenfc^aft ber SBirtung 

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II. 35cTcinicItc. 3) tanomft. 307 

einer fold^en 5ßraji§ nic^t follte entäte^en fönneti, jetgt 3Keifter'ö 
@prud)fammlung. 3^9^^^^ befunben anbererfeitö einjelne 2lM^ffif)= 
rungen berfelben, in njeld^e rettung^Iofe SSerlegen^eit biefe alte ©djule 
geriet^, faQö e« ftc^ um Snftrutrung einer ©ad^e in fold^en ^Territorien 
^anbelte, in meieren bie J^olter aufgef)oben toat. SReifter argumentirt 
bann fo, bafe er fid^ junäc^ft fragt, ob l^ier nad^ Sage ber ©ad^e, 
wenn e« um ein ^Territorium beg alten Siec^tö ftcf| Iianbelte, Wolter 
angezeigt tt)äre; unb erft, nac^bem er t)on biefer ^^pot^efe au^ ju 
einer Slnttoort gelangt ift, ttjagt er fid^ toeiter öor. SBenn e^ felbft 
einem tüd^tigen, offenblidenben, felbftänbig ben!enben ®elel|rten fo er= 
ging, fo tft eö n)al)rlic^ nid)t auffaQenb, bafe in ben alten lieber- 
(ieferungen grau geworbene ?ßraftifer fid^ o^ne J^olter gar nid^t mel^r 
5U t)clfen toufeten. Sluf fold^' traurige SBeife mufete eö fid^ rächen, 
bafe bie ©trafred^t^njiffenfc^aft gegenüber ber i^r feit Xfjomafiuö ge^ 
festen Slufgabe, ein neueö, ber golter nid^t me^r bebürftige^ SSetoei^ 
f^ftem tjorjubereiten, ooUftänbig üerfagt l^atte. 

3) 9'Zeben aKeifter n^irfte ju ©öttingen ®eorg Subtoig 99o^* 
mer, ber britte ©oI)n be^ alten Suftuö Henning, n)el^er balb nac^ 
ber ®runbung ber llniüerfität bortf)in ging unb i^r biö gegen baö 
®nbe be^ Sa^r^unbert^ angef)örte, ftetö ein beliebter fie^rer unb ge^^ 
fc^ä^ter ©d^riftfteHer, nid)t eben eine SQuftration, tt)oI)l aber aU 
befonnener Surift, juöerläffiger Kollege unb erfahrener ®efd^äftömann 
eine fefte @tä|e ber ^oc^fcfjule. SBä^renb feinet langen fleißigen 
Seben^ üerfafete er eine Unjal^I oon burd^n^eg tüd^tigen, bi^toeilen 
felbft 9?eueg oorbringenben, afabemifd^eu ®elegenf)eitöfd^riften. ©ie 
liegen t^eiltoeife gefammelt öor ate Observationes juris feudalis, 
1764; Observationes juris canonici, 1766; Electa juris civilis, 
3 SSänbe 1767—1778, unb Electa juris feudalis, 2 Sgänbe 1795. 
28ie f(^on au8 biefen Jitetn erfid)tlicf|, erftredt fid^ feine miffenfd^aft^ 
lid^e 3:ptigfeit über Se^nred^t, lanonifc^eö 9ied)t unb ©iüilred^t. 
lieber le^tereö l^at er fein eigene^ 2et)rbud^ gefd^rieben, fonbem fic^ 
an bie Introductio in jus Digestorum feinet SL^aterö gel^alten, 
roetd^e baburd^ in ©öttingen bauernb im ©ebraud^e blieb (12. Stuf läge 
1791). gür bie beiben anberen gäd)er Derfafete er bie Principia 
juris feudalis, praesertim Longobardici, quod per Germaniam 
obtinet, 1765, unb bie Principia jiu-is canonici speciatim juris 
ecclesiastici publici et privati, quod per Germaniam obtinet, 
1762. 

20* 

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308 ^t^tc« ^apMtl 

Db)ä)on @. 2. Sommer im Set)nrec^te eine nidjt unbebeutjamc 
SHeaftion gegen bie Unterj^ägung ber Songobarbif^en Ouellen bar= 
fteltt, liegt feine fiauptjäd^Iidie 93ebeutung auf bem ©ebiete beö fiirc^em 
red^t^. ©ein Se^rbui^ beffelben fteüt fic^ entfc^ieben auf ben Soben 
be^ KoQegiat^rinjipe^, im engften ?Infc^{uffe an bie üon Sramer 
Iierrü^renbe ©egrünbung unb gormulirung; e^ fül|rt baigfetbe burd^ 
unter ©enu^ung be^ umfaffenben, öon Suftu^ Henning Sommer ju^ 
fammengetragenen 3Kateriafe. 2)a6 ber überaus pietätuoHe, auc^ 
um ben Slad^Iafe feinet SJater^ f|od|üerbiente unb fid| feiner 5lbpngig= 
leit t)on jenem hjo^lbetpufete @oi)n im ©runb^jrincip fid^ gesmungen 
fie^t, fd^arf tjon i^m abjunjeid)en unb feinen Gegnern fic^ anju- 
fc^Iiefeen, ift ber entfc^iebenfte SJetüeig bafür, bafe ber abfolute Serri== 
toriali^muö bamafe in ber proteftantifc^en SBelt fic^ nic^t me^r auf- 
redet ert)alten liefe, gegenüber bem Söebürfniffe ber Äirt^e nad) felb- 
ftänbiger Sebenöbettjötigung. gorberte biefesl bocfi bringenb, ba^ bie 
Äird)ent)ertt)altung, menn aud^ üom 2anbe«Jf)errn, fo bod^ nid^t nad^ 
auöfd^Iiefelic^ ftaatlic^er SWafegabe, fonbern tpenigften^ nnter 9J?itberücf= 
ftc^tigung firdjlic^er ©eftc^töpunfte gefüt)rt merbe. @ben beö^alb 
fanb ba^ SoüegiaIft)ftem mit feinen naturred^tlid^en 9Benbungen bo=^ 
malö allgemeinen Slnftang, iüie benn aud^ ber 3i^f^"^"^^i^^ö"9 ^^^ 
ben allgemein ftaati^red^tlid^en Slnfc^auungen ber Qcii über üertrag^ 
mäßige 58ilbung ber politifc^en ©efellfdiaft unt)er!ennbor ift. ?lüe= 
bem ^at @. 2. ©ö^mer'^ SefjrbudE) ben entfd^eibenben unb enbgültigen 
?tu^bruct uerlie^en; in ?^olge beffen reicht fein Ginflufe bi^ in baö 
9{llgemeine 5ßreuBiid)e Sanbrec^t hinein unb felbft bi^ in fat^olifclie 
SJerpltniffe i^inüber. 

4) Um bie Siüiliftif biefer ^tit ift e^ red^t \6)'tt)ad\ befteUt, 
qualitativ unb quantitatiu. goft abgeftorben erfc^eint baö \vaf)vt 
^erftäubnife ber Duetten, bie einbringenbe S3emül)ung um feinere 
priliatrec^tlid^c Probleme. 

©injetne beffere öeiftungen mögen ja njo^l aud) unter ber §oc^ 
flutl) öon 3)iffertationen fi(^ befinben, j. S. in ben 3Berfen ®. S. 
©öl^mer'!^, im ©anjen ift aber eben biefe S)iffertationen=Siteratur ouö 
ber 3Ritte be^ Sa^rl^unbertö befonberö unerfreulid^ unb unerfpriefe^ 
lid^, nidjt einmal me^r bemüt)t, neue Stoffe ober neue SSenbungen 
für bie alten ©toffe ju finben, unglaublid^ troden unb oberfliid)lic^ 
in gorm unb Sluffaffung. 



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n. 5Bcremäelte. 4) 6iüiliften. 309 

61)riftop^ griebric^ ^axppttä)t, ein Snfel beö oben be* 
fproc^encn Jf^rbinanb 6l)rtftop^, festen junäd^ft bie Hoffnung auf 
tüchtigere ßeiftungen, njelc^e burc^ feine glänjenbe ^Begabung gertjedt 
tnorben n^ar, red)tfertigen ju lüoUen. „3)Jit ungen)5^n(icf)cr Seiirgabc 
unb t)inreiBenber iBercbtfamfeit auögerüftet", toarf er fid^ als^bafb auc^ 
mit SJac^brud unb 6inficf)t auf bie Iiterarifd)e 2!t)ätigfeit. (£r be= 
möc^tigte fid^ ^ier ber erfolgöer^cifeenben Sbee, Dom 2^erritorial'9Jecf)te 
au^juge^en, um burd^ baöfelbe bem abgeuürt^fdjaftetcn ©oben beö 
gemeinen SRed^t!^ neue 9?ä^rftoffe äuäufüljren. 3^^ biefem Se^ufe 
follten bie Canbeögefe^e gefammelt unb fommentirt tt?erben, unb auf 
biefer ®runblage foUte ein fl)ftematifc^e^ Set)rbud) t>c^ 2Sürttembergi== 
ld)en ^rit)atred)t^ fic^ erl}eben. S^er tiaren ©ntujidlung biefeö ^(oneö 
folgten einige fd)ä^bare groben ber Süi^fii^rung in einjelnen JJiffer^^ 
tationen. 2)ann jebocft geriet^ ^arpprec^t'ö tüiffenfc^aftlidie 5ßrobuftion 
in'« Stoden, offenbar ingoige einer traurigen üöffigfeit be« ^Ufannei^, 
ttjcldje fid) nid)t feiten big jur 2;räg^eit gefteigert ju ^aben fdjeint, 
iüie unö allfeitig flagenb über if|n berid)tet n)irb. %\x^ feiner fpäteren 
3eit rü{)ren nur einige loenige ber lanbläufigen 35iffertationen l^er, 
toeldie feine bejonbere Grnjö^nung üerbienen. 

Sä?eit befannter njurbe 3ot)ann 2luguft ^ellfelb ju Sena, 
unb jnjar lebiglid^ burc^ feine Jurisprudentia foreasis secunduin 
ordinem Pandectarum, Sena 1764, njöl^renb feine übrigen Schriften 
befonbere SSeac^tung n)eber oerbienten noc^ fanben. Sine um fo be* 
bentenbere 9?oDe, at« eine^^ ber beliebteften Set)rbüd)er biö in ba« 
neunjefinte 3at)rf)unbert tjinein, tüar bie Jurisprudentia fovensis ju 
fpiclen berufen. Cbfd)on jiemlid} umfangreich, bradjte fie e« ju beö 
5?erfaffer« Sebseiten auf fünf, nac^ feinem 5;obe auf brei weitere 
9fu«gaben, njurbe üon ©djneibt 1786 in fl)ftematifcf)e gorm umge^ 
arbeitet, an ben meiften Uniuerfitäten al^ ^anbbud) für 9Sorlefungen 
benu^t unb fdjließlid) t)on @lüd aU Wrunbrife feine« großen 5ßan= 
beften==3Berfe« Denuenbet, tnoburc^ $)eQfelb'« 9Jame noc^ un« geläufig 
ift. SBiffenfcf|aftlicf)e« 9?erbienft fann man bem SBerfe t|5d)ften« in^ 
foferne jufdireiben, aU e« n)enigften« nicf)t gauj in ber naturred^t^^ 
lii^en ©c^lufefolgerung au« ^rinjipien befangen ift, fonbern üielfac^ 
unb gern bie Duellen citirt. i^on einer 3.^ern)ertl)ung biefer DueHen- 
ßitate ift jebod) feine SRebe, n^eber au«brüdlid^ nod) burd^ ftillfd^toei^^ 
genbe Söerfidfic^tigung. 3ni ®egentl)eil, ber ^^ejt ift üon einer \val)X' 
tjaft banalen Cberfläcf)lic^feit, bie fid| f)äufig bi« ju erfcf)redenber 

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310 ^Ät^teö ftapitcl. 

S^erftänbnifetoftgfeit ftetgcrt. aSenn ^ettfclb fic^ ber Steil^enfolge ber 
^ßanbeften^Xttet otifd^liefet, fo fann er ffir biefe^ fein SBerfal^ren ntc^t 
einmal bic ©ntf^ulbigung beanfpruc^en, ttjcld^e ben Sleltercn ju (Sute 
fommeti mag: biefe ftnb auf folc^e SBcife ftc^er, bie ganje 3icd)t^= 
maffe ber 5ßanbe!ten ju erfaffen, ?ßu6Iictftifd)e^ unb ÄrimmaItftt)dE)cg 
e6enfoiDoI|I toit 5ßrtt)atred)tüd^e^, tua^rettb e^ ^ellfelb lebigüd^ auf 
Ic^tere^ anfommt. Stinerl^alb ber einjeluen Sttel l^errf^t gar feine 
Drbnung, fonbern ba ttjirb in bie frütieren aüe^ §ineingepferc^t, toa^ 
irgenbnjic mit ber Ueberfd^rift in ^^f^mmen^ang ju bringen ift, 
tüäl)renb bie fpäteren um fo magerer auöfaüen. ^ßaö in ber SJorrebe 
gegebene SSerfpred^en, §örer unb Sefer nicfjt ju fet|r mit ben obfoleten 
3(ntiquitäten unb ©ubtilitäten be^ SRömifd^en Sfiec^tö t|int|alten ju 
njoUen, ift reblid^ gelöft. ©etbft eine befonbere Älar^eit ober 
©enauigfeit in ben Sinjell^eiten ober in ber gormulirung oermag id) 
ni^t JU empfinben. 3)ie ®ebraud^^bequemlicf)feit, n?elcl^er bag 28erf 
feinen (Srfolg öerbanft, ergiebt fid^ üielmel^r nur au8 bem öoUftänbigcn 
SSerjic^t auf jebe f ^ftematifd^e, bogmatifc^e ober fafuiftifc^e SBertiefung, 
bei gewiffen^after 3iifömmenfteIIung ber SRec^t^fä^e, mt fie afö feft= 
ftetienb überliefert n)aren, ol^ne weitere 9?ad^prüfung. SllIenfaQö 
mocf|te bie ©ijftemlofigfeit gegenüber bem ^ßebanti^mug ber bamate 
überall fonft burd^geffil^rten ajiomatifc^en ober matt)ematifc^:=bemon= 
ftratioen ober f^ntl^etif^en 9Äett|oben eine wofjltl^uenbe Slbn)ec^felung 
bieten, ©id^erlid) bejeic^net ba^ SSerf unb fein ©rfolg ben tiefften 
©tanbpunft, bi^ ju welchem bie beutfc^e (Xioiliftif jemafö, nac| lieber^ 
n?inbung itirer erften mül^famen ?lnfänge, toieber ^erabgefunfen ift; 
ber fafuiftifdien Anregung beraubt, o^ne Sinn für SRed^tögefd^id^te 
nod^ für QueHenauöIegung, ift fie üerfümmert in naturred^tlid^er Cebe. 

2)urd)brocl^en ipirb biefer traurige ^^iefftanb burdi 6me tieroop 
ragenbe @rfd)einung, beren erfteö 9luftreten um 1757 liegt; man mag 
barin eine SBenbung jum Sßefferen, ober bod^ tt)enigfteni? bie SJorbot^ 
fc^aft einer folgen erblidEen. 

3o^ann Sl^riftopl^ ^oä) ju ©iefeen, fpäter befannt aU 
ber ,,ÄanäIer ftod^", ift ber einjige bebeutenbe Gioilift, bem n^ir Ijier 
begegnen. (£r wav ein SRann öon ungetüöt)nlic^ ausgebreiteter unb 
fieserer ®elel)rfamfeit, öon einer für feine ^^it unertjorten Äfribie in 
literärgefd^id^tlidien SDingen, unb öon energif^ f^ftematifc^er Segabung, 
freilid) baneben öon ungemeiner ®elbftgerec^tig!eit, mit Steigung ^ix 
©plitterric^terei unb ju berber ^ßolemif. ©eine literarifd^en gelben 



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U. «cteinj^It«. 4) ©Wliften. 311 

mit ^ommel unb ©c^ott, mit bcn beiben S3ö^mer, 58atcr unb ©o^n, 
ju ©öttingcn, mit 3)anj unb ®önner, mit SRobert ju SWarburg unb 
mit SRot^ JU 9Kain j, toaxen i^rer 3^^ berüchtigt ; f ic bleiben ftörenb, 
mochte Äod^ fc^on gegen mand^e biefer ®egner ben Xon ber lieber* 
legen^eit anjujc^Iagen nid^t unbered^tigt fein. 

Äod^'fiJ frü^efte unb ^erüorragenbfte priöotre^tli^e Schrift ift 
fein Specimen compendii Pandectarum, titulum de successione 
ab intestato exhibens, 3ena 1757. S)Qg Suftinianif^e 3Snteftat= 
Srbred^t niirb ^ier jum erften TOale nad^ bem noc^ ^eute ^errfd^enben 
SSerfal^ren ber Sint^eilung in t)ier klaffen mit metl^obifd^er Sjaft^eit 
bargefteQt. ?tngefügte Meditationes jeigen freilid^ fd)on, bei allem 
©d^arffinn, einen beben!(id^en §ang jum ^ßarobojen unb eine ebenfo 
bebenflidie greube am SBiberfpru^e afö folc^em, beibeö immerhin 
erfreulid^er, ate bai3 Äleben am hergebrachten, niie n)ir eö bei §ell= 
felb trafen. Uebrigenö fanb ba^ SBerf bie üerbiente 9(nerfennung in 
reic{){ic^em SKafee, befonber^ nad^bem eö in öerbefferter 55*^^"^ ^^^^ 
bie ?ln^ange, aber mit ©rgänjungen, Oiefeen 1767 erfd^ienen n)ar 
unter bem 3^itel: Successio ab intestato civilis in suas classes 
nova methodo redacta. Sn biefer ®eftalt t)ot bad ©c^riftlein mit 
aümä^ti^ t)injugefommenen 9?ad^fc^riften über bonorum possessio, 
3;eftament unb Sobiciü e^ bi^ jur a^ten Sluftage, ®ie§en 1798, 
gebrad)t: ein für fold^e cit)iliftifd)e SKonograp^ie unerhörter ©rfolg, 
tpelc^em I|ier ber innere SBert^ entfpri^t. 

Äo^'3 fpätere ciöilrftifc^e 2lrbeiten finb nic^t feiten beeinflußt 
burd^ feine literär^iftorifdEien Steigungen, ©o bie ?tb]^anblungen de 
codice manuscripto Institutionum ad mare Balticum reperto, 
1772, mit rid^tiger 3wi^ö*^cM"^fl ^^ Srrtpmer 9lnberer, aber ol^ne 
eine ?l^nung öon bem n)a^ren ©ad)Uerf)att, ba^ eö fid^ namti^ gar 
nic^t um bie Snftitutionen ^anbelt, fonbern um ben Brachylogus, 
ben boc^ injrtjifd^en (1743) ©enfenberg ebirt t)atte. — 9le^nlic^ bie 
Siffertation de ordine legum in Pandectis, 1784, ju rüt)men 
iDegen ber in it)r auftaudjenben gefunben fritifc^en Sbee, n)äl)renb 
fie freilid^ befannter tt?urbe burcf) bie uer!et)rte Sel^auptung, erft 
®ot^ofrebu^ fiabe ben SWamen Corpus juris civilis erfunben, — 
toeil er juerft if|n auf'^g 2;iteI6tatt gefegt ^at. — Slud^ bie dissertatio 
de praescriptione restitutionis in integrum, 1785, ift ern)ä^nenö= 
mert^; fie rid^tet fic^ gegen ®Iüct'§ 3)octor=3)iffcrtation. 



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312 5l(^tc« ffopitel. 

Qnm (Sr6recl)te feiirte ^od) gelegentlich eine^ praftifc^en gatle^ 
jurüd burd^ bte ©cf)rtft „Ueber Slfcenbentenfucceffion in J^amiUcn' 
fibeifommiffe unb fielen", ©iefeen 1793. 3)aran f^Iiefeen fic^ bie 
„S9ele[)rungen über SWünbigfeit jnm Seftiren, ßiüilfompntation unb 
©d^olttag" t)on 1796, mit fleißig quellenmäBiger öe^anblung unb 
mit bcm SSerbienfte, eine neue grage aufgettjorfen unb nid)t of)ne 
©eift be^anbelt ju ^aben, ober nucf) immer wieber paraboi' auflingenb 
unb mit jener perfönlic^ äu|(f|Iagenben 5ßoIemi! gegen faft alle Suriften, 
bie bem 35erfaffer in ben SBeg gerattjen, ältere unb jüngere, längft 
üerftorbene unb gleichseitige, in tücld^er fiod) mit bem Sllter nur 
nodt) biffiger getnorben ift. 5)od) foll nid^t nerfannt ttjerben, bafj 
eine gegen §ugo unb ^agemeifter fi^ ridjtenbe 9?acf|lct)rift tueit ge- 
möfeigter flingt, offenbar aii^ ber (Srtenntnife ^ert)or, ^ier enblic^ 
einmal auf ebenbürtige ®egner ju treffen. — 911^ Sto^^ „literarifc^ei^ 
3;eftament" ift enblid^ uon iljm eine ^tubie über bie bonorum 
possessio 1799 erfcl)ienen. 

Äocfi ift übrigen^ feine^meg^ auigfc^Iieftlic^ Gioilift. (£r Ijot fid) 
auf faft allen juriftifdö^» (Gebieten betljätigt, am erfolgreid)ften näclift 
bem priöatred^tlid^en gelbe auf bemjenigen be^ 2trafred)t^. 

3Bä^renb Äod) im Sit)ilrecf)t üon feinen ^^itgenoffen fidj fc^arf 
abgebt, erfc^einen feine Institutiones juris criminalis, ©iefeen 1758^ 
nur ate bie natürlicf)e gortbilbung ber Sct)rbüd)er uon 3. ®. Jv- Ööhmer 
unb Don SWeifter, fljftematifd^ fonjie in^altlid). S)er allgemeine 2^l)eil, 
njeldjen Süt)mer üorgebilbet, äJieifter eingefütjrt, aber nod^ rec^t bürftig 
auögeftaltet t)at, finbet bei Äod) eine Stu^arbeitung, burcf) lueldie er 
ben beiben folgenben I^eilen (ben 2el)ren öon ben einjelnen 2)eticten 
unb Dom ^rüjej^) gleid^mert^ig üoranftefit. ®r t)anbclt in feinen elf 
fiapiteln Hon ben Duellen be^ ©trafredjt^, non ben S)elicten unb 
il^rer Sintl^eilung, üon ben (Subjccten ber S)elicte, Don ber It)eil- 
nat;me, tjon ber ©c^n^ere unb Imputation ber S)elicte, oon ber Strafe, 
i^rer ßinteilung unb it)ren 9(rten, Don bem i^crl)ältniffe ber ©trafen 
untereinanber, üon ber Straffd^ärfung imb =9Jiilbcrnng, oon ber ^c- 
ftimmung ber ©träfe bei iionfurrens ber ©elifte, enblid) Dom Siechte 
beö 3iid|ter§ über bie ©trafbeftimmung. 3lufter burd) biefe biö baöiu 
unerreidjte fl)ftematifc^e SSollftiInbigfeit unb Älarljeit jeidjnet fid) ba^^ 
Sud^ au§ burd^ bie Siteratur - SWaditoeifungen , tvdd)e jebem ^ara= 
grapf)en beigegeben finb, in einer ^i^^^^^löffifl^eit wnb 9tu^3n)af)l, bie 
ben Äenner unb iJiebl^aber fold)er S)inge bejeicf|nen. 



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II. «erelnjeltc. 4) Siöiliften. 313 

Sn^altli^ 6etpäl)rt bieje^ ße^rbu^ baffetbe 9Scrt)ältiii6 ju fernen 
Vorgängern, inbem ei§ bte ®runblage ber Carolina nnb be^ geUenben 
Stec^tö fcftl)ätt, bei einer 5Rei^e üon einjelnen S)eliften aber jn 
roefent(icf) milberen ©trafen gefangt. 9(eu6ert fid^ in te^terem Unt:: 
ftonbe ber (Sinflufe ber ^roji^ nnb ber ?lnff(ärung, fo ift boc^ über=^ 
rolegenb bie Uebereinftimmnng mit ber älteren Se^re, inbem Stod^ 
bei biefer öer^arrt für bie entfi^eibenbe S^^age ber golter. @r ftellt 
bie 5:ürtnr nid^t nur ofö pofitit) gegebene^^, fonbern fogar ate ju 
biUigenbefiJ, jo afö unentbe^rlid^eö Snftitnt bar, toenn fie nur mit 
größter Umfid^t benu(jt n^erbe ; boä) ift au^ einjelnen SBenbungen ju 
entnef)men, ba^ Äoc^ felbft, inbem er fo für bie golter eintritt, feine 
Sadje bereite afö uerstoeifelte em^jfinbet. 

SBcitere 99emüt)ungen öernjenbete Äod) auf bie öttefte Siteratur 
unb auf bie älteren Slu^gaben ber Carolina unb i^rer „9Jhitter", 
ber Bambergensis. 9kdE) einem Programma de primis con- 
stitutionis criminalis Bambergensis editionibus, ®iefeen 1765, 
gab er 1769 ben biptomatifdf) genauen SlbbrudE ber erften 9tu!?gabe 
ber Carolina t)om 3a^re 1533, unter Sieifügung ber 9Sorn)örter ber 
.^weiten 9hiögabe oom 3at)re 1534, unb einer eigenen, fet)r aus^fütir- 
ticken unb grünblid)en SJorrebe, ,,tt)orin ber SBert^ unb SWu^en biefer 
Ausgabe ge?^eigt unb ju ber geteerten ®ef^id|te beeJ teutfdien pein^ 
(ic^en Sled^t^ suoerfäffige 9?ac^rid^ten mitgetl)eilt toerben". 3)en 
SBert^ beg @efe^buc^eö anfangenb, n)enbet Äod) fid) fd^arf unb 
gefc^icft gegen ßel)fer'ö befanntesi tjerabfetjenbeö Urt^eif. Dl)ne bte 
ÜRängel, namentlid) an ÖJenauigfeit unb Klarheit, ju leugnen, ^ebt 
er ffar bie SSorjüge ^ert)or; aU fo(cfte lobt er befonberi^ bie 
3)efttmmungen über bie Subi^ien unb über bie Äautelen ber Wolter. 
Sine aSerbammung ber Carolina in Saufd) nnb Sogen, toie fie 
üb(icf) ixi ttjerben angefangen I)atte, ift feitbem faum mel)r uor= 
gcfommen. 

®ine Sammlung oon ÄodE)'^ fanoniftifcI)en @d)riften erfcl)ien 
1774 mit einer beutlic^ au^eprögten, gegen ®. S. ©ö^mer gerid)teten 
Spifee. S)ie SSorrebc fünbigte an, e^ l^anbele fid^ um eine SSibcr- 
legung uon Öö^mer'^ 9(nfic^ten über bie ^ßerfaffung ber eoangelifc^en 
Äircfje; in ben ^(uffägen fefbft jebocf) finb nur ganj untergeorbnete^. 
quellengefcf)idjtlid)e ober bogmatifrf)e Ginjelt)eiten bearbeitet. Sf|er 
cntfprädje jener SSorrebe ba^ fpätere Programm Hon 1779, de 
sacris religionis internis et externis; tro^ feinet geringen, auf 



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314 5l(^tc8 IJapttel. H. »etcinjelte. 4) diöiUften. 

brei S)nicffeiten befd^ränftcn Umfangeö erfd^ten e^ bem eingegriffenen 
in^altöretd^ genug, um t^n ju einer längeren SBiberlegung ju üer^ 
anlaffen, todiü^t er in bie Sßorrebe ju ber vierten ausgäbe feiner 
Principia juris canonici einfügte. 

?Ite ^ublicift t)at Äod^ lebigüd^ bie hergebrachte SKanier ber 
S)ebuftionen fortgefe^t, toenigfteng faci^üc^, mä^renb in ber gorm bie 
unbebingte ^^arteina^me für bad 3ntereffe beö eigenen Sanbe^^erm 
ettoa^ gefd^idter bemäntelt fein mag, al^ üblic^. (£^ ^anbelt fid^ babei 
t)auptfäd^Iic^ um bie Sinjie^ung ber (Süter unb ©infünfte öon auf* 
gel^obenen Älöftern. 



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IHofer unb pütter* 



I. 3. 3. 3Kofcr. 1) ficbcn. 2) SBürbigung. 3) (ginjcltte ©(ftriftcn. — H. «ßütter. 

1) Scbcn. 2) ©(^tiftcn. 3) SSütbigung. — HI. ©tgänjung ju «ßüttcr. 1) «(öen= 

wall. 2) ö. ©eld^om. 3) ^ofacfer. 

L 1) 3o]^ann 3afo6 SRofcr, au^ alter Mrttcmbergifdier 
SSeamtenfamilie, ift geboren am 18. Sanuar 1701 ju Stuttgart, 
t0o er ba§ ©^mnafium bcfud^te, um fobonn bie Uniüerfität S:ü6mgen 
ju begießen, ©eine Steigung ju geteerten ©tubien unb feine fi^rift- 
ftellerif(^e Seid^tigfeit, ja feine SSorliebe für'« ©taat^reci^t traten bereite 
in jenen 3at)ren fo fd^arf fierüor, ba§ er fd^on 1718 anfing ju 
<)ub(iäiren, 1719 aber eine au^erorbenttic^e ^ofeffur ber Siedete ju 
3;übingen erfjielt. S)a er bort ol^ne (Sel^alt noc^ ^örcr feinen gort== 
gang fanb, fo Iie§ er fidE) 1720 jum njürttembergifc^en SRegierungg^ 
rat^ ernennen unb reifte, lebiglid^ g^ftü^t auf biefen 6l)arafter unb 
auf fein SBiffen, nad^ S33ien. 3nbem er fid^ l^ier burd^ Ueberreid^ung 
einer 2)enffct)rift betreffenb bie 9ledE)te beö 9leic^ö auf Soöfana 
empfahl, fanb er in bem Sleid^^üicefanäter, fpäteren gürftbifdEjof üon 
aSürjburg unb öamberg, (Srafen ^iebrid^ Äarl üon ©d^önborn, 
einen tätigen unb juüerläffigen ®5nner. S)urc^ biefen ]^ert)or== 
ragenben S)iptomaten, ben fpäter l^odEjöerbienten görberer ber Uni- 
üerfität aBürjburg unb beö ganjen granfenlanbe^, erl^ielt 2Äofer 
nid^t nur materielle Unterftüfeung , fonbem namentlid^ ©inblidE in 
©taatögefdE)äfte unb SBettlauf, auc^ mannigfache Söeiterempfefjlungen 
an bie ©pi^en be^ öfterreid^ifd^en ^ofabefe unb ber SReid^ö^ßoIIegien. 
©0 lüurbe biefer erfte Sffiiener 9(ufentf(alt für Wofer, beffeu ganje 



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316 9?cuntc8 Äapitcl. 

Öilbutig tücienttic^ eine autobibaftifc^e ift, bte n)af)re ©rf)ute ber 
SBettfIu9l)ett unb ®efc^äft^)3raEiö ; aU jotc^e ift er auöKl)(a99e6enb 
für be^ 9J?anne« ganje f^^ätere @ntn)idtetvmg. 9luc^ jetdinetc biefer 
fic^ jofort, biirc^ feine f)ert)orragenben (Stgenfd^aften bei^ gen^iffenl^aften 
gleifeeö unb ber rafcf)en Sluffaffung, ^ ju SBien berartig an^, ba§ er 
bort I)ü(f)ft günftige StnfteQung finben füHte, f)Qtte er fid^ nur jum 
3Bed)fe( ber Sonfeffion bereit finben laffen. C6f(f)on er biefen 
ablel)nte, fonb er 1724, aU er üere^elic^t md) jnjeijäfiriger ?Ui= 
tüefen()eit in bie fiaiferftabt 5urüctfe^rte , tüiebcr bereittuillige %\i]' 
nat)me unb üietfad)e, lotjuenbe S3efd)äftigung. S)aö ?(nge6ot ber 
©tellung eineö tüirftid^en 9?egierungg5ratt)e^ mit Siö unb Stimme 
rief it)n 1726 narf) Stuttgart äurücf, freilid) in SBer^ältniffe, bie bcm 
unbefted)Iic^ gen)iffenf)aften SSertl^eibiger jeber gerediten Soc^e um fo 
unerträglid^er fic^ geftolten mußten, je ftärferen ^tnftofe bie in if)m 
feit 1729 jum ©urc^bru^ gelangte tiefernfte pietiftifd^e öJefinnung 
an t)ö]i]ä)m\ Untuefen, ©itteuDerberb unb 3Waitreffentüirtl)fc^aft na[)m. 
?((ö biefe SSerljättniffe jur S?erlegung beö ^ofe^ unb aller 9tegierung^= 
coUegien nad) Subinig^burg fü{)rten, jog SRofer eö üor, au^äuf<f|eiben 
unb eine ^rofeffur ber 9ied)te am 2:äbinger Collecrium illustre 
^u übernet)men, biö in biefe feine ^wnirfgejogentieit Hon feinen 
t)öfif(^en ©egnern nielf ad^ gequält, fei eö bei ber ßcnfur feiner 
$)rudtüerfe, fei eg burd) 93efd)Iagnat)me feiner Scripturen. Ginc 
3tugfidt)t auf eine 9lei^«tammergerid)t^^^9lffeffur, bie i[)n für längere 
3eit nac^ 933e^lar fütirte, setfd)lug fic^, tuie fpäter mel)rfac^ äf|n(id)e 
Hoffnungen. ®o tjarrte SRofcr in ber afabemifd^en 9Ku6e au^, b[^ 
er 1734 nac^ bem 3:obe beö ^er^og^ 66ert)arb Subung in bie alte 
Stuttgarter ©teHung jiurüdberufen ujurbe. 

Sm 3al)re 1736 njurbe SBofer aU UniDerfitäts^bireftor, ®et)eimer 
Uiatt) unb Crbinariu^ beö Sprud)foUegium§ für ^ranlfurt a. b. C. 
genjonnen. ®o gar entfe^Ud) iriie unc> bei biefer ©elegcnl^eit bie 
3uftänbe ber bortigen gafultät gefc^ilbert tuerben, fönnen fie bod) 
taum getuefen fein an ber Stätte, n)0 ein ^einecciuö unb bie beiben 
^offmann gemirft Ijatten, njo neben biefen ber ftreitfüd^tige, aber 
immerf)in tüd)tige ^Erier, ber mißmntf)ige, aber immerhin gutgefd)ulte 
J^leifc^er ftanben. 9hir traf e^ fid) ungtüdlid^ für 9}?ofer, bafe er 
tücnig Sinn unb noc^ toeniger Skiffen mitbrachte für bie Sedier, 
tueld)c in grantfurt, eben in ^^otge ber Se^rt^ätigfeit jener SWönner, 
al^ bie l)auptfäd^tidien galten, 9fJed|tfi5gefd)idite unb 6iüitiftif; n)öt)renb 



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I. aWo|cr. 1) acben. 317 

€^ it)m ntct)t gelang, für fein gad^, baö ©taatöreci^t, ein 5utereffe an 
biefer Üniüerfität ju emeden. Unb ba nun aud^ feine umfaffenben 
^läne ju SReformen in Söerlin tuenig 3ieact)tung fanben, fo blieb feine 
Jranffurter S^^ätigfeit jiemlict) ergebnifeloi^ , bii^ fie burc^ einen 
^erfönUdjen 3i^i<^^"i^'^ft<>6 ^^^ ^^"^ ^errfcfier, gelegentlid^ eineö 
Sefudieö, welchen Stönig griebric^ S33it{)elm im Saläre 1737 ber ^o6^ 
)ä)\xk machte, ju jätjem 5lbbruc!^e gelangte. 

derartiger SBibrigfeiten unb Seunrul^igungen mübe, ftürf)tete 
3Kofer in baö ^ßriüatleben. S^m 3(ufentt>afte xoä^ite er ©ber^borf 
im 5.^oigtlanbe, wegen ber Shi^fic^t auf ben ©intritt in einen Stvexs^ 
^jietiftifd^ gleid)gefinnter , um ben 5ßrebiger ©teintjofer gefc^aarter 
gamiüen, tüelc^e bort, burc^ ia^ 3Bol^In)oIIen beö ä^nlid) benfenben 
Örafen ^einrid^ II. Steufe ju fiobenftein gebedtt, lebten. 2)en fo 
gefud)ten ^^ieben l^at er benn auc^ in biefen 5Jer^äItniffen gefunben 
unb 1739—1747 „bie üergnügtefte unb feligfte Qdt feinet gebend" 
genoffen. (Srft ali^ ei^ iljm ju ©ber^borf unbetjaglid) tpurbe, in 
golge über^anb nel)menber 3i"äC"i>*>^f'f^^i^ ©trebungen, toelc^en 
er burc^auö abgeneigt n^ar, liefe er fic^ beftimmen, tüieber ein 
©taatöamt ju übernet)men. Snbem er jum birigirenben @el)eimen 
Statte be^ Sanbgrafen Earl j^riebric^ oon §effen'|)ümburg ernannt 
lüurbe, foUte er ^auptfdc^tic!^ bie jerrütteten ginanjüerliftltniffe in 
Crbnung bringen; ba aber ber ^ürft, trog aller ^wfogen, SKofer'd 
öfonomifc^en SSoranfcf|lägen fid^ nic^t fügte, neben i^m auf „ftamerat 
fc^tt)inbler unb ®elbmad)er" tjörte, fo luar biefer 3Serfu(^ fc^on 1748 
gef (^eitert. SRunmefjr rief SÖiofer ju §anau eine ,,®taatöafabemie" 
in'^ üeben, in gorm eine^ rein priDaten Unternehmend, unter bereite 
njefentlid^er 99eit)ülfe feitenö feine^s; ©ol^neö griebrid^ Gart. @^e in- 
beffen biefed Snftitut, beffen beginn nid^t gang auöfid^t^toö erfc^ien, 
fict) norf) rec^t ^atte enttpidetn fönnen, erf)ielt SRofer 1751 eine 
IRüdberufung in bie fc^n)äbifd)e §eimatt), ber er nid)t jn mibcrftel)en 
wrmod)te, fo fd^tueren kämpfen unb ^Prüfungen er bamit aud) offen=^ 
fic^ttid) entgegenging. 

3a^r^unberte t)inburd^ ift baö tuürttembergifc^e ^JSerfaffung^^leben 
ein unau^gefegter fiampf gen^efen jn^ifc^en autofratifdien, mit launen* 
^after SBSitlfür bie SSertretung bod) aud) beö allgemeinen ©taatö- 
too^le^ üerbinbenben ^errfc^ern ; unb einer auf feft verbrieften SRed^ten 
fufeenben, biefe 9ted)te engt)erjig afe ?ßriüatbered)tigungen ausbeuten:^ 
ben, bennod) aber al^ ®egengen)id)t gegen ben fürftlid)en ?tb|olutiömu^ 

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318 9icunte8 tapitcl. 

^citfam lüitfenben fianbfd)aft. Site Sonfulent biefer leiteten lehrte 
äWofer ^eim, ba« lietfet betraut mit bcr SSertretung bcr lanbftänbif^cn 
Slngetegcn^eiten im SRat^e bcrfdben unb ttad^ aufeen, mit ber Slb^^ 
faffung ber lanbftänbif(^en ©diriften, mit einem ©t^c unb oft mit 
leitenbem ©influffc im ftänbif(^en SCuöfc^ufe. SBag fommcn muj^te, 
gefc^af) : SKofcr ^atte atebalb beibe %i)dU, fianbfcf)aft unb ^errfc^er, 
üerlefet, inbcm er, ol)ne auf ©onberintereffen ju fcf|en, balb einer 
n)at)rf(aft nü^Iid)en fürftlict)en SDiaferegef gegen ftänbifcf|e ÜCrabitionen 
unb JBebenfen 5uftimmte, balb Uebertreibungen ber fürfttici^en ?Iutorität 
rücffid^tölo^ entgegentrat, fortn)ät)renb aber bem gölten fottJof)! lüie 
ber Sanbfc^aft mit toeit auöl^otenben planen jur ^^^^^^fl ^^^ 6ffent= 
liefen aSo^lfa^rt läftig fiel. 3mmer^iu gelang eö i^m in ben erften 
3al)ren, mancf)e erfreuliche SRegierungömaferegel burc^jufe^en. ^ie 
I (glimme SBenbung trat ein, alö .^erjog Äarl bei ©eginn be^ ©ieben^^ 
jäfirigen Jhiegeö auf bie öfterreid^ifc^e Seite trat unb ju biefem 
©el^ufe ben granjofen ein tpürttembergiic^e!^ ^ölf^corpg jur ®er= 
fügung ftellte, ot)ne bie ju Ie|terem Schritte recf|tlic^ notliiüenbige 
Sinnjilligung ber ©tänbe einju^olen, mie biefe in itirer öoIfötf)ümUc^ 
proteftantifc^en ®efinnung fie nie ert^eilt I)aben n^ürben. 3BäI)renb 
ber ftänbifdie Äuöfc^ufe alle Stiegögelber üerttjeigerte, ging beö §erjog§ 
aujltänbifd)er SWinifter äRontmartin ju geiüaltfamer ©prengung ber 
Ianbfd)aftli(^en *Jru^e öor unb verlangte Don ber Sanbfc^aft mit 
au^brüdlici^en SBorten unbegrenjten unb unbebingten ®e^orfam. Sin 
emft^after SBiberftanb war üon ftänbifd)er ®äte für ben Äugenbltd 
unbenfbar; bie 9teicf)^gericf)te, fonft bie le^te fcfjäfeenbe Snftanj für 
unterbrüdtte territoriale ©onberreci^te, ücrfagteu, fo oft bie Unter* 
brüdfung im 3ntereffe bed 3Biener ^ofe^ lag, nac^ beffen 3Binfen fie 
fid^ ju rici^ten pflegten; fo mufete man fid^ junäc^ft mit blofeen 
^roteften begnügen. S)ie gemäßigte, aber fefte unb offene ©pradEie 
biefer ^rotefte oerrietfi nur ju beutUdE) äWofer afe il)ren SJerfaffer; 
erfd^ien er barum bem ^erjoge atö berjentge, an bem ein ©jempel 
JU ftatuiren n^ar, fo befümmerte fein perfönlid^eö ©c^idtfal bie ©tftnbe 
nid^t übermäßig; STUeö begeidfinete i^n jum Opfer. ?(m 12. 3uU 
1759 tourbe er üor ben $errfd[)er bef (Rieben, oon biefem mit ben 
fd^ioerften SSorwürfen unb ?Inttagen äberfrf|üttet unb unmittelbar öon 
bort, in ununterbrodiener breifeigftünbiger J5at)rt, mit miütärtfdE)er 
SebedEung ju engfter §aft auf bie gefte ^o^entnjiel abgefül^rt. Sr 
t)at bort über fünf 3at)re gef^mad^tet, o^ne aud) nur ben ©d^ein 

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I. SRofcr. 1) ßeben. 319 

efaie^ $rojeffeö ober einer Unterfuc^ung, auf'^ ©trengffe getialten, 
mäl)rcnb it)m 1762 bie S^efrau, balb barauf feine Ciebling^tod^ter 
Souife, bie ©attin 3lc^enn)all'ö in ®öttingen, batiinftorben: aber 
tueit mel^r nocf) alö burd) alleö baö, toaö er gebulbet, ^at feine 
^erfönlid^feit fid^ ju einer Slrt üon Sßerflärung erI)oben öor ben 
•Jlugen ber ^^i^Ö^^offen unb ber 9?ac^tDeIt burd) bie Sri, h)ie er e^ 
gcbutbet, mit aufrid^ttger innerlicher ©rgeOung in ®otte3 gügung, 
unter SBaI)rung fteter ^eiterfeit unb grifc^e be^ ®eifte^. 3Bie er 
unmittelbar öor ber entf^eibenben Unterrebung mit bem ^erjog, an 
jenem 12. Suti, bem Äabinet^^^Sefretär gegenüber einen mut^tg 
frommen SSerö anjufü^ren üermoci^te, einen SBer^, »eichen fpäter bem 
ber §aft ©ntfaffenen »ie einen 2;riumpt)fc^rei mitfütjlenbe Sanb^Ieute 
juriefen, — fo blieb er, mäl^renb ber ganjen ^aft, rul^tg, mitb, 
aber feft unb äuöerfii^tlict) ouf fein guteö 9ted^t unb auf feinen (Sott 
oertrauenb. 5D?it ©d^eere unb Sic^tpu^e n^u^te er auf bie SBänbe 
feinet 3^"^^^^^ ^^'^ ^^f ^^^ Slänber feiner ©ibel umfaffenbe literarifd)e 
SSerfe nieberjuf d)reiben ; bi^ jule^t Derfd^mäl)te er eö, um feine ©nt- 
laffung ju bitten auf emiebrigenbe 31rt, unter äblegung be^ Söefennt^ 
niffe^ einer ©c^ulb, beren er ficf| nic^t betoufet toar. 8lfe fic^ i^m 
enblid^, nad) bem ^ubertuöburger grieben, auf baö drängen üon 
©rofebritannien, ^reufeen unb S)änemarf, unb auf einen 9leid^I)of= 
rat^öbefd^lufe Dom 6. September 1764, am 25. September bie i^ore 
be^ ©efängniffe^ öffneten, ba öerliefe er baffelbe »eber »erbittert 
nod^ gebro^en. 

3Jiit berfelben 9luf(e, Unparteilid^feit unb Seiftunggfä^igfcit ttjie 
bigl^er, nal)m äRofer fofort feine • arbeiten »ieber auf; aud^ toieber 
atö Sonfulent ber Sanbfc^aft, bie unter feiner SÄitloirfung fc^tiefelid^, 
nadE) aRontmartin'ö ©ntlaffung, ben ©rbüergfeic^ öon 1770 burdE)* 
fe^te. 911^ bieig erreicht toar, legte SD^ofer feine ©teile nieber unb 
jog fid^, nunmefir enbgültig, in ba^ Privatleben jurüdE. 

3n ber ©tiQe beffelben foHte it)m noc^ ein ungetoölintic^ langet 
unb gtürflic^e^ ©reifenalter befd^ieben fein. 9?ur borüberge^enb 
getrübt n)urbe biefe 9iul)e burd^ einen Sonflift mit SBien unb mit 
bem SReid^öfammergerid^t, bejüglid^ einer eigent^ümlic^en SOiofer'fc^en 
Äuffaffung üon ber ^wfommenge^örigfeit ber proteftantifd)en Siei^^^^ 
fammergeric^t^affefforen. @in ©d^reiben beö Corporis Evangeli- 
corum, öon ätegen^burg, ben 1. 9lpril 1778 batirt, an baö SReic^^^^ 
fammergeric^t eöangelifd^en %f)eiU, legte biefe 9lngelegen^eit nic^t nur 

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320 92eunted Kapitel. 

i\i öoUer 3i^^ici>c"f|cit SDJofer'j^ bei, fonbern erxuucf)^^ felbft, burdi 
3n^It \vk t>nx6) auSergettJÖ^nltc^e J^orm bc^ SSorge^en^, ju einer 
öu^erorbentlic^en ©tjrenbejeiigung : (£«^ toax gemiffermaj^en , ate 
tjereinten fic^ alle proteftantifcf|en Senritorien 2)eut)c]^lanb^, um bem 
greifen ^ubltciften unb frommen ^Patrioten officiell ben Tribut tooi)U 
Derbienter ä?ere^rung ju entrichten. 3m Sirf)te biefer ?lnerfennung, 
übrigens^ aber gauj fttU unb jutüdEgejogen lebenb, üerbrac^te er feine 
legten 3at)rc, umgeben öon einer ©c^aar nac^ feinem ßerjen 
tücf|tiger, in angefetienen ©tettmigen befinblidier fiinber, big äwl^tJt 
förperlicf} unb geiftig rüftig, ununterbrod^en literarifd^ t^ätig, biö ber 
^ob bem 84 jährigen bie J^eber aug ber §anb nal^m. 3- 3- 3Rofer 
ift geftorben am 80. September 1785. 

2) Ü)iüfer'g Sf)ätigfett; fotoeit fie für un^ übert)aiipt in öetrad^t 
f ommt, äufeert fic!^ in brei SRic^tungen : bibaftifc^, praftifc^, literarifc^. 

?lm tnenigften SBert^ l)at er fetbft n)ot)f gelegt auf ben ^er= 
lömmlid^en Uniöerfität^unterrid^t, tok er eö benn ju fefter Stellung 
unb bauernben Srfolgen meber in Tübingen noc^ in granffurt 
flebraci^t f|at. S)er tl)eoretifcl)==f9ftematif(J^c SJortrag, bie elementare 
(£ntn)idetung ber ®runblinien für ba^ Öebürfnife ber juriftifc!^ nodi 
unüorgebilbetcn Sugenb, lag il^m fern unb bereitete i^m menig 
tSefriebigung ; ben nid^t publiciftifcf)en ^äc^ern ftanb er nad^ eigenem 
^eftänbni^ Siemlic^ fremb gegenüber; auc^ mag etmaö 3^^^ff^"^^ 
iaran fein, ujenn er gelegentlich beflagt, in 3^übingen unb granffurt 
ungeeigneten ©oben gefunben ju ^aben, toä^renb er ju ^aUe ober 
beffer noc^ ju ©öttingen „brilltrt" ^aben n^ürbe. 3eboct) fc^eint 
lD?ünc^t)aufen, ber i£|n 9lnfang 1749 megen ber @inridE)tung eine^ 
bef onberen , umfaffenben , praftif c^ - ftaati^rect)tlidE)en Unterrid^tg in 
©öttingen confultirte, biefer 9fnficl)t nid^t gemefen jU fein, ba er fic^ 
loenig bemühte, 9)?ofer jur 2lu§fül)rung biefer ^lane ju gewinnen, 
lüeld^e Dielmcf)r burcf) ^ütter unb 3tc^entt)all üertpirlticf|t n^erben 
follten. S)er Gifer, mit tt)etd)em Wofer ba^ verlangte ©utacfiten 
unb SRadjträge ju bemfelben lieferte, tüar barum nid)t geringer; t)ier 
iDar eine bibaftifc^e ^rage angeregt, njelc^e i^n tpeit lebhafter 
befd£)ttftigte, afe biejenige beö afabemifdE)en SSortrageö. ©ein ^lan 
ift gerichtet auf praftifc^e Ginfü^rung in bie Stellung bei3 ©efdöäftd'- 
mannet, t)ol)en SRegierung^beamten unb ^olitifer^: nad^ Srlebigung 
beö 5hirfuö foU bie Dolle Steife für berartige Stellungen erjielt fein, 
ba ber B^gling bereite mit ben Ginjel^eiten aller politifc^en fragen, 

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I. SWofcr. 2) ©ürbigung. 321 

mit bcn ^erfönlic^feiteu aller teitenbcn ©taat^männer, mit bem 
©töatfi^rec^t aücr Sönber unb ber Äanjleipraji^ afler ^öfe vertraut 
ift. Äurj, biefer Unterricht fott bo^ leiften, maö fonft bie erften 
3af)re praftijct)er Söefc^äftigung im Amte felbft; er pa^i fo menig 
an eine Uniüerfitöt, ba^ er offenbar ein bereite öoUenbete^ Uniöerfitätö^ 
ftubium öorau^fe^t. Siid^t für ©öttingen, njo man fic^ benn aud^ 
abte^nenb üer^iett, eignete fic^ ein folc^er ^tan, fonbern auöfc^lie^Iic^ 
für SKofer'ö ^ßerfönlid^feit unb öe^rt^ätigfeit; e^ n^ar ber ?ß(an, 
welchen unmittelbar barauf äJiofer feiner ^riöatanftalt in .^anau ju 
©runbe legte, inbem er ben Sntmurf baju bem 5ßublifum gebrudt 
unterbreitete, ©emife märe SJfofer ber Wann gemefen, in foIct)er 
SBeife erjiel^lic^ ju mirfcn, fomeit bie ©c^ule beö Sebenö überf)aupt 
erfe^t merben fonn; ba bie Hanauer Slnftalt aber faum jmei 3af|re 
beftanb, fo ift aud^ biefe ?trt feiner bibaftifc^en S^dtigfeit fc^lie^Iicfi 
unbebeutenb geblieben. 

dagegen bilbet bie proftifd^e 2^^ätigfeit örunblage unb Äern 
t)on SÄofer'ö Schaffen. D^ne offizielle ?lnftellung am faiferli(f)en 
$ofe, ate mürttembergifc^er unb alö t)effen4)omburgifd^er Stegierung^- 
rat^, afe ftönbiger ©onfulent ber mürttembergifd^en ßanbfd^aft unb 
al^ gelegentlicher Sonfulent uujöl^liger ©tanbe^perfonen unb Stäbte, 
bei ben beiben ^öc^ften SReid^^geric^ten unb bei ben beiben ^ranffurter 
2Bal|ltagen, melct)en er beimotjnte; mit gerid^tlic^en, üermaltung^s= 
rec^tlicfien , mirtf|fd£)aftlid^en , biplomatifc^en Sachen betraut: überall 
ift er mit bemfelben ßifer unb ©rfolge tl)ätig, fo rec^t in feinem 
Clement ämifcf)en ben Sittenbergen, bie er mit unerhörter Slrbeit^fraft 
unb mit glänjeuber gaffungögabe nieberpflügt, babei nod^ im ©taube, 
fid^ auö it)nen lunfangreic^e ßoüectaneen bel)ufö literarifdjer S?er=^ 
toertl^ung anjulcgen. 2)a ift i^m nid^tö jU unbebeutenb üon ber- 
fleinften Äanjlei-Jyormalität ab, nichtig aber auc^ ju fc^toierig biö ju 
ber Dermidelten ©taatö^ßontroüerfe l)inauf, baö er nid^t beobachtete, 
erlebigte, betierrf d)te. ©ein pröfente^ SBiffen ift ein fo gemaltigeö, 
bafe eö i^m ermöglicf|t, mäl)renb ber §aft ol)nc alle literarifdjen 
^ülf^imittel ©djriften abjufaffen, ebenfo toie er toä^renb ber SSa^l- 
ßouDente of)ne SSorbereitung auf überrafdienbe Slnträge anberer 
Stegierungen t)in fofort bie umfaffcnbften ©ebuftionen mit Stl^atfad^en 
begrünbete. 2öot|l mag eiS baö ßei^en einer gemiffen SRaiüität fein, 
menn er fid^ fc^meid^elte, in golge feiner ©ele^rfamfeit unb ©efc^öfti^ 
erfat)rung auc^ ben großen biplomatifc^en Slftionen gemac^fen, ja 

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322 92eunte§ StapMel 

bi^tüeilen mit ber ßeitung berfelben betraut jii fein, mu^renb er bocf) 
]kt^ nur ben formgebenben unb berat^enben ©e^iUfen ber eigentlichen 
Staatsmänner abgeben tonnte; innert)alb biefeö feinet Serufee aber 
f)at er Srftaunlic^eS geleiftet. @r tonnte ba gerabeju als ein Crafel 
gelten, beffen unbebingte ß^rlidjfeit unb Oiefinnungötüd^tigteit übex^ 
jeben ^^^if^f erl)aben war. 

SKojer'S literarifd)e 2!f)ötigfeit ift eine übermältigenb umfangreiche^ 
allein bie Sitel ber öon i^m üerfafeten 9)üd)er füllen ein mähigee> 
©uc^. ©r ift njo^t ber ftärffte Söielfd^reiber ©eutfd^lanb^ unb be^ 
arf)täet)nten 3at)rt)unbertS, baS t)eifet be^ SanbeS unb ber Qdi, in 
loeld^en überf)aupt am meiften jum ©ructe gefcf)rieben tuorben ift. 
?lber feine gange fdjriftftellerifc^e ^robuftion ift tueiter nict|tö aU ber 
9?ieberfc{)lag ber praftifc^en Seiftungen, baS Srgebnife ber perfünlid}en 
?lften:^ unb ®ef cf)äftöerfa^rung ; er bebauert nur ftetS, biefe nicf)t 
gang öertüertl^en ju fönnen, ba er gerabe baö Sebeutfamfte nic^t 
Deröffentlic^en bürfe. ®o, lebiglid^ afe Srudlegung feiner Srfaljrungcn^ 
finb äKofer'S SBerfe ju betrad}ten; au« biefem ®efic^t«puntte ertlärt 
fid^ it)re ganje Einlage unb 5lu0f ütjrung , tt)rc ©törfe unb @c^n)äd)e, 
au« ber 2:f)ätigfeit 3Jfofer'ö afe ©efd^äft^mann feine literarifc^c 
^erfönlicf)feit. 

®or 9Iüem ber ausgeprägte (Segenfa^, in tpeld^em er ju ben 
fonftigen ®cf)riftfteHern biefer rationaliftifd^ ^j^ilofop^irenben, natur^^ 
rec^tlid) fonftruirenben 3cit ftet)t. S)iefen gegenüber ift SWofer junädift 
inftinttii), bann aud^ auS betoufeter Ueberjeugung ber reine Smpirifer,. 
ber allgemeinere ®ä^e aU ^o^Ie ober falfd)e gormetn oerabfctieut,. 
(ebiglic!^ burd) ©ammetn unb 3^1^i"^^^^ft^ß^^^ ber 2:f|atfad)en ju 
ßinfic^t unb SSerftänbnife gelangen lüiH. 35eS^aIb üertpirft er jebe 
•9iüdfic^t auf 5Katurred)t, aber freilid) aud^ auf ®efd|id)te unb 
'Jlntiquitäten, toelc^e it)m als blofee SSersierung unb 9(b{enfung uon 
ber ^auptfac^e erfd)einen. 3)eSl)atb ricf)tet er fid^ ouSfdjfiefelic^ auf 
baS augenblidüd) praftifcf) SBraud^bare, baS S8eif<)iel, baS äRufter^ 
bie SJorlage, fonftatirt tüomög(icf) ein ^erfommen, t)ält fid^ aber, 
too ein foIc{)eS nicf)t üorfiegt, immer nod) lieber an ein öereinjelte^ 
^.^orfommnife ober an bie entfernte Slnalogie eineS foIct)en, als auf 
allgemeine Siormen äurüdjuge^en. S)eSt)alb t^eilt er bie gefammetten 
©ofumente bem Sefer möglid^ft üoUftänbig mit, o^ne Äritif nodf) 
3?orbef)alt, mit lebiglid^ üerbinbenbem Sejrt, in d^ronotogifd^er 9leil)en^ 
folge. 3Rit berfelben @ett)iffent)aftigfeit unb unerfd)ütterticl)en 6^rlidö= 



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I. SWofcr. 2) SBürbtöung. 323 

feit, tpelc^e er im Se6cn betüii^rte, giebt er in feinen ©d^riften bie 
t()at)äc!)lid| uorI)anbene Sage tuieber, — um fie ol)ne SBeitereig aU 
!?Rec{)tölage fiin^une^men. SBenn er nic^t tüeiter gefjt, t)on ben Sinjel* 
f)eiten nic^t jum 9(Ugemeinen miffteigt, an bie 3;t)at)a^en nid^t ben 
3J^aftftab red)tlic{)er Siegeln anlegt, fo unterbleibt bieö nic^t mangels 
2c{)arfbtidt, tt^ie einjelne ^^eitgenoffen meinten; eine folci^e SÜränfung 
fonnte er burc^ einfadjen 5)inn)eig auf feine gefd^äftlid)e 2!^iitigfeit 
^^urudff erlagen. Sl^er ^anbeft eö fid| um biejenige 9lbn)cfenl^eit üon 
pt|i(ofopt)ifd^em Sinn, tuefcf)e ÜKofer aud) fonft be!unbet, fo bafe i^m 
„Sl)ftem" fd)on jebe beliebige, leidet überfid^tlid)e 9lnorbnung Reifet, 
o^ne 9iüdfftd)t auf innerlichen 3iM"ömmenl)ang ; tjinju lommen bie 
3)JängeI in ber erften SSorbilbung, ipeld^e er nie ganj übertounben 
^ot; entfd)eibenb aber ift eine geiuiffe 9D?ut^Iofigfeit. 9Bie er im 
Seben bei allem SJiuttie bee ^Dutben^^, bei alter ©rgebenl^eit, bie unö 
feinen S^arafter fo ft)mpatf)ifc^ maci^t, ol^ne ben n)al)ren SKutt) bc^ 
•t^anbetnö erfc^eint, fon)eit if)n nic^t ba^ ftrenge ^flid)tgefü]^t ju 
fotc^em 2RutI)e gerabeju än)ingt; toie er ot)ne ©ntrüftung ba^ ^6)lei)ic 
in ber SBelt, 'bie Hebel , bie il)n unb fein 9Sater(anb treffen, l^in- 
nimmt, al§ ob eö nid^t anberö fein fönnte; tt^ie er bie t)orf)anbencn 
9{ed)te pflid)tgemä6 feftfteHt unb öert^eibigt, e^ fic^ aber nid)t cin^^ 
fallen Wfet, neue ^u forbern, fo fef;r ba^ Sebürfnife baju auf ber 
.panb liegt: fo (jrgicbt er fic^ aud^ al^ ©c^riftftellcr , ol^ne bie Sbee 
ber SJibglic^feit eineö anberen SSerl)attengi, ben STliatfad^en, n)ie fie 
nun einmal liegen, ^a^ rt)ar freilid) gerabe bamafö, gegenüber ber 
abftraften Steigung ber 3^'*/ fl^^ife ^"^ boppelt tt}ot)ltf)ätige^ @egen= 
gen)id)t; e§ t»erlei^t ben 9D?ofer'fd)en ©d^riften, xok e§ il)re äKaffen- 
^aftigfeit erflärt, ben bleibenben SSert^ aller getreuen 9Katerialien= 
Sammlungen; aber eö fennjeidinet tro^ allebem SlWofer afö einen 
Sc^riftfteHer beö jtoeiten SRangee, beffen ungefüg gefd^madElofe SSerfe 
jeben aieijei^ ber ^orm mie be^ ©ebanfens^ entbel)ren, jum S)urd)^ 
tefen ebenfo unerträglid) , n)ie jum 9?ac^fd)lagen unentbet)rlid) finb. 
Zo ftel)t SWofer in Seben unb @d)riften oor unsJ al^ ein SWann 
au§ einem ®uffe, unabänberlid^ n)äl)renb ber langen 2)auer feince 
Sebenig, fo baJB jn>ifc^en ben Srftling^= unb ben ®reifen=3Berfen nur 
bie SRaffc beö ©toffe^ unb ber Srfa^rungen einen Unterfd^teb bilbet: 
n)eber ift tjier gröf^ere Äüf)n^eit ober J^rifd)e, nod^ bort ^o^erc 
SJeife ober fd)liefelic^ auc^ irgenbmelc^e greifent)afte ©rmattung loatir^ 
,Vinet)men. 

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324 Neuntes j^opitel. 

Snner^alb bcr tjterinit feftgelegten @d)ranfen fjat SO^ofer fid) 
aufeerorbentlic^e SScrbienfte crmorben t)Quptf öd^Ud) auf jtüet Oebieten, 
auf bcnjenigen bcj^ ©taat^= unb beö 8SöKerrcd|t^. 

3m ©taatörcc^te ift fein eigenfter SJorjug bie abfotute Un= 
parteitid)feit. SBä^reub btö ba^in afle ^ubltäiften, aud^ feitt)er U)ol)l 
bic metften berfelbcn irgenb ein politifd^e^ Sutereffe üertreten, ba^> 
be!§ Jtatferö ober ba^ ber dürften, baö ber Äurfürften ober ba^ ber 
anberen dürften, ba^ beö |)errfd^er^ ober ba^ ber ©täube, ober 
botb auc^ ba^jenige bei^ SSolfe^, — fo fte^t ÜKofer mit üollenbeter 
Dbiettiüitüt bei ber t)ort)anbenen Siec^töfage ftifle. Äeiueötüegi^ unter 
tjöüigem SSerjid^t auf eigene^ Urtl^etl über bie grage, toaö tt)atfäd)tid) 
Dor^anben ift; feiue^ttjeg^ auc^ o^ne bie öemü^ung, öon bem a^or^ 
I)anbenen baö nad^brücftic^er ju betonen, \va^ fürftlic^e |)errfc^fud)t 
leugnen möchte, nämfid^ bie 5Red)te ber ©täube unb aller ©taatj^^ 
bürger, meiere, tt)ie 9)?ofer gerne in 9fiücf griff auf Sleu^erungen be« 
il)m geifte^oernjanbten 9^. S. üonSedenborff feftfteUt, feine „orientalifc^en 
©Hauen" finb; aber bod) ot)ne jebe Xenbenj, o^ne <)^ilofop^ifd)c 
ober gefc^ic^ttid)e Öegrünbung. 9Iud) ob bie üer|d|iebenen oon i^m 
feftgefteHten S^atfad)en fic^ f^ftematifc^ mit einanber üertragen, fümmert 
Söiofer n^enig. ©ijftematifd^e S^agen fteHt er fid) gar nic^t; bie früt)er 
teitenben ©ontrouerfen , ob baö ©eutfd^e 9teid| ein @inl)eit^*©taat 
ober ein ©taaten^ Softem, 3)?onard)ie ober ?(riftofrutie fei, ob bic 
©ouüeränität ätüifc!^en Äaifer unb territorial =^ Ferren, ätoifc^en 
gürften unb 3?olf getf)ei(t fein fi3nne, fallen für i^n ^inttjeg: bie 
3)inge, bie fic^ in ber äöelt ber X^atfac^en mit einanber üertragen, 
üertragen fic^ auc^ in 'SRofer'ö Äopfe miteinanber. ©elbft jur @nt= 
fdjeibung neu auftauc^enber ©treitfragen bebarf er feiner allgemeinen 
^ßrincipien, ba er e§ üorjieljt, fic^ an bie Jlnalogie ber ^räcebeni\= 
fälle JU galten, tt)o nid)t jtüeifeltofe Hebung ober ber JBortlaut ber 
JReic^jggefefte entfdjeibet. föö liegt bod^ aud) in biefer mit SBemufetfein 
burc^gefü^rten , unenblid)e!§ SBiffen unter befc^eibenfter ©elbftent= 
äufeerung aufbietenben 9)ietl)obe ettuai^ ©rofeartige^. 

äWit ben 2;enbenjcn uerfc^minben bie fiiftorifc^en Sonftructionen, 
bie SU (fünften ber erfteren aufjuftellen burc^ Socceji unb Subetuig 
üblid^ geworben tuar. Offenbar in ^olge jene^ mit il)r getriebenen 
SDtifebraudtie^ bringt äWofer ber älteften &t)d)id)te unbebingte^ Wi^^ 
trauen entgegen. @r betont, bafe fie pd^ften^ .^ülfi^mittel, feine^= 
faU^ Duelle be^ ©taatöredjtig fei. 9In if)re ©teile fejjt er ba« ?Iften= 

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I. ^ofcr. 2) gSürbigung. 325 

materiol; fotDcit bic je^t nod^ redjtöbebeutfaincn ?tftcn für irgenb 
eine äKaterie äurücfreid)en, — iinb babei fatin e^ fid^ um 3af|rl|imberte 
f)anbeln — , foiüeit fömmt für it)n bte in blefcn 9(ften entt)ültene 
©efc^ic^te ber S)tnge in ©etrac^t ; barüber I)inau^ nirfjt. S)ie genjattige 
^^ätigfeit biefe^ eminenten ©eic^äftömanne!^ beftet)t barin, für jebe 
fvrage be^ beutfc!^en ©taatörec^t^ bie bitten ju bitben. Sr n)irft nic^t 
fragen auf tuegen xf)vt^ eigenen njiffenfcl^afttidien Sntereffe^, fonbern 
er nimmt biejenigen t)or, tddd)e ^n ©taat^)d|riften unb ju 8Ser= 
t)QnbIungen; ba§ Reifet ju SHten Sfnlofe gegeben I)aben. SRotürtict) 
liegt in biefeu 2(f ten ein gut ©tücf ®efd)i(i|te ; eö tjanbett firf) burcfi^ 
meg um biefetben Duellen, iüeld)e bem ^iftorifer bienen; aber für 
9Rofer fommen fie eben nic^t in Söetrad^t ate ge)cf)i(f)tlic^e Urfunben, 
fonbern ate Elften. ?lften aU ®runb(oge be^^ Staatsired^t^ an bie 
Stelle ber Urtunben gefegt ju ^aben, baö ift bie Spod^e mac^enbe 
mett)obifd)e Steuerung SÖJofer'ö getpefen, n)öt)renb e^ fid^ bei feiner 
abfoluten Unparteitid^feit meljr um eine ^ödEift perfönlidie ©igenfc^aft 
^onbelt, um ein guteö Seifpiel, gegeben ber SlRetirja^f ber 5ßubtijiften, 
meiere fid^ offen ju bem ®a|e befannten, tt)efe ©rot ic^ effe, befe 
Sieb ic^ finge. 

©ntfd^ieben ift SWofer in ber S(btet)nung ber ®efrf|ic^te ju tueit 
gegangen; allein biefe SJeaftion gegen bie .^allifc^e SSerquidfung tüar 
mof)I unöermeiblic^. SBie fic^ mit 9D?aöcot) unb ©ünau bie ®efc^ic^te 
üom Staatsrecht emanjipirt, fo mit aWofer baö Staatsrecht öon ber 
(SJefd^ic^te. Sufofem f)Qt eS eine getüiffe Berechtigung, lüenn SKofer 
mof)I ber SSater beö beutfc^en StaatSred^tS genannt mirb, ber SBater 
beS fetbftänbigen , auiS üermirrenber 9i?erbinbung mit ber ©efd^id^te 
befreiten beutfcfjen StoatSred^tö nämtic^. 3m abfoluten Sinne gefaxt 
(äge boc^ n)ol)t in ber öejeid^nung eine ftarfe Uebertreibung ju 
(fünften SKofer'jB, eine uubillige UnterfdEjötning feiner SSorgänger. 

Später beö Staate^recfitei ber einjefnen ^Territorien fönnte man 
if)n )6)on cf)er I)eifeen. ©benfoujenig in bem Sinne, ate ob üorlier 
nod^ gar fein territoriale^^ StaatSred^t betrieben toorben toäre; fonbern 
be6I)alb, tüeif er 5uerft offenen SlidE für bte DoIIe tt)iffenfd^aftlic^e 
®Ieid^beredE|tigung bicfer Stubien unb für bie Sebeutung berfelben 
betl^ötigt f|at. Se(bftt)erftänblid) mo^te eS bei ber bamaligen Med^tö^ 
(age fein, bafe bie 2anbeSf)of)eit, tt)ie fie fämmtlid^en ^Territorien ge=^ 
meinfam »ar, gemeinfame SarfteHung fanb uac^ bem genauen 3n* 
t)a{te ber mit il^r gegebenen ©efugniffe, im ?lnfdE)tuffe an bie in ben 



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326 9tcunte§ Äapitcl. 

ehijeltieu "Jerritorien befefialb üorgefallenen ©treitigfeitcn, al^ ein 
tüefentüdjer ?f6fd^nttt he^ bcutfc^en Staatf^rec^ti^ ; äJJofer'ö Sietgung, 
baö ©anje tebiglicfi aU Summe aller fleinften Xt)eile ju 6etracf|tcn, bringt 
tt)n aber aud) ba^in, jum tDaf)ren 5?erftänbni)fe beö ©taatörec^t^ üon 
®efammt-2)eut)ct)fanb S^enntnijs beö befonberen Staat^^rec^tö mögtic^ft 
Bieter bentfc^er Territorien ju forbern, mit allen lofaten ©inri(f)tungen 
unb ©igentl)ümlic^teitcn. 2)e6^alb bearbeitete er in SDionograpl)ien 
u. a. bte @taatöirecf)te ber brei geiftlic^en JS!nrfürftentl)nmer, 1738; 
Don fturbal}ern, 1754; öon Öraunjc^n^eig, 1755; ber ^l^falj, 1763; 
ber ^üc^fttfte Jliig^bnrg unb Sonftanj, 1740; ber 5^ürftentt)ümer 
"Unf^ait unb Sabeii, 1741 unb 1772; ber 9(bteien Sieic^enau unb 
Sainbt, 1740; ber ®raf)d)aften üon ber Seijen, ^lettenberg, ""Jßxix^ 
mont unb @al)n, 1744 unb 1749; ber 9teid)^[täbte ?lad)en, 3^11 am 
.^ammeröbac^ unb Slürnberg, 1740 unb 1741: fo baß in biefer 
Sammlung für jebe 9(rt üon SReic^i^ftänben unb innerhalb jeber 9lrt 
für getftlic^e unD tüeltlidje, gri)ftere unb fleinere ^Territorien fid) 
©eifpiele finben. J^reilid) finb üiele biefer 35arftellungen lüdenl)aft; 
je nadjbem DJiofer ä^UöHig baö ÜKaterial jugänglic^ tüar, finb bi^:= 
toetlen ^auptpuntte fibergangen, bii^toeiten aud) SZebenpunfte nnUer- 
fjältniBmafeig au^füfirlid^ be^anbelt. ^^rofebem ift regelmäßig eine 
einl)eitlic^e 35i^pofition, iüelci^e SRofer fid) uorge^eidjnet l)atte, burd)- 
geführt, tooburc^ ber S8ergleid) ber einjetnen Stüde mit einanber 
unb bte Ueberfidjt über ba^ ©anje mefentlic^ erleid)tert ttjirb. Jlufi^ 
allebcm erhellt, bafe e^ SBofcr auf ü\va^ ganj ?lnbereö anfam, al<^ 
auf bie bi^^ljer (ebiglid^ üblid^e lotolc Öetrad^tungöweife, bei n)eld)er 
man fid) um ba^s; 9ied)t etne^? jeben 3!errttoriumc; nur innerl^alb bc^s^ 
felben fümmerte. Cffenbar n)iU ü)iofer einen Uebcrblid über bae 
gefammte beutfc^e 3!erritorial'2taats^rcd)t gemiunen. 2)em entfprid)t 
eö, baß er eine „ßet)re be^ bcfonberen 2taat^^red)t« aller ein- 
feinen Stäube besJ f)eitigen römifd)en 9Jeid)i^" n)enigften<:J geplant 
f)at, unb baß er fpäter einmal biö ju ber 2)efiuition uorgebrungcn 
ift, er öerftet)e unter bem befonberen beutf d^en Staat*3red)t „bie Staate* 
üerfaffung berer einjetnen teutfd)en 5Reid)fi4)tänbe unb anberen 9ieid)^^ 
unmittelbaren in ^Infel^ung il)rer ^erfonen, J^amitien unb öanbe." 
9luf biefe 3Beife ^at fc^ließlid) SJiofer bie 3bee einei^ gemein- 
famen, auig allen Sonberred^ten abftrat)irten 3:erritorial:^Staat$red)te 
t)on Sieutfc^lanb vorbereitet, eine Csbee, luelc^e ,^toar ebenfo ttjenig 
tt)iffenfd)aftlic^e Berechtigung ijat, \m bie if)r für baö ^rimitrec^t 



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I. ?Wofer. 2) SBütbigung. 327 

parallele üon bem auö allen beutfc^eu Jerritoriafrec^tcn abftrat)trten 
gemeinen beutid)en ^riüatrecf|t, meiere aber eine gleich bebeutfame 
tRoUe in ber @efd)i(^te ber beutfdien 3te(i|tön)iffenfd)aft unb be^ 
beutfct)en Gin{)eit^9efüt)(e5§ ju fpielen berufen tDar: namenttid) ate ba^, 
auf beutfd^en 9teicf)$ige)egen beru^enbe, tDirflid^ gemeine ^territorial 
rec^t mit ber Sluftöfung beö SReic^e^ äufammenbrad). 3Benn man 
auc^ aföbann nod^ an einem ^»allgemeinen bcutfcl^en ©taat^red^t" 
feftt)ielt, f ift bieö burd^ jene 3bee vermittelt unb ermöglicht n^orben : 
bie erfte Stnregung baju aber get)t unmittelbar auf SRofer jnrüdf, 
felbft über $ßütter ^inrt)eg, ber auf biefem ©ebiete njeniger einge= 
griffen ^at. 

C^ne jegliche ©infd^räntung üerbient enblid) 3Kofer ber Später 
^eig pofitiüen SJölterrec^tö genannt ju n^erben. S)ie Stnfä^e ju einem 
fold)en SSölferrec^te, tüie mir fie ^auptfäd)li(^ bei ben Spaniern unb 
bei 3llbericu^ ©entili^ fanben, njaren auf mef)r alö ein 3a^rf|unbert 
t)üffnung!gloö burc^ ©rotiu^ unb $ßufenborf niebergetüorfen njorben, 
l'o baß jene aljo SBorgänger im ©inne einer njirflid)en Eontinuität 
für 2Rofer nic^t in Setrac^t fommen; ba^ naturrec^tlid)e SSölferred^t 
aber roar nidjt über ba^ SBolf fd)e 5ß^antafiegebilbe eine^ europäifdien 
tBölferftaateö t)inauögelangt. Sebiglid) an^ feinem ftaat^^^ unb ge= 
fd)äft^männifc^en Sntereffe an ben üorliegenben 9Ser^ältniffen ^erDor, 
auö feiner ^Beobachtung beröeäief)ungen, n)ie fie fic^ t^atfäc^lid) ätt)ifd)en 
ben europüifc^en 3)iäc!^ten entn^idelt tjatten, ber SSorgänge, tpie fie 
fid) t^atfäc^tic^ üon Äan^lei ju Äanjlei abfpielten, fc^uf SOiofer fein 
Siölferred^t. Sr nennt e§, im Oegenfatje ju ben tlaffifc^en unb ju 
ben pf)ilofopI)irenDen Set)ren, ba^ „je^t üblit^e europöifc^e" 3?ölfer= 
xeci^t, beibeö ©infc^riinfungen, toeldö^ ben 9iagel auf ben Äopf treffen, 
^reilic^ Derjic^tet er f)ier, too e^ fid) um ©anbiungen fouüeräner 
dürften unb Staaten [)anbelt, nod) unbebingter auf jebe§ Urt^eil, 
als im beutfc^en Staatöred)te, begnügt fid) nod) augfd)lie6lic^er mit 
bem bloßen SWegiftriren, o^ne jebe Segrünbung ober 9Serallgemeine= 
rung. greilid) aud^ laufen if)m nod) ^öufig ber Segriff biefeso feinet 
tBölterrec^tg unb eine^ allgemeinen europäifd)en Staatenrec^t^, U)eld)e^ 
finen Ueberblid über ba§ Staatsrecht aller europäifcf)en Staaten 
^ebm foll, jufammen. 3lber gett)i6 toirb man beibeö ^ier gerne ent- 
fd)ulbigen, alö neben ben £id)tfeiten feiner Seiftungen unoermeiblid^e 
Scf)atten. S^Qt fiel) boct) in ber le{3tern)äl)nteu 93erbinbung t)on 
€uropäifc^em 3?ölfer= unb Staat0red)t nur biefelbe f^ntt)etifcf)'inbuftiüe 



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328 9icimtc8 ^a»)itci. 

©cifte^rit^tung, tvddje ju einer Beobachtung beö pofitinen 3SöIferrec^t§ 
überl^aiipt S)?ofer jurüdgefül}rt f)at, biefetbe 3)enftDetfe, welche ju 
iüQ^rer Äenntntfe be§ beutfdjen ©taati^rec^tg Äenntnife be^ (Staate 
red^tö bcr etnjefnen beutfc^en ^Territorien öertongt unb fo ber S8e^ 
]^errfcf)iing beö gcitiäcn pubüciftifc^en SOJateriatö in immer weiteren 
fireifen snftrebt: SRed^t ber einjelnen beutfc^en Territorien, Siedet 
®e)ammt=2)eutfd)lanb^, SRed^t aller enropäifdien ^taattn, europäi|cf)e§ 
aSöIterred)t. Unb erft red)t mar geiuig ba^ SWofer'fdie 3.^erfal)ren, 
bloß S:i^at)ad^en ju fammeln, angezeigt, n)o e§ fic^ um ©runbfegung 
einer neuen pofitiDen Äenntnife, ujie in biefem galle, t)anbe(te. Siej^ 
SSerfa^ren fc^liefet übrigen^ feine^n^egö au§, ha^ ber S.<ertaffer für 
fid) fiXi red^t fierben Urt^eifen über mand^e nölferredjttic^e ©reigniffe, 
t)om religiöfen unb et^ijd^en @efid)töpunfte auö, gelangt toSre; bie^ 
fü^tt man gelegenttid) red^t tuof)l burc^, obfc^on er eö auöjufpredien 
fid) nic^t für berufen erachtet. 

90?it bem Staatsrechte ftef)en ;in)ei mef)r untergeorbnete gäd^er 
in 3i^f'^^"i^^^ö^9/ fö^^ luetcfie 9)?ojer gleic^faDö SebeutenbeS ge- 
reiftet t)at. 

3unäc^ft ^rojefe unb ^rajiS ber ^öd^ften SReidjSgeric^te, beren 
jtl^ätigfeit ja für bie ©eftaltung ber pubticiftifd£)en Streitfragen ma6== 
gebenb war, nic^t bfoS fotoeit biefe bortljin gesogen n^urben, fonbern 
fon)eit fie auc^ nur bort^in gejogen loerben fonnten. 9)?o)er t)at 
fidf) ba tiauptfäd^Iid^ bem 9?eic^§t)ofrat^ jugetoenbet, beffen jtt)ätigfeit 
einfeitiger ftaat§rec!^tIic^==poIitifd^ hjar atö biejenige beS 9?eid)öfammer:= 
geric^tö, ol)ne jebod^ le^terem ganj ferne ju bleiben. SWamenttic^ l)at 
er eine Steige Don ^räjubisien beS 9teid^öI)ofrat^S üeröffenttid^t unb 
bemfelben eine umfaffenbe SD?onograp]^ie getotbrnet. @o t)at er iüefent^ 
lid^ beigetragen ju ber Verbreitung bcr Grfenntnife, bafe eine grflnb:= 
lid^e, burd^ eigene ?lnfd)auung ertt)orbene Äenntnife beiber ®erid)te 
für ben beutfc^en ©taatjBrec^tS^Sc^riftftcKer unentbel^rlid^ fei, ebenfo 
wk eine minbeftenS elementare, auf Uniüerfitäten ju erttjerbenbc 
Sl'enntnife berfetben für jeben beutfc^en Suriftcn. S)amit ftet)t im 
uÄc^ften 3"föntmenf)ange bie 9[uöbi(buug einer befonbercn Siteratur 
ber (Sameratiftif, in ©^ftemen unb Sompenbicn, tpie barüber bereits^ 
an anberer ©teÖe ju berid^ten tuar. 

2)aa anbere gac^, toeld^eö noc^ 5u ertoöl^nen bleibt, ift bie 
2iteraturgefd)id^te beö Staatsrechts. ?luc{) t)ier \)at \\ö) äWofer'S 
eiferner gteife unb fein unermüblid^eS Streben um öe^errfd^ung atteS 



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I. Wlo\tx. 3) einicinc @d§riftcn. * 329 

für fein ®cbiet SBiffcnöluerttien 6ctl)ätigt. §anb in ipanb mit feiner 
unbeftec^Iidien (£t)rlid^feit, feinem gefnnben SKenfc^enöerftanbe nnb 
feiner felbftbemufeten Sefc^eibenfjeit l^dt bieg ju einer 3Jeif|e öon 
Schriften 9efüf)rt, n^elcfie firf) ftetsi bnrd^ SSoÖftänbigfeit unb ©enauig^ 
feit, fiaufig biirc^ treffenbe Urtfieile oii^äeici^nen. 

35agegen finb bie wenigen Beiträge SÄofer'ö jum beutfcfien ^riüat- 
rcd)t, ja felbft biejenigen jn bem publiciftifc^ ntil^er üertt^anbten fielen- 
redft bebeutung^Ioö. ©eine firei^enre(f)tUci)en SBerfe fommen bio^ für 
baö ©taatöfir(^enrec^t in ©etrac^t; biefe^ anlangenb, fo fjolten fie 
unter 2l6tel)nnng beö foUegiafen ba^ rein territoriale ?ßrincip, in 
Sejng auf bie ))roteftantif(J^en ßanbe, aufrecf|t, unb f äffen bem 
fatt)olifd^en ©tanbpunfte eine, üon ollen ©el^äffigfeiten freie, um= 
faffenbe SBürbigung ju 3;i)eif werben. 

3) 6g erübrigt, einen rafc!^en StidE auf bie einjclnen SBerfe 
aWofer'g ju ttjerfen, ipobei jebod^ nur bie gang befonberg bebeutenbeu 
ern)ät)nt tüerben fönnen. SlIö folc^e feien genannt: 

Anleitung jum 9Jeid)gt)ofratl^gproäe6, üier %i)txU, J^ronffurt 
unb Seip^ig 1731—1737, bag erfte berartige SBerf, äuöerlöffig, gefeiert 
unb einfid^tig, aber o^ne jebe Crbnung nod^ irgenb ttjeld^eö ®leic!^= 
mafe ber S)arfteDung, eigentlich eine ^fuja^t Hon öerfd^iebenen 2lb= 
^anblungen. 

©runbrife ber f)eutigen ©taatgöerfaffung Uon S)eutfd)Ianb, 
3;übingen 1731, bie ©runblage unb, namentlich in ber relatio (eic^t 
überfic^tüd^en 9lnorbnung, ber fc^ematifdje ©c^Iüffef ju allen fpäteren 
bSnbereid^en SBerfen SKoler'g über beutfc^eö ©taatgrec^t. S)er ®ebrauc!^ 
ber beutfdjen ©prad^e toirb im 3?ortt)orte auö facf)Ii^en unb patriotischen 
©rünben mit njarmen SSorten gere^tfertigt, tüie bcnn SKofer fid^ aud) 
n)eiterl)in burd)tüeg babei gehalten t)at. 

„%cx\t]d)e^ ©taatgred^t", fogenannteö grofeeö alteg, fünfjig %i)eik 
unb ätoei 3;^eile B^O'ä&e, SRürnberg 1737—1753, fed^gunbämanjig 
Söänbe nebft ^auptregifter , äWofer'g ftaatgre^ttic^eg ^aupttoerf; 
alle @emof(n^eiten unb Hebungen, bie Privilegien beö Äaiferg unb 
ber ©täube n)ie bie fteinlid^ften ©uralien, alle Sontrooerfcn unb 
Prätentionen ber ©täube untereinanber ober im SSertjältniffe jum 
Saifer ober ju i^ren Untert^anen finb erjäl)lt unb be^anbelt, alle §lften 
barüber jufammengetragen mit gleid^er SSoUftänbigfeit unb ßuöerläffig^^ 
feit öon 9tnfang big ju Sube beg langat^migen SBerfeg, für eine 
SWaterie nad^ ber anberen. S)en Suriften, tt)elc^er irgenb eine 



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330 9?euntc8 llopitcl. 

^tnjeffrage beö a(tcn 9ieirf)^red)t!^ verfolgen tüiH, tüirb eö foum je 
uu6elef)rt entlaffen. 

„Seutf^e^ ©taatj^red^t", fogenanntejS neue§, ätüeiunbbreifeig 
^änbe, an öerfd^tcbenen Drtcn (Stuttgart, granffurt, Seipsig) 
erfc^tenen 1766—1774, mit 9tegifterbanb t)on 1775. SBie man 
smarten Xüixh, Ijmbdt e^ ftc^ tueber um neue ?(uffaffung noc^ um 
neue ©ruppirung, jonbern mefentlic^ um ftoffficfie SRad^träge, in 
tüeldje aHe§ jn^if^en^eitig lüteber angefammefte 50?aterta( abgelaben 
tüirb. @iu5etne äJiatericn finben nocf) eingeljcnbere S8el)anblung afe 
früher, namentlich biejenigen t)on ber Sanbe^^otjeit in njettlic^en 
fingen, njeldje nad^ il)ren Cöjecten in neun Untera6)rf)nttte jerlegt 
nnb in ebenfoüielen Sänben bearbeitet ift. 

SWeuefte ®e]c^icf|te ber teutfd^en ®taat^rerf)tsle^re unb bcren 
Se^rer, granffurt a. SJ?. 1770; ein trefflidje^ Heiner Söüd)Iein mit 
flarem Ueberblid unb jcf|(agenbem Urtt}eit. 

3?erjuc^ be^ neuesten eurüpäii'ci)en SSöIferrerfjt^ in griebenö^ unb 
Äricg^^^eiten, üornctimUcf) au^ benen Staatö^anbhmgen ber europäifc^en 
2Jfäcf)te, aud) anberen Gegebenheiten, fo fid) feit bem 2^Dbe Äaijer 
(Sarl^ VI. im 3af)re 1740 s^igetragen t)a6en, 10 ZtjQik, t^eifö 
Stuttgart, tfieife ^ranffurt a. 50?., 1777—1780; aÄojef ö üölfenred^t- 
Iid)e^ ^aupttnerf, luelclie^ eigentlid) nur ber 35orIciufer eine^ großen 
S^ftem^ fein füllte, aber aud^ fdjon für fid) ein füld)e^ barftellt. 
öeseidinenb für bie 3trt unb SSeife TOofer'fd^er Snbuftion ift ba^^ 
Sebürfnife, an möglidift neue Sreigniffe anjutnüpfcn, of)ne auf üer- 
aftete 3wffönbe jurürfsugreifen ; bie ju biefem Set)ufe bei bem 3af|re 
1740 gesogene ©renje üerrätf) treffenben Öfid für bie gefc^id)tlic^e 
®efammt=@ntlüid(ung ber Guropäifc^en Staat^^^ unb50ifad)t'3Ser^äItniffe. 

9?orb=9Imerifa nac^ ben griebenc^fdjlüffen ü. 3. 1783, brei ÖänDe, 
1784 unb 1785 erfd)ienen: fdjon bas^ 1t)ema biefer le^jten grofeen 
'ilrbeit geigt, tocldje SSeite be!§ Slideö unb tüeld)c 9{uffaffung^fraft 
3)iofer bi^ julegt fic^ betüa[)rt tjat. 

58on allen Schriften äJiofer'ö aber ift für ben Sefer bie njeitaui? 
erfreulidjfte bie ®d)i(berung feineö eigenen Seben^, in it)rcr Sd^lic^t^^ 
I)eit unb 'Jfufridjtigfeit , auf Öirunb bcrfelben (Sigenfc^aften, njegen 
beren bie lüiffenfc^aftlic^e Sebeutung unb ?lutorität bei? trefflichen 
üJJanne^ t)on ber SBürbigung feiner ^erföntic^teit unb feiner Seben^ 
f Urning unabtrennbar ift. 



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II. ^üttcr. 1) Scbcn. 331 

II. 1) 3ol)Qnu ©tepljan ^ütter ift geboren ju !3ferIo^n 
<im 25. 3unil725; iurtftifrf) ^erangetnlbet lüurbe er ()Quptfä(i|Itd) 
burc^ ©ftor, an toelcfien er fic^ ju 3)Jarburg auf's; engfte anfrf)lofe. 

SBereit!^ met)rfac^ tüurbe barauf l)mgen)iefen, tüte 3)Wncf)I)aufen, 
l)er ^allifcf)en Schule entfproffen unb ftet« üou bem SSJiinjrfic geleitet, 
eine SSieber^oIung ber erften großen 3^^^ ^aßes an ber juriftiicf)en 
Jyafultöt feiner Unioerfität ^erbeisufüfiren, einen Grfolg in ber ^öf)e 
biefer Stnfprüc^e junädift nic^t ^atte erringen fönnen. 9?ament(id) 
ba^ publiciftifc^e ©tubium, für tvdd)^^ er fid^ ttjiffenfc^aftlic^, focial 
unb öconomifrf) befonberö intereffirte, njoUte nid)t recf)t gebeifien, 
obgleich eö in ben beiben Hauptfächern nic^t eben übel vertreten roar, 
burc^ 3. 93. Äöt)Ier in ber 9ieid)!ogefc^ici^te unb burdj Sc^maufe im 
eigentUcf)en Staat^rerf)t. ?lber ftö^ler, ein gele()rter 9Jeict)!§f)iftorifer 
in ber bamafe üblichen Slrt, beffen Sonberftubium in „Wür\^^ 
85ehiftigungen" beftanb, ragt boc^ faum über baö SJtittelmafe t)inaufi;; 
unb ber geniale ©c^maufe liefj eö nur aUjufef)r mangeln an &kid)'- 
mafe beö 2ebenö unb beig g^^iß^^- ®^> I^gen bie 2)inge, aU fid) ju 
^fingften 1746 ^ütter bem „ßirofeüogte" üon SUiün^^aufen üorfteüte. 
9tie [}at fid) bie SJenfc^enfenntnife biefe^ tierüorragenben ÜDianne^s 
gläuäenber gezeigt, at^ bamal^: auf ben erfteu 93ti(f n?ar i()m tlax, 
wie er ^ier nid)t nur eine aufeergeiuö^ntidie Begabung unb 3lrbeitg^= 
fraft t)or fid) [)attc, fonbern namentlid^ auc^ einen ßfjarafter, bei 
bem fid^ unbebingte ^w^^tltiffigfeit, befc^eibene 93ereitnjiUigfeit, bem 
SBiücn ber ^Jorgefe^ten ju folgen, unb Steigung ju ftjftematifc^er 
9iut)e ber Cebeu^fü^rung fo öerbanben, bafe er bie ®en)ät)r einer 
bauernb gebeit)(ic^en , nac^ 9Jiünd)[)aufen'ö ®inn leid)t Icnfbareu 
afabemifc^en 3;£)ätigfeit bot. 9hir fo läßt eö fic^ ertlären, baß ber 
Kurator ©öttingenö fic^ fofort ju eben fo au6ergctpöt|nlid)em, n^ic 
groß angelegtem 3?orgel)en cntfc^Iofe, inbem er fic^ einerfeiti^ ^ütter^i 
burd) einen am 2. 3uni 1746 befc^tuorenen Steuert auf Seben^äeit 
t)erfid}erte, anbererfeitö beffen ganje £aufbal)n burc^ ©cgenurfunbe 
Dom 10. 3uni regelte. 2)arnad) njurbe ^ütter fofort jum aufeer- 
orbentlic^en ^rofeffor mit (.^eljalt ernannt; inbeffen follte er ;^unäc^ft 
eine le^te ©tubienreife antreten, nad) SBejjlar, 9Jegenöburg unb SBien, 
afe ben brei Orten, n)0 bamal^ nod) ein lebenbiger ^^ufefc^lag be^^ 
9teic^*@taat^red)t^ Su beobad)ten mar. So lange noc^ ilofiler unb 
©c^mauH bie publiciftifd)en .^auptfäd)er bcfefet l)ielten, foIIte er einft= 
tt)eilen btoö über SReidj^pro^ef? lefen unb trä^renb beffen fid) ftaate^ 



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332 Neuntes fia|)itel. 

red)tlic^ iueiter fd^ulen an einer großen ©ommlung t)on Urfunben 
unb 5(ften, bie 9Kün(^l)aii)en \db\i sufömmengebrac^t l)atte unb i()m 
ju biefem S8et)ute überfenben ju njoKen üerfiiefe. Snblid) aber follte 
bann 5ßiitter, fall^ er nid^t alle in if)n gefegten ®rtt)artungen täufc^te, 
bie erfte freitperbenbe orbent(icf)e publiciftifclje 5ßrofeffur erhalten. 

®enQU naä) biefem Programm i)at ]\ä) ^ütter'ö langet fieben 
abgefpielt. 9Jamenttidj ift er tro^^ aßer SJerlodCungen ®öttingen 
nnDerbrüc^Iic^ treu geblieben; burd^ feinen genjaltigen fie^rerfofg 
mürbe ber 9luffdE|tpung ber (Söttinger gafuItSt in ber jtüeiten $>älfte 
beg 3ci^rl)unbertö, nad) Uebertuinbung ber burd^ ben ftebenjäf)rigcn 
Ärieg hervorgerufenen ©törung, Ijerbeigefüljrt ; feit er uon jener 
©tubienreifc 1747 surflrffefirte, ift bie ®ef^icf|te feinem i?eben§ nur 
nocf( bie ®efrf|ic^te feiner ®öttinger SSorkfungen. 

®r eröffnete biefe mit einem fd^tood^ befurf)ten Äolleg über ben 
SReid^gpro^efe ; baneben ober (a^ er mit mel)r @rfo(g über beutfc^ed 
^riöatred^t, unb befc^äftigte fic^, auf 3Wünc^I)aufen'ö 3Bunfc^, mit ber 
(Sinric^tung eiueö praftifc^en ßoHegö für junge 5ßubliciften unb Seamte. 
J^anb er fic^ t)ier auc^ mit ben be^Ijafb bei SRofer eingeholten 3ii\tf)= 
fd^Iögen nic^t in Uebereinftimmung , unb fam auri^ bie ©adE|e nic^t 
in fo umfaffenbem SWafee, tpie urfprflngtid^ geplant, jur ?(usiful)rung, 
fo ging bod) auö it)r ein SoHeg l^eruor, tüelc^eö feitbem ju bem 
bleibenb fcften Seftanbe ber 5ßfitter'fc^en 2et)rftunben gel)örte, unb 
ha^ fi^ ^ierburd^ in ©öttingen, jum grofeen i^ortt)eiI ber Suri^^' 
prubeuj fibcrl&aupt, feft einbürgerte, baö fogenannte Practicum juris. 
S)arin njurben unter ^fltter'i^ Einleitung nad^ SJorlagen, J^ormularen 
unb ?lften praftifc^e ^liDe a\\^ allen 5:t}eilen be^ 3ted^t^ bearbeitet, 
in anfteigenber ©d)tüierigfeit, t)on bloften Surialien bi^ 5U t)er= 
^üirfelten priüatredjtlid^cn ^Relationen unb publiciftifc^en 5)ebuftioncn 
l)inauf. 3m 3af)re 1749 njarb ^ßütter aufierorbentlid^er Seifiger 
beö ©prud)f oUegium^ ; er übernat)m Dftern 1750, ba ©d^maujs feine 
fie^rt^ätigfeit einfdjränfte, bie Siorlefungen über SReic^^gefc^id^te unb 
über 5}Jrolegomena jum beutfc^en ©taat^red^t, obfdjon nod) nid^t 
über biefeö felbft; 1753 ujurbe er orbcntlidjer 5ßrofeffor unb 1757, 
nadEi ®d}mau6' 5^obe, beffen 9?ad)folger, awi) für baö eigentlid)e 
©taatöredjt^-'eollegium. (£r ttjurbe 1758 .t^pfratl), 1770 ©el^eimer 
Suftijratl), 1794 professor priniarius juris unb Crbinariud ber 
gafultät. ©eine regelmäßig toäl)renb aller biefer 3al)re gehaltenen, 
nur fpäter^in über meljr ©emefter t)ert()eilten ^riöat^SSortefungen 



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II. «ßüttcr. 2) Schriften. 333 

tuaren beutfd^eö ©taatörec^t, SReic^^gefc^id^te unb juriftifd^cö ^ßrof tifum ; 
baneften lo^ er oblüed^fclnb öffentlich über 9ieidE|^proäefe, jnriftifc^e 
©nc^ftopäbie, Siteratur be^ ©taot^rec^tj^, ^riDat^^^ürftenrec^t, Äirrfien- 
ftaQtöred)t utib (ejegetif^) über ben tveftfälijc^en grteben. 2)eutf^eö 
5ßrit)atrec^t liefe er fotlen, feitbem er bie üoUe SSertretimg ber ftaatö- 
rechtlichen gäcf)er erl^olten l)atte, 3Binter 1755; ben Steid^öproäefe 
gab er gegen @nbe ber Qd^tjiger Sa^re auf ju ®unften üon Sodann 
^riebricf) Siranbiö, bie ©nc^floptibie gleid^jeitig ju fünften §ugo'd. 
^er SSefuc^ feiner SoUegien ftanb auf ber §ö^e ?lnfang^ ber 
fiebenjiger 3at)re, tt)äf)renb einer ^^Jeriobe, ftjeldje überhaupt bie ®(anj- 
jeit ©öttingen^g bilbet, mit Malier, Wl\6)adi^, S^töjer, ©pittler, 
^e^ne. ?(fö eö 1865 galt, ein neueö*9lubitoriengebäube am ^ronti^pig 
mit S)enfmaten ber t)ert)orragenbften ^ßrofefforen ju fc^mücfen, mäl^lte 
man mit 9tecf)t ^ütter neben ^etjue unb ©pittter ate SSertreter ber 
jnjeiten |)alftc be§ ac^tjet)nten 3at)rl^unbertiS. 

®egen 6nbe biefeö 3a^rl^unbert^ nat)men ^ütter'ö ^öfte in 
rafc^em SSerfaUe ab. 2)er ®reiö joUte nocf) ben 3^f'^"^iJ^^tt''i^iJ'^'^ ^^^ 
beutfc^en SReidjeig, beffen 9le(J)t ben SKittefpunft aller feiner ©tubien 
gebilbet tjatte, erleben, aber ot)ne barum ju tüiffen, üöUig umnadjteten 
®eifteö, tüie er bamalö bereite tüar. 9luö biefem ^^f^nbe ^at if|n 
ber Sob am 12. «uguft 1807 erlöft. 

2) S)ie juriftifdjen ©cf)riften ^^ütter'^ finb hervorgegangen au^ 
ben Söebürfniffen feiner 55orIefungen ober auö praftifcf)en Slnlöffen; 
le^tereö gilt burd^meg üon ben Sebuftionent erftereö t)on ben meiften 
übrigen SBerfen. S)iefe afabemifcf)en §ü(föbücf)er f|at 5pütter fteti^ 
tpieber umgearbeitet, nicf)t nur in ber felbftüerftänblic^en SBeiter^ 
fül^rung üon Sluflage ju 2luflage, fonbern Ijäufig in njeit umfaffen- 
berem SJkfee, inbem er mit forttoä^renbem, ^eifeem Semü^en fie 
oon ®runb au^ ju öerüoüfommnen nid^t nachliefe, balb burd^ 
ooHftänbige 9ieufc^affung, balb burcf) 9lu^bet)nung ober 3wf<^^^'"^"== 
jie^ung. @o entftanb jebe^ 9Äal über benjetben ©toff eine Steige 
tjerfc^lebener SBerfe, t)on meieren bie fpäteren balb blo^ al^ neue 
Stuf tagen fic^ bejeicfinen, bolb neue 2^itel führen, oijue baß bie tüefent- 
lieferen Singriffe fteti^ auöfc^liefelicf) in te^terem galle üorlägen. @ö 
njirb befel^alb angemeffen fein, jebe fotd^e Sieilje im ^^f^^^wt^ii^önge 
biö ju il)rem @nbe ju betradEjten, fobalb tüir c^ronologijc^ im SSer= 
laufe üon ^ütter'ö fc^riftftellerifc^er SE^ätigfeit bem erften ©liebe 

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•534 ^DJcunteä Äapitel. 

berfetben begegnen. 2)amit serföUt \in^ ^ßütter's^ titerorift^e 5probuftion 
überfic^tlicf) in üerfdjiebene ©nippen. 

2Sie ^ütter'ö SBorfefnngen, fo beginnen feine njiffenfd^aftUc^en 
i?eiftungen bei bem 9leirf)^proäefe. Sfn eine Sieil^e bon ©iffertationen 
über biefen ®toff nnb an eine ©eorbeitnng bes; Sftor'frf)en ^rojffe^ 
u>erfeö fc^tieftt [xä) ber eigene tobellarift^e Gonspectus rei judiciariae 
Imperii, 1748. S)ieö hirje SBerf entfaltete fid^ ju ber umfangreichen 
Introductio in rem judiciariam Imperii üon 1752. Qxi ©rnnbe 
gelegt ift bie f^ftematifrf)e ©int^eilung in ©emeinfameö nnb Söefonber- 
t)eiten, mit jebe^matiger Unterabtt)ei(ung in ®ericf)töüerfaffung nnb 
a^erfa^ren. 2Sa^ {)ier über ben 3i^1^^^^ ^^^ ä^^^t I)öd)ften Sieid)^ 
geridjtc in Ict|rbud)mäfeig fur^er unb farblofer S^ffung tjorgetragen 
mirb, ift übrigen^ nur 9ru^jug auö einem üorangefienben, junädift 
anont)m erfc^ienenen Söerfe: „^atriotifc^e 9lbbilbnng beö I)eutigen 
^uftanbes^ beiber ^ödiften SReid)^geric^te," ^annouer 1749, — einer 
lebl)aften unb anfc^aulidjen, üon Sc^arffinn unb patriotijc^em (Sifer 
jcugenben SiarfteUung be^ Sammerö, toie er in 28c^lar, ber ^artei= 
lid^feit, Xük fie in SSien ()errfd|te, unb ber 2äl)mung, h)eld)er burc^ 
bie ©türfungen biefer beiben §aupttriebräber bie ganje Steic^^mafd^ine 
üerfalten mußte. Sie ujegen beö G5ebraud)e^ ber beutfdjen ©prad^e 
boppelt fü^ne @d)rift ^atte einen fenfationeDen Srfolg, ber in §an- 
noDer nic^t eben angenet)m berüfirt gu Ijaben fdjeint. 3ft beötialb 
and) biefe erfte bie einjige berartig freiere Seiftung ^ütter'ö geblieben^ 
fo entfpridEjt bod) ber burd^ biefelbe an ben 2!ag gelegten ®efinnunft 
ber lebhafte 3lnti)eil, mit toelc^em i^r i^erfaffer bie Äammer=®eric^t^ 
ä^ifitation Don 1767 — 1776 begleitete. Gr äußerte fid) in einer 9iei^e 
Don gleichseitigen 9tuffägen mit 8Serbefferung§t)orfc^fägen, n)el^e fo- 
weit gei)en, baß, njie bei ä^nlid^em 9tnlaffe 3)?ofer, fö auc^ ?ßfltter 
wegen berfelben burc^ einen auöbrüdtid)en ®d)luß be^ Corpus Evan- 
gelicorum (pom 4. S)esember 1776) gegen fiafalifd^e ?Il^nbung ge^ 
bedt werben mußte, ©oweit übrigen^ biefe SSifitation ju pofttiüen 
©rgcbniffen führte, finb biefelben in 5}Jütter'g 5Reicf)!gprüäeß feit ber 
?(uf(age bon 1777 berüdfidjtigt. S)iefe ?Uif(age bringt bemnadj fo- 
Wü£)l ha^ Srgebniß ber testen frampfigen Slnftrengungen bei^ ab- 
fterbenben 9?eid^$förper§ jur SSerbefferung feine§ Suftijwefen^, wie 
bie reiffte ^^^uc^t ber öemü^ungen, wetcf)e ^ütter auf beffen 3:)ar- 
ftellung uerwanbt l^at; fie fann in beiberlei Sejie^ung aU abfd^tießenb 
bejeic^net werben. 

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II. «ßitttcr. 2) ©Triften. 335 

3Rit bem beutfd^cn 5ßriüatrccf)t, jueld^eö ifjim quo Gftor'ö ®rf)ule 
iiQ^e lag, f)at ^ütter cincje^enber fic^ nur fo lange öefafet, bii^ bie 
eigentlich pubticiftijdjen äiorlejungen für ifjn ju ©öttingen frei würben. 
3ener 3^tfc^en5eit entflammt ein Kompenbium für feine ^-ßorlefungen,. 
für meldte i£)m bie SBerfe oon ^einecciu^ unb @ngau nic^t genügten,, 
bie Elementa juris Geniianiei privati hodierni üon 1748. S)ie 
$>aft biefer Sntftel^ung n^irb beutlic^ temerfbar in ber 5)ürftig{eit be^ 
Snljalteö; njel^er üietfac^ meljr auf (Sjjerpte auö Slutoren alö auf 
Quellenftubium jurüdjugefien frf)eint, n^ie benn auöbrücflic^ auf 
Cluclleu'-Sitate nerjiditet ift. Stuc^ ift bem nid)t burd) fpatere Um:^ 
bilbung abgeholfen, ba eben ^^Jütter biefen ®egenftanb ba Ib fallen 
liefe; trojjbem fommt bem 93uc^e ujefentlic^e SBebeutung ju luegen ber 
mett)oboIogi)c^en ®rnnblegung, njie fie burc^ baö SSonuort entroicfelt 
roirb. — 3i^"^<^f^ ^^^ ^^ ^^^^ ®taatörerf)tlici^e fc^arf au^gefdiieben, 
befonben^, rm ©egenfa^ ju (Sftor, "ipoliäei*, ^inanj- unb Äamerat 
rec^t; fobann wirb ebenfo, im ©egenfafte ju ipeinecciuö, aHe§ (ebig^ 
lid) gefd)irf)tlic^ Sebeutfame abgemiefen. 9?ad^bem fo bie ,Slufgabe 
Mar auf ein bem Sitet entfpredjenbeö öiebiet abgegrenzt ift, wirb bie 
Jvragc aufgeworfen, ob e^ ein berartigc^ t)eutigeö gemeine^ beutfrf)e^ 
"ißrioatrerfit uberf)aupt gebe. 3"^^if^ttoö fei baö bie meiften Snftitute 
be^errfdfienbe gemeine Siecht in S)eutfd)Ianb ba^ römifrf)e; jweifello^ 
and) träten bie meiften ein^eimifrf)en 9tec^töfägc bto^ in partihilar^^ 
recf)t(ic^er gorm auf, in ben äai)Irei(^en lofalen ©efejjen unb Statuten^ 
oielfac^ noc^ entfteüt burc^ S9eimifrf)ung romaniftifrfjer fölemente^ 
wie eine foId)e bei ber SSor^errfcfiaft romauiftifc^er Sbeen in ben. 
Äöpfen ber 3uriften unüermciblicf) gewefen fei, unb baf)er junädift 
wieber rüdwärtö befeitigt werben muffe, um bie reinen beutfc^en 
9?ormen ju finben. Stemme man nun aber biefe Säuberung^arbeit 
oor unb ftelle bann bie Stuöbeute an partifutarbeutfc^en ©ä^en ju=^ 
fammen, fo ergebe fi^ eine 91e^nlicl^feit berfelben unter einanber, 
welche ftd) nid)t afö SBerf beö 3"föQ^ erflären laffe, fonbern Iebig:= 
lid^ barau^, bafe i^neii allen gemeine beutfdje SRedjt^ibeen gemeinfam 
ju ©runbe liegen, 3been, welche ba^er au^ eben biefem ÜRateriat ju 
erfd)Iiefeen feien, unb jwar in genügenber Sfnjal)! unb in genügenbem 
3ufammen^ange, um au$ i^nen ein gemeine^ beutft^eö 5}Jriöatreci^t 
äu bilben. S)iefe^ fo gebilbete SRei^t fei bann bod^ wenigften^ ber 
5ll^eorie nad) ein unioerfeHeö, infofern e^ ben gangen Umfrei^ ber 
^eimatt) umfaffe: in ber ^ßraji^ frei(id|, beffen muffe man fid^ 

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336 9?euntc« Äapitcl. 

befd^eiben, fei eö nid^tö njemfler aU uniüerjeU, uielme^r fo, tüie e^ au«; 
jener SKaffe üon fiofatSRed^ten abftra^irt fei, eigentfid) nirgenbtüo in 
Geltung, ha tljatfädjlirf) an jebem eiiiäelnen Ort immer nur ber ein= 
^elne örttidje SRec^t^fa^ Stntüenbung forbern fönne. 3)aö gemeine 
beutfc^e ^riüatred^t, folüeit eä nid^t gonj üereinjett auf 9ieirf|^gefege 
ober auf 9?cirf)^@ett)o^n^eiten fic^ grünbet, ift alfo lebiglic^ boctrinäre 
?l(iftroftion ; biefelbe njirb um f o beffer auffallen, je öollftönbiger ba^ 
lofale Snbuctionömateriol gefommett unb berücffid^ttgt, je fauberer 
barauig bie romoniftifclje Söeimifd^ung abgefd^ieben ift. 3n legterer 
SBejie^ung fei nic^t bloö romoniftifc^e Stuffaffung ber eigentlichen 
9iedE|tj^üorfrf)rift; fonbern fetbft fd)on romaniftifrfie Slnorbnung be^ 
©^ftemö ju üermeiben, ofö burd^ tüelc^e man untüillfürlic^ üon bem 
©eifte be^ beutftfjen SRec^tö abgeteuft toerbe. — 5)aB freili^ alten 
biefen Slnforberungen ber ^rofegomena bie. 3tu^fü^rung toenig ent* 
fpric^t, ift bereits^ I)eroorget)oben; baran vermögen aud^ eiujetne f^fte* 
matifc^e Slntäufe in bem Se^rbuc^e fetbft nidjtö ju önbern, ebenfc 
tüenig toie einige fpätere Seiträge ^ütter'3 jum beutfcf)en ^riuatrec^te; 
bie a^nlüenbung ber ^ütter'fc^en ^rincipien mar t)ietme^r für biefc^ 
®ebiet einem feiner ©c^üter öorbefjatten. 

^raftifd^e ©d^riften ^ütter'^ l)ängen jufammen mit bem 5|Jtane 
eine^ publiciftifc^en ^raftifumö, metc^eö bann ju bem allgemeinen 
„juriftifc^en ^^raftitum" umgefd^affen tourbe, unb mit ber t)ot)en 
58tütf)e biefer festeren SSortefung. 3ubeffen tonnen biefe praftifrfjen 
?tnteitungen, toelc^e fic^ bt^ auf DrtI|ograp^ie unb richtigen @})rac^^ 
gebraud^ au^sbet)nen, fetbftönbigeö juriftifdjeö 3ntereffe nic^t bean= 
fpruc^en, fo nü^tirfj unb bebeutfam bie (Sinric^tung ttjar, in beren 
^ienft fte entftanben. 

Stuf baö 9iaturrerf)t t)at fid^ ^ütter nur öorüberge^enb üerfegt. 
<5)emeinfam mit feinem J^^^^i^i^^^ Sldjentoatl, ber if)m Dftern 1748 
t)on äJJarburg nac^ ©öttingeu gefolgt ttjar, liefe er 1750 ein Sel^rbuc^ 
über bie Elementa juris naturae erfc^einen, in metc^em bie })l)itO' 
füpf)ifd)e ©runbtegung, baö reine SJiaturrec^t unb ba^ allgemeine 
3S6lferred^t üon jenem f)errü^ren, ba^ atigemeine ©taatöred^t unb ba^ 
allgemeine bürgerlid^e SRed^t t)on ^ütter. SBie ft^on auö biefer 3n= 
l)attöüberfid)t einleud)tenb, liegen S35olf'fc^e 9Infd^auungen ju ©runbe, 
jebod) öerbinbet fic^ bamit bie S:^omafifd)e Unterf^eibung bon 9ierf)t 
unb SJJoral nac^ ber Srjn^ingborfeit. ^ütter'ö ©eifteuer ift entfdjieben 
bie geringere. SBemerfensomert^ immertjin, bafe fid) it)m in biefcm 



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II. «ßüttct. 2) ©(^riften. 337 

Söerfe bie SRetfit^maffe barfteKt aU eine ©umme üon Siebten im 
fubjeftiüen Sinne, njorauig fic^ erflärt, bafe er in feinen pofitiü^ 
lec^tfic^en ©^ftemen ftetö nac^ ber Art ber fubjeftiüen Sefiigniffe, 
nic^t naä) ben objeftiDen Stedjtöinftituten eint^eilt. 

®igent^ümlirf)erefi; leiftete 5ßütter, afe er für bie Suri^prubenj 
einer Slnregnng 3Äün^()aufen'0 nadjfam, meiere für alle gafultöten 
collegia praeparatoria getefen jn fe^en lüünfd^te. S)iefem Äoüeg 
atö ©runbrife ju bienen, entftanb ber ,,SntttJurf einer juriftifc^en 
Gnc^Hüpäbie unb $0ietl^obologie", 1757. ®o hirj ba§ ©üc^Iein, fo 
reid) ift eö on Sn^alt unb folgen. S)ie ®ncl)flopübie liefert eine 
faubere ©onberung ber SRec^ti^maffe in bie Hauptfächer, welche fic^ 
äu befonberen 3Biffen)c^aften ju formen im Segriffe toaren: Sfiatur- 
red^t; SSöIferrec^t ; beutjrf)ei^ Staatsrecht; SRömifcfieö unb ®eutfd(e^ 
^riöatrec^t, tüeldje lüieber in bürgerliche^ unb pein(icf|eö 9iecf)t jer^^ 
fallen, daneben fte()en bie befonberen 9iecf|te, ate geiftlicf)eö SRec^t, 
Sef)n0rec^t unb Siedete einzelner Stäube (gürften-SRec^t, ^anbefere^t 
u. f. f.). 3nnert|a(b einer jeben biefer SDiaterien ift bie ^auptunter- 
fc^eibung bie äroifdjen materiellen SRec^töfä^en unb jur 3!)urc^fü^rung 
berfelben bienenben 9ted^tigfä^en. — S)ie äKetl^oboIogie üertangt nidE|t 
nur quellenmöfeigeS unb gefcf)icf|t[id) begrünbeteS Stubium, fonbern 
erf)ebt fic^, namentlich auf bem ®ebiete beS römifc^en ^riöatrecfjtS, 
ha^ fie afe ©runblagc beS ganjen StubiumS anerfennt, ju tpeit auö= 
fd^auenben SJeformuorfc^Iägen. S)ie t)errfcf)enbe 3Rett)obe, römifdje 
unb beutfd^e 93eftanbtf|eile ju einem usus juris Romano-Germanicus 
äu öerfd^meljen, t)atte ^ütter öon je^er im pd^ften Örabc angenjibert. 
i^or allem alfo verlangt er, ba% reine^S SRomifc^eö 9iecf|t Vorgetragen 
lüerbe, unb jmar biefeö ttjieber gefonbert in älteres unb 3uftinianifc^eö, 
unter erflärenber 3?orauffenbung ber politifc^en unb ftaatSred^tIicf)en 
@efc^icf)te 9tomö, aU gum SJerftänbniffe ber priüatrcc^tlicJien öefc^id^te 
unentbehrlich- Sobaun aber fei für biefe SSortröge bie Sd^abtone 
ber Segalfolge aufzugeben, nac{)bem beren üollftänbige Sl)ftemn)ibrig? 
feit flar erfannt unb jeber SJerfuc^ ju il|rer 3iecf)tfertigung gefc^eitert 
fei. 93ietmel)r ujerbe eS fid) barum Ijanbeln, ein Softem frei ju 
erfinben, in Ujeld^eS bie äKaffe ber 9tömifc^en SRecf)tSfä§e fid) am 
Harften uub ric^tigften einorbne. 2)aS n^erbe freilid} junödtift ja^t 
reictie uerfc^iebenc 3?erfuct)e ^eroorrufen, burd) biefe SSietgeftaltigfeit 
aber ba^ Stubium beS SRömifcf)en Sied^t«^ fo n»enig gefc^äbigt werben, 
„ate eö bisher in anberen S:t)eilen unferer Üiec^tSgele^rfamfeit, j. 93. 

£aiib«6cr0, ®ef(6i4te ber beutfcfien 8ie4t»niffenf4aft. Xr^t. 22 

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338 ^JJcunteS Kapitel. 

im Staatsrecht; im peintidien SRec^t, im Sel)nrerf|t, im teutfc^en 
9iecf|t nad)tt|cilig getuefen, tüenn faft ein jebcö neue^ Sel^rbuc^ eine 
neue Drbnung erttjä^Iet t)at. 3)er jenige, ber am grünblidiften ju 
SBerfe gef)et, tüirb boc^ am @nbe ben ^reis baöontragen unb ftc^ 
in ber 3^t}at ein unfterblirf)e^ SSerbienft mad^en." 

3)aS ®e6iet ber beutfd)en SReid^^l^iftorie tüar \tit 3(uf(ö)ung ber 
^attijc^en @d)ule ttjefenttid) ber ))oIitifd^en ®efrf)id}tjg)c^rei6ung an- 
gefallen. ®S ber Suri^prubenj ju i^rem 2:^eile jurücfjnerobern, fe^te 
fid) ^ütter in bie Sage, inbcm er einerfeitö s^ar alte ®efd|id^te oug 
ber Se^re be^g gettenben ©taatigrec^tö auöfdjlofe, anbererfeitS aber 
ate nöt^tüenbige SJorbereitung fflr biefe Se^re bie Äenntnife uon ber 
t)iftoriic^ett Snttüidlung ber beut)d)en ftaatSredjtlid^en SJer^tiltniffe 
forberte. 3)amit gewinnt er bie Slnfc^auung einer ©efc^ic^te ber 
beut]d)en ©taat^ueränberungen ; unb bestimmt bie Slufgabe ba^iu, 
biefe ®eid)id)te möglidift jufammentiüngenb ju fdjilbern, unter 3lu<5= 
fc^lufe altes; babei entbei)rtid)en SDJateriatS auS ber potitifdjen unb 
Sirieg§ge)d)id)te. 3)ie SRei^e feiner SBerfe über biefen ©egenftanb 
geigt eine fortiüö^renbe Stnnö^erung an biefe^ 3icl. S\i^v\t erfc^ien 
ber „Orunbrife ber ©taatSüeränberungen beS Seutfc^en SReid^ö", 1753, 
h)cld)er bie SRet^obe einfd^tcigt, für jebe Staifer^SJ^naftie bie ttjefent^ 
tidien (^runbjüge ber potitifc^en ©efc^ic^te, (altgemeine Äenntnife ber= 
felben burfte ^ütter nic^t Dorauöfe^en), unb jebeSmal im ?lnfci^luffe 
baran ein Softem ber ftaat^rec^tlid)en Sage, mie fie ^\i jener S^it 
gen»efen fei, öorjutragen. Salb aber bemerfte ^ütter, bafe einerfeitö 
in bie früheren biefer S^fteme mangelig genügenber mebiäDiftifd^er 
Vorarbeiten fic^ ,^^potl)efen einfd)leid|en mußten, foiüie bafe anberer* 
feitS auf bieje SBeife ber Si^f^^^^^^^^^^fl ämifd)en ben politifc^en 
©reigniffen unb i^ren ftaatSrec^tlidien ©rgebniffen, erft rec^t ber 
3ufammen]^ang ber ftaatSrec^tlic^en Sntn»idtlung in fid^ felbft üerloren 
ging. S)eSl}alb bemüht fid^ fc^on bie jujeite Sluflage öon 1755, „bie 
in ber ©taat^perfaffung jeber 3^^^ borgegangenen 9Seränberungen 
mit ber ®efd)ic^te" ju oerbinben, tt)eite burd^ fürjere Slbfc^nittc, 
t^eilS burc^ 'ißreiSgabe aller ©onberung juiifd^en polttifi^er unb ftaat^ 
red)ttic^er ®efc^id|te: ujomit äugleic^ bie 5Rott)tüenbigteit fortfällt, für 
jebe Spoc^e bai^ ©taatSredjt in f^ftematifd^er SSollftänbigfeit ju cnt- 
tüicfeln. S)ennoc^ ift biefe 9luflage faft boppelt fo ftarf ate bie erfte, 
namentlid^ weil fie an paffenben ©teilen rüdblidEartig in bie fonft 
ft)nc^roniftifd)e Srjä^lung llebcrfid)ten über bie ©onberentttjidlunfl 



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II. <Püttcr. 2) Schriften. 339 

einjelner ^Territorien einfc^altet. 3)oc^ mar tmmerf)in für biefe ^tüeite 
^(uflage bie er)te Einlage beö SSerfeö nod^ fo weit mafegetenb, boft 
fid^ ber SBunfc^ üoUftönbiger 2)urd)bringung t)on ®efc^id)te unb 
StaatsJrc^t barin nirf)t öertoirflid^en liefe; auc^ empfanb ber 5ßer= 
faffcr tt)of)( ia^ SSebürfiüfe, feine Sbeen einmal breiter barjufteUen; 
fo cntftanb fein ,,U?ollftänbtgefii ,§anbbud) ber beutfc^en SReid^^l^iftorie", 
3 5)anbc, 1762. S^iefeö giebt eö ganj auf, f^ftematifdi baö ©taatö* 
rec^t jeber einjelnen öporf)e aui^subilben , unb öerfolgt ftatt beffen 
bie forttüät)renb gefrf|id)tlid) gfeitenbe ©nttoidtlung ber ®taatöüerf)ältniffe 
ouö ber potitifd}en ©ejc^i^te ^erüor 6i$ in bie (Sinjell^eiten ; ber 
93ebeutung ber Seiftung entfprac^ bie aSibmung an ben Äurfürften- 
Äönig ®eorg III. Siad^bem 5ßütter fo beö Stoff eö ^err gen^orben, 
sog er il^n tpieber in ganj furje ^orm jufamnten in ber britten 
Auflage beö „®runbriffe^", t)on 1764, njelc^e tt)atfäci^Iirf) ein neue^ 
Sud^ ift, inbeffen intnterl)in ben Sl^arafter eine^ Seitfabenö für 3Sor* 
iefungen beibeljalt. Statt beffen eine felbftänbig lesbare (Sefd^i^te 
in jufammen^ängenber Ueberfid^tlic^feit ju liefern, ift bie 2lufgabe 
be« 3Berte«, meldieö 1778 erjdE|ien, unter bem Xitel: „Xeutfd)e 
aieic^^gefdji^te in it)rem ^auptfaben." SRamentUc^ fällt borin auf 
ber gortjd)ritt ft^Iiftif^ freier, gef^Ioffen ftromenber 2)arfteUung, ber 
grofee 3^0 ^^^ ©anjen, unb bie fparfame (Sinmifc^ung bejeic^nenbcr 
(£injelt)eiten ; alleiS fo rec^t beut Qmde cntfprecfienb. ©iefeig Suc^ ift 
bal)er xooi)l anjufe^en al^ bie auf ber ^öfie ftef)enbe Seiftung ^ütter'ö 
unter feinen SBerfen biefer Slrt, ate bie gelungenfte fiöfung ber ii)n 
biöf)er befd)äftigenben 9tufgabc, fo toeit fie möglid) toar unter bem 
3)rude beö Umftanbe«, bafe er bei ber mangell^aften 9SorbiIbung 
ieineö ^ßublifum«; nid)t einmal bie elementarften toeltgeft^ic^tlic^en 
I^atfad^en ate befannt öorauöfe^en burfte. 

©anj anber^ freiließ fonnte er fic^ entfalten, alö it|m ein SBunfd) 
ber ftönigin @opt|ie ß^arfotte öon ®nglanb ®elegenf)eit bot, fid| an 
ben tüot)borgebiIbeten Sefer ju ttjenben, allen lebigti^ t)emmenben 
SBaHaft über 53orb ju toerfen unb bie feineren SSerbinbungen ju jer* 
gliebern. S)ie „^iftorifc^e Snttoicflung ber heutigen @taatö*SSerfaffung 
beö Seutf^en 3ieic^^", 3 Sänbe 1786, ift ein anerfannted 9D?eifter= 
njerf; 5ßütter ergebt fic^ barin ju einer tüaf)rt)aft literarifc^en Äunft^^ 
(eiftung. 9lfe folc^e erfc^eint fie, in Sinem rafd^en ®uffe au§ 
ooQenbeter ©toffbel^errfd^ung l)ert)or ^ingefc^rieben, namentlich burd| 
bie fein abgewogene perfpectiöif^e Se^anbfung, tüeld^e immer 

22* 

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340 92eunteS ^apittl. 

QU^fut)rlic^er tüirb, je näf)er bie 9?euäeit rürft, unb )d)Iiefe(ic]^ üon felbft 
in eine abgerunbete poIiti)c^gefc^irf)tIic^e Söctrad^tung ber ©egennjart 
au^münbet. ©aju gefeilt ftrf) ha<S Uebergenjic^t ber SSerfnüpfungen unb 
Söetroc^tungen über bie 3!t)atfac^en, bie forgfame äJertüebung aller 
einjelnen gäben, bie Sinnal^me eineg ^o^en gefd^icj)tlic^en ©tanbpunfte^ 
für bie SBeurt^etlung, foniie ber angenehme glufe ber gepflegten Sprad^e. 

©ine üeiftung gleicher §öl^e, n»elrf)e benfelben ©egenftanb öon 
einem örennpunfte ber gefc^ic^tlid^en ©ntmicflung ouö monogrüpt)ifc^ 
beteuc{)tet, entftammt fdjUefelidE) bem ^öc^ften 9llter beö SJerfafferj^ ; 
e^ ift fein „@eift beö tt)eftpt)älifc^en griebens, nad) bem inneren 
®et)a(te unb lüQ^ren 3iifantmenf)Qnge ber barin öer^anbelten ®egen^ 
ftänbe i)iftorifd^ unb fljftematifc^ bargeftellt'', 1795. ©c^on bie 
g-affung beö 3;iteli^ gel^t ja weit über baj^ f|inaui^, xva^ man an 
gein^eit unb (SIeganä ber Sluffaffung bei fold)' altem 9leirf)igpubliciften 
erwartet ; ben Sßer^eifeungen biefe^ %iiei^ entfpricf|t aber tüirflic^ bie 
STuöfö^rung, inbem fie bie principiellen (£ntfrf)eibungen ber grieben^^-- 
S^raftate gefcf|icf|tli(^ unb politifd^, in öejug auf 3Sorbebingungen unb 
SJiac^tüirfungen, nic^t ot)ne ®eift nod) 3^iefe erläutert. 

3?on ber SReid^^^iftorie gelangen Wir enblic^ jum bügmatifd)en 
@taatöred)t. Sie Elementa juris publici Gerraanici erfd^ienen juerft 
1754; I)ier bietet bereite biefer erfte SBurf bie wefenttic^en ©igen- 
fdjaften unb SSorjüge ber ^ütter'fc^en Seiftung. S)iefelben beftc^en 
in bem ft)ftematifd}en ^fufbau, welcher bie geograp^ifd)en unb poIitifd)cn 
©lemcnte vorauf fc^irft, bie SRaterien tjon bem Interregnum, uon ber 
Äaiferwat}l unb uon ben auiSwärtigen Siejietiungen besi 9teid)eö an'^ 
Snbe Derweift, für baö §aupt^ unb 9)iittelftüd aber bie Unterfc^eibuug 
3wifd)en SSerfaffung^rcc^t unb 3JertüaItung^red)t aufftellt unb burd)= 
fü^rt; ferner in ber grunblegcnben ßonftruction be^ 9ieid)eö als^ 
eine^ au^ Sal)lrei(^en Staatöwefen äufammengefe^ten ©in^eitijftaateö, 
mit münard)ifcf)er @pi^e unb üerfaffung^möfeigem 3)ätregierung5^red)t 
ber ©tänbe; bemgemäfe in ber 3?erbinbung ber faiferlic^en unb ber 
Ianbej^t)errlicf|en Sefugniffe für jeben B^^^ifl ^^^ äJerwaltung, unter 
bemuftter 9tble^nung einer ©onberung in faiferlid)e 9ieferuat= unb 
in territoriale 9ied)te; fd|liefetid) in ber gebrängten, bie entfc^eibenbe 
Siegel fd)arf berüor^ebenben Äürje. — S)ic ad^te Umarbeitung biefe^ 
Sel^rbud^c^ erfdjien 1770 unter bem neuen Jitel Institutiones juris 
publici Germanici. i^ergleidjen wir biefelbe mit ber erften ^otm, 
fo jeigt fic^ eine nod) faubercre Sljftematit, eine nod) f^ärfcre 2^urc^* 



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II. spültet. 2) ©(^riften. 341 

fü^rung ber 5ßüttcr'fd)en Sonftritction be^ beutfc^en Sleic^eö auf bic 
©injelficiten. 3ln bie ©pi^e ber öerfc^icbenen S^^^S^ ^^^ S^emoltung 
tft baiS jus summae inspectionis getreten, afe ^au))tetntt)eilungi§= 
grunb für bie übrigen fungirt ber Unterfd^ieb jnjifc^en jura majestatica 
immanentia unb transeuntia. 55em ?ßriüat=5ürftenrerf)t unb ben 
nicfjt reic^^ftänbtfrf)en SReic^igunmittelbaren ift je ein befonbere^ Äapitel 
unb bannt äuglcid^ f^ftematifcfie 93erücfftc^tignng eingeräumt. 2)er 
Seigre üon ben 9tec^t^queIIen tft tf)r geeigneter ?ßla^ in ber (Sinfü^rung 
angetüiefen. S)a^ SSerfaffungöre^t ift fd^ärfer unb überfid^tli^er 
gefc^ieben in ein einleitenbeö Äapitet, baö SBerfaffungöred^t be^ 9fleid)eö 
unb ba^jenige ber ©injetftaaten. 9lUe ©tücfe aber I|a6en an juriftifd^er 
©c^ärfe unb bamit nod^ njefenttid) an Äürje gettjonnen. — SSeniger, 
ober immer nocfi jebei^mat nic^t unbeträd^ttic^ umgearbeitet finb bie 
ttjeiteren Sluflagen, bereu legte 1802 crfc^ienen ift. 

Sene SSerbefferungen ftel^en in innigem ^lif^^wi^^^cnfiange mit ber 
einget)cnben 93et)anblung einjelner ^Probleme, ttjetc^e um biefelbe ^eriobe 
beginnt unb big jum @nbe beö 3at)rt)unbert3 reid^t. 3)ie in gotge 
beffen üeröffenttidjten „Seitrftgc" unb „©rörterungen" finb mono=^ 
grapf)ifc^e Sluffäge, tt)elrf)e me^rfad^ ft)ftematifd^ jueinanber gel^bren 
ober aufeinanber folgen. — S)ie ,,53eiträge" bet)anbeln junäd^ft ben 
„SBertt) richtig beftimmter allgemeiner (Srunbfä|e." Sie begrünben 
fobann auöfü^rlid^er ^ütter'g Slnfd^auung öom SBefen be§ beutfdien 
JReic^eö, t)iftorifd^, politifd^ unb juriftifcf). 3)aran fd)liefet fic^ eine 
umfaffenbe Unterfurf)ung ber 2anbegI|o]^eit, i^rer @ntftel)ung unb 
Sebeutung, namentli^ auc^ ber Siedete ber Sanbe^^errn gegenüber 
bem Äaifer unb gegenüber ben llntertf)anen; gef)anbelt njirb unter 
Snberm ,,9Son ber Seftimmung, tt)elc^e bie 8anbegt)of)eit mit jeber 
anberen ^öt^ften ®en)alt gemeinfam \)at, bafe fie nur ju gemeiner 
SBo^lfal)rt ftattfinbet;'' unb „Sßon ber Seftimmung, melcf)e bie Sanbeö* 
i)oi)äi mit jeber anberen l^ödjften ®ett)alt auc^ gemein barin f)ai, bafe 
einem jeben fein n)o^lermorbene2; eigentf)ümli(^eg 5Red|t ju laffen ift." 
'J)er ganjc jtoeite Sf)eil ber Beiträge ift ber Set)re t)on ben SRerf)tgquellen 
gen)ibmet. $ier ttjirb anerfannt, bafe J)eutfcf)lanb tl)atfäc^lid) jtoeierlei 
gemeine^ 9ierf|t t|abe, baö römifd^e unb bog beutfc^e, njeld^' legtereg 
man gegen ba^ Ueberttjudjern ber fremben Siedete fiebern muffe, ©aju 
biene nidEjt jum minbeften bie (Srfenntnife, bafe f^einbare @onber* 
barfeiten, ttjie fie ^ier unb ba aU 9lugna()men t)om römifd^en 9terf)te 
in S)eutfcf|lanb auftaud^en, fläufig tt)atföd|lid) Ueberrefte gemeinen 

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342 92cuntcÄ Kapitel. 

bcutfcf)en 9iec^t^ feien. 9iamentlid) bie beutfc^en gürften Robert fraft 
it)rer faft fouüeränen uiib autonomen Stellung fic^ für it)r ^riüat^ 
recf)t manche germaniftifc^en SReci)t^fäbe ju tüal)ren genjufet, tueldje alö 
©ingularttäten be^ ^^riüQtfürftenrect)t^ je^t nur be^fialb erfd)etnen, 
njeil fie für ha^ gemö^nlidje 5ßriüatrec^t burdEj baö SRömtfdie Siecht 
üerbrängt ftnb. 9Sor oUem eri)ielt firf) not^gebrungen auf foIrf)e 
SBeife in ben gürftenfjäufern baö beutfd^e Sorrec^t bei^ äWannei?- 
ftamme^ für bie Erbfolge; bie fogenannten Srbüerjic^te ber Södjter 
ftnb bal)er ganj überftüffig, ba biefen neben äJiännern gar fein (£rb= 
rec^t äufommt; cbtn befel^alb fönne man auf bie Steferoat^Älaufelu 
biefer S^erjidite teinerlei 9tegrebient=9lnfprüc^e grünben. Sluf biefem 
SSege getaugt ^ütter ba^in, bie berül^mte Streitfrage ju ®unften 
ber (Srbtodjter ^u entfc^eiben, in unmittelbar praftifc^er SSenoertl^ung 
füldier fdjeinbar lebiglid) boftrinären Unterfud)ungen. — i^on ber^ 
artigen einjelnen 5^^9^" ^^^ ^riüatfürftenrec^t^ au^ ttjenbet fid^ ber 
erfte Zi)nl ber „(Erörterungen" ju bem 9iac^tt)eife, bafe biefe^ SRec^t 
eine einl)eitlic^e unb befonbere 9D?aterie ju bilben überhaupt berufen 
ift. 91(^3 )old)e erfc^eint e^ be^luegen, ujeil eö unoerfennbar bei allen, 
in biefem ober jenem ^aufe Dorfommenben, inbiüibueÜen Sonberbar^ 
feiten in ber §auptfad)e Don „gleic^fam ®inem ©eifte befeett" ift, 
bem germaniftifc^en ©eifte eben, au^ bem feine einjelnen ©agungen 
ftammen, fo ba§ fie fid) ju einem @t)ftem jufammenfc^Iießen unb ber 
Interpretation an^ biefem i^rem Reifte ^erüor bebürfen. 2Bo aber 
befonbere^ Stjftem, befonbere Siegeln ber 9tu^(egung unb befonbercr 
®eift, ba ein befonbere^ gac^ ber SSiffenfc^aft. — 3n ben legten 
©rörterungen enblic^ werben ftodt^firc]^enred)tIid)e Stoffe befprodjen, 
principiell unb an Seifpielen. @S ^anbelt ftc^ DorneI)m(ic^ um bie 
geiftfid}e ©eriditöbarfeit, burdjioeg aber um 3?ert^eibigung ober Jtn- 
menbung beig oon ^^ütter angenommenen SoHegiat^^^rincipjg, tueldjei^ 
er au^ gefd^ic^tlidj aU basf ben eüangefifd)en ftirdjenoerfaffungen ^n 
©runbe liegenbe nad)tt)eifen mödjte. 

9Son ben öerfc^iebenen fjier angeregten ®egenftänben t)at ^ütter 
bem Äird)enred)t unb bem territorialen @taatigred)t tveitcv nid)t nie! 
^Pflege angebeil}en laffen; befto mel)r aber befanntlic^ bem beutfc^eu 
5^'ärftenred)t, njeldjee i^n befonbere crnjog aU Äteujungögebiet be^ 
beutfd)en ^riüat^ unb @taat^red)t^ fotüo^f, njie megen feiner eminenten 
praftifc^en SBic^tigteit. 9lbgefe^en Don einem Se^rbud}e, fäÜt in 
biefe^o ^ad) ^ütter'ö forgfilltigfte unb n?of)( aud) einflufereic^fte 



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n. ^üttcr. 2) ©«riften. 343 

9D?ouo9rapt)te, „Ueber äKife^cirat^en teutjd^er gürftcn unb trafen", 
1796, üorberettet burcf) ein Syerf „lieber ben Unterfd^icb ber ©tänbe, 
befonberö be^ ^ol^en unb niebcren ?lbelö in 2!entfc^(anb'^ 1795. 
83eibe 93üc^er ftet)en in na^em ?(n)d^luffe an bie 9)cinifterialcn4lnter= 
fuc^ungen bei ^^Sütter'sJ üe\)vcv (Sftor. Sem nieberen ?lbel nugt e^ 
bei ?ßüttcr tüie bei Sftor lüenicj, bafe feine ®ntftel)ung an^ bem 
©tanbe ber greien, nic^t ber Unfreien angenommen wirb. Xro^bem 
offnen beibe 9lutüren gniifcöen ben Jlnge^örigen beffelben, aU reinen 
?ßrit)at)3erfonen unb Slbfömmlingen reiner ^riüat^erfonen, unb bem 
t)ot)en ?Ibel, aU ben ^Jlbtömmlingen Don je^er über Sanb unb Seute 
tjerrfc^enber J^ürften, eine iUuft Don folc^er ©reite, ba§ ber niebere 
?lbel bem SJürgerftanbe ttjeit näl)er rürft, ate bem l)o^en ?tbeföftanbe. 
Siefe Äluft fann ttjegen biefer i^rer gefc^icf)tlic^en Segrünbung anä) 
nid)t tttva aufgefüllt ttjerben burc^ faiferlic^e ©tanbe^erf)ö^ung^- 
^iüilegien, meiere l)o\)t ^Titulaturen t)erteif)en, nid)t aber bie Sluf* 
\iat\mc in jenen t)iftorifcf) feftgefcf)lüffenen Ätei^ bei5 ^of)en 9(bete 
bewirfen, — ebenfo tuie anbererfeit^ alle äWitgliebcr biefeig Ä'reife^ 
untereinanber tro^ oerfc^iebener litulaturen ebenbürtig ftnb. 3)em^ 
gemüfe öertritt ?ßütter bie fc^ärffte 5lnfcf|auung gegen 9J?iBt)eirati)en 
unb bie n)eiteftgef)enbe ?lu^legung uon 9lrtifel 22 § 4 in ber 3Bat|t 
fapitulation ftaifcr Äarl'^ VIT. ©r ge^t fämmtlic^e 9KiJ5^eiratf)en 
beutfcfter J^ürften, t)on ben älteften biö auf bie legten ß^^ten, 5^11 
für 'i^aü burc^, um ju jeigen, mie SRangungleid^l^eit ber ^rau unb 
(£rbunfäl)igteit ber Äinber in folc^en gälten Siegel unb SRecl)t genjefen, 
t)in unb lieber burc^gefefete anbere 93et)anbtung ftetö aU regel- unb 
rei^töUjibrig empfunben loorben fei, bat)er feine Cbferüans bilben 
fönne. 9lufeerbem beruft er fic^ befonber^ auf ben Umftanb, bafe 
S)amen uon nieberem 9lbel fjöufig fi(f| ^it morganatifd)en S^en mit 
gürften bereit gefunben ^aben. S)ic @f|e einer ^erfon a\i^ bem 
nieberen ?lbel mit einer "ißerfon aug bem freien öürgerftanbe ift 
bagegen für ^ütter feine eigentlicfje 2)ii6l)eiratt) , l)öcf)ftenö toegen 
^-Kerlufte^ ber ©tiftmäfeigfeit bei ben 9iac^fommen bebenflid). — 
Dbfc^on biefe 5ßütter'fc^ 9)?einung über bie 9)JiBt|eirat^en ben biö 
^eute nodEi unentfcf)iebenen ftampf um biefe t^rage feine^toegö ab' 
gefcfilüffen ^at, fo f)at fie borf) lange 3^it ber ftrengften Sluffaffung 
bo^ praftifc^e Uebergett)icf|t unb ba^o l)öt)ere miffenfd)aftlirf)e 3lnfe^en 
gefiebert; für bie fc^arfe begrifflid^e Sonberung smifdien ^oljem unb 
nieberem ?lbet ift ^ütter'^ ßeljre bie flafftfd} feftfte^enbe gemorben. 



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344 ^Jiciinteä Änpitcl. 

TOuftergüUtg finb in allen £el)rbücfiern ^ütter'i^ bie fiiteratur= 
angaben in if)rer c^ronotogifdjen Hnorbnung ; in feinen SÖionograp^ien 
fliebt er gerne jugteidi eine üoDftänbige S)ogmengefc^id)te ber bet)anbelten 
grage. 3)ie gotge biefer literärgefd^ic^tlic^en Steigung liegt unö 
aufeerbem t)or in ber „Siteratur beö Seutfd)en ©taatigrec^tö", brei 
»änbe, 1776, 1781 nnb 1783. S)ie belben erften Sänbe be^anbeln 
bie SSürfjer, njeldje fidE| auf baö ganje ©taatöre^t bejiefien, ber lefete 
8anb ift ein üoHftänbige^ JRegifter ber (ginjelfdjriften. ^abei 
erftreben jene beiben erften 93änbe ba^ 3'^^ tna^rer 2iterärgc}ct)id)te, 
inbem fie nad) ©ntnjirflungöftufen :pcriobifiren unb bie SSerbienfte 
ber einzelnen, nad) it)rer Söebeiitung auögen)äf)(ten ®d)riftfteller bar* 
tl)un. 9?amentlicft ift hk^ ber J^all im erften 93anbe, tüeld)er bie 
®efd|ic^te big jum 3al)re 1746 giebt, mit großartigem Ueberblirf nnb 
mit grünblid^er Ä'enntnife ber @injelf)eiten ; ber jnjeitc Sanb öerfäHt 
me^r äußerer ®ru})))irung ber n)al)lloö aufgenommenen jeitgenöffifd^en 
Jlutoren. 

©diließlid^ gef eilen ftc^ allebem nod^ ^ütter*^ praftifd^e 3lrbciten. 
S)ie größere SWaffe berfelben fiel il)m ju in i^olc^e feiner öetfieiligung 
bei ben ©prudjfac^en ber gafultät. S)iefe ^Relationen, uerbunben mit 
einer ?lnjal^l perfönlid) t)on i^m erftatteter Sebenfen uub ®utad)tcn, 
crfd^ienen in brei mächtigen Folianten, bereu jeber in t)ier 3^^eile 
jerfäUt, unter bem 3;itel: „Sluöerlefene J^öHe auö allen 5;t|cilen ber 
in 3;eutfd)lanb üblichen SRed^tögele^rfamfeit", 1760—1791, — eineö 
ber legten biefer früher fo oft un^ begegnenben großen ©ammel- 
ttjerfe, benen e§ fic^ nad^ Umfang unb 3n^alt toürbig anreiht. "Die 
Urtljcilc ober ©utad^ten finb ftetö im öoUcn SBortlaute xoxtbex^ 
gegeben; übertoiegen auc^ bie gäHe auö bem ©taatöred^t unb auö 
bem 5ßrit)at:^5ürftenred)t, fo mangelt eg bod^ feine^toegö an rein 
priüatredEjtlidjen fragen; bagegen finbet ftdi berljältnißmäßig toenig 
Ä'riminaliftifc^eö. 

Slußerbem finb jafilreic^e SBebenfen unb Debuftionen ?ßätter'« 
befonberö erfd^ienen; unter it)nen mand^e, ttjelc^e bie politifc^ ttjidjtigfteu 
J^ragen ber 3«^^^ betreffen. Dbfdjon er baö ^rincip ^atte, fid^ in 
folc^e 5)inge nie oljne auöbrürflid)en „Seruf" ju mif^en, faf) er fid) 
bod^ genött)igt, fo ja^lreid^en Slnfragen Don ©eiten furftlic^er ?ßerfonen 
ober ^Regierungen JRec^nung ju tragen, baß, tt)ie er ftagt, bie (Sr^ 
tebigung biefer 2)inge allein eine menfc^lid^e 3lrbeitöfraft l)ätte in 
?lnfprud^ nehmen fönnen. S^aju fommt bie SBertt)ertl)ung auf fold^em 

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II. «ßütlcr. 2) ©diriften. 345 

SSege getoonnener Slnregungen in mand)cn ffeineren «Sd^riften, fotüie 
in ärtifeln ber ß^^tf^^if*^^- 93efprod)en feien ^ier nur jmei t)on 
^^ütter'ö berartigen Steu^erungen, n?egen beö befonberen SRufeö, ben 
fie erfangt Iiaben, fomo^I, h^ie ttjegen i^reö befonberen Sntereffeö. 

3)ie eine bejiel^t )id) auf ben 9tad)brucf, bie anbere auf baö Sotto. 

9Kit erfterer 2(nge(egenf|eit tourbe 5ßütter befafet in golge eine^ 
©rfuc^en^ feiteng einer Jtnjal^I bebeutenber beutfc^er 95uci^{|önbler. 
„S)er ©ucfiernac^brud nad^ ©runbfä^en beö SRed^tö geprüft", erfd^ien 
1774. Sn 5ßutter'g gad) fd^Iug biefe ^rage äunädift begi^alb, ttjeit 
ja befannttid^ burd^ipeg Sicherung gegen jene 5ß(age burcf) faiferticfie 
ober (anbeöI)errUd^e S)rudEprit)iIegien gefudjt tt)urbe; ?ßütter aber gel^t 
in feiner SBetrad^tung aföbalb über ben bfofeen 5ßrit)ilegienfd^u§ h^eit 
^inanö. Sd^on nad) Siaturrec^t fiabe jeber SSerfaffer ein red^tmäj^ige^ 
©igent^um an bem ®runbftoffe feineö SBerfe^, fraft beffen er Seber* 
mann ben Jtbbrud unterfagen fönne, bem er nid^t ba^ Siecht baju 
eingeräumt ^abe, ein Siecht, toeld^eS ba^ SSertagörec^t ^eijje. 9Kit 
biefem SSerlagSred^t gef)e auf ben SSerteger baö JRed^t über, unbefugten 
9?acf|brudE ju ^inbern. 33?er ein einjelne^ Sjemplar faufe, ber faufc 
bomit nid^t biefeö ^xud- unb SSerüieffältigung^rec^t, nid^t baö geiftige 
©gentl^um an bem ®runbftoffe, fonbern blo^ baö förperlidie (£igen< 
t{|um an biefem ©Eenlplar. 2)iefe juriftifdie Sluffaffung ift um fo 
Mt(ner, afe 5ßütter ben Unterfdjieb jnjifdien jenem „©runbftoff" unb 
ber gettJöl^ntic^en förperlidien ®ad^e, „bie id^ einfperren ober um* 
Räumen fann", t)oU tt)ürbigt; tro|bem füf)rt er feine 9Infd)auung mit 
aller ©nergie burd), big auf 9(ufjät)Iung ber einjelnen Älagen, ttjetd^e 
bemgemäfe gegen ben SRad^bruder ge^en. ©etbft internationalen 
9fied)tgfd|u^ uerlangt er bereite ju ©unften großer Unternel)mungen, 
mic j. 3J. beö ®ebauer'fd^en Corpus juris civilis, bie, um rentabel 
5U fein, auf internationalen ?Ibfa^ redjnen muffen. — 2tte ba^ 
beutfd^e 9ieid|ggefe| Dom 11. Suni 1870, betreff enb bag Urtieberred^t 
an ©c^riftttjerfen, erging, mangelten bem üon ?ßütter eingefüf)rten 
naturred^tlic^en, l^iermit pofttit) beftätigten Segriff nur noc^ öier 
3a]^re jum Sentenarium. 

333eniger frud)tbar an originellen Sbeen, aber njeit populärer 
unb einbringlic^er gefdjrieben tüar bie ÄTiegöerflärung gegen ba^ 
fiotto, bie ?Intnjort ^ßütter'g auf baö 9iad^fud^en eineö '^ni^ttn t)on 
3tn^alt, toeld^er über @infüf)rung biefeö ®pief^ in feine Sanbe fid^ ein 
®utad|ten erbeten I)atte. @§ mangelt ba tt)eber an füf){en jal^Ien:: 



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346 9?cuntee Äapitcl. 

mäßigen 9tüc^tDeifen, nod^ an flammenben Stnöbrüd^en moraltfcfier 
Gntrüftung gegen biefe t)on ©taatömegen betriebene fünfttid^e ^ßc^tung 
beg ©pietfinnig gerobe bei ben Heineren Seuten. 9lber ouci^ juriftifc^ 
tüirb bargetl)an, baft feine norf) fo unbefcfjränfte ®ett)att t)on 9ied}t^ 
n)egen fic^ ermäd)tigt Italien fönne, foldje 3a^l€ntotterien einjufütiren* 
ober aud) nur ^n bulbcn, ba felbft bie f|öc^)"te ©elüalt ju nickte 
bered^tigt ift, „roaö bie gemeine 33Jül)ffal}rt nid^t beförbert ober gar 
berjelben öielmetir jum 9iac^t^eife gereid)t''. Wit bem 3Sunfd)e 
nad^ einem baö üotto abfolut öerbietenben Siei^i^gefe^e enbigt bie 
©cfirift, ttjcld^e ali^balb feb^aftefte S)eac^tung unb ^Verbreitung in 
toeitefte Ä'reife fanb, in ben Rauben oon Solbaten unb üon ÜÄiniftem 
anzutreffen mar, unb fo i^r J^eil baju beigetragen ^aben mag, bafe 
jencö italienifd)e gi^falübet in ©eutfc^lanb cnbcmifc^ ^n merben nic^t 
oermod^te. 

hiermit bürfte bie 9teif)e ber für bie 9iecf|tämiffcnfc^aft bebeuts 
famen ©c^riften ^ütter'i? erf(f)öpft fein, mie fie unter fortmäl^renber 
©tetgerung ber ih'äfte unb ber Seiftungen bi0 in be^ 93erfaffer^ f)o^e« 
9llter reid^en. SBeldjesJ a^erftänbnife berfelbe ftet^ unb allfeitig neuen 
Öeftrebungcn entgegenbradjte , erteilt nid^t ^um minbeften ai\^ ber 
freubigen 9IeuJ3erung, mit metc^er er ben erften 'J^eit beö ©ntmurf^ 
JU einem allgemeinen (yefet3bud^e für bie preußifd^en ©taaten 1784 
begrüßte, unter Seifügung beö patriotifd^en SBunfd^e^S, baß barau^ 
ein ©efe^bud) für ganj S)eutfd)Ianb ermad^fen möge. 

3) ^ütter'ö t)ert)orragcnbfte SSerbienfte liegen ämeifetlo^ auf ben 
(Gebieten be^ ©taatöredEit^ unb beö ^riDat'5ürftenred)tö. 

Sienjegt fid| baö ©taat^red^t mät)renb ber ganjen ^eriobe, mel(^e 
mir in biefem 93anbe verfolgt traben, in auffteigenbcr Stic^tung, fo 
ftellt ^ütter bie ©pifce biefer Semegung bar. @r bereinigt in fid| 
bie üerfd)icbenartigen SInregungen, mie fie ju 93cginn besi ^a^r^unbcrte 
am ber Gontrouerfe über öie OJrunbform bee 9teid)*5 unb in ber 
SJJitte beö 3a^rl)unbert§ am ben ©ontrooerfen über bie ©tcllung ber 
Sanbeö^errn ju i^ren Untcrtf)anen hervorgingen; unb er uerbinbet 
bamit bie t)oUe Öelierrfd^ung be^ gcmaltigen ©toffeö, meld)er im 
Öaufe eineiä 5at)rl)unbert^ t)on alten ©eiten jufammengetragen morben 
mar. ©o gelingt e^ it)m, in fnappen tlaren SH^^ *^^" einlieitlicfte!? 
SJilb ber beutfc^en 5Heid)^* unb ©taatöoer^ältniffc ju ^eic^nen, metc^e^ 
alß bie enbgültige Ööfung ber Slufgabe noc^ tjeute oor unö fte^t. 
3n biefem ©inne, afe ein ©tüd beutfc^er ©efdiic^te, ift biefer feiner 



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IL ^IJüttcr. 3) SBürbiQung. 347 

Üciftung bauernbe^ 2eben gefid^ert. 5)ie )l)ftemati)c^e (Sintljeiding aber, 
iüelc^e H)v ju ®runbe liegt, ^ot tpeit über bie (Geltung beö alten 
beutfe^eit Staatöred^te^ ^inauö Sebeutung geiponnen; auf i^r beruht 
bie mafegebeub getüorbeiie ©paltung in ^erfaffungö- unb SSertualtung^^ 
rec^t, tt)ie [ie ^ßiitter einführt nnb mit uoller 3Kei)ter)cf|aft fianb^abt, ob:: 
fc^on er für fie nocS) nic^t biefe S)ejeict)nungen fennt. SIRafegebenb tuurbe 
fein SJorgang nid)t minber für bie (Sinttieilung ber einjelnen 9?egierung^ 
rechte unb für bie 3Iuffaffung berfelben afö einjelner ^leufeerungen 
einer ftaatlid)en Sentrafgenjalt, meldje übrigen^ in ber Pflege be^ 
öffentlichen aBot)Iefi^ bie genügenbe, aber auc^ eben ^ierburrf) begrenjte 
Segitimation ju allen möglichen ÜJJaßregeln unb (Singriffen in bie 
natürlid)e grei^eit ber 3)ürger finbet. Sieben biefen oberften ©runb* 
fti^cn seigt firf| bei ^ütter eine Jyolgericf)tigfeit in ber ISntnjidtung 
berfetben unb ein Saft in ber Sluötuaf)! ber Seifpiete bafür, mit 
U)elc^en er feine 3Sorgänger weit übertrifft, namentlich aucf) ben ©toff- 
fammler 9D?o|er. 3ft SD^ofer ber größte ^ublijift unter ben ©efd^äft^* 
männent bej^ alten beutfdjen 9kicf)^, fo ift ^ütter ber größte 8ef)rer 
unb ©ogmatifer unter ben ^ublijiften berfelben ; au§ ben t)on SJJofer 
angelegten 3ltten fjat ^ütter bie Urtf)eile gejogen; man fönnte faft 
fagen, baß ba^ ©taat^red^t erft unter be^ tegteren ^anb eine metl)obiid)e 
28iffenfcf|aft gett)orben ift, im ©egenja^e ju bloßem SBiffen unb ju 
bloßer Äunft in ber §anb]^abung bej^felben. — ©a^felbe gilt üon 
allen .3^^^i9^" ^^^ ©taatörecl)tv5, um n^elc^e er fict) bejonbers^ bcmüt)t 
l^at, abgelesen etma Don benjenigen be^ 3taat^tird)enrect)tö unb beä 
territorialen Staatöred^t^^. S)agegen bie gäc^er beiS SReidi^projeffe^, 
ber ftaatj5red)tli(f|eu yiterärge)c^ict)te, be^ ^rioat:=5'ürftenrec^tö ^aben 
burc^ 5ßütter if)ren tt)iffen)d)aftlict)en Slufbau ert)alten, immer n)ieber 
Dornefimlid) burd) feine Äraft, fic^ über bie SRaffe icü^ ©toffeö jU 
erlieben, inneren 3wfammenf)ang auö oberften ^^rincipien ^eräuftellen, 
ftatt einer ©umme üon Sinjel^eitcn ein ©anje^ ju bieten, ©eine 
^Bearbeitung beö 5Reic^öprojeffeö bilbet bogmatifd) unb fritifd) ben 
9lbfcf)luß biefer Semü^ungen. ©eine 2iteratur=@efdbic^te be^ beutfdjen 
©taat^rec^tö ftet)t ju berjenigen äJZ^fer'^ in bem 9Ser^ältniffe ber 
3)urcf|bringung ju ber ©ammlung be^ ©toffe^. S)aö ^^Jrioat^^gürften^ 
rec^t, JU toeld^em 93. (3, ©truD nur 9Jiaterialien aufgehäuft I)atte, 
tt^elc^eö noc^ 95?ofer nur aU ein ?lbfd)nitt be^ ©taat^redjti^ erfc^ienen 
toar, ert)ält burcf) ^ßütter bie tuiffenfcf)aftlict)e ©egrünbung feiner 
principiellen unb metljobtfc^eu ©onberftellung. 



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348 9?eunte3 lEapttel. 

gür ia^ ^riuat^gürftenred^t faßt aber ibielleicf)t noc^ fd^tperer 
in bie SSSagfc^ate bie baucrnbe prafttfrf|e öebeutiiitg, toelc^e biefen 
Schriften ^ütter'^, über bie SJuineit be^ alten beutfcfjen 9leicl)g t)intoeg, 
in beutfcfien Sanben jufommt; fo lange nämlic^, toie baö ©rb- unb 
gamiUenred)t ber gürftenl)änfer fortfäl^rt, in aßen fragen ftaatlid)er 
ober ftanbeöl)err(irf|er Erbfolge, bei fürfttici^en ^eirat^en unb gamiliem 
Verträgen bie entfc^eibenbe SJoHe ju fpielen. ©rünbfic^ere Unter^^ 
juc^ung tüirb l)ier ftet^ biö auf ^üttcr surücf jugel^en f)aben, ber unter 
ben 3uriften unb Staatsmännern, ja felbft unter ben gürften feineö 
3a^r]^unbertS für berartige S)ingje gerabeju aU Crafel galt. 58ei 
i^m juerft finben njir, an ©teUc btofier SeifpieII)äufungen, ©eurt^eilung 
ber Sebeutung beS einzelnen galleS, an ber $anb fefter ^rincipien, 
bamit atfo juerft njenigftenS irgenb tuetdie 9D?ögfid)feit juriftifd) un- 
parteiifc^er 3iet|anblung für berartige g-ragen. 

SUjB eine ?lrt iüiffenfd^afttidier 5Weufc^&pfung iüirb man aud^ 
^^fltter'i^ 58el)anbtung ber 8fteic£)öge)cf|ici^te ansufel)en ^aben. ^atte ftd) 
aus ber ^aüifd^en ©cJ^ute bie politifd^e ®efc^id|tfiijd^reibung blü^enb 
entipicfelt, fo tag für bie abgeftoj^ene §fille publiäiftifd)er SBetrad^tungS* 
njeife bie ®efaf)r na^e, üotlfttinbig absufterben. 2)a t)at benn ?ßütter 
baö cntfd)eibenbe 9?erbienft, fie ju frifd^em Seben ertt)edt ju t)aben, 
inbcm er genau erfannte, toorauf t^ metl^obifd} anfam, unb inbem 
er fdjliefelid^ jur Söfung biefer fetbftgefteHten metI)obifc^en 9lufgabe 
burdi 3Berfe grofeen aSurfj^ gelangte. 3^^^^ f*"*^ i^ feitbem unfere 
gefd|id^t(ic^en Äenntniffe, namenttid^ für ba§ äKittetatter, ganj anbere 
geiDorben, toie fidEj benn ^ßütter fefbft feiner mangelhaften ®runb:= 
lagen für bie älteren ^erioben noHbetouftt toar; jtoar ergiebt fid) 
barauö, bafe c^ unö leidet fällt, bei 5ßütter öiel ©c^iefeö unb Un^ 
SUtreffenbeS nadijumeifen ; aber für bie Spod^e t)on 1648 ab ift tro§ 
aüebem ^ßütter'ö S)arftenung nod^ I)eute unbebingt lefenSmertti. Sa 
üielleid^t bietet fie baS befte |)ülfgmittel für benjenigen, tueld^er fid) 
ganj in ben ®eift ber beutfd^en SReid^^äuftänbe mäl^renb beS ac^t* 
Sel^nten 3al)rl)unbertö üerfe^en mödjte. 

«uf bem ©ebiete beS beutfdjen 5ßrit)atred^tg ^aben ^ütter'g 
3been, obfd)on fie burc^ it)n nic^t ausgeführt lourben, ©pod^e gemad^t. 
Jreilid^ Ijaitt fd^on ei)r. ®. §offmann ?(e^nIid^eS geäußert; aber 
bod^ nic^t mit jener miffenfd|aftlid)en Ä)larl)cit, bie ^ütter auSjeid^net, 
unb bemgemäfe benn aud^ o^ne bamit foldlje SBeac^tung ju finben, 
n)ie fie alSbalb ber ®oftrin ^ütter'S U}iberfaf)ren follte. SBenn toix 

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II. Mütter. 3) SSürblgunQ. 349 

bat)er in biefem SBerfe t)on ben 3lr6eiten ©cfjtttcr'ö ben Öeginn, Don 
bcr 3;f|omafifc^en @cf)ule ben jttjeiten Slbfd^nttt einer germaniftifdien 
^riöatrec^t^tpiffen)cf)aft ju batteren Ratten, fo fe^t mit Rätter ber 
britte 8l(i)d)nitt biefer ©nüDidfung ein. Sie erfte ^eriobe bemüht 
fid), germaniftifdien ©toff sufammenjubringen, einerlei ob au^ ätteften 
ober an^ neueren Duellen, um baburc^ bem beutfcf)rec^tlic^en @ei)te 
nät)er ju fommen; bie snjeite ^ßeriobe fonbert alteiS, mittleres^ unb 
neue^ beutfc^eö SRedjt, Derfuc^t ein DoUftänbigeö beutfc^eö ^^riüat^ 
red|t äufammenäuftellen unb eine ®eid)id^te be^felben ju entiperfen; 
mit ^fttter treten mx in biejenige ^eriobe, toddjt ein üollfommenc^ 
germanifti)d)eö ©Aftern auö ber gülle ber ^artifular'9tec^te abftra^iren 
njiÜ, mit ber fritifdjen ©elbftbefci^eibung, bü§ eö fic^ um ein 9?ot^= 
üerfa^ren tjanbett, beffen Srgebniffe unmittelbarer ?lntt)enbung auf 
bie ^rajiö b?^ 5Rec^t^ nic^t fQt)ig finb. 

3ft bie 93ebeutung ^ütter's für biefe germanifti]d)e @ntn)idelung 
allgemein anerfannt, )o mirb fettener ^erüorge^oben ber ä^ifö^t^^^i- 
I)ang, melc^er bod^ jnjeifelloö befte^t gtoiidjen tm SSünfdjen ber 
„SKet^obologie" betreffenb ^en Unterrici^t im römifd)en ^e(i)ic unb 
ber fpäteren Sntujidetung ber romaniftijdien 9Biffenfd)aft. 9iid)t nur 
fümmerlidie Slnfä^e, JDeld^e tt)ir nod| in biefem Sa^rf)unbert finben 
ujerben, gelten auf biefe ^ütter'fd)e metl)obologifd)e 3lnregung jurüd, 
fonbern biefclbe fpielt aud) i^re njefentlidje SRoUe bei ber njatjr^aften 
SReubelebung, ujeldie bo^ Dtömifd^e Siedet um bie Sa^rljunbertmenbe 
erfat)ren foQte. S)em ©ebanfen, ba^ römifdje 9ted)t rein für fid| ju 
bc^anbeln; bem ©ebanfen, babei lieber ältere^ unb ^uftinianifd^eis^ 
SRec^t ju fonbern; fd^Uefelidö ber unbebingten S?ern)erfung ber oer- 
alteten Segal-Crbnung, unter bringenbem SSerlangen nad) einem 
organifc^en @t)ftem: alten biefen ^oftulaten ^ßütter'^ begegnen toir 
bei beiben 9Jeform==99ett)egungen, t)on meieren biejenige beio ad)täet)nten 
Sal)r^unbertö auöfd)liefeli(^ auö ber ®d)ule ^üttcr'ig t)ert)orgef)t ; fie 
bilbet eine 9lrt Don SJorfpiel ju bem jmeiten, entfd)eibenben Sin- 
fturm, an beffen ®pi^e mieberum ©c^üler ^ütter'^ fte^en, SKeitemeier 
unb §ugo. 

©(^liefilic^ wirb man ba^in jufammenjufaffen I)aben, baft ^fltter 
tinen wichtigen unb jttjar tt)efentlic^ förbernben ©influfe geübt l^at 
auf bie gefammte 9ied)t0iDiffenfd^aft, einen Sinflufe, beffen SRaf^ xo&dß 
für bie gäd)er, tüeld^en ^ütter bauernb fid) gemibmet ^at, ber aber 
felbft noc^ auf entfernteren ©ebieten beutlid) l)en)ortritt. ©njig 



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350 Neunte« Kapitel. 

üieüeid^t baö poftttoe 9Söttcrrecf|t unb ba^ ©trafredjt finb l^ieröon 
Qu^junet)meTi, tüenigftenö fotüett eö fid^ um beutlicf} nadpti^baxen 
ßufommen^üng Iianbelt. 

©ud)t man au§ btejen Seiftungen ^ütter'ö bie ©onberart feiner 
^Begabung ju beftimmen, fo mirb man abfteüen bürfen auf bie feiten 
gtücflid^e SSereinigung breier äKomente : be^ I)iftorifcl^en, beö f^ftemati- 
fcf)en unb be§ jpecififc!) jurifttfcfien ©inneö. 

©afe e§ ttja^r^aft l^iftorifc^er, auf bie Srfaffung be^ gefc^tc^t= 
lid^en 3ufammen]^ange^ unb auf bie Verleitung ber ©egennjart au^ 
ber SSergangentieit gerid^teter ©inn ift, um tuelc^en eö fieft bei ^ütter 
^anbclt, foÜte nid^t geleugnet tt)erben. ®d)on bie Sßemü^ungen um 
gejd|i(i)tlic^eö SSerftdnbnife ber beutfcf|en JReicfj^uerfaffung finb bafür 
ben)eigfräftig; ebcnfo betont bie „@nct)fIopöbie unb äRet^oboIogie" bie 
grunblegenbe Sebeutung ber ®efd)ic^te; uom beutfc^en gürftenrec^te 
Reifet eö, nur ein „ri(f|tiger tiefer SlidE in bie ®e)ct)ic^te ber (Sntfte^ung 
unb be^ gortgangeö" eine§ jeben @efc£)Ied^teö unb ®e)d|äfteö fönne 
jum 3Segn)eifer bienen; unb lüie fein merben einjefne Srfd^einungen 
beö geltenben 9iecf)t^ fjiftorifd^ erflärt, jum Öeifpiel ber Umftanb, 
ba§ öon an fid^ ganj g[eid)artigen §errfc^erbefugniffen einjelne faifer^ 
(ic^e^ Sieferüatred^t finb, anbere territorialer SSerfügung unterfte^en, 
barauö, bafe e^ fidE| bei ben einen ^anbelt um ältere, t)or bie Stxt 
ber erftarften XerritoriaI=®etuaIt jurüdEreictienbe, bei ben anberen um 
neue, uon ber SerritoriaWSemalt fofort offupirte ©rfcfteinungen bej? 
ftaatticf)en Seben^. 3)urcf) bieje^ l^iftorifdje Sßerftänbnife genjinnt benn 
audEi ^ütter feine tiefere Segrünbung beö gemeinen beutfd)en ^riöat- 
redjt^ unb be^ befonberen beutfdjen gürftenrec^t^ auö bem ®eifte bei^ 
3)eutfd^en SJed^tö l^eröor. ©afe er freilid) anbererfeitö nidit ®efd|id|te 
um i^rer felbft mitlen trieb, fonbern lebiglid} jur Unterftü^ung ber 
9tedt)tö=(£rfenntnife ; ia^ er fid) njeniger um bie buntelen 5Infänge be^ 
mü^te, ate um bie ber ©egenmart näl)er liegenben SSorgönge, baö 
ift gett)i6 einzuräumen; mand)er mag i^m ik^ 5um 3;abel, mandjer 
aud) jum fiobe anred^nen. 

S)en ®t|ftemattfer in ^ütter erfennt man bei bem erften ®üd 
auf ein beliebige^^ feiner Süd|er, Uield)e burc^roeg mit einer 9iei^e üon 
allgemeinen unb befonberen 3nl)altöüberfd^riften in tabeüarifdier gorm 
au^geftattet finb, mie benn au6) ba§ SSornjort regelmäßig bie f^fte^^ 
matifd^e Slnorbnung begrünbet unb erflärt. Qmax tueife er fe^r lool^I, 

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II. ^üttcr. 3) SBürbigung. 851 

bafe biefe Slnorbnimg entfc^eibenb in'^ ®ett)icf|t föQt nur für fie^r^^ 
büd^er, tt)ät(renb e§ jonft me^r auf ben Sn^alt anfommt; ntd)ti§' 
beftoloeniger aber ft)ftematifirt er überall, biö in feine t^eologifc^en 
©rbauungöfc^riften hinein, ©eine ©t)ftematif ift jebod) feine Hein- 
Ud)e, bie. il)re Sefricbigung in fauber überficf|tlid)en 2)i(i)otomien fftnbe; 
fonbern fie njill baö 3Befen beö bargeftellten ®egenftanbe^ erfcf|Iie§en 
unb bie gefammte 9?ccf|t^tt)iffenf(f|aft umf offen. 3^r entf priest nid)t 
nur bie glüdflic^e 9lnorbnung ber (i^ompenbien unb 3)fonograp^ien, 
fonbern aud^ bie 3crf^9u^9 ^^^ Surii^prubenj in üerfcfiiebene gäc^er; 
bie güt)rung be§ Söetüeifeg; für bie Sfiftenj^Jöerec^tigung eine« jeben 
foldien gadjeö atö befonberen; bie Sorge um Hare DueUen-Itieorie; 
bie ©onberung l^iftorifdjer unb bogmatifdier Setrad^tung^njeife einer^ 
feit^, römifd^er unb beutfd)er S)eftanbt^eile anbererfeitö. Sßon ba an^ 
erl^ebt fid) ^ütter ju jenem fritifd^en ©elbftbett)u6tfein, bem 3^^^^" 
ttjal^rer SBiffenfrijaftlic^feit, tüelc^eö un§ mefjrfac^ bei if)m entgegen* 
getreten ift. 35eutlicf| ift in aüebem, in ben f (einen ?leu6erlicf)feiten 
n?ie in bem inneren ©treben, S^^^ ^^"^ @rf|u(e SBolf'^ ju erfennen. 
3)a6 aber ^ütter in biefer 9tid^tung nidit ju tt)eit ging, bafe er 
im pofitiöen Siechte bie 3BoIf'fcf|e ©djule unb il^ren ©rfiemati^mu^ 
mieb, im 9?aturrerf|te fid| nidjt ju lange oerh^eitte, fo oft er aud^ 
baöon rcbet: eben barin jeigt fid^ baö Uebergenjid^t ber juriftifd^en 
S8efäf|igung. Um biefen befonberen juriftifd^en ©inn ift e^ ja ein 
ganj Sigeneö; er beftel^t auö einer ©umme Derfd)iebenartiger (SIemente: 
SJerfttinbnife für bie 3:^atfad^en unb für bie 9lbftrattion ; ftunft, ben 
entfdjeibenben ^unft ju treffen unb jeber ©injel^eit if|re Sebeutung 
ju (äffen; gäfjigfeit, ebenfo (eid|t üon ben oberften ©ti^en jur Sin* 
tt)enbung ^inab, njie oon biefer ju jenen ^inaufjufteigen; tt)illige 5ln* 
erfennung unb rafd)e Se^errfd^ung beö geltenben SRec^tj^; praftifdjer 
Sott unb t^eorctifdjeö 9SerftänbniJ5 ; t)or ollem peinliche ©elbft* 
befc^ränfung auf ben juriftifdEien ©efic^t^punft unb unerfd)ütterlid| 
fefte 3)urd|füt|rung beffelben. 9111 bie^ nun ober befi^t ^ütter in 
befonberem äWofee. SBie feine 93ef)anblungen praftifd^er '(^äüe SWufter 
uon ©ubfumption, fo finb feine £ef)rbüd)er SKufter ber Snbuftion. 
®ef)t er mit feinem ©d)ritte über feinen „95eruf" ^inouö, unter 
9lble^nung jeber ftritif be^ geltenben Sied^tö, fo ift er unerbittlid) 
in ber SSerurtl^eilung jeben Sinjelfalleö, in ttjeldjem i^m SRedjt^bruc^ 
entgegentritt, gür bie 3Siffenfd^oft ober, olö für ein „über alle ®efe^* 
gebung erf)abene^ Äleinob ber SJfenfd^^eit", erf)ebt er ben 9lnfprud^,. 

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352 9ieuntc« Stapiui 

,M^ ein jebe^3 3<^^*Qfte^ ^^^ 5retf)eit detiält, Srrt^ümer öoriger Qdtax 
aufjubeclen imb bie 3Sa^r^cit in i£)re 9?ed)te tierjuftcQen". 3Rit 
fofdjeni ec^t juriftifdjen ©tnne bie pubticiftifd^en Zi)dU ber 9tec^t^ 
ipiffenfdiaft burcfibrungeii unb auögeftaltet ju tiabeit, bleibt ^ütter'e 
tüefenttidjc Seiftuitg; be^l)a(b ift er großer Surift im eiflenttid^en 
©inne be^ SBorte^. 

Wit biefen Sigenfc^aften beö ®elet)rten Derbanben ftd| biejcnigeit 
beö Düäenten. „©ein SJortrag", fo berid|tet |)ugo, „toax burc^au^ 
fein ©iftiren, aU gegen \vdä)c^ er ftd| bei jeber ©elegenl^eit erHörte. 
(£g mar and) ebenfo tuenig 3)ef(amation, fonbern eigentlid) Untere 
^altnng, bie burd) äJäenenjpiel, burd) gefegentlid) angebrachte öe? 
merhingen, bnrc^ bie abgebrod^enen $ßerioben, felbft burd^ bie jd)nelle 
feine Sprache ^öd^ft febenbig iunrbe. 3Kan )af) e^ ifjm an, bafe er 
feine ©tunbe gern gab, baft er \iä) freute, einer äRenge uon Qw 
f)örern feine Ueberjeugung mitt^eifen ju fönnen." 333iU man fid) ein 
Silb t)on ^üttcr'jö ^ßerfönfid^feit machen, )o barf man biefe ©djilberung 
nici^t auj^ ben Singen verlieren; ebenfo menig njie man bei ber 
93eurtl)eilung feineig Sinfluffeö Dergeffen barf, ba^ ^njei SUienfdjenalter 
^inburd^ bie Sötütl^c ber beutfd)en Sugenb feinen 2et)rfaal gefüllt bat. 
©eine Sd^ulc f)at njö^renb eine<S f)atbcn !5al|r^unbertg ate bie eigentliche 
^flegftätte publiciftifcfien ©eifte!^ gegolten, jalitreid^e, ja tno^l bie 
meiften ©taat-^männer unb Qiele^rten be^ bamaligen 5)eutfd)Ianb 
finb au^ i^r I)ert> orgegangen. S?on jenen fei nur §arbenberg genannt, 
non bem 9tanfe e^ bejeugt, bafe bie Slpplifation ^^ütter'fc^er I)oftrinen 
ftetö un^ ivieber bei it)m begegne; üon biefen feien aufgejäl)tt: ÜJieifter, 
§ofader, 3Balbed, Seift, SJiartene^ 9tunbe, 3. g. Söranbiö, Sicitemeier, 
|)ugo, ^aeberlin, (£. g. Gid)I)orn. 3Ran mufe bi^g auf 3:^ümaftuö 
jurüdge^en, um eine ät)nlid| glänjenbe ©d)ar Don Süngern aller 
Stäube unb alter Seruföjiueige um (Sinen 9ied^t^let|rer üerfammelt 
tDieberjufinben. 

I)aJ3 ein foldjcr TOann fein gefinnungölofer 5ßebant, fein Her- 
trodneter ®d|utgelet)rter gen^efen ift, foUte feinen ©etueife!;? mel)r 
bebürfen. Ü^iel gefcf)abet Ijat if)m in biefer 83ejief|ung feine eigene 
?lutobiograpf)ie, namentlicfi öerglic^en mit ber jenigen äKofer'j^, wie 
benn ja bie ^^arallele ätuifd^en beiben äJJönnern ju äief)en fo na^e 
liegt. SWun ift aber 9)?ofer'^ ©cf)ilberung feine^^ 2eben*3 ein anjietienbesl 
SBucf), n)eld}eö bie beftc 3bee t)on il)m gicbt, ja n)of)l feine einjige 
lesbare ©d)rift; n)ä]^renb ^ütter'jg ©elbftbiograp^ie ein unerträglich 



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II. Mütter. 3) SBürbigirnQ. 353 

trocfener 9(ftenauöäug ift, in tuetdiem bie namentlicf)e 2luf5äl)tung 
aller ^(beügeii unter feinen 3iJf}örern unb bie eiuget)enben S9ericf|te 
über jebe öefanntfcl^aft , bie er mit einem grofeen .^errn ju mad)en 
®e(egenl)eit ^atte, l)öc^ft peintic^ luirten. Unb ujenn man fd)on ^ur 
?tbfcf)mäcf)un9 biefe^ Sinbrucfg bereit ift ^u bebenfen, bafe ^ütter an 
fo(ct)en iöefanntfc^aften ein gerabeju tDiffenfdjafttidje^ Sntereffe na^m 
au^ bemfelben ©ränge nac^ autoptifd^er (£rfal(rung, tüeld)er i^n nad) 
SBe^tar, SRegen^bnrg unb 3Sien gefüf)rt I)atte; bafe c^ il)m ferner 
für ben ^tor ber Uniüerfitöt unb für möglidjfte 3?ertüirl(td)ung feiner 
S)oftrinen auf ein ariftotratifc^e^ , ju ()üf)eren 9lemtern unb äöürben 
beftimmte^ ?lubitorium anfommen mufete: fo bleibt bod) ein un= 
angene^me^ ®efüf)I ^urüd, s" ft^^'^ ^t^' i^ofe e^ einfach überfef)en 
roerben bürfte. 3)em liegt ju (^runbe nid)t blo^, bafe in ber Seben^ 
fd^itberung einige menfd)Iid|e ®d)tüäd}en befonber^^ Ijerüortreten, tt)eld)e 
bie SBirffamfeit be^ ®etef)rten n)eniger beeinträd)tigt l^aben ; in le^jter 
Sinie rü^rt e^ t)ie(mef)r baf)er, bafe bie SebenjSbeid)reibung felbft eine§ 
Suriften feine lebiglic^ juriftifc^e 9lrbeit ift, ba^ baju einige anbere 
al^ iuriftifd)e Qualitäten get|örcn, — unb ba^ eben biefe ^^ütter ab^ 
getien. @o öoU unb ganj ^ütter Surift, fo tnenig ift er etma^ 
anberee, mand^er tuürbe fagen etrtjaö me^r. 9iic^t nur, bafe er nid^t 
^olitifer, nic^t ©taat^mann ift: (£r ift überlöau^Jt, obgefel)en t)on 
einem rafd) erftidten, jugenblidien 9Inlauf, fein 9D?enfd) freier innerer 
Seioegung, Iebt)aften äußeren 9luffd)n)ungö ; it)m ge^t e^ ab, jeneig 
bürgertid)e ^at^o^ einer feft auf fid) geftelltcn, ungebrodjen ?UIe^^ 
bulbenben ^erf5ntid)feit, tuefd)eio un^ SKofer menfd)Iid) fo na^e bringt; 
^ütter'ö grömmigfeit felbft ift ffl£)I öerftanbeömäfeig ; in jebem Schritte 
feinet gralntätifdien 3Iuftretenö fe^en njir ben Siec^tögele^rten l^or 
un^, get)orfam ergeben in ben 3Biüen unb in bie Seitung ber Dbrig:= 
feit, nur bemüht, ba^ befte^enbe SRed)t treu ju erforfd)en, ju Iet)ren 
unb ansutuenben. 2)e^t)aI6 öermiffen wir in ben ©c^riften biefe^ 
größten Äenner^ be^ beutfdjen Staatörec^tj^ jeben Sluffc^rei beö dämmerig, 
faft jeben §intuei^ auf ben ^45erfaU be^ SKeic^s^ unb feiner @inrid)tungen ; 
be^t)atb öermeibet er jebe 9iett)eiligung an ber gettjaltigen 5(ufflärungö= 
betuegung, njelc^e fic^ literarifd) unter feinen 9Iugen vorbereitete, bereu 
poUtifd)e ©türme er miterlebt l^at; aber eben be^Ijalb auc^ I)aben 
feine ©c^riften ate baj^ genaue ©picgelbilb bec: geltenben 3led|tö nod) 
tjeute i^ren SEBertl^, toätirenb tenbenjib^^politifdie 5)arfteIIung mit 
bem Sage, auf tüeld^en fie toirfen foU, öeraltet, 

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354 Neunte« Kapitel. 

III. Sluf ben Sinfüifi ber cjrofecn 5ßt)i(ofogen unb ber großen 
^iftorifer ®öttingenö, eineö 5!Kid^aefö unb |)et)ne, eineö ©älterer, 
©d)I5jer unb ©pittter, fönncn \mx nur bort SJüdfic^t nef)men, tt)o 
tüir feinen ©puren in ber 9Jed)t!^n)iffenfd^aft begegnen werben. ?In' 
bere ®öttinger 3uriften Ujerben in anberem 3")ömmenf)ange ju be= 
fpred)en fein, ^ütter finb t)ier nur biejenigen feiner ©oUegen unb 
©djüler ju gefellen, ujefd^e feine 3;t)ätigfeit unmittelbar ergänjcn unb 
fortfül^ren. 

1) (Sottfrieb Jld^entoall, ber J^^eunb unb Slrbeit^genoffe 
^ütter'ö, tft unö bereite begegnet aU ber SSerfaffer be^ Siaturrec^t^, an 
beffen beiben erften 2tuflagen aucf) ^ütter bet^eitigt toar, baö ©elc^ott) 
bann aber 1781 in fiebenter 9luftage herausgeben foUte. Sfufeer^ 
bem t)interlie6 9Id)enn)aU bei feinem 3:obe Slnföfte jur SluSarbeitung 
eine^i pofitiDen 3?ölferreci^t^, aufgefaßt nad) ber SBeife feinet 
©d)tuiegert)aterö 3. S- äKofer, jebod) in brudfertige gorm gebracht 
erft für uier Äapitet beS erften 3^t)eileS, bereu SluSgabe 1775 erfolgte. 
9?amentlid) aber biirfen \v'\x feine ftatiftifd)en «^aupttoerte erujä^nen, 
njeil biefefben, bei 95etrad)tung ber öerfdjiebenen ©taaten, ganj reget 
mäßig unter beftimmten Siubrifen aud) basJ SBiffenötoertl^e über ©taatS- 
rec^t unb SRedjtöOerfaffung berfelben angeben; unb ^tvai mit berjenigen 
^uoerläffigfeit unb ©id)er{)eit im herausgreifen beS SBefentfidien, 
burd^ Ujeldje fid) Sld^entnall'S Seiftungen überl)aupt auSjeidinen, fo 
baß fie fid) t)ou bloßen 9?otijenfammluugen ju n)iffenfd)aftlid|en 
SKerfen erl)eben. Cbgleid) babei stoedgemäß juriftifdje ^Verarbeitung 
auSflefd)loffen bleibt, fo bilben bicfe ftofflic^en SWitt^eilungen bod) 
eine tt^efentlidje internationale (h-göuäung ^w ^^ütter'S St^ätigfett, ja 
man fann getroft annehmen, baß ^ütter eben mit Siürfftd^t barauf fid) 
auf baS beutfd)e ©taatöred)t glaubte befd)ränfen ju tonnen. Gebern 
falls \)ab^\\ bie ftatiftifd)en Se^rbüdjer 3ld)enuiaU'S unb feiner Siac^folger 
bafür geforgt, baß ftetS n)enigftenS eine gemiffc itenntuiß beS 9ted)teS 
frember ©tauten, fonjie ber ©taatSujiffenfd)aft im Jltlgemeiuen, unter 
ben beutfd)cn Suriften Derbreitet getoefen ift. 

2) Sotjunn §einric^ S^riftian oon ©elcfjon) ift ganj 
aus ber ©öttinger ©d)ule t)ert)orgegangen. ®r ^at politifd)e ®efc^ic^tc 
bei 3. S). Äö^ler getjört, Äirc]^engefd}id^te bei äWoS^eim, 2iteratur=^ 
gefc^id)te bei .f)eumann, pt)ilologifd)e Kollegien bei ®eßner, namentlid) 
aber f)at er feine juriftifdien ©tubien unter ®, 2. Sommer unb unter 
^^ütter betrieben. 3)ie gtüdlic^ften ^xüciite biefer umfaffenben 8Sor= 



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II. ergätiäung ju $üttcr. 2) ü. Sclc^om. 355 

bereitung ertüucfifen afebalb, unter bem anljattenben Sinffuffe jener 
Setirer unb äWufter, tt)ä()renb ber erften 3al)re feiner literarifd^en unb 
atabemifd)en SE^atigteit ju ®öttingen. ©pätere Satire brad^ten [iatt 
^öl^ere Sletfe ein gett)iffe^ 5Jiacf|Iaffen ber fieiftungen, mit ü6erl)anb= 
net)menber Steigung ju poltjl^iftorifdier J^lüd^ttgfeit unb ju uerbittern^^ 
ber 3^^^tf^id|t- 2tt^ ©elc^oto 1782 einem SRufe nad^ äWarburg folgte, 
voav feine 8eiftungöfät)igfeit im aSefenttic^en erfdjBpft, fo ia^ er 
ttJtffenfdiaftlic^ au^fcf|lie§Iic^ ©ottinger geblieben ift. 

Ate ber 3urift t3on öollenbeter ©fegauä, beffen ©t^( unb ?luf:== 
treten er \\ä) ftetö bett)al)rt \)at, ern^eift fid^ ©clc^otn am nad|brüdE* 
lidlften in feinem erften größeren Sud^e, ben Elementa antiquitatum 
juris Romani public! et privati, ©öttingen 1757. freilief) berül)rt 
red^t unangenehm bie tjerbe Jfritit, meldte ber Sierfaffer gegen feinen 
unmittelbaren Siorgänger ipeinecciu^ ridE|tet; borf) muß man jugeben, 
ha^ bas^ SBerf einen gortfdiritt über biefen tjinauö barftellt. 9?ament* 
lid^ inbem e^, ben ft|ftematifcf)en Sbeen 5ßütter'^ getreu, [id| üon ber 
3nftitutionenfotge föft unb [idfj feine eigene Drbnung fud^t, mit ber 
§aupteintf|eilung ber 9iecf|t^a{tert]^ümer in ßffentlid^e unb private. 
?tUerbingö fc^tpinben bamit bie ©taatöaltertl^ümer ju einem gefrf|icf|t:^ 
liefen Ueberbticf über ba^ römifd^e Staatsrecht, bie ^rit)ataltertl)ümer 
ju einem gefd^ic^tlidjen UeberblidE über baö römifd^e ^rit)atrecf|t 
äufammen. Stber biefe (Sinfd^ränfung fü^rt bod| ju einem getüiffen 
juriftifc^en Slbfd^Iuffe, unb in ben SluSeinanberfe^ungen über bie SSer^ 
faffung ber römifc^en Slepubüf luetit ein ganj neuer ®eift politifd^^ 
gefc^iditlid^er §Iuffaffung, njelcfier an TOonteSquieu erinnert, mag er 
audj unmittelbar ber 5lnregung ber ®öttinger §iftorifer entfproffen 
fein. ®aö fet|r forgfältig bel^anbelte ^ßrojeferei^t finbet [id^, gemäß 
^ütter'ö Softem, unter ben @taatSaItert£)ümern. SÄit ber ©efc^idjte 
beS eigentlichen ?ßriöatred^tS ujeiß ©efd^on) ficf| nid^t fo glüdEficf) ab== 
jufinben, fonbent fäÜt leictjt jurücf in ben %o\\ eines elementaren 
Sel^rbudEjeS ber Snftitutionen , erfreulict) unterbrochen burd^ Quellen^ 
fteüen, n?etc^e er gerne in ben %eit öertoebt. 

Sieben ber 3Jefd)äftigung mit ben römifcl)en tief, Ujie übtid^, bie 
mit ben beutfd^en SRedjtSattertl^ümern t)er, t^eitujeife im 3lnfcf)tuffe an 
©trubc'S Untcrfuct)ungen ; einige grünbf ic^e 3)iffertationen finb barauS 
entfprungen. 9Son ba ging bann aber ®eIcf)otü jum l^eutigen beutfd^en 
^rtt)ütreci|t über mit ben Institutiones jurisprudentiae Germanicae, 
©öttingen 1757. 3n ber SSorrebe jur erften §luSgabe erinnert er 

23* 

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356 5)?eunteö Äapttcl. 

5unäd)[t baron, baft e^ gerabe ein falbes Saljrl^imbcrt fei, feit 93el)er 
fein erfteö SoUecj über beutfd)e!o ^riüatredit in SBitteuberg gel^alten 
t)abe; alten feitfierigen 2e^r(nid)ern, foroeit fte t)or 'jßütter lagen, fei 
ber 35ortüurf ju machen, ba^ fie ^äufig 9tntiquitäten ate prattifd^ 
brancfibare^ 5Red^t uortragen. Srft ^ßntter tjabe bie ridjtigen ^rin^ 
cipien für ein gemeine<g beutfcfie^ ^rit)atred)t anfgeftellt. Snbem nun 
@eld)otü biefen 5JJrincipien fid) anfdjliefet unb bemgemäf^ on bie ?tuf= 
gäbe herantritt, au^ moglic^ft uiefen beutfci^en territorialen Steckten 
unb Statuten ein beutfd^eö ^^rit)atred)t ju abftra^iren, f)at er feinen 
Flamen bem Jiamen ^ßütter'ö bauernb gefeilt; fie finb ate bie öe- 
grünber biefer neuen Spodje bej^ beutfd)en ^riüatrec^te^ äufammen 
ju nennen; ^ütter ai^ ber, üon n)cld)em bie Sbee, Seldjott) afe 
berjenige, Don n)elc^em bie S)urd^fül)rung ^errüt)rt. Sefetere ift i^m 
gelungen namentlid) Don ber jnjeiten SUn^gabe ab, toeld)e ^annoDer 
1762 erfd^ien unter bem litel: Elementa juris Germanici privati 
hodierni. SSä^renb bie erfte ?tu!ogabe nod) rec^t bürftig ift, finbet 
fic^ I)ier tt)irflid| ein fel)r beträdjtlidjer 9lpparat Don beutfd)en ®efe^en 
au^ allen 2!f)cilen beö 9teic^eö äufammengetragen, burd)gearbeitet unb 
in ben 9?oten genau aUegirt. Stuf ©runb foId}en, bigt)er unerl^örten 
DueUenreid)tf)um§ , Derbunben mit einer ed)t "jJJütter'fdien @t)ftematif 
unb Ueberfid)tlic^!eit , erflärt fid| ber Derbiente Srfolg be^ 3Berte^. 
S^ieUeidjt njäre ^u tt)ünfd)en gen^efen, ba^ ©eld^onj in ben fpäteren 
9(uflageu ben 9lnregungen ju tjiftorifd^er S^ertiefung Sied)nung getragen 
l}ätte, tüie i^m foldje in red)t bea c^ten«iroertl)er Söeife feitensJ bes^ 
|>iftoriferi?> unb ^ubliciften SB. 9t. 9hibloff nal)e gelegt Ujurben, 
übrigen^ burd)aui§ im Sinne ber ^ütter'fc^en Schule. 3inbeffen tro^ 
ber einfach abtet)nenben .^altung, tueldje @eld)on) gegen fold)e Jiritifen 
einnat}m, unb trot^ tueiteren 2Bibcrfprud)e^:ji feitenv^ be^s (5iermaniften 
unb 9?aturrec^tlerö 2B. &. Jafinger, ift fein STÖert baso l)errfd)enbe 
geblieben, bij.^ e«? gegen fönbe be^i 3at)r^iinbert^ burd) 9tunbe'0 üe^r- 
buc^ Derbrängt nmrbe, ba biefeö eine abermalig t)öljere (Sntiuidtungö^ 
ftufe beig beutfdjen ^riDatredjte^ Dertritt. 

©eld^oto Ijat nun, ganj wie 5ßütter, anerfannt, ia^ fein beutfd)e^ 
^^riDatred)t eigentlid)er 9tntuenbbarfeit on irgenb einem Drte S)eutfc^=^ 
lanbi^ ermangele; unb tueiter Ijat er, über ^^^ütter l)inau!(?gef)enb , bie 
"Jofge gejogen, bafj man baneben bie territorialen ^^riDatred)te aud) 
al^ folc^e, in i^rer Sonberftellung, für fid) ju berüdfid)tigen tiabe. 
©0 t)at er e^ ftetsJ al^ feine 9lufgabe betradjtet, in feinen SBorlefungen 

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III. ©rgäniung ju ^ütitx. 2) b. ©cld^ow. 357 

über b€utfd)e^ ^rtDatrecf)t neben ber allgemeinen ^DarfteHung fpeciell 
biejenigen Statuten ju betonen, bte in ben ^eimatl^iSlänbern feiner 
3u^örer, nod| n)eld)en er ftd^ iebeömat rid|tete, galten; fo ^at er 
femer aufgeforbert ju tüiffenfcf|aftU(f|cr ^Bearbeitung ber midjtigeren 
3!erritortat=9Je(i)te ; unb t)at felbft bemgemäJB §anb angelegt für ba^ 
93raunfd)n)eig=2üneburgifc^e SRec!)t, für töeldjcs^ aUerbingö bereite mefent^ 
lid)e SSorarbeiten gefetftet Jüaren. 9tuf ©runb einer Duellen-Xfieorie 
über biefe^ Siecht, wddjc felbftänbig Voranging, erfcl)ienen bie „3ln= 
fangögrünbe beö 33raunf(^tüeig==2üneburgifcf)en 5ßrit)atrerf)t0", ©öttingen 
1760, in quellenmäßiger, flarer unb furjer S)arftellung. Sie um= 
f äffen aufjer bem bürgerlicfjen auc^ geiftlid^e^ Stecht, ©trafred^t, 
©trafprojefe, ^olijei^ unb Äameralfac^en. 

?luf biefen Söerfen beruljt ®elcf)Ott)'ö literärt)tftorifrf)e Scbeutung. 
S)arin ftef)en if)nen fd)on nic^t mel^r gleicf) bie Elementa historiae 
juris per Germaniam obtinentis, ©öttingen 1758, trojj ber nicf|t 
unbebeutenben (Sinjelfortfci^ritte, namentlid) in Sejug auf 25ürbigung 
ber Srgebniffe ber germaniftifd^en 3lntiquitätenf orfd^ung , unb trö^ 
ftarfen Grfolgeö alg{ Sel^rbud). ?lud) ©elc^ouj'ö fritifd^e 2!^ätigfeit, fo 
einfd)neibenb unb mafegebenb fte für it)re Qnt unb für ben ©inftufi 
©öttingeuj^ auf bie 3^'^ genjefen ift, muß bagegen jurüdEfte^en. ®r 
l^at biefelbe mit aller il^m eigenen ©eujanbtl^eit , ober auc^ mit rüd* 
ftd^t^lofer, bi^iueilen perfönlid^ Derlefjenber ©d^ärfe ausgeübt, 1754 
bi^ 1763 in ben ®5ttinger gelet)rten Slngeigen, 1764—1782 in feiner 
eigenen „3uriftifd)en Sibliot^ef", bereu Brei erfte Sanbc gan^ üon 
i^m l^errüt)ren. Snfofern ift er al<$ ber SWadjfolger öac^'s^ an^ufe^en ; 
be/jeidinenb ift e§ aber, bafi S8ad) ^auptfädjlid) bie elegante 3nrij^= 
prubenj bead)tet unb be^t)alb fein Slugenmerf befonberö auf ^oUanb 
richtet, n^ä^renb ©eld^oiu öerl^eißt, er merbe „mit t)orsüglidjcr 2luf= 
merffam!eit biejenigen ©dfjriften aufjagten, njeld^e baö teutfc^e ©taat^ 
unb ^rit)atred|t unb ben praftifd)en S^eil unferer 9fted)tötniffenfc^aft 
erläutern, ba biefe je^t bie Sieblingötniffeufdiaften unfereö Sal^r^unbertö 
au^mad^en"; tt)olIe er aud| bie fd^öne unb fritifd)e Suri^prubenj nic^t 
üernad^läff igen , fo fönne er ha boä) nidE|t üiel öerfprec^en, mangels 
SKateriate, wk benn felbft §ollanb l^ier faum mel)r etma^ ®uteö 
biete, öom fd^önen S)rurf unb ^a))ier abgefel^en. 

©eld^om'ö t)ubliciftifd^e Se^rbüc^er ftnb lebigtid^ 9?ad)al)mungen 
unb Umarbeitungen ber ^ütter'fc^en , toennfc^on nic^t oljne 9Ser= 
ftänbniß angefertigt. Sn \päintn Sauren i)ai er fic^ tnefentlidi barauf 

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358 92eunteS tapitel. 

befd^ränft, ©ommluitgen üoit SRecIitgfällen an^ feiner ?ßrajtö ju toer^ 
anftatten. Sin le^teö 9Serbienft f)at ©elc^oU) ftd^ 1782 emorben 
bnrd^ SSeröffenttidiung ber „ßoncepte ber Sieic^^fammergeric^t^^Drb^ 
nung, auf 93efel^I ber jüngften SSifitation entworfen'', b. i). ber bei 
®elegenl)eit biefer SSifitation t)on einjelnen ?Iffefforen öerfafeten @nt^ 
ttiürfe JU einer neuen 9ieicf)öfammergericf)t^^rbnung, ®ntn?ürfe, njeld^e 
bann freilid^ mit bem gonjen SBifttation§*3Serfe ju fd^eitern beftimmt 
toaren. 

3) aaSie ©el^ott) für ba^ beutfd^e 5ßrit)atred^t bie 5ßütter'fd^cn 
3been burcl^gefül)rt l^at, fo üerfud^ten für baö römifd^e ?ßrit)atred^t 
ettva^ 9let)nKc^e^ ,§aberniffel unb ^ofadEer. 3^r SSorgetjen, 
um feiner felbft tüiÜen bebeutfam, ift e^ toeit me]^r nod| ate SSorbilb 
für bag fpätere, in fo bieten fünften parallele Auftreten Don 9ieite* 
meier unb §ugo. 

Sber^arb |)aberniflel fefet in feinen programmatifd^en ^nttvidt^ 
lungen, ©öttingen 1757 unb 1759, bie ^tter'fd^en ^ßrincipien red^t 
getreu au^einanber. Slufeerbem finbet er an ber biöl)erigen SBe^anb^* 
tung be^ römifdien ^riöatrec^tsJ aui^äufe^en, bafe man fo toiele 
unnü^e Unterfcfieibungen aufftelle, ftatt fic^ auf bie pofitit) braud^ 
baren ju bef diränfen ; ferner, bafe man bie alt überlieferten SRegeln 
mit i^ren jatitreic^en Sluöna^men aufjä^Ie, ftatt neue, auönatjme^ 
freie 9iege(fä^e ^w bilben. ©in erfter Stniauf jur SBertoirflid^ung 
foId)er SSorfä^e üegt tebigUd) fragmentarifd^ öor in ben Elementa 
juris Romani, ©öttingen 1757. ?lber fd^on in it)nen jeigt fid) 
mel)r Sinn für bie ft)ftematifd)e ate für bie l^iftorifd^queüenmäfeige 
©eite be§ 5ßrogramm^; öoDenbö fäUt in bie naturred^tlid^e Ueber== 
lieferung jurüdE §aberniRef'g jnjeite unb einjig fertiggefteüte Seiftung, 
bie Institutiones juris Romani, ©öttingen 1764. 

ein folc^er 9tüdfaII ftanb feft, fobalb ber Sßerfaffer fid), rtie bie 
aSorrcbe ganj unbefangen mitt^eilt, befc^ieb, ftatt ber ejaften Duellen:^ 
ftellen, njetc^c er bi!^I)er geforbert l^atte, nur bie jebeömal einfc^lägigen 
Dueüentitet ju jebem 9lbfdE|nitte anjufül^ren. ©eutlid^er fonnte er 
nic^t bartf|un, toie njenig i^m felbft bie innerlidie, l^iftorifd^e S9e» 
beutung feinet ^rogrammig flar geworben tüar; ober tuie menig er fic^ 
bemfetben genjadEjfcn füllte. 3n J^olge beffcn ujirb aurf| feine ©^fte* 
matif, tro^ einjelner ^ortfc^ritte, ftatt einer auö ber inneren fönt* 
toidflung ber ®aä)e ^eröorgel^oUen, n)ie fie ^ütter öorfd^rieb, üielmel^r 
eine äufeerlid^ auferlegte nac^ naturred^tfi^er ©c^abtone, in naivem 

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III. ©rflänäung ju Mütter. 3) ^o^adtt. 359 

9(nfci^tuffe an S)Qrje^. 3)ie 9(uöfül)rung ift bürftig luib iinöolttommcn, 
t)öd)ftenö tüäre jit loben ber gute SBille, fid) überoU auf bie 9Jecf|tö=^ 
läge ju Suftinian'ö Qcii ju befc^ranfen. ®taatö== unb ©trafred^t 
erfcfieinen nod^ afö Z^eiU be^ S^fteme^, lüerben aber mit befonberer 
Ätürje abgefertigt. S)oc^ tuot|I aug ber ©mpfinbung l^erüor, bafe biefe 
Stoffe überl^aupt nid^t bat)in gefiören. i^n einer lebenbigeu ciüi- 
(iftifdien Sluffaffung ift §aberniffet nic^t burcfigebrungen, t)on quellen^ 
mäßiger 8lrbeit, üon Srbgeruc^ unb }^vx)d)c ift bei i^m feine ©pur 
JU treffen. 2luf biefe SBeife fonnte man bie 9iefonnbett)egung bei 
ben ^citflcnoffen nur um aüeö Stnfel^en bringen; ba lieferten benn 
bod^ felbft bie üielgefd^mä^ten ^ragmatiter braudjbarere unb inl^altö- 
reid^re 3Berfe. ^aberniffel aber ift hjiffenfcl)af tlid^ f eitbem üerftummt : 
einer jener Sünglinge, bie o^ne genügeube eigene Ätaft, unter bem 
©nfluffe eine^ bebeutenben Sel^rerig, ben erften Sluff d)tt)ung nur netjmen, 
um atebalb l^erabjufinfen unb bann uoüftänbig ju öerfagen. 

(Sine 5ßerfönlid^feit t)on anbercr ©nttt^idEIungöfäl^igfeit unb ®elb= 
ftänbigfeit Ijaben toir oor unö in Sari Gt)riftop^ ipofadfer; feine 
f^ftematifdEie ©nergie t)erbinbet fic^ mit einer ^iftorifc^en Sluffaffung, 
n?el(^e an ^ütter'ö ©el)anblung ber SReid^ögefc^id^te l^erangebilbet ift. 
S)arum ift i^m t)on öornl^erein bie 2;rennung be^ 9lömifd)en t)om 
S)eutfd^en Siedete ni(^t bloö toünfd^en^ujert^, doctrinae causa, fonbern 
geboten, ju J^^^tge ber mafegebenben (Srfenntnife, „ha^ in ben römifd)en 
®efe|en ein gauj anberer ©eift ber ®efe^gebung, aU in ben teutfd)en 
l^errfd^e unb bafe alf o unmoglirf) beibe jufammen in ein ©^ftcm unter 
einerlei ©efic^t^punfte bereiniget ftjerben fönnen". S)arum auc^ 
rücft i^m afebalb bie ©^ftematif felbft unter l^iftorifd^e ®efid|t^t)unfte, 
fie ift il^m nic^t bloö eine %TaQt beiS beften unb flarften „^äci^c^- 
toerfe^", fonbern eine bem ßl^arafter beö bet)anbelten 9ted^ti^ ab^ 
jugetoinnenbe ©gentl^ümlidifeit be^felben, loie er bic^ I)ert)ort)ebt in 
ber SSorrebe ju feinem erften ipaupttnerfe, ben Institutiones juris 
Romani methodo systematica adornatae, (Söttingen 1773. 

Dag allgemeine ©^ftem, nad^ tnetc^em ^ofadfer biefe^ 58ud^ orbnet, 
entfpridit nod^ jiemlidi genau bemjenigen ^aberniffet'ig. 9lber mit 
njeld^er unbänbigen ©nergie ift biefe Stiftematif in bie (Sinjel^eiten 
burc^gefül)rt, tok ift (Srnft gemaci|t mit bem 5Sorfa^e, an ©teile her 
bi^^er üblid^en ,,9iominatoerbinbung nac^ ber SSertuanbtfd^aft ber 
Stamen" eine ,,SReaIt)erbinbung ber 9D?aterien" ju fe^en; §ofader fd)eut 
ftd| nid|t, JU biefem Se^ufe tneitgefienbe ©prengungen Dorjuneljmen. 

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360 "iWcunteS StapM. 

©0 finbet fic^ bie allgeineiiie öc^re Dom 2;eftamcnt in einem befonberen 
Äapitel bciS 2a(f)curcd)tö; bie Scljren Dom testamentum parentum 
inter liberos, Don ber Snteftat- unb Don ber Siottierbfotge [tel)en im 
55amilienred)t; bie iJet)ren Dom testamentum rusticorum unb militare 
finb in bai^ ©onberreci^t biefer ^erfonen Derwiefen; ebenfo werben bie 
Derfc^iebenen ®ul>ftitutioncn, bie Der]cl)iebenen ^^efulien, bie Der- 
)d)iebcncn ^^öüc ber bonorum possessio an gons Derfc^iebenen 
©teilen betianbcit. 2)er Don Rätter geforberte, bei ^aberniffcl nod) 
fo bnrftifle allgemeine Zi^dl fdjlDillt mächtig an, inbem ^ofaefer auö 
Cbltgationenredjt, ©arfienrecfjt unb ^vo^c^ allgemeine Säfte obftral)irt 
unb bort^in Dermeift. 5^ci jebem SRedjts^inftitute tuirb Ihitfte^ung, 
SBirfung, Untergang beö SKed^ti^ gefdiieben, regelmäßig bai^ Stecht in 
enge i?erbinbnng gefeftt mit hcn au^ iljm fid) ergebenben Älagen 
unb (Sinreben. 3n ben 9toten aber ftoßen tuir fortujä^renb auf 
Ijiftorifc^e ©jfurfe, loelci^e bag im SEejt njiebergegebene Suftinianifc^e 
Stecht auö bem älteren 9ted)te Ijerleiten, tüie benn fcl^on in ber Sßor* 
rebe ber ®ebonte aufbliftt, bie in ii|rer ©onbcrung Don bem 9{ed^tö= 
ft)ftem nuftlofen ^^Intiquitäten in bie S)ar)'tellung einsubegreifen ; ein 
©ebanfe, lueldjer burc^gebad)t ju toaljr^aft innerer SKed^tgigefd^ic^te 
unb ju ber iüerbinbung berfelben mit ben Snftitutioneu geführt l)aben 
tuiirbe. Qwx ©tü^e feiner ©ä^e beruft fid) ^ofader auf beftimmtc 
einselne Cuellenftellen, bie möglii^ft ja^Ireid) tuörtUc^ angefül^rt finb. 
3lufi; ber Citeratur berürffid^tigt er nur bie elegante ©ci^ule aller 
Sänber, ttjö^renb bie beutfc^en ^ragmatifer für iljn nic^t e^;iftiren. 
©0 l^at er ein burdjau^o eigentl)ümlic^e^, überall gleidjmäfeig ge- 
boditej^ unb aufi^gearbeitete^^ (^ebäube oufgefü^rt, 'tvclä)^^ namentlich 
Don aufeerorbentlidier ©toff* mxö Duellenbe]^errfd)ung <3^iifl«i& ablegt. 
SBill man fid) Don ber auf foldie SBeife erreichten Ueberlegent)eit über 
ben cioiliftifd^en 2)urd)fc^nitt ber Q^it 9icd)enfd)aft ablegen, fo lefc 
man bie glänjcnb fiegreid)e SSiberlegung ber tt)m iDiberfal^renen 
Slritifen, tüelc^e §ofader ©öttingen 1773 erfd^einen liefe. 

9Äand)eö, woran er l^ier nocfi fo feurig feft^ielt, rüdte i^m 
inbeffen in etujaö Deränberte Seleucf|tung burcfi bie ©(^ule praftijd^er 
S;t)ätigfeit unb tool)! aud^ burc^ ben 9Bed)fel ber Umgebung, in ujelcfie 
it)n Don 63öttingen n^eg feine Tübinger ^rofeffur (®nbe 1773) Der- 
fe^te. 3m ©inäetnen mag e^ fi(^ babei um 9Serbefferungen unb Sßer= 
Doüftänbigungen tjanbeln, im (Srofeeu unb ©anjen bod^ mel)r um 
ein ©d^rtjinbcn bc^ reformatorifd^en ©iferö, in ben legten Sauren 



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m. (grgäni^ung ^u ^üttcr. 3) ^ofacfcr. 361 

namcntlid^ and) unter bem Sinfluffc bei^ 9?aci^Iaffcnö ber pt)t)j"iic^en 
fträfte. 3n ben neuen 3Sert)ä(tniffen gettjonn ^ofodcr bie lieber- 
jeugung, bafe ba^ Softem Dereinfad^t, ber Segalfotge unb ber roma= 
niftifd^en UeberUeferung nä^er gerücft tt)erbcn muffe, Dor allem in 
ben ©njell^eiten, bamtt nid^t baö roilb auöeinanbergertffen tüerbe, n)a§ 
bocfi auc^ fdion bie römifci^en Suriften sufornmengefügt Ratten. ?ln 
©teile beg ^iftorifrfjen Sntereffeö, unb jujar gerne no(^ unter ber 
Sarüe beSfetben, bräugen ftd^ lieber naturrec^ttidje ©ebitbc: S'iament' 
ü(^ gel(ört bal)in bie Betonung beiS gefc^tcf|tüct|en ©egenfa^e^ ämifd^en 
ciüilem unb praetorifciiem SRed^t, inbem |)ofadEer benfelben umbilbet 
im ©inne eineö ©egenfa^c^ ätt)ifd)en pofitiüem ftrengem 9fJeci|t unb 
naturred^tlidjer Söiüigfeit. 

©tott einer gmeiten 9(uflage ber Institutiones erfc^ien eine Um:= 
orbeitung berfelben naä) folc^en ©efid^töpunf ten , ©öttingen 1784, 
ate Elementa juris civilis Romanorum. Sine noc^ biet ttjeiter- 
gcl)cnbe Slnpaffung ober an ben üblichen ®tt)( ber Se^r:^ unb §anb= 
büd^er seigt ^ofader'jjJ k^ie^ 9Berf, an baö er gegen (Snbc ber 
odEjtjiger Sa^re I)erautrat. 2)iefe Principia juris civilis Romano- 
Germanici tragen nac^ bem ©tjftem ber Elementa bas ganje 
geltenbe römifc6'beutfd)e ^ßriüatrec^t in brei SBönben uor, roma== 
niftifc^e unb germaniftifc^e (Elemente nebeneinanber, unter 2lnfüi|rung 
ber beutjd)en ^ragmatifer neben ben internationalen |)umaniften. 
®etuife bilben auc^ fie eine Ijeröorragenbe Seiftung, afö eineö ber 
tt)iffen)c^aftli(^ften $anbeften=£el)rbüc^er alten @tt)te; tro^bem fommt 
mon über bie uje^müt^igc (Smpfinbung nic^t l^inauö, bafe fie bie 
Kapitulation eineg bi^^er feftgel)altenen ibealen ©tanbpunfteö gegen^ 
über ben praftifd)en Srforberniffen ber ^Routine barftellen. 3e genauer 
quellenntäfeig eben in 9lllegaten, 3lufiJbrud unb 3nl)alt bie Suftinianifc^en 
Seftanbtl^eile gearbeitet finb, befto fc^neibenber tritt bie Unt)erf5t)n= 
lidE)feit mit ben banebenfte^enben germaniftifd^en , fanoniftifd^en unb 
geujo^nl^eitöred^tlic^en ©lementen l)ert)or, alei befto rid)tiger ermcift 
fic^ bejg 3lutor^ eigene frät)ere Sefjre, baß unmöglid) all bie^ in ein 
©t)ftem unter einerlei ©efic^t^punft Dereinigt njerben fönne. Ssi ift 
nic^t met)r bie naiü praftifcfte 93erfd)meljung be^ usus modernus 
unb nod) nid^t bie gef(^ic^tlid)e Spoc^enbilbung ber {)iftori|df)en ©d|ule, 
fonbern ein äufeerlid^ei^ ©nfügen frember Stlbungen in ha^ roma* 
niftifdie ©ijftem, luoburd) jene ju furj fommen, mälirenb biefe^ oer^^ 
jerrt tt)irb. @o bleibt nid^tg übrig, al^ ba^ @df)eitem be^ SSerfud^e^ 

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362 9?eunted Stapiitl 

feftjufteöen, infüfcrn ein großer, äufammen^ängcnbcr, f^ftemattfdier 
fie^rbau bei8 gonjcn geltenbcn ^riüatrec^tö erricf|tet tcerben follte. 
S)iefeö ©diettcrn l^ängt aber nid^t bto^ äufommen mit bem SRüdgleiteit 
in bcn 93ann naturre^ttid^cr öetroditunggtüeife, ouc^ nic^t bloö bamit, 
bafe in bem 9Serfuct|e eine SSerteugnung ber richtigen alteren %n^ 
fd^auung liegt, nac^ tt)el^er ein foldier Se^rbau ton Dorn^erein un= 
mögtic^ ift: ©elbft fottjeit er altenfallö möglich tuar, l^fitte er nur 
gelingen fönnen auf ®runb ganj anberer SBorarbeiten für fämmtlic^e 
©ebiete ber inneren 9fied^tgge)c^id^te, aU fte ^ofadter jur SSerfiigung 
ftonben. 



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^efnUs Kapitel 

Dev Sieg bev 2lufflärung. 



I. ÄQt^oIifc^eS ^rt^enrctftt. 1) fJcbronianiämuS. 2) gofc^^iniSmu». — 

n. ©traftec^t. 1) .^ommcl. 2) (BonucnfelS. 3aupfer. TOd^acIi«. 3) (Jlaprotl^ 

unb Outftor)). 4) 3)ic ^oc^flut^. 5) SWoIblanc unb ©. SS. SSö^mcr. — 

m. @taat8rce]§t. 1) &. (S. D. 9Äofcr. 2) ^äbcrltn wnb ©onftigc. 

Siac^bem bei^ Il^omafiu^ fü^nfteö SSorgel^en feiner 3^^* borauf* 
geeilt tüor; narf|bem ©ä^fifdie ^rajte unb SSSotfif^e ?ß]^iIofopl)ie 
einen Siüdfci^ritt in ber SlufflärungSbetüegunfl burc^gefe^t Ratten, 
toeldiem fid^ nur ^reufeen unter feinem großen ßönige entjog; nodi' 
bem enbtidi baö fatl^otifciie .©übbeutfd^tanb firf) auf biefe ©tufc ber 
@nttt)ide(ung neben baö proteftantifd^e Slorbbeutfd^Ianb hinaufgearbeitet 
liatte: fo tüar nunmel^r bie 3^it gekommen, in toeld^er bie 3tuff(ärung 
über gang S)eutfc^Ianb ^in ben @ieg bat)ontragen foüte, inel^r faft 
nod^ unter bem ®influffe eineö SRonteöquieu, SBeccaria, SSottaire, 
afö unter bemjenigen ber ölteren, 5^^omafifd^en SRid^tung. S)ie auf^^ 
Härerifd^e ®efinnung ift nun nid^l me^r Srrungenf^aft einjelner 
bebeutenber ^ßerföntic^feiten, fonbern fie l^errf^t an §öfen unb ^od^- 
fdfiulen. 3m oUgemeinen ift babei ber @ang ber 3)inge ber, bafe bte 
SBetoegung mit bem Sal^rl^unbert onfd|tt)iIIt, bei ©eginn beö testen 
Sa^rjel^nt^ unter ber erften, begeifternben SBirfung ber franjöfifd^en 
SReüoIution i^ren §ö6epunft erreid^t, um unter ber SRüdEtüirfung ber 
franjöfifc^en ©d^redEen^jeit atebalb, noc^ gegen 6nbe beö Sal^r- 
l^unbertg, \&\) abjubred^en, tüenn nid^t gar in'« ©egentl^eil um= 
juf^Iagen. Dertlid^ äußert fte ftcf| öerf^ieben in ben fat^olif^en 
unb in ben proteftantifd^en Säubern SJeutf^tanbi^, inbem fie l^ier ftdö 



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364 3e^"tf« StapiUl 

met)r auf bem ®ebiete beö Äirc^cnred)t^, bort me^r auf bem ®c6tete 
be^ ©trafred^ts^ abfpiclt. SRatur^ uub ©taat^^reci^t tuerbcn überall 
gteic^ ftarf, ba^ cigeutlirfie ^riüatrerf)! iüirb überall flleid) lucutg bou 
jenen SSorgäuflen ergriffen. 

I. ÜDie aufflärerifc^en ©trebungcn, iüeld)e feit 50?itte beö !3a]^r- 
t)iinbertö in bem tatt)üli)d)en S)eutfd)lanb ©oben gcujinnen, treten 
für unö ^u 3;age auf bem J^-elbe beig fatt)oli|d)en Äird)enrec]^t£^ ; fie 
benjeifen bort il)re n)iffenfd)aftlic^e gruc^tbarfeit burd) icn Umftanb, 
bafe biefer Qwdc^ ber Suri^prubenj einen plö^lidjen, überrafc^enbcn 
?luffd|n)ung nimmt unter ber Pflege einer [tar!en ^ai^l bebeutenber 
SWänner — faft afö l)abe ber lange brad) tiegenbc SBoben biefer 
beutfc^en Sanbc je^t auf einmal 3lllefiJ t)eri)orgebrac^t, \üa^ in i^m 
an tüiffenfd^aftlic^er Äraft aufgefammclt fdjlummcrte. SReben ben alt 
gemeinen SBebingungcn biefer gangen SBetpegung ift bie J^ertuert^ung 
ber protcftantifd) == fanoniftifc^en Cciftungcn, namentlid) ber SSerfe 
3. ^' 5)öl)mer'^,.ein entfc^eibenbe^ äJfoment; ift eö bod) ein njejent^ 
lic^e^ SJierfmal ber 3^*1/ ^^fe i^i^ d)inefifd)e SRauer jufammenbric^t, 
meiere bij^ljer bie Sonfeffionen innerljalb S)eutfd)lanbö toneinanber 
trennte; unb bafe baburd^ eine Strömung ber ©eifter l)in* unb 
herüber möglid) wirb, ja felbft befonnene n)iffenid)aftlid)e 'jßolemif, 
n)ie tüir foldie 5. 95. jtoifdjen ©trübe unb ©ünberma^ler njal^r* 
genommen ^aben. äud) ha^ Ijatten tüir bcreiti^ ju beobad)ten ®elegen= 
^eit, tüie l)ier bie SBolfifc^e ^t)ilofop^ie bie ^Vermittlerrolle fpielt 
unb mie fid) bie^ ausprägt in ber ^^Jerfönlid^feit unb J^ätigleit 
Sdftatt'g, — Snbeffen übenuiegenb finb biefc ^sBegieliungen jum pro- 
teftontifd^en Ä'irdjenrec^t unb jum 9iaturrec^t nur für ben einen 
3iüeig ber reformatorifdjen fattjolifc^en Äanoniftif; für ben anberen 
3u)eig berfelben übenuiegt ber • politi)d)e unb n)iffenfci^aftlid)e S^^' 
famment)ang mit bem ©allifaniömufi; unb mit beffen literarijd)en 
Vertretern, ®erfon, SRic^er, ^4?. be ÜKarca, 58offuet, ?fleurt), Dan 
Sfpen. 3)ie Spaltung be§ ©tammeö ber SRcform in biefe beiben 
3n)eige üolIäiel)t fid| nad) lofalcn Sntereffen. 3n ben rljeinifc^en 
Äurfürftentl^ümern ^anbelt c^ \\6) me^r um 9Baf)rung ber bifd|öf= 
liefen iRed)tc gegen bie päpftlid)c iluric, in SBat)ern unb Defterreidj 
met)r um bie 3Bal)rung ber lanbcö^errlidjen 9Jcd|te gegen bie Jtird)e 
überhaupt. 2)a^er fc^liigt Ijier bie Öetoegung meljr epiöfopaliftife^e, 
bort mel^r territorialiftifd(e SBat)nen ein; t)ier finbet fie i^re Unter- 

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1. ftat§oUf(6c« Äirc^nred^t. 1) Sc6roniant8mu8. 366 

ftü^ung met)r in Ijiftorifc^eu Unterju(^ungen, bort me^r in natur- 
rechtlichen ©etraci^tungen ; tjier Ijält fie fic^ in engeren fird^Uc^en 
©djranfen, tüä^renb [ie bort ju ©nnften be^ ©taateig rüdEfic^t^Iofer 
um fic^ greift. S)ie eine biefer 9{id)tungen, nac^ einer itjrer njid^tigften 
SrudEfdiriften ber ^ebronianiiBmug genannt, errcidjt i^re politifc^e 
©pi^e in ben ^unftotionen be^o Smfer ©ongreffeö, 1786; bie anbere 
in ber fird){icf)en (Scfe^gebung Äaifer Sofept)'^ IL, njegen beren fie 
aU Sofept)ini^muö beäeid)net mirb. 3lnfang§ ftefjen fie in einem 
gett)iffen ©egenfafee ju einanber, bann berül^ren fie fic^ Uielfad^, im 
legten Satjrjel^nt be^ 3a^r^unbert^ gel)en fie ineinanber auf, unter 
ftarfer S^or^errfcijaft be^ Sofep^ini^^muio , ttield^em bie politifd^en 
3Birren unb bie naturrec^tlic^en Strömungen ber Qcit ju @ute 
fommen, mä^renb bem J^ebroniani^mu^ bie ©äfulorifirung ber geift- 
lidjen Staaten feine territoriale ©runblage entjief)t. @o bilben benn 
fc^üe^Iid) poUtifd)e 5Berf)anbtungen jtoifctien Staat unb Äurie über 
ben Jlbfd^Iufe t)on ftonforbaten unb bie juriftifcfien Betrachtungen 
über fofd)e Äonforbate ben ^luegang ber 83ett)egung, meld^er an 
fpäterer ©teile su befprei^en fein n^irb. ^iir ben Sieg, toetdjen bei 
biefem ?lu^gange Ultramontani^mu^ unb Äuriatiiomuj^ baüontrugen, 
ift bejeic^nenb bie 3Bieberaufrid^tung be^ 3efuitenorbeng, 1814, ebenfo 
Ujie bie 9(uf^ebung biefeö Drbenö, 1773, für bie seitn^eitige ©tärfe 
ber aufflärerifd^en Strömung. 

1) S)afe eine neue 3cit t)eraufjiel)t, ift felbft fc^on toa^rjune^men 
in ben 3Serfen beö Sefuiten ^ranj Xaüer Qed), fotpo^l im all- 
gemeinen an if)rer ®ebiegent)eit, xok befonber^ ati ber öerücffid^tigung 
ein^eimifc^er beutfc^er SReci^ttgoer^ättniffe. Sn ^^olge beffen ergeben 
fid) für elnjelne 5ßunfte, namentlid) gegenüber bem fanoniftifdjen 
3Bucf|ert)erbote, nic^t gering ^u fc^ä^enbe, mennfd^on nur eben mü^fam 
abgenöt^igte (Sinröumungen. 

Slnberö ber ^oüinger Sf)ort|err ßufebiu^ 91 m ort in feinen 
Elementa juris canonici veteris et moderni, 3 S3änbe, Ulm 1757. 
— S)aö SEBerf jerfäUt in brei üerfd^iebene ©tüde. Sm erften 3ianbe 
gibt eö alte ßoncitien, ^apftbriefe unb bergleidjen mit fnappen 
S'ioten unb ©ummarien. S)er jttjeite 95anb ftellt ba^ Stecht beiS 
Corpus juris canonici clausuni in furjen ^Paragraphen bar, gemöJB 
ber iJegalfoIge ber S)e!reta(en. S)er britte 93anb nennt fic^: Vindi- 
ciae jurisdictionis eclesiasticae intra moderata limina, ba^ fjeif^t, 
er.öerfid^t baö SRe^t ber ürcfjlic^en ^ierardjie, mit boppelter gront, 

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366 Be^nte« fta^ttel. 

einmal gegen bie proteftantifd^e fieugnung einer jeben fotc^en firc^* 
lid^en ®Iieberung, ba^ anbere 9KqI gegen bie ©taatömönner, njeld^e 
bie alten SSorrecf|te unb Smmunitäten ber geifttid^en ^ßerfonen unb 
®üter ju ®unften ber ©taat^gen^alt bebro^en, tüie fol^e SSorläufer 
bei^ 3ofe))t)iniömuö in bent Sägern Streittma^r'ö fd^on fc^orf genug 
I|ert)ortreten. S)en SWac^tuei^ bagegen füt)rt Slmort ni^t nur firdEieu:^ 
rec^tüd^, fonbern ouc^ auö älteren njeltlid^en ®efe^en, namentlich 
ber Äaifer tjon Konftantin big auf Jtarl ben ©rofeen; ferner üom 
naturred^tlic^en ©tanbpunfte au^ ; unb fdEjIiefelic^ burc§ . ^Berufung 
auf fefte ?lbmac^ungen jn^ifd^en Staat unb Äir^e, mögen biefe burc^ 
Sonforbate ju ftanbe gefommen fein ober auc^ bur^ ©oncilienfc^lüffe, 
loelc^en bie §errfcf|er, burd) ©taatögrunbgefe^e, toeld^en bie ®eiftUc^en 
jugeftimmt l^aben. 

SBa^ biefe auf ben erften ölidf fo Derfd^iebeuarttgen Sänbe 
äufammenfjält, baö ift bie gemeinfame äÄetl^obe. SDttt SBenjufetfein 
üoHjie^t biefelbe ben SBrud^ mit ber big bal^in l^ier no^ ^errfc^enben 
©c^olaftif. 2ln ©teile biefer le^teren tritt, fottjeit eg fic^ um $^iIo* 
fop^if^eö l^anbett, ba^ formale SRüftjeug ber SBolf fc^en Sogif, mit 
3lntel|en au^ 3Bolf'«J SRaturrec^t, fo fel^r fonft and) 3BoIf angegriffen 
tüirb, n^eil er meine, ©taat unb SRec^t o^nc 9lüdEftd)t auf (Sott unb 
SReligion aufbauen ju fönnen. 3Beit me^r aber noc^, afe burc^ biefen 
SBec^fel in ber p^ilofopl^ifd^en ®runb(age, fennseid^net fid^ Slmort*^ 
SWet^obe alö eine t)iftorifd^e unb queüenlritifd^e. ®r prüft bie ^ed)i^ 
traft beö ^ergebrad^ten DueHenfreife^ peinlic^ft, w'xü ton bem 
@ratianifd)en 2)elret toenig ujiffen, legt ben S)efretalen mangele» 
genügenber ^ublifation nur genjo^n^eitöred^tlic^e ®eltung bei unb 
ift felbft baju gelangt, n^enigfteng in einigen ungebrudEten fpäteren 
©riefen, an ber Defumenicität ber ftebjel^n erften ©i^ungen be« 
S^ribentiner (äionjifö ju sttjeifeln. S)en fo geftd^teten Duellenfreig 
aber legt er fidE| gef^id^tlic^ juredjt, inbem er für bie ^ierard^ifd)en 
SSer^ältniffe, fogar für biejenigen, njeld^c juris divini ftnb, eine 
©üolution unb einen periobifc^en ®ang ber ©nttoidEelung annimmt. 
Snbem er freiließ toieber biefen ®ang ate einen gottgeujollten betrad^tet, 
feiert er für bag geltenbe SRec^t jurüd ju ben furialiftifdien ^rincipien, 
in beren Sbeenfrei^ unb 2lnfc^auungen er nod| burc^auö befangen 
ift. SWanc^erlei §alb^eiten unb SBiberfprüd^e, ju ttjelc^en bieg führen 
mufete, fanben offenbar für 3lmort il^re fubjeftite SSerfötjuung in 
feinem gläubigen Oemüt^e. ©eine 5;enbenj ift no^ nidjt gebronianifc^, 



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1 Äat^oIiWed Äirc^cnrcd^t. 1) Öretroniani^mud. 367 

fonbern ge^t t)telme[)r umgefel^rt ba^in, bon bem alten @t)ftem mögtidift 
t)ic( aufred)t ju ert)atten, baöfelbe nur bcn neuen ©trömungcn gegen^^ 
über burc^ ^retögebung beig Unljaltbarcn unb burcfi beffere ©egrünbung 
bed Uebrtgbletbenbcn ju fonfoübiren. S)aruin l)at man and) njol^I 
in 5Rom fein SBerf, fo njenig man e§ öoU billigte, boc^ minbeften^ 
ungerügt gelaffen ; unb barum f)at ?lmort felbft, aug eigenem ©ränge, 
|)olemifrf| auftreten fönnen, nic^t nur gegen SBeremunb t)on Soc^ftein, 
ben fü^nften ba^rifd^en SSertreter beö 3ofep^ini§mu^, fonbern fogar 
gegen gebroniusJ. greitic^ aber fonnte ntcf|t^beftott)entger lüieber 
feinerfeit^ gebroniuö mit atec^t fic^ auf ?lmort berufen: benn ber 
^ßotenj nac^ liegt allerbingg ber gebroniani^mu^ in Slmort'^ fritif(fy 
gefdiic^tlid^er 9D?etl^obe. 

Sle^nlid^ fielet eö um ben ©atjburger ^ßrofeffor Tregor 3^^^- 
tt)ein, einen SBenebiftiner. Stucf) auf it)n fonnte gebroniuö fpäter ft^ 
berufen, aber mit bem S^f^fe^- »»cujus religio et erga sanctam 
sedem reverentia nemini suspecta esse potest." @r ift e^er nod^ 
toorfiditiger in feinen Sleußerungen, fommt aber bod) ju bem ©rgebniffe, 
bie Äircfienüerfaffung fei feine abfotute, fonbern eine burci^ ariftofratifd^e 
Snftitutionen gemilberte 9D?onard)ie, gemöfe ber Se^re ber ©aüifaner. 
Sn ben bogmatifc^en ?lu^füf)rungen ift er weniger tief unb flar afe 
Slmort, inbem er j. ö. bie fird^enregimentlic^e SSerfaffung mit 
©cfjtagiüörtern fennjei^net, toetc^e ben ©taat^üerfaffungen ent(et)nt 
finb, tüai)xenb 9lmort jebe berartige §lnaIogie auigbrücflic^ öermirft. 
2)agegen f)at Qaüxo^in bie neuen metI)obifcf|en 3been fcf)ärfer ate 
Slmort ausgeprägt. @r fafet fie ba^in jufammen, bafe eö unbegreif* 
Iid| fei, tt)ie man bisher an ©teile beö Äirdjenrec^tg bloS päpftlirfieö 
SReci^t getrieben, an ©teüe ber urfprünglic^en Duellen bloS bie p&p\U 
liefen ©efretalen ftubirt, bie Äirc^engefc^ic^te unbenu^t getaffen unb 
baö befonbere beutfc^e Äirdienredit ooUftänbig üernad^läffigt l^abe. 
5)em gegenüber fei ein fritifcfi^l^iftorifc^e^ SSerfal^ren einjufc^Iagen, 
ben SRed^ten unb ffionforbaten ber beutfc^en Siirdjen einge^enbe ^uf:^ 
merffamfeit f^n ujibmen, oon ben grunblegenben SReid^Sgefe^en unb 
griebenSfc^Iüffen auSjugefien, furj ein praftifd^eS, auf bie tl^atffi^Iicfi 
gegebenen beutfc^en ^erf)Sttniffe antoenbbareS Äird^enred^t ju tel^ren, 
ba^ man beffer f^ftematifc^ orbne, ftatt fid^ ber ßegalfolge anjufc^Iiefeen. 

S)iefe 5D?et^obe anjunjenben bemül^t fid^ 3^0^^*^ in feinen 
Principia juris eclesiastici universalis et particularis Gerinaniae, 
4 SBönbe, 1763. @S ^anbelt ficff btoö um bie Prolegomena ju 

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368 3c^ntc« üapiitl 

einem ©^[terne beö Äirc^enrec^tö, nämlicfi um aHcjemeine ©nleitung, 
©efci^ic^te ber Duellen iinb ©efci^id^te beö beut)d)en Äirc^enred^tö. 
Offenbar fal) 3^"iltoein biefe SWaterien aU ber ^Bearbeitung befonberi^ 
bebürftig an; feine Seiftungen barüber jeugen Don grünblid^en t)iftorif(^en 
©tubien unb üon ec^t fritifd)em ©inn. ®et)t bod) ber fonft fo ängftlidöe 
9lutor fo tpeit, bie 58erorbnung ®regor'i§ XIII., meiere bie frttifd}e 
SBerbefferung beö ©ratianifc^en 3)efrete§ bei ©träfe besi Joanne^ Der^ 
bietet, aU unüerbinblic^ unb finnlo^ (brutum fulcrum) ju begeidjuen ; 
bie Äonforbate aber beljanbelt er ftet^ aU für Staat unb ft'irc^e 
glcid) Derbinblici^. ®ie proteftantifc^e Siteratur nidjt nur, fonbern 
aud) ber proteftantifdie ©tanb|)unft loerben überall in objectiDer 
ÄÜTje beigegeben, bamit ber Sefer bie praftijd) not^ttjenbige Äenntnife 
boDon erl^alte; felbft auf 35erfaffung unb Se^re ber üerfc^iebenen 
proteftantif(^en ©eften in 2)eutfc^Ianb unb 6nglanb läfst ^^H^^i" 
fic^ ein, unter rul)iger 3Biirbigung. — Sn aQebem ift gemife ber 
gortfc^ritt gegen ben unmittelbaren i^orgänger 3öDiw^in'ö in feinem 
©aljburger üetjramt, ben unbebingten Äuriatiften ^lacibuö Söcfljn, 
unDertennbar ; nic^t weniger aber eine jag^afte .t)a(b^eit, in ^olge 
beren 3«U^^in ebenfo n?ie §(mort fid| ungeeignet ertoieg, an bie ©pi^e 
ber SReformbemegung ju treten. 

%i^ ©c^ult)aupt biefer Setoegung gilt l)ielmet)r mit JRedjt ber 
3Bürjburger ^^rofeffor Sot). Safpar öartl^el, ^auptfäd^Iid) ttjegen 
ber äRetI)obe hc^ Unterrichte, ipeld^en er 43 3a^re f)inburc^ ertt)eilte, 
tüäfjrenb ber ©lüt^ejeit feiner »t^oc^fdjute unb J^afultät, neben einem 
Scfftatt, ©ünbermal)Ier unb Söanniäa tptig. Sene 9JJetl)obe t)at er 
felbft, itjegen firc^enfeinbüc^er ©eftnnung benuujirt, t)ertl)eibigunge== 
n^eife au^einanbergefejjt in einem ^romemoria, tt)eld|eö er 1751 an 
feinen früt)ercn ße^rer, ben berül^mten Äanoniften ^apft ©enebict XIV., . 
richtete, ©ie beftet)t barin, basi Untüefentlid)e öon bem SSefenttic^en 
JU f^eiben; ben gangen Umfreiö ber Duellen, and) folc^er aufier- 
^alb beö Corpus jur. can., ju Dernjerttjen ; ebenfo entfdjieben an ber 
@inl)eit unb an ber abfoluten SJor^errfc^aft be^ ^apfteö in ©ac^en 
beö ©laubene feftju^atten, wie in ©ac^en ber tirc^lic^en Drganifation 
unb ©i^äiplin an nationalen 5Berfd)iebenl)eiten , gefc^ic^tlic^er CSnt- 
Ujidlung unb bif(^öftid)er ©elbftänbigfeit ; bemgemäf^ turialiftifc^en 
Uebertreibungen entgegenzutreten, bai^ eigentliche ÄHrc^enredjt aU eine 
^iftorifc^'pragmatifdje 3Biffenfd)aft ju erfaffen, für 3)eutfd)lanb aber 
fein befonbereö Äircf)enre